Martina Sinowatz

Der Daumen des Vaters

Eigentlich weiß ich gar nicht, was meine Heimat ist. Bosnien oder Serbien, Serbien oder Bosnien?

Geboren bin ich in Bosnien. Dort verbrachte ich meine ersten Lebensjahre und alle Verwandten, Freundinnen und Freunde lebten dort. Mein Vater hatte seinen Betrieb auf der serbischen Seite und baute dort ein Haus, in das wir einzogen. Bald hatten wir auch in Serbien Freundinnen und Freunde.

Dann begann der Krieg. Mein Vater sollte als Soldat kämpfen und sich entscheiden, für wen: Bosnien oder Serbien, Serbien oder Bosnien.

Die Brücke über die Drina, die beides verband, wurde zerstört.
Meine Großmutter kam oft zum uns gegenüberliegenden Flussufer. Wenn wir es spürten, gingen auch wir zum Fluss, sahen sie dort drüben stehen, uns zuwinkend. Wir winkten zurück und weinten.

Eines Nachmittags stiegen Mutter und Vater ins Auto. Mutter hatte die Axt dabei. Als die Eltern zurückkamen, hatte Vater einen blutigen Verband auf der rechten Hand. Mutter erklärte, es sei beim Holzhacken passiert.

Am nächsten Tag sagte mein Vater, wir müssten Serbien sofort verlassen. Wir machten uns auf den Weg nach Wien. Meine Eltern sprachen kein Wort.

Ich lernte schnell Deutsch und kam ins Gymnasium. In der zweiten Klasse erzählte die Geschichtslehrerin, dass sich im ersten Weltkrieg viele Männer selbst verstümmelt hätten, um nicht kämpfen zu müssen.

Plötzlich wusste ich, warum meinem Vater der rechte Daumen fehlte.
Ich sprach kein Wort.

Eisprung

Der Eisprung ist da. Ich verspüre nicht nur ein heftiges Ziehen neben dem rechten Hüftknochen, sondern auch Lebensfreude, gepaart mit einem selbstbewussten, zufriedenen Körpergefühl. Meine Laune ist auf dem Höhepunkt, es ist genau der richtige Tag für ein sexy Outfit:

Als Unterwäsche wähle ich den Seidenslip und ausnahmsweise einen BH, damit der Busen nicht so mikrig wirkt. Das enge, rote Stretchkleid habe ich schon lange nicht mehr angezogen – eigentlich wollte ich es schon einmal in den HUMANA-Kleidersammlungskontainer werfen. Dazu passen die schwarzen Strümpfe, deren Bund frau an den Oberschenkel klebt. Erstaunlich, dass das hält. Die Haare stecke ich auf, Ohrringe nicht vergessen! Und welche Schuhe? Die hohen schwarzen natürlich.

Leider ist es kühl draußen. Ich muss die Jacke anziehen, aber lasse sie noch offen, für den Fall, dass noch jemand in den Lift einsteigt. Im 4. Stock kommt tatsächlich Dustin Hoffman (der junge) dazu. Er begrüßt mich besonders freundlich – noch nie  hat er mich so lange angelächelt. Im EG angekommen, hält er mir die Tür auf und ich stolziere mit kessem Hüftschwung an ihm vorbei.

Der fesche Doktor-Richards-Busfahrer bringt den Bus so zum Stehen, dass die vordere Tür genau vor mir aufgeht. Er strahlt mich an, wünscht mir einen „wunderschönen guten Morgen“ und fordert mich mit einer einladenden Handbewegung zum Einsteigen auf. Ich gehe nach hinten zu einem Platz, der noch frei ist, und spüre den Blick, der mir folgt.

Beim Sitzen habe ich allerdings ein Problem: Das kurze Kleid gibt die Strumpfenden frei. Ich kann Strümpfe eigentlich nicht leiden. Das unangenehme Material liegt zu eng an und frau muss dauernd aufpassen, nirgends hängen zu bleiben. Dustin hat mich so eigenartig angeschaut. Hat ein Strumpf schon eine Laufmasche? Nein. Er hat sicher gedacht: na, die ist heute aber aufgedonnert. Er hat mich gar nicht angelächelt, sonder hat sich vielmehr das Lachen kaum verbeißen können. Auch der Busfahrer hat sich über mich lustig gemacht, wollte mich ein bisschen auf den Arm nehmen, zum Zeitvertreib im öden Busfahreralltag.

Schnell erledige ich alles, was ich erledigen muss, lasse die dämlichen Hüftschwünge bleiben, haste statt dessen mit den für mich typischen raschen, plumpen Bergsteigerschritten vorwärts (du gehst wie ein Mann, pflegte mich meine Mutter zu kritisieren), bleibe bei der Rückfahrt im Bus stehen, reiße mir, zu Hause angelangt, die beengenden Sachen vom Leibe – ich werde das Kleid doch in den HUMANA-Kleidersammlungskontainer schmeißen.

Am Abend gehe ich aus. Die ausgebeulten Leggins sind nicht einmal frisch gewaschen. Unter dem weiten Sweatshirt sieht mann gar nichts vom Busen. Die Haare trage ich offen: Das ist herrlich bequem!

Margret Kreidl

Zeitgenössische österreichische Literatur

Kosmetikerkuss

Lucas und ich fliegen nach Australien. Wir fahren zum Flughafen, dort steht schon unser Bus. Wir steigen ein und suchen unsere reservierten Plätze. Im hinteren Teil des Buses ist nur mehr ein Platz frei. Lucas setzt sich. Er sagt, ich soll mir auch einen Platz suchen. Ich gehe durch den Bus nach vorne. Ich frage einen Mann auf Englisch, ob der Platz neben ihm noch frei ist. Er antwortet auf Deutsch und fragt mich, woher mein Englisch kommt. Von Shakespeare, sage ich. Wir beginnen zu reden, small talk. Dann fragt er, ob ich Hunger habe. Ja. Wir gehen in die Bord-Küche. Sie ist gar nicht so klein, wie ich gedacht habe. Ich mache in einer großen Pfanne Palatschinken, mit sehr viel Fett. Da wird sogar etwas für die Stewardessen übrigbleiben, sagt der Mann. Wir essen die Palatschinken mit den Fingern aus der Pfanne. Wie heißen Sie eigentlich, frage ich. Ich heiße Hänsel, sagt er. Ich bin die Gretl, sage ich, aber ich heiße Margret. Er fragt, wo ich herkomme. Aus Wien. Ich komme aus Niederösterreich, sagt er. Wenn du mich besuchen kommst, und es fährt in der Nacht kein Bus mehr, dann kannst du bei mir schlafen, und ich gebe dir einen Kosmetikerkuß. Ich weiß nicht, was ein Kosmetikerkuß ist, aber ich traue mich nicht, ihn zu fragen. Er lächelt mich an, holt ein Taschentuch aus seiner Hose und legt es auf meinen Mund. Ich spüre einen ganz zarten Stoff. Er küßt mich, er steckt die Zunge in meinen Mund, der Stoff ist immer noch da. Er greift mich überall an, am Busen, zwischen den Beinen. Ich lege die Hand auf seinen Schwanz und spüre ihn hart werden.
Einfache Erklärung: Der Stoff, aus dem die Träume sind.

Manfred Chobot

Zeitgenössische österreichische Literatur

Zweimal Cyberglück

MEIN REICHTUM IST AUSGEBROCHEN

          Ich bin reich! Unermesslich reich, und jeden Tag werde ich reicher. Ich gewinne in den Niederlanden eine Million, in Großbritannien drei Viertel einer Million, auch in Belgien und der Slowakei rase ich die Gewinnstraße entlang oder hinauf oder hinunter, ich weiß längst nicht mehr, wie es um mich steht.
Aus Südafrika vererbt mir ein Verstorbener seine Millionen, mit denen seine kinderlose, unheilbar kranke und fast siebzigjährige Witwe nichts anzufangen weiß. God bless you! Und wie Er mich geblesst hat: ein wahres Wunder, dass die arme, vermögende Witwe mit letzter Kraft kurz vor ihrem Tod meine Mail-Adresse im Internet gefunden hat. Gäbe ja einige, die infrage kämen, weltweit ein ganzer Haufen, aber ausgerechnet mich hat die Todeskandidatin auserkoren, ihre Erbschaft zu übernehmen. Bereitwillig trete ich sie an. Da lässt sich schon mit Millionen rechnen. Im ersten Moment dachte ich gar, sie wolle mich heiraten, aber auf eine Mischehe hat sie es nicht angelegt. Ich konnte meine Überlegungen zügeln, ob ich zu ihr ziehen oder sie zu mir nach Hause übersiedeln würde. Mich abzuschleppen, darauf kam es ihr nicht an.
In Nigeria dürften sämtliche im Erdölgeschäft involvierten Manager epidemisch durch Flugzeugabstürze oder Autounfälle ums Leben kommen. Erdölmanager scheint in dieser Region ein gefährlicher, wenn nicht sogar genetisch letaler Beruf zu sein. Zumal der Rest der Manager an Krebs stirbt. Nicht ums Verrecken würde ich in Nigeria ein Flugzeug besteigen oder mich in ein Auto setzen. Jedoch vor ihrem Ableben gelang es ihnen allen, zwischen achtzehn und fünfundzwanzig Millionen auf die sichere Bankkontenseite zu schaffen. Nun liegen sie müßig herum, die Millionen, anstatt zu arbeiten, wie es sich für ein anständiges Kapital gebührt. Selbst wenn mir nicht sämtliche dieser trägen Millionen überwiesen werden, täten sich liebend gern ein paar von ihnen zu mir verirren. Leider kann ich nicht alle Unfallopfer beerben und mich womöglich mit ihren Witwen einlassen. Einige von ihnen haben unmündige Kinder hinterlassen, für die müsste ich allerdings sorgen.
Ehrlich gesagt, ist die Aufzucht von Kinder nicht mein Metier. Lieber lasse ich meine Millionen krachen. Jetzt kann ich es mir leisten, meine Ehefrau zu betrügen. Offenbar haben ein paar Mädels Wind davon bekommen, wie es um mich steht. Sie schreiben mir, dass sie es kaum erwarten können. Ein paar verfolgt der Gedanke an mein Spatzerl sogar bis in ihre unruhigen Träume. Anstatt bloß und keusch zu schlafen, bestehen Anja und Anke und Anita und Aurora darauf, mit mir au pair in der Morgendämmerung zu erwachen. Sie sind alle so was von scharf auf mich, haben mehrere Ewigkeiten vergeblich gewartet und sich für mich aufgespart. Was bleibt mir anderes übrig, als abzuheben und meine ersparten Millionen mit geilen Girls auf den Schädel (oder sonst wohin) zu hauen.
Eine Agentur liefert jegliches Alibi. „Sie springen gern – springen dann und wann auf die Seite? Kein Problem. Ihre Ehefrau muss davon nichts erfahren. Springen Sie nicht zur Seite, sondern machen Sie einen Schritt auf uns zu. Wir sind dazu da, Ihnen einen Grund zu verschaffen, worum Sie zu spät oder eine ganze Nacht nicht nach Hause kommen konnten. – Für uns kein Problem. Wir sind ein seriöses Unternehmen, Dienstleistung ist unsere Stärke. Wollen Sie ein paar entspannte Tage auf Reise verbringen? Wir beraten Sie. Auf uns können Sie bauen, Ihr Vertrauen ist unser Verschweigen.“ Die Betreuung ist ausgezeichnet, ich kann sie jedermann empfehlen. Tatsächlich ist der Stab an Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen bestens ausgebildet, ihre Kreativität sprüht vor Bereitschaft und selbstlosem Einsatz. Sie holen das letzte aus sich heraus und geben alles, was sie haben und wozu sie fähig sind. Womöglich sogar mehr. Das ist allerhand. Gewisse Spesen sind natürlich unumgänglich. Leistung muss honoriert werden!
Als wäre ich nicht schon seit langem ein professioneller Glückspilz, flattert ein Brief in meinen Postkasten, auf dem ich schwarz auf grünen Wellen lesen kann, dass ich ein Gewinn-Kandidat bin. Man zahlt mir zehn Jahre lang 500 Euro pro Monat. Was sind die biblischen Wunder gegen meine Gegenwart! „Haben Sie verstanden? Sie sind Gewinn-Kandidat! Der Erhalt ist durch Meldung zu bestätigen!“ Für eine Sofort-Pension rufe ich sogleich an. Sollen sie doch meine Melde-Daten hören: die Reg.Nr. 532768 und meine persönliche Glücks-Nr. 11028374. Die Zeit drängt. Ich bin als Gewinn-Kandidat vorgesehen. „Wie Sie aus der beiliegenden Gewinn-Kandidatur-Bestätigungs-Kopie ersehen, können Sie jetzt Ihre Gewinn-Kandidatur nur noch innerhalb einer Frist von 10 Tagen anmelden. Das hat mein Chef so entschieden. Da kann ich nichts machen“, schreibt mir persönlich der Leiter der Gewinnabteilung. „Das ist jetzt wirklich Ihre letzte Chance. Melden Sie sich bitte umgehend, damit ich meinem Chef gegenüber wieder eine weiße Weste habe und ein reines Gewissen. Mein Chef wird mich sicher morgen schon fragen, ob Sie sich endlich gemeldet haben. Dann möchte ich ihm sagen können, dass Ihre Registrierung erledigt ist. So viel Glück haben Sie nicht alle Tage!“
Schon wieder 60.000 Euro gewonnen! Mein Konto biegt sich bereits.
Inzwischen ist es wegen Überlastung gesperrt. Mir reicht es!

 

MANN DES JAHRES

          Endlich hat man meine Bedeutung erkannt und mich zum „Mann des Jahres“ gewählt!
Zwar habe ich in diesem Jahr weniger erreicht als die Jahre zuvor, hatte keinen einzigen Fernseh-Auftritt, auch die Zeitungen ignorierten mich und hüllten sich in Schweigen, was meine Person betrifft. Keine einzige Zeile war ich ihnen wert. Auch der Rundfunk war für mich nicht zu sprechen. Wenigstens hätte er berichten können, dass ich mich gut fühle. Meine Genugtuung lässt mich über mich selbst hinaus wachsen. Geschieht ihnen recht, dass sie jetzt eines Besseren belehrt wurden, wen sie permanent mit Missachtung bedacht haben. Ignoranten, wohin ich blicke!
Meine Bücher musste ich im Selbstverlag unter die Leute bringen, da in den Redaktionen weltweit leider Dummköpfe das Sagen haben. Dazu schweige ich lieber.
Nachdem mich der Brief des angesehenen Instituts erreicht hatte, habe ich mir eine Flasche Champagner vom Feinsten gekauft und mir selbst zugeprostet.
Damit meine Freunde, Verwandten und Bekannten auch wissen, mit wem sie es in Zukunft zu tun haben, ziert eine Urkunde meine Wohnung. Lange habe ich überlegt, wohin ich sie hängen sollte, bis ich zu dem Entschluss gelangte, die Urkunde über dem Esstisch in meinem Wohnzimmer anzubringen, wo man sie sogar von der Sitzbank sehen kann. Lesen kann man von dort allerdings nur meinen Namen. Ich denke, das muss genügen. Für den Rahmen habe ich blauen Samt gewählt. Roter Samt wäre mir ein wenig aufdringlich erschienen.
Die Urkunde ist überaus wertvoll! Auf Pergamentpapier mit Goldschrift ausgeführt. Samt Siegel und Unterschrift des Präsidenten sowie seines Stellvertreters. Das Siegel mit dem Band glänzt in herrlichem Rot.
Selbstverständlich war ich bereit, für diese kostbare Urkunde 1000 Euro zu bezahlen. Das bin ich mir selbst schuldig. Andernfalls würde niemand um meine Verdienste wissen. Alle unsere Zeitungen habe ich informiert, dass ich zum „Mann des Jahres“ gewählt wurde. Obwohl sie die Meldung nicht abgedruckt haben, kennen sie nun meinen Namen und wissen, was ich geworden bin. Für jene, die ich nicht zu mir nach Hause einlade, trage ich seither einen Orden an meiner Brust. 500 Euro war mir die Ehre wert. Da ich nicht ständig mit einem Orden an meinem Hemd herumlaufen mag, habe ich mir natürlich auch die Anstecknadel für 300 Euro zuschicken lassen, die mit meiner Auszeichnung verbunden ist. Sie ist sehr dezent, ich trage sie stets an meiner Krawatte. Sie ist ein geheimes Zeichen, das jeder Eingeweihte sogleich erkennt. Schließlich muss nicht jeder wissen, dass ich zum „Mann des Jahres“ gewählt wurde. Ich bin kein Politiker, kein Wissenschaftler, kein Journalist, keiner, der sich in der Öffentlichkeit in den Vordergrund drängt. Ich ziehe die distinguierte Zurückhaltung vor. Den eigenen Wert kennt man nur selbst!
Die Servietten sowie das Tischtuch mit meinem eingestickten Namen und dem international anerkannten Logo „Mann des Jahres“ habe ich nicht bestellt. Zwar wäre es mir auf die 200 Euro nicht angekommen, aber ich möchte keinen Kult um mich. Alles, was recht ist.
Meine Neider verkünden inzwischen lautstark, die Wahl zum „Mann des Jahres“ habe irgendein Computer irgendwo in Großbritannien getroffen, jedoch sind Computer keine Deppen, die nicht wüssten, worum es ginge.
Es beruhigt mich jedenfalls, dass es nicht unbemerkt geblieben ist, was ich leiste.
Glücklicherweise bin ich nicht eitel. Andere an meiner Stelle hätten vermutlich den selbsthaftenden Aufkleber für die Windschutzscheibe sowie die Spezial-Griffe mit dem Logo „Mann des Jahres“ für ihren Wagen bestellt. Da ich keinen Wagen fahre, genügt mir die geschmackvolle Klobrille mit meinem Namen. Dabei habe ich nicht lange an die hundert Euro gedacht, denn ich bin selbst Brillenträger.
Ehre, wem Ehre gebührt! Damit kann und muss ich leider leben.

Lucas Cejpek

Zeitgenössische österreichische Literatur

Schriftrollen Holzscheite Känguruhs

Ich würde sagen, sie sehen wie Toastscheiben aus: dunkelbraun, teilweise auch gräulich, mit einer sehr brüchigen, lückenhaften Oberfläche, auf der grauschimmernde Tintenspuren erkennbar sind. Die Oberfläche ist uneben, weil die Rollen zerquetscht worden sind, und sie sind naß geworden vom Regen, der die Asche in Schlamm verwandelt hat.
Das ist die einzige antike Bibliothek, die erhalten geblieben ist: 1800 Schriftrollen, die über die ganze Villa verteilt gefunden worden sind, in Herculaneum am Fuß des Vesuvs. Als man sie Mitte des 18. Jahrhunderts fand, wurden sie für verkohlte Holzscheite gehalten und verheizt, bis man die Tinte gesehen hat.
Anfang des 19. Jahrhunderts übergab der König von Neapel dem Prinzregenten 18 Schriftrollen und erhielt im Gegenzug 18 Känguruhs, die alle Mißbildungen aufgewiesen haben. Die Papyri waren auch so zerbrechlich, dass sie nur unter größter Mühe entrollt werden konnten: mit einem Messer, mit Hilfe von Quecksilber, mit einer Tierhaut, die auf die Rückseite geklebt wurde, um das brüchige Material zusammenzuhalten.
Heute wird eine Mischung aus Essigsäure und Gelatine mit dem Pinsel auf der Außenseite der Rolle aufgetragen. Sobald der Film trocken ist, kann er abgelöst werden und die innere Schicht kommt zum Vorschein: der Text, wobei der Papyrus jedesmal, wenn ein Stück abgelöst wird, ein wenig zerbricht.
Um den Text lesen zu können, müssen Sie den Papyrus in Bewegung halten, bis Sie den jeweils richtigen Winkel gefunden haben, bei dem die Tinte zu sehen ist. Manchmal löst sich dabei ein Teil und haftet an der falschen Schicht, und Sie stellen plötzlich fest, dass etwas den Zusammenhang stört, ein Buchstabe oder ein Wort, eine Wortgruppe, ein Satz, eine ganze Passage.

Thilo Bachmann

Lit-Mag #38 – (Not) at home in Vienna

Das veränderte Stadtbild

Es ist das Jahr 2025. Filo Schwachmann, ein erfolgreicher Leiter einer bekannten Firma, ein gebürtiger Wiener fährt täglich mit dem Öffi in die Arbeit. Die ewige Parkplatzsucherei ist ihm zuwider, zeitraubend.

An diesem Tage sitzt er wie üblich in einer der U-Bahnen und beobachtet verdrießlich wie einige der Fahrgäste mit großem Interesse die frisch gekaufte Kronenzeitung lesen. „Was die Leser nur an diesem wertlosen Inhalt finden“, sagt er leise zu sich, sein Mund verzieht sich dabei verächtlich.

Er ist ein eifriger Anhänger der Boulevardzeitung Augustin und kauft regelmäßig diese Zeitung, einmal schrieb er selbst einen provokanten Artikel für den „Augustin“. Filo Schwachmann verdient gut, besitzt eine Eigentumswohnung in Hernals. Er hat sich von seiner Frau getrennt.

Da bekommt er mit der Post ein Schreiben von Kanada, und zwar ein verlockendes Angebot mit sehr gutem Gehalt. Es sind nur gute Englischkenntnisse erforderlich und eine berufliche Bindung auf 10 Jahre. Da er Englisch so gut wie seine Muttersprache beherrscht, noch nie in Kanada war und sonst ungebunden ist, nimmt er das Angebot an. Er ist etwa 34 Jahre alt, gesund und rüstig. Seine Eigentumswohnung vermietet er.

Zehn Jahr danach. Er kehrt nach Wien zurück. In einem der städtischen Busse will er eine Fahrkarte lösen, aber der Fahrer lächelt und meint: „Sie sind wohl nicht von hier, bei uns ist das Benutzen der Öffis seit 6 Jahren umsonst.“ Mr. Schwachmann sieht ihn erstaunt an, sagt aber nichts. Filo beobachtet den Autoverkehr, der ihm reichlich gering vorkommt, er kann sich noch an Autokolonnen erinnern. „Ja“, fährt der Fahrer fort zu plaudern, „ich bin froh, dass sich die Zahl der Autos in Wien um mehr als um 70% verringert hat und die Autofahrer Wien umfahren können. Seit 5 Jahren haben die Grünen in Wien das Sagen und da hat sich einiges geändert. Es gibt zwar noch die Beserlparks, aber die Umzäunungen wurden entfernt, die Türen zum Absperren während der Nacht abmontiert, kein Baum wird mehr unnütz geschlägert.“

Filo verläßt den Autobus und steigt in eine U-Bahn um, es ist die U3. Bei der Haltestelle Volkstheater nähert er sich einem Augustinverkäufer, um ihm eine Zeitung abzukaufen. Der Verkäufer kommt ihm irgendwie bekannt vor, er gibt ihm das Geld dafür und bekommt eine Ausgabe, es ist der erste Augustin seit 10 Jahren, den er jetzt durchlesen will. Er setzt sich auf einen Sitz bei der U3-Haltestelle. Er liest begierig, seine Augen weiten sich: „Ist es möglich oder brauche ich eine Brille?“ murmelt er zu sich. „Jetzt schreiben’s aber einen Schmäh. Alle Bezirksvorsteher sind Grüne. Und der jetzige Bürgermeister ist ein ehemaliger Obdachloser. Die Sozialministerin, die im Parlament große Reden schwingt, war früher, vor 10 Jahren, eine obdachlose Augustinverkäuferin.“

Filo Schwachmann schüttelt verwirrt den Kopf. Er liest weiter: „Der grüne Finanzminister lebe hoch, wir haben so niedrige Steuern wie noch nie, die Arbeitslosenrate liegt bei 0.1 %, es gibt seit 5 Jahren keinen Innenminister und demnach auch keine Fremdenpolizei mehr und keinen Fremdenhaß, denn die nicht deutschsprachigen Bewohner des Landes haben gelernt sich anzupassen und bemühen sich nicht nur um möglichst viel Deutschkenntnisse, sondern sie haben sich ein eindrucksvolles Wissen über unsere Geschichte, Literatur und Musik angeeignet.“

Er geht zu dem Augustinverkäufer zurück und fragt ihn: „Haben Sie das da schon gelesen?“

Der Verkäufer, der recht verwahrlost aussieht, sagt grimmig: „Jawohl, das habe ich und es ist alles wahr, was darin steht – oder wollen Sie sich über mich lustig machen? Es gibt nicht mehr das Wort Asylantenheim oder Asylanten, nur Heim für Schutzsuchende, Bedürftige; auch die Amtssprache ist geändert, statt Staatsanwalt, Advokat oder Rechtsanwalt sagt man Ankläger und Mundwalt. Aber wozu erzähle ich ihnen das? Können Sie nicht lesen?“

„Schon, aber das ist alles neu für mich. Ich werde mir mal die Kronenzeitung und den Kurier kaufen und bin neugierig, was die dazu schreiben.“ Der Verkäufer erwidert zähneknirschend: „Sie machen Witze. Sie wissen genau so wie ich, dass es die zwei Zeitungen schon seit 5 Jahren nimmer gibt. Ich weiß von keiner Kronenzeitung, ich kenne nur den Augustin, den ich jetzt verkaufen muß und Sie halten mich nur auf. Der Augustin hat bereits eine Riesenauflage.“ Der Verkäufer wendet sich ab.

Filo ist noch immer ungläubig und liest weiter in der Zeitung; „Ja“, schreibt ein grüner Autor, „es hat sich für immer ausgekronenzeitungt und -kuriert. Der Augustin hat vor 5 Jahren die Kronenzeitung, den Kurier und die Presse locker aus dem Felde geschlagen. Alle drei Zeitungen machten Konkurs, sie bekamen keine Aufträge und hatten keine Leser mehr.
Während der Augustin seine Auflage von 2 Millionen auf 4,5 Millionen Stück im Jahre 2015 zu erhöhen vermochte. Keine andere Zeitung konnte mit dem Augustin mithalten. Er ist in Wien die Zeitung Nr.1. Natürlich mußte der Augustin um ein Vielfaches mehr Mitarbeiter einstellen. Wir haben jetzt etwa 20 000 Verkäufer, unter ihnen eine Menge ehemaliger Politiker, Außenminister, Bürgermeister. Frühere Obdachlose sind heute Politiker, aber sie benützen die Öffis wie alle Bürger. Der Augustin wird noch lange seinen Siegeszug fortsetzen und kann zuversichtlich in die Zukunft blicken.“

Filo Schwachmann weiß jetzt woher er diesen Verkäufer kennt, er war vor vielen Jahren ein Bezirksvorsteher, den er einmal persönlich aufgesucht und gesprochen hatte. Er will ihn aber keinesfalls deswegen noch einmal anreden. Filo freut sich, dass die Wiener endlich eingesehen haben, dass die althergebrachten Zeitungen nur schädlichen Einfluß auf jeden ausüben und seine Wunschziele erreicht waren. „Jetzt lohnt es sich für mich hier zu verbleiben, das Blatt hat sich zugunsten der vormals Benachteiligten gewendet. Es lebe der Augustin!“

Anant Kumar

Lit-Mag #38 – (Not) at home in Vienna

Fahrt in den Schnee

Heute ist der 2. Februar, und der EC 29 Joseph Haydn rast durch den Schnee zum Westbahnhof Wien. Ich bin in Frankfurt eingestiegen, und ich fahre mit dieser, der schnellsten Verbindung, nach Passau, um heute abend in der Evangelischen Studentengemeinde eine Lesung zu halten.

Märchenhafter Blick

Es hat aus vollem Herzen geschneit, und es liegen endlose Schneeteppiche, deren Jungfernhäutchen kein Menschenfuß zu zerstören weiß. Darauf knallt die Indiensonne hemmungslos ihre gelben Strahlen, und das Kreideweiß scheint fröhlich zu erwachen. Es ist, als küsste die Muse ihren Geliebten wach. Immer wieder tauchen Kiefernwälder auf. Im Schnee gebadet, schweigen sie glücklich und schütten ihren Segen auf das liebkosende Paar: Auf den Schnee und auf die Sonne.

Ein märchenhafter Blick aus dem Bilderbuch!

Süddeutsch

Es ist Freitag Nachmittag, und die Züge sind voll. Mit viel Glück habe ich jedoch wieder einen Sitzplatz. Mit jedem Bahnhof werden wir süddeutscher. Auffallend schnell ist der Personalwechsel. Und damit werden die Fahrscheine ständig kontrolliert. Der letzte Kontrolleur spricht höflich Wienerisch, und bei seiner österreichisch-genauen Kontrolle erwischt er einen Fahrgast ohne EC-Zuschlag: Eine ältere Dame, ausgerechnet die einzige Wienerin in unserem Abteil. Ein wenig in Verlegenheit geraten, versucht sie sich zu rechtfertigen. Die beiden Netten unterhalten sich in ihrer Muttersprache.

Im Gang spielen johlend zwei Kinder. Ein farbiger Junge neckt ein blondes Kind, wahrscheinlich sein Halbbrüderchen.

„Möchten Sie in Österreichischen Schilling bezahlen – oder in DM?“ Der Schaffner ist mit seinem Gerät zurückgekehrt. „Ich denke, dass ich noch DM habe“, legt die Wienerin dem Wiener den Zehnmarkschein kurz vor der Grenze vor. „Ich bedanke mich bei der gnädigen Frau“, dankt der Wiener übertrieben höflich seiner Landsfrau. Wir fühlen uns in die alten deutschen Filme versetzt und grinsen gleichzeitig, die Gnädige eingeschlossen.

Die Passauer Orgel

„In Passau hat es dieses Jahr viel geschneit“, teilt mir der Herr Pastor beim Abholen mit. „Sonst haben wir eher wenig Schnee, weil Passau niedrig im Tal liegt.“ Die Schneeflocken rieseln weiter, und die schönen Gassen werden immer matschiger. Ich entscheide mich, auf die Stadtbesichtigung zu verzichten, und stattdessen lasse ich mir ein wenig über Passau erzählen. Die Anekdote über die Passauer Orgel, die mir schon im Zug eine junge Gärtnerin aus Passau erzählt hat, wird vom Herrn Pastor bestätigt. Die größte Orgel der Welt befindet sich im Passauer Dom, und es wird darauf noch gespielt.

Aufgewühltes Herz

Am darauffolgenden Tag kehre ich ebenso zufälliger- wie auch interessanterweise mit dem gleichen EC Joseph Haydn nach Kassel zurück. Passau liegt in Deutschland an der Grenze zu Österreich. Gegen meine Erwartung kontrolliert die österreichische Polizei Personalausweise. Mein Reisepass liegt in der Schublade in Sandershausen. Da ich mich in der Bundesrepublik Deutschland befinde, bilde ich mir ein, dass die anderen Dokumente –  Studienbescheinigung, Versicherungskarten, Kreditkarten, Mitgliederausweis – genügen. Nein, die österreichische Polizei arbeitet korrekt und möchte mich erst mal mitnehmen. Als letzten Versuch zeige ich dem Staatsdiener die neuesten Presse-Kritiken und die Einladung nach Passau und schaffe es, mich von den Krallen des Staates zu befreien.

Mein Herz ist ein wenig aufgewühlt, und ich lasse mich in ein Buch versinken. Die Reiselektüre ist ein praktisches, tragbares Reclambändchen mit dem Titel „Das kalte Herz von Wilhelm Hauff“.

Die Trauer

Gestern Nacht hat es weiter geschneit. Der Schneeteppich ist dicker geworden, und die Landschaft sieht karg und still aus. Vor mir sitzt eine junge Frau mit glasklaren blauen Augen. Sie sind traurig und werden immer wieder glasig. Die Frau schaut zum Fenster hinaus in die Schneelandschaft, die heute anders ist als gestern. Der Schnee ist noch weißer geworden, aber es fehlt ihm seine Muse: Die Sonne mit ihren animierenden Liebesstrahlen. Es ist die Vorstufe des Grauwerdens. Die Natur scheint heute mit zu trauern. Erlebe ich vielleicht gerade die Trennung zweier Liebespaare?

In Kassel hat es übers Wochenende auch viel geschneit, und am Montag sind die Menschen, einschließlich mir, verärgert über das Ende der Kälte und des Schnees: „Mich irritiert es, dass es immer wieder in diesem Winter warm wird“, äußert Marc. „Aber dieses Jahr hat es soviel in Kassel geschneit, wie in den letzten zehn Jahren nicht mehr…“ fügt Marc hinzu.

Zusammen mit Marc hatte ich in Kassel studiert, und er wird den nächsten Winter als Lektor für die deutsche Sprache im Vereinigten Königreich verbringen. 

Der vorliegende Text erschien in: Anant Kumar: Die galoppierende Kuhherde – Essays, Wiesenburg Verlag, Schweinfurt 2002, S. 15-20.

Sylvia Petter

Lit-Mag #38 – (Not) at home in Vienna

Anna und das Exil der Seele

Es war einmal. So fingen früher Geschichten immer an. Heute sollen sie so wahr wie möglich sein. Ich habe immer der Autobiografie misstraut. Wer sagt mir, dass sie die Wahrheit erzählt? Der Erzähler? Na ja. Geschichten halt. Auch wenn sie wahr sind? Erinnerungen lügen auch beim besten Willen des Erzählers. Und was ist eigentlich wahr, wenn man nirgends hingehört und keinen eigentlichen Ausgangspunkt hat? Und was ist, wenn dies wurscht ist? Und so zur Geschichte.

Es war einmal ein kleines Mädchen, das keine Muttersprache hatte. Die Sprache ihrer Mutter war nicht die ihre, oder vielleicht doch? Wer kann sich so weit zurück erinnern? Es sind die Erinnerungen der Anderen, die erzählt werden, und bald fängt man an zu glauben, dass es die Eigenen sind.

Das Mädchen sprach Englisch. Na ja, es gab eine Zeit, da verstand sie kein Englisch, mit vier Jahren angeblich; es gab einen Tag an dem sie, als Fee verkleidet, den Preis, der einer anderen Fee bestimmt war, einfach an sich riss, und trotz aller logischen Einwände der erwachsenen Welt und aller emotionalen der anderen Fee, einfach nicht loslassen wollte. Das war die einzige sprachmissbräuchliche Ausschweifung der Anna – nennen wir sie halt Anna, da das Kind doch ein Namen braucht.

Anna sprach Englisch. Vielleicht hatte sie auch einen kleinen Akzent, da ihre Eltern doch Deutsch sprachen, bevor sie mit ihr nach Australien auswanderten, als Anna ein, zwei, oder drei Jahre alt war. Es muss einen Akzent gegeben haben. Oder war Mary Bradock, Drittgenerationsaustralierin englisch-keltischer Abstammung  – Urenkelin derjenigen, die als Verbrecher in die Strafkolonie geschickt wurden – nur neidisch, dass Anna viel besser Tennis spielte – Anna trainierte ja immerhin jeden Tag ihre Schläge gegen die Schulmauer. „Dirty Nazi,“ pfauchte Mary.

Anna wusste nicht, was Mary meinte, aber etwas rührte sich in Annas Herzen, oder vielleicht war es in ihrer Seele, oder an jenem Fleck des Inneren, wo sich Gemeinschaftserinnerungen – heißen sie so? – versteckten, um eines Tages wider Erwarten ihre Häupter zu erheben.

„Was ist ein Nazi“, fragte Anna ihre Mutter, auf Englisch versteht sich. Die Antwort kam nicht: nur ein wo? Wann? Wer? Weshalb? Anna schwieg und dachte: „Nichts.“ Ja, sie dachte auf Deutsch, und dann sagte sie auf Englisch: „It’s OK.“ Und so blieb es, OK, bis Anna 16 war und ohne es erklären zu können, ein Verlangen spürte, nach Berwang zu fahren. Berwang? Was tut Berwang mitten im Herzen von Sydneys buschumrandeten Wohngebieten? Berwang, ein Dorf in Tirol – na ja, die Erinnerungen. Dort war Anna glücklich gewesen. Wie sie das wusste, war ihr nicht klar. Vielleicht hatte es ihre österreichische Großmutter erzählt, als sie auf Besuch in Australien war. Anna war damals neun Jahre alt, oder acht? Komisch, dass sie nicht früher an ihre Großmutter gedacht hatte. Anna mochte die alte Frau nicht. Anna verstand ihre Sprache nicht und konnte nicht verstehen, dass sie immerwährend Schwarz trug – australische Großmütter trugen Bermudahosen in der Weinachtshitze. Anna vermutete, dass ihre Großmutter bald zu einer schwarzen Pfütze zerschmelzen musste. Komisch, was sich man einbildet.

Eins aber hatte die Oma aus Österreich: ein Superbett. Da konnte man so hoch darauf springen. Vielleicht war es doch die Oma, die erzählt hatte, wie glücklich Anna in Berwang gewesen war, oder war es Annas Mutter? Da gab’s Geschichten von Anna: Abdrücke von Zähnen und Nase in dem riesigen Laib Butter, der auf einem Stein im Keller der Mühle kühlgelagert wurde. Eine Mühle? Ja, Anna wohnte in einer Mühle in Berwang. Und im Sommer lief Anna nackt herum, nachdem man ihre Kleidungsstücke, eines nach dem anderen, in den Bergfeldern fand. Schon damals bereitete sie sich vielleicht auf die Hitze in Australien vor? Die heile Welt, das war Berwang. Bis zu dem Zeitpunkt als Annas Vater auswanderte. Aber wo waren wir? Anna ist ja schon Australierin, ist sechzehn, und sehnt sich nach Berwang. Aber daraus wird nichts. Sie ist zu jung, um allein nach Österreich zu fahren. Wart’ ab. Mit neunzehn war’s so weit. Aber Berwang war längst vergessen. So schnell geht das. Ich will nach Wien, sagte Anna. Warte bis 21, sagte ihr Vater. Ich verliere mein Leben, denkt sie. So denkt man, wenn man jung ist. Zwei Jahre sind eine Ewigkeit, die man nicht überleben wird. Annas Deutsch war holprig so studierte sie noch „Accelerated German“ und ließ manche Grammatikregeln aus. Schiller und Goethe konnte sie herunterrasseln. Na ja, einige Strophen der Glocke, und ein gewisses Zitat, das so locker von der Zunge rollte. Und mit 19, fast 20, ging’s ab nach Wien.

In Wien half Schiller wenig. Die Leute sprachen ganz anders, als in ihrem Deutschkurs in Sydney. Immerhin war ihr Lehrer ein Deutscher aus Südafrika gewesen, nach Australien ausgewandert, als seine Lieblingsstudentin sich wegen der Apartheid das Leben genommen hatte. Anna verstand anfangs nichts von Apartheid. Bis zu dem Tag, als eine Trafikantin fragte:
– Bist Du Jugoslawin?
– Nein. Australierin.
– Glaube ich nicht.
– Ist aber so.
– Tschusch.
Wann war das? 1969.

1969 studierte Anna Deutsch für Ausländer am Dolmetschinstitut. Die anderen Mädchen, es gab ja hauptsächlich Mädchen, trugen Pelzmäntel in Winter, sogar die tschechischen Asylantinnen trugen Pelzmäntel. Wie ging das? Man sagte, dass sie Pelzmäntel trugen, um einen Jusstudenten aus gutem Haus kennen zu lernen, die anderen, die Asylantinnen, hatten schon ihre Gönner gefunden. Anna verliebte sich in einen Arbeiter, einen Wiener, und zog zu ihm nach Favoriten. Dort wohnten sie in einer Zimmerküche mit Klo am Gang, und waren glücklich. Ich brauch’ ein dreifach zusammengesetztes Hauptwort für morgen, sagte Anna eines Abends. Nudelkopfauge. Was ist das? Schau dir ein Spaghetti an. Aha. Nudelkopfauge, Herr Professor, sagte Anna am nächsten Tag. Der Professor war entsetzt. Es war nur ein Spaß, sagte Annas Freund. Lern’ lieber Wienerisch.

Wienerisch kam dann ein bisschen von allein. Anna verstand fast alles, konnte aber nicht ihre Zunge um das Wort „Wollknäuel“ schlingen. Ich bleibe immer Apartheid, dachte sie. Du musst in Wien geboren sein, um Wienerisch richtig sprechen zu können. Ich bin in Wien geboren. Meine Zunge krieg’ ich nicht herum. Schade. Ja schade. Und langsam fing Anna an, in Wien zu ersticken. Die Stadt war grau wie Filz und drohte sie zu verschlucken. Raus. Ich muss weg. Komm mit, sagte sie ihrer Liebe. Wohin? Wurscht. Wurscht wohin. Sie zogen nach Frankreich. Jetzt weisst du wie es ist Ausländer zu sein, sagte sie ihrem Freund.

Ein Leben ging vorbei – zuerst mit dem Geklapper von Stöckelschuhen und dann gemächlich auf leisen Sohlen; Anna bekam ein Kind, das Kind wurde groß und ging nach Australien. Anna kehrte zurück nach Wien. Na ja. So einfach war es nicht. Schnupperreisen voraus. Wien hatte eine U-Bahn. Alles über der Donau war nicht mehr so schlimm wie in den Sechzigern. Wien hatte eine Jugend entdeckt, hatte Stil. War sich endlich im Klaren über die Nach-Waldheim Richtung. Es gab die EU. Keiner fragte, ob sie Jugoslawin sei. Es gab kein Jugoslawien mehr. Die Leut’ haben andere Probleme. Aber Anna stört’s nicht, die Sache mit den Kopftüchern. Sollen die Leute tragen, was sie wollen. Alle Frauen, überhaupt alle Omas, trugen Kopftücher in den Sechzigern. Es gab Plakate: „Daham statt Islam“. Komisch. Wo ist „Daham“? Anna hat keine Ahnung. Vielleicht ist es auch gar nicht so wichtig. Die Grenzen des „Apartheid“ fingen schon an, sich zu verwischen.

Anna ist nun alt und lebt an der Grenze zweier Heimaten – Australien, Österreich – Austria, Australia – heiß, kalt, oben und „Under“. In Wien lässt’s sich leben, in Wien lässt’s sich sterben. Aber was soll das? Alle Geschichten die mit „Es war einmal“ anfangen, brauchen ein „happy end“. Nur dazwischen kann sich im Nachhinein vieles ändern. Prost, sagt Anna und hebt ihr Achtel. Prost Wien!
Prost, Anna, sage ich.

Horst Lothar Renner

Lit-Mag #37 
Myself & Others

werkstückwerk

1

kein richtiger anfang, wie auch im frühling, mittendrinn im erwachen, zeitgebunden, liege im bett, helles viereck vor augen, sehe nicht durch, geht nicht, die jalousie ist geschlossen, wie immer, halte es so zur nacht, bleibt so, bis ich mich entschliesse, ja, müsste den körper in die höhe zwingen, warte noch einige minuten, doch dann,
jetzt,
licht im zimmer,
ändert nichts, was sollte es auch, kein ereignis, höre keinen ruf, horche in mich hinein, höre nichts, höre selten etwas, eigentlich nie, mehr habe ich momentan nicht anzubieten, nicht viel, ich weiss, trotzdem, ich überlege, was ich auftischen könnte, brot und wein, doch nicht zum frühstück, sage ich zu mir, und mir fällt ein, oder auf, dass klischees fest verankert sind, im kopf, in meinem kopf, kann doch nur herauskommen, was drinnen ist, mehr oder weniger, bei anderen, denke ich, oft weniger, wieder bei anderen, denke ich manchmal, mehr, weiss, das ist keine laune von mir, das ist, naja, möglicherweise, ich weiss nicht recht, wie ich es ausdrücken soll, doch, die beurteilung fusst auf erkenntnissen, nicht wissenschaftlich unterlegt, nicht überprüft, aber das ist jetzt nicht mein problem, anziehen ist mein problem, was, was heute, was passt zum wetter, was zur stimmung, was zu was,
stehe nackt vor dem fenster und denke, das ist kein richtiger anfang, wirklich nicht, aber anfang bleibt anfang, wenn es auch kein richtiger ist, bleibt es ein anfang, der anfang vom ende.

2

stehe heute da, wo ich gestern aufgehört habe, werde es aber nicht mehr erwähnen, nie mehr, das nehme ich mir vor, eine gute taktik, ja, verneinen und vielleicht doch bejahen, erinnerungslücken können manchmal der sache nützlich sein, vergesslichkeit hat damit nichts zu tun, stehe da, breitbeinig, und denke ins blaue, poetischer einschub, kommt so hin und wieder über mich, nicht sehr oft,
übersäuerte wiesen, nebelschwaden, wie vor der landung, feuchtigkeit, die in die knochen dringt, geruch nach, wie soll man düfte beschreiben,
geruch ist nicht geruch, jede scheisse riecht anders, jedenfalls habe ich
das so in der nase,
unaufmerksamkeit rächt sich, glauben sie mir, oder glauben sie es nicht,
hilft mir sowieso nicht weiter, ich habe, ich lächle, zwei unterschiedliche socken angezogen, rot und blau,
ich ziehe sie wieder aus, beide.

3

könnte jetzt von meinen träumen erzählen, tue es aber nicht, wäre zu einfach, diese verschwommenen geschichten, die auf realen geschichten fussen, erlebt, dann nacherlebt, nein, nachempfunden, nein, übergestülpt bekommen, ohne zu wollen, ohne gefragt worden zu sein, frage mich, wie ich das verständlich erklären soll, ob ich das überhaupt kann, die richtigen bilder, die richtigen zusammenhänge sichtbar machen, wo ich nur die zusammenhänge unzusammenhängend im bild habe, sehe etwas unsichtbares, spreche über sprachloses, denke über undenkbares, erinnere mich, dass ich keine richtige erinnerung habe, daran erinnere ich mich, und sehe farben, die ich kenne,
sehe einen regenbogen, auf einer seite verankert, nur auf einer seite, der fall ist wissenschaftlich aufgeklärt, gehe dem regenbogen entgegen, im traum, im denkspiel, gehe weiter,
und schon ist er verschwunden,
nicht mehr da, nicht mehr da, dort, aus der traum,
steige in meine hose, halte balance auf dem linken fuss, zuerst der linke fuss, immer, bin sicher, dass ich nie mit dem rechten fuss angefangen habe, steige immer mit dem linken fuss zuerst in die hose, der linke fuss muss der erste sein, sowohl bei den socken, als auch, natürlich auch bei den schuhen, bevorzuge diese seite auch beim überstülpen der fäustlinge, im winter, ja, nicht jetzt, obwohl verschneite winterlandschaften manchmal auch im sommer vor meinen augen vorbeiziehen, kann auch frühling oder herbst sein, hängt von der stimmung ab,
nein, das ist kein trübes bild der welt, kälte oder wärme sagen da nichts aus, trotzdem,
ja trotzdem, möchte ich wissen, welche temperatur hat es heute, ohne
informiert zu sein, will ich den tag nicht beginnen, gewisse regeln sollte man einhalten.

4

die einfachen fragen sind die besten fragen, da relativ leicht zu beantworten, ob die antwort eine befriedigende ist, ist allerdings eine andere sache, sachfrage und sachantwort, das ist die klarstellung, das ist überschaubar, entspricht meiner vorstellung, es hat soundsoviele grade, es ist eine pulloverfreie temperatur, unwidersprochen,
unwidersprochen will ich nicht unwidersprochen stehen lassen, nein, das will ich nicht, würde mich einsam fühlen, würde mich verkannt fühlen, würde das gefühl haben, dass meine meinung nicht mehr gefragt ist, kämpfe darum, ja, dass jemand widerspricht, widerspruch ist für mich lebensnotwendig, ohne widerspruch bin ich nicht mehr wahrnehmbar, ein schlichtes, nichtssagendes ja zu meinen aussagen ist ein nein zu meiner person, wie soll ich wertschätzung aufbauen, wie soll mich jemand zur kenntnis nehmen, wenn ich mit einem einfachen ja zur statistenrolle verurteilt werde,
nein, das lasse ich nicht zu,
nein, lieber angefeindet als zugefreundet,
das schwirrt mir durch den kopf, dann kurz nichts, die denklinie reisst ab, ich entschliesse mich, keine socken anzuziehen, ich werde barfuss in die schuhe steigen, gedacht, geschlüpft, gestiegen, unterhose, hemd, hose, beim schliessen des gürtels ziehe ich den bauch ein, eine unbewusste, automatische körperaktion, bin jetzt hellwach, stelle mich vor den spiegel, der tag kann beginnen, irgendeiner.

5

beim zeus, beim arsch, so ist es,
was, fragen sie, ich schliesse mich an, was frage ich,
was weiss ich, antworte ich, meine standardantwort auf alle fragen, eine antwort, die ich allerdings immer variiere, neue schattierungen, neue farben, neue facetten, eine antwort in arbeit, heute ja, morgen nein, übermorgen vielleicht, gestern sagte ich, was weiss ich, was ich weiss,
und in zukunft sage ich vielleicht, was weiss ich, was ich nicht weiss, das ist nicht unverbindlich, nein, überhaupt nicht, das, was weiss ich, unterliegt der permanenten veränderung, stellt sich auf die gegebene situation ein, steht immer im widerspruch zur herrschenden meinung, der gängigen
meinung, wie,
krieg ist männersache,
und der waffenstillstand auch,
frauensachen sind der mode unterworfen,
und die mode unterwirft,
was weiss ich, sage ich da, überlege, gehe in die küche, und überlege, was ich mir zum frühstück machen könnte.

6

das selbstverständliche ist nicht für alle verständlich, ich denke mich hinein, ich überdenke das ganze, ich baue ein netzwerk von assoziationen auf, die technik stülpt sich wie ein elfenbeinturm über mich, ich bin gefangen, ich verstehe nicht, wo die höhe endet, ich verstehe nicht, wo die tiefe endet, gestern tiefer, heute höher, gestern höher, heute tiefer, grenzen verschieben sich, nein, grenzen werden verschoben, linien laufen vertikal, linien laufen horizontal, werden verknüpft, strom fliesst hindurch,
nein, denke ich, kein wunder, nur mittel zum zweck,
ja, denke ich, nur mittel zum zweck,
und im gedanken versuche ich das netz aus verschiedenen zwecken zu entwirren, das netz, gesamt gesehen, ist der fortschritt, die horizontal laufenden fäden führen zur anwendung, die vertikalen zum profit,
aber dieses gedankenspiel, zu früher morgenstunde, geht banal zu ende,
mit fischernetz, mit haarnetz, mit netzstrümpfen,
die semmeln im netz bringen mich auf andere gedanken,
frühstück,
ich liebe ein anständiges englisches frühstück über alles, wortwörtlich legt sich der geruch von angebratenem speck über meine sicht der dinge, und meine aktivitäten konzentrieren sich auf pfanne, hamburgerspeck, paradeiser, kleine würstchen, eier,
mehr braucht es nicht, denn die hitze schickt mir die technik, leitung horizontal, abteilung anwendung,
die zeitung liegt schon bereit,
zum besseren verständnis, ich habe ein abo,
ich werfe einen blick in die zeitung,
zum besseren verständnis, ich lese auch zwischen den zeilen.

7

eine verflechtung der standpunkte, eine ausweitung der standorte, eine vernetzung der interessen, mehr energie,
bringt der kleine stein den grossen ins rollen, hebelt der lange pfosten mehr als der kurze, trägt der dicke ast mehr als der dünne,
die macht liegt bei den mächtigen, liegt auch das wissen oft bei den ohnmächtigen,
gegenwärtiger gewinn zählt, der zukünftige verlust zählt nicht, die zahlenreihe fängt mit eins an, und endet irgendwo, vielleicht sogar bei null, wir forschen nach, sie forschen noch, noch ist nichts endgültiges gesagt, blendende rede, sagt einer neben mir, freie rede, sagt ein anderer, er meint, dass der, der redet, kein manuskript in der hand hält, das wort frei fällt unter das podium, man kann sich frei bedienen, der, der spricht, tut es, hat die freiheit im mund, den zuhörern bleibt der mund trocken, atomenergie beruht auf einer grossartigen menschlichen denkleistung, atombomben sind das ergebnis unmenschlicher überlegungen, die auf grossartigen menschlichen denkleistungen aufbauen, und atomkraftwerke sind mahnmale, sind vorzeitig gesetzte grabsteine in einem friedhof der zukunft, einem hof, der eigentlich opferhof heissen müsste,
du übertreibst, denkt einer neben mir, der mein denken als übertrieben klassifiziert, und ich denke als antwort, dass der, der neben mir unter den gleichen umständen lebt, nicht über seinen schatten denken kann, und sein, kommt zeit, kommt rat, denke ich zu mit, kommt zeit, kommt tod, ja, lesen bringt einen weiter, ich blättere weiter, im wirtschaftsteil finde ich eine anzeige mit der überschrift,
sofortiger profit,
ich frage mich, für wen, und antworte, nicht für die, die glauben, es profitieren die, die predigen,
bis der tod uns vereint,
welch ein trost.

8

ich bin eine spinne in einem fremden netz, das netz wurde von berufsfischern ausgelegt, netzwerkspezialisten, zwischen türklingel und waschmaschine bewege ich mich im spannungsfeld,
jetzt, der speck liegt schon in der pfanne, die pfanne steht auf dem elektroherd, zerschlage ich das ei, dann ein zweites, was aus den schalen rinnt, breitet sich aus, es zieht fäden, ein wunderbares gelb hält seine form im weissen, mit der gabel kratze ich löcher in das weisse, schiebe den darunter liegenden speck zur seite, um das durchsichtige auf dem pfannenboden in der hitze stocken zu lassen, mit pfeffer setze ich markante punkte in die landschaft, in der die geplatzten paradeiser dünne bäche ans ende der welt rinnen lassen, die, aus dieser sicht, noch eine scheibe ist,
zwei scheiben brot schneide ich mit dem elektomesser vom laib,
die filtermaschine sendet den duft des kaffees,
hätte ich die letzte stromrechnung nicht bezahlt, was wäre das für ein beschissenes leben,
ehrlich.

9

ich grüble weiter über die technik, die doch alles beherrscht, die alles verändert, die uns aber auch dieses gefühl der stärke gibt,
ich gehe auf der falschen seite, einer kommt mir entgegen, ich weiche aus, er weicht aus, wir sagen, entschuldigung, fahre ich auf der falschen seite, kommt mir einer entgegen, komme ich nicht dazu, entschuldigung zu sagen, ein finger fährt in die höhe, obszönitäten decken mich zu, von den auswirkungen will ich gar nicht reden, hätte das rechtzeitige stehenbleiben nicht funktioniert,
ich sitze aber beim frühstück, lese die zeitung, und wie gesagt, ich grüble über die technik im allgemeinen,
für einen menschen, der mit technik nichts zu tun hat, ich meine, der das davor benutzt, aber das dahinter nicht versteht, ist es schwer, ein urteil zu fällen, das ist nicht nur meine überlegung, das sagt auch der, der die technik an den mann bringen will, eigentlich bringt überwiegend der mann die technik an die frau, aber der, oder die, die ich meine, finden kritik an der technik von laien mehr als fragwürdig, sogar unangenehm, um nicht zu sagen, dumm, auf alle fälle aber fragwürdig,
ich frage trotzdem,
ich grüble weiter.

10

das telefon läutet, das läuten verdirbt mir sofort den appetit, ich weiss, stehe ich jetzt auf und hebe den hörer ab, passiert, was nicht passieren soll, das weiche gelbe, das so schön über das gestockte weisse rinnt, wenn man die dünne oberfläche anritzt, wird hart, wird hart sein, wenn ich nach dem gespräch, das ich führen werde, falls ich abheben würde, wieder zurück bin,
ich bleibe sitzen und lasse es läuten,
millionenfach läutet es zu diesem zeitpunkt auf der ganzen welt, telefone, als endpunkte eines gigantischen netzwerkes, wollen ihren inhalt loswerden, inhalte mit den unterschiedlichsten folgen, folgen, die in ihren auswirkungen nicht auszudenken sind,
ich denke da an das rote telefon,
ich denke da an mein telefon, das, da ich nicht abgehoben habe, sicher eine wichtige nachricht von sich gegeben hätte, hätte ich aber abgehoben, dann wäre die nachricht, das wage ich zu behaupten, unerheblich gewesen,
schreie, kreuz und quer, unhörbar über die welt gesandt, so höre ich es, profan gesehen, besser gehört, sind es nachrichten von unterschiedlicher wichtigkeit, notrufe, die menschenleben retten, und hilferufe, die zur rettung des mittagessens ausgesandt werden, wieviel salz, wieviel mehl, wie viele eier,
ich steche meine an,
ich verschlinge das neue gemälde mit den augen,
ich führe die gabel zum mund,
das telefon läutet.

11

naturgemäss sind störungen lästig, die kleinen, aber auch die grossen, die, die das wohlbefinden beeinflussen, aber auch die, die das befinden an sich beeinflussen, der direktor des atomkraftwerkes kann davon ein lied singen,
mach es dir nicht zu leicht, sage ich da zu mir, hör mit dieser unsachlichen kritik auf, sage ich ebenfalls, und antworte, bin doch allein, sitze hier und frühstücke, lese die zeitung, zerstöre auf dem teller, was ich aufgebaut
habe, lasse das telefon läuten, hebe nicht ab, verweigere mich,
zumindest kurzfristig.

12

das radio war zuerst da, dann das fernsehen, viel später, und als letztes der computer, mir fällt auf, dass gedankenabschweifungen bei mir häufig vorkommen, was ich sagen will, ist, das radio ist zuerst da, ist zuerst hörbar, noch bevor ich aufgewacht bin, ja, automatische einstellung, genial, die automatik ist meiner meinung nach, das einzig wahre im täglichen leben, würde ich fragezeichen verwenden, stünde hinter täglich eines, ich bleibe aber bei meiner halbautomatik mit beistrich und punkt, zurück zur automatik,
automatisches getriebe,
automatische zielerkennung,
wie vorgenommen, so ans ziel gekommen, der staub legte sich erst nach mehreren stunden, was vorher gewesen ist, war weg, bleibt weg, ist also weg, dem erdboden gleichgemacht,
so sagt man im radio, meldet dies in hunderten sprachen, höre auf deutsch, was der andere auf englisch hört, am abend werde ich das grauen in grau in allen farben sehen, aber jetzt höre ich auf diesem breitengrad, auf diesem längengrad, was der andere, auf jenem breitengrad, auf jenem längengrad, zu hören bekommt, nämlich, dass auf grund der automatik ein objekt einen punkt, auf einem bestimmten breitengrad, auf einem bestimmten längengrad, zielgenau erreicht hat,
mein vertrauen in die automatik kommt also nicht von irgendwoher, kann nicht abgeschoben werden, mit, was solls, so ist eben die entwicklung, hat es immer schon gegeben, ja, in anderer form, aber,
nein, da steckt menschlicher geist dahinter, forschung, überlegung, planung, glaube und viel geld,
ich stecke den letzten bissen in den mund, schütte einen schluck kaffee hinterher, und lausche einer werbeeinschaltung,
eine grosse firma, eine bekannte firma, preisst ihren neu auf den markt gekommenen kühlschrank an,
ich behalte einen kühlen kopf, und denke, dass ich eigentlich oft so unzusammenhängend denke, wenn ich beim frühstück sitze und so vor mich hindenke, und denke ausserdem, dass viele, hier und anderswo, die das gleiche hören, das gleiche denken,
könnte doch sein, denke ich.

13

manchmal an regnerischen tagen, zu dieser zeit, noch kauend und schlürfend, aber auch manchmal bei sonnenschein, und manchmal auch noch im pyjama, auch zu dieser zeit, starte ich den computer, das ist keine fixe arbeitszeit, nur wenn ich glaube, dass ich will, oder aus gewohnheit, kommt auch vor, ist aber im prinzip egal, also ich starte den computer und warte, wenn die unproduktive phase vorbei ist, lasse ich word links liegen, zu früh zum arbeiten, word liegt bei mir wirklich auf der linken seite, und begebe mich ins internet, der einstieg ist rechts angeordnet, öffne meine emails, und stelle fest, nichts wichtiges dabei, was sollte auch wichtiges dabei sein, selbst zu einer anderen zeit hätten weder marx noch engels etwas übermittelt, zu dumm, nicht einmal biermann schickt mir ein lied,
ich halte es da anders,
ich habe mir ein adressbuch angelegt, in dem jetzt hunderte empfänger gespeichert sind, willkürliche buchstabenkombinationen, und an die sende ich jeden tag eine nachricht, so unter dem motto, bedeutendes zum tag, ein politischer, gesellschaftlicher aufruf, wie, licht aus bei dunkelheit, waffen nieder bei föhn, sprecht miteinander, nicht mit euch,
seit jahren schon arbeite ich an einem satz, der alles beinhalten sollte, was ich ausdrücken will, aber über den anfang, ich sage dir, bin ich noch nicht hinaus gekommen,
ich denke weiter nach, keine sorge,
natürlich kommt mein postausgang als fehlermeldung in den posteingang,
war zu erwarten,
naja, die technik.

14

vor zehn uhr ist es mir unmöglich, klar zu denken, wenn ich gehe, stosse ich an die türstöcke, wenn ich sitze, fallen mir die ellbogen vom tisch, und was ich vor zehn uhr höre, sehe, lese, macht mich auch nicht aggressiv, das einzige, was mich um diese zeit wirklich erreicht, ist die poesie, der morgentod erwacht zum leben,
diese gedichtzeile, untermalt mit der passenden musik, lässt mich das leben bis um zehn ertragen,
in das netzwerk der macht, in die verbindungen der mächtigen, in den unendlichen sumpf von dummheit und unwissenheit, tauche ich erst später ein,
da bin ich dann bewaffnet mit bolzenschneider und lösungsmittel,
und ich kann schwimmen,
ich komme auch ins schwimmen bei der definition von klug und intelligent, es gelingt mir keine hundertprozentige trennung, ich empfinde klug als statisch, und intelligent als beweglich, klugheit beruht auf wissen, und ruht in der vergangenheit, intelligenz zeigt sich in der aktion, und braucht die zukunft, ich kann mir aber vorstellen, dass ein kluger mensch bis zu einem bestimmten grad auch intelligent sein muss, ich kann mir aber auch vorstellen, dass ein intelligenter mensch nicht unbedingt klug sein muss, und dann noch die abstufungen innerhalb der begriffe, das mehr oder weniger, das hie und da,
ich hole tief luft und schliesse kurz die augen,
ach, die anderen, denke ich,
ja, die anderen, präzisiere ich,
und, was soll ich sonst noch dazu einbringen,
und,
eben,
die anzahl der begrenzungen ist immer um eine zahl grösser als die anzahl der zwischenräume,
ich weiss, das ist eine nebensächliche bemerkung, ein zwischenruf, vielleicht eine ablenkung,
ich frage mich natürlich sofort, wovon, und stelle fest, dass noch lange nicht alles gesagt ist,
das ist erst der anfang,
es ist der beginn einer äusserung.

Rupprecht Mayer

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An der offenen Tür

U. galt als scheu und wurde selten eingeladen. Erhielt er doch einmal eine Einladung, dann ging er hin, wurde aber meist nicht unter den Gästen gesehen. U. liebte es in diesem Land vor offenen Türen zu stehen. Oft ließen die Gastgeber die Wohnungstür der Bequemlichkeit halber einen Spalt offen, wenn die Party schon begonnen hatte. U. hielt dann auf der Fußmatte inne und schloß ein paar Sekunden die Augen. Mit den Fingerspitzen tippte er leicht gegen die Tür und genoß ihre Beweglichkeit, ihr exaktes Funktionieren. Anders als in seiner Heimat quietschten hier die Türangeln nicht. Sie waren genau senkrecht übereinander montiert, es gab auch keine Erdbeben, die ihre Lage veränderten. Mehrmals zog U. dann die Tür wieder zu sich heran und wiederholte das Spiel. Es war bis ins Treppenhaus zu hören, wie laut und fröhlich sich die Gäste unterhielten. U. wußte, dass sie bei seinem Anblick verstummen würden und achtete darauf, dass sich die Tür nicht zu weit öffnete.

In der großen Stadt

Die Schrittfrequenz und der Erfolgswille der Menschen in der großen Stadt hatten gegenüber seinem letzten Besuch noch zugenommen. Trotzdem mußte es Probleme gegeben haben. Schon eine Woche war er hier und hatte nur einen Teil der Geschäfte erledigen können, für die er sonst höchstens zwei Tage brauchte. Sein Zahnarzt war unbekannt verzogen, sein Rechtsanwalt unauffindbar. Die Lifte bedienten nicht mehr alle Stockwerke, und als er die Treppe benutzte, um zu seinem Lieblingsrestaurant zu gelangen, versperrte ihm ein freundlicher Wachmann den Weg. Mit der Zeit stieg ein Verdacht in ihm auf. Er überlegte, ob er nicht auf der Straße etwas tun sollte, was er hier sonst strikt vermied – nach oben schauen. Denn in dieser Stadt, die so stolz auf ihre hohen Häuser war, starrten die vielen Touristen unentwegt in die Höhe, wenn sie nicht gerade den Stadtplan studierten, und mit denen wollte er nicht verwechselt werden. Doch nur so konnte er die einzig mögliche Erklärung verifizieren. Daß nämlich alle Stockwerke oberhalb des zweiten verschwunden waren. Man hatte die Stadt geköpft, aber niemand gab es zu.

Im Wald der Gummibäume

Er war seit drei Jahren wieder auf der Suche nach einem Menschen, zu dem er nett sein konnte. Er würde sich am Beckenrand hinter ihn stellen, ihn fest umarmen und sich während des Falls so drehen, dass er selbst zuerst mit dem Rücken das Wasser berühren, der umarmten Person also den Schmerz des Aufpralls ersparen würde. Unter Wasser würde er sich kräftig vom Beckenboden abstoßen, um den Kopf der Person, die vielleicht nicht schwimmen konnte, schnell über die Wasseroberfläche zu bringen und ihr so das Leben zu retten. Später würde er ihr lächelnd gegenüberstehen, langsam die Arme ausstrecken, die Hände auf ihre Schultern legen und ganz leise lobende Worte über die Form ihrer Ohren sagen. Vielleicht würde er noch einen Schritt näher an die Person herantreten, ihr seinen linken Unterarm waagrecht auf die Linie legen, die von der einen Schulter über das Schlüsselbein zur anderen führt, und ihr dann sacht eine in die Stirn fallende Haarsträhne nach oben blasen, nicht ohne sich vorher mit Mundwasser den Atem gereinigt zu haben. Schließlich würde er die Person am Handgelenk nehmen und nachts in einen Wald von Gummibäumen führen. Die schweren, glatten Blätter würden ihnen sanft ins Gesicht und auf die Brust schlagen, und keine Gefahr würde – wie sonst bei solchen Wanderungen – von den Spitzen abgestorbener Fichtenäste ausgehen.

Er kannte Afghanistan aus dem Fernsehen genau

Den ganzen Tag wanderten sie schon flußaufwärts durch dieses Tal, das ins Innere Afghanistans führte. Sie gingen auf bequemen Pfaden beiderseits des Flusses, querten ab und zu durch seichte Furten. Später würde die Strömung reißender werden, das Tal enger. Er kannte Afghanistan aus dem Fernsehen genau, es bestand aus lauter solchen Tälern. Sie würden bald auf die gefährlichen Paßstraßen an steilen Hängen angewiesen sein. Wie es in dem Erlaß über ihre Entsendung gefordert war, marschierten sie mit nacktem Oberkörper. Anfangs machte ihnen der eisige Wind zu schaffen. Doch immer wenn sie an einem Gehöft vorbeikamen, holten die Einheimischen, als sei das ein Gebot der Gastfreundschaft, mit ihren verbeulten Aluminiumbechern Wasser aus dem Fluß und gossen es ihnen über Brust und Rücken, wo es trotz der Körperwärme sofort gefror. So legte sich eine immer dickere Eisschicht wie ein Panzer um seinen Oberkörper. Sie schützte ihn nicht nur vor dem Wind, sondern wohl auch vor den Kugeln der Heckenschützen in den Bergen, vor denen man sie gewarnt hatte. Selbst um seinen Hals legte sich nach und nach eine dicke Eiskrause und zwang ihn, den Blick immer nach oben zu richten. Das störte ihn nicht, er bildete ja die Vorhut und mußte die Berghänge im Auge behalten. Allerdings erschwerte der Eispanzer alle Bewegungen außer dem Vorwärtsgehen, er hatte sich schon lange nicht mehr umgewandt. Folgten ihm die anderen noch, oder würde er alleine ankommen im Inneren Afghanistans?

23.1.02