Gerald’s Story

Der ganz langsame Abstieg

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Ich war immer lebensfroh, abenteuerlustig, kräftig, ausdauernd und kerngesund. Viel unterwegs, selten länger an einem Ort. 1958 in Graz geboren, dort auch studiert und kurz verheiratet, dann in Wien gelebt und mit 30 nach Australien ausgewandert.
1993 hatte ich ganz starke Schmerzen in meiner linken Schulter, sodass ich mich kaum mehr an- und ausziehen konnte. Ein Sportmediziner wollte eine Ablagerung herausschaben, ein Alternativmediziner hat mir eine Salbe gegeben. Die Schmerzen gingen weg. Damals hatte ich nicht die leiseste Ahnung, dass dies ein Frühsymptom der Parkinsonschen Krankheit war.
Jetzt bin ich 50 und bereits im Ruhestand. Warum? Eigentlich brauchte ich nur die letzten zehn Jahre meines digitalen Fotoalbums zu durchblättern und mein Gesicht, meine Haltung, sowie die Gewichtszunahme zu beobachten. Daraus lässt sich rückblickend vieles erkennen…
1998 schien die Welt noch in Ordnung. Ich war gerade zehn Jahre in Australien.

1999 war ich mit einer Kolumbianerin befreundet. Allerdings wollte mir das Salsatanzen nicht mehr so geschmeidig gelingen und ich stellte mich ein bisschen ungelenk und hölzern dabei an, sodass es sogar ihren Töchtern aufgefallen war.
Meine Erklärung war, dass ich eben doch kein Latino sei….

2000 war ich viel auf Reisen, fühlte mich aber schneller erschöpft als sonst. Beruflich nahm meine Motivation auch langsam ab, ich arbeitete nur mehr wochentags und hielt zum beruflichen Rat Race etwas mehr Abstand.
Meine Erklärung war, dass es in meinem Alter halt nicht mehr so schnell ginge…

2001 erfreute mich an meiner neuen Stadtwohnung und dem Strand von La Perouse, ging viel mit Freunden in Sydney aus, jedoch wurden es kaum mehr lange Nächte und auch mit den Drinks war ich schon viel zurückhaltender.
Meine Erklärung war, dass man über 40 eben alt werde…

2002 hatten wir viele unserer Wohnungseigentümerversammlungen im Fitnessraum, wo sich alle auf den Teppichboden setzten. Mir war das recht unangenehm, denn ich konnte einfach nicht mehr so ohne weiteres längere Zeit ohne Verspannungen am Boden sitzen. Ich musste mich auf einen mitgebrachten Stuhl setzen.
Meine Erklärung war, dass das einfach ungemütlich sei…

2003 war das Kulturhauptstadtjahr für Graz. Als gebürtiger Grazer hatte ich dazu natürlich auch einiges zu sagen und zu diesem Anlass eine Gangway Sondernummer herausgegeben. Bei der Präsentation im ESC habe ich geschwitzt wie verrückt und ein befreundeter Autor hat gemeint, ich schaue ziemlich fertig aus.
Meine Erklärung war das Jetlag und die Hitze in Graz…

2004 war ich wieder in Graz zum großen 20-Jahresfest meines Literaturverlages. Die Moderation des Abends fiel mir nicht mehr so leicht wie in früheren Jahren, das Mikrofon sank immer tiefer und meine Stimme wurde leiser und undeutlicher, wie mir eine Bekannte im Publikum nach dem Abend im Vertrauen bekundete.
Da hatte ich keine Erklärungen mehr.

2005 vermutete mein Hausarzt erstmals die Parkinsonsche Krankheit, da ich ihm neben unruhigen Beinen beim Einschlafen auch von der Unleserlichkeit meiner Handschrift erzählt hatte. Ich wollte ihm erst gar nicht glauben und lieber einen unbemerkten Schlaganfall, ein Blutgerinnsel, oder was auch immer haben. Nur nicht diese Krankheit.
2006 hat mir ein Neurologe vom Royal Prince Alfred Hospital die Diagnose ins Gesicht gesagt: „Idiopathisches Parkinson-Syndrom.“
2007 konsultierte ich weitere Spezialisten und das gesamte Internet.
2008 habe ich mich mit meiner Verlangsamung arrangiert, bin in Pension gegangen und habe mich sogar irgendwie an die Krankheit gewöhnt.

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Wie es mir dabei wirklich geht? Natürlich beschissen, da ich ein schnelles Leben im Besitz eines gesunden, gut aussehenden und präzise funktionierenden Körpers gewohnt war. Jetzt bringt mich jede Kleinigkeit ins Schwitzen. Nicht nur das, auch mein Kurzzeitgedächtnis scheint betroffen zu sein…
Seit 2005 versuche ich auch, mit den Ärzten gemeinsam Therapien auszuprobieren. Ein erster Test, brachte so gut wie keine Erkenntnisse. Ein Jahr später nochmals dasselbe Medikament auch nicht. Alles sehr frustrierend. Ohne Tremor hat man halt keine wirklich vergleichbaren Messwerte. Anfang 2008 dann ein anderer Anlauf. Der Arzt dachte schon an Parkinson Plus.
Seit einem halben Jahr nehme ich auf Anraten Dr. Gerschlagers dreimal täglich Stalevo. Die Nebenwirkungen sind erträglich, jedoch die Wirkungen aus eigener Sicht nicht wirklich objektiv abschätzbar. Zumindest meine Freunde meinen, ich schaue besser aus. Auch wenn ich mich schwach fühle, wie auf drei Zylindern laufe und streckenweise wie ein welkes Blatt am Bett liege.
Aber was man nicht ändern kann, muss man wohl akzeptieren… solange ich noch keine Hilfe brauche, geht alles. Einfach langsamer, steifer, ungeschickter. Aber es geht. Das ist schließlich ausschlaggebend.
Und bis es dann einmal nicht mehr gehen wird, habe ich mir viele ehrenamtliche Aufgaben gesucht, wie zum Beispiel jene der Gründung und Organisation einer Parkinson Selbsthilfegruppe in Sydney, sowie nicht zuletzt auch die Mitarbeit an Dr. Gerschlagers Parkinson Forum.

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Zwei Jahre später

Der Honeymoon ist noch nicht vorüber, aber die Krankheit schreitet langsam, beständig und ganz offensichtlich auch unaufhaltsam fort. Neue Forschungen geben nur schwache Hoffnung. Das ständige Reisen wird anstrengender, manche Aufgaben bereiten mir enormen Stress. Ich fühle mich schwächer, steifer, langsamer. Das Aufrechthalten meiner Fernbeziehung wird unmöglich; ich wünsche mir ständig jemanden an meiner Seite. Allein zu leben macht langsam zu viel Mühe. Ich fühle mich überlastet und urlaubsreif.
Zu den Stalevo hat sich seit etwa einem Jahr auch Sifrol gesellt, nach Versuchen mit anderen Kombinationen, die mich fast überhaupt nicht mehr schlafen ließen. Ich werde das Gefühl nicht los, dass Agonisten bei mir keine, oder nur schwach, erwünschten Wirkungen zeigen, sondern hauptsächlich unerwünschte. Geschwollene Knöchel. Schlafstörungen. Schlechte Laune. Dennoch fühle ich mich nur auf halber Kraft und würde wahrscheinlich mehr Tabletten brauchen, was mir jedoch überhaupt nicht in den Kram passt.
Zur Zeit bin ich keine Woche an einem Ort, was auch sehr an meiner Kraft zehrt. Das gegenwärtige kühle Regenwetter ist auch nicht mein Freund. Ich wünschte mir mehr Ruhe, muss aber noch eine gute Weile am Ball bleiben, um ein umfangreiches Projekt abzuschließen. Das erfordert noch etliche Besprechungen in Wien. Und ein Gastspiel in Bratislava habe ich mir auch noch aufgehalst. Vielleicht sollte ich doch wieder in Wien wohnen. Aber Australien hat nach wie vor seinen Reiz und ist schließlich seit über zwanzig Jahren mein Lebensmittelpunkt.
Es gibt zu viele Variablen in meinem Leben. Aber das führt jetzt zu weit. Dies sollte nur ein kurzes Update zum ganz langsamen Abstieg sein.

PS.: Klar gibt es keinen Superman. Das ist ein ebenso fiktionaler Charakter wie Robin Hood oder das Christkind. Ich jedoch bin einfach ein Mann. Schon etwas geschwächt vom Kryptonit, aber noch verhältnismäßig gut drauf.
Seit unserem gemütlichen Essen in Wien hat sich nichts verändert, lieber Andreas; und falls mein Update als „Negativdenken“ (Zitat PN von Joe) rüber gekommen ist, bin ich wohl nur missverstanden worden. Ich sag einfach wie’s ist, ohne das irgendwie zu bewerten.
An einer Krankheit kann man nix Gutes finden. Man macht sich halt eine kleine und grösser werdende Lebenslüge zurecht – und damit wurschtelt man sich mit einmal mehr einmal weniger Spaß an der Freud durchs Leben.
Das ist weder schlecht noch gut; das ist einfach so, denk ich mir.

PPS.: Danke für den Beitrag zu meiner Geschichte. Das ist auf den ersten Blick zwar ein guter Text, das mit dem Fahrverbot und der Geschwindigkeitsbegrenzung auch eine schöne Metapher, aber er hält einer Prüfung nicht lange stand.
Fahrverbote und Geschwindigkeitsbegrenzungen sind vom Menschen (bzw. dem Gesetzgeber) auferlegte Regeln, deren Einhaltung nicht jedem Naturell entspricht und die darüber hinaus auch nicht immer Sinn machen. Ich bin in früheren Jahren oft weit über das Limit gefahren, wenn ich die Situation als sicher eingeschätzt hatte, oder mitten in der Nacht kein Verkehr war. Immer hatte ich mich dabei nach eigenem Ermessen verantwortlich verhalten, nicht nach (manchmal willkürlicher) Fremdbestimmung durch eine Obrigkeit.
Und diese Fremdbestimmung nimmt mit dem Verlauf unserer Krankheit unwiderruflich zu. Da kann ich noch so viel von willkommener Verlangsamung und erwünschter Geschwindigkeitsbegrenzung sprechen (was ich ja selbst auch so formuliert habe, siehe Anfang meines Beitrages), aber es war nicht meine Entscheidung; ich muss mich so wie jeder andere Betroffene einfach nach der sinkenden Decke strecken und von der Überholspur auf die Schleichspur wechseln.
Dabei ist es unerheblich, ob man das Glas halb voll oder halb leer sieht, wie an anderer Stelle erwähnt wurde. Denn würden wir nicht alle ohnehin von uns aus und ganz automatisch und zum eigenen Schutz positiv denken, wären wir alle suizidgefährdet, was wir ganz offensichtlich nicht sind, wie wir mit diesem lebendigen Forum ständig beweisen.
Da kenne ich gesunde Leute, die weitaus mehr jammern als kranke.

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Ein kleines Update zu meiner Geschichte, das sich in weiterer Folge in den Jahren 2011 bis 2015 auf meinem Leben auswirken wird.
Ich bin heute in der Generalversammlung des Auslandsösterreicher-Weltbund AÖWB für die nächste Amtsperiode als einer von sechs Passösterreichern wieder in den Vorstand gewählt worden, worüber ich mich sehr freue. Und dieses Vertrauen hat man mir noch dazu mit großer Stimmenmehrheit vor den anderen Kandidaten ausgesprochen. Dabei habe ich mich coram publico vor 400 Teilnehmern in meiner Rede als Parkinson Betroffener geoutet!
Das wirkt sich auf unser Forum insofern aus, als ich somit auch in den nächsten Jahren regelmäßig nach Österreich zu den Vorstandssitzungen fliegen werde und so sicher das eine oder andere Forumstreffen anhängen kann.
Für mich wird diese ehrenamtliche Arbeit weiterhin eine große Herausforderung darstellen, die Grenzen der Belastbarkeit mit unserer Krankheit zu erkunden.

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Ursprünglich hatte ich die Absicht, meine Geschichte etwa halbjährlich mit kurzen Updates zu aktualisieren. Beim letzten Bericht im September dachte ich mir, dass die genetischen Tests, die zu machen ich im November im Royal North Shore Hospital gebucht hatte und die im April daraus erwartete Ergebnisse eine gute Gelegenheit bieten würden. Nun, diese Tests waren negativ, aber das ist plötzlich gar nicht mehr so spannend.
Ich hatte keine Ahnung, dass vor zwei Tagen der Knochenmann bei mir anklopfen würde und der Geschichte damit einen anderen Fokus verliehen hat. Vor zwei Tagen nach dem Abendessen hatte ich nämlich völlig aus dem Blauen eine Lungenembolie. Der Gedanke, nichts zu tun und mir damit eine Menge zukünftiger Unannehmlichkeiten zu ersparen, kam mir in dieser Höllennacht zwar in den Sinn, aber der Wunsch zu leben war doch um vieles stärker und so habe ich mich bei Tagesanbruch in die Hände der Notaufnahme vom Royal Prince Alfred Hospital begeben.
Und das war eine gute Entscheidung. Während ich vor zwei Tagen noch dachte, sterben zu müssen, befinde ich bereits wieder am Wege der Besserung. Morphium, CT Scans, Ultraschalluntersuchungen und „literweise“ Bluttests tun Wunder. Noch ein, zwei Wochen im Krankenhaus und danach wird sich zu den üblichen Drogen noch eine mit laufenden INR Bluttests streng zu kontrollierende Dosis Warfarin gesellen. In sechs Monaten sollte alles wieder vorüber sein.
Das sind ja richtig gute Aussichten im Vergleich zu unserem Morbus Parkinson, bei dem es genau umgekehrt und auf Lebenszeit verläuft… Aber zurück zum Update: Die Forschungsabteilung des RNSH will noch weitere Tests mit meiner DNA machen und mein verbleibender Honeymoon wird langsam kürzer. Ich spüre es in allen Knochen. Aber den Knochenmann lass ich dennoch noch nicht in meine Nähe.
Und nun ist Dinner Time hier im RPAH. Ich werd’s mir schmecken lassen.

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Revision

Es ist wieder einmal früher Morgen. Ich habe schlecht und viel zu wenig geschlafen. Das nächtliche Zittern hört auf, lange bevor ich später die ersten Medikamente um 6 Uhr einnehmen werde. Ich bin guter Dinge und lese im Forum. Die Realität eines „Parkinsonisten“.
Ich bin erstaunt und erfreut, dass meine Geschichte eine interessante wenn auch polarisierte Diskussion [im Forum der Parkinsonberatung] ausgelöst hat. Obwohl wir zwar alle auf unsere Weise das Leben lieben, wird eines hier sehr deutlich – und Evelyns „Halleluja“ subsumiert die Lager: Es ist längst keine philosophische Diskussion mehr, Bibelzitate werden eingebracht, es ist ein Religionskrieg daraus geworden, zwischen Realitätsverweigerern, die sich rosarote Brillen tragend in den Glauben flüchten und alles als Geschenk Gottes annehmen – und jenen, die mit der Kirche und ihren Regeln nichts am Hut haben und die Dinge sehen, wie sie sind. Ich betone, dass ich als Atheist jedem seinen Glauben zugestehe, ihn aber weder teilen kann noch missioniert werden will.
Ich denke an jeden einzelnen Beiträger unseres Forums, wovon ich schon recht viele persönlich kennen gelernt habe. Wären wir auch ohne Krankheit diese oft zitierte „Familie“? Ich denke nicht. Ich würde mit Gerhard und Wolfgang Musik hören und Wein trinken, wäre mit Agnes und Brigitte befreundet, würde mit Andreas Bowlen. Andere hätte ich in meinem Leben nie getroffen. Ich war kein Mann Gottes und bin froh darüber, dass ich mich in der Realität zurechtfinde. In einer Realität, die zwar streckenweise beschissen ist, aber die mir durch den Zeitgewinn der Pensionierung die Verlangsamung – zumindest noch – gutmacht. Lauren hat natürlich recht, es ist nichts Gutes an Morbus Parkinson, aber dass wir mit 40, 45, 50 in Pension gehen und mit der daraus resultierenden Zeitgutschrift weiterhin streitbar und „positiv“ durchs Leben gehen, wiegt zumindest im Honeymoon noch den realen Scheiß auf.
Wahrheit – welche auch immer – tut gut.

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Ich hoffe, ihr hattet an diesem Weltparkinsontag etwas besseres zu tun, als ihn so wie ich in einem Krankenhausbett zu verbringen…
Mit meinem Lungeninfarkt bin ich über den Berg. Die Blutwerte haben sich normalisiert, ich komme auch ohne Sauerstoff aus und brauche kein Morphium mehr. Die behandelnden Ärzte haben mich daher in die Obhut meines Hausarztes übergeben, aber mir gleich für drei Monate Flugverbot erteilt. D.h. ich muss leider alle geplanten Österreich-Termine absagen und mir überlegen, ob ich eventuell Juli/August/September nach Wien und Graz komme.
Aber erst einmal werde ich mich einer stressfreien Genesung widmen. Ich muss mich selber darum kümmern, denn ich bin ja nicht der Vizekanzler, den man gleich auf Kur schickt.

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Wieder ist die Zeit so schnell vergangen. Je langsamer ich werde, desto schneller läuft die Uhr, wie es scheint. Die drei Monate Flugverbot sind um und nächste Woche setze ich daher den Weg nach Österreich fort. Ende Juli mit ärztlich verordnetem Zwischenstopp in den Vereinigten Arabischen Emiraten, im August und September werde ich in Wien und Graz sein und einige von euch wieder treffen. Ich freu mich darauf.
Was mir allerdings Sorgen macht (obwohl wir Betroffenen es längst wissen, auch wenn wir es nicht wahrhaben wollen) ist das Fortschreiten der Krankheit. Das geschieht etwa im gleichen Tempo wie die Genesung von einer Lungenembolie. Und abgerundet wird das ganze noch von zusätzlichen Wehwehchen, die eins nach dem anderen dazu kommen. Jedes einzelne davon hätte mich als Gesunder genervt, aber im Vergleich zu Parkinson ist das eigentlich gar nix.
Aber so ist das Leben, g’hupft wie g’hatscht, wie man in der Steiermark zu sagen pflegt. Besser werden wir nimmer, aber gut sind wir immer noch. Und mit Kampfgeschrei fahr’n Andreas und ich in die Tschechei (Anm.: Česká parkinsoniáda ist ein internationaler Wettkampf für Parkinson Betroffene)!

PS.: Wie bin ich froh, dass Lebensqualität so ein dehnbarer Begriff ist.

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Wieder sind etwa sechs Monate ins Land gezogen. Es ist so viel passiert. Ich habe inzwischen meinen Hauptwohnsitz nach Österreich verlegt. Es ging mir so schlecht wie nie, und ich war im selben Zeitraum glücklich wie schon lange nicht mehr. Zeit für ein Update.
Den ersten Monat im zweiten Halbjahr 2011 war ich noch vollauf damit beschäftigt, mich in Sydney von meiner Lungenembolie zu erholen. Als ich wieder flugtauglich war, flog ich zu meiner damaligen Partnerin – mit der ich mit Unterbrechungen drei Jahre zusammen war – nach Perth, Western Australia und arbeitete mit der dortigen Patientenorganisation, Parkinson’s WA, an einem virtuellen Selbsthilfe-Netzwerk. Es sah alles nach einem ruhigen Alltag aus. Strandleben, Ausflüge aufs Land, gut essen und trinken, Kartenspielen und dabei stetig an Gewicht zunehmen. Ich dachte mir, that’s life as good as it gets und machte mich im August nichtsahnend über die Emirate auf den langen Weg nach Wien, zum jährlichen Auslandsösterreicher-Treffen.
In Österreich, meiner alten Heimat angekommen, wuchs jedoch überraschend schnell neue Liebe in meiner unmittelbaren Nachbarschaft heran und nach einer telefonischen Trennung von meiner Partnerin folgten die drei wohl schönsten und erfülltesten Monate seit mich Parkinson begleitet. Die Liebe verleiht bekanntlich Flügel und ich genoss die spürbaren Verbesserungen meiner Lebensqualität, entdeckte Wellness und Radfahren, heimische Kulturangebote sowie herzlichen Familienanschluss. Ich ließ mein Rückflugticket verfallen und lebte mit meiner neuen Frau ein glückliches Leben. Ich hoffte, dass noch 10, 15, oder 20 gemeinsame, gesundheitlich noch relativ gute Jahre vor uns liegen würden. Vielleicht war es die erfolglose Umstellung der Medikamente (Stalevo/Sifrol auf Stalevo/Requip) die mich belastete, eine damit verbundene Gemütsveränderung, oder was auch immer, diese Beziehung endete abrupt und ich sah mich vor einem Monat plötzlich gezwungen, eine eigene Wohnung einzurichten und allein zu beziehen.
Diese Liebe hat mich diesmal in Österreich festgehalten und – auch wenn sie zerbröckelt scheint und nur durch ein Wunder wieder erwachen könnte – ich bin und bleibe nun einmal bis auf weiteres hier, trete im Jänner meinen ersten Reha-Aufenthalt in Bad Radkersburg an und erlebe den ersten Winter nach einem mehr als zwei Jahrzehnte dauerndem endlosen Sommer in Australien. Ich freue mich wie ein Kind darauf, einen Schneemann zu bauen. Irgendwie macht mich der Verlust der Geliebten zwar sentimental, andererseits wird es aber sicher spannend, mich wieder in meiner alten Heimat als Parkinson-Single zu verwurzeln.
Es wird schon gelingen, denke ich. Beim House Warming (Wohnungseinweihung) am Wochenende haben mich liebe Nachbarn und alte Freunde sehr herzlich willkommen geheißen. Mein soziales Netzwerk in Graz ist ein gutes. Parkins(on)line in der Steiermark funktioniert, auch ohne einen Landesverband. Einziger Wermutstropfen: Der Schutz der Nichtraucher liegt hierzulande zu meinem Leidwesen noch weit hinter dem Rest der zivilisierten Welt, was gerade nach einer Lungenembolie täglich eine Herausforderung darstellt, für die rücksichtslose Raucher wenig Verständnis aufbringen. Allein beim Durchschreiten des dick verqualmten Raucherbereiches im vorderen Teil meines Stammgasthauses muss ich die Luft anhalten, bis ich in den Nichtraucherbereich gelange. Da lobe ich mir das rauchfreie Australien.
Ansonsten stelle ich mich gerade wieder auf Stalevo/Sifrol zurück um und hoffe, meine Schlafstörungen damit wieder in den Griff zu bekommen. Da ich wegen des starken australischen Dollars, mit dem meine Mieteinnahmen in Australien umgerechnet werden, trotz einer lächerlich kleinen Pension um die Ausgleichszulage umgefallen bin, habe ich einen Antrag auf Pflegegeld gestellt und bin schon gespannt, wie er beschieden wird. Ich habe jedenfalls genug auf der Bank, um weitere sechs Monate hier zu leben. Bis dahin hoffe ich, eine endgültige Entscheidung treffen zu können, wo ich mich niederlasse, um eine der beiden Wohnungen zu verkaufen. Zwischen Australien und Europa ständig weiter zu pendeln, verträgt sich nimmer mit Parkinson – und schon gar nicht mit einer festen Beziehung.

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Am Sonntag (zufällig Ostersonntag) hatte ich meinen ersten Wiedergeburtstag. Am 8. April des Vorjahres habe ich ja eine schlimme Lungenembolie überlebt. Da macht man sich so seine Gedanken über das Leben. Vorläufig funktioniert der Life’s good Mantra noch. Aber wie lange?
Und ich bin wieder Single. Schuld dran ist der Parkinson. Nicht der körperliche, der mich behindert, sondern der, der mich grantig dreinschauen lässt. Mein Gesicht kann einfach nicht mehr alle Emotionen ausdrücken und Judith schaute mich in letzter Zeit oft prüfend an und dachte bei sich, ich sei schlecht gelaunt (obwohl ich es selten bin) nur weil mein Wachsgesicht so dreinschaut. Das „zieht sie runter“ und sie „will keine Beziehung“ und da ist sie wieder fortgegangen nach einer langen Zeit glücklichen Zusammenseins. Zumindest war ich diesmal besser aufs Alleinleben vorbereitet als bei der letzten Trennung. Aber ich mag es gar nicht.
Was sich als einzig wirkliche Konstante im Leben mit der Krankheit herauskristallisiert, sind meine Freundschaften unter uns Betroffenen. Traurig, aber wahr. Eine Zirkus-Menagerie.

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Liebe Leser, Ist mein letztes Update wirklich schon wieder so lange her? Vom 10. April 2012? Neun Monate? Das Raum-Zeit-Gefüge krümmt sich mit zunehmendem Parkinson offensichtlich immer stärker.
Nun gut, was gibt es Neues? Ich habe mich in diesem Dreivierteljahr im Forum deutlich rarer gemacht, schiebe die Krankheit quasi weg aus meinem Blickfeld, weg aus meinem Leben, indem ich sie nicht mehr so zentral in mir wirken lasse. Wie das geht? Weniger Stress in der Parkinson Selbsthilfe-Szene und viel mehr das Leben und die Liebe genießen. Viel Sport (Radfahren, Nordic Walking, Schwimmen), viel Kultur (Konzerte, Theater, Lesungen, Kabarett), regelmäßig Wellness und viel Sex. Ja, auch das darf man zugeben, denn guter Sex gehört ganz eindeutig zur Lebensqualität.
Dazu braucht es noch ausreichend kreative Auslastung (wie viele von uns malen, basteln, Kunsthandwerk betreiben oder schreiben, entwickle ich Projekte am Netz), zuletzt den monatelangen handcodierten Umbau des literarisch/kulturellen Magazins Gangway, das ich 1996 in Sydney gegründet hatte und dessen rund 2,400 Seiten nun in neuem Design und zeitgemäßer Navigation zu erforschen sind. Jetzt auch mit einem Feuilleton, in dem ich meine journalistischen Ambitionen ausspiele.
Für die Ausgabe #45 möchte ich übrigens literarische und künstlerische Beiträge (lineare Texte, Hypertexte, Bilder, Videos etc.) sammeln, die sich um das Leben mit einer chronischen/degenerativen Erkrankung/Behinderung drehen. Bei ausreichendem Interesse sogar vielleicht mit einem Fokus auf Parkinson. Idealerweise sollte diese Gangway Nummer zum Welt-Parkinson-Kongress in Montreal erscheinen. Eine baldmögliche Ankündigung von Beiträgen zum Thema wäre also wünschenswert.
Soweit ein kurzes Lebenszeichen von mir aus Graz. Am 3. Februar fliege ich wieder nach Sydney. Diesmal aber nicht für sehr lange, denn ich will nur meine Zelte abbrechen, denn nach über einem Vierteljahrhundert auswärtiger Luft fühle ich mich in Graz wieder ausgesprochen „daheim“. Was natürlich Judith und den anderen lieben Menschen in meinem sozialen Umfeld zu verdanken ist.

© Gangan Verlag / Gerald Ganglbauer 2013

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