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GANGAN Lit-Mag #50

 

enteignung ansprechen
fingerfertige gefälligkeit

mißstrauen in
offener schale

voreiligkeit verbissenheit
auszugsweise trägheit
ein sieb im abschlag
strohsterne ohne hände

Der Forscher drückt den Arm der Forscherin, um etwas zum Ausdruck zu bringen. Schilfgestecke fahren vorbei, beschleunigen beschaulich, kunstvoll arrangiert mit Möwen. Manchmal fährt ein Wind in ihre Federn. Pusten klänge weniger elegant aber zupackender. Die Forscher können sich nicht erinnern, wann sie sich zuletzt mit ihrer Sprache befasst haben. Zu viel ist geschehen. Einem Erdrutsch gleich haben sich die Verhältnisse um sie herum verändert, von langer Hand geplant. In den öffentlichen Verkehrsmitteln und sogenannten Fahrgastunterständen ist nun auch das Lesen und Schreiben untersagt. Es gilt als „unappetitlich“. Die Forscherin, seit früher Jugend gewohnt, lesend und notierend durch die Großstadt befördert zu werden, greift nervös in die Rückenlehne aus Bakelit.

reiner sprachgebrauch dämmert stillgelegt
ausdauer mit systematik entleert eine taktik
mit frischer stimme allem entsagen

Anscheinend ist alles aus den Bäumen geschüttelt. Sie sind leer. Eine Regenwand steht. Das Glitzern ist vorbei. Man lässt es schleifen. Auch häufen sich Verpflichtungen. Ein Vorhaben zu erläutern. Seine Vorbereitung erfolgt in Form winziger Einheiten die mit dem Wind davongetragen werden.

Diktaphon: was tritt in erscheinung? was habt ihr vor?

Die Forscher erhalten ein Briefkuvert mit Sichtfenster und ohne Absender. Ein handgeschriebener Vermerk warnt: „Vorsicht zerbrechliches Liefergut.“ Sie erbrechen den Brief und finden die zu Bröseln zerdrückten Überreste leerer Eierschalen vor. „Preis“ ist darauf zu entziffern. Man weiß es wieder nicht. Nichts weiß man. Leicht ratlos greift die Forscherin zum Stift: „Wer keinen Bart hat, sollte keinen abschneiden. Vielleicht ungewöhnlich für eine Preisverleihung möchte ich aus gegebenem Anlass noch etwas einräumen, vielmehr mit etwas aufräumen um endlich etwas aufzugeben. Die Wohnungsnot ist keine, nur eine grassierende Wohnraumumverteilung zugunsten der Üblichen in üblen Zeiten. Die Kleine Wohnung, namentlich 1-Raumwohnung ist eine aussterbende Grösse, die unter Denkmalschutz gestellt gehört, da ich ihr mein Schaffen verdanke. Sollten Sie also bezahlbaren Wohnraum haben, zögern sie nicht, an uns heranzutreten, denn wir haben nicht nur uns selbst, sondern gleich 5 weitere unserer Art an der Hand, die Wohnraum in dieser Stadt nicht mehr bezahlen können und daher nomadisierend sich in der Weltgeschichte herumschreiben, kurz: dies ist ein Plädoyer für die kleine Wohnung, auf die unter dem Vorwand der Wohnraumverbesserung seit geraumer Zeit ein langanhaltender Anschlag erfolgt, wiewohl auf deren BewohnerInnen, die diesbezüglich in der öffentlichen Wahrnehmung leicht unter den Tisch fallen, so, wie vermutlich das vorliegende Schreiben. Betrachten sie es somit als gegenstandslos…“

zeit ist ein muskel
sein stichwort lautet „stets“

erstickt hinterrücks
bodenpersonal

erwischt in
der ausschweifung

„ohne einen glaspalast ist das leben eine last“, sinniert der forscher. an jeder ecke mit leerstand spielen sich ihre phantasien hoch. die forscherin würde alles notieren, soweit es in ihren kräften steht. vorläufig lässt sie nur anschreiben. im ganzen ein wartender finger, der auf den tisch trommelt. der gestank kommt nicht aus der umgebung, er steckt in der nase. sie stinkt in sich. verschluckt alles aus not.

gras beschönigt spinte
freigehalten von bückware

unterste schublade
von geiz bestimmt

Die Forscher sind glücklich, wenn sie etwas hinter sich her ziehen oder schleifen können. Während der Forscher mit der Säge Äste zerteilt und den Bau sorgsam aufstockt, durchstreift die Forscherin den Schilfgürtel, sichtet abgebrochenes Geäst, zieht es aus Überwucherungen heraus zur Burg und läuft dann hinaus in die von Maulwürfen durchpflügte Wiese, um kniend mit beiden Händen einen ganzen Erdhaufen auf einmal in den Eimer, der zwischen ihren Beinen klemmt zu schieben. Die Forscher benutzen für ihre Gänge die eingetretenen Wechsel, die sie damit vertiefen. Viele Eimer schwarzer fetter Erde sind so nun schon auf dem Bau gelandet und haben ihn an entscheidender Stelle verstärkt und befestigt gegen anzunehmende Hochwasserflutwellen im Frühjahr. Die Tiere haben ihrerseits des Nachts die Bautätigkeit der Forscher mit einem Pfotenabdruck aus schwarzem Schlamm besiegelt. Nie war die Rede davon gewesen, den Tieren ins Handwerk pfuschen zu wollen. Alles geschah mehr oder weniger instinktiv, beinahe wie von selbst.

leichte zweifel hegen inneres
alte gesetze ins spiel bringend

erhebliche abwesenheiten
aus dem ruder gelaufen

Böses Erwachen im Dichterparadies. Mit Zimmer, Park, Vollpension, Dichtermythos soll etwas von Relevanz hervorschauen? Kriechend, versteht sich. Am nächsten Tag ist die Blockade verschwunden. Aufgehängt an toten Tieren finden sich schnell die richtigen Worte. Anders Daheim. Dort wird ein Dachaufsatz aufgesetzt, das Haus aufgestockt, Balkone in den Hinterhof gequetscht. Der Rauchfang mit Krähen, eine gewohnte Attrappe, verschwindet. Die Kulisse verändert sich. Auf das Steropor der Dachdecker vom Wind aufs Taubennetz, über die Häuser gespannt, getragen, herunter gesegelt klopft Regen, prasseln Tropfen, verstärkt durch den Raum im Hof wie Knallerbsen. Rauchen und Handytelefonie machen ihn zum Stink- und Echoraum, tragen Nikotin und Tonschwall in einen Schutzraum. Und gefällt es dir nicht? Ja. Die sehr schöne Linie gelingt sofort, setzt sich ohne einen Gedanken perfekt, vorzüglich, springt sofort ins Auge, trifft, öffnet Raum.

eine handlung von der auf hände geschlossen werden kann
wenig. fast nichts.

die decke ist dicker, als sie aussieht oder umgekehrt
in wahrheit ist vieles genau umgekehrt

„Ah ist ja schon viertel nach Vier“, seine Mundwinkel zucken unaufhörlich. Irgendetwas scheint den Forscher stark zu beschäftigen. Nein, er ist nicht der Mensch, der viel liest. Im Umkehrschluss löst er keine Kreuzworträtsel. Er liest gern und zügig Bücher, in denen es weiter geht. Denn er zählt sich nicht zu den literarisch interessierten Lesern sondern zu den Lesern, die daran interessiert sind, daß es weiter geht. Vor allem zügig. Die Form ist ihm nicht gleichgültig doch hat sie seinem Anspruch zu genügen und wie ein Sog zu wirken.

maschine punktiert
nach nützlichen mustern

erhöht den genuß
ungenutzter pausen

Der Wasserstand ist abzulesen. Präzise und unaufgeregt legt die Forscherin darin den Untergang der Menschheit fest. Die Forscher verbringen in diesem Winter die meiste Zeit des Tages im Bett, der kleinsten Wohneinheit, auf welche sich historisch schon so einiges beschränkte, komprimierte, zusammenkürzte. Es erscheint ihnen angemessen in Anbetracht von Dunkelheit und Kälte in dieser Zeit. Die Forscherin richtet sich auf, um eine weitere Wohneinheit, den Tisch zu erreichen und sich ein Buch zu holen. „Ich hatte etwas anderes für dich vorgesehen“, bemerkt der Forscher. „So, jetzt kannst du wieder ansetzen“, erwidert die Forscherin, indem sie sich aufs Bett bequemt. Während sie die Kissen zurechtrückt, setzt der Forscher zufrieden an, seine Geschichte der Realität fortzusetzen. Aufgrund seiner eingeschränkten Raumwahrnehmung nimmt er die Forscherin nur als einen Strich mit 2 Punkten wahr. Daher fragt er unentwegt sich orientierend „Was passiert gerade?“ Die Forscherin lauscht seiner Stimme, kann aber inhaltlich wieder nicht folgen.

kosten und umstände sind geliefert
keinen platz in der auflösung

Die Forscher finden Tannenzapfen und bringen sie in ein Wasserbehältnis. Dort schließen sich die Zapfen innerhalb einer halben Stunde. Anschließend entnehmen sie sie dem Wasser und legen sie zum Trocknen auf eine ruhige Fensterbank in die Sonne. Dort öffnen sie sich innerhalb eines guten Tages. Es können auch zwei vergehen.

wintervorrat fliegt ins gewebe als akrobat im hosenanzugüberall schalen vermutlich von leuten

klärend befreiend, insofern fragwürdig
zeichnung verbleibt in der tusche

keine verschwendung hämmert im geist
stabilisiert die atmosphäre, selbstaufhebung – sofort!

gemessen an formen schließt sich das schloss
Diktaphon: fehlt dir etwas? – höchstens nichts.

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