Liesl Ujvary

Best of Gangan [in Print]
aus: ganganbuch 3, 1986

Zwei Arten Leben

Traumprosa (II)

Das Uneindeutige, Flüchtige des Augenblicks, in dem ich mich zumeist befinde, wird deutlich. Der sinnlichen Begegnung ausgeliefert, bin ich ständig auf der Suche nach der schützenden, erklärenden Sprache. Allein in diesem Zustand bin ich mir nahe, gelingt es mir, ein rätselhaftes Eigenleben zu führen. Zwischen Trägheit und Gespanntsein, Unentschlossenheit und schlauer abwägender Intelligenz, Gewalt und Passivität lasse ich mich treiben, bäume ich mich auf, suche Schutz vor diesem Sog in einer Sprache, deren Genauigkeit und Eindringlichkeit das Spiel dieser Widersprüche beherrscht und erklärt. Eine manische Produktion aus Sehnsucht nach Lust und Erlösung, versehen mit dem Makel des Schuldhaften, des Skandals, des Unmöglichen, Gesetzlosen.

Bin in der Naschmarkt-Flohmarkt-Gegend unterwegs. Es ist Nacht, vor mir riesige leere Flächen, der Wind pfeift. Es ist sehr dunkel, die Strassenbeleuchtung ist ausgefallen. In der Ferne höre ich die Stimmen einiger mir bekannter Autorinnen, sie lachen hämisch, machen anzügliche Bemerkungen über mich. Bald sind sie verschwunden, es wird noch dunkler. Die Plätze verengen sich zu einer Gasse, ich gerate in ein Lokal, dort wird der lange Refrain eines typischen Wienerliedes gesungen, „das ist der alte Wein, das ist der junge Wein…“, immer gleich. Hände greifen nach mir, vor allem in die Geschlechtsgegend, es wird immer bedrohlicher, ich soll zu einem öffentlichen Orgasmus gezwungen werden.

In diesem Sinn weiterträumen, denke ich mir, wiege mich in einer trügerischen Gewissheit. Was meinem Auge weiss erscheint, halte ich für schwarz. Diese Fähigkeit zur Erkenntnis wird mir von mir nahestehenden Personen vorgeworfen, man beschuldigt mich, destruktiv zu sein, zersetzend. Welche Beweggründe sollte ich haben, meine Zuneigung zu einer Person zu unterminieren? Unsinn. Man vergisst den Schatten, das unauflösbare Substrat, welches die Kehrseite jeder Ehrfurcht und Zärtlichkeit bildet, bilden muss. Ich möchte leben, ich spüre, wie ich leben will, mit welcher wahnwitzigen Kraft meine Finger sich an den letzten Halt klammern. Nein, Meine Beweggründe wird niemand verstehen. Für euch steht einfach viel zu viel auf dem Spiel. Wie kann der geheime Verkehr zwischen den Menschen befördert werden? Es geht darum, die Chemie der zwischenmenschlichen Beziehungen den ungeheuerlichen Maschinerien dieses Zwangsstaates, für den wir wenig mehr als eine Bakterienkultur darstellen, eine von vielen übrigens, zu entziehen und zwar ganz und gar zu entziehen. Denn: nicht einmal die brutalste Vergewaltigung könnte schrecklicher sein als das, was sich zwischen uns, und damit meine ich mich und die paar mir nahestehenden Personen, abspielt. Immer wieder werde ich eingeladen, fremdes Territorium zu betreten – wehe, ich verhalte mich wie ein lebendes Wesen und nicht wie ein vorprogrammierter Automat. Eine Beurteilungs- und Verurteilungsprozedur wird in Gang gesetzt, die rasch und sauber schlussendlich zur vollständigen Liquidierung meiner selbst führt. Man bedenke, dass es sich dabei nicht um eine Metapher, um ein literarisches Kunstmittel handelt. Nein, denn wenn mein Spiegelbild in anderen Personen mutwillig und absichtsvoll zerstört wird, werde ich ganz real unsichtbar, höre auf zu existieren. Archaische Todesängste bedrohen mich, ich flüchte, breche aus, verkrieche mich. Ich passe mich an. Natürlich kann ich so sprechen, so gestikulieren, wie es verlangt wird, man erteilt mir das Wort, lächelt mir geschäftsmässig zu, ich darf so etwas wie eine Position einnehmen, eine ganz ephemere natürlich. Ich leide nicht mehr – mein Leiden äussert sich hier in der Unfähigkeit zu leiden. So gesehen, besitze ich die Stärke eines Roboters, aber es ist eine trügerische Stärke und ich bezahle dafür mit meinem psychischen Tod.

Ich bin in Kitzbühel mit meiner Mutter in der Gegend der Griesgasse Nähe Sägewerk, wir treffen eine Frau Mühlbacher, Kitzbühlerin mittleren Alters. Sie hat sich am Hals operieren lassen, wahrscheinlich Kehlkopfkrebs, sie hat dort eine riesige schwarzrötliche Wunde. Es kommt zu einem Wortwechsel mit meiner Mutter, ich sage, auf keinen Fall soll man sich so operieren lassen. Sie beginnt sehr aufgeregt zu schreien, sagt, so also würdest du mit uns umgehen, und wirft die Tür zu. Anscheinend bin ich gleichzeitig im Freien und in einem Zimmer. Durch den Knall gerate ich in ein schönes Halbbewusstsein: eine Frau formt einen grossen Kuchen Hippies betteln mit Musik. Meine Mutter ruft aus dem Klausnerfeld, ich erwache in der Griesgasse und suche meinen Block, um den Traum zu notieren. Im Nebenbett, das unbenützt ist, finde ich verschiedene Schreibsachen, auch einen alten Kalender von mir, in dem ich Bodos Namen lese. Ich notiere den Traum und gehe langsam ins Klausnerfeld. Dann erwache ich.

Die Herren, und das sind die anderen, Frauen und Männer gleichermassen, denn sie vollziehen an mir das Gesetz, träumen von unterworfenen Körpern, den Tiermaschinen und den Automaten, aber ich kehre ihnen den Rücken. Bewegung, ich laufe davon. Die Frage ist nur, lebe ich? Ist diese seltsame Existenzweise, dieses Selbstdeklassement, das quer durch meinen Körper verläuft, ist dieses Verlöschen von Genickschuss zu Genickschuss, etwas, für das sich zu leben lohnt? Wirklich, ich bin keine Zynikerin, ich beobachte und kommentiere lediglich. Ich weiss natürlich auch, dass ich solche Sachen, solche Äusserungen, die wie Selbstentblössungen klingen, die den Anschein wecken, als sagte ich etwas wie die Wahrheit über mich, dass ich das alles nicht sagen dürfte, da es so oder so auf mich abfärbt. Operationen, die mich real betreffen, können auf Grund dieser Äusserungen an mir bzw. gegen mich durchgeführt werden, wobei es ganz egal ist, welche Sätze mehr oder weniger wahr sind, denn in jedem Fall haben alle diese Sätze mit mir zu tun, sie stellen Angriffspunkte dar und das ist das Ausschlaggebende. Und so einen Vielfrontenkrieg zu führen bin ich auf keinen Fall imstande, es geht ja so schon kaum mehr. Habe nur deshalb bis auf den heutigen Tag überlebt, weil ich meine wahren Ziele vor der Öffentlichkeit verberge. Ketzereien dieser Art, ausgesprochen in einer Welt ausgedehnter und lebensfeindlicher Wüsten, ziehen die Blicke in eine ganz bestimmte Richtung, nämlich auf dieses unscheinbare, verkommene, armselige Versteck, in dem ich mein Leben zubringe. Hier vegetiere ich, gebe mich allerlei Träumereien hin, versuche, meiner Lebensführung manchmal den Anstrich von Arbeit, manchmal den Anstrich von geniesserischer Lebensfreude zu verleihen, aber daran glaube ich nicht einmal selber. Trotzdem strebe ich nach etwas und das kann mir niemand nehmen. Ich habe mir geistige und körperliche Vollkommenheit und Reinerhaltung sowie Kontrolle meines Bewusstseins zum Ziel gesetzt. Aber Eingeweihte bin ich keine, soviel ist mir auch klar.

Jemand, der dem Maler Hans Jöchl ähnelt, hat grosse Reformen eingeleitet, Messungen für eine Kläranlage vorgenommen, eine neue Schule geplant, Ackerbau ohne Gifte u. ä. Ich folge ihm auf einen Neubau, er trägt einen grünen Rucksack, dreht sich zu mir um und lächelt. Von einer Fabrik hängen grosse schwere Schmutzwolken über der Stadt. Auf dem riesigen Parkplatz des Flughafens finden jede Nacht fürchterliche Morde statt. Viele Menschen werden in ihren Autos abgeschlachtet. Ich gehe in der Dunkelheit an einem Bahndamm entlang, Männer in gelber Regenkleidung arbeiten da, es herrscht Katastrophenstimmung. Ich bin aus einer Schule geflüchtet, bin über einen hohen Drahtzaun geklettert. Da sind auch Burschen im Gefängnis, Robert ist blutbesudelt nach Hause gekommen. Es sind schon wieder Fotos von Ermordeten in der Zeitung.

Ich habe ein Recht auf meine tiefe Traurigkeit. Dies nämlich ist ein umfassender Überblick über die menschliche Müllhalde in mir. Ein unvorstellbarer Haufen menschlichen Abfalls, das bin ich. Und das sind meine Visionen – es sind Visionen von der dunklen Seite des Menschen, düster und unheilverkündend. Es ist nicht nur das Unbekannte, sondern das Was-niemand-wissen-will. Das Betrachten und Examinieren dieser Gegenden muss erst noch gelernt werden. Männer können das nicht. Männern eignet Nüchternheit und Zielstrebigkeit, aber sehr wenig Talent, Frauen? Frauen zeichnen sich durch ungeheure Intensität und beispiellose Wildheit aus. Der rätselhafte Augenblick! Ich bin in einem Zustand äusserster Wachheit. Alles, was mir angetan worden ist in den Kellern meiner Kindheit, alles, was ich unter ständiger Lebensgefahr „gelernt“ habe, im düsteren Schnee, am hellen Bach, der Schrecken aus heiterem Himmel, liess mich mit wachsender Verzweiflung um Hilfe betteln. Beliebige Menschen habe ich angebettelt, ohne sagen zu können worum. Ich kann es bis heute nicht sagen. Der Leerraum des Unvermögens, den diese Sprachlosigkeit einschliesst, das ist es, was ich hier vorrangig erforsche. Zwar werden wir von denen, die uns in der Kindheit belehren, zum Selbstgespräch gezwungen, Zwar hatte ich, wie jedes Kind, Hunderte von Lehrern, die mir genau sagten, dass und wie ich mit mir selbst sprechen sollte. Damals fühlte ich mich stark, wagemutig. Ich hörte jedes Geräusch. Ich gewahrte jede Veränderung des Lichts oder der Schatten um mich her. Heute habe ich nicht mehr die Macht, mich vor meinen eigenen Befehlen zu schützen. Heute führe ich mein Selbstgespräch so, wie ichs gelernt habe, so wie die anderen, so ähnlich wie die Menschen, die ähnlich denken und fühlen wie ich – nein, ich drehe mich im Kreis, Könnte ich so ähnlich denken und fühlen wie die anderen, wäre ja alles gut. Wie ich! Das Sicherheitsnetz. Warum halte ich die Luft an?

Hanna macht mir vor, wie sie fliegt: man braucht nur die Hände, die Finger richtig zu bewegen, nicht die Arme. Aber alle Muskeln anspannen!

Das ist es, fällt mir ein! Dieses Sicherheitsnetz existiert, ich halte mich daran fest mit jedem Wort, mit jedem Satz, den ich spreche, ja mit allen meinen Handlungen, denn auch Handlungen sind nichts als Sätze, kurz, mit allem, was ich tue. Jedes Wort – ein Fallstrick. Gedankensprünge, spontane Regungen, ob Zuneigung ob Abscheu, blitzen auf, manchmal glaube ich sogar selber an mich. 24 Stunden Wachsamkeit am Tag, bei allem was ich tue! Dort muss ich mich packen, bei diesem stabilen Misstrauen, bei diesem diffusen Unbehagen, diesen Pannen, die mich verdrossen und borniert machen. Ich kann mein Glück nicht in der Welt der Namen finden.

Der erste Teil dieser längeren, entstehenden Arbeit ist in manuskripte 89/90 veröffentlicht.

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