Rudolf Kraus

38 sprachminiaturen

desaster

drastik
des sarkasmus
ergo blank
als ihm zugedichtete eigenschaft
niemals deftig benannt
vonwegen
listig gescheit
zynisch oder zerrissen
klingelingeling
wie wird mir
bei all dieser ruhe


eingebläut

schlafe oder sei betrunken
schlürfe aus dem becher
der leidenschaft
oder schlucke die bittere gram
sei überall
oder bleibe niemand
dreh den schilling zweimal um


eingedeutscht

wenn dem rütmus
beziehungsweise
rytmus
die rhythmen orthographisch
abhanden kommen
wird nämliche fantasie
in dieser majonäse
ersaufen


ein morgenbild

vier uhr früh
am morgen
und nicht nachts
der stier brüllt
seinen unmut dumpf heraus
er haßt das licht
wenn’s draußen finster ist
doch ohne ihn gäb’s
das kälbchen nicht
das grund ist für das licht
das erste übrigens
in seinem leben


es wächst

der leidensdruck
mit jeder zeile
es brüllt
die lunge
kein pardon
ein silberfischchen
zwischen den rippen
der poesie


fassungslos

ich kann mich riechen
heute
schmecke wie siebzehn
kein wenig bitter
blutjunger speichel
auf trockener zunge
gar nicht brachgelegt


fleck

ein fleck
in meinem buch
den garaus werd‘
ich ihm machen
schwupp
weg ist die idee


fossil

zu stein gewordener schrei
im brustkorb meiner seele
immer wenn mein atem stockt
und der schweiß
wie wildgeworden
aus den poren schießt
hör ich ihn
im dunkeln weinen


fragezeichen

keine zeit für gesinnung
die zwänge der qual
darben dahin
der zeit nachsehen
was gestern war
einer kennt immer die antwort


gesellschaft

ich stand immer in der mitte
links die gammler
rechts die rabauken
in der mitte ist es warm
behaglich gemütlich freundlich
die am rand waren nie meine freunde
im krieg der ränder fiel ich um


gute nacht

kannst es nicht
aussprechen
gute nacht
verhaltener klang
gute nacht
sag
gute nacht
zu mir


halbe wahrheit nr. (II)

wenn es archaisch wird
in mir
und körper unüberhörbares
von sich gibt
dann nützt der ganze mythos nichts
rülpser ist rülpser
und
religion ist religion


halbe wahrheit nr. (IV)

wenn es düster wird
im herzstück meines sonnengeflechts
wenn dicke gedankenwolken
die klarheit vernebeln
dann sei der tag verdammt
der mir das atmen pries


hölle

den durst des molochs
löschten sie
mit menschenblut
das war im süden
der derart geweihte platz
verkam zu einer müllhalde
wen wundert es
dass sie ob des höllischen gestanks
nämlichen eingang vermuteten


instinkt

schwarz in mir
wär‘ gern bei dir
will raus aus mir
gedanken machen krank
schlafen tötet sanft
ich bin mein treuer killer


karriere

blues in den augen
was mich kaputt macht
kaputt mich macht
fliehen versuchen fliehen versuchen
jede minute eine neue ära
nur der moment zählt
ich bin meine gefährlichste falle
mich mich mich liebe ich
fange was du siehst


kleiner diskurs

am datenhighway
der spielwiese
des einundzwanzigsten
noch nicht einmal begonnenen
verebbte mein login
war dem spinnennetz
kapazitiv
nicht gewachsen
was soll’s
eingehauchte seelen
wandern selbstbestimmt


L. A.

die kakerlaken
diese wahren amerikaner
wunderschön gewachsen
zittern nie vor spekulanten
die stadt der engel
hat immer ein zimmer frei
braun wimmelt es am laken
sirenengeheul am linken ohr
ufer der längst ertrunkenen
leichten fußes hinein in das knistern


leichenschmaus

breitbeinig
auf den gleisen
von der geschichte
überfahren werden
bei dieser affenhitze
wird’s ein fliegenfest


makes me feel

verbrenne
mein geschlecht
brenne violett
leuchte gewaltig
niemand küsst mein gehirn
breche tiefer
sei mein


meister

meister
dumpfe ab dein yeah
einton du sprichst
halte die bilder
ratte
es ist dein
breche gehen entzwei
dich
will ich
yeah


milena

eine miniatur für mimi
sei ein starker papa
mach nicht die alten fehler
wieviel gibt die geduld noch her
wußte nichts ob versteckter reserven
doch du bist mehr als alles wert


müde

ich bin müde
ich will schlafen
bis die unendlichkeit stirbt
nach tausend jahren falschen glaubens
tritt die gewissheit empor
es gibt gab nichts zu versäumen
der moment hat immer recht


never

lachen können
und eins zwei drei
zentnerschwere tränensäcke
grabesfeuchte lust
dissonanzen schlagen krach
schon klart der nebel auf
an diesem morgen
zitterten die hände


nur die welt

ich bin die welt
ich ging zur schule
und sonst wohin
immer laute gitarren im kopf
überall machte ich die selbe erfahrung
fremd bin ich ihr du und die anderen
laute gitarren im kopf
und nichts
absolut nichts


person (dritte)

es keimt in einer mikrowelt
ein stückchen dreck
aber was
kein mensch kann es spüren


person (zweite)

kritzlerin überschreibst meine worte
meine taten übergehst
(meine daten sowieso)
suchst immerzu die entscheidung
kannst haben


person (erste)

die frage nach dem bin
sei leicht erklärt
bin der der sein möchte


rache (metaphysisch)

dein quartzenes herz
feuerteufel
das dich am leben hält
kann niemals brennen
was dein atem
entfacht
muß sein
was sein muß


rush hour

ich husche durch die zeit
bis die sentimentalität
mich einholt
fliehe aus dem mich
bis dein dumpfer bass
stählern auf mich einschlägt


scheisskerl

unverhohlen
immerzu um anerkennung
buhlend
autoritätsunfähig
ergo hörig (generell)
könig der versager
süchtig in allen windungen
ein zombie des feingefühls


secret

september
freund spätsommer
entleert sein fruchtfrivoles füllhorn
zeit des inneren aufbruchs
lass die katze im sack
die überlegenheit dieses schnurrens
sprengt mir das trommelfell


sexy

mein text ist sexy
nicht geil
keine speichelleckende metapher
text nicht bild
nur ein kleiner feuchter kniestrumpf


sie gingen

sie gingen
nachts
sie gingen
tags zuvor
zur selben zeit
gingen kamen gingen
nie blieb auch nur ein stück zurück


sososo

jeder sieht es
jede hat es bemerkt
schau nicht zurück
hör nicht auf deine ohren
schaudere nicht vor deiner furcht
zorn macht durstig
zisch
ich bin ein afrit ein weißer


statist

im dickicht der penetranz
wenn sich rauchschwaden lichten
tauche ich ein
ins gewühl der namenlosen


stop

hör zu atmen auf
hör zu atmen auf
hör zu atmen auf
für mich
jetzt


teufel

den kampf
um die blutigsten hände
hat er längst verloren
wohl weil er die feinere klinge führt
seelchen für seelchen sammelt er
eins wirft er in den styx
das andere ins feuer
des meisters geister kommen wie gerufen


Rudolf Kraus, geboren 1961 in Wiener Neustadt/NÖ, aufgewachsen in Bad Fischau-Brunn/NÖ, seit 1981 in Wien. Ausbildung zum Bibliothekar. Seit 1991 bei den Büchereien Wien tätig. Arbeitsschwerpunkte: Erzählende und nicht erzählende Prosa, Essays, lyrische Kurzformen (’sprachminiaturen‘), Reportagen und Fachliteratur. Mitarbeit bei verschiedenen Zeitschriften und Zeitungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Zahlreiche Veröffentlichungen in Anthologien und Zeitschriften. Einzeltitel: wort-bild. sprachminiaturen, 1983. Der Lykanthrop der Erinnerung. Prosaminiaturen, Essays und Kurzgeschichten. Aachen, 1995. Fachliteratur: Bestandscontrolling für öffentliche Büchereien. Wien, 1997. Kontakt: A 1061 Wien, Postfach 96.

Margret Kreidl

Zucker, Licht.

Sie hält Tasse und Untertasse in den Händen.
Sie trinkt nicht.
Sie schreit.
Schokolade Schokolade.
Die Tasse ich spreche von der Tasse die Tasse mit dem Rosenmuster die Tasse mit den Rosen die Rosentasse.
Vorsicht sage ich größte Vorsicht.
Sie flüstert. Sie hat ein Stück Zucker in der Hand. Sie steckt das Stück Zucker in den Mund.
Sie hat flache Dinge gern. Sie hat ihre kleinen Eigenheiten.
Sie beißt sich in den Finger. Sie taucht den Finger ins Wasser. Manchmal trägt sie einen Mantel. Einen königsblauen kurzen Mantel einen weißen Minifaltenrock königsblaue Strümpfe.
Sie nimmt das Besteck. Sie ißt. Sie wischt sich die Lippen ab. Sie bestellt zwei Kaffee. Sie kann nicht länger warten. Sie ruft mich an. Sie wird mich wieder anrufen. Ich bringe Blumen mit. Ich küße sie auf die Wangen. Sie ist leicht geschminkt. Sie trägt einen Pullover. Das Telefon läutet. Sie nimmt beim zweiten Läuten ab. Sie hat auf diesen Anruf gewartet. Sie trägt ein Hemd und einen Pullover mit V-Ausschnitt. Sie hat sich die Lippen rot gemacht. Sie raucht viel. Ich ziehe ihr den Pullover über den Kopf und knöpfe das Hemd auf. Sie macht ein Geräusch mit dem Mund.
Sie steht auf. Sie geht hinaus. Sie ist eine Schönheit. Sie geht sehr langsam.
Sie trägt ein kariertes Wollkostüm und blaue Seidenstrümpfe. Sie ist stark geschminkt.
Sie ist vom Bahnhof zurückgekommen. Sie kommt. Sie wird bleiben. Da ist sie. Ich bin glücklich. Sie öffnet die Handtasche. Sie seufzt. Sie hat nicht die Zeit gehabt sich fertig zu schminken. Ich bin gerührt. Sie zittert. Sie läßt mich die Bluse angreifen. Ich bin sehr bewegt. Sie seufzt.
Es hat ja noch Zeit. Es ist ja noch nicht Abend. Es ist ja noch lange nicht Abend. Nein es ist noch lange nicht Abend. Wenn sie kommt ist es Abend. Sie kommt noch nicht. Wenn sie kommt ist es Abend. Ja.
Sie hat sich schön gemacht. Wir haben getanzt. Sie ist aufmerksam. Sie hört zu. Sie ist da. Sie ist gut. Sie schaut mich an. Sie lächelt. Sie ist bewegt. Sie sagt nichts. Sie ist sehr bewegt.
Sie hört zu essen auf. Sie sagt nichts. Sie steht auf. Sie ergreift das Wort. Sie macht eine Pause. Sie setzt sich. Sie macht eine Handbewegung. Eine große Handbewegung.
Sie zieht sich aus. Sie ist glücklich.
Sie öffnet mir. Sie hat eine neue Frisur. Sie hat Falten um die Lippen. Sie spreizt die Hände. Sie zieht das Kleid hoch. Sie hat dicke Beine. Sie leckt sich die Lippen.
Sie will meinen Arm sehen. Sie nimmt meine Hand sie will meinen Arm sehen. Sie schiebt die Ärmel hoch. Sie sieht auf der weißen Haut schwarze Haare. Sie zupft die schwarzen Haare aus. Sie hält meine Hand fest.
Sie hat die Hände hinter dem Rücken. Sie hebt die Schultern und schnalzt mit der Zunge. Sie setzt sich auf das Sofa. Es ist schon spät. Sie sitzt auf dem Sofa. Sie hat den Mund leicht offen.
Sie steht auf. Sie fällt hin.
Sie steht hinter dem Tisch. Sie stützt sich mit den Fingern auf die Tischplatte. Sie hält den Kopf gesenkt.
Sie schreit.
Zucker.
Licht.

Sugar, Light.

She holds a cup and saucer in her hands.
She doesn’t drink.
She cries out.
Chocolate chocolate.
The cup I’m speaking of the cup the cup with the rose pattern the cup with the roses the rose-cup.
Caution I say the greatest caution.
She whispers. She has a piece of sugar in her hand. She sticks the piece of sugar in her mouth.
She ist fond of flat things. She has her little peculiarities. She bites her finger. She dips her finger in the water.
Sometimes she wears a coat. A short royal blue coat a white pleated miniskirt royal blue tights.
She takes the knife and fork. She eats. She wipes her lips. She can’t wait any longer. She calls me. She’s going to call me again. I bring flowers with me. I kiss her on the cheeks. She is lightly made up. She is wearing a pullover. The telephone rings. She picks it up on the second ring. She has waited for this call. She is wearing a shirt and a V-neck pullover. She has made her lips red. She smokes a lot. I pull the pullover over her head and unbutton her shirt. She makes a noise with her mouth.
She stands up. She goes out. She is a beauty. She goes very slowly.
She is wearing a checked woollen suit and blue stockings. She is heavily made up.
She has come back from the station. She is coming. She is going to stay. There she is. I’m happy. She oppens her handbag. She sighs. She hasn’t had time to do her make-up. I am touched. She shivers. She lets me tackle her blouse. I am very moved. She sighs.
There is still time after all. It isn’t yet evening after all. It won’t be evening for a long time after all. No it won’t be evening for a long time. If she comes it’s evening. She isn’t coming yet. If she comes it’s evening. Yes.
She has made herself beautiful. We have danced. She is observant. She listens. She is there. She is good. She looks at me. She smiles. She is moved. She says nothing. She is very moved.
She finishes eating. She says nothing. She stands up. She begins to speak. She pauses. She sits down. She makes a hand movement. A large hand movement.
She undresses. She is happy.
She opens the door to me. She has a new hairstyle. She has wrinkles around her lips. She spreads her hands. She lifts her dress high. She has fat legs. She licks her lips.
She wants to see my arm. She takes my hand she wants to see my arm. She pushes up my sleeves. She sees black hairs on the white skin. She pulls out the black hairs. She holds my hand tightly.
She has her hands behind her back. She raises her shoulders and clicks her tongue. She places herself on the sofa. It’s already late. She is sitting on the sofa. She has her mouth slightly open.
She stands up. She falls down.
She stands behind the table. She supports herself with her fingers on the tabletop. Her head is bowed.
She cries out.
Sugar.
Light.

Working translation by RICHARD BARRETT

Margret Kreidl, born 1964 in Salzburg, is living as a free-lance writer in Vienna. 1991 grant of the Berlin Colliquium; 1993/94 grant of the acdemy Schloß Solitude, Stuttgart; 1994 Reinhard-Priessnitz-Prize, Vienna.
Veröffentlichungen / Publications
„Meine Stimme“ (My Voice), edition gegensätze, Graz 1995;
„Schnelle Schüsse“ (Quick Shots), das fröhliche wohnzimmer, Wien 1996;
„Domino“, Bibliotheka Austriaca, Pik Verlag, Veliko Târnovo 1996;
„Ich bin eine Königin. Auftritte“ (I am a Queen. Appearances), Wieser Verlag, Klagenfurt 1996;
„In allen Einzelheiten. Katalog“, Ritter Verlag, Klagenfurt 1998.
Aufführungen / Performances
1990 „Asilomar. Revue“, fabrik, Graz;
1992 „Auf die Plätze. Sportlerdrama“, (Get to your Marks. A Sportmen’s Play) municipal theatre Koblenz;
1993 „Halbe Halbe. Ein Stück“, (Fifty Fifty. A Piece of Theatre) forum stadtpark theater, Graz; Radioplay ORF 1993;
1994 „Unter Wasser. 5 Akte“, (Under Water. 5 Acts) Volkstheater Vienna; German première Schloß Solitude, Stuttgart;
1996 „Reiten. Ein Hörspiel“, (Horse-Riding. Radioplay) ORF; Right of performance: Rowohlt Theater-Verlag, Reinbek bei Hamburg.
1997 „Dankbare Frauen. Komödie“, Postfuhramt Berlin-Mitte.

Irene Kabanyi

All of me

Nimm das Haus, hatten Max und Sabine gesagt, wir sind doch ohnehin fuer drei Monate in Amerika, was soll es leerstehen. Einem Haus tut es nicht gut, leer zu stehen, es fuehlt sich vernachlaessigt, und das laesst es dich spueren. Ein Haus braucht Menschen, so wie ein Mensch ein Haus braucht.

Alice hatte ja gesagt. Hatte die Argumentation ruehrend gefunden. Sie war Max und Sabine dankbar, dass sie ihre Sorge um sie so ausgedrueckt hatten und nicht unangenehm persoenlich wurden. Alice mochte es nicht, wenn Menschen, die ihr nahestanden, die Sorgen, die sie sich um sie machten, als willkommenen Vorwand benutzten, um jetzt alles aus ihr rausholen zu duerfen, was sie partout drinnen behalten wollte. Was ging es die anderen schliesslich an, dass sie zusammengebrochen war? Eine reine Stresssituation, nichts Persoenliches. Das hatte ja auch der Arzt gesagt.

Da war sie nun also.

In dieser maerchenhaften Landschaft: blaue Berge, blaue Seen, blauer Himmel.
Ein Sommer, der flirrte und flimmerte und praechtige Pfauenraeder schlug, um Alice zu beeindrucken, wenn sie ueber die Wiesen ging und vor Vergnuegen seufzte. Riesige Wiesenblumenstraeusse pflueckte sie. Wie Pretiosen suchte sie Blumen, Halme und Unkraut aus und fuegte sie geschickt ineinander.
Im Haus hatte sie alle Fenster und Tueren geoeffnet und fuehlte sich schweben in all dem Licht und in der leichten Brise. Ungeheuer und luxurioes kam es ihr vor, alles so offen lassen zu koennen, und nicht gleich die Tueren hinter sich versperren zu muessen, wie sie es von der Stadt gewohnt war. Fenster offen stehen lassen zu koennen, ohne dass der Verkehrslaerm sie halb taub machte.
Hier hoerte sie nur die Voegel und den Wind, der manchmal das Plaetschern der Wellen mitbrachte. Abends trug sie ihr Essen auf einem Tablett hinaus auf den Bootssteg und machte ein Picknick. Auch die Lebensmittel waren am Land anders, als in der Stadt, fand Alice. Sie war verliebt in das wuerzige Brot und in den frischen Kaese, den sie vom Bauern kriegte. Und wenn Obst direkt vom Baum pfluecken, nicht das Paradies war, wusste sie auch nicht, was es sonst haette sein sollen; so sehr war sie daran gewoehnt, dass es in Supermarktregalen waechst. Wenn sie da so sass, auf den unbehandelten Holzplanken, die Beine im Tuerkensitz oder gar ins Wasser haengend, mit einem schoenen Glas leichten Weisswein in der Hand, und ueber den See schaute, wie er den riesigen, orangeroten Sonnenball in sich aufnahm, war das Leben perfekt. Da hob sie ihr Glas und prostete der Gegend zu.

Herr, der Sommer ist sehr gross!, war ihr andaechtiger Lieblingstrinkspruch geworden.

Seit drei Wochen war Alice nun da und konnte sich kaum mehr vorstellen, dass es in nur wenig mehr als zwei Stunden Entfernung diese Stadt gab, die so laut und unbarmherzig war.
Wo Menschen einander betruegen, bestehlen, ueberfallen und ermorden. Wo sie sich alles nur Denkbare, aber auch Undenkbare antun, um schliesslich selber gejagt und gefangen zu werden und vor Alices Richtertisch landen. Alices taegliches Brot ist es dann, die Geschichte dieser Furchtbarkeiten zu hoeren und zu erfassen, ueber Schuld und Unschuld zu befinden, zu urteilen und Recht zu sprechen. In Fleisch und Blut ist ihr das uebergegangen, selten, dass sie noch wirklich erschrickt. Je mehr die Jahre vergehen, umso selbstverstaendlicher kommt es ihr vor, dass die Menschen all das tun und sind.
Je mehr die Jahre vergehen, umso mehr verliert Alice ihren Glauben an die Sinnhaftigkeit ihres Tuns. So fern die Zeit, als sie Salomon nacheifern wollte, ohne sich laecherlich vorzukommen mit diesem Anspruch. Als sie noch daran glaubte, mit ihren Worten die Herzen der Menschen erreichen und sie zur Umkehr bewegen zu koennen. Als sie noch an Gerechtigkeit glaubte.
Jetzt schluepft sie in die Robe und nimmt ihre Rolle im ewigen Kreislauf ein.

Alice schuettelt den Kopf. Daran will sie jetzt nicht denken. Sie ist doch da, um Abstand zu gewinnen, sich zu erholen, auszuspannen, und alles, was der Arzt sonst noch zu dem zweimonatigen Landaufenthalt verordnet hat.

Es ist schoen hier, das ist alles, was zaehlt, zaehlen soll.

Die Tage werden immer heisser, erreichen Rekordtemperaturen. Wenn Alice ihr Fruehstueck holt, in dem kleinen Laden, der alles in einem ist: Lebensmittelhaendler, Fleischer, Baecker, Trafik, wirft sie manchmal einen schraegen Blick auf die Schlagzeilen der Zeitungen. Es ist in ihnen nur mehr von der ueberraschenden Hitze die Rede. Die Hitze hat es geschafft, die Kriege und Katastrophen zu verdraengen. Seit die Wetterwerte aufgezeichnet werden, haette es nicht so eine lange Serie von Hitzetagen gegeben, wird heute gemeldet. Alice ueberlegt, ob sie das Blatt kaufen soll, das interessiert sie. Dann legt sie es aber doch aus der Hand. Es tut ihr nicht gut, Zeitung zu lesen, hat sie in den letzten Wochen festgestellt. Die Lektuere hinterlaesst bei ihr jedesmal ein verwirrtes Gefuehl einer Endzeitstimmung, das so gar nicht zu dem Frieden und der Schoenheit der Landschaft passt, und sie deswegen umso haerter trifft. Dem will sie sich nicht mehr aussetzen, wozu auch. Das, was auf der Welt vorgeht, geht auch, ohne dass sie davon Kenntnis nimmt, vor, und ihre Kenntnisnahme wuerde, im Gegenzug, auch nichts daran aendern.

Die Hochglanzzeitschriften laesst sie sich gefallen. Die kauft sie sich. Maerchenbuecher der Moderne, nennt Alice sie. Sie laesst sich gern entfuehren in eine Welt, wo es das Wichtigste ist, was man jetzt anzieht, wie man sein Gesicht faltenlos haelt und seinen Koerper straff. Von den Buechern, die sie nie Zeit haben wird zu lesen, kriegt sie dort auch wenigstens eine Inhaltsangabe.

Jetzt haette sie ja Zeit, all die Buecher zu lesen, die sie seit Jahren interessiert kauft, und die dann ungeoeffnet in den Regalen stehen bleiben, nachdem sie monatelang auf ihrem Nachttisch Staub gefangen hatten. Alice hat einen ganzen Stapel davon eingepackt. Was soll man denn sonst tun am Land, hatte sie sich gedacht.

Was genau sie in den drei Wochen getan hat, koennte Alice jetzt gar nicht mehr sagen. Lesen war jedenfalls nicht ihre Hauptbeschaeftigung gewesen. Die Tage waren vergangen, einfach so, in ihr ungekannter Harmonie ineinander geflossen. Sie war aufgestanden, hatte sich ihr Fruehstueck geholt, war damit auf der Terrasse gesessen, hatte ueber den See geschaut, war spazierengegangen, hatte kleine Dinge im Haushalt erledigt, war in der Sonne gelegen, hatte gedoest, hatte geschwitzt, war unter die Dusche gegangen, hatte sich neu mit Sonnenoel eingecremt und ihrem Herrgott gedankt, dass es auch so sein kann.

Den Weidenkorb mit ihren Einkaeufen schwingend geht Alice ueber die Wiese, die zu dem Haus fuehrt. Sie mag diesen morgendlichen Weg. Ihre schlaftrunkenen Schritte, das nicht ganz bei sich sein, waehrend sie durch die duennen Riemen ihrer Schuhe den Tau spuert. Undenkbar, dass sie je in der Stadt um diese Zeit so wohlig unterwegs waere. Hier wacht sie manchmal gegen vier Uhr morgens auf, mit der Sonne.

Eine Weile braucht Alice um herauszufinden, was sie stoert: die Wiese ist nicht mehr feucht heute. Das wird ein noch heisserer Tag als gestern, wenn das schon so anfaengt, denkt sie sich. Sie braucht Erklaerungen, wenn etwas nicht mehr so ist, wie sie es gewohnt ist. Alice ist angewiesen darauf, sich an etwas gewoehnen zu koennen, und kann es nicht leiden, wenn sich daran etwas aendert.
Dass sie es heute doch hinnimmt, muss an der Hitze liegen, die ihr Gehirn aufweicht. Ihr mit dem Schweiss die Starrheit aus der Haut treibt. Sie weich und fuegsam werden laesst, wie sie sich noch nie erlebt hat.

Sie zieht die Gartentuer auf und hat es eilig, in die Kueche zu kommen. Der Kaffee muss laengst fertig sein. Sie hat es sich zur Gewohnheit gemacht, die Kaffeemaschine, die extrem langsam arbeitet, beim Verlassen des Hauses einzuschalten. Etwa so lang, wie Alice fuer den Weg braucht, braucht auch die Maschine, um die Kanne zu fuellen. Dieses Timing gefaellt ihr, das sind Reste der Praezision, die sie schaetzt. Es hat auch was von erwartet werden. Ein Gefuehl, das Alice fast aufgehoert hat, zu vermissen. Fast.

Sie gibt alles, was sie fuer ihr Fruehstueck braucht, auf das Tablett und schleppt es auf die Terrasse. Erst, als sie es draussen auf dem Tisch ausbreitet, faellt ihr auf, dass Wurst und Gebaeck im Papier da liegen, dass sie vergessen hat, sie auf einen Teller und ins Koerbchen zu geben. Alice beschliesst, es einmal so zu probieren, und kommt sich verwegen und verwahrlost dabei vor.

Immerhin ist das ein weiterer Schritt in einer Reihe von Schritten, die aeusserst ungewoehnlich fuer die ausnehmend korrekte, penible und disziplinierte Alice sind:
sie verwendet kein make up mehr, laeuft den ganzen Tag barfuss herum; wenn sie nicht im Badeanzug ist, greift sie nach dem naechstbesten Kleidungsstueck. Reglos sieht sie dem, in der Stadt aufgetragenen, Nagellack beim abblaettern zu. Ihre Haare laesst sie durchfetten, bis die nur mehr in traurigen Schnueren vom Kopf haengen. Sie hat aufgehoert, ihre Achseln und Beine zu rasieren.
Es ist ihr voellig egal geworden, wie sie aussieht, und sie fuehlt sich sauwohl dabei. Sauwohl ist auch kein Wort, das irgendwer mit Alice in Zusammenhang bringen wuerde, der sie kennt. Manchmal, wenn sie im voruebergehen einen Anblick von sich im Spiegel erhascht, muss sie grinsen, und stellt sich vor, was ihre Freunde wohl sagen wuerden, wenn sie sie so saehen. Oder gar ihre Kollegen und die anderen Leute im Gerichtssaal.

Hier sieht sie aber niemand.
Ausser den Leuten im Dorf, aber die zaehlen nicht, denn die kennt Alice nicht, und sie kennen Alice nicht. Vor ihnen braucht sie keine Rolle zu spielen, weg mit Euer Ehren.
Erst jetzt, als das wegfaellt, merkt Alice, was fuer eine Last das fuer sie ist. Wie krumm sie unter ihr geworden ist. Wie einem das aber auch in Fleisch und Blut uebergehen kann, was die Leute von einem denken. Frau Richterin, sagen sie, und Alices Geist wird willig, ihr Fleisch wird schwach unter der Buerde ihres Amtes. Ein fleischgewordener Moralkodex, ein wandelndes Buergerliches Gesetzbuch, auch wenn sie die Robe auszieht, und in ihre modisch-eleganten, dezenten Kostueme und in die hochhackigen Schuhe schluepft.

Alice beginnt Rumpelstilzchen zu verstehen, das sich auch in der Mitte auseinander reissen muss, wenn jemand seinen Namen weiss. Ach wie gut, dass niemand weiss, beginnt Alice aufgekratzt auf der Terrasse vor sich her zu sagen: Ach wie gut, dass niemand weiss, dass ich Richterin bin und Alice heiss.
Grinsend betrachtet sie ihre Zehennaegel, von denen ebenfalls der Lack absplittert, und die Hornhaut auf ihren Sohlen, die sich durchs Barfusslaufen gebildet hat, in der sich der Staub schwarz eingegraben hat und auch beim duschen nicht ganz weggeht.

Ich vergesse das Buergerliche Gesetzbuch, beschliesst Alice, und unterwerfe mich den Gesetzen der Natur!

Sinnend schaut sie den weissen Segeln des Bootes nach, das heute, wie schon seit ein paar Tagen, immer um dieselbe Stunde seine Runden im See zieht. Auch daran beginnt sie sich zu gewoehnen. Sie fragt sich, wer das Boot wohl lenkt. Es muss vermutlich ein Mensch sein, der feste Gewohnheiten ebenso schaetzt, wie sie.

Das Telefon klingelt sie aus ihren Ueberlegungen. Schon so spaet?, denkt sie unwillkuerlich; denn der einzige Mensch, der hier anruft, ist ihre Mutter, die die Pause zwischen zwei der Vormittagsfernsehserien, die sie taeglich sieht, dazu benutzt, um ihrer Tochter Vorhaltungen zu machen.
Warum sie nicht zu ihr ins Haus gekommen sei, fragt sie taeglich. Was taete sie denn so allein in dieser fremden Gegend? Oder sage sie ihr etwa nicht die Wahrheit? Sei sie etwa gar nicht allein dort? Habe sie etwa schon wieder einen Mann gefunden, mit dem sie sich dort verkrieche? Einen Mann, den sie ihrer Mutter nicht vorstellen koenne, und der daher gar nicht in Betracht kaeme?
Ich bin seit geraumer Zeit erwachsen, Mutter, sagt Alice taeglich. Ich weiss nicht, sagt ihre Mutter darauf veraergert. Alice weiss es zu schaetzen, dass die Pause zwischen zwei Fernsehserien nie laenger als zehn Minuten ist. Selbst zehn Jahre wuerden nicht ausreichen, um ihrer Mutter begreiflich zu machen, dass sie gern allein ist, und dass zwei gescheiterte Beziehungen in der heutigen Zeit und bei ihrem Alter geradezu laecherlich brav sind.

Diesmal ist es aber eine fremde Frauenstimme, die sich als Elisabeth Greifenstein vorstellt, eine alte Freundin von Max und Sabine. Sie habe schon soviel von Alice gehoert, und erst gerade aus einem Brief erfahren, dass sie jetzt das Haus bewohne. Diese Gelegenheit wolle sie nicht verstreichen lassen. Sie muessten sich einfach treffen. Das ist sehr freundlich von Ihnen, sagt Alice mit abwiegelnder Hoeflichkeit.

Sie kann sich zwar auch an hymnische Schilderungen erinnern, die Sabine ueber Elisabeth losgelassen hat, aber der Gedanke, sich anziehen und herrichten zu muessen, sich ins Auto setzen und bei wildfremden Leuten Honneurs machen zu muessen, entspricht ganz und gar nicht ihrer Stimmung.

Hoeren Sie, sagt Elisabeth mit einer Stimme, die keinen Widerspruch duldet: Sie kommen heute abend! Wir geben ein kleines Essen, ganz zwanglos. Sie werden sich wohlfuehlen. Es kommt eine handverlesene Schar der interessantesten Menschen, die sich gerade hier in der Gegend aufhalten.
Heute abend passt es mir schlecht, protestiert Alice klaeglich. Sie sind beleidigt, weil wir Sie so spaet einladen, vermutet Elisabeth: aber ich versichere Ihnen, ich habe wirklich erst gerade eben von Ihrer Anwesenheit erfahren und sofort zum Telefon gegriffen. Nein, nein, stammelt Alice und zermartert ihr Hirn nach einer guten Ausrede.
Dann kommen Sie also!, stellt Elisabeth fest und daran ist offenbar nicht zu ruetteln: Um Acht. Kennen Sie den Weg? Wie dumm von mir, natuerlich kennen Sie ihn nicht. Haben Sie Papier und Bleistift zur Hand? Im Grund ist es nicht schwer zu finden, aber beim ersten Mal werden Sie ein paar Anhaltspunkte brauchen…

Veraergert schiebt Alice den Zettel mit der Wegbeschreibung von sich. Sich so ueberrumpeln zu lassen! Der ganze Tag ist ihr verdorben. Missmutig traegt sie das Geschirr in die Kueche. Den kaltgewordenen Kaffee schuettet sie in den Ausguss, und laesst gleich darauf warmes Wasser nachfliessen, um das Geschirr zu spuelen, das sich schon seit ein paar Tagen im Ausguss sammelt. Geschirr spuelen tut ihren Nerven immer gut.
Als sie den letzten Teller in das Trockengestell schiebt, ist ihr Aerger auch fast verflogen. Bis sechs habe ich noch Zeit fuer mich, rechnet sie. Es genuegt, wenn ich um sechs anfange, mich herzurichten und zwischen viertel und halb acht das Haus verlasse. Bis sechs werde ich jedenfalls gar nicht mehr daran denken.
Dieser Entschluss tut ihr gut. Zumindest ist sie jetzt bereit, den Tag wie immer zu verbringen.

Sie geht ins Bad, oelt sich von oben bis unten ein, zieht den Badeanzug an, schnappt sich ein Handtuch, die neueste Vogue und ihre Zigaretten, und marschiert ab zu ihrem geliebten Bootssteg.

Die Hitze wird von Stunde zu Stunde gluehender und drueckender. Alice kann ihre Stellung nicht mehr veraendern, ohne ein schoenes Stueck zu rutschen, derartig rinnt ihr Schweiss und bildet mit dem Sonnenoel einen Gleitteppich.
Den Versuch zu lesen hat sie nach zehn Minuten aufgegeben. Die Blaetter der Zeitschrift glitzern mit den Wellen um die Wette und verursachen ihr bald Kopfschmerzen. So legt sie das Gesicht auf die Arme, liegt ganz still und laesst sich vom Plaetschern der Wellen wiegen. Irgendwann steht sie auf, ohne die Augen richtig zu oeffnen, und laesst sich ins Wasser gleiten. Bleibt unter Wasser, so lange es ihre Lungen erlauben. Mit muehelosen Stoessen schwimmt sie, wie ein Delphin fuehlt sie sich. Sie wuenscht sich die Faehigkeit, kraftvoll aus dem Wasser aufzusteigen und mit der Schwanzflosse aufrecht stehend pfluegen zu koennen. Weil sie kein Fisch ist, muss sie sich mit weit unaesthetischeren Versuchen begnuegen.
Sie schwimmt, bis sie muede ist. Zieht sich mit letzter Kraft und schon zitternden Muskeln zurueck auf den Bootssteg. Betrachtet dort ihre schrumpelig gewordenen Fingerspitzen. Sogar die Haut der Handteller ist so ausgelaugt, dass scharf seine Linien hervortreten. Eine Gaensehaut der Erschoepfung ueberlaeuft sie.

Schnell hat die sengende Sonne das Wasser von Alices Haut verdunstet, nur der Badeanzug klebt unangenehm nass an ihr. Sie ist viel zu muede, um jetzt aufzustehen und ins Haus zurueckzugehen, um ihn gegen einen trockenen auszutauschen. Im Liegen schiebt sie die Traeger runter, zieht das Ding ueber ihre Brueste, befreit sich mit einem Ruck davon.

Niemand, der sie mit freiem Auge sehen koennte, stellt Alice bei einem Rundblick fest. In ziemlicher Entfernung das Segelboot, aber die Mannschaft muesste schon ein Fernglas haben, um etwas zu sehen. Viel zu angenehm ist es, die Sonne auf der Haut zu spueren, als dass Alice sich von Unwahrscheinlichkeiten einschuechtern lassen moechte. Und doch muss sie einen leichten Trotz aufbringen, der es ihr erlaubt, nackt zu bleiben, sich auszustrecken, ihren Koerper der Sonne darzubieten.

Sie schliesst die Augen, ueberlaesst sich ganz den angenehmen Empfindungen, die Sonne und Wind auf ihrer Haut erzeugen. Kein Liebhaber hat so sanfte Haende, so eine Zaertlichkeit, solche Geduld! Und doch, wenn sie da so liegt, so hingegeben, kommt, frueher als gedacht, der Wunsch nach staerkerer Beruehrung in ihr auf. Wird so heftig, dass sie die Beine zusammenpressen muss. Das Verlangen durchflutet sie so stark, dass es ihr peinlich wird. Wehret den Anfaengen, denkt sich Alice, wer weiss, wohin mich das fuehrt, wenn ich das aufkommen lasse.
Schnell greift sie nach dem Handtuch und wickelt es um sich. Tastet nach dem Badeanzug, der nur noch geringe Feuchtigkeit aufweist, und zieht ihn unter dem Handtuch wieder an.

Aufgeschreckt von ihren Empfindungen sitzt Alice da, hat die Knie ans Kinn gezogen und zuendet sich eine Zigarette an. Mit gerunzelter Stirn schaut sie dem Rauch nach, wie er ueber das Wasser zieht und sich bald ins Unsichtbare aufloest.
Wohin verschwinden Dinge, wenn sie sich aufloesen?, fragt sich Alice.

Ihre Hydrophobie hat sich aufgeloest, wird ihr erst jetzt bewusst. Sie hat ihre uralte Angst vorm ertrinken verloren.

Ihre innere Uhr sagt ihr, dass es bald sechs sein muss. Zeit, zurueck ins Haus zu gehen, sich fertig zu machen. Sie sammelt ihre Sachen ein und macht sich auf den Weg.
Das Radio dreht sie auf, bevor sie ins Badezimmer geht, dreht es so laut, dass sie muehelos zuhoeren kann. Ein Lied trifft sie in den Ruecken, als sie dabei ist, das Zimmer zu verlassen. All of me, singt Ella Fitzgerald. All of me, why not take all of me, can’t you see, that I’m no good without you…

Das Lied frisst sich an Alice fest, weicht nicht von ihr, wieder und wieder muss sie die Zeilen singen. Waehrend sie die Packungen auf Gesicht und Haar auftraegt, waehrend sie unter der Dusche steht, waehrend sie Creme in ihren Koerper reibt. Sie summt es, waehrend sie den alten Lack von ihren Naegeln reibt, sie feilt und neu lackiert. Froehlich und erwartungsvoll macht es sie, aber auch ein bisschen wehmuetig. I’m no good without you, traegt sie Grundierung auf ihr Gesicht auf, bevor sie den Foehn einschaltet, sodass sie besser in die Haut einzieht und natuerlicher aussieht.
Lange steht sie vor dem Kleiderschrank und ueberlegt, womit sie sich gut und selbstverstaendlich fuehlen kann; ohne eingezwaengt, aber auch ohne underdressed zu
sein. Fuer ein leichtes, gruenschimmerndes Seidenkleid entscheidet sie sich. Ein raffiniert einfach geschnittenes Modell. Suendteuer einfach.

Herrlich schoen fuehlt sich Alice, als sie nach getaner Arbeit pruefend in den Spiegel schaut. Weich, glaenzend und schimmernd sieht sie aus. Why not take all of me.

Beschwingt startet sie ihren Wagen und findet muehelos das Haus der Greifensteins. Die Angaben von Elisabeth waren praezise und unmissverstaendlich, stellt Alice befriedigt fest und gibt ihr dafuer einen grossen Pluspunkt. Unglaublich, welche Angaben Leute manchmal machen; als ob sie einen bewusst in die Irre schicken wollten. Das Haus ist beeindruckend, aber nicht niederschmetternd. Die Frau, die ihr die Tuer oeffnet, gefaellt Alice auf Anhieb. Etwas Vertrautes geht von ihr aus, als ob sie sich schon jahrelang kennen wuerden. Das sind Alice die liebsten Menschen.
Elisabeth duerfte es aehnlich gehen. Sie fasst Alice unter den Arm, als ob sie alte Freundinnen waeren, und geleitet sie unter selbstverstaendlichem Geplauder zu den anderen.

Alice wird vorgestellt, bekommt erklaerende Beschreibungen zu jedem. Fuer sie hat Elisabeth das Kurzlogo“ eine gute Freundin von Max und Sabine, die jetzt ihr Haus bewohnt, und somit auch bald unsere gute alte Freundin sein wird“ gefunden. Alice ist ihr sehr dankbar, dass sie die Richterin weglaesst.
Elisabeth ist wirklich dabei, im Sturmschritt ihr Herz zu erobern, denn nichts hasst Alice mehr, als das mehr oder minder merkbare Zurueckzucken der Menschen bei Nennung ihres Berufes. Entweder werden sie devot oder aggressiv, hat Alice in langen, leidvollen Jahren gelernt. Es braucht lang, bis sie wieder einen normalen Ton mit ihr finden, und sie hasst es, sich immer wieder durch Vorurteile und Aengste durchkaempfen zu muessen.

Das bleibt ihr heute erspart. Heute reagieren die Menschen auf das Wort Freundin und auf das Weiche, Geloeste, das von Alice ausgeht. Elisabeth hat recht gehabt mit ihrer Prophezeiung, sie fuehlt sich wohl, und deswegen ist sie auch bereit, die anderen interessant zu finden. Es ist die uebliche Mischung, die man einlaedt, wenn man interessante Menschen zusammenstellen will: ein Wissenschaftler, ein Schriftsteller, eine Malerin, eine Astrologin, ein Boersenmakler, ein Architekt, eine Aerztin und sie.
Zehn Personen macht das, mit dem Ehepaar Greifenstein. Eine ueberschaubare Runde, die da am Esstisch versammelt ist.

Ob sie um die Bedeutung der Zahl Zehn wuessten, fragt die Astrologin in die Runde, und gibt an, sich auch schon lange mit Numerologie zu beschaeftigen.
Die anderen schweigen hoeflich oder geben aufmunternde, fragende Geraeusche von sich.

Zehn ist die Zahl des Schicksalsrades, beginnt die Astrologin zu dozieren: Sie ist eine Zahl des Aufstiegs und des Falls, je nach persoenlichem Verlangen. Sie kann Gutes und Boeses bringen, je nachdem, fuer welche Handlungsweise man sich entscheidet. Die Zahl Zehn kann extreme Reaktionen von Liebe und Hass, von Respekt oder Furcht ausloesen. Zwischen Ehre und Unehre gibt es nichts. Mit ihr haelt man den Schluessel in der Hand. Imaginiere zehn, dann ordne an; lautet eine alte, esoterische Regel. Imaginiere, und es wird geschehen. Befiehl, und es wird sich materialisieren. Eine ungeheure Macht ist mit ihr verbunden, die schoepfen, aber auch zerstoeren kann, daher erfordert ihre Anwendung hoechste Selbstdisziplin und Reinheit.
Und man muss sich bewusst sein, dass nichts mehr so ist, wie es war, wenn man sie angewendet hat, schliesst sie nach einer Kunstpause ihre Erlaeuterungen ab.

Die Runde verharrt fuer eine Weile in gedankenvollem Schweigen. Eine tiefe, melodioese Stimme hat die Astrologin, in der sie ferne Welten mitschwingen lassen kann und das Unglaubliche in die Luft malt. Alle ueberlegen, was sie wohl befehlen wuerden, wenn sie diese Macht haetten, aber als der Schriftsteller das zum Tischgespraech machen will, weist ihn die Astrologin scharf zurecht. Die Imagination gelingt nur im Schweigen, sagt sie ihm, Sie duerfen sie nicht profanisieren. Was Ihnen am wichtigsten ist, muessen Sie in sich behalten und naehren. So lange, bis es Ihnen von aussen entgegen zu kommen beginnt.

Der Schriftsteller will protestieren, haelt dann aber inne. Ja, gibt er zu, das ist auch beim schreiben so. Wenn Sie ueber ein Werk reden, bevor Sie es vollendet haben, ruinieren Sie es. Reden Sie ueber etwas, das Sie gerade schreiben, entziehen Sie ihm die Energie, die es braucht, um zu wachsen. Je mehr sie darueber reden, umso weniger werden Sie es zu Ende bringen.

Das scheint ein allgemeines Lebensgesetz zu sein, mischt sich der Wissenschaftler ein. Mit der Entwicklung der Chaostheorie gelingt es jetzt ja nachzuweisen, dass alles miteinander verbunden ist. Dass Gesetze, die sie in der Physik vorfinden, ebenso in der Meteorologie als auch in der Medizin gelten, in der Wirtschaft genauso, wie in der Psychologie.

Ich bitte um Verzeihung, erhebt der Boersenmakler spoettisch seine Stimme, ich wage zu behaupten, dass sich die Boerse diesem Gesetz widersetzt. Das Fallen und Steigen der Aktienkurse haengt in nicht unerheblichem Mass von Geruechten ab; davon dass die Leute ueber was reden, das laengst noch nicht vollendet ist. Und wenn Sie Gewinn an der Boerse machen wollen, muessen Sie eben genau mit diesen Entwicklungen spekulieren. Es hat keinen Sinn und wird Ihnen, als Profi, meine ich natuerlich, nicht viel bringen, wenn Sie erst dann auf den Zug aufspringen, wenn schon allen klar ist, wo er hinfaehrt. Als Profi muessen Sie aufspringen, wenn die anderen noch nicht einmal wissen, dass das der Zug ist, der demnaechst abfaehrt.

Natuerlich wollen jetzt alle wissen, ob er einen Tip hat, was der naechste Zug sein wird. Ein handfester Boersentip ist allemal interessanter, als Zahlengeheimnisse.
Zahlen sind auf der Habenseite des eigenen Kontos am besten aufgehoben, darueber ist man sich schnell lachend einig.

Ergrimmt beugt sich die Astrologin ueber ihren Teller. Alice sieht, dass sie mit ihren Bissen auch noch einiges anderes mit hinunterschluckt.

Sie selber weiss nichts zu sagen, hat sich noch nie mit diesen Themen beschaeftigt. Es macht ihr nichts aus, zu schweigen und zuzuhoeren. Sie macht sich auch gar keine Sorgen, ob jemand sie etwa fuer beschraenkt haelt; sie weiss genau, dass in einem Kreis brillanter Redner nichts so dringend benoetigt wird, wie einer, der zuhoert. Derjenige, der zuhoert, wird bald der Mittelpunkt, um den sich alles dreht, denn er ist es, durch den der Redner seinen Glanz bekommt. Alice ist sich dieser Macht wohl bewusst.

Leider kommt es anders, als sie denkt, denn das war auch schon das Ende des allgemeinen Gespraeches. Verschiedene Gespraechsfaeden beginnen durcheinander zu laufen; Menschen, die sich etwas zu sagen haben, oder es meinen, verknuepfen sich miteinander. Nur an Alice laufen sie vorbei, denn ihr Tischherr, der Architekt, schaufelt verbissen schweigend in sich rein.
So ist Alice froh, als endlich, nach dem Dessert, Elisabeth vorschlaegt, doch den Rest des Abends im Garten zu verbringen. Sie haetten eine kleine Bar draussen aufgebaut, man solle sich doch selbst bedienen.

Alice steht auf und prallt gegen den Kopf des Boersenmaklers, der sich gerade nach vor gebeugt hat, um ihr mit dem Stuhl behilflich zu sein. Sie hatte ihn nicht einmal bemerkt. Beide murmeln zugleich eine Entschuldigung und gehen nebeneinander in den Garten hinaus.

Ob Sie mir wohl erlauben werden, Ihnen ins Wunderland zu folgen, Alice?, fragt er und beugt sich nah zu ihr hin.
Alice verzieht den Mund. Warum auch jeder halbwegs gebildete Mann versucht, ihr mit diesem Spruch zu kommen! Aber da ist etwas in seinem Blick, das draengt und brennt, und sie instinktiv erschrecken laesst. Sie will zurueckweichen und etwas zieht sie zu ihm hin.
Wissen Sie nicht, dass man allein sein muss,um ins Wunderland zu kommen?, sagt sie, und ist fassungslos ueber die Bitterkeit in ihrer Stimme. Was treibst du?, schreit eine Stimme warnend in ihr: Halt dich bedeckt, was faellt dir ein, dich einem Fremden dermassen schamlos zu oeffnen!

Wenn das so ist, werde ich Ihnen ein Wunderland bauen, in dem das nicht noetig ist, schlaegt er vor: Eines, das natuerlich Platz fuer mich hat. Fuer einen harten Boersenmakler sind Sie ganz schoen romantisch!, versucht Alice mit Spott ihre Haltung wiederzugewinnen. Ich bin nicht hart, behauptet er, ich bin nur darauf trainiert, gute Chancen zu erkennen und sie zu nutzen.
Welche Chance sehen Sie jetzt?, fragt Alice . Sie!, sagt er bestimmt: Gleich als ich Sie sah, wusste ich, dass Sie die Frau sind, auf die ich immer gewartet habe. Aber Sie kennen mich doch gar nicht, antwortet Alice.

Sie kommt sich daemlich vor, der Situation ganz und gar nicht gewachsen. So etwas passiert einem doch nicht im wirklichen Leben! So etwas sieht man im Film und seufzt und wuenscht sich, dass einem das auch einmal passiert. Aber dass es dann passiert, damit kann man doch wirklich nicht rechnen.

Ich kenne Sie besser, als Sie glauben, behauptet der Mann. Wieso?, fragt Alice unsicher.
Seit Tagen fahre ich in meinem Boot an Ihrem Haus vorbei und beobachte Sie, wie Sie auf Ihrer Terrasse sitzen und fruehstuecken, sagt er: Glauben Sie mir, am Besten lernt man einen Menschen kennen, wenn er sich unbeobachtet glaubt und so ganz bei sich selbst ist. Voellig unbeeinflusst von dem, der ihn beobachtet. Das ist ja unerhoert!, empoert sich Alice: Hat Ihnen Ihre Mutter nicht beigebracht, dass man so etwas nicht tut? Wenn ich mich an das gehalten haette, was mir meine Mutter erlaubt hat, waere ich nicht der, der ich heute bin, stellt er lachend fest. Und wie sind Sie heute ?
Unverschaemt, erfolgreich und verliebt!, sagt er und versucht, Alice in seine Arme zu ziehen.

Alice wird steif und stoesst ihn gereizt von sich. Was sollen denn die anderen von ihr denken, wenn sie sich so einfach von einem wildfremden Mann betapschen laesst! Unverschaemt stimmt auf jeden Fall. Und die anderen sind so in ihre Gespraeche versunken, dass niemand sie beobachtet.
Aber das hatte sie ja auch geglaubt, als sie am Nachmittag nackt am Bootssteg gelegen war, faellt ihr jetzt ein, und treibt ihr den Schweiss auf die Stirn.

Es ist unfair, dass Sie mehr von mir wissen, als ich von Ihnen, stellt Alice fest.
Das laesst sich aendern, sagt der Mann, ich hoffe sogar sehr, dass sich das aendert.

Er greift in die Innentasche seines Jacketts und zieht eine Visitenkarte heraus, die er Alice mit einer formellen Verbeugung ueberreicht. Beginnen wir mit dem Anfang, sagt er dazu.

Alice greift nach der Karte. Handgerissenes Buetten, Stahlstich. Horst von Balow, steht da in sehr aufrechten Lettern, dazu der Name einer Firma und eine Adresse in Frankfurt. Alice ist beeindruckt.

Fragen Sie mich, was immer Sie wollen, bietet er an. Ich weiss nicht was, sagt Alice zoegernd. Gut, dann fragen Sie mich, ob Sie mich noch wohin bringen koennen, schlaegt er vor.
Wieso?, fragt Alice verbluefft.
Weil Sie erstens einen Wagen haben, zweitens ich noch irgendwo mit Ihnen etwas trinken moechte und drittens schon ein allgemeiner Aufbruch beginnt.

Alice blickt um sich. Er hat recht! Die Gaeste umringen die Greifensteins, schuetteln Haende und geben Danksagungen und Abschiedsfloskeln von sich. Und sie ist noch nicht einmal dazu gekommen, sich mit ihren Gastgebern zu unterhalten! Die werden einen schoenen Eindruck von ihr haben!

Sehen Sie, was Sie angerichtet haben!, sagt Alice anklagend zu Horst: Sie haben mich dermassen mit Beschlag belegt, dass ich den primitivsten Forderungen der Hoeflichkeit nicht nachkommen konnte. Ich hoffe, das wird so bleiben, antwortet Horst grinsend, ohne die geringste Spur von Schuldgefuehl zu zeigen.

Abrupt wendet ihm Alice den Ruecken zu, erstaunt, ueber die Heftigkeit ihrer Gefuehle, ueber die Naehe, die sie zu diesem Mann empfindet, ueber den Ton, den sie ihm gegenueber anschlaegt. Schau, dass du schleunigst wegkommst, draengt eine Stimme in ihr.

Sie naehert sich Elisabeth, die auch gleich die Hand nach ihr ausstreckt. Amuesieren Sie sich?, fragt die Gastgeberin. Es war ein wundervoller Abend, bestaetigt Alice verlegen, ich bedaure nur, dass wir keine Gelegenheit gefunden haben, uns ausfuehrlicher zu unterhalten.
Jetzt, wo wir uns kennen, ist das kein Problem mehr, versichert Elisabeth, Sie werden jetzt oefter kommen, das muessen Sie mir versprechen. Ich rufe Sie morgen an.

Alice wendet sich zum gehen. Sie kann Horst nirgends mehr sehen. Wo ist er wohl hin verschwunden? Betaeubt, in einer Mischung von Erleichterung und Enttaeuschung geht sie zum Parkplatz.

Er wollte wohl nur ausprobieren, wie weit er bei mir gehen kann, sagt sich Alice. Ein Voyeur, der sehen will, aber nicht involviert werden. Vielleicht macht es ihm Spass, zu provozieren, und die Menschen aus der Fassung zu bringen. Vielleicht hasst er auch Frauen. Ich kann froh sein, dass er weg ist, wer weiss, was mir damit erspart bleibt! Sie ist aber nicht froh.

Sie sperrt ihren Wagen auf und bleibt, mit der Hand an der Tuerschnalle, fuer einen letzten Rundblick stehen. Nichts. Nur startende Wagen, die ihre Scheinwerfer aufblenden und abfahren. Vielleicht sitzt er in einem von denen, denkt Alice, vielleicht zieht er diese Masche grad bei der Aerztin oder bei der Astrologin ab.
Schnaubend oeffnet sie die Tuere und laesst sich hinter das Lenkrad fallen. Startet und faehrt dem letzten Wagen nach, der eben den Parkplatz verlaesst. Ueberlaesst sich ihren bruetenden Gedanken. Nach einer Weile werden die ihr aber zu laut. Sie stellt das Radio an, um sie zu uebertoenen. All of me, singt Ella Fitzgerald. Das hat mir gerade noch gefehlt!, sagt Alice laut und wuetend. Sie beugt sich nach vor und dreht den Radio ab. Es macht ihr Spass, mitten in ein Wort zu wuergen.

Warum drehen Sie ab?, fragt eine Stimme vom Ruecksitz: Mir gefaellt das Lied!

Erschrocken tritt Alice auf die Bremse. Der Wagen haelt mit einem Ruck, der sie gegen das Lenkrad presst. Sie stemmt sich hoch und dreht sich um. Starrt direkt in das Gesicht von Horst, der sie schon wieder unverschaemt angrinst.

Wie kommen Sie in meinen Wagen?, fragt sie fassungslos: Der war doch abgesperrt.
Ich hab da so meine Tricks, tut er geheimnisvoll. Sind Sie etwa im Nebenberuf Autodieb?
Nur vergesslich, was die kleinen Dinge des Lebens betrifft, beruhigt er sie: Ich habe so oft meine Wagenschluessel stecken lassen, dass der Mann vom Aufsperrdienst Mitleid mit mir hatte, und mir zeigte, wie ich auch ohne Schluessel in mein Auto komme.

Mit selbstverstaendlicher Geste klappt er den Beifahrersitz um und klettert neben Alice. Macht es sich bequem und legt den Arm um die Lehne ihres Sitzes.
Wohin jetzt?, fragt er munter.
Nirgendwohin, bescheidet ihm Alice, so fest sie nur kann: Ich bin muede und will nach Hause!
Sie koennen mich doch nicht mitten auf der Landstrasse aussetzen!, appelliert er an ihr soziales Verantwortungsgefuehl: Hier kriege ich kein Taxi und sie werden doch nicht wollen, dass ich in einer fremden Gegend, mitten in der Nacht, kilometerweit laufen muss! Das geschaehe Ihnen nur recht, sagt Alice kuehl, fuehlt aber ihren Widerstand schwinden: Ich habe Sie nicht eingeladen. Jeder muss die Konsequenzen seines Verhaltens tragen!
Gemeinsam traegt es sich besser, findet Horst: Bringen Sie mich wenigstens in mein Hotel und trinken Sie noch ein Glas an der Bar mit mir.
Na gut, gibt Alice nach: Ich will Gnade vor Recht ergehen lassen. Ich bringe Sie in ihr Hotel. Aber nur, wenn Sie mir versprechen, dort brav auszusteigen. Trinken werde ich nichts mehr mit Ihnen! Und wenn ich es nicht verspreche?
Alice schuettelt missbilligend den Kopf, hat keine Lust auf weitere Debatten. Sie wird ihn absetzen und damit Basta. Wo wohnen Sie?
Im Hotel Seehof.

Natuerlich. Das beste Hotel in der Gegend. Alice kennt es. Sie startet den Wagen, der bei ihrem Bremsmanoever abgestorben ist, wendet und drueckt das Gaspedal bis zum Anschlag durch. Der Wagen schiesst mit einem Satz los.

Vorsicht!, warnt Horst: Bringen Sie uns nicht um. Ich stelle es mir zwar schoen vor, gemeinsam mit Ihnen zu sterben, wuerde es aber vorziehen, wenn wir damit warten, bis wir ueber Achtzig sind. Ja, ja, sagt Alice und reduziert die Geschwindigkeit.

Woher weiss er, dass das immer mein Traum war: einen Mann zu finden, der sich wuenscht mit mir alt zu werden? Alt werden und sterben und ineinanderwachsen als Hecke.
Wie unverbesserlich kitschig ich doch bin, schilt sich Alice, vollgestopft mit Klischees!

Horst greift sich eine ihrer Haarstraehnen, wickelt sie um seinen Finger und zieht dadurch leicht ihren Kopf in seine Richtung. Sie tun wie ein Kueken, stellt er fest, aber eigentlich haben Sie das Zeug zum Adler.
Ach ja, sagt sie: Woran sehen Sie das?
Ihr Blick geht in die Weite, diagnostiziert er sachkundig: Sie sind faehig, hoch nach oben zu steigen und von dort auf die Erde zu schauen. Ganz unberuehrt. Nichts, was Sie sehen, kann Ihren Flug hemmen. Ein Fluegelschlag und Sie drehen ab.

Schoen waers, denkt Alice, das koennte ich gut brauchen. Hoch oben sitze ich zwar am Richtertisch, aber nicht so hoch, dass mich der Schmutz nicht beruehren wuerde. Freilich, frueher ist er mir ueber den Kopf geschwappt, jetzt beruehrt er gerade noch meine Fuesse.

Und wozu haben Sie das Zeug?, fragt Alice.

Sie will ihm nichts von ihren Gedanken und Gefuehlen verraten. Dieser Mann erfasst sie ohnehin mit einer beunruhigenden Praezision. Muehelos scheint er in ihre Gehirnwindungen eindringen zu koennen und kennt sich da aus, als waere er zu Hause.

Wie mein Name sagt: ich bin der Horst fuer Adler. Ach, so ist das, sagt Alice enttaeuscht.

Wieder so ein Spruch, denkt sie. Wahrscheinlich erzaehlt er das auch jeder Frau. Und in ihr beginnt das Verlangen zu keimen, dass er es ernst meint. Dass er es ernst meint, selbst wenn er das jeder Frau erzaehlt. Dass sie die einzige Frau ist, bei der er meint, was er sagt.

Was ist los?, fragt er: Haben Sie nie das Beduerfnis, sich auszuruhen, ein Nest zu haben?
Freilich, sagt sie, das hat doch jeder.
Alice, wird er auf einmal streng: Sie machen es mir nicht leicht. Was mache ich falsch, dass Sie so sproede und abweisend sind? Sie machen nichts falsch, beruhigt sie ihn: Sie sind nur zu schnell fuer mich. Ich kenne Sie doch ueberhaupt nicht und Sie sagen all diese Dinge zu mir, ich weiss einfach nicht, wie ich darauf reagieren soll. Sie fragen sich, ob ich es ernst mit Ihnen meine? Ja, rutscht es ihr raus.
Wollen Sie, dass ich es ernst meine?

Das hat sie nun davon! Alice schweigt erbittert, sieht gar nicht ein, warum sie Farbe bekennen und ihre Karten aufdecken soll. Was redet er ueberhaupt staendig von ihr! Ueber sich verliert er kein Wort!

Ich meine es ernst, sagt er nach einer Weile, in einem Tonfall, als haette sie ja gesagt.

Erleichtert sieht Alice das Hotel vor sich auftauchen. Sie faehrt direkt an die Rampe und haelt mit laufendem Motor. Er macht nicht die geringsten Anstalten, auszusteigen.

Wir sind da, draengt sie.
Sie haben mir noch keine Antwort gegeben, bleibt er ganz ruhig sitzen. Worauf?
Auf alles.
Hoeren Sie, sagt Alice, ergreift seinen Oberarm und schiebt ihn Richtung Tuere: Ich kann Ihnen nicht mehr sagen, als ich gesagt habe. Steigen Sie jetzt aus und lassen Sie mich darueber schlafen. Wenn Sie wollen, koennen Sie mich ja morgen anrufen.

Er nimmt ihre Hand von seinem Oberarm, Alice denkt, er will sie ihr zum Abschied kuessen und laesst sie ihm, ohne Widerstand. Das nutzt er aus. Mit einer raschen Bewegung zieht er sie zu sich, so dass ihr der Schaltknueppel in den Bauch sticht, und kuesst sie heftig auf den Mund. Auch die Chance, dass Alice ihren Mund zum protestieren oeffnet, laesst er nicht ungenuetzt verstreichen: schon hat sie seine Zunge im Mund. Ein kleines, weiches Tier, beweglich und zart. So freundlich und zutraulich, dass sie mit ihm zu spielen beginnt, neckisch zuerst, dann immer wilder. Und als Alice sich ganz fangen hat lassen, gibt er wieder das Tempo vor, fuehrt sie und laesst sie los und faengt sie wieder und laesst in ihr eine Sehnsucht wachsen, dass sie schreien moechte und ihn anbetteln, bloss nicht aufzuhoeren.
Und er spuert es und laesst sie los. Alices Kopf bleibt an seiner Schulter kleben, moechte nie wieder irgendwo anders sein. Da gehoert sie her, alles andere ist doch Unsinn!

Komm!, sagt er in ihr Haar.
Ja, murmelt sie.

Sie weiss nicht, wie sie sich aufrichten soll. Ist nicht so schraeg an seinen Koerper gelehnt sein ihre ganz natuerliche, angeborene Koerperhaltung? Wie hat sie denn je auskommen koennen ohne diesen Horst? Alle Schutzlosigkeit, die Alice jemals empfunden hat, sammelt sich jetzt in ihr, bereit, in das Becken zu fliessen, das er ihr hinhaelt. Wie hat sie je auskommen koennen ohne das?

An das: Imaginiere und es wird geschehen!, der Astrologin muss Alice denken.
Das war es, was sie in all den Jahren in sich getragen hat und niemand sagen konnte. Das, was jetzt passiert, war in ihr, all die Zeit. Und jetzt kommt es ihr von aussen entgegen! Deswegen geht jetzt alles so rasch. So schnell geht das!
Und man muss sich bewusst sein, dass nichts mehr so ist, wie es war, wiederholt sie die Worte der Astrologin.

Horst ergreift ihren Kopf, dreht ihr Gesicht zu ihm hin. Sein Gesicht verschwimmt in ihren Augen. Seinen Blick spuert sie.

Ich will nicht mit dir ins Hotel, sagt er.

Alice erschrickt. Er wird sie jetzt doch nicht wegschicken! Nicht jetzt, wo sie so offen und bereit fuer ihn ist, wie sie es noch nie fuer einen Mann war. Unwillkuerlich haelt sie den Atem an. Wartet bang. Er streichelt ihr Gesicht und laechelt. Sie wartet auf einen Dolchstoss, haengt an seinen Lippen. Ihre Lippen muss sie zusammenpressen. Nur nicht betteln!, muss sie ihnen befehlen.

Nimm mich mit zu dir, sagt er, und sie atmet auf, wie sie noch nie aufgeatmet hat.
Sie kann gar nicht anders als singen: Why not take all of me.

Schnell wendet sie den Wagen, bevor er es sich anders ueberlegen kann. Heim will sie ihn bringen; in ihr Nest, das erst ein Nest wird durch ihn. Wo er ist, ist zu Hause. In seinen Worten, seinen Haenden, seiner Haut, findet sich Alice.
Ihre Finger hat sie in seine verschlungen, faehrt mit einer Hand, und wenn sie schalten muss, tun es ihre beiden Haende, als waeren sie schon immer miteinander verbunden. So gleichzeitig und ohne Widerstand, als wuerden sie von einem Hirn gelenkt.
Kaum auszuhalten, die Minute, in der sie ihn doch auslassen muss, um den Wagen abzustellen und auszusteigen.

Schon haben sie sich wieder, haelt er sie eng an seinen Koerper gepresst, in den sie muehelos hineinfliessen kann. Auf das Haus laufen sie zu, aber die Strecke ist zu lang.
So landen sie in der Wiese. Im Rollen, in der Begierde, Haut zu spueren, loesen sich die Kleider auf. Ein Buendel von Haut und Haaren, Schreien und Fluestern, Keuchen und Stoehnen sind sie. Und lang dauert es, lang, bis Alice, auf dem Ruecken liegend, den sternenuebersaeten Himmel wieder sieht.
Noch nie hat er so geglaenzt, das koennte sie schwoeren. Noch nie haben sich die Sterne so gedraengt, haben fast die dunklen Stellen, die ein Nachthimmel doch auch braucht, verdraengt. Warum es Milchstrasse heisst, sieht sie heute ganz deutlich. Aber was heisst Strasse! Heute ist das geradezu eine Autobahn.

Gluecklich laechelnd erwacht Alice in ihrem Bett, das sie erst im Morgengrauen aufgesucht haben, als das Froesteln sie ungeschickt zur Zaertlichkeit machte. Wie die Kinder hatten sie sich aufs Bett geworfen und waren bibbernd unter die Decken gekrochen, hatten spitze Schreie ausgestossen, wenn sie einander mit ihren eiskalten Fuessen beruehrten. Geschichten aus ihrem Leben hatten sie begonnen, einander zu zufluestern, eine nach der anderen, bis sie einschliefen mitten in einem Wort und es weitertraeumten.

Wie spaet mag es wohl sein?, fragt Alice wohlig mit halbgeschlossenen Augen.

Erst als sie keine Antwort bekommt, oeffnet sie sie ganz. Kein Horst in ihrem Bett! Das reisst sie hoch. Mit einem Blick sieht sie, dass er nicht im Zimmer ist. Laut seinen Namen rufend springt sie auf und durchsucht das ganze Haus nach ihm. Vergeblich.
So landet sie schliesslich auf der Terrasse, aber auch da ist er nicht.

Ich will mich nicht daran gewoehnen, dass du staendig verschwindest, wenn ich es am wenigsten erwarte, ruft sie boese in die Landschaft: Tu das nicht mit mir, das kann ich nicht leiden!

Der Blick ueber den Zaun hat etwas Unvertrautes. Alice braucht eine Weile, um drauf zu kommen, was es ist: ihr Auto steht nicht da. Sie laeuft ins Haus zurueck und schaut auf die Kommode, auf die sie normalerweise die Autoschluessel legt. Weg. Erschrocken denkt sie nach, findet schliesslich die Loesung: er wird einkaufen gefahren sein, um Fruehstueck fuer uns zu holen. Vielleicht wollte er auch ins Hotel um sich umzuziehen. Sie muss kichern, als sie an den Zustand seines vordem so gepflegten Abendanzugs denkt. Kein Wunder, wenn er den so schnell wie moeglich austauschen wollte, und dafuer eine Zeit gewaehlt hat, in der er noch ungesehen das Hotel betreten kann!
Aber jetzt soll er sich beeilen, er sollte schon wieder da sein, was soll Alice denn machen ohne seine Arme!

Unter die Dusche gehen, beschliesst sie nach einer Weile des sehnsuechtigen Herumstehens. Oder vielleicht doch nur das Gesicht waschen und seinen Geruch an ihrem Koerper behalten, bis er wiederkommt und ihn durch neuen ersetzen kann.
Schnell ist das Gesicht gewaschen, schnell ein Kleid uebergestreift, schnell die Haare gebuerstet. Wo bleibt er so lang? Sie nimmt ihre ziellosen Wanderungen wieder auf. Der Blick aufs Telefonbuch bringt die rettende Idee. Schnell hat sie die Nummer des Seehofs gefunden, waehlt sie mit ungeduldigen Fingern.

Ist Herr von Balow auf seinem Zimmer?, erkundigt sie sich. Wissen Sie die Zimmernummer?, fragt der Portier. Nein, leider nicht.
Einen Moment bitte, ich sehe im Gaestebuch nach. Alice hoert ihn blaettern. Mach schon, faucht sie innerlich, was dauert das denn so lang.
Wir haben keinen Gast dieses Namens, sagt der Portier schliesslich. Sie muessen sich irren!, besteht Alice.
Tut mir leid, gnaedige Frau, ich habe mehrmals ueberprueft.

Erschlagen legt Alice den Hoerer auf. Das darf doch nicht wahr sein! Im selben Moment klingelt es. Sie reisst den Hoerer hoch.

Wo bist du?, schreit sie hinein.
Hier ist Elisabeth Greifenstein, sagt die Stimme aus der Muschel: Ich fuerchte, Sie erwarten einen anderen Anruf. Ja, vergisst Alice jede Konvention.
Soll ich auflegen und die Leitung freimachen?, bietet Elisabeth an. Ja, nein, verzeihen Sie, stammelt Alice, aber jetzt ist ihr auch schon alles egal, warum soll sie nicht sagen, wie es ist: Wie Sie merken, bin ich in einem etwas ramponierten Zustand. Verzeihen Sie also bitte meine Direktheit – was wissen Sie ueber Horst von Balow? Nicht viel, meint Elisabeth gedehnt, ich habe ihn gestern zum zweiten Mal gesehen. Ich kann mich nicht einmal erinnern, wer ihn zum ersten Mal mitgebracht hat. Ich habe ihn amuesant gefunden, und ihn fuer den Abend eingeladen, als ich ihn gestern zufaellig auf der Strasse traf. Wissen Sie, wo er wohnt?
In Frankfurt, glaube ich.
Nein, ich meine hier.
Leider.
Darf ich Sie spaeter zurueckrufen?, fragt Alice. Freilich. Geben Sie gut auf sich acht!, sagt Elisabeth und legt auf.

Alice ist dankbar, dass Elisabeth keine Fragen gestellt hat. Was die sich wohl ueber sie denken mag, will sie sich auch nicht vorstellen. Was tun?
Es muss eine andere Loesung des Raetsels geben, als die, die sich ihr so unangenehm aufzudraengen beginnt. Das, was sie gerade erlebt, ist doch nicht zu vergleichen mit einigen Faellen, die sie verhandelt hat, und die sich jetzt in ihr Gedaechtnis draengen. Sie hatte sich immer gefragt, wieso diese Frauen so naiv sein konnten.

Sie wird in Frankfurt anrufen!
Genau. In seiner Firma wird man ja wohl wissen, wo er ist und alles wird sich klaeren. Wo hat sie nur seine Visitenkarte? Ins Portemonnaie hat sie sie gesteckt, und das ist in der Tasche, und wenn sie sich jeden Schritt einzeln vorsagen muss, so wird sie sich jeden Schritt einzeln vorsagen und ihn tun. Die Tasche muss irgendwo bei der Tuer liegen, wo sie sie beim reinkommen achtlos fallen gelassen hat.

Genau, da liegt sie. Alice packt sie, leert den ganzen Inhalt auf den Boden, setzt sich dazu und wuehlt. Kein Portemonnaie. Kein Etui mit ihren Kreditkarten. Kein Scheckheft. Keine Wagenpapiere.

Mit wellenartigen Bewegungen schiebt sie den Tascheninhalt ueber den Boden. Eine ganz andere Betonung als gestern findet sie fuer die Worte, die sich in ihre Kehle draengen: Why not take all of me…

Sie nimmt sich Zeit, ihr Lied zu Ende zu singen. Ganz gefasst ist sie, als sie aufsteht, um die Polizei anzurufen.

Michaela A. Gabriel

seven

friday afternoon subway
(31/01 & 01/02/97)

friday afternoon subway
and suddenly
it seems to me
i’m riding on a
tram full of zombies
dead eyes
ears closed
faded lipstick
am i the only one alive
a green-yellow-orange tie
clashes with a
red-blue jacket
in despairing disharmony
maybe that’ll
wake them up

dream #34
(13/02/97)

i am skipping my rope on
YELLOW BRICK ROAD
pondering over
an encounter with alice

did she get lost on her way to
WONDERLAND

heigh-ho heigh-ho
she said
but these are not her lines
THIS IS A COVER VERSION
of the seven dwarfs

OH NO
says a grinning cheshire cat
everything is nothing
ALICE WILL BORROW NEVER STEAL
tomorrow she gave back
the words

silence
(25/03/97)

i could break a window
a plate
to end this silence

you could break our hearts
by keeping it up

on-line.affair
(27/03/97)

private room
„for our pleasure“
in bits and bytes

i’m all f.e-m@il
and you

they call me
the wild web-ber *S*
come and get entangled
in my wwspiderweb, baby *G*
i caress my keyboard
the f stands for your face
the b for breasts and belly
the l for legs
and maybe later
a v for vagina

yes honey
send your balls into the net
it’s our game only
our heaven in vast cyberspace
and this connection
will not fail

taking my leave
(03/02/97)

saying goodbye
once more
does hurt
con te partiró
but it’s not true
you’ll stay
stay on
while i must part
loaded with memories
my sweet immortal
burden

intoxicated
(10/06/97)

raumvoll festge-räusche
leidenschaftstrunken
verschmelze ich
mit deinem lachen
das meine sinne kapert
seele entert
vernunft zerpflügt
eingeraucht von
dunklen nuancen deiner stimme
ertrinke ich willig
im gewühl entgleister emotionen

lust
(04/08/1997)

i am all anticipation
lust tickles my nipples

your fingers breathe life
into my hidden jewel

souls and bodies unite
in soft moist purple fever

sweet sweet release
mingles with desperate words unspoken

Andreas Bäcker

Zwei Gedichte

Ich bin perfekt kontaminiert

Ich esse radioaktives Gemüse
Und antibiotikagetränktes Fleisch
Dazu schwermetallenen Salat

Ich atme Diesel, manchmal Luft
Rauche den Krebs in mich hinein
Und bin im Elektrosmog zu Hause

Ich spaziere unter dem Ozonloch
Brenne mir Flecken auf die Haut
Die ich mit Cortison entferne

Ich schmiere mir BSE ins Gesicht
Wasche mir die Haare mit Dioxan
Und parfümiere mich mit Exkrementen

Ich bin perfekt kontaminiert
Ich verdiene einen grünen Punkt

In Amerika
Wird ein Schwarzer erschlagen
Vom Ku Klux Klan nur so zum Spaß

In Afrika
Hungert sich ein Kind zu Tode
Von der Erde nicht ernährt

In Asien
Stirbt ein junges Mädchen an AIDS
Von Menschenhändlern aufgekauft

In Europa
Werden Töchter vergewaltigt
Von ihren Vätern jeden Tag

Und wir
Tanzen immer noch den Techno
Um unseren Frust loszuwerden

Sylvia Petter

Shades of Schiele

Samantha went to the Kärtner Café every afternoon of the next week. It hadn’t rained for days. On Friday, she sat in her usual place, opened her notebook and stared at passers by. When the waitress brought her coffee, she had only written the date. Her words had dried up as if her eyes had sapped their energy searching for Fritz.
It was getting dark as she left the cafe for her hotel room. As usual, she shunned the red trams on the Ringstrasse to walk by the Gartenbau Kino. It was the only one playing English films – with German subtitles. She glanced at the posters for „Easy Rider“, thought for a minute of going in, but kept on walking. She didn’t want to sit alone in the dark seats. ‚Maybe I’ll bump into him,‘ she thought. She rounded the Parliament with its Greek columns and statues pointing down at her with their gilt and gold-leaf fingers, and strode past the Natural History Museum in Renaissance style on to the Gothic Rathaus. Samantha realised that in fifteen minutes she had passed through three ages of architecture. When she got to the Town Hall, she crossed narrow streets until she arrived at the door of Pension Czernik.
The wooden hall floor smelled of wax scoured with ammonia. She entered the Beethoven room. It was musty and she opened the double single-paned windows between which she kept some fruit and mineral water. It was cold as an icebox on the ledge between the outer and inner windows. She kicked off her shoes and flopped onto the eiderdowned bed.
‚On Monday I’m looking for a job,‘ she said to Beethoven’s bust on the dresser. ‚I’ve wasted a whole week underground in the city of music and waltz. What a bloody waste.‘ She crashed her foot through the air trying to stamp it horizontally.
‚You’re right,‘ she said to Beethoven. ‚I am hungry.‘ She washed her hands, rinsed her face and patted it dry, then grimaced at herself in the mirror above the white enamel wash basin in the corner of the room.
‚They could have put a loo and a shower in,‘ she said as she turned on the two squares of tiles backing the basin.
Before pulling the door shut, Samantha winked a good-bye to Beethoven. She took the staircase, ignoring the wrought-iron lift and slipped through the smaller door inlaid in the massive house portal.
Half a block down the road, yellow lamps glowed through the glassblown windows of the Hirtenwirt. The Gasthaus door held a menu in German and English. ‚Wiener Schnitzel, that’s what I’ll have.‘ Samantha pushed aside the heavy winter curtain still hanging over the door to keep off the evening drafts. She saw an empty table for two at the far end of the room and made her way to the seat which would put her back against the wall. The wood panelling with its ledges of country patterned plates just above her head felt comforting.
‚Sie wünschen, Fräulein?‘ the waiter said. ‚Wiener Schnitzel und Wein, bitte.‘
‚Weiss?‘
‚Yes, white.‘ She didn’t touch the sliced black bread in the basket on the table. Every slice added a Schilling to her bill. And the bread would spoil her appetite. Apart from breakfast, she realised that she had only had coffee the whole day. ‚I’ll have to stop that coffee …‘
The waiter brought her breaded veal and Samantha squeezed lemon over it, flicking the decorative anchovy roll aside with her knife.
‚Try it with a mixed salad, Samantha.‘
She jerked her head up and her eyes met Fritz’s. ‚I’m sorry if I startled you. I looked for you this afternoon.‘
‚Hallo Fritz.‘ Samantha concentrated on cutting the meat.
He eased his long body into the rustic wooden chair opposite her. His hair stood even more on end as if electrified. His eyes widened as if to draw her gaze to his.
‚I’ve been caught up in a number of things – with the agency. I think I told you I dealt in art photos, aesthetics, that sort of thing …‘
‚No, you didn’t.‘ Samantha looked up. ‚How did you know I was here?‘
Fritz stared at her, holding her gaze. ‚You don’t like riding trams, do you?‘
A tiny shiver ran through Samantha’s mind. ‚I followed you,‘ Fritz said, a quiet smile cruising his lips.
She felt she could not escape. She felt she did not want to.
‚And Now that I’ve found you … would you be free on Sunday? I’d like to take you to an exhibition.‘
Silently she sipped her wine and steadied her gaze, crossing her legs under the table. ‚Of your photos? I mean, the ones of the … agency?‘
‚No. Schiele. Egon Schiele.‘
‚A photographer?‘
‚No, Samantha. An Austrian painter. He died in 1918.‘
‚I’ve never heard of him. So he’s not modern?‘ ‚He is, in a way. Shocking even – then and now.‘ Fritz smiled. ‚So, will you come?‘
Samantha cocked her head to one side and let her gaze slip over Fritz’s face. ‚Shocking? In which way?‘
‚You’ll see. I’ll pick you up at 11, we can have a bite to eat and then go to the Belvedere.‘
‚The Belvedere?‘ The palace converted to an art gallery? Samantha thought. ‚Yes, I’ll come. But you don’t know where I live,‘ she teased.
‚So are you going to tell me?‘
Samantha hesitated. ‚Pension Czernik, ‚ she then said. ‚Josefstädter Strasse. You can ask for me in the reception. I’m in the Beethoven room.‘
Fritz rose and gave her a look that could have held a wink, but his eyelid did not move. ‚Sunday it is then. Enjoy the mixed salad.‘
‚But I …‘ Samantha stared agape as Fritz left the restaurant, turning once more to wave before he passed through the heavy curtain. What had she got herself in to this time? she thought. Sunday. Fritz. Egon Schiele. Well, she still had Saturday to do some research.
He had followed her. More than once. She had sensed him near. She had even willed it. Why did she feel drawn to him? She, too, had been born in Vienna. Suddenly her mother’s words flashed across her mind. ‚Never trust your own countryman abroad.‘ Was Fritz a countryman? Was this abroad? Could she trust more than the patchwork of her life’s origins allowed? Where was that instinct from the bush, the one that had always got her out of trouble?

Samantha finished her Schnitzel and called the waiter for the bill. ‚Bezahlen bitte, Herr Ober.‘ Why do research? she thought. I’ll just wait and see what happens. Why did I leave home anyway? ‚Home‘ was becoming a word she was finding harder and harder to define.

Lunch had been a simple affair in the same underground cafe they had met. Samantha and Fritz alighted from the red tram at the Südbahnhof and crossed the broad Wiedner Gürtel to the top entrance of the Belvedere Palace.
The pebbles caught in Samantha’s sling backs. She kept bending to flick them out. The broad grey avenue leading up to the stairs of the palace was flanked by lime trees, punctuated by wooden benches and columns standing like exclamation marks. She waded through the small stones, some smooth some sharp. Fritz adjusted his gait to hers, smiling quietly at her discomfort.
The posters for the exhibition had been plastered on the columns the length of the avenue to the entrance. Always the same sketch – self-portrait of the artist with his mouth open.
‚That one was done with black crayon in 1910,‘ Fritz said.
‚His hair’s almost like yours,‘ Samantha said. But I’m glad you have more clothes on, she thought as she felt a tinge of heat at the base of her throat. The drawing stopped just below a hand over the artist’s stomach. But it was obvious he had modelled in the nude.
They went up the broad marble staircase to the first floor. Fritz paid two entry tickets and with a sweep of his arm ushered Samantha to the left.
‚The exhibition starts here – his early works.‘ The shiny wooden floors caught the click and clatter of shoes, Not many people. three-metre high ceilings. Pictures spread out. The early works were portraits – men in their stiff white stand up collars, women with hats and lace choking their throats. Then followed interiors, landscapes. Just like any old painting, Samantha thought.
‚Schiele studied at the Academy of Fine Arts in Vienna,‘ Fritz said. ‚It was hard to get in. Someone now famous tried a few months before him, but didn’t make it. Guess who?‘
‚I don’t know. Who?‘
‚Adolf Hitler.‘
A waft of a smile touched Fritz’s lips as he steered Samantha into the next room. The style had changed. There were still portraits and interiors and outdoor scenes – mostly of houses. But the style had become more angular and the women’s clothes were highlighted by rings of gold and red.
‚Egon’s teacher at the academy said the devil had sent him,‘ Fritz said.
‚Doesn’t look too devilish to me,‘ Samantha smiled. She wondered why Fritz used Schiele’s first name. No one called Picasso Pablo.
‚Wait. Here you see Gustav Klimt’s influence – you know that famous picture, don’t you? The Kiss?‘
Samantha had seen prints of the opulent gold and colourful spirals enfolding the lovers in a cloak. It was flaunted on calendars and postcards in the tourist shops. She nodded. ‚Did Klimt say that to him about the devil?‘
‚No, Klimt wasn’t his teacher. In fact he told Schiele that he was the better one.‘
‚Klimt does have more gold – I don’t understand,‘ Samantha said.
‚You will.‘

As they moved into the next room, the style had changed yet again. ‚Egon and his model, Wally, had moved to Krumau in Bohemia when he did these,‘ Fritz said.
A water-colour and crayon picture of a little girl sleeping on her stomach was the first thing Samantha saw. The blues, greens, reds and whites of her checked blouse and striped skirt contrasted with the black coverlet on the bed and with the flesh of her naked buttocks and legs. Another showed two teenage girls locked in each other’s arms, the black of their garb offsetting the white of their faces and the flesh above their stocking tops.
‚They banished him from Krumau … for ‚public immorality‘.‘
‚No wonder,‘ Samantha said. ‚What’s next?‘ ‚Ah, these ones are special. You know, many people didn’t understand poor Egon. He shocked them, of course, but he lived for his art. These are all of Wally, his … lover.‘
Samantha felt a sudden prickling inside her. Warmth crept to her face. The pictures had become fine angular line drawings on a gouache background. Embracing women, almost nudes but for red or black stockings, or a hitched up bodice. Most half clothed. An orange mouth to match taut orange nipples worn above blatant pubic hair. Two crayon drawings of reclining nudes with fingers darting into nether parts. One nude wore boots.
Samantha turned to Fritz, her cheeks hot. ‚Is that all?‘ She tried to keep her voice steady as if it was something she did every day, look at Egon Schiele’s works.
‚I hope you’re not shocked, Samantha,‘ Fritz said, his thumb gently rubbing her nape.
‚No,‘ Samantha said and shook his hand off as subtly as she could. Fritz dropped his arm. ‚How about some
fresh air? A coffee on the terrace perhaps?‘
‚That would be nice.‘ Samantha felt the warmth in her cheeks fading as they traced their paces back to the entrance. She had seen nudes before, had been to galleries, but Schiele troubled her. Or did he touch something in her?
They sat at a small round wrought iron table on the small terrace overlooking the Schwarzenberg Platz, the spires of St Stephen’s in the distance. The Viennese coffee steamed through the lashings of cream and the sprinkle of chocolate dust.
‚He was grossly misunderstood, you know,‘ Fritz said. ‚One of the greatest artists of our time.‘
‚He’s awfully … erotic,‘ Samantha said. ‚And tortured.‘
‚You’ve understood, Samantha. He was tortured … by his art. He left Wally soon after the incident in Krumau, married and lived happily ever after until ..‘
‚Until?‘
‚He died in 1918, three days after his wife, Edith. Spanish flu. An epidemic. He was twenty-eight.‘
‚How old are you, Fritz?‘ Samantha heard herself saying, Fritz’s features washing in with those of Schiele she had seen on the photos at the entrance.
‚Twenty-eight.‘ Fritz’s laugh was shot with surprise.

That night, Samantha had a dream. In the morning she could only remember snippets: a man with Jake’s eyes, with Egon Schiele’s hair, with Fritz’s voice. Following her in a maze not unlike the gardens in which the aristocracy of bygone days played hide and seek. Then she was alone, huddled in a dark forest glade, feverishly gnawing at some raw meat.
It was Monday and the nozzle of her hot morning shower in the communal bathroom washed the last remnants of the dream away.

Lucas Cejpek

Charybdis Thursday Island

Ich richte mich ein, ja, ich setze mich zusammen, da Herr Test das Flugzeug nimmt und gleich zweimal abstürzt. Ich, ich träume in meinem, meinem Hotelzimmer auf Thursday Island meinen, meinen Absturz als Odysseus. Ich, ich wähne mich zwischen zwei Kriegen und finde Halt zwischen dem, was war, und dem, was sein wird. Nach meinem, meinem Abflug sehe ich, ich mich, mich im Cockpit des Fluges Nr. XXXX der Lauda Air und stürze neuerlich ab. Schubumkehr? So nehme ich zu, so lade ich mich auf.
GROND, Absolut Homer.

I

Wenn die Kameraden von Troja erzählen. Keine Angst. Wenn sie davon erzählen, was war. Ithaka und was geschehen könnte.
Ich stellte mich vor den Spiegel und legte die Stirn in Falten. Ich gähnte mit weit geöffnetem Mund. Ich schrie.
Keine Angst. Als ich den Anruf bekam. Meine Koffer waren gepackt. Als ich von Pen Abschied nahm. Keine Angst. Und am Flughafen eintraf. Meine Kameraden.
Wir hatten nichts anderes zu tun als zu warten. Der Flug beginnt mit Warten. Jede Aktivität setzt aus, jede Gegenwehr gegen die Zeit.
1. Keine Angst. 2. Wenig Angst. 3. Viel Angst. 4. Sehr viel Angst. 5. Panik.
Wenn sich die Türen schließen. Die Höhe. Und keine Luft. Oder ein Herzanfall. Wenn ich ohnmächtig werde. Wenn ich festgeschnallt bin. Und die Maschine brennt, explodiert, die Maschine stürzt ab.
Und weiter: Ich falle. Weiter: Ich werde bewußtlos. Und: Ich pralle auf.
Habe ich Schmerzen? Merke ich überhaupt nichts? Bin ich tot? Was ist dann?
Keine Angst. Als ich die Ansagen hörte. Als ich die Anzeigetafeln las. Als ich die Aufrufe hörte, den Düsenlärm, und die Maschinen sah und das Rollfeld. Als ich meine Maschine sah und sah, dass sie schwarz war.
Ich wußte, was ich zu fürchten hatte. Kirke hatte mir alles gesagt. Was ich zu tun und zu lassen hatte. Alles, nur keine Gegenwehr.
Und wir stiegen die Stufen zum Einstieg hinauf und traten ein und gingen zwischen den Sitzreihen durch und suchten unsere Sitze und schnallten uns an.
Ich war im Cockpit allein. Neben mir Penelope, Pen!, und ich weinte. Tränen! Ich konnte sie nicht erreichen. Wie Kirke gesagt hatte, die Kameraden. Die Heimkehr wurde uns zur Gefahr.
Die wir uns suchten, Gefahr. Die Schönheit ist männlich. Die Steuerung mittels Nacken, Schenkel und Arsch. Wir flogen.
Die Wolken zogen sich zurück und gaben das Blau des Himmels frei. Der Himmel in seiner ganzen Blöße. Das nackte Blau.
Und wir flogen. Ithaka war mein Ziel. Daß wir flogen. Heimwärts, diese Weite. Ich konnte vorwärts gehn wie nach oben, nach unten und zurück. Ich konnte, wie auch immer ich wollte: Alles war meine Bahn.
Der Boden, Ithaka war meine Grenze. Nachdem Troja gefallen war: Ithaka! Ich flog. Westwärts, gegen die Zeit. Ich wußte, dass ich nicht sterben konnte. Ich war in der Luft. Das Licht.
Himmelslicht. Blau. Zum Zeichen meiner Ungeduld: Loopings: zum Zeichen meines Zorns. Wenn ich an Ithaka dachte: Troja! Du hast mich empfangen im Blut, das ich vergießen werde, das Blut fremder Männer.
Tragflächenschaukeln hieß Sorglosigkeit. Auch Mattigkeit. Müdigkeit, wenn ich an Ithaka dachte, stellte ich die Motoren ab und überließ die Maschine dem Wind.
Bis es passierte. Plötzlich: Der Bereich der Zwischenfälle ist so groß, dass es unmöglich ist, einen Zwischenfall zu definieren. Deshalb kann ich auch nicht mit Sicherheit sagen, was geschehen ist an diesem Tag.
Die Wettervorhersage: Mittlere bis gefährliche Turbulenzen in Verbindung mit Gewittererscheinungen mit eventuell extremen Turbulenzen bei schweren Gewittern.
Das war gestern. Heute, das Wetter war klar. Die Gewittergebiete, zwischen denen ich flog, waren 30 Kilometer entfernt. Flughöhe 7.000 Meter. Ich schaltete den Autopiloten ein und begab mich nach hinten.
Die Maschine begann zu rütteln. Die Kameraden wurden in ihre Sitze gepreßt. Ich fand mich am Boden wieder. Auf allen vieren kroch ich von Sitz zu Sitz nach vorn und in meinen Sitz.
Die Wolkendecke war erreicht. Flughöhe 2.700 Meter. Gas. Der Schub in meinem Rücken, mein Gewicht am unteren Teil meines Rückgrats. Die Maschine stieg steil auf.
Ich drückte die Maschine herunter, um in einen Geradeausflug überzugehn. Und das Wasser wich zurück, und eine Insel stieg auf, eine Inselgruppe.
Ich wurde von meinen Sicherheitsgurten gehalten, während die Kameraden aus ihren Sitzen gerissen wurden und flogen, die Bierflaschen und Whiskyflaschen, gegen die Decke, wo sie schreiend hingen, die Kameraden, bis die Maschine wieder in den Geradeausflug überging.
Mein ganzes Gewicht auf meinem Sitz. Ich zog eine Schleife. Ich flog mit konstanter Geschwindigkeit geradeaus, als es passierte. Plötzlich.
Ein Staubkorn am Himmel. Ich sah es, sofort, aus dem Augenwinkel. Ich sah: eine fremde Maschine. Und dass sie schwarz war. Ich sah das Gesicht der Pilotin.
Pen!, und ich wachte auf. Ein plötzlicher Aufwind hob mich empor, ich drückte die Maschine nach unten. Das Wasser. Die Weichteile des Gesichts sind abgesunken, die Haut ist bleich, grauer Schleier.
Der Aufwind trug mich hoch, schwarzer Schleier, mit 3.000 Metern pro Minute nach oben. Vermehrte Lungenventilation, die Zwerchfellbewegungen sind sehr eingeschränkt. Eine Insel.
10.000 Meter, 12.000 Meter, Abwind. Wadenkrämpfe, die unteren Gliedmaßen nehmen an Umfang zu. Mit 300 Metern pro Sekunde dem Boden entgegen, Bewußtseinsverlust.
Sturzgeschwindigkeit 890 Stundenkilometer. Das Herz ist leer. Die Maschine überschlug sich und blieb mit der Unterseite nach oben liegen.
So muß es gewesen sein. Als ich erwachte, am Himmel Asche, Bleistifte, Gläser, Taschenlampen, Handbücher, Zigarettenkippen. Wir hingen in unseren Sitzen festgeschnallt, Kopf nach unten.
Keiner rührte sich, es war vollkommen still. Ich schnallte mich ab und ließ mich fallen. Die Kameraden blieben völlig ruhig mit dem Kopf nach unten hängen.
Ich schnallte sie ab, und sie fielen in meine Arme. Einer nach dem andern. Ich half ihnen auf. Zum Ausgang. Einer suchte nach Zigaretten, ich schlug ihm ins Gesicht, ein anderer nach seinem Portemonnaie.
Ich schlug ihnen ins Gesicht. Die Ausgangstür. Ich schrie. Ich zerrte an ihrer Montur. Ich flehte sie an auszusteigen. Sie rührten sich nicht.
Einer stand in der Tür und weigerte sich hinunterzuspringen. Ich trat hinter ihn und trat ihm in die Kniekehlen und in den Rücken, ich trat sie hinaus. Einen nach dem andern.
Der letzte, der sprang, war ich. Traumlos geschlafen. Ich weiß, ich habe geträumt, ich habe alles vergessen. Der Fernseher läuft, und ich schenke mir von meinem Whisky nach, zollfrei von der Isle of Skye, und drehe den Ton auf. „Call me!“
Nach Mitternacht sehe ich, was ich morgen in einem der General Stores sehen werde, zwischen Haushaltsartikeln verstaubte Videos: Sex. „Call for the most fun You can have on the phone!“ Das Gesicht und das Telefon, Standardausführung.
Dazwischen ist nichts. Keine Stimme, kein Körper. Der Kommentar sagt mir, was ich sehe, die Telefonnummer, nachdem ich gesehen habe: Das Kleid ist wie die Lippen rot. Oder eine Portraitgalerie, weiblich, unten links ein Männergesicht. Ich dämpfe die Zigarette aus.
Ich stehe auf und trete ans Fenster. Am Himmel die Sterne: Ein Mann (Kentaur und Wolf) steht in einem Kanu (Körper und Schwanz des Skorpions, der Anker der Schütze), in der linken Hand einen gezackten Speer (Kreuz des Südens), sorbi oder Eugenia, eine apfelähnliche Frucht mit roter Schale (der Rabe), in seiner rechten Hand.
Tagai, und ich erinnere mich: Am Ende der Geschichte wird der Jäger in einen Felsen verwandelt. Harry Massi wird mir davon erzählen, und von Basooki, der sich in einen Gimpel verwandelt hat. „Er ist nach Mer geflogen, um nach unsren Familien zu sehn. Er ging auf den Mast zu und plötzlich war er vor unsern Augen verschwunden.
Dann hörten wir das Geräusch von Flügelschlag in der Nacht. Eine Stunde später schauten wir auf und sahen einen Gimpel am Mastkorb. Dann erkannten wir plötzlich Basooki an Deck. Er hatte eine Mangoblüte im Haar. Er sagte, er habe sie von Mer mitgebracht, und unsere Familien seien wohlauf.“
Es ist vier Uhr früh, und ich liege wach. Der Fernseher läuft, Musikvideos ohne Ton. In 12 Stunden werde ich an der Hauptstraße stehen, vor einem der General Stores, und ein Wagen wird aus der Kolonne ausscheren und vor mir parken. Eine Frau wird aussteigen, und ihre Haut wird noch weißer sein in dem schwarzen Kleid.
Und Mark wird mich fotografieren, an eine der Kanonen gelehnt, hoch über dem Ort, die grüne Kette der Inseln im Hintergrund. Die Soldaten haben vergeblich auf russische Schiffe gewartet, wie sie 50 Jahre später vergeblich auf die Japaner gewartet haben. Die Kanonen ragen schwarz gestrichen ins ungeschnittene Gras.
Und ich werde in den „Torres News“ lesen, in den „Police News“ auf Seite 2, dass die Rettung am letzten Samstag um 4 Uhr 30 die Polizei benachrichtigt hat, dass ein Toyota Landcruiser mit Colin Walter Brand am Steuer offensichtlich außer Kontrolle geraten ist, gegen den Rinnstein gestoßen ist und sich überschlagen hat.
Bei meiner ersten Inselrundfahrt gestern abend habe ich die Stelle mit eigenen Augen gesehn, eine übersichtliche Kreuzung. Der Flugzeugmechaniker an der Bar hat vom Spital erzählt, dass es hier nicht einmal Sauerstoff gäbe, keine Chance. „He had no chance at all.“
Ein Schluck Mineral – ich trinke kein Leitungswasser, obwohl das Wasser hier, wie mir Michael versichert hat, aus dem Reservoir kommt, von der höchsten Erhebung der Insel, zwei dreieckige, dreckig-braune Teiche, die ich noch sehen werde, das Regenwasser wird zum Großteil über eine Pipeline unter dem Meer von Horn Island herübergepumpt – und eine Zigarette, während das Nachtprogramm ausläuft, Musikvideos noch bis sieben.
Dann Nachrichten. Die „Torres News“ liegen in der Mitte aufgeschlagen auf meinem Bett, französisches Doppelbett, das Fernsehprogramm von Freitag bis Donnerstag, zwei Kanäle, ABC und Ten, der Sender steht über dem Reservoir, „Caution“. Ein Drahtgitterzaun, an dem sich Efeu hochrankt oder wilder Wein bis über den Aufsatz aus Stacheldraht.
Meine Festung liegt nach wie vor im Dunkel, mein Garten. Blumentisch, -schale, -ständer: jardiniere. Das Paradies ist künstlich. Die Kerube und das zuckende Flammenschwert. Nachdem das Grand vor zwei Jahren abgebrannt ist, ist das Jardine das erste Haus am Platz. Und weil es so neu ist, ist es in keinem Reiseführer verzeichnet.
Die Kerube heißen Michael und Mark. Michael ist blond, Mark ist schwarzhaarig. Beide sind um die 30. Und vom Festland, wie sie mir erzählt haben, sind sie auf eine Annonce hin hierher gekommen: to make money. Also machen sie alles: Portier und Putzmann, Chauffeur, Kellner, Barmann.
Somerset Maugham ist 1916 hierher gekommen, nachdem er in Sydney gehört hatte, das hier sei der letzte Ort, den Gott geschaffen habe, das Letzte. Daß es hier nichts zu sehen gäbe und dass man ihm die Kehle durchschneiden werde.
Maugham hat auch nichts von der Insel gesehn als das Hotel nach seiner nächtlichen Ankunft – das Grand, von dem noch die Grundmauern stehen, und Hinweisschilder – und den 93jährigen French Joe auf dessen Sterbebett im Spital, seine Stimme schwand immer wieder und plötzlich, sie klang, als spräche er aus dem Grab.
Das „Torres Strait Radio“ meldet sich heute erst wieder am abend, um viertel nach sieben, eine Dreiviertelstunde „Party Line“, und ich stehe auf und schalte die Lüftung ein. Der Lärm treibt mich ins Bad und unter die Dusche, die stickige Luft. Das Fenster ist fest verschlossen, damit die Lüftung funktioniert, die einzige Verbindung nach draußen.
Mittwoch, 6. April, 2 Uhr nachmittag: Tätlicher Angriff auf einen Mann in Aunt Mary’s Bakery, zwei Häuser von mir entfernt an der Promenade. 9 Uhr nacht: Tätlicher Angriff auf eine Frau in der Bar des Torres Hotel, eine Parallelstraße weiter, die Hauptstraße dieses „einzigartigen Orts“, wie Willie Nelson, der einzige hauptberufliche Fremdenführer, annonciert, „ein Bauerndorf auf einer Insel.“
3.000 Einwohner, Insulaner der Torres Straße, von Papua, den Philippinen, Malaysien, Indien und Sri Lanka, Japan, China, Aborigines und Europäer. Ich werde keinen von ihnen sehen, wenn ich zu Mittag zum ersten Mal durch den Ort gehen werde, das Gesicht und die Unterarme, Nacken und Hals mit Sonnenmilch eingecremt, und den Hut tief in die Stirn gedrückt, ich halte ihn am Riemen fest, unterm Kinn.
Es ist 5 Uhr früh, und ich stehe am Fenster, ein Handtuch um die Hüften geschlungen, und mühe mich mit dem Fenster ab. Bis es sich öffnet, einen Spalt breit. Ich kehre ins Bett zurück, nachdem ich die Lüftung abgestellt habe: das Pfeifen.
„Der Wind ist eine Person,“ wird Harry sagen. „Sogar der Zyklon, der große Wind, wird von uns nicht beim Namen genannt. Wir nennen ihn Em.“ Und die Taube, die gegen Ende der Südost-Saison den Halbkreis der Inseln beschreibt, südwärts auf Nahrungssuche, nennen die Eingeborenen „gainau“: Sie legt ihre Eier in die Mangroven der Ostküste von Cape York und kehrt mit ihren Jungen nach Nordwesten zurück, nach dem Nordwest-Monsun.
Schlaflos am Fenster, Nacht. Drei Lichter unter dem Himmel, der überschwemmt ist mit Sternen. Tagai, und ich suche nach einem System, das mir hilft, mich zurechtzufinden, zwischen Schiffbruch und Kopfjägern, wie die Chroniken sagen, am Rand der Welt.
„Vielleicht gibt es keinen Ort von dreieinhalb Längengraden, der mehr Gefahren in sich birgt als die Torres Straße“, hat Matthew Flinders notiert, als er sie 1792 passierte, an Bord der „Providence“, Captain Bligh hat 23 der 150 Inseln kurzerhand nach dem Alphabet benannt, mit den Buchstaben A bis V.
Es bleibt mir nichts anderes übrig, als zu warten. Und die drei Lichter draußen am Meer werden Fischerboote sein. Wenn es hell sein wird, in einer guten Stunde werde ich alles sehn: das Grau des Asphalts, die braunen Sandstreifen, der Grünstreifen zum Meer hin, der Strand.
Auslegerboote, die in der Sonne verrotten, Hunde und spielende Kinder. Tom Nakata, der hier geboren wurde, wird mir von seiner Arbeit beim Zoll erzählen – Inspektionen auf See, Quarantäne – und seine Evakuierung erwähnen – Internierung am Festland von 1942 bis 46 – während wir auf den Stufen sitzen, die hinunterführen zum Strand: grauer Sand, nasses Braun und Steine.
„Schiffbrüchige sind keine Menschen. Sie sind die Geister der Toten,“ wird Harry sagen und mich durch sein Haus führen, das wie die meisten Häuser hier auf Pfählen steht, damit die Luft unter dem Boden durchstreichen kann und durch das Haus, Fenster und Türen stehen offen.
„Wir haben ein Feuer gemacht, ein großes Feuer. Nachdem es heruntergebrannt war, bauten wir einen Rost, auf den wir die Toten legten. Wir haben sie einbalsamiert und mit weißen Federn bedeckt. Dann wurden sie über der Erde bestattet.“
Tom wird mich zum japanischen Friedhof führen, unter Bäumen lichtblaue Stelen, und Bäume, die aus den Gräbern wachsen, Feigen. Er wird mir den Wongai zeigen, die roten Früchte sind noch nicht zu sehen. Oder nicht mehr, es ist Herbst. Und er wird mir erklären: „Wer seine Früchte ißt, wird wie die Taube wiederkehren.“
Zum Abschied wird mir Harry eine kegelförmige Muschel schenken, „wauri“, damit ich begreife, was er mir gesagt hat, während Tom, als ich ihn zum Auto begleite, noch einmal sagen wird, was hier in den letzten Jahren alles geschehen ist. Und ich werde die astronomischen Preise – die Tafeln zwischen heruntergekommenen Häusern im wuchernden Gras – mit anderen Augen sehen.
Halb sechs. Ich habe das Fenster geschlossen: die Stille, das flackernde Licht: Der Fernseher läuft, und ich liege wach. Wie oft habe ich schon die Zeitung gelesen und wie viele Bücher, bevor ich hierher gekommen bin? Um zu vergessen. Ich stehe auf und gehe ins Bad.
Seit den 50er Jahren, nach 100 Jahren Perlmuschelfang, gibt es hier keine Arbeit mehr. Plastik statt Perlmutt: Wohlfahrt und Kinder. 35 öffentliche Einrichtungen für die 10.000 Bewohner der Torres Straße, die sich als eigene Nation empfinden: „Selbstverwaltung bis zum Jahr 2001“.
Jetzt wird das Ergebnis der zweiten Kommunalwahlen angefochten, zumindest auf Yam. Die „Torres News“ bringen die Fotos der Ratsvorsitzenden von Badu, Darnley, Dauan (eine Frau), Hammond, Saibai, Seisia, Stephen und Yorke. Auf dem Foto am Titelblatt sind junge schwarze Frauen in kurzen, weißen Kleidern zu sehen, weiße Schleier und Schuhe, und in der Mitte, bis über den Kopf, bis zum Boden in Weiß, ein Mann.
Es ist kurz vor sechs, und ich muß mich für eines der Badetücher entscheiden, die alle gleich aussehen, grün. Mein Doppelzimmer ist für drei gedacht: Neben dem Doppelbett steht ein weiteres Bett an der Wand, für die überzählige Decke, den Polster, den Überwurf in der Farbe der Wände, grau mit bunten Flicken.
Über meinem Bett hängt ein Bild von Harry Nona, der hier geboren wurde, 1971 auf dieser Insel, der Captain Cook auf der Heimreise von Tahiti ihren Namen gegeben hat, an einem Donnerstag 1770. Oder es war ein Mittwoch im Jahr der Französischen Revolution, als Captain Bligh im offenen Boot Wednesday Island passierte, an Tuesday Island vorbei Richtung Westen: Thursday und Friday Island.
Keiner von beiden hat seinen Fuß auf die Insel gesetzt, die in der Sprache der Eingeborenen „waiben“ heißt oder „trockener Ort“. Das Bild über meinem Bett zeigt zwei Tintenfische, Weiß auf blauem Grund, die Girlanden der Wellen. Ich stelle den Wecker ab, der auf halb acht gestellt ist – Frühstück von sieben bis neun – mein Wecker auf Ortszeit.
„Stellen Sie Ihre Uhr zurück.“ Und ich wartete auf die Nacht. Ich legte die Augenbinde an, die vor dem Start verteilt wurde, mit den Kopfhörern. „Geben Sie die Kopfhörer vor der Landung zurück, Sie können sie anderswo nicht verwenden.“ Der Bildschirm zeigte mir, wo ich mich gerade befand. Wieviele Kilometer vom Ort des Abflugs entfernt, die Zeit bis zur Ankunft.
Die Entfernung wächst, die Zeit läuft ab. Im geschlossenen Kreislauf der Maschine. Spielfilme, Videoclips, Neues aus der Welt der Mode, Nachrichten: „Inflight News“, Chanel 9: Fortsetzung des Festlandprogramms. Der Ton zum Bild auf Kanal 1 oder 2. Die restlichen zehn Kanäle: Endlosschleifen.

Auf dem Weiterflug werde ich den Anfang eines Interviews mit einem australischen Schriftsteller hören, der in Frankreich lebt und einen Roman über den Völkerbund geschrieben hat. Die Hauptfigur ist eine australische Diplomatin, ihr Vorbild eine kanadische Diplomatin, deren Hand der Autor gehalten hat, dieselbe Hand, die Roosevelt die Hand gedrückt hat, und so weiter zurück.
Wenn es Odysseus gegeben hat, muß es jemanden geben, der mit ihm über Handschlag verbunden ist. Ich nehme die Automatikkamera vom Nachttisch und stelle mich vor den Spiegel, links oben der Fernseher läuft, Musikvideos ohne Ton, und drücke ab. Ich schalte den Ventilator an, der sich in der Mitte des Zimmers dreht, und lege mich auf das Bett.
Die zweite Zigarette vor dem Frühstück, das ich allein einnehmen werde, meine dunkelblaue Windjacke hängt über dem Stuhl rechts von mir, weißes Plastik die Stühle und Liegen am achterförmigen Pool, in den Meerwasser rinnt, über am Beckenrand aufgeschichtete Steine.
Die Mauer ist hoch genug, dass ich niemanden vorbeigehen sehen kann, wenn ich unter dem Vordach sitze, und das Meerwasser rinnt über die aufgeschichteten Steine in den achterförmigen Pool. Nur der Kopf eines Traktorfahrers, links von mir der schwarze Kopf über der lichtblauen Mauer, die grüne Krone der Feige.
Vor mir in den Palmen heftiger Wind, während sich über mir die Ventilatoren drehen. „Are You from T.I.?“ Aus den Lautsprechern in meinem Rücken Musik: Cessa, Rita und Ina. Die Mills Sisters, Mangoblüten im Haar, die Augen sind hinter den spiegelnden Gläsern nicht zu sehen.
Sie tragen T-Shirts mit Palmen, wie ich sie in jedem Andenkenladen hier finden werde, T-Shirts mit Schildkröten oder Krokodilen, und die Musikkassette der Schwestern, das Meerwasser und Besteckklimpern rechts aus der Küche, die Köchin begrüßt einen weiteren Gast: der „Captain“ in weißen Plastiksandalen und abgeschnittenen Jeans.
Die grauen Bundfaltenhosen der Stewardessen, wenn sie sich strecken, die Stewardessen, um die Handgepäckfächer zu schließen. In der Propellermaschine zuletzt wie im Jumbojet: Gleich nach dem Start ein Ablenkungsimbiß. Jetzt kein Menü mehr, sondern ein Sandwich.
Weil ich gestern nichts zu abend gegessen habe, werde ich eine Omelette nehmen, natürlich extra. Hier ist alles extra, im Zimmerpreis nicht das Frühstück und im Frühstück nicht die Omelette inbegriffen.
Nachdem ich das Zimmer im voraus bezahlt habe, werde ich anschreiben lassen: das Frühstück, eine Omelette, ein Glas Bundaberg, mehrere Flaschen Bier, zwei Filme, mehrere Ansichtskarten, die Zeitung, das nächtliche Ferngespräch.
Ich ziehe mich an, meine Jeans, weißes Hemd, und setze mich ans Fenster, der Busch, dunkles Grün, die Schlangenlinien der Flüsse und Nebenflüsse, das Meer, Grün, das hellere Grün der Riffe, der Busch und das Grau, eine Rollbahn mitten im Busch, und die Maschine zog eine Schleife, zurück aufs Meer.
Die Windmaschine in meinem Rücken, während es draußen schlagartig hell geworden ist – 6 Uhr 25 – und der Wind die Palmen bewegt, die Fahne, die mich an die UNO-Fahne erinnert: auf blauem Grund ein weißes Hufeisen, das in der Mitte zerbrochen ist, um einen weißen Stern.
Und die Maschine zog eine Schleife, zurück aufs Meer, fuhr die Räder aus, direkt vor meinem Fenster, und setzte zur Landung an. Wir stiegen aus und gingen, Maschinen der unterschiedlichsten Bauart waren über das Flugfeld verstreut, durch die Ankunftsbaracke: Horn Island.
Die Fahnenstange, der Strommast, die Kabel. In der Waagrechten die Bergrücken der Inseln – in der Mitte das Festland, die australische Landspitze – Wolken.
Das Gepäck wurde in einen Anhänger gestapelt, und der Kleinbus fuhr viel zu schnell über die Piste, an einem Werkgelände oder Schrottplatz vorbei, Buschwerk, bis wir das Meer erreichten. Von der Betonplattform stiegen wir in die Fähre hinunter.
Die dünnen, roten Streifen in der Fahne, die das Türkis vom Blau trennen. Das gebrochene Hufeisen erinnert mich an einen Helm, oder eine Mädchenfrisur, der Kopf ist ein Stern.
Das erste Zeichen meiner baldigen Ankunft: ein Rettungsring, Schwarz auf Rot: „Thursday Island“. Eine halbe Stunde später – ich schaute längst nicht mehr auf die Uhr – legten wir an.
6 Uhr 34. Das Lichte, das Blau. Das Lärmen der Vögel. Die Vögel, aus denen, wie man hier sagt, die Toten sprechen. Vögel und Schlangen, andere Tiere gibt es hier nicht. Und Ameisen, die spitze, baumstumpfähnliche Bauten aufführen, in der Mitte ein senkrechter Spalt.
Ich wandte mich an einen dunklen Mann, der am Pier stand, die Hände vor sich am Geländer, und aufs Meer hinausschaute: „Hotel Torres?“ Ich wiederholte meine Frage und setzte ein „please, Sir“ hinzu. Worauf er eine Hand vom Geländer hob und nach links deutete.
Jedesmal, wenn ich aufschaue, hinaus, hat sich die Szene aufgehellt, der grüne Bug meines Schiffs, das Dreieck der Palmen, der Sonnenschirme – drei graue Schirme – und draußen liegen drei Boote vor Anker.
Auf dem Parkplatz am Ende des Piers stiegen zwei Weiße in einen Lastwagen: „Hotel Torres?“ – „Ich nehme Sie mit,“ sagte der Fahrer und wies auf die Ladefläche: ein paar Gepäckstücke, Rostflecken, ein Ölfleck.
Ein Boot zieht durch das Dreieck der vor Anker liegenden Boote, nach wie vor in voller Beleuchtung. Die Sonnenschirme, das Dach rechts von meinem Fenster ist grau, und unter mir die weißen Röhren des Vordachs: „Somerset Restaurant“.
Im Werbeprospekt ist die Aufschrift zu sehen, Blau auf Weiß, das dreiteilige Vordach – nachdem die erste europäische Siedlung an der Spitze Cape Yorks (1864) vom Untergang bedroht war, hat John Jardine die Stadt seiner Eltern hierher verschifft (1876) – das weiße Dach des Motels, der weißgestrichene Metallzaun wurde durch eine lichtblaue Mauer ersetzt.
Auf dem Rasen gegenüber, auf der anderen Seite der Straße – Normanby Street, die Jardine Street ist die nächste Parallelstraße westlich – erinnert ein Stein unter einer mächtigen Feige an die Jardines, der Stein ist mit einer leeren Bierflasche gekrönt: XXXX.
So heißt hier das Bier, Four X oder Rot oder Gelb oder Blau vor irgendeinem Namen. Ich habe die Marken vergessen, die ich probiert habe, alle, um zu vergessen. Daß ich hier bin. Warum ich hierher gekommen bin.
Ich warf meinen Flugkoffer hinauf, und meinen Bordkoffer, und stieg über die Tritteisen hinauf, über die Seitenklappe auf die Plattform. Ich nahm auf meinem Flugkoffer Platz und hielt mich an der Verstrebung fest.
Der Laster bog nach rechts ab, nach links, wieder links die Straße hinunter: Wellblech und Holz, zum Teil bunt bemalt, zum größten Teil ausgebleicht, staubig, die Fenster vergittert.
An der zweiten Querstraße, unter einer mächtigen Feige hielt er an: Rot auf Gelb: „Australia’s ‚Top‘ Pub“. Der Fahrer wünschte mir noch viel Vergnügen.
6 Uhr 48. Ein blonder junger Mann in leuchtend blauen Shorts geht vorbei, ein schwarzer Mann in dunkelblauen Turnhosen, und keine Frau, der ich folgen wollte, mit dem Blick aus dem Zimmer und auf die Straße, die Promenade entlang, vorbei an IBIS-Store und Federal Hotel, zwischen Boat und Bowls Club und Football-Feld. Und von all dem nichts sehen, nichts als ihren Gang, den Hügel hinauf, am Gerichtsgebäude vorbei und auf die Polizeistation zu.
„Ein Zimmer für eine Nacht.“ Ich zahlte im voraus. Ich war ohne Gepäck gekommen. Mark begleitete mich zum Torres, um meine Koffer zu holen, mit dem Bus. „Für die paar Schritte.“ Es wurde langsam dunkel.
Er stellte den Bus auf dem Parkplatz ab und folgte mir die Treppe hinauf in mein Zimmer. Er kümmerte sich um mein Gepäck, während ich in den Schankraum hinunterging, um den Schlüssel zurückzubringen, und das leere Bierglas.
„I like your jacket.“ Ein junger Farbiger zupfte mich am Ärmel. „Gib sie mir,“ sagte er. Und eine Farbige sagte, „Scheiß Tourist!“
Der Wirt schenkte schwitzend ein Bier um das andere aus und kassierte, während mich ein Weißer in ein Gespräch über die gemeinsame Überfahrt zog.
Und die Wirtin kam mit meinen Buchungsscheinen: „Regeln Sie das selbst mit dem Reisebüro.“
Ich ging durch den Vordereingang auf die Straße und um das Haus herum auf den Parkplatz, wo der Bus auf mich wartete: meine erste Besichtigungsfahrt: T.I. by night.
„Ich würde hier nicht spazierengehen,“ sagte Mark, „nicht bei Nacht. Meiden Sie das Torres.“
Und ich trat ein und an die Bar, die sich durch eine Spielhalle zog. Münzautomaten, der Fernseher lief, Schweiß und das Bier aus den Hähnen. An den Holztischen, zwischen den Tischen und Tresen dunkle Männer und Frauen, die leuchteten, die Farben der Kleider.
Hinter dem Tresen, vor gläsernen Kühlschranktüren die Wirtin war blond. Ich bestellte ein Bier und mußte zahlen, sofort. „Ich habe ein Zimmer bestellt, für eine Nacht.“ Ein bärtiger Weißer, leicht angegraut, kontrollierte die Papiere meines Reisebüros.
Der Hoteldiener erschien, ein altersloser Mann, die grauen Hosen waren um die Mitte zu weit, und er hinkte mit meinen Koffern – ich folgte ihm, das Bierglas in der Hand – durch das Lokal – die Gäste machten uns Platz – die Hintertreppe hinauf, vorbei an Bauschutt, ein Parkplatz mit einer riesigen Satellitenschüssel, in den ersten Stock, ein langer, lichtloser Gang.
Durch die offenen Türen zur Damen- und Herrentoilette fiel Licht herein, durch die offene Tür zur Dusche. Und er schloß die Tür auf zu meinem Verschlag. Nackte Holzwände, zwei grobgezimmerte Pritschen, dazwischen ein schmaler Gang, ein Brett diente als Ablage, und der Pfosten neben der Tür?
Auf den grauen Handtüchern lag ein kleines Stück weiße Seife. Keine Fenster, von der Decke hing eine nackte Glühbirne, und über der Tür das Surren der Lüftung.
„Ich gebe Ihnen das Zimmer nebenan.“ Das gleiche Zimmer, aber das Schloß war sicher. Ich sperrte ihn in meinem Zimmer ein. Ich sperrte mich mit ihm ein. Das Schloß funktionierte, und ich war allein.
Ich leerte mein Bier im Stehen und trat hinaus auf den Gang und schloß hinter mir ab – mein Gepäck, ich ließ das Licht brennen, die Lüftung blieb an – und stieg die Treppe hinunter und über den Schutt und ging über den Parkplatz hinaus auf die Straße und über die Kreuzung die Straße hinunter zum Strand.

Nicht mehr als vier Kilometer im Quadrat. Wir trafen uns am Strand und gruben ein Loch in den Sand, zwei Meter mal einen Meter und einen halben Meter tief. Den Boden legten wir mit Steinen, zehn bis zwanzig Zentimeter im Durchmesser, aus, darauf dünne Zweige und auf die Zweige Äste, einen Meter hoch. Auf den Stoß wieder Steine. Ich zündete das Feuer an, und wir warteten, bis es heruntergebrannt war. Die glühenden Reste verteilten wir mit langen Stangen, die Asche zwischen die Steine, die wir mit Palmzweigen bedeckten. In der Mitte ließen wir eine Stelle frei, auf die wir eine Schildkröte legten, auf den Rücken, und rundherum Schlangen, die wir zerteilt und die Teile in Palmblätter eingeschlagen hatten, Fische und Vögel, und bedeckten sie mit Bananenblättern, einen halben Meter hoch, und die Blätter mit Säcken, die Säcke mit Sand.

Harry sitzt in seinem Küchenstuhl, zwischen einem Außenbordmotor und einem Auslegerkanu mit zerbrochener Takelage, Kühlschränken, Zeremonienmasken für Tanzfeste und Waschmaschinen. „Sage mir nicht, wie du heißt. Ich sage dir, wer du bist.“ Und während er spricht, ist sein linkes Auge geschlossen.
„Du bist kein Vogel. Du warst kein lautes Kind, in dem man den Vogel erkennt auf der Sandbank, am Kreischen. Dein Totem ist das Krokodil.“ Und Harry erzählt von Mer, seiner Insel im Osten, der Wälder beraubt, die Frauen verschleppt, und die Männer zum Perlentauchen gezwungen.
„Wenn die Schiffe auftauchten, begruben die Männer die Frauen und Mädchen bis zur Nase im Sand.“ Das hat ihm sein Großvater erzählt, und sein Vater vom Generalstreik 1936 und von den Haien. „Wir durften keine Taucheranzüge tragen wie die Japaner, und keinen Helm. Wir vertrauten nur unseren Frauen die life-lines an.“
Harrys Frau ist vor acht Tagen gestorben, und als sie starb, flatterte sie mit den Armen. „Sie schlug mit den Armen wie eine Schildkröte mit den Armen auf und ab. Sie lag auf dem Bett wie eine Schildkröte auf dem Rücken am Strand. Da wußte ich, dass sie sterben würde. Sie wurde zur Schildkröte und kehrte ins Meer zurück.
Der Garten ist meine Heimat. Als ich jünger war, kletterten meine Frau und ich jeden Tag den Hügel hinauf. Wir blieben dort, bis es dunkel wurde, und arbeiteten in unserem Garten.“ Es ist so dunkel geworden, dass ich Harry nicht mehr sehen kann. „Hinter den Gärten wurde ein langer Zaun angelegt, als Windfang in der stürmischen Jahreszeit.
Zur Tamar-Zeit legten wir Speiseopfer den Zaun entlang auf den Boden und zogen uns festlich an für den Tanz. Wir brachten Federn an unseren Schultern an, wie wir es früher machten, wenn wir uns für den Krieg rüsteten, und wir riefen: ‚Wir können fliegen, wir sind stark!‘
Wir säen unser Getreide bei Ebbe. Niemals bei Flut. Bei Ebbe kann man die Felsen über der Wasserlinie sehen. Wir glauben, die Felsen sind wie die Früchte. Mit der steigenden Flut werden mächtige Kräfte, die Kräfte des Wachstums, zurück an Land gedrückt. Wir ernten unser Getreide, wenn das Wasser zurückweicht.
Ich besitze nichts als die Sterne. Nicht wie man sie am Himmel sieht, sondern wie sie zur Erde gekommen sind. Die Geschichte der Sterne, die gehört mir. Der Himmel ist voll von Geschichten. Wir müssen nur lernen, sie einander zu erzählen. Das ist alles. Damit machen wir jeden zu einem Teil der Geschichte.“
Tagai, ich bin eingeschlafen. Zum Träumen blieb keine Zeit. Zahlreiche Spuren an der Vorderkante des Felsen lagen in fast horizontaler Linie. Wir gaben uns ganz der Arbeit hin. Wir haben das Ausmaß des Schreckens vergessen.
Die linke Tragfläche und der Vorderteil des Rumpfes hatten den Felsen zu genau derselben Zeit berührt. Folglich mußte die Maschine fast horizontal geflogen sein. Und wir zerlegten das Wrack in seine Teile, die wir sorgfältig prüften, die Trümmer, und fotografierten, jedes einzelne Teil, bevor wir die Maschine zusammensetzten.
Auch wenn der Fall abgeschlossen war, die Aufklärung war längst nicht vollständig. Was wirklich geschehen war: unser Absturz. Die Ursache blieb wahrscheinlich: der Himmel. Und wir stiegen auf.

II

Die Maschine stieg auf, und wir lagen in der Luft, nichts als Himmel. Schläge. Die Zeiger der beiden Geschwindigkeitsmesser sanken auf Null. Ich drückte den Steuerknüppel nach vorn.
Sturzflug. Ein Schlag. Unkontrollierbarer Sturzflug. Wir rasten dem Boden entgegen. Die Steuerung ließ sich nicht bewegen. Und wenn doch, ich hatte die Wahl.
Zwischen sicherem Absturz und wahrscheinlichem Auseinanderbrechen. Die Triebwerke auf Gegenschub.
Die Maschine zerbrach, und wir hingen in der Luft. Ich sah das Wasser zurückweichen und eine Insel aufsteigen, einen Baum, und hörte die Kameraden auf dem Wasser aufschlagen, während ich fiel, in die Krone des Feigenbaums, seine Früchte platzten auf, und ich fiel in Bewußtlosigkeit.
Es war tiefe Nacht, als ich erwachte, der Himmel Metall, das im Mondlicht glänzte. Ich stieg durch die Äste und sammelte die Trümmer ein, nachdem ich sie fotografiert hatte, meine Kameraden.
Ich prüfte jedes einzelne Teil, bevor ich die Maschine zusammensetzte, die Heckflosse hinter das Cockpit, die Tragflächen als Rotorblätter.
Ich stieg auf, wo ich abgestürzt war, in den Himmel. Ohne zurückzuschauen, hinunter. Schau nie auf deinen Bodenschatten, wenn du fliegst. Ich flog.

LUCAS CEJPEK, geb. 1956 in Wien, Studium der Germanistik in Graz, Dissertation über Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften“ als Kulturtheorie, Lehrbeauftragter, Rundfunkjournalist, lebt seit 1990 als freier Schriftsteller, Hörspiel- und Theaterregisseur in Wien.
„Diebsgut“, Essays, 1988; „Nach Leningrad. Ein Stück“, 1989; „Ludwig“, Roman, 1989; „Und Sie. Jelinek in ‚Lust'“, 1991; „Vera Vera“, Roman, 1992; Paul Wühr: „Wenn man mich so reden hört. Ein Selbstgespräch“, aufgezeichnet v. L.C., 1993; „Ihr Wunsch. Gesellschaftsroman“, 1996.

Steven Eddleston

The Doctor’s X-files

#1

E.T.: THE EXTRA
CHOLESTEROL.

#2

NOW… URKZOD I BELIEVE YOU BROUGHT SOMETHING BACK FROM THE MILKY WAY FOR SHOW AND TELL?

#3

ALL RIGHT YOU CAN GO TO ANOTHER McDONALDS BUT YOU KNOW THE DRILL: AS SOON AS SOMEONE RECOGNISES YOU WE BEAM YOU UP!

#4

YEAH, YEAH, YOU’RE FROM ANOTHER PLANET AND YOU DIDN’T KNOW YOU HAD TO PAY TO PARK HERE… SPARE ME BOYS I’VE HEARD ‚EM ALL.

Volker Wolf

Die australische Lyrik der letzten Jahrzehnte

Während unter Literarhistorikern die These umstritten ist, dass die australische Lyrik bis in die Mitte des 20.Jh. hinein – von Ausnahmen abgesehen – eine lokalkolorierte Nachahmung englisch viktorianischer Dichtkunst gewesen sei, so herrscht doch weitgehend Einigkeit darüber, dass sie in den 60er Jahren unseres Jahrhunderts ihre Qualität von Grund auf veränderte. Als häufig genanntes literarisches Zeugnis dieses Wandels gilt die Anthologie von Rodney Hall und Thomas Shapcott New Impulses in Australian Poetry die 1968 erschien. Was war geschehen? Um es auf ein Kürzel zu bringen: Australien war in den Jahrzehnten nach dem Krieg international hellhöriger geworden und hatte sich vor allem den Vereinigten Staaten gegenüber weit geöffnet. Für die Lyrik bedeutete das die Abkehr von W.B. Yeats und W.H. Auden und die Rezeption von T.S. Eliot, William Carlos Williams, E.E. Cummings, Ezra Pound oder Robert Frost. Eine junge Generation australischer Lyriker wie Bruce Dawe, Andrew Taylor, John Forbes, Les Murray oder John Tranter warfen voller Begeisterung die als langweilig empfundene traditionelle Syntax, den traditionell streng gebundenen Rhythmus der vorausgegangen Generation eines A.D. Hope, eines James McAuley oder einer Judith Wright über Bord und wandten sich einem einfachen, an der Umgangssprache ausgerichteten Stil zu, der ihrem neuen städtischen Lebensgefühl eher entsprach.

Dieser frische Wind der späten 60er Jahre lüftete auch ganz entscheidend die literarischen Produktionsbedingungen dieser jungen australischen Dichtergeneration. Statt sich weiterhin an die gängigen Literaturvermittler wie das Literaturmagazin Bulletin oder an Tageszeitungen wie das AGE zu verkaufen, entschlossen sich viele Autoren, ihre Gedichte selbst zu verlegen oder sich mit KollegInnen zusammenzuschließen und selbst eigene Literaturmagazine herauszubringen. In kurzer Zeit explodierte der literarische Markt. Dichterlesungen gewannen an Popularität. Das Taschenbuch trat seinen Siegeszug über den traditionellen Leinenband an. Selbst etablierte Verlage widmeten sich plötzlich der neuen Lyrik und verschafften ihr damit auch in etablierten Kreisen die entsprechende Anerkennung.

Während der siebziger Jahre zeigen sich erste Zerfallserscheinungen in der 68er Bewegung. Spaltungen, Zerwürfnisse und Parteiungen innerhalb der neueren australischen Dichtergemeinde sind keine Seltenheit. Dabei manifestieren sich die Unterschiede ebenso geographisch – z.B. zwischen Melbourne und Sydney (wo sich dann wieder Unterfraktionen in konkurrierenden Magazinen bekämpfen – z.B. New Poetry mit Robert Adamson steht Poetry Australia mit Grace Perry und Bruce Beaver gegenüber) – wie auch künstlerisch, indem z.B. Autoren wie Robert Gray oder Les Murray die Einstellung vertraten, Dichtung müsse sich auf Greifbares, Objektivierbares beziehen und dabei an das Beschreiben von Geschehnissen, Charakteren oder Landschaften dachten, ohne jedoch das Gedicht in seiner eigenen Realität unterschatzen zu wollen; Dem widersetzten sich Autoten wie John Tranter oder John Forbes, die sich ganz auf die spielerische Qualität von Sprache verlegten, und sich den Zufälligkeiten eines phantasievollen Umgangs mit Sprache überlassen wollten.

Auffällig ist, dass sich in den 70er Jahren auch Lyrikerinnen an die Spitze der Avantgarde setzen. Kate Llewelyn und Susan Hampton zeigen mit ihrer Anthologie The Penguin Book of Australian Women Poets, dass Frauen wie Judith Rodriguez und Jennifer Maiden sehr wohl in der Szene präsent waren. – Gisela Triesch wird sich im Nachwort dieses Bandes eingehender mit der Situation der australischen Autorinnen auseinandersetzen.

Die achtziger Jahre erweitern das Spektrum der australischen Lyrik um zwei wichtige Strömungen: Die schwarze Lyrik einerseits und die ethnische Dichtung andererseits.

Schwarze Autoren wie Oodgeroo Noonuccle (Kath Walker) Jack Davis oder Mudrooroo Narogin (Colin Johnson) stehen mit ihrer künstlerischen Arbeit im Rahmen einer politischen Bewegung, die sich offensiv gegen das weiße Australien zur Wehr setzt (z.B. der Kampf um Landrechte). Sie schildern die Erfahrungen ihrer bedrohten oder sterbenden Kultur, wobei sie oft zum traditionellen Duktus ihrer mündlich überlieferten Geschichten greifen. Außenseiter in dieser Gruppe ist ein weißer Autor, Banumbir Wongar, der mit einer Aboriginefrau verheiratet ist; er schlüpft in eine schwarze Haut und schreibt Gedichte wie wie ein Aborigine. Als weißer Autor unter Schwarzen gehört Banumbir Wongar damit auf seine Weise zu den ethnischen Autoten, die den anderen wichtigen Strang im Lyrikspektrum der achtziger Jahre darstellt.

Natürlich kündigte sich die ethnische Literatur schon erheblich früher an. Einer ihrer ersten Förderer war Robert Adamson, der mit seinem bereits erwähnten Magazin New Poetry, (bzw. Poetry Magazine, das war der Vorgänger) viele der heute bekannteren ethnischen Schriftsteller entdeckte und erstmals publizierte. Ethnische Schriftsteller sind die in der ersten oder zweiten Generation eingewanderten Australier wie z.B Walter Billeter, Peter Skrzynecki, Vicki Viidikas, David Malouf, Antigone Kefala, Manfred Jurgensen und Rudi Krausmann, um nur einige zu nennen. Der Begriff ethnisch oder multikulturell bürgerte sich als neutrale Bezeichnung für ein Schrifttum ein, das zuvor als marginal abgewertet worden war und erst im Zuge einer gesellschaftlichen Anerkennung der landesspezifischen Minoritäten-Kulturen sich einen Platz im ‚Mainstream‘ verschaffte.

Das wohl bedeutendste Forum der ethnischen Schriftsteller in den achtziger und neunziger Jahren ist das Literaturmagazin Outrider. Mit finanzieller Unterstützung des Literature Board of Australia (heute: Literary Arts Board of the Australian Council) wurde Outrider 1984 von Manfred Jurgensen gegründet. Es war von Anfang an die erklärte Editionspolitik dieses Magazins, der Literatur australiengebürtiger Autoten die Literatur der Einwandererschriftsteller – auch in ihrer eigenen Sprache – zur Seite zu stellen und damit den staatlich-ideologisierten Multikulturalismus im literarischen Bereich Wirklichkeit werden zu lassen. Ganz offensichtlich beschäftigt sich diese Dichtung in besonderer Weise mit dem Thema der Identitäten: der eigenen, mitgebrachten oder von den Eltern und der Gemeinschaft vorgelebten Identität, die sich zu entfremden droht und der ansozialisierten ‚fremden‘ australischen Identität, die sich zusehends mit der eigenen Identität vermischt und zu dominieren beginnt.

Zum Schluß noch ein Wort zum Umfang der Lyrik im kulturellen Leben Australiens. Obwohl die Lyrik überall schon seit jeher eine relativ unbedeutende Gattungsform ist, genießt sie in Australien ein beachtliches Ansehen – was nicht zuletzt dem Literary Arts Board und dessen konsequenter Forderungspolitik zu verdanken ist. Die Auflagenhöhe durchschnittlicher Lyrikpublikationen in den Vereinigten Staaten und in Großbritannien ist im Vergleich nur zwei oder dreimal so hoch wie die australische, obwohl beide Länder Australien bevölkerungsmäßig um ein Vielfaches übertreffen.

aus: Made in Australia, Gangaroo 1994