Grauenfruppe

Mathilda1 reist

Mathilda ist unterwegs mit ihrem nichtdeutschen, sondern internationalen Auslaut „a“. Mathilda ist nicht deutsch, hat aber vielleicht deutsche Vorfahren. Mathilda ist nicht schweizerisch, hat aber vielleicht schweizerische Vorfahren und bestimmt hat sie böhmische, ungarische, polnische Vorfahren, vielleicht auch noch andere. Sie braucht also ein „a“ am Ende. Ein „e“ wäre ganz falsch. Da, wo sie herkommt, ist es typisch, dass die Ahnen international sind.2
Mathilda hat einen Eisernen Vorhang3 im Kopf. Nach der Wende, als viele Menschen von „drüben“ „her“ kamen, blieb dies ein Einbahnverkehr. Umgekehrt schien es niemanden zu interessieren, wie es „drüben“ aussah; die vorherrschende Meinung war, dass es dort „nichts gab“, das heißt, nichts von Interesse. Auch bei Mathilda war das lange so geblieben.4 Die Namen der neu entstehenden Staaten5 konnte sich im Westen kein Mensch merken, weil es keine dazu passenden Erfahrungen gab. Mathilda will nun alles erfahren.6 So reist sie immer weiter weg von diesem Vorhang7, bis sie nicht nur die Sprache, sondern auch die Schrift nicht mehr versteht.8

Mathilda reist9 allein.
Mathilda denkt, in den Ländern, die sie jetzt bereist, sollte sie wenigstens verheiratet sein, wenn sie schon allein reisen muss. So trägt sie den Ring ihrer Erbtante mit dem Stein nach innen. Sie ist unsicher, ob Eheringe links oder rechts getragen werden und ob das von der Religionszugehörigkeit abhängt. Sie wechselt die Seite, wenn sie in ein neues Land kommt.

Mathilda denkt sich Geschichten aus über ihren Mann, den sie auf einer geschäftlichen Reise begleitet und der leider so wenig Zeit für sie hat. Manchmal ist er gerade um die Ecke und parkt das Auto, manchmal bei einer Besprechung im Hotel und manchmal hat er sie kilometerweit weggeschickt, damit sie etwas anderes sieht vom Land, in dem sie sich befindet, als die Konferenzräume, deren Wände er täglich anstarrt. Sie gibt ihrem Mann einen Namen und einen Beruf, z. B. in der Stahlindustrie. Sie kleidet ihn ein und manchmal ist sie so sehr in dieser Zweisamkeit, dass sie ihm beinahe etwas kauft – ein X-large10 T-Shirt11 oder ein Feuerzeug. Mathilda raucht nicht. Sie reist weiter und stellt sich ein Zuhause vor:

Während Mathilda am Esstisch12 sitzend die metallurgisch sinnvollen Zeichenverbindungen ihres Mannes in ihre Remington Travel – Riter Deluxe13 tippt und die Grießnockerl14 leise am Küchenherd köcheln, fragt sich Mathilda, wohin sie in ihrem Leben reisen könnte, ohne ihren Mann, stattdessen mit der Reiseschreibmaschine, mit der sie an den exotischsten15 Orten der Welt ein Doppelzimmer belegen würde. Abends flanierten sie gemeinsam durch die lauen Straßen und kehrten unterwegs noch einmal ein, um sich bei Kerzenschein die Spezialität des jeweiligen Ortes auf der Zunge zergehen zu lassen.16 Die Reiseschreibmaschine befände all ihre Sätze für schreib- anstatt für kritikwürdig. Sie sagte auch nicht ständig zu Mathilda: Patz dich nicht an! Die Reiseschreibmaschine trüge eine Serviette über ihrer Tastatur17, unter der am laufenden Band leise Liebeserklärungen an Mathilda tönten. Mathilda tippt schneller und schneller. Aus der Küche dringt immer stärker der Geruch von Rindsuppe.18 Mathilda denkt nicht daran, in die Küche zu gehen. Während sie rechtschreibtechnisch einwandfreie metallurgische Verbindungen mit ihren zehn Fingern zu Papier bringt und sich dabei einer ihr längst zu einem Stein gewordenes Herz schmelzenden Verbindung mit ihrer Reiseschreibmaschine hingibt, greift der Zeigefinger ihres Mannes nach der Klingel, um Mathilda sein Kommen anzukündigen, damit die Grießnockerlsuppe jetzt vom Herd genommen und in seinen Suppenteller gefüllt werde und somit nach dem Schuhe- und Krawatteablegen sowie erfolgtem19 Klogang die richtige Temperatur hat.
Mathilda vergisst über ihrer Reiseschreibmaschine, unter der zu liegen sie sich plötzlich sehnlichster als alles anderes auf der Welt wünscht, darauf, dass heute verhütungstechnisch20 ein besonders günstiger Tag für die Zeugung eines XX21 oder XY mit dem Mann wäre, der von der Verhüttung nachhause kommen und zuerst ihre Grießnockerltechnik testen wird, bevor er ihr seine Liebestechnik großzügig oder geizig zuteil werden lässt.
Während es läutet, stimmt in Mathilda die Fremde, die sich nicht auf eine Formel bringen lässt, ihr Lied an, das alles Läuten übertönt.

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Wobei die Frage bleibt:

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Mathilda reist allein. Sie befindet sich in einem Land, das bald dazugehören wird24 und darauf hofft, bald dazuzugehören. Mathilda kostet die Spezialitäten des Landes, die aus Fleisch- und Mehlspeisen bestehen.25 Sie erinnern sehr an die Gerichte des Landes, dass sie davor durchfahren hatte, heißen aber ganz anders. Das erste, was ihr auffiel, als sie die Grenze passiert hatte, waren Lärm und Chaos. Das zweite, dass sie die Bedeutung von Aufschriften erahnen konnte, was ihr in dem zuvor bereisten, stillen Land ganz unmöglich gewesen war. Nichts war dort wie in ihrer Muttersprache oder wie in einer Sprache, die sie sonst noch kannte. Sie liebte dieses stille, weite Land26 und die freundliche Melancholie der Menschen, auf die sie dort getroffen war und auf die sie bei ihrer Rückreise wieder treffen würde.27 Dabei gab es in ihrer Operettenheimat das Vorurteil, die so ganz und gar anders Sprechenden seien sehr temperamentvoll. In der Operettenheimat wurden sie als „Zigeuner“ betrachtet und Mathildas kindlicher Berufswunsch war es, „Zigeuner“ zu werden mit weitem, weißem Hemd und enger, schwarzer Hose, mit breiter, roter Bauchbinde und feurigen, schwarzen Augen und allen etwas Flottes vorfiedelnd, so wie die „Zigeuner“, die manchmal in die Kleinstadt, in der sie aufwuchs, kamen, sich in den Feldern am Rande der Stadt niederließen und im Stiegenhaus des letzten Wohnhauses an diesem Rand Geige spielten und Geld sammelten oder Messer und Scheren schliffen und Geld sammelten, nachdem die Hausfrauen, als sie hörten, „die Zigeuner kommen!“ in die Höfe und Gärten gerannt waren, um die Wäsche von den Leinen und die Kinder in die Häuser zu holen, bevor sie – die Kinder und die Wäsche – von den „Zigeunern“ geholt werden konnten. Diese „Zigeuner“ aber trugen, anders als die Operettenzigeuner im Stadttheater, keine weiten, weißen Hemden oder engen, schwarzen Hosen. Trotzdem wollte Mathilda lieber wie diese, die ihr auch ohne weiße Hemden und schwarze Hosen verwegen genug erschienen, in den Steigenhäusern fiedeln, als, wie die Frauen, Kinder und Wäsche aus den Gärten und Höfen in die Häuser und Wohnungen holen. Geigespielen hatte sie aber nicht gelernt28, blieb weiblich (XX) und schenkte der Welt ein paar Kinder (XY und oder XX)29, die sie gelegentlich aus Höfen und Gärten heimholte, weil es Zeit zum Abendessen geworden war.
Lärm und Chaos nach der Grenze hielten nicht lange an, auch dieses Land wurde weit, still und melancholisch30 und hatte ganz selbstverständlich zwei- oder gar dreisprachige Ortsschilder31, was in Mathildas Heimat seit über einem halben Jahrhundert nicht möglich geworden war, obwohl zumindest zweisprachige laut Staatsvertrag Pflicht wären.32

Kann es eine Liebe über Sprachgrenzen hinweg geben? Mathilda stellt sich vor, eine dunkle Frau mit gar nicht dazu passenden hellen Augen trifft zufällig auf der Reise durch ein stilles Land einen hellen Mann mit nicht dazupassenden dunklen Augen und eine Sprache sprechend, von der sie kein Wort versteht, und er kein Wort von ihrer. Beide fühlen sich von der Widersprüchlichkeit des Gegenübers angezogen, in der sie finden, wonach sie sich gesehnt haben. Er will die Frau lieben, wie es ihr gefällt, und sie will den Mann lieben, wie es ihm gefällt, sie und er unter sprachloser33 Hintanstellung ihrer subjektiven Bedürfnisse.

Mathildas Mann steht im Zimmer. Mathilda, tippend und wippend, hört ihn nicht. Der Mann hat heute den Klogang dem Schuhe- und Krawatteablegen vorgezogen. Samt seinen asphaltgrauen Schuhen steht er auf dem Teppich, den Mathilda nicht aus dem Orient34 kommen ließ, sondern selber in vielen mühevollen Stunden geknüpft hatte. Das Wurzelwerk35 ist verkocht, Mathilda, was machst du da! Die Grießnockerl sind auseinandergefallen! Sie treiben als elende36 Häufchen in der Suppe!

Sie ist so sehr bei dem Abwesenden, der in ihrer Fantasie existiert, dass sie jene, die im Hier und Jetzt leben, kaum wahrnimmt. Und so fragt sie auch niemand nach ihrer Geschichte, geschweige denn, nach der ihres Mannes. Bald verliert sie die Lust an ihm und lässt sich scheiden37: Mathilda reist allein.

 


  1. Mathilda hat am 14. März Namenstag. Das ist in einer Woche. In einer Woche um diese Uhrzeit (18:45) wird der Schreibenden ein Basaliom über der Lippe wegoperiert werden, ein Vorgang, den der Dermatologe ausdrücklich für unbedingt notwendig erachtet. Ein Basaliom hat „teils bös- und teils gutartige Wachstumseigenschaften“ und „findet sich bei Männern und Frauen gleichermaßen häufig“. Wenigstens in diesem Bereich gibt es eine Gleichberechtigung.
    Die Schreibende ist zuversichtlich: Vielleicht ist die Tatsache, dass die Operation (was für ein gewaltiges Wort für ein bisschen Schnippeln!) gerade an Mathildas Namenstag stattfindet, ein gutes Omen. Außerdem versichern die Freundinnen der Schreibenden, dass eine Narbe ein Gesicht erst so richtig interessant mache. Eine der Freundinnen hat selbst eine Narbe über dem rechten Auge, aber das war der Schreibenden nicht aufgefallen, bevor sie nicht darauf hingewiesen wurde. Was die Schreibende nicht erfreut: Sie wird noch nicht von den Nähten befreit worden sein – eventuelles Lachhindernis? – , wenn sie gemeinsam mit den zwei Freundinnen die vierte im Bunde, die dann gerade noch ungefähr einen Monat lang XX- oder XY-large sein wird, besucht → Fußnote 25, Absatz 2. Die Zugfahrt ist bereits gebucht.
  2. Die Schreibende mit ebenfalls internationalen Ahnen und einem Auslaut „a“, aber nicht Mathilda genannt, kommt auch daher. Es ist das Land, in dessen Hymne es heißt, es liege dem Erdteil inmitten. Umso seltsamer ist das Verhalten über der Hälfte der Bevölkerung in dieser Heimat, in der doch fast alle das „Fremde“ als Vertrautes erahnen sollten, und ihrer Parteien: Sie fürchten sich vor den potentiellen Verwandten im Osten und die Politikerinnen und Politiker, ob in der Regierung oder nicht, führen diesbezüglich ein Kasperltheater auf, das es nur im Heimatland des Kasperltheaters geben kann (wobei der Originalkasperl Johann Laroche hieß und aus Bratislava stammte).
  3. Die Schreibende erinnert sich, dass sie den eisernen Vorhang im Theater erst viel später kennenlernte als das politische Schlagwort. Im „Farbigen Duden-Lexikon in 3 Bänden“, 1. Band, Ausgabe 1976, liest sie auf Seite 515 nach, dass der Ausdruck Eiserner Vorhang von Churchill 1946 geprägt worden sei (Churchill hat bestimmt nicht Eiserner Vorhang gesagt, sondern Iron Curtain; wer auch immer anschließend den deutschen Ausdruck geprägt hat, ist namenlos geblieben) „zur Kennzeichnung der Maßnahmen u. Methoden, mit denen die UdSSR ihren Herrschafts- und Einflußbereich im Zeichen des beginnenden –> kalten Krieges gegenüber der westl. Welt hermet. abzuriegeln versuchte.“ Der theatrale eiserne Vorhang hingegen „trennt die Bühne vom Zuschauerraum“. Unter diesem Eintrag sieht sie eine Abbildung, in der eine „Verteidigungszone“, eine „Angriffszone“ und eine „neutrale Zone“ eingezeichnet ist. Diese Abbildung gehört jedoch zum schräg darunter stehenden Eintrag in der nächsten Spalte, wie sie der Bildunterschrift „Eishockey (Spielfeld)“ entnehmen kann. Sie denkt noch länger darüber nach, wer in Churchills Bild nun die ZuschauerInnen und wer die AkteurInnen sein sollten. Backstage findet sie es jedenfalls am interessantesten.
  4. Ebenso bei der Schreibenden. Sie war lediglich in ihrer Jugend mit den Eltern zum Schifahren in einen Ort jenseits des Eisernen Vorhanges gereist, der so hieß wie später ihre bosnische Mitbewohnerin, und die TouristInnen aus ihrem Land hatten sich dort über vieles mokiert. Dass man in der Pension z. B. nicht in Ruhe die Mahlzeiten einnehmen konnte, sondern immer den Teller festhalten musste, denn kaum hatte man sich im gemütlichen Gespräch zum Nachbarn oder zur Nachbarin gewandt, wurde der Teller vom resoluten Personal entfernt. Heute überlegt die Schreibende, ob es für das Personal vielleicht nicht genug zu essen gab? Aber vielleicht waren sie auch einfach nur ungeübt im Umgang mit TouristInnen und deren Gepflogenheiten.
  5. Einmal beobachtete die Schreibende ihren Mann, wie er einem der Söhne ein Computerlernprogramm für Geografie zeigte. Auf dem Bildschirm war eine Europakarte zu sehen; wenn der Sohn auf ein Land klickte, sagte eine klirrende Frauenstimme mit bundesdeutschem Akzent den Namen des Landes, das zugleich bunt aufleuchtete. Gerade sagte sie „Tschechei“ und der Mann knurrte reflexartig die Computerstimme an: „Tschechien, du Trottel!“ Sie war sicher, dass sich der Sohn den richtigen, respektvollen Namen des östlichen Nachbarlandes auf diese Weise unauslöschlich einprägen würde.
  6. Ihr Auto ist 12 Jahre alt und hat viele Beulen. Es gleicht dem Auto der Schreibenden. Das hat Vorteile: Noch nie, weder im Heimat- noch im Ausland hat es je einen Versuch gegeben, das Auto zu stehlen. Mathilda kann ihr Auto überall stehen lassen – die Schreibende auch. Offenbar erregt das Auto Mitleid: In einem der neuen EU-Staaten hat ein Mechaniker einen Auspuffschaden am Auto repariert und wollte kein Geld für seine Arbeit, weder Euro noch die landesübliche Währung.
  7. Um ihn zu zerreißen, diesen Vorhang, den sie nie gesehen hat, und der trotzdem da ist. Eisen zerreißen? Wie ließe sich das bewerkstelligen? Mathilda weiß, dass Eisen rostet. Aber bis es zerfällt, dauert es bestimmt sehr lange! Leider kann sie diese Vermutung nicht ad hoc präzisieren – das Farbige Duden-Lexikon gibt keine eindeutigen Auskünfte und der Webbrowser verweigert den Zugriff auf de.wikipedia.org/wiki/Rost. Jedenfalls gehört dieser Vorhang eindeutig zum alten Eisen.
  8. Ihre polnische Putzfrau hinterließ ihr vor der Abreise eine Nachricht, die sie erst laut lesen musste, um sie zu verstehen: „Szynyn urlop“ stand da. So hatte sie einerseits etwas über polnische Schreibweise in Relation zur Aussprache gelernt und andererseits etwas über ihre eigene schlampige Aussprache im Deutschen. Wer wünscht denn schon wirklich „Schöönen Uurlaaub“, wenn sie/er sich nicht gerade auf einer Theaterbühne (vorzugsweise in der Wiener Josefstadt, eingedenk des älteren und teils schwerhörigen Stammpublikums) befindet?
  9. Die Schreibende reist nicht mehr so leicht wie früher. Und ist doch einmal eine Reise geplant, so sagt sie zwar allen, wie sehr sie sich darauf freue (das ist auch das mindeste, was die Zurückbleibenden erwarten können), doch in der Nacht vor der Abfahrt will sie sich ins Bett und in ihre Alltagsgewohnheiten krallen, die sie nun zurücklassen wird, will sich festhalten, um nicht fort zu müssen. Sie denkt an ihren ersten Partner, der nie ins Ausland wollte. Wozu, fragte er. Ihr blieb die Luft weg. Fort von hier, das war für sie das einzig Wahre zu dieser Zeit, dazwischen galt es Phasen des Hier-sein-Müssens zu überbrücken. Sie stammelte: Ob er sich nicht dafür interessiere, wie es anderswo war, wie es dort aussah und roch, was für Menschen es da gab und wie sie lebten? Seine Antwort war ein schlichtes Nein. Es war ihm alles genau so recht, wie es hier war. An ihm hätte sie sich jetzt festkrallen können, wenn sie nicht damals von ihm fort gegangen wäre. „Es ist aus“, sprach sie, um den Klang der Worte auszuprobieren, die sie noch nie gesagt hatte. Und so war es dann aus. Alles war so einfach mit ihm gewesen, auch das Schlussmachen. Damals hatte sie für derlei bestechende Einfachheit nichts übrig gehabt. Auch sie war ihm genau so recht gewesen, wie sie war. Sie wollte sich aber noch verändern.
  10. Mathilda war wirklich froh, dass sich mittlerweile die S-/M-/L-/usw.-Kleidergrößen durchgesetzt zu haben schienen, denn allein die europäische Vielfalt der Nummerierungen hatten sie schon immer völlig verwirrt. Was daheim in Österreich Damengröße 38 hieß = F: 40 = I: 42 usw. usf.
  11. Für einen Mann ist er (hat sie ihn) recht zart gebaut. Mathilda ist schon XX- und XY-large gewesen, von Männern, die sich nicht für Fantasien eignen.
  12. Tisch, mhd. Tisch „Tisch, Speisetafel“, ahd, tisk „Tisch, Schüssel, Dreifuß, Speisebrett“, as. Disk „Tisch, Gericht“, germ disku „Tisch, Speisebrett, Schüssel“ Lehnwort, lat discus,. „Schüssel, Scheibe“ gr. Dískos „Scheibe, Wurfscheibe“.
  13. Warum heißt es eigentlich Riter und nicht Writer Deluxe? – fragt sich die Schreibende, die sich den Luxus des Schreibens bald noch weniger leisten wird können, weil es bald Flüssig- und Festnahrung sowie geistiges Futter aller Art für ein XX oder ein XY bereitzustellen gilt.
  14. Über Geschichte und Herkunft der Grießnockerl lässt sich im Netz nichts finden. Österreich wird als Herkunft ausgewiesen. Da Österreich aber einmal reich an anderen Ländern war, ist das eine armselige Aussage.
  15. Die Stadt wird exotisch, wirbt Karstadt auf einem Plakat in der Stadt des ehemaligen Ostdeutschland, wo die Schreibende jetzt lebt und liebt und manchen als Exotin gilt. Auf dem Werbeplakat ist das zu sehen, was der männliche Betrachter mit exotisch zu verbinden hat: die Frau als Großstadt-Jane im Dschungel in kakifarbener Bermuda und halbgeöffneter Bluse, aus der die Brüste andeutungsweise als erjagenswerte Beute hervorschauen. Was Mathilda Anfang der Siebzigerjahre des vorigen Jahrhunderts als exotisch befand, sieht sie heute, ein paar Jahrzehnte später, täglich im Kabelfernsehen, sofern sie nicht der ständig vor dem Bild hin- und herlaufende Mann daran hindert, der von der weiten Welt schon genug gesehen hat und jetzt den Gürtel enger schnallen will. Dabei sind ihm die Weight Watchers behilflich, die Wächter über seinen übergroßen Grießnockerlgenuss, die er mit allen Tricks überlistet, was ihm ein beinahe an den Grießnockerlgenuss heranreichendes Vergnügen bereitet. (Warum das Rechtschreibprogramm Grießnockerl nicht unterwellt?) Lieber noch als exotische Orte in der Welt sieht Mathilda Köche und Köchinnen aus aller Welt, die sich im Fernsehen in ihre Töpfe schauen lassen. Alles Show! – schüttelt der durchs Bild laufende Mann den Kopf. Mathilda, die sich Anfang der Siebzigerjahre des vorigen Jahrhunderts noch lieber auf die Zunge biss als sie sich zu verbrennen, lässt sich jetzt die Worte auf der Zunge zergehen: jedenfalls ein geschmackvollerer Anblick als ein schwitzender Mann!
    Der Brockhaus von 1981 hat für exotisch nur zwei Begriffe bereit: fremdländisch, tropisch. Der Volksbrockhaus. Neu von A bis Z. Wiesbaden, F.A. Brockhaus, 1981, S. 230. Im Fremdwörterbuch-Duden sind es ein paar mehr, darunter: aus dem Üblichen herausfallend. Das Fremdwörterbuch, Duden 5, Mannheim, 1990, S. 238.
  16. Mathilda vergisst dabei, dass sie dabei ist, wie ihre Mutter zu werden, die nur unter größtem Widerstand in ein Wirtshaus bewegt werden kann, weil es zuhause ja doch am besten schmeckt!
  17. Sehr wichtig soll laut Aussagen des Knigge-Herausgebers heutzutage sein, die richtigen Tischsitten zu kennen. Er erzählt, dass sich früher einige amerikanische Agenten im Osten durch ihre speziellen Tischsitten verraten haben sollen. „Warum? Amerikaner zerkleinern ihre Gerichte anfangs mit Messer und Gabel – dann legen sie ihr Messer zur Seite und nehmen zum Speisen nur noch die Gabel. Wahrscheinlich der einzige Fall, in dem bei Nicht-Beachtung der richtigen Umgangsformen (hier die ausländischen Tischsitten) Lebensgefahr drohte .Heute können unprofessionelles Benehmen und Nicht-Kenntnis der Etikette-Regeln immerhin Ihren Job kosten.“ „Eine nicht allseits bekannte Tischsittenregel ist diese: Aus einer kleinen Suppentasse mit Henkeln darf der Rest der Suppe getrunken werden. Wohlgemerkt: nur der Rest. Und zwar nachdem eine eventuelle Einlage mit dem größten Teil der Flüssigkeit herausgelöffelt ist – Kleckergefahr! Absolut tabu: Das Brot in die Suppe tunken!“ (www.knigge.de).
  18. Föten lernen schon im Körper der Mutter Geschmacksvorzüge, ob sie später süß oder sauer bevorzugen, können sie sich nicht aussuchen.
  19. ob erfolgreichem, wird sich weisen!
  20. Am Morgen trug Mathilda in ihre Fruchtbarkeitstabelle SS ein: sehr schleimig.
  21. Würde Mathilda noch eine Tochter bekommen, würde sie dieser bestimmt nicht nur den Namen Lise, sondern auch Europa geben, denn eine weite Sicht hätte sie heutzutage auf jeden Fall nötig. Der Name „Europa“ lässt sich in Europa selbst am weitesten in Form der griechischen Ευρώπη zurückverfolgen: Hier wurde Eurṓpē meist als Kompositum aus altgriechisch ευρύς, eurís, „weit“ und οψ, ops, „Sicht“, „Gesicht“ aufgefasst, daher Eurṓpē, „die [Frau] mit der weiten Sicht“.
  22. Formeln zeichnen sich normalerweise dadurch aus, dass sie keine Fragezeichen zulassen, auch wenn sie fraglos immer wieder neue Fragen aufwerfen.
  23. Fraglich ist auch, ob es eine solche Wurzel gibt, ob der Mensch sie (oder deren Plural) wirklich braucht und/oder ob sie dem Menschen ganz einfach mit mehr oder weniger schmerzlindernder Wirkung gezogen werden kann wie bei der Zahnärztin, die für die gesamte Wurzelbehandlung drei bis vier Sitzungen braucht. Die Vorstellung, die Wurzel(n) des Menschen mit einem Taschenrechner ausrechnen zu können, scheint belustigend und beängstigend zugleich.
  24. Zum Zeitpunkt des Schreibens dieses Satzes gehört das Land bereits zu Europa. Ob es vorurteilsfrei als wirklich zugehörig behandelt werden wird, wird sich weisen. Die Schreibende wünscht es sich herzlich!
  25. Die Schreibende hat diese Spezialitäten ebenfalls probiert – sofern sie aus Fleisch und nicht aus süßem Teig bestanden – und dachte an eine Freundin in ihrem Heimatland, die eine mütterlicherseits geborene Spezialistin dieser Spezialitäten ist, obwohl sie selbst noch nie in diesem speziellen Land war. Sie war auch gerade auf Reisen in einem Land, das ebenfalls bald zu Europa gehören wird und schon längst zu ihrer Urlaubsheimat geworden war. Ist sie alle Jahre wieder dort, isst sie gerne Fisch, Fische, die in der Alltagsheimat kaum zu bekommen sind.
    Die andere Freundin, an die die Schreibende dachte, ist aus demselben Heimatland ins nördliche Nachbarland übersiedelt und klagt über die dort vorherrschende Kommunikationslosigkeit. Obwohl sie dieselbe Muttersprache hat wie die dort Einheimischen, obwohl sie sich auskennt mit dieser Sprache, wird sie nicht heimisch. Fleisch und Fisch isst sie grundsätzlich nicht, sondern erfindet Gemüse-, Getreide und Hülsenfruchtgerichte, die in ihrer Zusammensetzung als international bezeichnet werden können. Um neue Freundinnen und Freunde in der an sich nicht unwirtlichen Gegend zu gewinnen, lädt sie Leute zu sich und einer dieser internationalen Mahlzeiten ein. Die Eingeladenen finden die Gastgeberin aufgrund des fremden Dialektes – auch die Hochsprache klingt bei ihr anders als dort – und ihre Speisen exotisch und interessant. Sprache und Speisen exotisch: Alle Zutaten bekannt, aber nicht integrierbar. Diese Freundin erzählte einmal, dass sie in wieder einem anderen Land, in dem Mathilda Matilda heißen würde, mit großem Unverständnis angeschaut worden war, wenn sie in der dort gesprochenen Sprache, derer sie sich für diesen Zweck durchaus ausreichend bemächtigt hatte, fleisch- und fischlose Kost bestellt hatte.
    Wieder eine andere Freundin, an die die Schreibende dachte, mag Fleisch und Fisch, isst letzteren aber nicht, weil er ihr nicht bekommt, worüber sie nicht ganz unglücklich ist, wenn es zum Ausgleich Süßes gibt. Die Mehlspeisen würden ihr wohl munden. Während die schreibende Reisende Reis vermisste, den es dort nicht gab, kann die Freundin, die ebenfalls gerne reist, gerne auf Reis verzichten – auf Reisen und zu Haus.
  26. Die Weite verleitete den fünfjährigen Sohn der Schreibenden zu der Äußerung: „Wenn ich um die Erde schauen könnte, könnte ich meinen Hinterkopf sehen.“
  27. Manchmal allerdings ist alles anders, als es oberflächlich betrachtet erscheint!
  28. Der Maler Max Beckermann machte seiner Mathilde, die Geigerin war, zu Beginn der Ehe unmissverständlich klar: „Wenn du Karriere machen willst mit der Geige, dann lass ich dich frei. Aber wir können dann nicht zusammen leben. Entweder du wirst Geigerin oder du bleibst bei mir. Beides geht nicht. Ich brauche dich ganz oder gar nicht.“ Mathilde gab die Geige auf.
  29. Was trägt die Freundin im nördlichen Nachbarland unterm Herzen? Die Schreibende wird es in ungefähr zwei Monaten wissen.
  30. Siehe Fußnote 27!
  31. „Die nahezu widerstandslose Akzeptanz des Englischen als Kongress- und Verkehrssprache auch der Geisteswissenschaften, deutet an, dass der Zusammenhang zwischen Sprache, Kultur, Geschichtsbewusstsein und Reflexionsvermögen (…) seine Gültigkeit verloren hat. (…) Darüber zu räsonieren, was an Präzision, Kenntnis und Differenzierungsvermögen verlorengeht , wenn es dort, wo es um Sprache und Sprachgebundeheit selbst geht, in einer fremden Sprache gesprochen, geschrieben und gedacht werden muss, gilt als höchst unfein. Darüber redet man nicht, denn wo die Weltelite winkt, will sich niemand zur Provinz Europa und ihrer Vielfalt rechnen lassen.“ (Konrad Paul Liessmann, Theorie der Unbildung, Wien 2006, S.135f.)
  32. Im Kasperltheaterland steht zurzeit und wieder einmal das Taferlverrück(t)spiel auf dem Spielplan.
  33. Diese romantische Vorstellung muss die kommunikationsabhängige Schreibende über Bord werfen. Passierte es ihr, würden die Liebenden die Sprache der/des anderen erlernen und die uneigennützige Liebe müsste zunächst lange genug anhalten bis eine/r der beiden die völlig fremde Sprache gut genug beherrschte, um in die Gedankentiefen des/der anderen eintauchen zu können. Dabei stellte sie/er womöglich fest, dass er/sie lediglich eine aus dem exotischen Gegensatz bedingte Projektionsfläche für ihre/seine große Liebe dargestellt hatte (was nicht selten auch mit Liebespaaren derselben Sprache passiert). Sie/er müsste durch einen Spiegel zurück in ein Universum treten, in dem die ausgesprochene Vertreibung aus dem Paradies noch nicht stattgefunden hätte!
  34. „Köstlicher Orient“ heißt eine Sendung im Bayerischen Rundfunk. Dort erfährt man unter anderem, dass das türkische Wort für Essen „yemek“ wahrscheinlich von einer alttürkischen Silbe, die einst auch „Medizin“ bedeutete, abstammt. Als Mathilda ihren Teppich knüpfte, begann eine Krankheit in ihr, die sie vielleicht besser mit yemek als mit „mother’s little helpers“ (so bezeichneten die Rolling Stones die ab den 60er Jahren sehr populären Tranquilizer für überforderte Mütter) behandeln hätte sollen. Damals aber wagten es Türken und Türkinnen noch nicht, in ihren Gastländern die (zumeist ungastlichen) Gastgeber zu Gästen ihrer Gastronomie zu machen.
  35. Beim Einkaufen hörte die Schreibende eine Dame lauthals mit dem Filialleiter schimpfen, weil sie herausgefunden hatte, dass der als inländisch angepriesene Eichblattsalat in Wirklichkeit aus Italien stammte. Sie schrie ihn an, für wie blöd er Konsumentinnen überhaupt halte und EU und Globalisierung hin oder her, aber sie wolle nur österreichische Ware auf den Tisch bringen und nicht etwas servieren, das durch den Transport für eine weitere Verschlechterung des Weltklimas sorge! Der Filialleiter war ganz blass geworden, zumal mehrere Kundinnen stehen geblieben waren und schon etwas von einem Aufstand, den sie unterstützen würden, murmelten. Die Schreibende hatte europaweiten Streik einkaufender und kochender Frauen vor Augen und lief beschwingt zur Kassa.
  36. elend: Mhd. ellende „fremd, verbannt; unglücklich, jammervoll“ verkürzt aus ahd. elilenti, asächs. elilendi „in fremdem Land, ausgewiesen“. Auszug aus: DUDEN: Etymologie – Herkunftswörterbuch der deutschen Sprache, 1963.
  37. Der Schreibenden fällt ein, dass die Freundin mit ihrer Familie in einem vergangenen Sommer genau dort reiste, wo Mathilda unterwegs ist. Auf einem Campingplatz trat der Besitzer zu ihr, als sie gerade im Waschbecken die Wäsche wusch, und sagte bewundernd, was sie für einen schönen Körper habe. Die Freundin tat das lachend ab (dabei stimmt die Schreibende dem Campingplatzbesitzer insgeheim zu), doch heimlich schrieb sie ihm ein E-Mail und wartete auf seine Antwort. Sie verfasste ihre Botschaft in zwei Sprachen, Deutsch und Englisch. Sie wählte möglichst einfache Worte, damit er sie ja verstand. So erzählte sie es der Freundin, aber nicht, was sie ihm geschrieben hatte. Gleichviel – die Schreibende wünscht Mathilda eine solche Begegnung – einfach, um zu sehen, wie Mathilda reagiert.

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