Dieter Sperl

GANGAN Lit-Mag #50

Eskapaden für zwischendurch

Significat escapade
Clam profugit

Zuwendung
Das Hotel Belarus war ein dreiundzwanzig Stockwerke hoher Betonklotz, in welchem er im riesigen Frühstücksraum, der sich im letzten Stock des Gebäudes befand und dessen Außenwände verglast waren, viel Mayonnaisesalat mit Algen, fein gehackte rote Rüben, außerdem zwei Spiegeleier, einiges an getoastetem Weißbrot mit Butter und eine Literflasche ziemlich salzhaltigen Mineralwassers zu sich genommen hatte.

Die Gefährten
Ein Foto, das uns alle zeigt: Izzy. Pauline. Irma. FJ. Dora. Und Alex.
Izzy. Kurze Pfeife. Marke Rico Castelli Shorty II #6. Weißes Hemd über der Hose. Silberkette. So ein Hip Hop Ding. Lange schwarze Haare unter einer Mütze.
Tabak Poul Winslow Harlekin.
Vanille, Limonen Gerüche.
Lachte.
Und weiter?
Es war Winter.

Selbstdarsteller
Erfahrungen bodenlos.

(Geisterbewegung)
„Wir sind wild entschlossen, in den Umfragen vorne zu liegen.“

Kürzestgeschichte
Da, gegen Abend, schleppen gestandene Manager bei einem Outdoor-Training zentnerschwere Felsbrocken, fassen sich abgebrühte Betriebsleute an ihre Muskeln, und dann bestellt sie einen gemischten Salat und erzählt von ihrer Schulzeit, als die Jungs hingerissen kreischten, während sie an ihnen vorbeitänzelte. Sie lacht laut, und es klingt, als würde jemand eine vereiste Autoscheibe freikratzen. Heutzutage ist es einfach wahnsinnig schwierig, alt zu werden, sagt sie, und selbst in der Umarmung der Männer bleibt sie unberührbar, Ikone einer kalten, irrealen Lust. Sie lächelt freundlich und einige Passanten falten die Hände.

Aus meinem Leben
Wie ruhig es am Abend ist im Haus. Ganz still. Viele der Männer, die früher um diese Zeit noch nachhause gekommen sind, sind bereits tot. Im mittleren Eingang leben nur noch die Frauen. Die Männer sind schon weggestorben. Hin und wieder geht eine Tür auf. Schritte im Stiegenhaus. Nur die Stille, die um das Haus läuft. Der Wind. Der Geruch der Nacht. Und die Dunkelheit.

Gelegenheitsdarsteller
Matt Stonie, dreiundzwanzigjähriger amtierender Weltmeister im Hotdog-Essen, verdrückte bei der Nathan’s Famous Hotdog Eating Championship im Jahre zweitausendundfünfzehn vor vierzigtausend Zusehern in zehn Minuten zweiundsechzig Hotdogs.

Aufgeschnappt
Ich habe ja nix verbrochen. Gar nix. Meine Zeit ist abgelaufen. Es taugt mir nimmer mehr. Die Knochen tun weh. Und wenn dir alles weh tut, hast du auch keinen Löffel mehr weiterzuleben. Ich habe Geist auch keinen mehr dazu. Nur das eine wünsch’ ich mir: Bald sterben. Aber das lässt sich nicht anschaffen. Da kannst nix machen. Man kann nur warten, bis der Herrgott kommt und sagt: So, Mizzi, jetzt gemma. Als Junger musst du arbeiten, bis du zu etwas kommst, und als alter Mensch bist du dann krank und fertig. Und für was das Ganze? Hat mich gefreut, dass ihr gekommen seid, wirklich. Bleibt’s schön gesund alle miteinander.
Sie trägt eine rote kurzärmelige Weste. Sie ist eine kleine Frau mit zerzaustem Haar. Sie ist fast hundert Jahre alt.

Die Gefährten
Am elften September zweitausendundfünfzehn, kurz vor zwei Uhr morgens, wurde ein alter silbergrauer Citroën im oberösterreichischen Bad Leonfelden im Bereich eines Kreisverkehrs auf der Ausgangsstraße nach Tschechien geblitzt. Die beiden Insassen – beste und unzertrennliche Freunde von Kindheit an, von denen es heißt, sie seien stets fleißig und freundlich gewesen, ohne große Träume und Ziele, hätten gerne an kaputten Autos herumgeschraubt, Bier getrunken und ferngesehen, und wären nur selten in die Landeshauptstadt gefahren, niemals ans Meer, niemals ins Ausland, weil sie das Fremde nicht mochten – wurden danach nie mehr gesehen. Ein Zeuge behauptete, das Fahrzeug um vier Uhr in der Früh auf dem Hauptplatz der Grenzstadt Vyšší Brod gesehen zu haben. Suchaktionen in Discos, Bars, Freudenhäusern, in Wäldern, im Moldaustausee und auf Seitenstraßen blieben ergebnislos.

Ich
Aus der Mitte der Larve
Ragt eine spitze Vogelnase
Durch die Gassen
Das Klingen der Schellen
So zogen sie in den Schnee
Furchen vor jedem Hof
Und säten Rübensamen
Aus Sägespänen und Sand

Ich
Bin zu müde, um ins Bild zu kommen.
Wohne auch nicht mehr zusammen.

Variationen
Ein Buch voller Nebendarsteller schreiben, die alle ihr Schicksal herausfordern und damit zu Hauptdarstellern werden, wenn sie die ihnen dargebotene Möglichkeit behaupten, um damit im großen Geflecht von Ursache und Wirkung einmal kurz aufzublitzen, am Firmament ihrer und unserer Wahrnehmung, darauf hinweisend, dass tatsächlich alles mit allem zusammenhängt und dass diese von unserer Wahrnehmung begehbaren Ausschnitte stets nur begrenzte Konstrukte sind.

Mein wahres Gesicht
Buttererdäpfel mit Salz.

Selbstdarsteller
Wer nicht mehr wiedergeboren werden will, der hebe die Hand.

.aufzeichnensysteme

GANGAN Lit-Mag #50

 

enteignung ansprechen
fingerfertige gefälligkeit

mißstrauen in
offener schale

voreiligkeit verbissenheit
auszugsweise trägheit
ein sieb im abschlag
strohsterne ohne hände

Der Forscher drückt den Arm der Forscherin, um etwas zum Ausdruck zu bringen. Schilfgestecke fahren vorbei, beschleunigen beschaulich, kunstvoll arrangiert mit Möwen. Manchmal fährt ein Wind in ihre Federn. Pusten klänge weniger elegant aber zupackender. Die Forscher können sich nicht erinnern, wann sie sich zuletzt mit ihrer Sprache befasst haben. Zu viel ist geschehen. Einem Erdrutsch gleich haben sich die Verhältnisse um sie herum verändert, von langer Hand geplant. In den öffentlichen Verkehrsmitteln und sogenannten Fahrgastunterständen ist nun auch das Lesen und Schreiben untersagt. Es gilt als „unappetitlich“. Die Forscherin, seit früher Jugend gewohnt, lesend und notierend durch die Großstadt befördert zu werden, greift nervös in die Rückenlehne aus Bakelit.

reiner sprachgebrauch dämmert stillgelegt
ausdauer mit systematik entleert eine taktik
mit frischer stimme allem entsagen

Anscheinend ist alles aus den Bäumen geschüttelt. Sie sind leer. Eine Regenwand steht. Das Glitzern ist vorbei. Man lässt es schleifen. Auch häufen sich Verpflichtungen. Ein Vorhaben zu erläutern. Seine Vorbereitung erfolgt in Form winziger Einheiten die mit dem Wind davongetragen werden.

Diktaphon: was tritt in erscheinung? was habt ihr vor?

Die Forscher erhalten ein Briefkuvert mit Sichtfenster und ohne Absender. Ein handgeschriebener Vermerk warnt: „Vorsicht zerbrechliches Liefergut.“ Sie erbrechen den Brief und finden die zu Bröseln zerdrückten Überreste leerer Eierschalen vor. „Preis“ ist darauf zu entziffern. Man weiß es wieder nicht. Nichts weiß man. Leicht ratlos greift die Forscherin zum Stift: „Wer keinen Bart hat, sollte keinen abschneiden. Vielleicht ungewöhnlich für eine Preisverleihung möchte ich aus gegebenem Anlass noch etwas einräumen, vielmehr mit etwas aufräumen um endlich etwas aufzugeben. Die Wohnungsnot ist keine, nur eine grassierende Wohnraumumverteilung zugunsten der Üblichen in üblen Zeiten. Die Kleine Wohnung, namentlich 1-Raumwohnung ist eine aussterbende Grösse, die unter Denkmalschutz gestellt gehört, da ich ihr mein Schaffen verdanke. Sollten Sie also bezahlbaren Wohnraum haben, zögern sie nicht, an uns heranzutreten, denn wir haben nicht nur uns selbst, sondern gleich 5 weitere unserer Art an der Hand, die Wohnraum in dieser Stadt nicht mehr bezahlen können und daher nomadisierend sich in der Weltgeschichte herumschreiben, kurz: dies ist ein Plädoyer für die kleine Wohnung, auf die unter dem Vorwand der Wohnraumverbesserung seit geraumer Zeit ein langanhaltender Anschlag erfolgt, wiewohl auf deren BewohnerInnen, die diesbezüglich in der öffentlichen Wahrnehmung leicht unter den Tisch fallen, so, wie vermutlich das vorliegende Schreiben. Betrachten sie es somit als gegenstandslos…“

zeit ist ein muskel
sein stichwort lautet „stets“

erstickt hinterrücks
bodenpersonal

erwischt in
der ausschweifung

„ohne einen glaspalast ist das leben eine last“, sinniert der forscher. an jeder ecke mit leerstand spielen sich ihre phantasien hoch. die forscherin würde alles notieren, soweit es in ihren kräften steht. vorläufig lässt sie nur anschreiben. im ganzen ein wartender finger, der auf den tisch trommelt. der gestank kommt nicht aus der umgebung, er steckt in der nase. sie stinkt in sich. verschluckt alles aus not.

gras beschönigt spinte
freigehalten von bückware

unterste schublade
von geiz bestimmt

Die Forscher sind glücklich, wenn sie etwas hinter sich her ziehen oder schleifen können. Während der Forscher mit der Säge Äste zerteilt und den Bau sorgsam aufstockt, durchstreift die Forscherin den Schilfgürtel, sichtet abgebrochenes Geäst, zieht es aus Überwucherungen heraus zur Burg und läuft dann hinaus in die von Maulwürfen durchpflügte Wiese, um kniend mit beiden Händen einen ganzen Erdhaufen auf einmal in den Eimer, der zwischen ihren Beinen klemmt zu schieben. Die Forscher benutzen für ihre Gänge die eingetretenen Wechsel, die sie damit vertiefen. Viele Eimer schwarzer fetter Erde sind so nun schon auf dem Bau gelandet und haben ihn an entscheidender Stelle verstärkt und befestigt gegen anzunehmende Hochwasserflutwellen im Frühjahr. Die Tiere haben ihrerseits des Nachts die Bautätigkeit der Forscher mit einem Pfotenabdruck aus schwarzem Schlamm besiegelt. Nie war die Rede davon gewesen, den Tieren ins Handwerk pfuschen zu wollen. Alles geschah mehr oder weniger instinktiv, beinahe wie von selbst.

leichte zweifel hegen inneres
alte gesetze ins spiel bringend

erhebliche abwesenheiten
aus dem ruder gelaufen

Böses Erwachen im Dichterparadies. Mit Zimmer, Park, Vollpension, Dichtermythos soll etwas von Relevanz hervorschauen? Kriechend, versteht sich. Am nächsten Tag ist die Blockade verschwunden. Aufgehängt an toten Tieren finden sich schnell die richtigen Worte. Anders Daheim. Dort wird ein Dachaufsatz aufgesetzt, das Haus aufgestockt, Balkone in den Hinterhof gequetscht. Der Rauchfang mit Krähen, eine gewohnte Attrappe, verschwindet. Die Kulisse verändert sich. Auf das Steropor der Dachdecker vom Wind aufs Taubennetz, über die Häuser gespannt, getragen, herunter gesegelt klopft Regen, prasseln Tropfen, verstärkt durch den Raum im Hof wie Knallerbsen. Rauchen und Handytelefonie machen ihn zum Stink- und Echoraum, tragen Nikotin und Tonschwall in einen Schutzraum. Und gefällt es dir nicht? Ja. Die sehr schöne Linie gelingt sofort, setzt sich ohne einen Gedanken perfekt, vorzüglich, springt sofort ins Auge, trifft, öffnet Raum.

eine handlung von der auf hände geschlossen werden kann
wenig. fast nichts.

die decke ist dicker, als sie aussieht oder umgekehrt
in wahrheit ist vieles genau umgekehrt

„Ah ist ja schon viertel nach Vier“, seine Mundwinkel zucken unaufhörlich. Irgendetwas scheint den Forscher stark zu beschäftigen. Nein, er ist nicht der Mensch, der viel liest. Im Umkehrschluss löst er keine Kreuzworträtsel. Er liest gern und zügig Bücher, in denen es weiter geht. Denn er zählt sich nicht zu den literarisch interessierten Lesern sondern zu den Lesern, die daran interessiert sind, daß es weiter geht. Vor allem zügig. Die Form ist ihm nicht gleichgültig doch hat sie seinem Anspruch zu genügen und wie ein Sog zu wirken.

maschine punktiert
nach nützlichen mustern

erhöht den genuß
ungenutzter pausen

Der Wasserstand ist abzulesen. Präzise und unaufgeregt legt die Forscherin darin den Untergang der Menschheit fest. Die Forscher verbringen in diesem Winter die meiste Zeit des Tages im Bett, der kleinsten Wohneinheit, auf welche sich historisch schon so einiges beschränkte, komprimierte, zusammenkürzte. Es erscheint ihnen angemessen in Anbetracht von Dunkelheit und Kälte in dieser Zeit. Die Forscherin richtet sich auf, um eine weitere Wohneinheit, den Tisch zu erreichen und sich ein Buch zu holen. „Ich hatte etwas anderes für dich vorgesehen“, bemerkt der Forscher. „So, jetzt kannst du wieder ansetzen“, erwidert die Forscherin, indem sie sich aufs Bett bequemt. Während sie die Kissen zurechtrückt, setzt der Forscher zufrieden an, seine Geschichte der Realität fortzusetzen. Aufgrund seiner eingeschränkten Raumwahrnehmung nimmt er die Forscherin nur als einen Strich mit 2 Punkten wahr. Daher fragt er unentwegt sich orientierend „Was passiert gerade?“ Die Forscherin lauscht seiner Stimme, kann aber inhaltlich wieder nicht folgen.

kosten und umstände sind geliefert
keinen platz in der auflösung

Die Forscher finden Tannenzapfen und bringen sie in ein Wasserbehältnis. Dort schließen sich die Zapfen innerhalb einer halben Stunde. Anschließend entnehmen sie sie dem Wasser und legen sie zum Trocknen auf eine ruhige Fensterbank in die Sonne. Dort öffnen sie sich innerhalb eines guten Tages. Es können auch zwei vergehen.

wintervorrat fliegt ins gewebe als akrobat im hosenanzugüberall schalen vermutlich von leuten

klärend befreiend, insofern fragwürdig
zeichnung verbleibt in der tusche

keine verschwendung hämmert im geist
stabilisiert die atmosphäre, selbstaufhebung – sofort!

gemessen an formen schließt sich das schloss
Diktaphon: fehlt dir etwas? – höchstens nichts.

Lit-Mag #50 Bios

Über die Autor*innen

Konstantin Ames
*1979, saarländisch erzogen, trotzdem in Berlin gelandet, zuletzt beim Wiener Klever Verlag publiziert. Wird als Lyriker geführt, ist aber Expressionist. Doktert an der „Dichterlesung“ herum; und kritisiert, u.a. Literatur.

Thomas Antonic
wurde im Sommer 1979 gezeugt und im Mai 1980 der Welt übergeben. Seit ca. 1984 schreibt er Texte, macht Musik und vieles andere. Publikationen und Preise sonderzahl. Zuletzt erschienen: Flackernde Felsbilder übler Nachtvögel (2017) und Wolfgang Bauer: Werk, Leben, Nachlass Wirkung (2018, beide im Ritter Verlag). 2020 erscheint Unter Nazis: William S. Burroughs in Wien 1936/37 bei Moloko Print.

.aufzeichnensysteme
Autorenschaft von Hanne Römer, geb. 1967 in Bad Vilbel (D-Hessen). Publikationen, Hörstücke, Kooperationen an dieser Schnittstelle in Ö und D; 2018 Förderpreis zum Heimrad-Bäcker-Preis; Ritter Verlag: IM GRÜNEN (2017), GRATE (2019). www.aufzeichnensysteme.net

Iris Colomb
is a French poet, artist, curator, and translator based in London. Her pamphlet ‘I’m Shocked’ come out with Bad Betty Press in 2018 and her chapbook ‘just promise you won’t write’ was published by Gang Press in 2019. She is Co-Editor of HVTN Press and Pamenar Press, and a founding member of the interdisciplinary collective ‘No Such Thing’. www.iriscolomb.com 

Ann Cotten
geboren 1982 in Ames, Iowa, lebt in Wien, Berlin und Nagoya. Studium der Germanistik in Wien, seither Autorin, zuletzt erschienen: „Verbannt“ (edition suhrkamp, 2016), „Lather In Heaven“ (englisch, Broken Dimanche Press, 2016), „Jikiketsugaki. Tsurezuregusa“ (Verlag Peter Engstler, 2017), „Fast Dumm“ (starfruit press, 2017), „Was Geht“ (Sonderzahl 2018), „Lyophilia“ (Suhrkamp 2019).

crauss
(*1971) ist ganz aus dem takt geraten, seit er vom städtischen museum als gogo-tänzer engagiert wurde. tingelt seitdem durch textspelunken und legt sich, wenn er genug getrunken oder eine lakritzvergiftung hat, mit motorradhelden an. bücher, burschen, bilder und brandaktuelles auf www.crauss.de

Brigitta Falkner
geb. 1959 in Wien, lebt in Wien. Einzelpublikationen: »Anagramme Bildtexte Comics« (Das fröhliche Wohnzimmer 1992), »TOBREVIERSCHREIVERBOT – Palindrome« (Ritter 1996), »Fabula rasa oder Die methodische Schraube« (Ritter 2001), »Bunte Tuben – Anagramm« (Engeler Editor 2004), »Populäre Panoramen I« (Klever 2010), »Strategien der Wirtsfindung« (Matthes & Seitz Berlin 2017). Kurzfilme seit 2012 (Auswahl): »Flüchtige Architekturen« (2012), »The Making Of« (2012), »Strategien der Wirtsfindung I« (Filmpreis Textfilm made in Austria 2014), »Strategien der Wirtsfindung II – IX« (2017 – 19). Ausstellungen seit 2015 (Auswahl): Literaturhaus Graz (2015), Literaturmuseum Wien (2016/17), Landesgalerie Linz (2019), Kunsttempel Kassel (2019).

Frédéric Forte
was born in Toulouse, France, in 1973, and lives in Paris. He has been a member of the well-known Oulipo (Workshop of Potential Litterature) since 2005. He has published 9 collections of poetry (the most recent being Dire ouf (P.O.L, Paris, 2016)) and several chapbooks. One part of his first book of poetry has been translated in German by Dagmara Kraus (Anthologie der bulgarischen Musik vol.2, hochroth Verlag, 2016) He has also translated from the German into French, with the French poet Bénédicte Vilgrain, some poems from Angramme Gedichte by Oskar Pastior (21 Poèmes-anagrammes d’après Hebel, Théâtre Typographique, 2008).

Steven J. Fowler
is a writer and artist who works in poetry, fiction, theatre, film, photography, visual art, sound art and performance. He has published seven collections of poetry, three of artworks, four of collaborative poetry plus volumes of selected essays and selected collaborations. He has been commissioned by Tate Modern, BBC Radio 3, Whitechapel Gallery, Tate Britain, the London Sinfonietta, Wellcome Collection and Liverpool Biennial. www.stevenjfowler.com

Natascha Gangl
*1986 in Bad Radkersburg (AT), schreibt Theatertexte, Prosa, Essays und erarbeitet in unterschiedlichen Kollektiven theatrale Installationen, Hörstücke oder Live-Klangcomics. WENDY FÄHRT NACH MEXIKO (Ritter, 2015), WENDY PFERD TOD MEXIKO, (ORF & MAMKA Records, 2018). gangl.klingt.org

Mara Genschel
Cindy Press, Diskurstouristin. Auf Einladung von Mara Genschel hat sie versucht einen schön aktuellen Text für das Jubiläum der fünfzigsten Ausgabe des GANGAN Lit-Mag zu schreiben.

D. Holland-Moritz
Geboren 1954 in Solingen/NRW. Lebt seit 1980 als Textperformer und freier Autor in Berlin. Immer aktuell seit 2007 mit BEAT BOX als Kolumnist für die perspektive-hefte in Graz tätig. Letzte Buchpublikation: The Daily Planet, Klagenfurt: Ritter Verlag 2017.

Zuzana Husárová
lebt als Autorin und Theoretikerin in Bratislava, widmet sich der elektronischen Literatur, der Klangpoesie sowie der poetischen und multimedialen Performance und unterrichtet am Institut für Sprachkunst der Universität fűr Angewandte Kunst in Wien. Gemeinsam mit Ľubomír Panák entwickelte sie interaktive literarische Werke, mit Amalia Roxana Filip arbeitete sie an den transmedialen Projekten liminal und lucent (Buch von visueller Poesie, Klangpoesie sowie Live-Performances), mit Olga Pek schrieb sie Origamibuch Amoeba. zuz.husarova.net

Maja Jantar
is a red line, woven through various disciplines – a sound wave, a drawing, a red string holding pieces together, a bond of magic, red underlined words, ritual spilling into performance, a voice resonating, a bowl sounding, landscape entering a room.

Benediktas Januševičius
(*1973) is a poet and translator. He has published eight poetry collections. Lately he has spent most of his time photographing and filming Lithuanian literary life, editing the captured footage and posting it online (www.tekstai-tv.lt/). These texts are from new concrete poetry collection The Shortest Poem by Benediktas Januševičius.

Mark Kanak
(*1965), Autor, Übersetzer, Tonarbeiten, lebt in Berlin. Prosa/Gedichte (Deutsch und Englisch). Zahlreiche Übersetzungen ins Englische (Serner, Brinkmann, Burger, Reyer, Sperl u.v.m). Zuletzt erschienen: Tractatus illogico-insanus (2019), Ritter Verlag.

lse kilic
geboren 1958, schreibt, zeichnet und schwimmt alleine und mit anderen. lebt im fröhlichen wohnzimmer (www.dfw.at). zuletzt: MEISTENS SIND WIR EINFACH SOSO LALALALA. des verwicklungsromans elfter teil (gemeinsam mit fritz widhalm), edition ch, wien 2019.

Barbi Markovic
geboren 1980 in Belgrad, studierte Germanistik in Belgrad und Wien. In Belgrad war sie Lektorin im Rende-Verlag. Sie lebt seit 2009 in Wien, 2011/2012 war sie Stadtschreiberin in Graz, 2009 machte sie mit dem Thomas Bernhard-Remix-Roman „Ausgehen“ (Izlazenje, 2006) Furore. Es folgen Kurzgeschichten, Theaterstücke, Hörspiele sowie zahlreiche Preise. 2016 erscheint der Roman „Superheldinnen“, es ist der erste Roman, den Barbi Marković teilweise auf Deutsch und teilweise auf Serbisch geschrieben hat. Für „Superheldinnen“ erhält sie 2016 den Alpha Literaturpreis, 2017 den Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis, 2018 das Georg-Saiko-Reisestipendium und 2019 den Reinhard-Priessnitz-Preis 2018 wird „Superheldinnen“ als Theaterstück im Volkstheater Wien aufgeführt. Zuletzt wurde das Hörspiel „Frag die Angst“ im WDR 3 ausgestrahlt.

Robert Herbert McClean
is an Irish writer and audio-visual artist based in Belfast. His debut book Pangs! was published by Test Centre in 2015. In 2016, his debut album, Infinity, was released by Blank Editions while he was a writer-in-residence at Forum Stadtpark, Graz. His most recent text, Skrubolz Garbillkore, was commissioned by Maria Fusco and published by Book Works in 2018. He was a finalist for the Arts Foundation Futures Awards for Poetry in 2019. www.robertherbertmcclean.info

Alexander Micheuz
geboren 1983 in Bad Eisenkappel/Železna Kapla, lebt in Graz.

Nick Monfort
*1972 in den USA, lebt in Cambridge, Massachusetts. Außerordentlicher Professor für digitale Medien am Massachusetts Institute of Technology. Leiter des Projekts «The Trope Tank», das sich der Entwicklung neuer poetischer Formen und eines neuen Verständnisses digitaler Medien widmet. Interaktive Literaturprojekte und Entwicklung von Poesie-Generatoren, zahlreiche Buchveröffentlichungen zur digitalen Poesie, zuletzt: World Clock (2013). www.nickm.com

Fiston Mwanza Mujila
geb. in Lubumbashi/Dem. Rep. Kongo, lebt in Graz, wo er bereits 2009/2010 Stadtschreiber war. Er schreibt Lyrik, Prosa und Theaterstücke. Tram 83 (Zsolnay, 2016) ist sein erster Roman, für den er bereits zahlreiche Preise erhielt, u. a. den Internationalen Literaturpreis – Haus der Kulturen der Welt 2017, den Peter-Rosegger-Literaturpreis 2018.

Simona Nastac
is a curator, critic and poet born in space. Living in London. She studied Art History and Theory in Bucharest and holds an MA in Creative Curating from Goldsmiths University, London. In 2017 she published her first poetry book, “The Depressing Colour of Honey” (Tracus Arte, Bucharest), which won the Alexandru Mușina Prize “The King of the Morning” for poetry debuts. The volume was also shortlisted for the “George Bacovia” National Debut Prize in 2018. She has performed at the European Poetry Festival London & Manchester, Rich Mix (London), Gulbenkian Canterbury, and at various poetry venues and events in Romania. Selections of her poems have been translated to English, Spanish and Russian. Since 2016 she has been the curator of the experimental poetry night at Bucharest International Festival of Poetry.

jörg piringer
geboren 1974. lebt in wien. ist mitglied des instituts für transakustische forschung und des gemüseorchesters. arbeitet in den lücken zwischen sprachkunst, musik, performance und poetischer software. joerg.piringer.net

Tomáš Přidal
sartrr.blogspot.com, poet, artist, musician. He has published eight printed books of poetry and drawings and two e-books. His poems and drawings were published for example in Word For/Word, 3:AM Magazine, Cafe Irreal, E·ratio Poetry Journal, Pider, Abwärts, Stadtgelichter, Der Maulkorb, Stripburger or in EUROPOE – an anthology of European poetry. He plays the guitar in the duo Deceased Squirrel On The Phone, which published album Strawberry Cough in 2018.

Robert Prosser
geboren 1983 in Alpbach/Tirol, lebt dort und in Wien. Er tritt mit Performances auf, ist Mitbegründer von Babelsprech zur internationalen Förderung junger Poesie und veröffentlichte u.a. die Romane Phantome (Ullstein fünf, 2017) und Geister und Tattoos (Klever, 2013), sowie als Mitherausgeber Lyrik von Jetzt 3 (Wallstein, 2015). www.robertprosser.at

Bernhard Saupe
geboren 1976 in Linz, Soziologiestudium, Berufstätigkeit in der angewandten Sozialforschung , Gedichtband Viersäftelehre 2010, Gedichtband Das Einhorn und das Eigentor 2016 (beide Klever-Verlag).

Stefanie Sargnagel
born 1986 in the slums of Vienna, ex call center agent, ex student Academy of Fine Arts (Daniel Richter)

Clemens Schittko
Geboren 1978 in Berlin (Ost). Ausgebildeter Gebäudereiniger und Verlagskaufmann. Karin-Kramer-Preis für widerständige Literatur 2018. Zuletzt erschienenen: William Shakespeare: Sonnets / Sonette (Moloko Print, Schönebeck 2019). Lebt in Berlin-Friedrichshain.

Ulrich Schlotmann
Zuletzt erschien Die Freuden der Jagd (Urs Engeler Editor, 2009), siehe dazu auch von Sebastian Kiefer Der Mann der in den Wald (hinein)geht. (Aisthesis, 2015). Gemeinsam mit Max Aufischer herausgegeben: Dichtarbeit – Schreibprozesse (Ritter Verlag, 2016).

stefan schmitzer
geb. 1979 in graz, ist autor, kritiker, performer. zuletzt erschienen: „zweitausendachtzehn. vier moritaten“ (fabrik.transit 2019); „okzident express. falsch erinnerte lieder“ (droschl 2019); schmitzer.mur.at

Martin Glaz Serup
(b. 1978) lives in Copenhagen. He has published children’s books, chapbooks, critical monograph on poetry, politics and relational aesthethics, eight poetry volumes, most recently Endnu er dagen ikke spildt (The day is yet not wasted, 2019), and the essayistic autobiography as reader; Læsesteder (Reading Places, 2018). The latter is forthcoming in German translation (2020) on Parasitenpresse, who also published his longpoem Das Feld in 2016.

Muanis Sinanović
(1989) is a Slovenian poet, essayist and critic of Bosniak descent. He has published three books of original poetry, Serbian-Slovenian selection of his poems and an experimental short novel. His first book got an award for a best Slovenian debut in 2012. His poems were included in Checzh, Greek and Hungarian anthologies of young Slovenian poetry and in English anthology of European poetry (edited by Steven J. Fowler).

Dieter Sperl
*1966. Experimentelle und konzeptuelle Bücher und Hörstücke, Textinstallationen, Photoarbeiten, Herausgeberschaften (www.flugschrift.at), Zen. Jüngstes Buch: DER STEHENDE FLUSS (2019).

Ulf Stolterfoht
geb. 1963 in Stuttgart, lebt in Berlin. Lyriker und Übersetzer. Zuletzt: fachsprachen XXXVII-XLV; Berlin: kookbooks 2018. Stolterfoht ist Knappe der Lyrikknappschaft Schöneberg und Mitglied des Impro-Kollektivs Das Weibchen.

Kinga Toth
1983, Sárvár, Hungary. Writer, sound and visual poet, performer. Philologist and Teacher in German Language and Literature, Communication specialist (journalist), copy editor of the art magazines Palócföld and Roham, cultural program organiser. (Sound)poet-illustrator. Writes and publishes in Hungarian, German and English languages, presents her texts in installations, exhibitions, visual and sound performances. Songwriter and front man of Tóth Kína Hegyfalu project. Member of the Leadership of József Attila Association for Young Writers and member of several art projects, associations. Her poems had been translated in Serbian, Slovakian, Czech, Bulgarian Romanian and French.

Mathias Traxler
1973 geboren in Basel, lebt als Schriftsteller und Übersetzer in Berlin. 2011 erschien sein Band „You’re welcome“, 2016 der Band „Unterhaltungsessays“ (beide im kookbooks-Verlag). Er arbeitet an den Schnittstellen zur Musik. www.traxlerm.net

Benediktas Januševičius

GANGAN Lit-Mag #50

15 Poems by Benediktas Januševičius

The Shortest Poem by Benediktas Januševičius

Half of the Shortest Poem by Benediktas Januševičius

The Shortest Poem by Benediktas Januševičius that Received Government Funding

The Shortest Poem by Benediktas Januševičius with Obscure Content

The Shortest Poem by Benediktas Januševičius with Embroidery

The Shortest Poem by Benediktas Januševičius Has Lost Three Dots

The Shortest Poem by Benediktas Januševičius Feels Inferior

The Forbidden Shortest Poem by Benediktas Januševičius

The Pirated Copy of the Shortest Poem by Benediktas Januševičius

The Shortest Poem by Benediktas Januševičius with Stains

The Shortest Poem by Benediktas Januševičius Gets Down to Business

The Shortest Poem by Benediktas Januševičius Considers What It’ll Be when It Grows Up: President or Prime Minister?

The Shortest Poem by Benediktas Januševičius Thinks It’s a Pear

The Shortest Poem by Benediktas Januševičius in Real Time

The Shortest Poem by Benediktas Januševičius, Deceased

Translated by Rimas Uzgiris

Alexander Micheuz

GANGAN Lit-Mag #50

Mein kleines Wörterbuch

Gurke  Gurken haben schöne Rüssel,
              sie geben Rätsel auf wie z.B.
              was macht eine Gurke spätabends?
              Versteckt sie sich?

Intuitiv  Intuitiv alles falsch gemacht

Selbstberuhigung  Beruhige dich,
                                   alles ist okay
                                   aber nichts ist gut

Gurkensalat  Mit Joghurtdressing. Mmmh, lecker

Aufregung  Nur keine Aufregung

Chancen  Es fühlt sich gut an,
                   wenn man eine Chance
                  nicht ergriffen hat

Erfolg  (siehe „Chancen“)

Lieblingsgetränk  Sodawasser mit Aluminiumgeschmack

Lachen  Das einem im Halse stecken bleibt

Ups!  Das treibt mir die Augen in die Tränen.

Bedeutung  Ich will nichts bedeuten
                       Ich stehe für nichts
                      Ich will, dass nichts etwas bedeutet
                     Ich will die Bedeutungslosigkeit,
                     ja, genau, und das will was heißen
                      aber so was von

Teenage Angst  Mit Mitte dreißig

Ein gutes Jahr  Die Wahrheit ist,
                            es ist fast immer ein Scheißjahr

Gurkenscheiben  Sind schön

Erdbeeren  Wie pflückt man Erdbeeren richtig?
                 Am Stiel, an den kleinen, grünen Blättern oder
                mit dem Mund?

Marktwert  Mein Marktwert war endlich gestiegen,
                       ich hatte einen Stil gefunden

Rülpser  Entschuldigen Sie bitte, ich habe eben gerülpst

Leben  Kann auch fein sein, keine Frage, manchmal, mach mal, lebe!

Gurkenreibe  Wichtiges Tool, um Gurken zu schneiden (siehe „Gurkenscheiben“)

Schrott  Ich fühle mich so schrottig, wie ein kaputter Roboter, der aber noch blinkt

Müde  Ich bin so unendlich müde, so hundemüde bin ich.
Ich lege mich schlafen und träume von meinem Hundeleben  

Essiggurke  Die kleine Schwester, der kleine Bruder der Gurke (siehe „Gurke“)

Beruhigungstabletten  Gut wenn man sie hat
                                          wenn man sie nicht braucht

Gurkensaft  Man nehme eine Gurke, schneide sie mit der Gurkenreibe
                      in dicke Scheiben und lege diese in eine Karaffe mit Wasser
                     (siehe Gurkenreibe“, „Gurkenscheiben“, „Gurke“)

Wäsche waschen  Ein Kapitel für sich (siehe „Fortsetzung“)

Ich  Ich will nicht mehr.
       Ich mache so wenig wie ich nur kann.
       Ich will nichts hinterlassen.
       Schon gar kein Werk.
       Alles von mir soll verschwinden,
       wie ich verschwinden werde

Ein Rezept, das es nicht gibt: Gurkenallerlei  Viele Gurkenscheiben,
                                    mit Käse überbacken
                                    und mit Würstchen drin
                                    in kleinen Stücken
                                    (siehe einfach alles mit „Gurke“)

Gute Sicht  Ich verkroch mich in mein eigenes Arschloch, um nichts mehr sehen zu müssen.

Gedicht  Omnibus fährt los
                   Omnibus bleibt stehen
                  Omnibus biegt ab
                  Omnibus bleibt stehen
                  Undsoweiter

Fortsetzung  Folgt

Tomáš Přidal

GANGAN Lit-Mag #50

Die Nuss

die Nuss ist frei
wie ein Eichhörnchen

die Schale kann
nachgeben
oder auch nicht

wenn das Eichhörnchen versagt
kommt der Hammer

der Hammer gibt sich geschlagen
der Steinbeißer tritt auf

ringsum
ausgebissene Zähne

die Nuss ist frei
wie Säure

wie Folsäure

Aus dem Tschechischen von Zuzana Finger

Sushi Hotel

Öffne die Tür
lass den Fuchskragen rein
Sushi wird nass in der Husche
bitte es auch herein

Öffne die Tür
setze Tee auf
der Fuchskragen
will sich aufwärmen

Öffne die Tür
lass den Fuchskragen rein
aus der Husche ins Sushi
dann geht er wieder

Öffne die Tür
das ist das Sushi Hotel
wärme die Fische auf
sag Lebewohl

Aus dem Tschechischen von Zuzana Finger

Jennifer Maniküre

Maniküre Maniküre
Maniküre Maniküre
Maniküre Maniküre
Maniküre Maniküre
Maniküre Maniküre
Maniküre Maniküre
Maniküre Maniküre
Maniküre Maniküre

Der Finger wurde
in einer Streichholzschachtel
geliefert

Martin Glaz Serup

GANGAN Lit-Mag #50

Flüchtlingsgedicht II

Die Lichter der Stadt prickeln still in der Hitze, in der Wärme
es gibt viele
ausgebrannte Häuser, eingestürzte Häuser
Häuser, die keine Häuser mehr sind
Häuser, die so stehenbleiben dürfen
anklagend, warnend
verlassene Häuser, verfallene Häuser
ein Haus ist eine eingeschlagene Visage

Athen ist ein lächerlich sicherer Aufenthaltsort
höre ich mehrmals jemanden sagen
eine mit einem Griechen verheiratete Amerikanerin sagt beispielsweise
I would go anywhere any time of the day in this city
of course, there are pick pockets, there are pick pockets everywhere
you just have to be aware
das klingt wie etwas zum Anziehen
wear wear wear

Später sagt jemand das Gegenteil
was auch immer du tust: geh hier nachts nicht auf die Straße
die Flüchtlinge, sagt ein zweiter, ein dritter, aus Syrien
sind in Ordnung, aber die aus dem Irak
Afghanistan, die aus Afrika
Raub und Überfälle, Gewalt auf den Straßen
jeden Tag

Die großen Privatyachten im Hafen, was sagen die
Osip Mandelstam sagt über Homer und die Schlaflosigkeit
dass das Meer brüllt, so schwarz, so redegewandt, so voller Schaum
auch der Krieg zwischen Hellas und Troja schickte viele über das Meer
über das Meer und in den Tod

Viele was
viele Menschen

Eine leuchtende Zitrone ist von einem Baum gefallen
ein so wohlriechendes und schönes Ding
für die Hand
oder die Dunkelheit der Tasche

Abends streifen wilde Hunde über die Hügel oberhalb der Stadt
sie sind nicht gefährlich
höre ich mehrmals jemanden sagen
sie erinnern an Wölfe, Wolfrudel
sagen die Leute, aber sie sind nicht gefährlich
ich gehe durch ein Viertel
mit billigen Antiquitäten
überall, oder einfach nur billigen Sachen
überall, ein allumfassender Ausverkauf
ausgebreitet auf Autos, Tischen, Bürgersteigen, Straßen
auf kleinen, schmutzigen Stoffstücken
liegen die Waren

Es fühlt sich archäologisch an
nicht falsch
wie es sollte

Ist es wirklich notwendig zu schreiben
ja

Es fühlt sich archäologisch an

Die Container werden systematisch durchsucht

Die Menschen
gehen ganz ruhig in der Sonne umher
und suchen nach Essen

Flüchtlingsgedicht III

Die Bombardierungen
wirbeln den Sand auf
der Wind
die Menschen
auch der Sand reist über das Meer

Ohne zu wissen
ohne zu wissen wie
ohne zu wissen wie es
enden soll
ohne zu wissen wo

Es soll enden.

Ich phantasiere über die Nordsee

Hugo Mujica schreibt über die Nacht
indem
er auf die Trommel der Nacht einprügelt
und das Leben indem er
auf die Tür des Lebens einprügelt
bis sie aufgeht
er schreibt noch mehr
was ich nicht verstehe

In dem Haus wo ich sitze schlafen alle
mehrere von ihnen mit schlechtem Gewissen
weil sie nicht stattdessen arbeiten

Ich sitze ganz still da
ich höre alles Mögliche
ich höre alle möglichen Geräusche
ich phantasiere über die Nordsee

Der Schmerz in meinen Beinen
und die Müdigkeit in meinen Beinen
die Müdigkeit nachdem ich gegen die Tür einer Laufrunde gehämmert habe
den ganzen Tag
ohne hineinzukommen
aber ich kam rein, ging raus, am Ende
ich bin eine seltsame Trommel

Dieser Selbsthass
dass es jetzt okay ist müde zu sein
war vorher nicht da
als ich genauso müde war
ist auch ein Geräusch

(Übersetzt von Ursel Allenstein)

Muanis Sinanović

GANGAN Lit-Mag #50

DER MOND ÜBER DER ARKTIS 

Pikiert, beschmiert mit bemalten Zielscheiben,
wie Lippenstift um die Lippen einer armseligen
Kreatur oder eines Clowns. Ich suche
meine Spiralen, etwas zum Vernähen. Eine arktische
Basisstation ins Eis hineingetrieben,
Fundamente bilden Wurzeln im verdickten Wasser
Spatzen brüten zwischen zwei Eis-
Schollen, sorgfältig, so dass die Schalen
nicht zu Schaden kommen. Irgendetwas knackt
hier immer, stürzt ein, die Eisbrecher mit Wolken
über sich. Und es ist mir egal. Mir egal. (eine weniger pathetische Repräsentation ist immer noch eine Repräsentation)
Pulverisiertes Fleisch kriecht von der Membran
meines Ohres, etwas Zerstäubtes, komplett
Artifizielles, aber deswegen nicht weniger fleischiges Fleisch,
das nicht meines ist oder das von irgendjemand anderem.
Ich suche meine Spiralen, vektorielle
Rasuren hinter den Kommas
meiner Ohren, Schweiss ohne Salz, die Erwartung von Menschen
wie mit Lippenstift geschmiert
über die Spiegel. Wer wird was sagen?
Hier können Klänge nicht mehr länger kategorisiert werden
nicht einmal anhand des Murmelns.
Basiere mich, werde bleich
reine Schule für Urstronauten
Mancher Mond, gekratert nach archaischen Massstäben
ohne Aneignung
keine Flanellfalten lokaler Legenden.

Wir warten auf den Abend wenn eintausend Bohrmaschinen
erwachen werden.
Der Mond verrückt sich um ein paar Zentimeter
über der Arktis, heeeey

(Übersetzt von Carlo Spiller)

Ein bescheidener Magen

Wurzeln spreizen aus wie Finger
durch den Himmel, welcher langsam und graziös
niedersteigt auf die übervollen Berglungen,
die atmen, wie nachts die Ozeane.

Der ausbreitende Klang der Trompeten,
nichts gesagt und ein Mangel an Nostalgie
der Bedeutung. Die Grenzen aller Länder
schlafen wie die existierenden
Grenzen zwischen Menschen &
tierischen Zellen & niemand muss
sie abstreiten oder feiern. What are you ashamed

of? Of not not having enough knowledge
to be a vehement lover of so-called humanity
oder dafür dass du zu viel Wissen hast
um still zu sein? Dies sind keine Kategorien die einen
Einfluss haben könnten, während sich die ausbreitenden
Spitzen der Äste in die Asche graben,
unerreichbar, Antennenharpunen
schiessen ins Leere,

während der Himmel sehr langsam und graziös
niedersteigt auf die übervollen Berglungen,
als in dieser Stadt eine Feier stattfindet, die
niemand hören und niemand
auf einer Karte lokalisieren kann.

(Übersetzt von Carlo Spiller)

VON DER ANGST

moment! auf einmal schnappen sie, beissen sie,
die zähne in meiner krone.
über dieser krone: eine weitere krone,
und ihr gebüscheltes schaltwerk greift ineinander
verstopft sich zu einen mund.
als ich dieses bild zu papier brachte,
begann ich zu zittern vor angst,
und schrieb, ich würde beginnen zu zittern.

(Übersetzt von Ralph Tharayil)