Tom Saalfeld

Ticket nach Arkan

Ich drückte die Reval aus und beseitigte das Kratzen im Hals mit einem kräftigen Schluck Kaffee. Dass man fast vierzig werden musste, um so lange frühstücken zu können wie man wollte. Leisten konnte ich mir das eigentlich noch nicht, aber ich tat es dennoch. Die Kündigung vor zwei Wochen war die längst fällige Zäsur, die den dahindümpelnden Kahn endlich in ertragreichere Gewässer umleiten sollte.
Vierzig, das magische Datum. Von da an kam die Rente in Sicht, auch wenn man die Augen noch so sehr zukniff. Viele atmeten bei dieser Wendemarke erleichtert auf, zumindest innerlich und dachten sich, nur noch ein paar Jährchen, vielleicht schon mit fünfundfünfzig Vorruhestand und dann dolce vita bis die Knochen bröseln.
Meine Visiereinrichtungen waren schon von Kindesbeinen an auf andere, außergewöhnlichere Ziele justiert. Ich träumte von Abenteuern, fremden Ländern und exotischen Schönheiten und, natürlich, jeder Menge Kohle, um das alles und was der Planet sonst noch zu bieten hatte, ruhig und gelassen genießen zu können.
Mit dem Ingenieursdiplom in der Tasche ging’s dann auch richtig zur Sache. Schwarzes Meer, Zentralasien, sogar China; je verwegener und entlegener, desto besser. Mein Mutterkonzern hatte vom schlüsselfertigen Kraftwerk bis zum Megastaudamm alles im Angebot, so dass sich mir jungem Spund genügend Chancen boten, die persönlichen Grenzen auszuloten.
Doch mit den Jahren stellte sich Ernüchterung ein. Immer wieder die gleichen Arbeitsabläufe, immer wieder die gleichen nervtötenden Komplikationen. Nur der Anstrich änderte sich – der Rest öde Monotonie. Der konnte man nur entfliehen, wenn man ganz nach oben gelangte. Dorthin, wo wirklich noch Weichen gestellt wurden, doch dazu reichte es nicht. Meine Talente waren bemessen, so drückte es einmal einer meiner Vorgesetzten aus, solide, aber bemessen. Ein anderer hätte sich damit zufriedengegeben und im Mittelmaß weitergeplätschert, doch das war nicht mein Ding. Besonders nicht nach der Scheidung von Ulrike.
Das Miststück nahm mich ungeniert aus wie eine Weihnachtsgans. Vom mühsam aufgebauten Sportwagen bis zur Ferienwohnung in der Türkei war alles mit Riesenverlusten durch den Schornstein geblasen worden, nur um diese Schlange und ihren raffgierigen Anwalt zu saturieren. Nur gut, dass sie zu frigide war, um Kinder in die Welt zu setzen. Deswegen hatte sogar ich mich mal untersuchen lassen. Sie sind beide kerngesund, hatte der Quacksalber getönt, alles nur eine Frage der Zeit.
Ich war trotzdem beschissen genug dran. Dabei war sie von Geburt an stinkreich. Ihr Vater, eine Koryphäe auf dem Gebiet der Röntgendiagnostik, hatte ihr zur Vermählung ein sündteures Cabriolet geschenkt und auch später nachgelegt, wann immer seiner Supertochter der Sinn nach etwas stand. Und plötzlich, als der Riss nicht mehr überbrückbar war, setzte das große Versickern ein. Über Nacht wurde die Prinzessin auf der Erbse bettelarm. Da ich gegen die Anwälte der ehrenwerten Familie nicht den Hauch einer Chance hatte, musste ich in den sauren Apfel beißen. Zahlemann und Söhne war angesagt, bis zur Vergasung.
Doch die Herrschaften irrten, wenn sie glaubten, in mir den alles schluckenden Dukatenesel gefunden zu haben. Sie ahnten nicht, wie weit ein entschlossener Betrogener gehen konnte, um zu seinem Recht zu kommen. Es gab auch andere Mittel und Wege als den dicken Scheck. Direktere und dreckigere, aber nicht minder wirksame.
Ob es nur ein Zufall war, dass ich kurz nach der Scheidungsverhandlung Murad, einen Studienkollegen aus den guten alten berliner Zeiten, getroffen hatte? Die Wut und der sich himmelhoch auftürmende Hass fanden durch diese Begegnung rasch Bahn und Richtung. Brodelnde Emotionen verwandelten sich in berechnendes Kalkül. Die Rache biblischen Ausmaßes endete nicht mehr zwangsläufig hinter schwedischen Gardinen. Der Horizont klarte auf und die ganze Misere erschien plötzlich als Chance zur radikalen Erneuerung.
Murad war genau der Mann, auf den ich gewartet hatte. Sein Vater, der berühmt berüchtigte Ibn Kasser herrschte mit harter Hand über das am persischen Golf gelegene Königreich Arkan. Murad war zum Studieren nach Deutschland geschickt worden, um später zu Hause die rücksichtslose Industrialisierung als geschulter Fachmann mit vorantreiben zu können.
Er war hochintelligent und bekam sein Diplom eineinhalb Jahre vor mir. Wir hatten uns auf Anhieb gut verstanden und so manche Nacht in Kreuzberg durchzecht. Der gläubige Moslem wurde bei derartigen Gelegenheiten einfach an der Garderobe abgegeben. Und diese Burschen gaben sich nicht mit Alkohol zufrieden. Konsumiert wurde alles, was der Markt hergab. Mit einer Selbstverständlichkeit, die wohl nur Orientalen zu eigen ist.
In Arkan bekleidete er einen hohen Rang beim Geheimdienst. Das hieß hauptsächlich Bekämpfung der Oppositionsgruppen, mit allen Mitteln selbstredend. Mehr als einmal war ich während meiner Stippvisiten seinen Einladungen in die Verhörzentren gefolgt. Was dort ablief, spottete jeder Beschreibung. Ein Gestapooffizier hätte derartige Methoden abgelehnt. Die Überreste der Arrestanten konnten des öfteren in einem mittleren Eimer abtransportiert werden. Obwohl mich Murad schonend, soweit möglich, in die Geheimnisse der arkanischen Verfahrensweise einführte, blieb bei mir ein schaler Nachgeschmack zurück, auch heute noch.
War das notwendig, um den Staat, die Ibn Kasser Dynastie zu schützen? Notwendig vielleicht, aber nach westlichen Maßstäben nicht mehr vertretbar. Nach westlichen Maßstäben, genau das war der springende Punkt. Ein arabischer Herrscher saß nur fest im Sattel, wenn er den ungehorsamen Untertanen mit eiserner Knute auf den Pelz rückte. Sanftmut und Mitgefühl waren Attribute für die Weiber im Harem.
So was hielt sich der alte Kasser selbstverständlich auch. Murad brachte mich auch dort auf den Geschmack.
Was heißt auch, nein, ein begeisterter Folterknecht bin ich trotz Murads Anstrengungen nie geworden. Das war wirklich nur als Sadist erträglich oder wenn man mit Inbrunst an Kassers Mission glaubte. Das tat ich nicht, jedenfalls nicht ohne wenn und aber, doch ich muss zugeben, dass mich der Mann faszinierte. Er hatte sich von ganz unten aus einer Tagelöhnersippe heraus nach ganz oben gearbeitet. Das war keine geringe Leistung in einem Landstrich, der seit Jahrhunderten von einigen wenigen Familien dominiert wurde. Wer unten saß, hatte gefälligst unten zu bleiben.
Kasser belehrte sie eines Besseren. Jetzt stammten fast alle Minister aus seinem Clan. Außerdem ließ sich Ibn Kasser auch nach seiner Machtübernahme außenpolitisch nie völlig vereinnahmen, weder von den Amis noch von den Russen. Er bediente sich ihrer nur, wenn er Waffen brauchte, um seine Großmachtsgelüste an seinen Nachbarn auszuleben. Da das nicht selten der Fall war, trat er fast nur noch in Uniform auf , als der immer gewappnete Protektor des Vaterlands.
Dann natürlich sein Stil: die herbe, unheimlich männliche Brutalität, die auch bei jeder noch so gut vorbereiteten Fernsehansprache nicht weg retuschiert werden konnte. Man wusste immer, dass mit dem Mann nicht gut Kirschen Essen war. Einfach beeindruckend.

Diesem Mann und diesem Regime sollte ich mich ausliefern, dort eine Funktion übernehmen und alle Brücken hinter mir abbrechen. Murad hatte mir genau das nach unserem ersten gemeinsam auskurierten Kater vorgeschlagen. Dem Köder war ich damals halbtrunken ein paar Längen hinterhergetorkelt, ähnlich einem übersatten Hecht, bei dem nur kurz die Reflexe die Bewegungssteuerung übernahmen, doch geschluckt hatte ich ihn erst nach der Sache mit Ulrike, nach dem Zusammenbruch meiner Welt.
Es war nicht allein der physische Schmerz wegen des Betrogenwordenseins; ich kam nebenbei bemerkt nur zweimal im Jahr für je drei Wochen nach Hause und befriedigte die zwischenzeitlich anfallenden Bedürfnisse vor Ort mit Kolleginnen oder einheimischen Prostituierten. Mir ging es mehr um das Materielle, um das über den Tisch gezogen werden von dieser verlogenen Bourgeoisiesippschaft, die einen zertrat wie eine vorwitzige Kakerlake.
Vielleicht wären meiner Sehnsüchte nach einer anderen, abwechslungsreicheren Daseinsform auch doch noch eingeschlafen. Wenn Ulrike mir nicht derart in den Rücken gefallen wäre. Ich drücke es so aus, weil ich es so empfinde. Eine Feministin würde dazu wahrscheinlich sagen:Gleiches mit Gleichem vergolten, aber die mussten sich ihr Kleingeld nicht im Ausland, auf harter Montage verdienen. Die wussten nicht, was es hieß, sechs Tage in der Woche mindestens zwölf Stunden lang Dreck fressen zu müssen, fernab der gewohnten umsorgenden Infrastruktur. Wenn da ein Mann ab und zu ein bisschen schwach wurde…mein Gott, das war doch noch lange kein Grund, sich ernsthaft mit so einem Typen einzulassen.
Geschenkt. Es war geschehen und ich wusste nun, wie ich darauf zu antworten hatten. Murad hatte mir nach unserem letzten Treffen versprochen, sich umgehend zu melden. Dieses Versprechen machte er heute wahr. In der Post befand sich ein Brief von ihm. Aus Arkan.
Ich schenkte mir Kaffee nach und steckte mir eine weitere Zigarette an. Noch nie hatte von einer Nachricht so viel abgehangen. Ich öffnete das blaue Kuvert mit dem Brotmesser. Schon umspielte ein Duft aus Tausend und einer Nacht meine empfangsbereiten Sinneszellen. Murad, der Fuchs, wusste genau, wie er mich einseifen konnte. Ohne ein Wort gelesen zu haben, war ich ihm schon verfallen. Bereit, auf alle Forderungen einzugehen. Das musste ich auch, denn Murad hatte schon mehrfach angedeutet, dass ich für meine ‚Aufenthaltsgenehmigung‘ eine Art Eintrittspreis zu entrichten hätte. Dessen Ausformung erahnte ich schon.
Eine von Murads besonderen Stärken war das Erkennen der Absichten seines Gegenübers, auch wenn sie sich noch so tief hinter seiner Stirn befanden. Er würde also etwas verlangen, was sich mit meinen Plänen deckte.
Ich überflog hurtig die üblichen Begrüßungsfloskeln…alter Freund, auf ewig ins Herz geschlossen, werde weiterhin alles für dich tun…nur Blabla konnte man fast sagen und suchte weiter nach einer klaren Botschaft. Doch ich fand sie nicht, war blitzartig am Ende angelangt und hatte nichts Konkreteres in der Hand als ein Date am Freitag Abend in dem von ihm bevorzugten Hotel in Frankfurt. Ich fing noch mal von vorne an, im Glauben die Botschaft einfach überlesen zu haben. Doch auch beim dritten und vierten Versuch fand ich nichts, Murad wird es mir verzeihen, außer arabischen Salbaderns.

Was sollte das? Er hatte mir doch versprochen, einen Plan auszutüfteln, bei dessen Verwirklichung sich all meine Probleme in Luft auflösen würden. Oder hatte ich ihn überschätzt und seine Andeutungen schlichtweg mißverstanden?
Nein, unmöglich, bei dem, was ich von ihm wusste, war absolut klar, dass es für ihn keinerlei moralische Schranken gab. Der alte Kasser hatte ihn sicherlich schon als Kleinkind Exekutionen beiwohnen lassen. In der Richtung konnte nichts anbrennen. Einfaches Vergessen und Verdrängen kam ebenfalls nicht in Frage. Das vertrug sich nicht mit seinem Ehrbegriff, von dem sich in der Beziehung so mancher Bundeswehroffizier eine Scheibe abschneiden konnte. Hatte man einmal sein Vertrauen und seine Zuneigung gewonnen, war er treu und ergeben wie ein Schäferhund.
Trotzdem, der Brief enthielt keine verbindliche Direktion, nur Floskeln. Ich legte ihn ins Kuvert zurück und inhalierte tief. Er hatte sich dabei doch etwas gedacht. Ich drehte den Umschlag um und betrachtete die kunstvoll geschnörkelten Buchstaben des Absenders. Da fiel der Groschen. Murad war der Sohn eines weltbekannten Diktators, Angehöriger eines gegenerischen Dienstes und bestimmt kein unbeschriebenes Blatt beim BND. Wie sollte er da ganz offen höchst verfängliche Botschaften per Post weitergeben können, ganz mir nichts dir nichts? Was war ich nur für ein Gimpel. Als ob wir uns früher alles einfach so geschrieben hätten. Er wollte mir seine Vorstellungen selbstverständlich persönlich, in intimer Atmosphäre mitteilen, so dass nicht dutzendweise Staatslaffen mitinformiert wurden. Wie man nur so gewaltig auf der Leitung stehen konnte. Man durfte solche Dinge eben nicht zu hitzig angehen.
Das war also geklärt. Bis Freitag. Blieben noch drei Tage, oder? Leider war meine Uhr schon letzte Woche stehengeblieben. Nix mehr mit Datums- und Wochentagsanzeige. Wie schnell man doch nachlässig werden konnte. Oh Murad, wo würde ich ohne dich enden?
Ich hatte Glück. Auf einem der heute zugestellten Werbeblättchen war auch der Wochentag angegeben. Also Dienstag, ich hatte mich nicht getäuscht. Nach dem Abspülen stand sofort ein Vorsprechen beim Uhrmacher zwecks Batteriewechsel auf dem Programm. Ich schätzte, dass ich in nächster Zeit unbedingt auf die Dienste der Casio angewiesen war. Staub, Dreck und Erschütterungen hatte sie immer erfolgreich widerstanden, nur das Wasser scheute sie seit einigen Monaten. Vielleicht konnte man das auch gleich miterledigen. Falls wirklich ein Einsatz nach Rambomanier auf dem Programm stand. Murad, diesem alten Barrasknochen, war auch das zuzutrauen. Was mir wohl sonst noch in seinen Fängen bevorstand, nach bestandener Aufnahmeprüfung?
Ich muss zugeben, dass sich ganz hinten in meinem Oberstübchen auch so etwas wie leise Bedenken regten, wenn ich den weiteren Ablauf meines Daseins überriss. Der Kasser Clan war bei aller Faszination immer für Überraschungen aller Art gut, eben auch unangenehmen. Wer konnte schon ausschließen, dass eines schönen Tages wieder die Gelegenheit beim Schopf gepackt wurde und man aus nichtigem Anlass einen Krieg vom Zaun brach, trotz allen vorangegangen negativen Erfahrungen? In den Natostäben saßen schließlich auch Vollblutmilitärs, die darauf brannten, ihre Fähigkeiten abseits vom Reißbrett, quasi am lebenden Objekt, unter Beweis zu stellen. Und ich hockte dann mittendrin, suspekt, weil Ausländer, womöglich unter Arrest, als lebendes Schutzschild an eine kriegswichtige Einrichtung gekettet…
Blödsinn, das zu vermeiden, lag ausschließlich in meiner Hand. Ich meine, meine Loyalität zu beweisen. Der Rest stand wohl wirklich auf einem anderen Blatt. Wenn man beim Poker allerdings nichts riskierte, konnte man auch nichts gewinnen. Schwarzer Peter hatte ich lang genug gespielt. Die Würfel waren also gefallen. Philosophische Erwägungen konnte ich immer noch mit siebzig vornehmen, da lief mir nichts davon.
Ich erledigte den Abwasch und fuhr anschließend in die Stadt, um Punkt für Punkt auf meiner Strichliste abzuhaken: Uhr, Zahnarzt, Kleidung, Versicherungen, Karten (von Arkan, um mich mit der Topographie vertrauter zu machen) und noch etliche andere Sachen. Ehe ich mich versah, schlossen die Geschäfte. War eigentlich auch nicht verwunderlich, denn man wanderte schließlich nicht jeden Tag aus.
Die Ladentische bogen sich förmlich unter den angebotenen Waren. Würde ich auch das vermissen? Arkan-City zählte zwar fast zwei Millionen Einwohner, doch damit konnte es nicht aufwarten, auch nicht in den abgeschotteten Nobelvierteln. Die High Society jettete zum Shopping nach Paris oder New York, der Rest musste sich in den Slums mit den Krümeln bescheiden.
Eines fragte ich mich schon lange. Konnte Ibn Kasser nichts gegen das Massenelend in seinem Staat tun oder wollte er es nicht? Seine großen historischen Vorbilder hatten sich nicht derart lumpen lassen. Sie verwandelten ihre Imperien in blühende Reiche, in denen nicht nur die Wissenschaften zu Höhenflügen ansetzten, sondern auch fürs Volk Milch und Honig flossen.
Öl sprudelte zumindest reichlich in Kassers Land. Die vergleichbar ausgestatteten Nachbarstaaten machten jedoch mehr daraus. Bei ihnen fielen davon weitaus größere Brocken fürs Volk ab. Auch wenn man berücksichtigte, dass Kasser mit rigiden Handelssanktionen regieren musste, blieb es zweifelhaft, ob je die Sorge um das Wohlergehen des kleinen Mannes die Maxime seines Handels wesentlich beeinflusste.
Über sein Privatvermögen kursierten seit Jahren die wildesten Gerüchte. Zig Milliarden sollten sich seit Beginn seiner Herrschaft in Schweizer Banksafes angehäuft haben und ein Viertel vom Erlös jedes geförderten Barrels floss angeblich in seine Privatschatulle.
Meiner Meinung nach konnte an diesen Spekulationen nicht viel dran sein, denn warum erzielte Kasser sonst bei jedem Wahlgang derart eindeutige Ergebnisse? Die Untertanen schienen ihren Präsidenten jedenfalls nicht unmittelbar mit der erlittenen Not in Verbindung zu bringen. Oder war alles Kalkül, weil ein unzufriedenes Volk offensichtlich besser fanatisiert und auf einen äußeren Feind eingeschworen werden konnte?
Konnte mir eigentlich auch egal sein, denn ich bewarb mich nicht als Betschwester, sondern als ein Mann, der sich aus den tristen Niederungen seines Daseins emporheben wollte, als ein Soldier of Fortune, ein Glücksritter, dessen Motivation hauptsächlich im materiellen Bereich, weit abseits von weltverbesserischen Neigungen, wurzelte. Zudem schätzte und vertraute ich Murad; das war eigentlich alles.
Ich beschloss, mich nicht länger mit kleinkarierten Überlegungen zu belasten und brauste nach zwei Tassen Kaffee zurück nach Hause. Was sonst noch anfiel, erledigte ich an den beiden folgenden Tagen. Alles verlief erwartungsgemäß und ohne größere Probleme. Es gelang mir sogar, die gut versteckten Sparbriefe ohne schmerzliche Zinsverluste aufzulösen. Freitags startete ich frühzeitig mit leichtem Gepäck und erreichte gegen halb zehn Frankfurt.
Murad schätzte diese Stadt nicht nur wegen der geballten Bankenpräsenz, sondern auch wegen der unzähligen Möglichkeiten, sich schnell und einfach mit Drogen versorgen zu können. Der alte Kasser war mit Murads Ausschweifungen ganz und gar nicht einverstanden, doch es blieb ihm nichts anderes übrig, als zähneknirschend über sie hinwegzusehen.

Schließlich war Murad sein effizientester Spross, der es wie kein anderer verstand, Tradition und Moderne zu verbinden. Nur er war imstande, frischen Wind ins immer noch mittelalterlich angehauchte Staatsgebilde zu blasen. Der Rest von Kassers Brut, wieviele Köpfe sie wirklich zählte, hatte noch niemand endgültig herausgefunden, übte sich hauptsächlich darin, Papis Vermögen im Ausland zu verschleudern oder die Bevölkerung mit peinlichen Aktionen zu verärgern. Ibn Kasser ließ sich jedoch nicht alles gefallen. Erst kürzlich hatte er seinen Jüngsten wegen mehrfacher Trunkenheitsfahrten öffentlich auspeitschen lassen. Die Extratouren hatten wohlgemerkt vorwiegend in London und Paris stattgefunden.
Ich parkte den Wagen nach fast einstündiger Quälerei durch die Innenstadt in der Tiefgarage des Viersternehotels und streifte mir zur Feier des Tages rasch eine Krawatte mit aufgesticktem Halbmond über. Murad, wie immer geschniegelt und gebügelt, quittierte dieses Accessoire mit lautstarkem Beifall, als ich ihm wenige Minuten später in der VIP-Lounge um den Hals fiel.
„Bravo, mein Alter. Das ist genau der Geist, den du brauchst, um in Arkan voranzukommen. Vergiss die ganze Scheiße, die sie dir in eurem Operettenstaat eingetrichtert haben und saug den frischen Wind, der in Arkan weht, tief und ungefiltert in deine prächtigen Lungenflügel. Ernsthaft, du siehst fabelhaft aus. Nach ein paar Monaten bei uns kann man dich wieder zur Gattung Mensch zählen.“
Er wieherte erneut in seiner unnachahmlichen Art und drosch mir seine Rechte zwischen die Schulterblätter. Wie er wieder roch, schlimmer wie ein Hafenpuff in Istanbul. Gott sei dank war er inkognito, sprich mit gefälschten Papieren und ohne seine gefürchteten Leibwächter angereist, die derart brutal vorzugehen pflegten, dass sie auch im rauhen Klima ihrer Heimat des öfteren unangenehm weit übers Ziel hinausschossen und bei fast jeder Gelegenheit unvorsichtige Bürger sorglos dezimierten. Murad focht das normalerweise nicht an, unter anderem, weil er von sich selbst eine sehr hohe Meinung hatte. Nicht ganz zu unrecht, wenn man seinen kulturellen Hintergrund, aus dem er sich emporgehoben hatte, mit in Betracht zog. Aber unter Berücksichtigung der besonderen Umstände hatte er heute auf Begleitschutz verzichtet. Ich musste nur vermeiden, ihn mit seinem richtigen Vornamen anzureden. Insbesondere das Schlagwort Kasser durfte auf keinen Fall durch die Gegend trompetet werden. Ich sprach ihn also gemäß einer früheren Vereinbarung schlicht und einfach mit Achmed an. Aber natürlich war ein Mann von Murads Zuschnitt nicht nur den Staatsschützeren suspekt. Er dürfte auch den Argwohn anderer Abteilungen, zum Beispiel den der Drogenfahnder, erregt haben. So musste allgemein mit großer Vorsicht agiert werden.
„Wie sich dein Schnauzer wieder zwirbelt. Oh la la, da steckten bestimmt die blonden Stewardessen dahinter. (Eine davon hatte er tatsächlich schon mal auf der Bordtoilette durchgezogen, ganz ohne monetäre Aufmunterung). Da sag mir noch einer was gegen die deutschen Fräuleins. Gib’s zu, du kommst nur deswegen so oft zu uns rauf.“
Meine Bemerkung veranlasste ihn, wieder loszuprusten. Der Barkeeper stellte mir unaufgefordert einen Whisky hin und signalisierte unauffällig die vierte Lage. Murad ließ es also von Anfang an richtig krachen. Was er sich sonst noch eingepfiffen hatte, wollte ich gar nicht wissen. Wenn es mir nicht gelang, ihn zu bremsen, waren wir blitzschnell in den übelsten Spelunken versumpft. Ohne dass mein Anliegen erörtert worden wäre. Geschäft und Amüsement wusste Murad immer peinlich genau zu trennen. Ob er nicht schon alles vergessen hatte, was ich ihn beim letzten Treffen ans Herzen gelegt hatte?

Ich stieß heftig mit ihm an und verschüttete absichtlich ein paar Spritzer über sein sündteures Jackett.
„Oh du Bauer. Bekommt er einmal was Anständiges zu trinken, fängt er zu tattern an wie ein Wermutbruder, der seit drei Tagen trocken ist. Wie geht’s eigentlich deiner Alten, der kleinen Schlampe? Vögelt sie immer noch in der Weltgeschichte rum? Wenn du nicht so ein guter Freund wärst, würde ich sie vielleicht gelegentlich beackern.“
Wieder Wiehern. Gut, dass er von alleine auf den Punkt gekommen war. Das vereinfachte die Prozedur wesentlich, denn nichts verabscheute ein Orientale mehr als unsere tumbe Direktheit. Ich legte meinen Zeigefinger auf die Lippen.
„Nicht hier, da hören mir zuviele neugierige Ohren mit. Lass uns nach da hinten ins Eck verschwinden und die Sache kurz und bündig regeln. Du kommst heut‘ schon noch zum Zug.“
Murad schüttelte grinsend den Kopf. Klar, wegen einer Tussi soviel Aufhebens machen, das verstand er in tausend Jahren nicht. Die bei ihm ausgedient hatten, konnten von Glück sagen, wenn sie nicht den Haien zum Fraß vorgeworfen wurden. Murad, der Teufel, fütterte für solche Anlässe an einer abgelegen Mole die netten Tiere regelmäßig an. Angeblich sogar mit Menschenfleisch, so dass die Biester nichts mehr anderes anrührten und die verschmähten Jungfern gierigst erwarteten.
Er folgte mir, allerdings nur nachdem er sich eine Flasche Jack Daniels unter den Arm geklemmt hatte. Für ihn war und blieb es eine Vergnügungsfahrt, auch wenn ich noch so oft zeterte. Ich lotste ihn in die abgeschirmteste Nische des Raums und plazierte einen ausladenden Blumenstrauß auf unserem Tischchen, zur endgültigen Tarnung sozusagen. Murad fasste sofort die stramme Bedienung ins Auge und begann mit einer Margerite das ‚Sie liebt mich, sie liebt mich nicht Spielchen‘ .
„Achmed, du bist ein richtiger Scheißkerl. Obwohl du genau weißt, wie tief ich in der Scheiße stecke, schüttest du dich unkontrolliert zu und unternimmst alles, um die Aufmerksamkeit von irgendwelchen Staatsbubis auf uns zu lenken. Und du weißt, was los ist, wenn du auffliegst. Unter zehn Journalisten geht die Chose nicht ab, trotz der gefärbten Haare und den Kontaktlinsen.“
Meine Vorwürfe schienen ihn nur zu belustigen. Er grinste noch breiter und zündete sich eine seiner ägyptischen Zigaretten an.
„Und du willst mein Freund sein. Du kennst nicht mal meine richtige Augenfarbe. Beim letzten Meeting trug ich Linsen, nicht heute. Meine Haare sind geölt, nicht gefärbt, du Flasche. Das erlebst du nicht, dass ich grau werde! Aber bitte, lass uns zur Sache kommen, bevor dir noch einer abgeht. Das versteh ich bei euch Europäern übrigens überhaupt nicht. Ihr legt die halbe Welt innerhalb weniger Jahrzehnte zweimal in Klump und Asche, erhebt euch wenig später, schüttelt kurz den Staub von den Schultern und macht so weiter als ob nichts gewesen wäre. Wenn euch aber eure Schnepfen ablinken, gibt‘ s Aufstände wie beim Einfall der Hottentotten. Gerade dir hätte ich eigentlich mehr zugetraut.“
Sagte er mir eiskalt ins Gesicht. Wenn er dabei nicht so fies gelächelt hätte, wäre ich sofort aufgestanden und gegangen. Der Sauhund wollte mich nur provozieren, das alte Spiel.
„Trotzdem werde ich dir ein bisschen unter die Arme greifen. Allerdings nur, wenn du willst. Willst du?“
Bei dieser Frage blitzten seine Augen kurz diabolisch auf. Das verhieß nichts Gutes. Ich nickte trotzdem.
„Gut. Du brauchst dich allerdings gar nicht so zu zieren. Ich werde nur das arrangieren, was dir deine lächerlichen Skrupel nicht erlauben. Deine kleine Ziege wird beseitigt und du setzt dich nach Arkan ab, natürlich vorher. So wird dir keiner einen Strick draus drehen können.“
Ich schluckte, auch wenn er recht hatte. Ich würde Ulrike keine Träne nachweinen. Dazu hatte sie mich zu tief gekränkt. Wenn er mir die Dreckarbeit abnehmen wollte, umso besser.
Ich hatte geahnt, dass er mir das vorschlagen würde und deshalb bereits die Folgen durchkalkuliert. Meine finanziellen Sorgen wären zwar auf einen Schlag gelöst, doch Murad würde mich dafür immer in der Hand haben. Was konnte mich schließlich verdächtiger machen als ein spurlosen Verschwinden kurz nach der Ermordung meiner Exfrau, an die ich auf unbestimmte Zeit ein stattliches Sümmchen zu überweisen hatte. Logische Konsequenz daraus: lebenslängliche Interpolfahndung, weil auch die Bullen wussten, dass ein Killer, der den Job erledigte, wenn ich längst über alle Berge war, für ein paar Riesen zu haben war. Und wenn ich einfach so verschwand, ohne mich an Ulrike derart rabiat rächen?
Der einfache, weiche Weg, weil wegen nicht geleisteten Unterhaltszahlungen keine Supercops nach Arkan einsickerten. Der Weg, der jederzeit ein Umkehren möglich machte, wenn das Pflaster am Golf zu heiß wurde. Genau deswegen fiel er flach. Denn Murad hatte sich ebenfalls seine Gedanken gemacht, auch wenn er sich noch so ausgelassen gab. Für ihn kamen keine faulen Kompromisse in Frage, nicht im Geringsten. Mein Rubikon war also mit der Ermordung Ulrikes identisch. Ich hatte ihn bereits überschritten.
„O.k. Wie willst du die Sache erledigen?“ fragte ich entschlossen mein Gegenüber.
Murad füllte erleichtert die Gläser und prostete mir zu:
„Ich ahnte, dass du noch zu Vernunft kommst. Überlass die Kleine mir. Als Gastgeschenk sozusagen…“
Nein, das galt es zu verhindern. Ich wusste, wozu er fähig war.
„Ich will wissen wie. Ich werde nur zustimmen, wenn es kurz und schmerzlos über die Bühne geht. Also?“
Murad verschluckte sich. Das war typisch deutsch. Die Alte kaltschnäuzig erledigen lassen, aber vorher penibel die Modalitäten aushandeln, nach dem Motto schließlich sind wir keine Barbaren. Er erklärte:
„Du bibberst grundlos. Sie ist nicht unbedingt mein Typ. Zu Tode vögeln werde ich sie also bestimmt nicht. Einer meiner Leute steigt in ihre Wohnung ein und mischt ein Pülverchen in den Kaffee…oder Zucker. Das Ganze wird dann so aussehen wie ein Herzanfall. Wenn wir den richtigen Doc für den Totenschein erwischen, wird die Sache wasserdicht. Gebongt?“
Gift! Ich hätte es mir denken können. Nicht weil er besonders human vorgehen wollte, sondern weil er mich so einschätzte. Etwas Aufregenderes traute er mir einfach nicht zu. Ich umklammerte seine Handgelenke und sagte:
„Es soll so geschehen. Von diesem Augenblick an, lenkt Allah meine Schritte.“
„So sei es. Ich verspreche dir bei allem was mir heilig ist, dass du diesen Entschluss niemals bereuen wirst. Wir werden für dich ein adäquates Betätigungsfeld finden. Vielleicht sogar im Technologieministerium. Also keine Bange. Und nun lass uns fröhlich sein und feiern.“

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