Susanne Burgstaller

Mit High Heels in Moskau

In Wien scheint die Sonne und es hat 16 Grad Celsius. Ich packe gerade meine Koffer. Irina, unsere Projektassistentin aus Moskau, schreibt: „Spring is coming!“ Zur Sicherheit schaue ich auf wetter.at nach. Minus 10 Grad mit leichtem Schneetreiben, und das Anfang April. Frühlingsbeginn in Moskau.

Ich packe meine wärmsten Businessanzüge, höchsten Schuhe, und hole die Pelzstiefel hervor, die ich Anfang März weggeräumt habe. Am Sonntag um 10.30h steht das Taxi vor der Türe. Die rotgekleideten Stewardessen sprechen ein heimatliches Idiom und servieren ein saftiges Schinkenbrot. Die Zeitungen erzählen von kleinkarierten politischen Querelen. Ich freue mich auf internationales Flair. Rund um mich wird Russisch gesprochen – laut und deutlich und ohne Unterlass.

Wir landen am Domodedovo Airport. Seit dem letzten Attentat dort ist fast ein Jahr vergangen. Niemand außer mir scheint sich noch daran zu erinnern. Die Schlange bei der Sicherheitskontrolle ist lange. Kein Wunder: Die Sicherheitsbeamtinnen nehmen es genau. Meine Beamtin schaut mir direkt ins Gesicht und hält den Pass  zum Vergleich hoch. Ich fühle mich wie eine international gesuchte Kriminelle. Ich hebe mein Kinn und versuche ebenso grimmig drein zu schauen wie die Beamtin. Sie belohnt mich mit dem wortlosen Hinschieben meines Passes.

In der überfüllten Gepäckshalle überfällt mich Beklommenheit. Eine dicke russische Blondine mit ihrem noch dickeren Mann drängt mich ganz nahe an das Förderband. Ich überlege, ob ich zurückdrängen soll, rücke aber dann zur italienischen Managergruppe neben mir auf. Der ältere Italiener mit der roten Cordhose und dem gelben Schal nickt mir verständnisvoll zu. Ich bewundere den Stil der Italiener mit Staunen. Im Gegensatz zu den österreichischen und deutschen Krawattenträgern, die sich mit weiß, blau, grau und schwarz zufrieden geben, schillern diese geradezu in der Farbenpracht ihrer Hemden, Krawatten, Anzüge und Schuhe.

Die weiche Melodie ihrer Unterhaltung kontrastiert mit den harsch klingenden Noten der russischen Unterhaltungen ringsum. Könnte es sein, dass mir ein Anfall von „intercultural blues“ droht? Die Indizien der Irritation mit meinem Umfeld sind deutlich spürbar.

In der Ankunftshalle sehe ich gleich das Schild der Bank, für die ich in Moskau bin. Der Mann, der es hält, nimmt mir ohne ein Wort mein Handgepäck aus der Hand, dreht sich um und geht. Ich folge ihm – was bleibt mir anderes übrig? Beim Stiegenaufgang wieselt er mit meinem leichten Rollkoffer in der Hand in null komma nichts die Stiegen hinauf, während ich den schweren Koffer schleppe. Es lebe die Emanzipation! Aber wo sind die Kavaliere dieser Welt geblieben? In Moskau sind sie jedenfalls nicht versammelt.

Im Schneegestöber draußen muss ich mich sehr konzentrieren um meinen Fahrer nicht zu verlieren. Ich bedauere es, meinen Daunenmantel nicht zu gezippt zu haben, und schlinge zumindest hastig meinen Pashima-Schal um den Kopf. Die Laptop Tasche rutscht dauernd vom Koffer. Wir halten bei einem dicken Audi. Erste Etappe geschafft.

Wir fahren in einem dichten Strom von Autos durch die Vororte im Norden Moskaus. Nach einer Stunde sind wir da. Izmailovo heißt der Hotelkomplex, den wir ansteuern. Er besteht aus vier mindestens 40-stöckigen Hotels aus der kommunistischen Ära, einigen Restaurants und Imbissbuden. Gleich daneben liegt „Little Kremlin“, eine Art Disney World auf Russisch, mit endlosen Verkaufsständen voll bunt bemalter Nikolaikirchen und traditioneller Pelzmützen.

Im Hotel erfahre ich, dass ich zuerst zu einer Agentur, bei der das Hotelzimmer gebucht wurde, muss. Dort muss ich bezahlen. Dann erst darf ich zur Hotelrezeption. Die befindet sich natürlich nicht im selben Hotel wie die Agentur, sondern am anderen Ende des Hotelkomplexes.

Also wieder raus in den Schneesturm. Diesmal mumme ich mich aber besser ein. Ich schleppe die beiden Koffer und die Tasche über das riesige, unebene Gelände. Wo ist das Hotel Alpha? Die Hotels ragen in die Höhe und irgendwo steht auch der Name, aber wo? Ich biege um eine Ecke und gehe einen immer dunkler werdenden Weg entlang. Nein, das muss falsch sein. Also retour. Ich komme wieder zu den Leuchtschildern „PECTOPAHbI“ – das heißt Restaurant. Endlich stellt sich heraus, welcher der Hotelkolosse das Hotel Alpha ist.

Ich schleppe meine Koffer durch die Drehtür und reihe mich unter die Wartenden an der Rezeption ein. Eine Schlange so wie in England gibt es natürlich nicht, und so versuche ich, Leute zu identifizieren, die möglichst rasch fertig sein könnten, um mich hinter ihnen zu positionieren. Nach fünfzehn Minuten stehe ich direkt an der Theke. Hinter dem Schalter stehen mindestens zehn grün uniformierte Rezeptionistinnen. Da werde ich wohl rasch an die Reihe kommen!

Allerdings haben die Damen hinter der Theke andere Prioritäten. Eine junge Frau verabschiedet sich minutenlang mit Umarmungen und geflüsterten bon mots von ihrer älteren Kollegin. Danach verschwindet die Ältere ins Büro hinter der Rezeption. Die Rezeptionistin, die mir am nächsten ist, beschäftigt sich mit der Buchung eines asiatischen Paares. Eine zweite Rezeptionistin kommt – vielleicht zu mir? Aber nein. Anscheinend gibt es ein Problem mit der Buchung des asiatischen Paares, das die beiden nur gemeinsam lösen können. Vor meinen Augen flimmern auf großen Bildschirmen wunderbare Bilder der Hotelzimmer und des Frühstücksbuffets. Ich bin hungrig. Wenigstens bin ich in einem besseren Hotel gelandet als beim letzten Mal, denke ich hoffnungsvoll.

Endlich ist das asiatische Paar fertig. Aber nein, ich bin noch nicht dran. Die Rezeptionistin muss etwas mit einer Kollegin besprechen. Ich warte weitere fünf Minuten. Endlich nimmt sich eine sehr junge, hübsche, Kaugummi kauende Frau meiner an.

„Passport?“ sagt sie. Ich schiebe ihr diesen, sowie meine fünf Bögen Reservierungs-, und Zahlungsbestätigungen hin. Sie tippt, kauend und wortlos. Dann unterhält sie sich mit ihrer Kollegin. Es gilt anscheinend die Regel: „Sprich niemals mit dem Gast, aber stets mit deinen Kollegen.“ Ich übe mich in Geduld und drapiere meinen Daunenmantel über mein Gepäck. Hier drinnen ist es sehr warm.

Nach einer Weile schiebt mir die Rezeptionistin ein Stück Papier mit der Nummer 1919 zu. „Key is upstairs“, sagt sie und wendet sich ab. Ein Check-In mit nur vier Worten – ein internationaler Rekord!

Ich marschiere in Richtung Liftanlagen. Der Sicherheitsbeamte dort, nickt und lässt mich durch zum Lift. Ich lande im 19. Stock und stehe dort schon wieder vor einer Theke. Diesmal sitzt dahinter eine Babuschka-Gestalt in grüner Uniform vor Regalen von Stolichnaya Wodka und jeder Menge anderer Spirituosen. Sie verkauft gerade einem russischen Geschäftsmann eine Flasche. Ihr wird assistiert von einem dünnen jungen Mädchen, auch in Uniform. Anscheinend kann man hierzulande alle Aufgaben nur gemeinsam erledigen.

Als der Mann abgefertigt ist, wenden sich die beiden Damen mit einer Flut russischer Worte mir zu. „Sorry, I only speak English“, sage ich. Die beiden schauen sich kurz an, dann zuckt die ältere Frau mit den Achseln und hält mir die Hand hin. Auf gut Glück drücke ich ihr das Stück Papier hinein, was offensichtlich der richtige Schachzug ist. Ich erhalte eine Plastikkarte. Die beiden Frauen gestikulieren in Richtung des langen Ganges links, der vermutlich mein Zimmer enthält.

Im Zimmer wird mir klar, dass die Bilder an der Rezeption wohl in der Präsidentensuite aufgenommen wurden. Hier ist der Schiebekasten nur halb zu öffnen, der Duschkopf tröpfelt schwach, und der Toilettensitz ist um zwei Nummern zu klein.

Ich habe Hunger. Wieder raus in den Schneesturm? Lieber nicht. Zimmerservice? Ich wähle eine Mahlzeit aus der recht ordentlich klingenden Speisekarte und rufe die in der Broschüre angegebene Nummer an. Nach langem Läuten meldet sich eine Frauenstimme – auf Russisch natürlich. Ich erkläre langsam und deutlich auf Englisch, dass ich Borschtsch und ein Baguette bestellen möchte.
„Please“, sagt die Stimme. „Please, something is broken. Call again in 20 minutes.“ Danach wird der Hörer aufgelegt.

Ich warte 25 Minuten, sicherheitshalber. Ich erkläre der Stimme nochmals, dass ich Borschtsch essen möchte.
„Mhm, mhm“, sagt die Stimme dazu. „Do you know all is frozen? I can defrost it for you, but it is all frozen. Takes 30 minutes.“

Obwohl sie bereit ist, die ungeheure Mühsal des Auftauens auf sich zu nehmen, lehne ich dankend ab. Mit den Rezeptionsbildern von einem phantastischen Frühstücksbuffet im Kopf und knurrendem Magen schlafe ich ein.

Pünktlich um 7h stehe ich vor dem Frühstücksraum, der gerade geöffnet wird. Es ist ein Traum in weiß und apricot und fasst sicher 500 Personen. Auf einer Bühne steht ein weißes Klavier, auf dem ein Klavierspieler klimpert. Das Speisenangebot ist tatsächlich enorm, allerdings ohne viel Essbares für meine Begriffe. Am meisten beeindruckt mich der Schokobrunnen. Leider gibt es zur Schokolade nur gekochte Äpfel und Pfirsiche aus der Dose. Daneben steht ein Pyramidentisch mit Zuckerschaumdesserts in verschiedenen Farben, die alle gleich schmecken.

Der Raum füllt sich rasch. Die Menschen tragen Berge von Würsten und eingelegtem Gemüse, Fleisch-, und Fischgerichten, plastikähnlichem Käse und Schinken auf ihren Tellern davon. Ich versuche mich an einer Suppe und wässrig gekochtem Milchreis. Ich sehe bullige Männer in Trainingsanzügen oder Hosen und dunklen Pullis, bullige ältere Frauen mit sehr enger Kleidung und breiten Gesichtern, und einige junge und sehr schlanke Frauen mit noch engerer Kleidung und unglaublich hohen Absätzen. Die Vorliebe russischer Frauen für extravagante Schuhe zeigt sich auch hier, wiewohl ich sicher bin, im Büro auf eine noch eindrucksvollere Show zu treffen.

Nach der Metrofahrt gelange ich an den Schauplatz der Schuhparade, und zwar in das Trainingscenter der Bank. An der Rezeption vollzieht sich ein ähnliches Ritual wie am Flughafen: Passkontrolle, Check der Papiere, Gesichtskontrolle, dann bekomme ich mein Einlassticket.

Im 10. Stock angelangt werde ich von meinen Kundinnen überschwänglich empfangen: Ich werde ans Herz gedrückt und man wiegt mich in den Armen leicht hin und her. Das machen die Damen weniger ausgeprägt, aber Sergey, der Top-Manager und 150-Kilo-Mann, macht das sehr ausführlich. Danach geht man sofort zum Business über und ich werde rasch mit meinen Vorbereitungen alleine gelassen.  Bei der Arbeit ist jeder auf sich gestellt und ich muss mich schon selbst zurechtfinden.

Sascha, unsere Auftraggeberin, eilt in den Raum, noch im Wintermantel und mit Pelzstiefeln, um mich zu begrüßen. Dann packt sie ein Paar High Heels aus und wandert in die Garderobe, um sich fertig zu stylen. Als sie erscheint, erklärt sie: „NOW I’m ready for business!“ Sie trägt ein Paar weinrote Lackpumps mit Glitzersteinen im Absatz.

Als die Teilnehmer eintrudeln, kann ich die Farb-, und Formenvielfalt der weiblichen Schuhmode genüsslich bewundern. Sie ist die beeindruckendste, die ich bisher gesehen habe: Lack und Glitzer in allen Farben, Maschen, Blumen, und Peeptoes auch im Winter. Natürlich nur in den überheizten Innenräumen. Unter 12 cm Absatzhöhe trägt kaum eine Frau hier. Je höher die Absätze, desto erfolgreicher die Managerin? Irina, unsere 20 Jahre junge Projektassistentin, erklärt es uns: „You have to wear high heels to look professional.“ Unter dem Schreibtisch warten die Ballerinas darauf, dass die karriere-relevanten Manager weg sind.

Ljudmila, Irinas Managerin, trägt nur internationale Designer-Labels und gibt ständig Anweisungen. Selbst rührt sie keinen Finger. Sogar um einen Seminartisch leicht zu verrücken, holt sie den Techniker. Mit meiner zupackenden Mentalität komme ich in Moskau sicher nicht weit, denke ich, und nehme mir vor, mehr zu delegieren.

Kurz vor Seminarstart erscheint Jekaterina, eine füllige Mittfünfzigerin. Sie trägt ein schwarzes, eng tailliertes Businesskostüm mit abstehenden Schößel an der Taille und üppigem Schmuck. Ihr schulterlanges Haar ist filmstarmäßig gestylt. Allerdings ist das Augen-Makeup hinter den Brillen nicht ganz geraten. Ihre Schuhe nehme ich erst wahr, als ich unter den Computertisch klettere, um meinen PC anzuschließen. Sie trägt knallgelbe Lackstilettos mit Peeptoes und Masche! Ich tauche sprachlos auf und sehe ihr direkt ins Gesicht. „I like your shoes!“ bringe ich hervor.

Es geht los und alle arbeiten höchst intensiv und diszipliniert. „Wie ist es richtig? Dürfen wir das? Soll es so oder so sein?“ Das sind die Fragen. Alle erklären, dass sie bereit sind, bis in die Nacht hinein zu arbeiten, und tun das auch.

Ich selbst bin um 22h fix und fertig. „Everybody works too much here in Moscow,“ erklärt mir Natalya, während sie mit einem Stapel Arbeitspapieren in ihr Büro im 9. Stock geht. Am nächsten Morgen hat sie tatsächlich alles bearbeitet. Ihre Beurteilungen sind die ausführlichsten der ganzen Gruppe. Dabei hat sie, wie viele Managerinnen in meiner Gruppe, ein Kind. Es wird in ihrer Abwesenheit großteils von der Großmutter betreut, ist aber auch viel alleine, und sie managt das häusliche Geschehen per Telefon.

Am zweiten Seminartag telefoniert sie in jeder Pause. Es geht um Igors Geographie-Test. Hat er ihn bestanden? Sie zeigt mir eine Internet-Seite, von der sie sämtliche Informationen, was die schulischen Verpflichtungen und Ergebnisse ihres Sohnes betrifft, abrufen kann. All seine Kurse bzw. Gegenstände, seine Tests und die Ergebnisse, sind dort festgehalten. Die Lehrer können Kommentare an die Eltern posten und Feedback über das Verhalten der SchülerInnen geben. Wir finden eine Bemerkung, dass Igor sein Heft heute nicht mit hatte. Ein ideales System für die Moskauer Eltern, die mit Nachdruck die gute Performance ihrer Kinder verfolgen wollen. Der Programmierer hat dafür einen Preis gewonnen und ist unter den Top 500 bestverdienenden Programmierern der Welt.

Die meisten Managerinnen haben Mütter, die die Kinderbetreuung für sie übernehmen. Von den Männern ist kaum die Rede. Sascha erklärt mir: „Die Männer in Russland lieben den Wodka mehr als ihre Frauen. Die meisten über 30 sind ‚unheiratbar‘. Man ist besser dran ohne sie.“ Sie selbst heiratet in zwei Monaten einen Deutschen und zieht nach München. Dazu muss sie zwar noch Deutsch lernen, aber plant das in einem Intensiv-Kurs am Goethe-Institut in sechs Monaten zu erledigen. Ich traue es ihr zu.

Im Kurs bahnt sich unterdessen ein Konflikt an: Marija gegen Anastasija. Beide wollen im Projekt an leitender Stelle mitwirken. An der Oberfläche geht es um eine Personalverrechnungsfrage, die in der Mittagspause eskaliert, und nur unter Hinzuziehung von Sergey, ihrem Manager, geschlichtet werden kann. Marija wirkt mit ihrem Engelsgesicht, den blauen Augen und blonden Locken völlig harmlos. In Wahrheit ist sie die härteste Teilnehmerin, die ich im Seminar habe. Sie leitet die Personalverrechnung. Ihre Anforderungen sind hoch, ihre Beurteilungen harsch. Sie ist Alleinerzieherin und hat einen Sohn. Dennoch arbeitet sie regelmäßig bis spät.

Anastasija ist noch unverheiratet und kaum 30 Jahre alt. Sie sieht aus wie eine Waldfee: ein Mini-Kleid aus dunkelgrünem Stoff, das nur das erste Drittel ihrer Oberschenkel bedeckt, schwarze Seidenstrümpfe und dunkelgrüne Lackschuhe. Sie hat kurzes, schwarz gelocktes Haar, und ein Kindchen-Gesicht mit großen Augen und rot geschminktem Kussmund. Sie leitet die Personalverwaltung, das heißt alle Verträge von x-tausenden Mitarbeitern durchlaufen ihre Abteilung.

Nach der heftigen Debatte der beiden Frauen, die Sergey nur schwach im Griff hat, bittet er mich um ein Gespräch. Ob wir wohl einen bedeutenden Platz im Projekt für beide Ladies schaffen könnten. Wir überlegen hin und her, bis wir eine gut klingende Position für Anastasija kreiert haben. In Wien hat sich kaum jemand freiwillig für dieses Projekt, das neben den regulären Aufgaben erledigt werden muss, gemeldet!
„You see, I cannot afford to lose Ana“, vertraut Sergey mir an. Der Jobmarkt in Moskau ist für Frauen wie sie lukrativ und liquide.

Am Ende des Events betonen alle immer wieder, wie toll sie unser Projekt finden. „Es ist eine Revolution“, sagen sie, und ich bin ihr „Expert Professor“. Sie loben das, was sie und die Bank tun, und planen weitere Meilensteine. Die Aussagen und Pläne erscheinen mir so überdimensional wie alles in diesem Land.

Danach wird mir die Rückkehr in unsere satte, selbstgefällige westliche Geschäftswelt schwerfallen. Aber jetzt: Nur heim! Kein Russisch mehr hören, keine Koffer mehr sehen, kein Taxi, keinen Flughafen, kein Tablett mit Sandwiches, keine Duty-Free Angebote.
Ich begrüße meine Töchter und meinen Mann mit Moskauer Überschwänglichkeit. Mein Mann macht uns einen Kaiserschmarrn. Ich genieße ihn. Ohne High Heels, einfach barfuß.

Nora Aschacher

Zwei Texte

spring anna, spring

vier meter über dem wasser oder viereinhalb, was machen fünfzig zentimeter für einen unterschied, ich stehe am rande der welt, eine bewegung und es ist aus, kaum platz für meine füße, sie sind zu lang, da werden wir es schwer haben, einen passenden schuh für das kind zu finden, hat der verkäufer gesagt, hier oben bin ich barfuß, die von der augustsonne aufgeheizten holzbretter brennen sich in meine sohlen ein, mir gegenüber auf der anderen seite des sees mein freund mit seinem mächtigen elefantenkörper, dessen überlappende haut wie ein stück sperrigen stoffes an seinen flanken zusammengerollt, genietet, angenäht oder einfach umgeschlagen wurde, schön ist er in dem rot glühenden sonnenuntergangslicht, ob ich ihn wiedersehen werde, nachdem ich unten angekommen bin, vielleicht spiegeln sich seine konturen nicht nur im wasser, vielleicht wirft das am boden des sees verankerte gebirge seinen schatten nach oben, ist zweifach vorhanden oberhalb und unterhalb der wasseroberfläche, so wie ich, ich bin hier heroben auf dem brett, aber gleichzeitig sehe ich mich als leblosen körper aus der tiefe hinaufgeschwemmt werden, wie sie dort unten im bootshaus winken, eis schlecken, ihren fotoapparat auf mich richten, ich soll springen, aber ich kann nicht, mein zweiter freund sieht so hart und undurchdringlich aus, so kenne ich ihn nicht, ob ich sein metallenes grün durchstoßen kann, vielleicht lässt er mich abprallen, ist zur eisfläche geworden bis ich unten angekommen bin und ich breche auseinander oder bleibe mit dem kopf in der gefrorenen schale stecken, bei der geburt kommt ja auch zuerst der kopf heraus, wenn allerdings der körper des kindes im mutterleib eine schlechte lage hat, bleibt er drinnen, da kommt dann gar nichts heraus, dann ist alles kaputt, vielleicht werde ich da unten noch einmal geboren oder komme gar tot zur welt, aber in welche welt denn, wie sieht so eine welt aus, in der geburt nahtlos in tod übergeht und umgekehrt, dabei liebe ich ihn so sehr meinen zweiten freund besonders am frühen morgen bevor die anderen ihre liegetücher, strohhüte, plastiktaschen, sonnenschirme und liegestühle deponiert haben, um sich nur ja die besten plätze zu sichern, den ganzen tag über beachten sie ihn kaum und wenn sie ihn berühren, dann nur um der hitze zu entkommen, bis neun uhr früh sind wir beide alleine, er mit seinen glitzernden aluminiumexplosionen im wind, schäumend vor übermut und ich seine bewunderin, unser zweites rendez-vous beginnt am späten nachmittag wenn sie ihre sonnencremen, radios, romane, strandsandalen, bikinis, badehosen und badehauben eingepackt haben und zurück in ihre hotels und pensionen ziehen, um sich für das abendessen vorzubereiten, sie wissen nicht, was sie verpassen, um diese zeit wird er samtig, ruhig und klar, als hätte er sich selbst ein bad gegönnt und danach einen blauen seidenen mantel übergezogen, vormittags schleudert er mich oft aus sich heraus, schwappt über mich, spielt mit mir, schluckt mich, will mich aufsaugen, abends ist er zärtlich, brüderlich, glättet großmütig die einschnitte, die ihm meine arme und beine verursachen als bügle er leichte knitterfalten aus, warum also fürchte ich mich so sehr, ihm entgegen zu springen, weil ich so alleine bin, weder vor noch zurück kann zurück wäre eine niederlage, ich sehe jetzt schon seinen verächtlichen blick „aus diesem kind wird nichts, die taugt nichts, weder in der schule noch beim sport, kein wunder bei der mutter“, und dann werden sich die beiden stimmen mit ihren gegenseitigen vorwürfen immer höher und höher schrauben „deine tochter… zu feig um von einem lächerlichen sprungbrett zu springen… weil ihr sie immer so verweichlicht… du kannst einem kind doch nicht… hör mir doch auf damit… die wird es im leben zu nichts bringen, schau dir die anderen in ihrem alter an… du hast doch immer… was glaubst du eigentlich wer du bist… dann geh doch… ihr könnt sehen, wo ihr bleibt…“
nach vorne könnte mich das leben kosten, also stehe ich still, jede einzelne zelle in mir hält ihren atem an, weil alle wissen, wenn sie luft holen, bringen sie mich aus dem gleichgewicht, nicht einmal blinzeln ist erlaubt, ich glaube nicht ,dass tote menschen immer liegen, man kann auch tot sein und stehen, ganz kurz schwanke ich, aber noch kann ich mich in diesem zwischenreich festklammern, wie viele minuten, stunden, jahrhunderte, jahrtausende stehe ich eigentlich schon auf diesem sprungbrett, unten ist es ruhiger geworden, komme ich mit dem rücken auf dem wasser auf, könnte ich gelähmt bleiben, pralle ich mit dem bauch auf, quellen vielleicht meine eingeweide heraus, es gibt nur zwei wege, mit dem kopf zuerst oder ich lasse mich wie ein schwerer stab fallen und hoffe, dass während dieses falls durch siebenundzwanzigtausend universen kein wind aufkommt, der meinen körper in eine andere position dreht, aber was ist, wenn sich dieser mein körper von selbst in eine andere position bewegt, weil er nicht mehr will, weil er mit mir mitleid hat, weil es uns beiden einfach zu viel ist, weil wir zwar das wasser, den see, die wellen, das schwimmen, tauchen und springen lieben, weil wir aber nicht wie ein dressierter hund gehalten werden wollen, fünf schillinge, wenn du einen kopfsprung vom steg aus machst, zehn schillinge, wenn du zum kleinen sprungbrett gehst und fünfundzwanzig schillinge, quasi die olympiade, wenn du auf das viereinhalb meter hohe sprungbrett steigst oder traust du dich nicht, fünfundzwanzig schillinge, damit lässt sich viel machen, zehn tafeln bensdorp milch oder haselnuß besser fünf milch und fünf haselnuß, drei bücher pro woche mehr entlehnen und damit ausflüge in andere leben erfahren, die rote spange kaufen, das alles und mehr gibt es für fünfundzwanzig schillinge,
ich springe
dunkelgrünschwarz
mein freund spuckt mich aus
ich bekomme fünfundzwanzig schillinge
wie müsste es gewesen sein, wenn ich an diesem heißen, wolkenlosen sommertag im august auf das brett hinaufgeklettert und gesprungen wäre, freiwillig und aus lust am leben.

 

Die Erbschaft

Sieben Jahre. Ich habe sieben Jahre und drei Monate gebraucht, um meinen Oberkörper von der Mitte aus nach unten rollen zu lassen ohne dass der Kopf in den Schultern verschwindet, während die Fingerspitzen den Boden berühren. Dieses Unvermögen lag weder an den Folgen eines Unfalls noch an einer angeborenen Behinderung. Ich war einfach so. Die Gelenke klebten aneinander, der obere Teil war wie mit inneren Stricken an den unteren geschweißt, keiner der beiden konnte sich unabhängig vom anderen bewegen. Ein Sack eben. Aber es fiel mir nicht auf, ich kannte fünfzig Jahre lang nur diesen einen Körper.
Während dieser sieben Jahre hat Lance Armstrong fünfzehntausend Kilometer am Rad zurückgelegt, seinen Krebs besiegt und fünf Mal die Tour de France gewonnen, die Menschheit konnte mehrere Sonnenfinsternisse beobachten, sechzehn Hurrikans zerstörten Teile der USA und der karibischen Inseln, ein Tsunami verschluckte thailändische Dörfer, Hotels und Eisenbahnen, zwanzig Erdbeben machten tausende Menschen obdachlos, in Ruanda ging eines der brutalsten Gemetzel, Bürgerkrieg genannt, zu Ende, Massengräber mit ermordeten Bosniern und Serben wurden in Ex Jugoslawien entdeckt und im Irak expandieren nach dem Sturz des Diktators Chaos und Anarchie.
In diesen sieben Jahren wurde eine Katze geklont, eine 65 jährige gebar die Kinder ihrer Tochter und eine NASA Sonde fand Wasservorräte auf dem kleinen Mond des Saturn, dem Enceladus. Sascha ist vom Kindergarten in die Volksschule und danach ins Gymnasium übergetreten, Lisa steht knapp vor der Matura während meine Schwester Gerti in diesem Zeitraum… wie viele Sachertorten… produziert hat… Ostern… Weihnachten… dazu die Geburtstage von Sascha, Lisa, Georg und Tante Anni… ergibt 42 Sachertorten. Rechnet man Gertis eigene Geburtstage und meine dazu, kommen wir auf 56. In sieben Jahren also 56 mit Marillenmarmelade gefüllte und mit Manner Schokoguss überzogene Sachertorten, deren Spuren man bestenfalls an Gertis Hüften ablesen kann. Nichts sonst ist für die Nachwelt erhalten geblieben außer immer wieder gewaschene und getrocknete Tortenformen und Mehlspeisteller. Ich habe wenigstens meine Bewegung, die ich herzeigen kann, dieses von der Mitte aus nach unten beugen und aufrollen ist nun eingraviert in meine Zellen, Knochen und Muskeln.
Es war in einer der Trainingsstunden im Pilates Studio.
„Nicht den Kopf einziehen, der Rücken wird länger“
Jay hatte diesen Satz schon hunderttausende Male gesagt. Ich konnte die unterdrückte Ungeduld in seiner Stimme hören, sah mich plötzlich von außen mit seinen Augen während sich gleichzeitig ein anderes Bild darüber schob: Meine Mutter von hinten. Sie beugt sich hinunter zu ihren Schuhen. Bis zu den Ohren hochgezogene Schultern, einknickende Knie, Rücken und hinteres Becken ein Block, ein unbeweglicher Block mit nahezu keiner Taille. Eine Bewegung, die Angst, Unsicherheit und Hilflosigkeit ausdrückt wie ich später herausfand. Der Körper sagt, lass sie doch machen, was sie wollen, ich finde nicht das, was ich suche, niemand der mir hilft. Es war eine Bewegung des Sich Fügens. Rücken und Hinterteil signalisierten Sorgen, Angst, Depression, mangelndes Selbstwertgefühl, Scham, unterdrückter Ärger aber vor allem Kapitulation.
Ich, die Beobachterin, war vielleicht fünf oder sechs Jahre alt als ich mehrmals Zeugin dieses mütterlichen Hinunterbeugens wurde und dieses Bild speicherte. Natürlich wusste ich damals nicht, was ich heute erkannt habe: diese Bewegung mit allen dazugehörigen Gefühlen ist ein Erbschaftsanteil, der an meinen Körper weitergeben wurde, so wie andere einen Diamantring oder ein Haus vererbt bekommen.
Jay hatte mich bereits aufgegeben. Sieben Jahre im Studio und trotz intensivster Bemühungen seinerseits verharrte mein Körper bei dieser Bewegung in der Rolle eines Müllsacks. Seine Anweisung „Nabel zur Wirbelsäule ziehen, Schulterblätter nach hinten“ klang so emphatisch wie „Einsteigen. Türenschließen“ eines U-Bahnlenkers nach achtstündiger Arbeitszeit. Ich hörte und verstand ihn, aber ich konnte die Bewegung nicht umsetzen. Meine Lendenwirbelsäule war ein prähistorischer Monolith, unbeweglich, unveränderbar. Das schmerzte. Nicht in der Lendenwirbelsäule, sondern irgendwo anders in mir. Ich erkannte, dass ich gedankenlos eine Erbschaft übernommen hatte, die ich hätte verweigern sollen: ich, die Fünfzigjährige, beugte mich mit dem Körper meiner Mutter zu Boden. Gerti hat ein anderes Erbe mitbekommen, den Jähzorn, das arrogante Anheben der Augenbrauen unseres Vaters, wenn etwas nicht nach ihrem Willen läuft, den patriarchalischen, dominanten Umgangston und dazu diese durch die Luft zischende Armbewegung als würde ein Herrscher unliebsames Volk wegscheuchen. Dabei wurde unser Vater selbst oft genug weggescheucht.
Ich habe inzwischen gelernt, dass eine Abrechnung mit dem, was Eltern einem angetan haben, nur zu Selbstmitleid und damit zu Lethargie führt, aber keinen Ausweg bietet. Denn wen sollten Gerti und ich verantwortlich machen noch dazu für derartige winzige Körperbewegungen: eine Gesellschaft, in der vor über hundert Jahren die Eltern Tränen vor Glück aus den Augen wischten, weil der kleine August, unser Vater, dem Kaiser die Hand geben durfte; in der es jeder als gottgegeben hinnahm, wenn sich Bruder, Sohn, Vater, Ehemann 1914 freiwillig für den Dienst am Vaterland meldeten, um Jahre später mit amputierten Armen, Beinen und halb zerschossenenKörpern zurückzukommen wie der Vater unserer Mutter, der lebenslang unter Schmerzen litt, die durch das Tragen eines Metallkorsetts ein wenig gemildert wurden. Nach dem Horror des Ersten Weltkrieges dann Not, Hunger, Kämpfe und Ungerechtigkeiten der so genannten Zwischenkriegszeit, wie es im Nachhinein heißt. Gefolgt von dieser unvorstellbaren Vernichtungsmaschinerie des Dritten Reiches mit Mauthausen, Auschwitz, Dachau, dazu noch Leningrad und alle anderen Massenvernichtungsstätten. Im Wissen um den Holocaust wage ich ja nicht einmal ansatzweise an den eigenen Schmerz zu denken, weil der Oberkörper sich nicht nach unten biegen lässt noch dazu in einer Zeit, in der es im eigenen Land Freiheit und Demokratie gibt.
Gerti und ich haben es in diesem Punkt gut getroffen. Unsere Eltern wurden weder vergast, noch gefoltert oder ins Exil getrieben. Sie machten sich auch nicht mitschuldig, indem sie den Bund nationalsozialistischer Mädchen und Frauen frequentierten, zur Wehrmacht, SA oder SS gehörten, irgendjemanden denunzierten. Unseren Vater hatten die Nazis wegen seiner monarchistischen, deutschfeindlichen Einstellung aus dem Staatsdienst entlassen, er konnte durch besonderen Arbeitseinsatz in der Ölbranche dem Eingezogenwerden eine Zeitlang entgehen und überlebte die Jahre bis zur Befreiung mehr oder weniger illegal auf mehreren Bauernhöfen. Wir brauchen uns also unserer Eltern nicht wirklich zu schämen. Wir mussten nicht zwanzig Jahre später die Frage stellen: „Und was habt ihr getan?“. Wir wussten, dass mein Vater und seine Mutter von der Nachbarin im Mietshaus denunziert worden waren, weil sie feindliche Sender hörten. Wir kannten die Gesichter jener, die im Dorf unserer Mutter selbst nach 1945 immer noch feurige Hitler AnhängerInnen waren oder bei der Einweihung von Heldengräbern als ordensgeschmückte Mitglieder des Kameradschaftsbundes Reden hielten.
Uns wurden unaufhörlich, zumeist beim sonntäglichen Mittagessen, Geschichten erzählt: Vom Onkel, der nach Jahren des Hungers und der Arbeitslosigkeit endlich eine Stelle als Chauffeur fand und daher ohne Bedenken den Arm zum Hitlergruß hob. Im Schützengraben landete er trotzdem. Dass Arbeitsplatzbeschaffung und Krieg zusammenhingen, war ihm nicht einmal zwanzig Jahre nach Kriegsende klar; von der besten Freundin unserer Mutter, die dem Gauleiter die Mitteilung zukommen ließ, dass im Haus unserer mütterlichen Familie eine jüdische Frau wohnte, Geliebte eines verheirateten Mannes, der sie einmal pro Woche besuchen kam; von einer guten Bekannten, aufgewachsen in ärmsten bäuerlichen Verhältnissen, die einen zwanzig Jahre älteren Mann heiratete, der sich auf Büromaschinen spezialisiert hatte. Während des Krieges ließen sich gute Geschäfte damit machen vor allem dann, wenn Reichsstatthalter Bürckel und Gauleiter Baldur von Schirach im Privathaus ein- und ausgingen. Diese guten Geschäfte verbesserten sich nach 1946 auf das Erfreulichste. Heute wird das Unternehmen als traditionsreich beschrieben. Gelegentlich bekamen wir, Gerti und ich waren schon erwachsen, eine Einladung zur Jause. Wenn der, selbstverständlich ausgezeichnete Wein, die Zungen flotter gemacht hatte, kam es in diesem privatem Kreis schon mal zu Äußerungen wie „den Juden erkennt man an der Nase“ oder „das jüdische Pack“. An das Missfallen eines weitschichtigen Verwandten, ein angesehener Jurist im Staatsdienst, über die Besetzung von Grace Bumbry als erster schwarzer Venus in der Tannhäuser Oper in Bayreuth kann ich mich bis heute gut erinnern. Wir schrieben 1961.
Beim sonntäglichen Mittagessen erzählte man uns wie unsere Großmutter mütterlicherseits vor 1946 im Dorf bespuckt und angefeindet wurde, weil sie jeden Sonntag zur Messe ging. Nach Kriegsende plauderten Denunzierende und Denunzierte miteinander beim Greißler. Man schilderte uns, wie unser Vater durch einen Trick einen Mann vor der Gestapo rettete und dass es ihm gelang, bei den Bauern für einen Pelzmantel 3 kg Schmalz zu bekommen. Wir wussten, dass unser Großvater väterlicherseits einen Tag nach dem Ende des NS Regimes im Haustor stehend von einer Kugel tödlich getroffen wurde. Ob der Schütze ein NS Anhänger war, der noch nichts von der Befreiung gehört hatte, ob es eine amerikanische oder russische Kugel war, das wissen wir nicht, Kugeln haben ja keine Nationalität, anders als Schwänze. Jener, der schon fast im Unterleib unserer Mutter drinnen gewesen wäre, hatte einem Russen gehört. Eine amerikanische, französische oder britische Vergewaltigung wäre um nichts besser gewesen, vergewaltigt wird ja in jedem Krieg, das ist ungeschriebenes, international gültiges Gesetz.
Mehr als dreißig Jahre später lag unsere Mutter mit dreizehn anderen Patientinnen im Zimmer im Spital: Brustkrebs. Krebs war zu dieser Zeit eine exotische, tabuisierte Krankheit, über die nicht gesprochen werden durfte. Die linke Brust war amputiert worden, die Lymphknoten unter der Achsel mussten entfernt werden. Die anschließende Chemotherapie hatte ein Zombie aus ihr gemacht. Sie saß zu hause am Tisch, antwortete nicht, schaute nur vor sich hin. Tagelang. Wir waren hilflos, brachten sie ins Spital. Da die Befunde nichts Bemerkenswertes ergaben, setzte man einen Psychiater ein, der sie fragte, ob es in ihrer Vergangenheit etwas Belastendes gebe, worüber sie vielleicht reden wolle. Ein Ansinnen, das sie mit großer Empörung zurückgewiesen habe, wie sie mir später erzählte. Sie sei doch nicht verrückt. Damals verstand ich sie nicht. Wie konnte sie diese Chance verstreichen lassen, ihrer Seele, ihrem Leiden näher zu kommen. Heute weiß ich von mir selbst: Der Schmerz geht so tief und verwächst so sehr mit einem, dass man weder fühlt, wo er anfängt noch wo er aufhört. Hätte sie über das Belastende in ihrer Vergangenheit zu sprechen begonnen, sie würde nicht wieder aufgehört haben: der Vater, ein kleiner, aber geschäftstüchtiger Handwerker. Wenn die Kriegsverletzungen zu schmerzhaft waren, griff er zum Alkohol und schlug auch manchmal zu. Die Mutter, die lebenslang schuftete, ohne sich irgendetwas zu gönnen. Der ständige Kampf gegen Hunger und Armut. Mehr als die Volksschule war nicht möglich. Wer hätte eine Ausbildung zahlen können zu einer Zeit, in der Hunderttausende ohne Arbeit waren und die Frauen am Samstag vor den Fabrikstoren standen, damit das Geld nicht im Wirtshaus verschwand. Die Bomben, der Krieg, die Angst. Danach endlich etwas Schönes: Kriegsende, Hochzeit. Das erste Kind stirbt, ein Jahr später ich, sieben Jahre später Gerti. Zum ersten Mal jeden Monatsanfang sicheres Geld, denn der Ehemann wird wieder als Beamter eingestellt. Er ist launisch, jähzornig, tyrannisch, aber auch das was herkömmlich als guter Ehemann und Vater bezeichnet wird. Nur für die Familie da. Nach einem Streit und davon gibt es zahlreiche, knallen die Türen und der Mann verlässt, das Kochbuch seiner Mutter unterm Arm, die Wohnung. Stunden später wird er zurückkommen und die Eltern werden sich wieder vertragen. An einem Samstagnachmittag läutet es an der Türe. Draußen steht ein junger Mann und sagt: ich möchte meinen Vater sprechen. Aufregung, zischende leise Stimmen. Die Krankheiten der Mutter verstärken sich: Herzrhythmusstörungen, Herzinfarkte, Lungen- und Kreislaufprobleme, Arthritis, Polyarthritis, grüner Star, künstliches Kniegelenk und immer wieder Herz, Herz, Herz. Gestorben ist sie weder an Krebs noch an einem Herzanfall. Vielleicht hat sie die mindestens zehn Jahre dauernden chronischen Schmerzen nicht mehr ausgehalten.
In einem meiner Lieblingsbücher „When the body says no“ heißt es:
„Eltern erkennen den Schmerz ihrer Kinder nicht, weil sie ihren eigenen Schmerz nicht erkennen“. Ich habe kein Kind. Ich hätte es nicht ertragen können, ihm meinen Schmerz als Erbe weiterzugeben.

Dieter Sperl

Zeitgenössische österreichische Literatur

Zwei Texte

Das Raumschiff

Während ich Bruno begrüße, mit dem ich vor vielen Jahren eine kurze, aber heftige Liebesbeziehung hatte, wandert mein Blick zu dessen Haaransatz, prüft die unter seinem Hemd angedeuteten Schwimmringe, bemerkt flüchtig den Ekel erregenden Goldring an seinem kleinen Finger, und als ich im darauf folgenden Moment seiner Wange mit der meinen gefährlich nahe komme, eingehüllt in den schwerelosen und murmelnden Kaffeehausraum, muss ich plötzlich den Satz denken: Bruno ist tot. Der Mann, der statt seiner da sitzt, muss jemand anders sein, der bloß seinen Namen trägt, denn dieses kleine geschniegelte Männchen, mit den Wurstfingern, wirkt wie ein armseliger Gefangener zwischen seinen auf dem Tisch ausgebreiteten Accessoires. Das ist nicht Bruno, denke ich, während mich dieser fremde Mann schon nach wenigen miteinander gewechselten Sätzen gönnerhaft einlädt, ihn und seine Frau besuchen zu kommen. In Niederösterreich, wo er vor drei Jahren ein Wochenendhaus gekauft hätte, sei es zur Zeit besonders schön, behauptet er, der klare Himmel, diese absolut reine Luft, dazu das flache winterliche und weite Land. Du könntest dich ein paar Tage ausspannen, sagt er, die frische Luft genießen und Inspiration tanken, das ist ja für eine Künstlerin besonders wichtig. Ich sehe mich unvermittelt als Schneefrau, in der Nähe von Retz, mit einer Karottennase im Gesicht, fühle den eisigen Wind an meinen Wangen und Fingern. Aber mehr als dieses vertraute und gleichzeitig völlig fremd gewordene Antlitz irritiert mich plötzlich, wie selbstverständlich ich jeden Satz zum Besten gebe, wie eindeutig und beiläufig jede meiner Bewegungen daher kommt, als ob ich selbst ewig in diesen scheinbar eigens für mich erfundenen Handlungs-Geläufigkeiten leben könnte, von denen Bruno und all die anderen Brunos Teile davon sind. Mit einem Mal kommen mir meine gegenwärtigen Gedanken und all meine schon zur Aufführung gebrachten wie Invasoren vor, die irgendwann in mich eingedrungen sein mussten, wie Bakterien oder Viren. Mein im Kaffeehaus umherschweifender Blick begreift die Menschen nunmehr als Zombies, die uneingeschränkt ihre von den im Universum herumschwebenden Gedanken angeschafften Bewegungen ausführen, und die die Menschen als ihre Raumschiffe benützen.
Ich werde nach einer neuen Mannschaft Ausschau halten, sage ich, dabei Bruno anlächelnd, der trotz meines für ihn wohl irrwitzig klingenden Satzes keine Spur von Verlegenheit zeigt, gerne nehme ich die Einladung an, ergänze ich und erwidere Brunos beiläufige Berührung.

Mit unterirdischen Fangarmen

In einer merkwürdigen, möglicherweise hinter meinem Rücken entstandenen Redeweise beschleicht mich das bestimmte Gefühl, ich, der ich noch gar nicht vollständig zugenäht worden bin mit den Stricken des Lebens, obwohl längst über dreißig, könnte vielleicht zum Wunder Mensch, dieser ununterbrochen nach Verhaltensoptimierungen heischenden Überlebensmaschine, gar nichts Entscheidendes hinzufügen. Dieser Gedanke, sofern er manchmal in mein Bewusstsein tritt, stimmt mich dann fast immer eine Zeit lang ziemlich traurig, und ich ziehe mich als Folge davon in meine auswendig gelernten und jederzeit abrufbaren Handlungen zurück oder falle in mein überirdisches, an der Kippe zu seinem individuellen Verschwinden befindliches Lächeln. Dass man an einem scheinbar x-beliebigen Punkt an einem scheinbar x-beliebigen Ort in den so genannten eigenen Schädel hinein geboren wird, in welchem bloß wenige Jahre nach der erfolgreichen persönlichen Geburt schon die ersten echten Blumen zu riechen beginnen, habe ich in meinen besten Momenten tatsächlich hinnehmen und verstehen können, aber bestimmt auch gleich viele Male nicht, wie ich hier, der Wahrheit gemäß, hinzufügen möchte. Vergissmeinnicht, Nelken und Buschwindröschen waren, soweit ich mich erinnern kann, der Reihe nach aufgetreten, zu denen ein individueller Zugang aufgebaut werden musste. Farben streckten ihre Hände nach mir aus und Düfte verzauberten meine Nasenschleimhäute. Der im Freien oft dazugehörige Wind versetzte mich häufig in eine von mir zumeist als unauffallend wahrgenommene Wirklichkeit. Und so stehen wir in unseren Wirklichkeitsbehauptungen stets auch auf der besonderen Seite des Lebens, winken manchmal beiläufig den vorbei fliegenden Passagierflugzeugen zu und machen uns so unsere Gedanken. Welche Lebensversicherung haben wir eigentlich abgeschlossen? Und wann war das? Wie viele Jahre können noch mit uns als Beitragszahler rechnen? Wann wird das letzte Bedeutungsraumschiff in unserem Gehirn seine Zelte abgebrochen haben? Was bedeutet dieser Augenblick dann überhaupt?
Wenn man sich nun tatsächlich bemüht, diese Fragen so klar wie möglich zu sehen, wird man bemerken, dass es knapp vor dem Entstehen oder dem Begreifen und gleichzeitigem Durchsetzen möglicher Erkenntnisse immer einen Moment gibt, in welchem diese wie Seifenblasen zerplatzen (als habe es sie nie gegeben) und menschenleere Bewegungen sichtbar werden, bis man überwachsen ist, bemoost, mit Vögeln auf den Schultern, frei von Erschöpfung oder Aufregung, mit unterirdischen Fangarmen, die keine bestimmte Form mehr haben, sich, wenn es notwendig ist, verlängern oder verbreitern, und sich wie ein Blutstrom bewegen, und man ist dieser Strom und ist gleichzeitig man selbst: Momente höchster Güte.

 

Erika Kronabitter

Zeitgenössische österreichische Literatur

Die Verpackerin

Die Fremde wird nicht zur Heimat, nur weil man hier Arbeit hat. Man vergisst die Trauer, ein Flor, der sich über die Gedanken legt, eine Gedankenverwehung. Schwebende Blütensamen, der sich zwischen dem Haar verfängt. Die Sehnsucht bleibt. Wie lange sie schon in diesem Land lebte, wusste sie nicht genau. Dumpfe Nächte waren es, Aufgeregtheit, angstvolle, über so viel eigenen Mut. Ganz am Anfang hatte sie noch gezählt, die traurigen Tage, die anstrengenden, an denen sie zur Arbeit ging, Tag um Tag um Tag, aus denen Wochen wurden, Wochen, Wochen, Monate.

„Warum bist du gekommen?“ „Warum bleibst du?“ wurde sie gefragt. Auch das wusste sie nicht genau. Antwort zu geben ist kompliziert. War es nur das Geld oder war es noch etwas anderes, warum sie geblieben war?

Ein warmer Wind hatte übers Land gestürmt, in alle Ritzen und Ecken. Sie hatte an zu Hause gedacht. An die Großmutter und an die Eltern. Hatte sich ins Vertraute zurückgesehnt. Ins Vertraute gesehnt und an die Zukunft geklammert. Zukunft war Neues. Etwas unbestimmtes Neues. Etwas, das hier passieren konnte. Von dem sie sich erhoffte, dass es sich ereignen würde. Darum war sie wohl geblieben.  Es gibt immer Gründe, warum etwas ist. Auch das Bleiben hat seine Gründe. Das Gehen und das Bleiben.

Der Wind hatte die Bäume geschüttelt, die sich aufbäumten, ein wildes Aufbäumen. Als ob sie sich am fliehenden Himmel festkrallen wollten. Demütig  die Sträucher, die sich zu Boden bogen. Kein Trillern der Vögel durchbrach das Zurren und Knurren, nur ein tiefes Brausen, ein lautes Singen. Am Himmel flitzen als Wolken getarnte Segelschiffe, jagten über einen Himmel, der so grellblau war, als ob die Erde von riesigen Leuchtbuchstaben zusammengehalten worden wäre.

Dann setzte der Regen ein. Die Bäume hatten bei ihrem Kampf viele Blätter verloren, blattlos und widerspenstig stand das Dickicht an den Strassenrändern und tropfte und strotzte voll Widerstand.

Inzwischen hatte sie aufgehört zu zählen. Tage waren es schon zu viele. Wie oft war sie aufgewacht, eingeschlafen in diesem fremden Land, das sie nicht gerufen hatte, das sie sich selbst ausgesucht hatte. Das sie langsam ein wenig kennen gelernt hatte und in dem sie sich immer sicherer bewegte. Es gab Menschen aus ihrem Heimatland, mit denen sie sprechen konnte. Bei denen sie wohnte.

Die Sprache des Neuen verstand sie noch immer nicht, sie hatte bereits drei Sprachkurse gemacht, natürlich wollte sie die Sprache des Landes sprechen, aber es waren Halbkurse, denn oft war sie zu müde gewesen, oft hatte sie zu lange arbeiten müssen. Immer wieder begann sie mit dem Grundkurs, um die Wörter endlich, endlich im Klang der Einheimischen sprechen zu können.

„Du nix…Du wollen…Du müssen.“ So durfte sie nicht sprechen. Das kennzeichnete sie als Fremde. Ihre kamelbraune Haut leuchtete bronzen und so wie sie die Menschen hier von jenen ihres Landes unterscheiden konnte, so sicher wurde auch sie als Fremde erkannt und angesprochen. Man sprach sie anders an als sich die Menschen untereinander ansprachen. Sie bemühte sich trotzdem, in ganzen Sätzen zu denken. In ganzen Sätzen zu sprechen. Man blieb abwartend. Eine Zurückhaltung, die ihre Großmutter als Zurückweisung bezeichnet hätte, war in den Gesichtern der Menschen zu lesen.

Eines Nachts hatte der Schnee alles zugedeckt und sie wusste, es war nun fast ein Jahr, das sie hier lebte und arbeitete und arbeitete und alles verlief und lief und verlief. Und die Traurigkeit war verlaufen und die Sehnsucht war verlaufen. Sie arbeitete und arbeitete. Der Arbeitsplatz war ihr Brunnen, der Brunnen, der das Wasser gab in Form von Geld. Von dem sie einen Grossteil an die Eltern schickte. Und sie arbeitete und telefonierte und sprach bei ihren Telefongesprächen von einem Besuch, einem baldigen Besuch, von dem sie wusste, dass es ein ferner Besuch war, ein Besuch, der irgendwann in der Ferne lag.

Im vierten Sprachkurs, der immer noch der Grundkurs war, wurde sie von der Lehrerin angesprochen, die sie näher kennen lernen wollte, mehr wissen wollte über ihre Herkunft, über die Eltern, „Sie sind ja noch so jung“ und „Fühlen Sie sich nicht einsam“ und „Heute sehen Sie aber sehr müde aus“ und der sie erzählte von den vielen Stunden Arbeit und ihrer Müdigkeit, die alle Tränen weggemacht hatte und dem Willen, später zu Hause in der Nähe der Eltern eine kleine Wohnung zu besitzen, in der Stadt natürlich oder ein kleines Geschäft. Und ihre Augen wurden gross beim Erzählen von den Träumen und von den Plänen und wurden nach dem Kurs, dann bei der Arbeit, zwischen den Speiseresten, dem süß-sauren Hühnchen und der Peking-Ente wieder matt und klein und waren spätnachts beziehungsweise früh morgens, wenn alles wieder aufgeräumt, das Geschirr gewaschen und die Tische für den nächsten Tag frisch gedeckt waren, wenn sie endlich heimgehen konnte, tot.

Erst an ihrer nächsten Arbeitsstelle, die ihr die Sprachlehrerin vermittelt hatte, war ihre Lust am Leben wieder erwacht.

Nicht nur, dass sie als Verpackerin viel mehr verdiente als je zuvor. Ihre eigenen Landsmänner hatten sie als billige Arbeitskraft missbraucht, hatten sie um das Trinkgeld betrogen. Um viele Stunden, die sie gearbeitet hatte, die sie mehr gearbeitet hatte, weil so viele Gäste im Lokal gewesen waren, weil diese weit über die Sperrstunde hinaus an den Tischen gesessen waren und Pflaumenwein und Reiswein getrunken hatten, um all diese Mehrstunden hatte man sie betrogen. Niemand, der davon gesprochen hätte. Die Chefin sprach genauso nicht davon wie ihr Chef nicht darüber sprach. Weder, dass sie einmal hätte früher nach Hause gehen dürfen, noch, dass ihr mehr Lohn ausbezahlt worden wäre. Es war so, dass die Chefin auch das Trinkgeld für sich einbehielt.

Und sie selbst hatte niemanden, den sie fragen konnte, wie dies eigentlich sei. Und warum sie immer so müde sei und ob die anderen ebenfalls diese Müdigkeit spürten.

Wenn sie im Nachhinein darüber nachdachte, hatte sie schon deshalb nicht gefragt, weil sie diese Frage gar nicht gedacht hatte. Weil sie gar nicht über ihren Lohn oder ihre Arbeit nachgedacht hatte, sondern lediglich immer daran, schlafen zu wollen.

Nicht nur, dass sie also an dieser neuen Arbeitsstelle viel mehr verdiente, sondern die vielen Stoffe und Farben waren eine Augenweide, weiteten ihre Augen, sie spürte die Weichheit, hörte die Geräusche, wenn sie über die Wolle strich, über Tüll, über Seide. Hörte beim Streicheln der Stoffe den mongolischen Atem des Windes, sie packte BHs in kleine Nylonsäckchen, etikettierte und ordnete sie, Slips, Shirts, Pullover, Röcke, Hosen, Kleider. Strümpfe, Handschuhe, Socken, Mützen. Es waren bunte Farben, Tupfen, Streifen, gelocht, bedruckt, gewebt und bei manchen Stoffen erinnerte sie sich an die bunten Stoffe in Großmutters Jurte, erinnerte sich an die Großmutter, die sicher in der Jurte sass und eines der bunten Kopftücher bestickte.

Großmutter wollte es sich nicht nehmen lassen. Dort war sie gross geworden und hier wolle sie auch sterben, sagte sie und niemand, auch nicht die besten Überredungskünste ihrer Tochter, hatte sie überzeugen können, dass ein Leben in einem Steinhaus, in der Nähe der Stadt um so vieles komfortabler wäre, so viel sicherer, bei Krankheit viel schneller der Arzt oder medizinische Hilfe geholt werden könnte.

„Jeder muss sterben,“ sagte Großmutter. „Ich möchte das Stampfen des Pferdes hören und nicht das Stampfen der Maschinen, ich möchte vom Blöken der Schafe geweckt werden und vom Atem der Kamele. Und abends möchte ich da drüben die Sonne im Gold der Hügel versinken sehen und nicht von den dunklen Dämonen der Hochhäuser erdrückt werden.“

Es war Frühling geworden, die Kirschblüten leuchteten wie Brautkleider an den Bäumen. Die Kirschen reiften und später die Äpfel, die Birnen, wilde Gewitter zogen übers Land, Blitze und Regen peitschten über den Himmel. Dann wurden auf manchen Feldern Kartoffelfeuer gemacht, es kamen wieder die Herbststürme mit gewaltigen Wolkenbergen und Schnee, Schnee. Schnee. Die Menschen arbeiteten in den Städten und fuhren in ihrer Freizeit aufs Land. Und umgekehrt.

So kamen die Jahre und gingen, kamen neue und gingen und Uyaanga packte die BHs und die Slips, T-Shirts und Shorts, Röcke, Kleider und Hosen in Nylonsäckchen, etikettierte und ordnete sie, je nach Bestellscheinen in kleinere und grössere Päckchen, je nachdem, wieviele Artikel der jeweilige Besteller in Auftrag gegeben hatte. Abends streunte sie durch das Lager, betrachtete und prüfte die eingelangte Ware. Strich mit der Hand über ein Material, das sie besonders anziehend und unwiderstehlich fand. Und immer wieder kam es vor, dass sie für sich selbst ein Kleidungsstück kaufte. Dann kam es vor, dass sie am nächsten Tag gerade jenen BH trug, den eine Kundschaft auf ihrer Bestelliste hatte. Sie stellte sich die Frau vor, die bald den gleichen BH wie sie tragen würde, dachte über ihre Haarfarbe nach oder ihre Augenfarbe, an die Hautfarbe oder ob sie schlank oder dick, jung oder alt sei, ob es ein kleiner Busen sei, der mit diesem BH ins Licht gehoben wurde, zum Anblicken ins Licht gerückt oder ein überquellender, der in viel grössere Körbchen gesteckt gehörte.

Anhand der Namen konnte sie unterscheiden, ob eine Frau oder ein Mann der Adressat des Paketes war. Sie bemerkte, dass es meist Frauen waren, die als Empfängerinnen der bestellten Kleidungsstücke aufschienen.

Immer wieder kam es vor, dass ein bestellter Artikel nicht im Lager war und auch nicht mehr geliefert wurde, in der nächsten Zweigstelle nicht mehr erhältlich. Sie stellte sich die enttäuschten Gesichter vor. Die Enttäuschung, wenn dieses T-Shirt oder jener Pulli nicht im Paket war, die Schuhe fehlten, die in derselben Farbe zu einem Kleid bestellt worden waren oder die passende Handtasche nicht mitgeliefert wurde.

Eines Tages beschloss die Verpackerin Uyaanga, den BestellerInnen Ersatzstücke zu liefern. Anhand der Bestellung wusste sie bereits, ob es sich um eine zierliche oder kräftigere Frau handelte, die dieses Kleidungsstück tragen würde. War ein Pullover nicht lieferbar, suchte sie im kompletten Angebotssortiment nach dem am ähnlichsten Stück oder aber, und dazu ging sie später mehr und mehr über, sie wählte ein konträres Stück, das sie der Kundschaft lieferte. Manch einer Kundin legte sie ein enges T-Shirt bei, obwohl diese eine locker-weite Bluse bestellt hatte, für manche Frau, die ein langes Kleid bestellt hatte, wählte die Verpackerin ein kurzes in derselben Grösse aus.

Die Pakete kamen zurück. „Fehllieferung“ stand da oder „Falsche Ware“ . Auf den Rücksendeformularen war die Rubrik „Entspricht nicht dem bestellten Artikel“ angekreuzt. In manchen Paketen lagen Briefe, Verärgerungen, gar Beschuldigungen. Die MitarbeiterInnen der Versandabteilung sollten besser arbeiten, seien faul, sollten sich bei der Arbeit konzentrieren. Uyaanga bezog die Anschuldigungen auf sich. Natürlich bezog sie alles auf sich. Sie war es auch, die die Pakete versendet hatte. Sie solle sich in ihrer Abteilung zusammenreissen, diese Unkonzentriertheit sei eine Frechheit und allerlei Erbosungen und Beschimpfungen musste sie über sich ergehen lassen. Wohin hätte sie mit dem Schreiben auch gehen sollen? Sie hatte doch selbst die Ersatzlieferungen durchgeführt, über die sich die Kundinnen nun so sehr aufregten, hatte die Sendung vorgenommen ohne Aufforderung durch die Kundschaft und ohne Aufforderung durch den Chef.

Was du mit der einen Hand nicht geben kannst, gib mit der anderen, dachte sie. Sie hatte Enttäuschungen vermeiden wollen. Es war falsch herausgekommen. Niemand fühlte sich getröstet durch den Ersatz, niemand wolle etwas anderes als genau jenes, das auf den Bestellscheinen notiert war. Lange sass sie abends über den Briefen. Es waren zurückweisende Briefe. Wenn der Schnee die Blumen verdeckt, male die Sonne.

In Gedanken sprach sie mit den Menschen, die ihr diese Briefe geschrieben hatten. Sie begann, ihre Gedanken aufzuschreiben. Erklärungen. In ganzen Sätzen. In langen Sätzen.

„Liebe Kundin Martina Wanko,“ schrieb sie. „Sie haben einen Pullover bestellt. Grösse 40, karminfarben, aus leichter Baumwolle. Dieser Pullover ist nicht mehr lieferbar. Und ein Kleid derselben Grösse, sonnenblumengelb, ein Baumwoll-Leinen-Gemisch mit Knittereffekt. Da unsere Firma den Pullover nicht mehr liefern kann, habe ich für Sie ein anderes Stück aus unserem Angebot ausgesucht.“

Die Briefe zeigte sie vor dem Absenden ihrer Lehrerin. Die war zufrieden, machte hin und wieder eine Anmerkung, verbesserte den Satz oder die Wortstellung. „Das werden wunderbare Geschichten,“ sagte sie und gab ihr die verbesserten Briefe zurück. Aber es waren keine Geschichten, die sie schreiben wollte. Es waren Gespräche mit ihren Kundinnen. Erklärungen warum und wieso.

„Aus dem großen Angebot, das unsere Firma anzubieten hat, habe ich daher diese rote Jacke für Sie gewählt. Eine zarte Seidenjacke, die knistert wie ein Windhauch im Steppengras, das Morgenrot der Jacke wird sich über das Sonnenblumenkleid legen und Sie mit einer leichten Sehnsucht nach der Ferne erfüllen.“

„Liebe Kundin,“ schrieb sie ein anderes Mal. „Das Kleid in der gewünschten dunkelblauen Farbe ist nicht mehr lieferbar. Als Ersatz biete ich Ihnen ein Kleid in der Farbe des mongolischen Himmels an. Es ist der Abendhimmel, kurz vor dem Sonnenuntergang. Der Himmel meiner Heimat färbt sich abends weit drüben am Horizont in jene Farben, die dieses Kleid besitzt. Ich wünsche Ihnen damit viel Freude, Wärme und die unbegrenzte Freiheit.“

„Diese Unterwäsche ist zwar nicht die von Ihnen bestellte,“ schrieb sie in einem weiteren Begleitbrief, „Sie werden jedoch die Hitze des Feuers spüren und verbreiten. Die Abschlüsse des Slips sind so gearbeitet, als ob Sie Ihr Liebster umfasst und das Oberteil bietet genau jene Offenheit, damit Ihr Busen seinen zarten Duft verströmen kann. Ihre Verpackerin.“

Statt Rücksendepaketen mit der Aufschrift „Fehllieferung“, „Falsche Ware“ oder Rücksendeformularen mit „Entspricht nicht dem bestellten Artikel“ erhielt Uyaanga nun hand- und computergeschriebene Briefe, adressiert an ihre Firma. Mit dem Zusatz „An die Verpackerin“. Das Büro leitete die Briefe ungeöffnet weiter.

Dankesbriefe, Sehnsuchtsbriefe, Hoffnungsbriefe waren es. Die Menschen bedankten sich für das Schreiben und schrieben wundersame Sätze. Sie erzählten davon, dass das Kleidungsstück, das sie nicht bestellt hatten, ihr Lieblingskleidungsstück geworden sei. Kleine Episoden, die sie mit dem Kleidungsstück schon erlebt hatten, schickten Gedanken und Gedichte über das Beengtsein und die Weite. Über den großen Himmel, der tief ins Innerste reicht. Eines Tages erhielt sie eine Bestellung mit dem Satz: „Senden Sie mir ein Kleid nach Ihrer Wahl. Grösse 38.“ Dies war unüblich. Die Verpackerin setzte sich vor den Brief, betrachtete den Satz. Betrachtete die Unterschrift und liess das Bild der Kundin in sich auferstehen. Machte sich eine Vorstellung von einer Frau mit kurzem Haar und schmalem Gesicht. Oder sie stellte sich eine breithüftige Frau vor, mit dunklen Locken. Immer öfter erhielt die Verpackerin Bestellungen mit diesem Satz.

Das Unübliche wurde immer üblicher.

Peter Bosch

Zeitgenössische österreichische Literatur

50 Geschichten vom Vertraut werden

Die Vögel zogen nach Norden. Sie hatten die Richtung verloren – oder vergessen. In diesem Jahr war alles anders. Ich war im Zeichen der Jungfrau geboren, am ersten Tag, sie im Zeichen der Waage, auch am ersten Tag. Im Jahr trennte uns genau ein Monat, im Leben vierzehn Jahre und sonst alles nur Erdenkliche. Wir lebten an den Grenzen, von Löwe zu Jungfrau, von Jungfrau zu Waage. Das zog uns an und trennte uns.
Es gibt tausend Geschichten davon, wie wir uns kennen lernten. Und jede davon ist wahr. Ich schwöre. Diese hier ist die erste und älteste:

Es war am Anbeginn aller Tage. Wir waren einfach da. Nur wir beide. Sonst niemand. Sonst nichts. Es gab gerade den Himmel, der hatte bereits seine Farbe, und es gab die Sonne. Aber die Erde unter uns war noch nicht. Sie war dunkel, nicht zu sehen, nicht zu begreifen.
Wir waren Mann und Frau. Keiner aus dem anderen gemacht, keiner eher da, beide gleich und gleich vollkommen. Wir wussten umeinander und es war gut so. Wir sprachen nicht, wir lachten nicht, wir berührten uns nicht. Da war nur ein großes Staunen, dass es uns gab, dass wir waren und lebten. Wir sahen in die Sonne und sie blendete uns.
Damals war Sommer und jemand nahm uns an der Hand. Wir waren zu dritt und hatten keine Namen. Ein kleines Mädchen, das uns vorwärts zog und die ersten Schritte machen ließ. Und jeder Schritt ließ die Welt rings um uns entstehen. Gras wuchs unter unseren Füßen. Bäume und Sträucher zu beiden Seiten, das Krabbeln der ersten Käfer, wir zogen einen Keil von Leben und Blühen hinter uns her.
Das kleine Mädchen lachte und wir lächelten uns an. War sie vor uns gekommen oder nach uns oder mit uns? Das fragten wir uns nicht, denn alles fühlte sich gut an und richtig, Fragen waren für spätere Zeiten bestimmt.
Am Abend blieben wir an einem See stehen, der gerade entstanden war, Libellen schwirrten im Schilf, ein Fisch probierte die ersten Flossenschläge und Frösche paarten sich am Ufer. Da nahm das kleine Mädchen unsere Hände, die es immer noch hielt und legte sie ineinander. Mann und Frau. Eltern. So einfach hat alles begonnen. So klar und fraglos. Der erste Tag der ersten Nacht, in der wir uns zum ersten Mal liebten.

Wir stehen auf der Brücke über den Donaukanal und füttern die Möwen. Die U-Bahnzüge lassen wir vorbei fahren, wir haben Zeit und wollen noch nicht nach Hause. Wenn ich über das Brückengeländer schaue, zieht das Wasser unter uns vorbei. Ich aber glaube – ähnlich wie bei anfahrenden Zügen, die man aus stehenden Waggons heraus beobachtet –, dass das Wasser ruhig ist und wir mit der Brücke flussabwärts fahren. Die Möwen kreischen und aus irgendeinem Grund bin ich glücklich. Ich öffne den Mund und möchte auch gefüttert werden.

Es war noch immer in den alten ersten Zeiten. Sie hielt einen Apfel in der Hand. Ich hatte noch nie einen gegessen, auch nicht gerochen oder geschmeckt. Es waren die Zeiten der ersten Male. Damals als es noch keine Wundmale gab. Nur Erkenntnisse.
Wir saßen unter dem Baum, einer Linde, lehnten an seinem Stamm. Das kleine Mädchen spielte zu unseren Füßen. Dann drehte es sich um, sah den Apfel, kam her, nahm ihn in beide Hände und biss hinein. Kleine spitze Schreie vor Vergnügen und Wohlsein. Der erste Apfel schmeckte noch wie die ganze Welt, roch nach Erde und Sonne, nach Süße und Regen, nach Haut und Lippen.
Das kleine Mädchen hatte ihn fast bis zur Hälfte gegessen, die Zähne hatten sich schon bis zu den Kernen vorgearbeitet, da sah es unsere Begierde und unser Wollen. Es überlegte kurz, dann hielt es uns den Apfel hin und wir bissen hinein, gleichzeitig, alle drei. Danach war nur mehr das Kerngehäuse übrig und der Stängel. Das gruben wir ein und warteten dass der erste Baum wachsen würde, dass er zu blühen begänne und die ersten Früchte tragen würde. Wir hatten Zeit, trugen seinen Geschmack in uns, warteten geduldig, vergaßen ihn nicht.
Und wir alleine wussten, was zuerst da war: der Apfel oder der Baum.

Ich sehe sie singen – ich höre sie auch, sicher, aber vor allem sehe ich sie. Sie singt vielleicht nicht am lautesten, aber am bewegtesten. Mitten im Chor ragt sie heraus. Den Kopf in den Himmel, die Nase frech Gott herausfordernd. Als einzige schaut sie nicht geradeaus sondern ins Gewölbe der Kuppel. Wenn es einen Gott gibt, so soll er sie sehen. Und sich daran erfreuen, dass das Werk gelungen ist. Draußen beginnt es zu regnen und ich habe nicht vor, zu rasch heimzugehen. Es wird eine Agape geben, in Kreuzgewölben, alte, polierte Kästen vor weißgetünchten Wänden, es wird nach Christentum riechen und vergebenen Sünden, ich werde mir ein Glas Rotwein einschenken, ein Stück Brot essen, werde mit den Menschen rund um mich nicht reden und auf dich warten. Auf deine Stimme, die ich wie Nachgehörtes noch in meinen Ohren trage.

Wir standen vor Jericho. Sie hinter mir, hatte mir ihre Hände über Hals und Schultern und ihren Atem in meinen Nacken gelegt. Sie flüsterte:  „Warte!“ Irgendein Gott – den anderen sei Dank: nicht der unsere – wollte die Stadt in Schutt und Asche sehen. Die erste in einer Reihe von vielen, die noch folgen sollten. Hinter uns standen die Soldaten, die Krieger und die sieben Bläser mit ihren Schofaren. Sie hoben die Instrumente, setzten sie an die Lippen und dein Finger strich mir über die Falte zwischen Ohrmuschel und Schläfe. Mir war nach allem andern denn nach Krieg. Ich drehte mich zu dir um:  „Komm, sing für mich und für die da.“ Ich deutete auf die Stadt, auf die Mauern, auf die Stimmen, die man dahinter hörte, leise, dumpf und voller Tod. Sie drängte eines ihrer Beine zwischen meine Schenkel, legte eine ihrer Hände auf meinen Bauch, ihre Brüste drückte sie gegen meinen Rücken und dann begann sie zu singen. Es war ein Lied voller Leben, voller Liebe und Lust. Die Mauern blieben stehen und die Sieben ließen ihre Instrumente sinken und lauschten. Dann öffneten die Bürger die Tore, kamen aus der Stadt und drängten sich in Kreisen rund um uns her. Singend und lachend gingen wir fort, zogen weiter, gefolgt von den Frauen, Männern und Kindern. Ließen die Belagerer verwirrt und alleine zurück. Die standen vor einer leeren Stadt. Ratlos. Tonlos.

Von unserer Trennung ist nichts überliefert. Vielleicht gab es sie nicht, vielleicht dauert sie noch an, vielleicht wurde sie vergessen, die Aufzeichnungen darüber verbrannt, weil keiner sie hören wollte. Oder vielleicht lebt sie in anderen Geschichten weiter, die nicht mehr die unseren sind.

Jana A. Czipin

Lit-Mag #38 – (Not) at home in Vienna

Wiener Wohnen

Ein Hobby, das sich in Wien sehr schön betreiben lässt, ist historisches Wohnen. Auch – oder gerade – wenn man wenig Geld zur Verfügung hat. Ich zog in fünfzehn Jahren durch fünf verschiedene Wohnungen und damit auch quer durch hundert Jahre Wiener Geschichte und Architektur. Nur eine einzige dieser fünf Wohnungen stammte aus demselben Jahrhundert wie ich. Alle anderen entstanden um die Wende des letzten Jahrhunderts und ihnen gemeinsam waren wenig Komfort und günstige Mieten.

Meinen Anfang machte ich am Bacherplatz im 5. Bezirk, als ich neunzehn war und mir in den Kopf gesetzt hatte, in Wien zu wohnen und zu studieren. All die Jahre im Gymnasium hatte ich lediglich in Hinblick darauf durchgestanden, mit meiner Volljährigkeit die Kleinstadt Krems verlassen zu können und hinaus in die weite Welt zu ziehen. Wenn man in Österreich auf dem Lande aufgewachsen ist, dann bedeutet dies Ende der 80er Jahre erstmal Groß- und Weltstadt Wien.

Die Wohnung gehörte einem alten Witwer, der zu seiner Freundin gezogen war, die eine bessere Wohnung im 2. Bezirk besaß. Finanziell unbesorgt, war er froh, in mir junger Studienanfängerin eine mietezahlende Aufpasserin für seine Wohnung gefunden zu haben. Ich wiederum war glücklich, in einem günstigen Unterschlupf gelandet zu sein, um nicht wie meine ehemaligen Schulkolleginnen zwischen Krems und Wien hin- und herpendeln zu müssen. Die Wohnung hatte gut und gerne 120m2, Parkettböden und eine Einrichtung, die jedem Antiquitätenhändler Freudentränen in die Augen getrieben hätte.

Im Wohnzimmer hatte das Biedermeier exemplarisch überlebt, aber für mich waren geschwungene Füßchen an Kästen und Vitrinen, Einlegearbeiten am Esstisch und den dazupassenden Stühlen aus Teakholz Verschwendung und Kitsch. Obwohl der Raum große Fenster hatte und so verspielt eingerichtet war, wirkte er farblos und leer. Die grauen, seit Jahren ungewaschenen Vorhänge und die ausgebleichten Überzüge zeigten deutlich, wie lange schon das Leben aus diesem Raum gewichen war. Dem verstaubten Kristallluster waren im Laufe des Jahrhunderts Teile seiner Pracht abhandengekommen und er gab nur müdes gelbes Licht von sich.

Manchmal stand ich an einem der Fenster und sah melancholisch hinunter auf den Park des Bacherplatzes. Drei Generationen hatten dort schon Schatten und Rast gefunden. Die ersten Bäume waren in den Jahren 1877 gepflanzt worden und es schien, als hätten einige davon bis in unsere Zeit überlebt. Als der Park 1884 vollendet wurde, gab es dort schon einen Kinderspielplatz und dieser existiert noch heute. Durch die Wien-Fluss-Regulierung am Ende des 19. Jahrhunderts und den Bau der Stadtbahn war das Wiental aufgewertet worden. An der Wienzeile entstanden großbürgerliche Mietshäuser und der ehemalige Arbeiterbezirk verwandelte sich in einen dicht verbauten Großstadtbezirk. Mein Wohnhaus stammte aus der Zeit vor der Jahrhundertwende und hatte die Schicksalsschläge der Geschichte mittels finanzkräftiger Eigentümer relativ unbeschadet überstanden. Der alte Herr hatte fast sein ganzes Leben in dieser Wohnung gelebt, und ich fragte mich oft, was diese alten Zimmer wohl für Geschichten erzählen könnten. Was war das Elend und die Freude der Dienstboten gewesen? Wie hatten Krieg, Depression und wieder Krieg die herrschaftliche Familie in Mitleidenschaft gezogen? Aber ich wagte nie, meinen Hausherrn danach zu fragen.

Da ich das Wohnzimmer nicht heizen konnte, war dort ein gemütliches Studieren im Lesesessel nicht möglich. Ich verbrachte die meiste Zeit in der Küche, die sich selbst im bitterkalten Winter schnell erwärmen ließ. Der schmale Raum wurde mein Lebens- und Studiermittelpunkt. Er erinnerte mich tagtäglich mit seiner Unbequemlichkeit an die Enge, in der die Dienstboten hatten leben müssen, während drüben in den herrschaftlichen Zimmern Platz genug zum Rollerskaten war. Immerhin war die Küche mit einem Gasherd und einem Kühlschrank modernisiert worden. Der alte Herr hatte im Laufe seines Lebens eine Liebe zum Rustikalen entwickelt und so sah die zur Küche gehörende kleine Essstube aus, als wäre sie aus einer Jagdhütte gerissen und hier hineingezwängt worden. Der Tischler dieser Scheußlichkeit hatte kein Talent für Proportionen besessen, sodass Tischhöhe und Bankhöhe mich zu verkrümmten Arbeiten zwangen und in kürzester Zeit Kreuzschmerzen verursachten. Tapfer und enthusiastisch versuchte ich die Wohnung zu mögen, aber nicht einmal mein jugendlicher Schwung konnte mich zu einer derartigen Selbsttäuschung bringen.

Zum Schlafen stand mir das ehemalige Dienstmädchenzimmer zur Verfügung. Das herrschaftliche Schlafzimmer neben dem Wohnzimmer durfte ich nicht benutzen. Nur ein einziges Mal sah ich mir das thronartige Bett und den wuchtigen Eichenschrank an und wusste, da hätte ich sowieso nur mit Albträumen geschlafen. Mein Schlafgemach war ein lieblos eingerichtetes, schlauchartiges Zimmer mit einem Wandverbau aus den hässlichen 50iger Jahren an dem einen Ende und einem schmalen Bett am anderen. Wenn ich abends da lag und über mein, ach so aufregendes, Studentenleben nachdachte, so stellte sich regelmäßig der Gedanke an die endlose Reihe von Dienstmädchen ein, die vor mir in diesem Bett gelegen haben mochten. In manchen Momenten, wenn ich ganz ehrlich zu mir selbst war, dann fühlte ich mich wie eines dieser Mädchen. Fern von der Familie, geduldet, aber eigentlich unerwünscht, brauchbar, aber eigentlich nicht nützlich, abgeschoben und einsam. Der Regen klopfte oft auf das Blech unter dem Fenster und ich träumte von der weiten Welt, in der die Sonne schien und Menschen lachten.

Als mir mein damaliger Freund eröffnete, er wolle ebenfalls in Wien leben und wir könnten gemeinsam eine Wohnung nehmen, hätte ich vor Dankbarkeit am liebsten geweint. Er fand eine schöne Altbauwohnung in der Schweglerstraße im 15. Bezirk, gleich neben der Schmelz, und mit Freuden zog ich um und bei ihm ein.

Die Schmelz, heute eine Kleingartensiedlungsoase inmitten der Stadt, war bis 1918 ein Parade- und Exerzierplatz der k.u.k. Armee gewesen. Bekannt wurde vor allem die alljährlich auf der Schmelz stattfindende Frühjahrsparade für Kaiser Franz Joseph. Im Jahre 1911 wurden die südlichen und östlichen Teile der Schmelz zur Verbauung freigegeben und aus dieser Zeit dürfte das Wohnhaus stammen, in dem unsere Wohnung lag. Sie war eine ehemalige Offizierswohnung, die in einem Zimmer ein Erkerfenster besaß, und im anderen einen großen, zum baumbewachsenen Hinterhof hinblickenden Balkon. Die hohen Flügeltüren zu den Zimmern hatte man mit geschmacklosem dunkelbraunen Lack angemalt. Das wurde jedoch durch den wunderschönen gemusterten Parkettboden wieder wettgemacht. Besonders glücklich war ich über die altertümliche Sitzbadewanne und über die großzügige Küche, in der vor allem mein Freund schaltete und waltete.

Die Einzimmerwohnung nebenan war für den Bediensteten des Offiziers gedacht gewesen und wurde Pfaffendeckelwohnung genannt. Es war leicht sich vorzustellen, wie der Herr k.u.k Offizier hier dinierte, schwadronierte und sich amüsierte und wie der beflissene Diener hin und her flitzte. Der gesamte ebenerdige Eingangsbereich des Hauses war früher eine Einkaufspassage mit kleinen Läden gewesen und man konnte immer noch von der Schweglerstraße zur Costagasse durchgehen. Wenn ich kiloweise Einkäufe vom Supermarkt heimschleppte, bedauerte ich oftmals die moderne Wirtschaftsentwicklung, die all diese kleinen Händler vertrieben hatte. Nur die beiden Straßenlokale, ein Kohlenhändler und eine kleine Schnapsbude, wurden noch benutzt. Da unsere Wohnung einen Ölofen besaß, hatten wir für den Kohlenhändler keine Verwendung. Auch für den Schnapshändler nicht, da wir Wein aus der Kremsergegend bevorzugten und sowieso nicht in das Milieu von müden Arbeitern und frustrierten Arbeitslosen gepasst hätten. Die Wohnung war ein Schmuckstück, nur leider hielt die Beziehung meinem Freiheitsdrang nicht stand. Mein Freund stand im Mietvertrag und hatte die Kaution bezahlt, also war es an mir zu gehen. Ich zog weg, bevor die U-Bahn in den 15. Bezirk fertig gestellt war und verbinde bis heute nostalgische Erinnerungen mit dem 49er, der alten Straßenbahn, die mich durch die Stadt Richtung Universität getragen hatte.

Unglückliche Beziehungsenden erfordern schnelles Handeln, und so nahm ich die nächstbeste Wohnung, die sich anbot. Ich übersiedelte in den 18. Bezirk in die Schopenhauerstraße. Das Plus dieser Wohnung war, dass sie gleich neben dem Café Schopenhauer lag. Das Schopenhauer ist ein traditionelles Vorstadtkaffeehaus mit Billardtischen, Schachspielern und einem herzhaften Frühstück, das bis zwölf Uhr serviert wird. Dies ist für eine spät zu Bett gehende Studentin überlebenswichtig. Ich lernte allerdings auch kennen, was es heißt, in Gürtelnähe zu wohnen. Die Straßen des Wiener Gürtels ziehen sich wie ein Ring um die inneren Bezirke und werden vom Rotlichtmilieu als Arbeitsplatz benutzt. Abends zu Fuß nach Hause zu gehen, erzeugte ein mulmiges Gefühl. Obwohl ich nicht die entsprechende Kleidung trug, hatte ich immer Angst, für eine Prostituierte gehalten und von Freiern angesprochen zu werden. Trotz der ausreichenden Straßenbeleuchtung schien in jedem zweiten Hauseingang eine dunkle Gestalt zu lauern. Ich wurde niemals belästigt, trotzdem fühlte ich mich nie ganz wohl in dieser Umgebung.

Die Lärmbelästigung des viel befahrenen Gürtels hielt sich in Grenzen, da meine ebenerdige Wohnung zum Innenhof hin lag. Es war eine richtige Bruchbude, billig und herabgekommen. Ihre Größe nannte man eineinhalb Zimmer, jedoch konnte ich das halbe Zimmer nicht benutzen, weil die Wände zum Großteil mit Feuchtschimmel überzogen waren. Das Haus stammte aus dem 18. Jahrhundert, hatte keinen Keller – was den Schimmel erklärte – und befand sich im Stadium der Auflösung. So feierten wir wilde Partys, die am Zustand der Wohnung nichts verschlimmern konnten und nur die Nachbarn verärgerten. Meinen Freund vermisste ich überhaupt nicht, aber die kleine Badewanne schon. In dieser Wohnung gab es nur ein altertümliches Klo und in der Küche eine wacklige Dusche.

Nach wenigen Monaten schlug sich der Schimmel auf meine Lungen, aber die Wiener Stadtverwaltung befand dies als nicht besorgniserregend genug, um mir eine Gemeindewohnung zuzugestehen. Ich beschloss, meinem verwahrlosten Dasein ein Ende zu bereiten und suchte mir Arbeit. Aufgrund der Vermögensverhältnisse meiner Eltern wurde mir kein Stipendium gewährt und ich war zu stolz, sie um mehr Geld zu bitten. Meine Unabhängigkeit war mir soviel wert, dass ich eine Halbtagsstelle als Sekretärin an der Universität Wien annahm. Ich konnte immer noch relativ bequem studieren und mir eine ordentliche Wohnung leisten.

Die Wohnung in der Marinelligasse im 2. Bezirk war die jüngste, die ich in Wien je bewohnt habe. Das Haus lag an der Ecke zur Nordbahnstraße und ich mochte die bequeme Verkehrsanbindung des in der Nähe gelegenen Pratersterns, auch wenn der Bahnhof keinerlei Atmosphäre versprühte und von der glanzvollen Vergangenheit nichts mehr übrig war. In der Zeit der k.u.k. Monarchie war der Nordbahnhof einer der bedeutendsten Bahnhöfe in Europa gewesen. Als einer der Hauptbahnhöfe Wiens mit den wichtigen Verbindungen nach Brünn, Kattowitz, Krakau und Lemberg war er auch für viele Einwanderer das erste, was sie von Wien sahen. Im Ersten Weltkrieg wurden hier Truppentransporte an die russische Front abgefertigt und Verwundetentransporte übernommen. Im März 1938 flüchteten viele Verfolgte vor den Nationalsozialisten mit der Nordbahn in die Tschechoslowakei. In der Endphase des Zweiten Weltkriegs wurden der Bahnhof und seine Umgebung durch Bombentreffer und durch Artillerie schwer beschädigt. Mit dem folgenden Kalten Krieg schlossen sich die Grenzen zu den nördlichen und östlichen Nachbarstaaten und die Nordbahnstrecke verlor ihre überregionale Bedeutung. Das kulturhistorisch wertvolle Bahnhofsgebäude wurde dem Verfall preisgegeben und bekam die Ehre, zu seinem hundertsten Geburtstag 1965 gesprengt zu werden. Die architektonische Missgeburt von Bahnhof, die danach errichtet wurde, erregt noch heute manchmal die Gemüter.

Mein Haus war ein klassischer Nachkriegsbau aus dem Jahre 1953, rasch und billig hochgezogen, um Wohnraum für die Eisenbahner zu schaffen. Entsprechend dünn waren die Wände und man bekam einen ziemlich guten Eindruck vom Leben der Nachbarn. Glücklicherweise lag meine Wohnung im obersten Stock, sodass ich wenigstens kein Getrampel über mir hatte. Dafür hatte das Haus keinen Lift und meine Familie und mein Freundeskreis stöhnten gleichermaßen, wann immer ich einen neuen Einrichtungsgegenstand anschaffte. Eine neue Waschmaschine brachten Vater und Bruder zur Verzweiflung, als sie die alte Maschine fünf Stockwerke hinunterschleppen und die neue wiederum fünf Stockwerke hinauf tragen mussten. Der schwere marokkanische Teppich, der mir jahrlang als Bett diente, bis mein Rücken zu alt wurde, um weiterhin auf dem Boden gebettet zu werden, wurde von einem muskulär kräftigen Freund gebracht. Als ich mir einen Geschirrspüler kaufte – einen kleinen – ließ ich den wohlweislich von der Firma liefern.

Die Wohnung hatte ein Schlafzimmer und einen schlauchartigen Raum, der halb Küche und halb Was-immer-man-daraus-machte war. Ich platzierte ein kleines Sofa gegenüber des Gasofens, um im Winter wenigstens warme Füße zu haben. Die alten Balkontüren hielten den in diesen Höhen blasenden Wind nicht ab. Beide Zimmer besaßen je einen schmalen Balkon, die einen erlaubten, ins Freie zu treten, aber nicht wirklich gestatteten, sich gemütlich niederzulassen. Den Balkon zum Hinterhof hin nutzte ich im Sommer manchmal als Schlafzimmer, eine Person konnte da gerade bequem liegen. Die Aussicht der Wohnung über den Bahnhof und den Norden Wiens war spektakulär, wenn man Züge mochte, und da ich aus einer Eisenbahnerfamilie stamme, hatte ich damit kein Problem. Der Balkon eignete sich auch wunderbar für Silvesternächte, da sich von hier die Feuerwerke der halben Stadt bewundern ließen. Ebenso schön war es, wenn im Sommer beim Donauinselfest das große Schlussfeuerwerk abgefackelt wurde. Ansonst waren die Balkontür verschlossen, um die Lärmbelästigung der Nordbahnstraße in Grenzen zu halten.

Diese Wohnung war die einzige, die ich als so etwas wie ein Zuhause betrachtete und auch die einzige, für die ich je einen richtigen Mietvertrag besaß. Ich blieb fast fünf Jahre dort, während ich Geld verdiente und mich durch das Studium arbeitete. Was ich an dieser Wohnung besonders liebte, war das Licht. Ich hatte fast immer in dunklen oder ebenerdigen Wohnungen gelebt. Als ich die Wohnung vor dem Einzug renovierte, malte ich sie gewohnheitsmäßig weiß aus. Schon im ersten Sommer wurde mir klar, welch falsche Entscheidung ich getroffen hatte. An sonnigen Tagen kurz nach Sonnenaufgang blendeten mich die angestrahlten Wände so sehr, dass ich den Kopfpolster über die Augen ziehen musste. Da ich nebenbei auch in einer Bar arbeitete, war dies gegen sechs Uhr morgens keine schöne Erweckung. So kaufte ich erneut Farbe und malte alles in kräftigem rosa, blau und grün und absurden Formen aus. In diese Zeit fielen auch diverse Drogenexperimente und man konnte mein Schlafzimmer, welches einem verrückte Traumreisen erlaubte, nur als psychodelisch beschreiben.

Doch Träume genügten mir bald nicht mehr. Ich begann auf die große Reise zu gehen. Mein Studium befand sich im Endstadium und mein Halbtagsjob erlaubte mir, im Winter für drei Monate zu verschwinden. Ich machte mich auf nach Südostasien, entdeckte den Dschungel und die Unterwasserwelt des Meeres und wollte nichts als immer zu reisen. Wer brauchte ein Zuhause, wenn die weite Welt lockte? Ich beschloss, die sehr günstige Einzimmerwohnung einer Freundin zu übernehmen, die gerade geheiratet hatte und die Wohnung eigentlich aufgeben wollte. Diese billige Unterkunft erlaubte mir in den folgenden Jahren, jeden Winter zu reisen und trotzdem mit einem Halbtagsjob zu überleben.

Die kleine Wohnung in der Neustiftgasse war die ideale Studentenbude und als diese hatte meine Freundin sie ursprünglich gemietet. Das Haus war an die 120 Jahre alt und hatte ein eindrucksvolles Treppenhaus mit einer halbrunden Stiege und schmiedeeisenen Geländer. Meine Wohnung war wohl ursprünglich wie die Pfaffendeckelwohnung im 15. Bezirk als Dienstbotenwohnung für die große Herrschaftswohnung nebenan gedacht gewesen. Sie bestand nur aus einem Flur, einer Küche, einem Klo und einem großen Wohnraum.

Wieder hatte ich Flügeltüren, diesmal mit Glas, und einen Parkettboden, der allerdings schon recht mitgenommen war. Das Haus besaß noch die ursprünglichen Holzdecken und -böden, sodass jedes Mal, wenn jemand unten die Haustür zuschlug, der Boden sanft in den Vibrationen mitschwang.

Meine Freundin hatte die Wohnung noch mit einem kleinen Holzofen geheizt. Ich modernisierte, indem ich den Ölofen meiner verstorbenen Großmutter aufstellte. Das Beste an dieser Wohnung waren die fast vier Meter hohen Wände. Mein Vater, gelernter Tischler und begabter Holzarbeiter, baute mir ein Hochbett und eine Bücherwand. So wurde die Wohnung gemütlich und effizient. „Das ist das letzte Mal, das ich dir helfe,“ sagte er schnaufend zum Einzug. „Ich werde zu alt für solche Sachen,“ fügte er bitter hinzu.

Als ich dann die Dreißig überschritt, das Studium tatsächlich auch einmal beendete und Jahr für Jahr deprimierende Sommer in Wien verbrachte, dämmerte mir allmählich, dass die Worte meines Vaters wohl auch für mich galten. Jedes Jahr zog ich für drei Monate fort und entdeckte verschiedene Winkel der Welt. Nur einmal verbrachte ich fast einen ganzen Winter in dieser dunklen Wohnung, um für meine Diplomprüfung zu lernen. Einzig und allein die Aussicht auf das Ende des Studiums ließ mich diese Zeit psychisch einigermaßen gesund überstehen. Meine Fenster erblickten nichts als eine dunkelgraue Hauswand und lediglich im Hochsommer verirrten sich ein paar Sonnenstrahlen ins Zimmer. Manchmal lehnte ich mich weit aus dem Fenster, um den Sonnenuntergang über dem Wienerwald beobachten zu können. Die Neustiftgasse ist eine der Hauptverbindungswege zwischen dem inneren Ring und dem Gürtel und wann immer ich von einer Reise zurückkehrte, versuchte ich mir den Tag und Nacht rauschenden Straßenlärm als Meeresrauschen einzureden.

Aber ich liebte diese kleine Wohnung. Ihre zentrale Lage im 7. Bezirk bot dem Herzen außer Rasten im Grünen, alles, was es begehrte. In zehn Minuten war ich mit dem Rad an der Universität und damit an meinem Arbeitsplatz. In zwanzig Minuten konnte ich mittels U-Bahn-Anbindung jeden interessanten Punkt der Stadt erreichen. Zum Einkaufen ging ich in die Mariahilferstrasse und die unzähligen Beiseln und Restaurants in der Umgebung boten ein abwechslungsreiches Nachtleben. Der im 7. Bezirk gelegene Spittelberg war im 19. Jahrhundert das Prostituiertenviertel der Stadt und aufgrund seiner Kriminalität berüchtigt gewesen. Heute ist dieser Stadtteil immer noch ein beliebter Treffpunkt für Nachschwärmer und das Beispiel für eine Luxussanierung der großteils aus dem 17. und 18. Jahrhundert stammenden Häusern. Mein Wohnhaus lag in der Nähe des Gürtels und gehörte zu den vernachlässigten Teilen des Bezirkes. Doch war dieser Bezirk multikulturell wie kein anderer und war auch der erste Bezirk Wiens, der von der Partei der Grünen verwaltet wurde. Ich genoss die Vorzüge eines nebenan gelegenen indischen Supermarktes und hatte mit der Eröffnung der neuen Stadtbibliothek am Urban-Loritz-Platz einen weiteren Grund, es noch einige Jahre in dieser Wohnung auszuhalten.

Doch mit dem Alter kam auch die Bequemlichkeit. Ich besaß eine altersschwache Dusche, die einen Großteil des Flurs verstellte, aber nirgendwo anders Platz hatte, da es nur dort einen Wasseranschluss gab. Die Dusche leckte und trotz mehrmaliger Reparaturversuche verrottete allmählich der Holzboden unter ihr. Es gab eine relativ große Küche, aber dort gab es keine Wasserleitung, sodass sich die Abwasch ebenfalls im Eingangsbereich befand. Jede Kochaktion bestand hauptsächlich im Hin- und Herlaufen zwischen dem Flur und der Küche. Als ich einzog, gab es in der Küche noch den originalen, mit Holz zu befeuernden Küchenofen, der so alt war wie das Haus selbst. Schon lange ohne Funktion, stellte er nur mehr ein riesiges, dunkelblau gekacheltes Dekorationsstück dar. Ich fand tatsächlich jemanden, der den alten Ofen abbaute und in einem alten Bauernhaus wieder aufbaute, wo er sich sicher gut machte. Gasofen, Kühlschrank, Küchenkredenz und Esstisch hatten Platz in der Küche, aber es gab fast kein Tageslicht, da das große Milchglasfenster nur ins Stiegenhaus ging.

Erst als ich Wien verlassen hatte und in das ewig sonnige Ägypten zog, ging mir auf, wie sehr mir Tageslicht in dieser Wohnung und in den meisten anderen meiner Wohnstätten gefehlt hatte. Es war mir immer seltsam vorgekommen, warum ich ohne Schwierigkeiten zwölf bis vierzehn Stunden schlafen konnte und warum ich so antriebslos war. In Ägypten schlafe ich nie mehr als acht Stunden, einfach weil die Sonne lockt und das Leben sich draußen abspielt. Gerade in dieser letzten Wohnung hatte ich mich eingesperrt gefühlt und war, wie Rilkes Panther, ruhelos auf- und abgewandert. Doch dann fand ich die Tür, öffnete sie und ging hinaus in die große Welt, so wie ich mir das immer erträumt hatte.

Meine fünf Wiener Wohnungen bezeichnen das, was mir an Wien immer das Liebste gewesen ist: eine Jahrtausende alte Geschichte, über die man stolpert, wo immer auch man hingeht, und die Hinterlassenschaft dieser Geschichte in Form hervorragender Architektur. In all den Jahren, die ich in Wien wohnte, ging ich staunend und die Augen bewundernd über die Häuserfassaden gleiten lassend durch die Stadt. Wien ist so schön und die Bewohner haben sich trotz mancher architektonischer Missgriffe einen Gutteil ihres Erbes erhalten. Darauf können sie stolz sein.

Jörg Pfeifer

Writers Abroad II

Aus der kalten Tiefe

Sie liebten sich auch heute vor dem Aufstehen, so wie seit Jahren Morgen für Morgen, fast ohne Ausnahme. Da gibt es Aufzeichnungen, minutiös notiert von Emilda in ihrem Wandkalender. Ein Herz neben dem Datum bestätigt dies. Rot für den Morgen, andersfarbig, je nach Laune, die zusätzlichen Liebeleien. Meist geht es schnell, doch heute morgen lassen sie sich Zeit, als müsste ihr Mann, “mein schmackhaftes Mannsbild, mein hartes starkes,” wie sie ihn nennt, nicht zur Arbeit. Vielleicht auch, da Emilda im vierten Monat schwanger ist und dieser Zustand Carlos vorsichtig langsam und auch genussvoller sein lässt.

Wer versteht schon die Männer und deren Eigenheiten, denkt sie und dreht sich, nachdem Carlos abgestiegen war und sich für die Schicht fertig machte, noch ein wenig zur Seite und schlummert entspannt ein, bis die Hitze unterm Eternitdach unerträglich wird und sie mit hämmerndem Kopfschmerz erwachen lässt.

Langsam dreht sie sich aus dem Bett und tastet sich nach draußen, um ihren Kopf in die Waschschüssel zu stecken, ihn versucht abzukühlen im laschen Seifenbad, das Hämmern aufzuweichen. So bleibt sie eine Zeitlang. Mit vor Schmerz zusammengekniffenen Augen schiebt sie immer wieder die Wäsche, welche sie gestern Abend eingeweicht hatte, zur Seite. Dann beginnt sie langsam mit den notwendigsten Haushaltsarbeiten, kehrt den Dreck vor der Tür ins offene Rinnsal, möge Gott ihn weiterleiten, wringt die Wäsche aus und hängt sie über der Eternittraufe zum Trocknen auf. Der Kopfschmerz verdunstet. Zum Essen gibts heute Bohnen mit Reis und Maniokmehl, Aufgewärmtes von gestern.

Carlos wird, wenn er heut Abend von der Schicht kommt, seine Wochenration mitbringen, denkt sie erleichtert immer wieder. Auch wenn er wenig bringt – diese verdammten Blutsauger – er kommt nicht mit leeren Händen. So hängt sie ihren Gedanken nach, während der Tag träge dahinschleicht. Es ist ein sonniger, überaus heißer Tag, bis jetzt ein ruhiger. Keine Schüsse, kein Geschrei, kein Gezänk mit den Nachbarn, kein Besuch der Wahlwerber, der Pseudosozialarbeiterin. Keine Polizei. Nur der Gestank verfaulender Lebensmittelreste und wohl auch einer toten Ratte oder Katze in nächster Nachbarschaft stören sie heute mehr als sonst. Da soll noch einer sagen, man gewöhne sich an alles. Sie hätte heute gerne frische, würzige Luft um sich, stellt sich vor, am Gipfel dieses Berges zu stehen und ins Tal, auf den tiefblau glitzernden See zu schauen, und tief, tief durchzuatmen. Immer, wenn es ihr nicht besonders gut geht, blickt sie länger als zufällig auf diesen Zeitungsausschnitt, den sie sich vor langer Zeit an die Wand gehängt hatte und der sich heute an den Rändern schon leicht vergilbt zeigt, verkriecht sich förmlich darin. Sie hatte dieses Foto vor Jahren am Strand aus einer achtlos liegengelassenen Zeitschrift, die wohl einem Gringo gehört hatte, behutsam herausgelöst.

Blick auf Faaker See, Mittagskogel und Türkenkopf. Kärnten, Österreich.

Ist das vielleicht Amerika, vielleicht Deutschland? Italien? Die Sprache ist ihr fremd, bis heute. Doch das Bild für sich hat etwas an ihr unbekannter Frische, lässt förmlich klare Luft in die Baracke strömen. Es ist nichts Stickiges im Bild, nichts Faules, Modriges, nichts Wucherndes, Salzgeschwängertes. Eine reingewaschene Landschaft mit vergilbten Rändern, so putzig lieblich aufgeräumt und reingewaschen. Vielleicht sogar unwirklich.

So steht sie also am Gipfel des Berges, während es im Hier und Jetzt schon dämmert, und atmet eingebildete Frische, als sie das Geschrei und Gezeter eines Menschenauflaufs vor ihrer Hütte abrupt auf Meereshöhe und zurück in die Baixa Fria, die kalte Tiefe, einer Favela in Boca do Rio, der Flussmündung, Salvador, Bahia, Brasilien bringt. Sie steht auf, zupft sich ihre Haare zurecht, blickt kurz in den Spiegel, fährt sich mit der Zunge über ihre vollen Lippen, die, sie bemerkt es mit Erstaunen, trocken und kühl sind wie die Luft im Bild, und tritt ins Freie.

Als sie so dasteht und in die Menge blickt, wird es immer stiller. Sie spürt, dass etwas Schreckliches passiert sein muss. Da sind auch Antonio und Angelina, seine schwangere Frau. Angelina besuchte vor Jahren mit ihr gemeinsam einen von der Gemeinde angebotenen Nähkurs. Beide träumten damals davon, nach Beendigung des Kurses hübsche Kleider zu nähen, diese zu verkaufen und so vielleicht reich zu werden und die Welt zu bereisen. Kein Reisen allerdings, bevor nicht ein Haus mit vielen Zimmern und vielen Bädern in einem geschlossenen, rund um die Uhr bewachten Kondominium, mit Swimmingpool und Garage für mindestens drei Autos, ihr eigen sei. So wurde es beschlossen. Lachend. Aus der Kleiderkollektion wurde dann aber doch nichts, es fehlte das Geld zur Anschaffung einer Nähmaschine. Und als dann Angelina Antonio den Buschauffeur  kennenlernte, und sie Carlos den Busschaffner, wechselte auch der Traum. Die Liebe kam ins Spiel. Und alles änderte sich.

Emilda wundert sich, warum Antonio hier unter den Leuten ist. Er sollte doch eigentlich unterwegs sein um diese Zeit, seinen Bus steuern. Sie beginnt zu ahnen, dass Carlos der Grund des Auflaufs ist, sie sieht ihn nicht unter den Leuten. Angelina kommt auf sie zu, sanft vorgeschoben von Antonio, sein Haupt gesenkt. Als sich die beiden Frauen gegenüberstehen, bricht Angelina in Tränen aus und umarmt ihre Freundin. “Carlos ist tot, sie haben Carlos erschossen,” schluchzt sie Emilda ins Ohr. “Diese Hurensöhne!”, kommt es laut aus der Menge, “verfluchte Diebe, dreckige Köter, alles nur wegen ein paar lausigen Reais. In der Hölle werden sie braten, diese räudigen Hunde!” Die Stimmen mischen sich, der Sinn geht Emilda verloren, die Welt wird unförmig, die Töne rauschen. Sie hält sich ihren Bauch, nimmt Kontakt mit dem Teil von Carlos auf, das er ihr lebend zurücklässt, will es greifen und nie mehr, nie, nie mehr loslassen. Sie kann nicht weinen. Luft fehlt ihr. Antonio fängt ihren Körper auf, kurz bevor er ins offene Rinnsal geknallt wäre.

Emilda wacht auf und fühlt sich tot. Es stinkt, die Luft ist stickig heiß. Neben dem Bett sitzt Angelina, hält ihr die Hand und schaut sie mitleidsvoll an. Angelinas Augen sind rotgeweint, Antonio an ihrer Seite wirkt ratlos, versteinert. Carlos ist tot, sie haben Carlos erschossen. Diese Worte hämmern in Emilda, nehmen von ihr Besitz. Gott, Jesus Christus, sagt mir, dass ich träume. Lasst mich nicht in dieser Welt bleiben, weckt mich auf an Carlos’ Seite. Lasst es wieder gestern sein. Ja, bitte, lasst es gestern sein, bitte. Angelinas Antlitz verschwimmt und erlischt.

Es passierte schnell, überraschend, erzählt Antonio. Sie waren zu zweit. Eingestiegen sind sie an der Haltestelle Amaralina, Richtung Itapuan. Der Haltestelle nach dem Stand, an dem die Baianas ihr Acaraje verkaufen, ihr wisst schon. Er erinnere sich unter anderem deshalb so genau daran, da sich eine Frau beim Einsteigen an dieser Haltestelle im Kreisel vor Carlos’ Kasse verklemmte und mit Hilfe von Passagieren herausgezogen werden musste. Zumindest versuchte man es. Bis zu einem gewissen Punkt eine Geschichte zum Totlachen, eine groteske Situation war das. Die Frau war immens. Er schätze, so um die 135 Kilo. Wenn nicht mehr. Ihr Körper steckte fest, der Kreisel drehte sich weder vor noch zurück. Zuerst lachte die Frau noch dieses verlegene Lachen, es wird schon, es wird schon, doch nach fünf Minuten resultatlosem Herumgeschubse kam leichte Verzweiflung auf. Und wohl auch Schmerz. “Ah, meine Beine, meine Beine schwellen an. Um Gottes Willen, tut was, Leute!” Man kam gemeinsam mit hilfsbereiten Passagieren zum Schluss, dass es keine andere Möglichkeit gäbe, als den Kreisel am Fußpunkt, wo er verschraubt war, abzumontieren, zu zerlegen. Und bei diesem Akt ging einer der Banditen an die Hand. Dumm von ihm eigentlich, wenn man es sich genau überlegt, jetzt, im Nachhinein. Es war der kleinere der beiden. Hellhäutig, mit fetten Haaren. Bekleidet mit roten Adidasshorts und einem dreckigen weißen T-Shirt mit der Aufschrift ‘Jesus é o Senhor’. Ja, Jesus ist der Herr. Amen. Er war bereits durch den Kreisel durch, hatte bei Carlos eine Karte gelöst und sich hinter dem Fahrersitz niedergelassen. Als er sich bückte, um die Schrauben der Verankerung zu lösen, fiel der Revolver, den er unter seinem Shirt versteckt hatte, auf den Boden. Antonio habe den Revolver, es war ein abg-egriffener 38er, als erster gesehen und diesen schnell entschlossen wie einen Ball nach vorne geschossen. Zwei weitere Passagiere stürzten sich blitzschnell auf den Kleinen und versuchten ihn festzuhalten, als plötzlich ein magerer, hochgeschossener Mulatte mit freiem Oberkörper, der angelehnt neben Carlos’ Kasse sich bis jetzt das Schauspiel der Befreiung der Verklemmten angeschaut hatte, einen Schuss ins Busdach abfeuerte und laut schrie, dass dies ein Überfall, sein Partner loszulassen sei, und zwar sofort, und Carlos ihm das Geld aus der Kasse zu überreichen habe. Auch dies sofort. Es herrschte absolute Stille im Bus. Carlos habe seelenruhig die Münzen und Scheine zusammengehäuft, auch die Essensmarken, mit welchen ja viele hungrig ihre Busfahrt zahlen, und alles mit ruhiger Hand dem Hochgeschossenen in die von diesem hingehaltene Plastiktasche geschüttet. In der Zwischenzeit hatte sich der Kleine seinen Revolver wieder geholt und war bei der Vordertür ausgestiegen. Der Mulatte nahm die Tasche und begann rücklings hinten auszusteigen, mit der Drohung, dass sterbe, wer den Helden spielen wolle. Kaum hatte er den Satz zuende gesprochen, hörte man einen Schuss, dieses mit Metall überzogene Klatschen, das Klirren von splitterndem Glas. Antonio sah Carlos’ Kopf abrupt auf die Kasse nach vorne kippen. Sogar der hochgeschossene Mulatte erschrak. Es war der kleine weiße fetthaarige Hurensohn, der vom Gehsteig aus in den Bus gefeuert hatte. Die Kugel traf Carlos im Hinterkopf, er wolle sich jetzt Details ersparen, schön habe das Ganze nämlich nicht ausgesehen. Blut füllte die leere Kassenlade und tropfte dann auf den Fußboden, sammelte sich um den Kreisel, ließ die eingeklemmte Fettleibige in einem roten See stehen. Diese schrie jetzt hysterisch und versuchte ohne Erfolg, die Beine zu heben. Es war ein absolutes Durcheinander im Businneren, die Menschen drängten sich nach kurzer schweigsamer Schockphase ins Freie, trampelten sich beinahe gegenseitig nieder. Er selbst sei nur dagestanden und habe auf Carlos gestarrt, wie er so vornübergebeugt da saß und sein Blut verlor. Er habe gleich bemerkt, dass hier auch ein Arzt nicht mehr helfen könne. Eine halbe Stunde später kam dann die Polizei, die eingeklemmte Frau wurde, sie hing schlaff und ohnmächtig im Kreisel, von fünf kräftigen Männern aus dem Bus getragen und in den Schatten einer Kokospalme gelegt, wo sich eine der Baianerinnen ihrer annahm, ihr Kokosmilch einflößte und die Wangen streichelte. Carlos wurde lange Zeit in seinem Kassierersitz gelassen, es dauerte ewig, bis ein Leichenwagen kam. Er selbst, Antonio, habe telefonisch um Vertretung gebeten, er sehe sich außerstande, in die Zentralgarage zu fahren. Dies wurde ihm genehmigt, und so stieg er in den nächsten Bus und fuhr nach Hause. Er sei die Heimfahrt über selbst wie tot gewesen, konnte nichts fühlen, kam sich vor, als schwebe er körperlos den Strand entlang, seiner Baracke zu. Erst als er Angelina daheim die Nachricht überbrachte, schreckte ihn deren Reaktion wieder aus diesem halbschlafartigen Zustand heraus. Da haben sich dann beide aufgemacht, um Emilda die traurige Botschaft zu überbringen.

Zwei Wochen schon ohne Carlos. Zwei Wochen im Bett und keine Zeichen im Wandkalender. Sie müsse raus aus dem Bett, sich bewegen, könne doch nicht ewig so liegen bleiben und in die Ferne starren. Das Leben gehe schließlich weiter, sie solle an ihr Kind denken, das sie unter dem Herzen trage. Carlos’ Kind, sein Nachlass. Angelinas zureden hilft nichts. Tag für Tag verbringt sie am Bett ihrer Freundin, redet ihr gut zu, hält ihre Hand, macht ihr die Baracke sauber. Zum Unglück regnet es in Strömen schon seit Tagen. Es sind die Märzregen, die den Sommer beschließen, dieses Jahr besonders hartnäckig und ausgiebig. Der Gestank ist unerträglich um diese Zeit, dazu kommt, dass die Wassermassen Fäkalien von Tier und Mensch, all den Dreck der Baracken den Hügel herunterschwemmen. Zum Teil dringt dieses stinkende, schleimige Gemisch in Emildas Baracke, immer schon war es so, doch diesmal ist es Angelina, die versucht, die Rinnsale umzuleiten. Emilda liegt regungslos, starrt an die Wand, den ausgegilbten Zeitschriftenausschnitt an.

“Ist das hier das Haus von Carlos Alberto Santos de Jesus? Hallo, jemand zu Hause?” Es hat zu regnen aufgehört. Gestern schon, Gott sei’s gedankt. Die Hitze und Schwüle ist besser zu ertragen als diese Himmelsweinereien, diese den Sommer abschließenden Tränen, die der Favela nur Dreck bringen und auch sehr oft den Tod. Dreimal klopft Emilda auf die Holzplatte. Kein Erdrutsch in all den Jahren in näherer Umgebung. Keine verschütteten Familien, keine Verluste von Freunden und liebgewonnen Nachbarn. Der Regen ging gestern und Emilda erhob sich mit dem letzten fallenden Tropfen. Sie fühlte sich leer, wie ausgewaschen, doch sehr lebendig, irgendwie leicht. Auch heute lebt sie diesen Zustand sehr bewusst, es gibt keine Trauer, aber auch keine Freude. Als sie jetzt den vollen Namen Carlos’ rufen hört, sticht dies nicht in ihr Herz. Carlos ist nicht abgetrennt von ihr, immer noch ihr Mann. Wenn er auch unter der Erde ist jetzt, begraben ohne ihr Beisein bei der Zeremonie, denn sie wollte keine Bilder davon mit in die Zukunft nehmen, er ist ihr Mann, und das bleibt er, wird er immer sein. So sieht sie es, und basta. “Wer ist es denn, der mit Carlos sprechen will?” ruft sie, ohne dabei den Kochlöffel aus der Hand zu legen, das Umrühren der kochenden Bohnen zu unterbrechen. Er komme von der Busunion und habe einen Brief der Direktion, den er übergeben möchte. Ob er reinkommen dürfe? Wortlos legt Emilda den Kochlöffel zur Seite, dreht die Gasflamme auf die kleinste Stufe zurück, wischt sich die Hände an der Schürze ab, sanft gleiten sie über den straffen Bauch, und geht hinaus.

Salvador am 20. 03. 1998
Sehr geehrte Frau Emilda –
der durch einen Überfall am 26 / 02 / 1998 entstandene Teilverdienstentgang auf der Linie Rio das Pedras R1 beträgt nach den vorliegenden Erfahrungswerten unserer Statistikabteilung 375,00 R$ (dreihundertfünfundziebzig Reais).
Bitte zahlen Sie diesen Betrag innerhalb der auf der beiliegenden roten Zahlkarte ausgewiesenen Frist bei einer der auf der Rückseite derselben angeführten Banken ein.
Wir eröffnen Ihnen auch die Möglichkeit einer Zahlung in 3 Raten zu je 165,00 R$ (einhundertfünfundvierzig Reais). Verwenden Sie dazu bitte die drei grünen Zahlkarten.
Bei Nichteinhaltung der angegebenen Zahlungsfrist/en verrechnen wir eine Verzinsung von 16,5 % pro Monat sowie eine zusätzliche Strafe von 15,00 R$.
Hochachtungsvoll
Esperança Buslinien

“Glaubst du, soll ich auch meinen Badeanzug einpacken? Der See sieht jedenfalls auf dem Bild sehr einladend zum Baden aus, und die Menschen dort werden wohl auch gerne zum Strand gehen. Am Wochenende zumindest. Ob er aber nicht doch ein wenig zu freizügig ist, vielleicht wär’s besser, sich dann einen ortsüblichen zu kaufen? Glaubst du, die Frauen dort lieben es auch, ihre Arschbacken herzuzeigen am Strand? Ach was, ich nehm ihn mit.”

“Ich kann’s noch immer nicht glauben,” sagt Angelina. “Diese verfluchten, dreckigen Arschlöcher. Du solltest zur Zeitung und die Geschichte öffentlich machen. Sowas ist doch unerhört, eine Grausamkeit sondergleichen. Unglaublich.”

“Sie kriegen’s eh nicht, diese stinkenden Hurensöhne. Und ich bin ihnen auch irgendwie dankbar, denn diese teuflische Forderung macht mir die Tür zu einem neuen, besseren Leben auf. Auch dort wird es Familien geben, die jemand wie mich brauchen, um ihnen die Wäsche zu waschen, zu bügeln, den Haushalt zu führen. Es sieht alles so nett aus, so gepflegt, so aufgeräumt, findest du nicht?! Wie wohl die Menschen dort sind?”

“Wer weiß, vielleicht sind sie eingebildet, hochnäsig, dumm, mögen keine Negerinnen, haben Angst vor schwarzen Menschen, machen alles selbst, waschen ihre Wäsche selbst, kochen selbst, räumen selbst auf,” wirft Angelina ein.

“Das wär mir egal, sie werden ja auch Kinder haben und wohl auch arbeiten, nehm ich an, und so nicht die Zeit haben, den ganzen Tag über ein Auge auf ihre Sprösslinge zu werfen. Sie werden mich brauchen, auch wenn sie weiß sind. Wenn sie mich nicht ihre Unterhosen bügeln lassen, dann pass ich eben auf ihre Brut auf und verhätschel sie, sing ihnen unsre Lieder vor, erweitere ihren Horizont, erzähl ihnen vom wilden, schönen Bahia und auch von der Baixa Fria, sowas kennen die wahrscheinlich gar nicht. Ich seh da nämlich keine Favela auf dem Foto, und das ermutigt mich noch mehr, endlich aus diesem stinkenden dreckigen Loch hier rauszugehen. Von Geburt an hier, das reicht jetzt. Ich mag mich nicht mehr in dieser Baracke schlafen legen, ich will nicht mehr in ihr aufwachen. Und den Gestank halt ich auch nicht mehr aus. Er kommt ja schon in Briefen mit, soweit sind wir schon!” Da lachen dann beide lauthals.

Emilda verspricht Angelina, sie nachzuholen, sobald sie angekommen sei. Und Angelina glaubt fest daran. Auch Antonio würde mitkommen. Dies habe er beschlossen, nachdem vor Tagen schon Angelina ihm Emildas Pläne eröffnete. Zuerst lachte er noch über die Neuigkeit, dachte, es sei ein Spaß. “Gott, sie ist schon mehr nach Bagdad rüber als hier,” sagte er noch. Doch als dann Angelina ihm versicherte, dass Emilda bereits ihre Sachen packe und von ihrer Idee nicht abzubringen sei, da begann auch Antonio, ein wenig vom Leben in der Ferne zu träumen, sah sich einen Omnibus steuern, wie er ihn einmal in einer Fernsehdokumentation gesehen hatte – rot und zweistöckig. “So ein Ding werd ich dann fahren, so der Herr da oben will,” murmelt Antonio vor sich hin und schnappt sich eine weitere Bierdose.

“Ich will, dass Carlos junior dort geboren wird, am Fuße dieses Berges, am Ufer des Sees, seinen ersten Atemzug wird er dort tun. Ich weiß, dass ich ankommen werde, jeder Schritt, den ich von heut an tu, ist einer in diese Richtung. Ich werde das Ziel nicht verfehlen. Ich weiß das. In der Tiefe meines Herzens spür ich es. Ich werde ankommen. Und ihr braucht mir dann nur mehr zu folgen. Wir machen dann einmal im Jahr Ferien hier im schönen Bahia, ja?! Und noch einmal, ich will nicht, dass ihr mich zur Bushaltestelle begleitet.”

Da steht Emilda jetzt vor Antonio und Angelina, ein mit abgewetzten Abziehbildern beklebter kleiner Pappkoffer neben ihr. “Ihr könnt, wenn ihr wollt, meine Baracke ausschlachten. Nehmt, was ihr braucht. Das Dach ist ok, die Eternitplatten kaum durchlöchert. Oder vermietet sie, wenn ihr wollt, das gibt wenigstens ein paar Reais pro Monat ab. Ich hab alles für mich Nötige im Koffer und hier –” sie streichelt in runden Bewegungen über ihren offen zur Schau gestellten Bauch, der leuchtet wie polierte Lava, und lächelt genüsslich. Dann breitet sie die Arme aus, schaut zum Himmel auf, atmet schnaufend aus, und lacht schallend. “Mein Gott, wie bin ich glücklich!” Dann küsst und umarmt sie Angelina, küsst und umarmt Antonio, nimmt ihren Koffer und geht, ohne ein weiteres Wort zu sagen, los.

“Oh Gott, wird sie sich umdrehen?” fragt Angelina, die Hand vorm Mund.

“Nein,” sagt Antonio nach einer Weile, “sie glaubt, sie geht nach Hause.”

FIM

Alexander Widner

Best of Gangan [in Print]
aus: ganganbuch 5, 1988

Jeu Alphabetique

Das kleine Buchstabeinmaleins

Abfall bereiselnd, aus dem Strich der Buchstaben, x-taub, vermessen und SAUKOMISCH, Mätressen und Stiefelputzer, den Bauch lobend wie ein Ei das andere (aus Aufsatz A), heilig und hurig, ausladend und zieglernd, eingeschleust/ein; und aus, aus der Materie gerutscht, und geseift, gesudelt und gesprungen, aus der Materie gerutscht (aus Aufsatz A)

Wenn Edward Sunshine Georg Friedrich Händel dirigiert, ist das nicht zum Anhören. Aber riechen kann man (aus Aufsatz C) ein ganzes Feuerwerk, Edward Sunshine steht dann da, die Zeigefinger an die Nasenflügel gelegt, und holt tief Luft (aus Aufsatz C)

Hirten, die Professoren werden, den Hirtenstab am Katheder, an der leibhaftigen Weisheit, schauen (aus Aufsatz D) auf den Hirtenstab /ob er gestohlen wird / gestohlen im Namen der Weisheit und im Namen der Gelehrsamkeit und im Namen der Metaphysik und im Namen der Erhebung / Eshebung. cruxmythisch und einshalber / den Hirtenstab am Pult (aus Aufsatz D)

Im Emsland, bei den spröden Wäldern, wo Bäume brechen ohne Grund, ohne Absicht ja, und Jägern und Spaziergängern und Paarenden die Köpfe brechen ohne Grund, ohn Absicht ja, DORT (aus Aufsatz F) DORT (aus Aufsatz F)

Am (aus Aufsatz G) eignen Rand, bei denen, wo es greift, vernagelt und übermütig, mit Zähnen an der Hand, den Mund gespreizt zum tonlosen a, tonblind, berauscht und dämmrig, lachend stumm, aus Freude am Ton, der hellt und lautlos hallt, in musicis nur / aufgewacht und besamt. Der Regen lümmelt herum (aus Aufsatz G)

Einen Grenzen-Roman zu leben (aus Aufsatz K) (leben als Aufsatz tot) besagt eigentlich alles Camus tot.
Im Aufsatz wird programmyatisch (aus Aufsatz K) die Programmatik des Aufsatzes K entspricht (aus Aufsatz L) dann beriesele ich mit L, das dann durchdringe ich mit L (laut Aufsatz) beleibt, aber nicht so, dass man über, schon gar nicht keinen Aufputz geben könnte. Und der Kindertod sei uns erlassen. Es verrecken die Greise! 9e sollten den Tod gewohnt sein. Und sind. ’edees Kind würde sie opfern für sich und ihr zahnloses Maul und die Lückenlosigkeit ihres Schlafs (aus L, aus Aufsatz L)

Hätten sy einen Aufsatz zu Moyart? – Nein, onein, zu M fällt mix nichts ein, außer vielleicht (bielrich) zu Friederik Mayröcker, aber da ist ja schon gnug ddada
fuchjuju!
(aus Aufsatz M)

Pking.-Ente (aus Aufsatz P) ist nicht zu fressen, Gaumensal für den Blödes(n)ten:
Gaumen nicht, aber tut myn es (aus Aufsatz P) belämmert … Belämmert und benommen wäre, muß liegen, bis selbes Breitwerk leg auf die Telle – und kein Mensch weh würde was anfangen mit duesem Wesen.

PS zu P: Wir haben genug Oekonen en. Nur wird keine so blod wie meine. DAS HAT MAN NUN EBEN.

Reibend wie die Ware / wie Warwe da / überall bestellt, aus Hunsrück grfuzzt, aufgefahren ins Uferlose / aus Jufern geraten / dümmlich ins Uferbare / dümmlich (aus Aufsatz R)

 

Einig angewandte Buchstäbe

Nachtrag U
Das Umdrehen im Grab: als ob das helfen würde (aus Aufsatz U). Schön und langsam schön. Und schön. Und schön gleitend in Halbschlafenes. Und Gott ergeht sich in unsinnigen Kraftakten. (Aus Aufsatz U)

Nachtrag V
La pomeranza di Udinese (aus Aufsatz V) mit dem kriminellen Glanz anläßlich des erfreulichen Ablebens ihres Gatten: und schaut mit vereisten Augen in den Ausguß der Erde – die Füße groß vor sich abklagen (aus Aufsatz V)

Nachtrag W
Entscheidende Dinge: ——— Nein, doch nicht, entscheidend war nur ich / drum trinke ich und tue noch und nimmer. Es wird bleiben / fürchte ich. Fürchte ich / fürchte ich / ich, wie ich fürchte, dass meine fiktinelle Familie sich fürchtet / alle / fürchte ich und sollen mich fürchten lehren
Es / wird / dies / Finstern / nicht / allauf / o dümmliche Furchtlose Finsterlose / es
mir ein Zerwachen gab – Das Trinken das Vibrato des Lebens (aus Aufsatz W)

Nachtrag X
Xandl schreibt steifes Zeug an eine Bordellmauer, nach einer Unsumme von plausiblen Nacherzählern, subjektiv und ehrlich (Xandl – aus Aufsatz X), Xandl ist subjektiv und ehrlich; streng, aber ungerecht. Er steht an der Mauer, und schreibt und frißt Halbschlafenes.

Die Herren vermauern ihre Kräfte, sagte Franz Holzfeind zu dem sitzenden Claude Peguy. Doch der verstand nicht. Er erwartete Menschen seiner Sprache. Denn: was immer man Gutes sagt über Buchstäbe: es trifft nicht zu.

Hier ist ein Sitzender, rundum Beschäftigter. Liebe, langsame Menschen. Liebe, langsame Menschen. Liebe, langsame Menschen zertreten gemächlich die Buchstäbe rundum, die Buchstäbe.

(Man soll nichts Abenteuerliches mehr beginnen, wenn man gerade die erste Lesebrille bekommen hat. Regula one.)

Punktum
Joseph Francois Montgolfier litt unter Saufen, Völlerei, Huren. Da entwarf und erbauete sein sittsamer Bruder Claude Christophe Montgolfier einen Ballon, setzte seinen verkommenen, jüngeren Bruder darein, und stieg mit ihm gen Himmel. Dort pfarzte Joseph Francois den Teufel aus dem seinigen Leib, und kehrte als Heiliger zurück auf Erden.
Die Buchstäbe hatten ihn wieder hienieden.

Liesl Ujvary

Best of Gangan [in Print]
aus: ganganbuch 3, 1986

Zwei Arten Leben

Traumprosa (II)

Das Uneindeutige, Flüchtige des Augenblicks, in dem ich mich zumeist befinde, wird deutlich. Der sinnlichen Begegnung ausgeliefert, bin ich ständig auf der Suche nach der schützenden, erklärenden Sprache. Allein in diesem Zustand bin ich mir nahe, gelingt es mir, ein rätselhaftes Eigenleben zu führen. Zwischen Trägheit und Gespanntsein, Unentschlossenheit und schlauer abwägender Intelligenz, Gewalt und Passivität lasse ich mich treiben, bäume ich mich auf, suche Schutz vor diesem Sog in einer Sprache, deren Genauigkeit und Eindringlichkeit das Spiel dieser Widersprüche beherrscht und erklärt. Eine manische Produktion aus Sehnsucht nach Lust und Erlösung, versehen mit dem Makel des Schuldhaften, des Skandals, des Unmöglichen, Gesetzlosen.

Bin in der Naschmarkt-Flohmarkt-Gegend unterwegs. Es ist Nacht, vor mir riesige leere Flächen, der Wind pfeift. Es ist sehr dunkel, die Strassenbeleuchtung ist ausgefallen. In der Ferne höre ich die Stimmen einiger mir bekannter Autorinnen, sie lachen hämisch, machen anzügliche Bemerkungen über mich. Bald sind sie verschwunden, es wird noch dunkler. Die Plätze verengen sich zu einer Gasse, ich gerate in ein Lokal, dort wird der lange Refrain eines typischen Wienerliedes gesungen, „das ist der alte Wein, das ist der junge Wein…“, immer gleich. Hände greifen nach mir, vor allem in die Geschlechtsgegend, es wird immer bedrohlicher, ich soll zu einem öffentlichen Orgasmus gezwungen werden.

In diesem Sinn weiterträumen, denke ich mir, wiege mich in einer trügerischen Gewissheit. Was meinem Auge weiss erscheint, halte ich für schwarz. Diese Fähigkeit zur Erkenntnis wird mir von mir nahestehenden Personen vorgeworfen, man beschuldigt mich, destruktiv zu sein, zersetzend. Welche Beweggründe sollte ich haben, meine Zuneigung zu einer Person zu unterminieren? Unsinn. Man vergisst den Schatten, das unauflösbare Substrat, welches die Kehrseite jeder Ehrfurcht und Zärtlichkeit bildet, bilden muss. Ich möchte leben, ich spüre, wie ich leben will, mit welcher wahnwitzigen Kraft meine Finger sich an den letzten Halt klammern. Nein, Meine Beweggründe wird niemand verstehen. Für euch steht einfach viel zu viel auf dem Spiel. Wie kann der geheime Verkehr zwischen den Menschen befördert werden? Es geht darum, die Chemie der zwischenmenschlichen Beziehungen den ungeheuerlichen Maschinerien dieses Zwangsstaates, für den wir wenig mehr als eine Bakterienkultur darstellen, eine von vielen übrigens, zu entziehen und zwar ganz und gar zu entziehen. Denn: nicht einmal die brutalste Vergewaltigung könnte schrecklicher sein als das, was sich zwischen uns, und damit meine ich mich und die paar mir nahestehenden Personen, abspielt. Immer wieder werde ich eingeladen, fremdes Territorium zu betreten – wehe, ich verhalte mich wie ein lebendes Wesen und nicht wie ein vorprogrammierter Automat. Eine Beurteilungs- und Verurteilungsprozedur wird in Gang gesetzt, die rasch und sauber schlussendlich zur vollständigen Liquidierung meiner selbst führt. Man bedenke, dass es sich dabei nicht um eine Metapher, um ein literarisches Kunstmittel handelt. Nein, denn wenn mein Spiegelbild in anderen Personen mutwillig und absichtsvoll zerstört wird, werde ich ganz real unsichtbar, höre auf zu existieren. Archaische Todesängste bedrohen mich, ich flüchte, breche aus, verkrieche mich. Ich passe mich an. Natürlich kann ich so sprechen, so gestikulieren, wie es verlangt wird, man erteilt mir das Wort, lächelt mir geschäftsmässig zu, ich darf so etwas wie eine Position einnehmen, eine ganz ephemere natürlich. Ich leide nicht mehr – mein Leiden äussert sich hier in der Unfähigkeit zu leiden. So gesehen, besitze ich die Stärke eines Roboters, aber es ist eine trügerische Stärke und ich bezahle dafür mit meinem psychischen Tod.

Ich bin in Kitzbühel mit meiner Mutter in der Gegend der Griesgasse Nähe Sägewerk, wir treffen eine Frau Mühlbacher, Kitzbühlerin mittleren Alters. Sie hat sich am Hals operieren lassen, wahrscheinlich Kehlkopfkrebs, sie hat dort eine riesige schwarzrötliche Wunde. Es kommt zu einem Wortwechsel mit meiner Mutter, ich sage, auf keinen Fall soll man sich so operieren lassen. Sie beginnt sehr aufgeregt zu schreien, sagt, so also würdest du mit uns umgehen, und wirft die Tür zu. Anscheinend bin ich gleichzeitig im Freien und in einem Zimmer. Durch den Knall gerate ich in ein schönes Halbbewusstsein: eine Frau formt einen grossen Kuchen Hippies betteln mit Musik. Meine Mutter ruft aus dem Klausnerfeld, ich erwache in der Griesgasse und suche meinen Block, um den Traum zu notieren. Im Nebenbett, das unbenützt ist, finde ich verschiedene Schreibsachen, auch einen alten Kalender von mir, in dem ich Bodos Namen lese. Ich notiere den Traum und gehe langsam ins Klausnerfeld. Dann erwache ich.

Die Herren, und das sind die anderen, Frauen und Männer gleichermassen, denn sie vollziehen an mir das Gesetz, träumen von unterworfenen Körpern, den Tiermaschinen und den Automaten, aber ich kehre ihnen den Rücken. Bewegung, ich laufe davon. Die Frage ist nur, lebe ich? Ist diese seltsame Existenzweise, dieses Selbstdeklassement, das quer durch meinen Körper verläuft, ist dieses Verlöschen von Genickschuss zu Genickschuss, etwas, für das sich zu leben lohnt? Wirklich, ich bin keine Zynikerin, ich beobachte und kommentiere lediglich. Ich weiss natürlich auch, dass ich solche Sachen, solche Äusserungen, die wie Selbstentblössungen klingen, die den Anschein wecken, als sagte ich etwas wie die Wahrheit über mich, dass ich das alles nicht sagen dürfte, da es so oder so auf mich abfärbt. Operationen, die mich real betreffen, können auf Grund dieser Äusserungen an mir bzw. gegen mich durchgeführt werden, wobei es ganz egal ist, welche Sätze mehr oder weniger wahr sind, denn in jedem Fall haben alle diese Sätze mit mir zu tun, sie stellen Angriffspunkte dar und das ist das Ausschlaggebende. Und so einen Vielfrontenkrieg zu führen bin ich auf keinen Fall imstande, es geht ja so schon kaum mehr. Habe nur deshalb bis auf den heutigen Tag überlebt, weil ich meine wahren Ziele vor der Öffentlichkeit verberge. Ketzereien dieser Art, ausgesprochen in einer Welt ausgedehnter und lebensfeindlicher Wüsten, ziehen die Blicke in eine ganz bestimmte Richtung, nämlich auf dieses unscheinbare, verkommene, armselige Versteck, in dem ich mein Leben zubringe. Hier vegetiere ich, gebe mich allerlei Träumereien hin, versuche, meiner Lebensführung manchmal den Anstrich von Arbeit, manchmal den Anstrich von geniesserischer Lebensfreude zu verleihen, aber daran glaube ich nicht einmal selber. Trotzdem strebe ich nach etwas und das kann mir niemand nehmen. Ich habe mir geistige und körperliche Vollkommenheit und Reinerhaltung sowie Kontrolle meines Bewusstseins zum Ziel gesetzt. Aber Eingeweihte bin ich keine, soviel ist mir auch klar.

Jemand, der dem Maler Hans Jöchl ähnelt, hat grosse Reformen eingeleitet, Messungen für eine Kläranlage vorgenommen, eine neue Schule geplant, Ackerbau ohne Gifte u. ä. Ich folge ihm auf einen Neubau, er trägt einen grünen Rucksack, dreht sich zu mir um und lächelt. Von einer Fabrik hängen grosse schwere Schmutzwolken über der Stadt. Auf dem riesigen Parkplatz des Flughafens finden jede Nacht fürchterliche Morde statt. Viele Menschen werden in ihren Autos abgeschlachtet. Ich gehe in der Dunkelheit an einem Bahndamm entlang, Männer in gelber Regenkleidung arbeiten da, es herrscht Katastrophenstimmung. Ich bin aus einer Schule geflüchtet, bin über einen hohen Drahtzaun geklettert. Da sind auch Burschen im Gefängnis, Robert ist blutbesudelt nach Hause gekommen. Es sind schon wieder Fotos von Ermordeten in der Zeitung.

Ich habe ein Recht auf meine tiefe Traurigkeit. Dies nämlich ist ein umfassender Überblick über die menschliche Müllhalde in mir. Ein unvorstellbarer Haufen menschlichen Abfalls, das bin ich. Und das sind meine Visionen – es sind Visionen von der dunklen Seite des Menschen, düster und unheilverkündend. Es ist nicht nur das Unbekannte, sondern das Was-niemand-wissen-will. Das Betrachten und Examinieren dieser Gegenden muss erst noch gelernt werden. Männer können das nicht. Männern eignet Nüchternheit und Zielstrebigkeit, aber sehr wenig Talent, Frauen? Frauen zeichnen sich durch ungeheure Intensität und beispiellose Wildheit aus. Der rätselhafte Augenblick! Ich bin in einem Zustand äusserster Wachheit. Alles, was mir angetan worden ist in den Kellern meiner Kindheit, alles, was ich unter ständiger Lebensgefahr „gelernt“ habe, im düsteren Schnee, am hellen Bach, der Schrecken aus heiterem Himmel, liess mich mit wachsender Verzweiflung um Hilfe betteln. Beliebige Menschen habe ich angebettelt, ohne sagen zu können worum. Ich kann es bis heute nicht sagen. Der Leerraum des Unvermögens, den diese Sprachlosigkeit einschliesst, das ist es, was ich hier vorrangig erforsche. Zwar werden wir von denen, die uns in der Kindheit belehren, zum Selbstgespräch gezwungen, Zwar hatte ich, wie jedes Kind, Hunderte von Lehrern, die mir genau sagten, dass und wie ich mit mir selbst sprechen sollte. Damals fühlte ich mich stark, wagemutig. Ich hörte jedes Geräusch. Ich gewahrte jede Veränderung des Lichts oder der Schatten um mich her. Heute habe ich nicht mehr die Macht, mich vor meinen eigenen Befehlen zu schützen. Heute führe ich mein Selbstgespräch so, wie ichs gelernt habe, so wie die anderen, so ähnlich wie die Menschen, die ähnlich denken und fühlen wie ich – nein, ich drehe mich im Kreis, Könnte ich so ähnlich denken und fühlen wie die anderen, wäre ja alles gut. Wie ich! Das Sicherheitsnetz. Warum halte ich die Luft an?

Hanna macht mir vor, wie sie fliegt: man braucht nur die Hände, die Finger richtig zu bewegen, nicht die Arme. Aber alle Muskeln anspannen!

Das ist es, fällt mir ein! Dieses Sicherheitsnetz existiert, ich halte mich daran fest mit jedem Wort, mit jedem Satz, den ich spreche, ja mit allen meinen Handlungen, denn auch Handlungen sind nichts als Sätze, kurz, mit allem, was ich tue. Jedes Wort – ein Fallstrick. Gedankensprünge, spontane Regungen, ob Zuneigung ob Abscheu, blitzen auf, manchmal glaube ich sogar selber an mich. 24 Stunden Wachsamkeit am Tag, bei allem was ich tue! Dort muss ich mich packen, bei diesem stabilen Misstrauen, bei diesem diffusen Unbehagen, diesen Pannen, die mich verdrossen und borniert machen. Ich kann mein Glück nicht in der Welt der Namen finden.

Der erste Teil dieser längeren, entstehenden Arbeit ist in manuskripte 89/90 veröffentlicht.

Andreas Reiter

Best of Gangan [in Print]
aus: ganganbuch 4, 1987

2 Texte

Allegretto

Die Liebe pflegt den aufrechten Gang, gerade in einer Stadt wie Prag. Sie ist durchsichtig und zerbrechlich. Sie sieht mich morgens lange an und sagt, während ich mir die Zähne putze, ich will, dass Prag für dich Wirklichkeit wird.

Die Prager Badezimmer sind gutbürgerlich, zu zwei Dritteln verfliest, und verstehen zu schweigen. Das Wasser wird von einem gasbetriebenen Boiler erwärmt. Das Rauschen der Klospülung verheißt auch hier das Ende der Liebe. In den Abwässern der Stadt treffen alle Lieben aufeinander.

Während sie mir ihren Arm um die Schulter legt, wird mir bewußt, dass ich Ausländer bin. Die Grenze ist dünn und klapprig, aber dahinter liegt zweimal Ohnmacht. Ein Kuß wäre in diesem Augenblick ein unzumutbarer Grenzgänger. Meine Unsicherheit löst sich erst auf, als ich mich beim Rasieren schneide.

Auf dem Weg in die Stadt reden wir wenig, und wenn, dann in der fremden Sprache. Vor dem Eingangsportal zum Café Slavia ist uns beiden klar, dass wir uns beim Kaffeetrinken gegenübersitzen werden. Wir stellen die Tassen mit einer für diesen Ort zu nachlässigen Handbewegung auf den Tisch. Die Anwesenheit anderer bringt uns bisweilen zum angemessenen Lachen. Das sind immer die gefährlichsten Augenblicke, denn sie lenken von uns ab. Vor dem Verlassen des Lokals legen wir dem Ober wohlwollend einige Kronen in die ausgestreckte Hand.

Während meine Zunge in ihrem Mund Wurzeln schlägt, hält der Parteivorsitzende seine Schlußrede auf dem siebzehnten Parteitag. Besonderes Augenmerk werde wiederum auf die Agrarreform gelegt, die allen Bürgern der CSSR eine noch ausgewogenere, gesündere und besser auf die Arbeitskraft abgestimmte Ernährung garantieren soll. Die Haut der Prager ist genauso hell und dünn wie die der übrigen Mitteleuropäer. Der Taxifahrer, der uns vom Café nach Hause fährt, glänzt mit dieser Antwort im Rückspiegel.

Zuhause wartet die Freundin ihres Bruders und erzählt von ihrer Heimat. In ihrem Dorf, und das ist kein böhmisches, müssen die Frauen das Wasser aus dem Brunnen schöpfen. Das härtet ab, sagt ihr Bruder, der auch noch vorbeigekommen ist, um nicht allein zu sein. Im Sozialismus haben es die Menschen eilig, einander zu begegnen.

Als wir wieder allein sind, legen wir uns prüfend nebeneinander. Das Zimmer gleicht einer Toilettentasche: zu viele Utensilien, die man doch nicht missen möchte. In Prag ist die Liebe nicht leichter handzuhaben als die Distanz. Die Haut der Prager ist hell, die Höflichkeit geht ihnen stets voraus. Hier kommt die Liebe immer von unten, auch wenn sie über einem liegt. Manchmal gelingt es zwei Liebenden doch noch, einen Frühling aus sich zu machen.

Prag verdankt seine Existenz der guten Laune eines Kartographen. Prag liegt mitten in meinem Kopf. Jeder Mensch legt Wert auf seine Erdkugel. Prag trägt mich ebensogut wie ich es trage. Im Spiegel sehe ich, wie sie ihren Kopf an meine Schulter legt. Ihre Tränen sind nicht die Hollywoods. Es fällt mir schwer, dies wahrzuhaben. Die Wirklichkeit löst keine Kinokarte ein.

Im Traum bin ich wieder allein und im Westen. Der Westen allein macht auch noch nicht unglücklich, sagt der Taxifahrer und streckt die Hand nach dem Trinkgeld aus. Im Traum bin ich stets einer, der nie aufhört zu schlafen. Das gerade macht ihn so lebensnah und so verdächtig.

Viele Prager leben in der Neuen Welt. Dieser Umstand allein begünstigt noch keine Symphonie. Sie denken wehmütig an zu Hause, wo noch jeder jeden des Glücks verdächtigen kann. Die Kleinstädter Gassen sind der Umschlagplatz für Botschaften aller Art. Die meisten Kommuniqués unterscheiden sich nur durch Unterschrift und Stempel. Die Phantasie ist von Amts wegen ein geschwollener Lymphknoten.

Ich rate jedem, der von Natur aus abergläubisch ist, nach Prag zu fahren. Vielleicht, weil es Prag gar nicht gibt und nur in meinem Kopf liegt. So fällt die Orientierung leichter, und die Umgebung wird durchschaubarer. Der Schatten an den Häuserwänden regelt das übrige. In Prag hat somit jeder Fußgänger die reelle Chance, unbehelligt über den nächsten Fünf-Jahresplan zu kommen.

Der Schweiß in ihren Achselhöhlen hat nichts mit dem Arbeiter- und Bauernstatus zu tun. Gerade hier transpiriert man noch vor Erregung. Die Zimmerwände sind historisch gewachsen und mit Schweigen verputzt. Selbst langjährige Nachbarn erkennen einander nicht am Hüsteln.

Ich eigne mich schlecht für Katastrophen, das habe ich mit Prag gemein. Wir kommen uns so weit entgegen, dass einer von uns beiden gar nicht anwesend zu sein braucht. Eine geheime Absprache, die beiden gleichermaßen zugute kommt. Im übrigen denkt sich ein luzider Mensch wie ich nicht ohne Stolz an das Objekt heran. Das ehrt auch das Objekt.

In Prag wird die Liebe durch den Zwangsumtausch geregelt, dreißig DM pro Tag. Endlich eine Stadt, die sich Gefühle noch was kosten läßt, sage ich. Meine Verstopfungen weisen mich auch hier als einen aus, dem das Loslassen schwerfällt. Im Osten wie im Westen ist der Körper der Feind.

Ich kenne wenige Tische in Prag, die nicht umgeworfen, wenige Seiten, die nicht umgeschrieben werden. Die Anpassung an das Schicksal ist eine Frage der Kinderstube. Die Angst dient als Korrektiv, mit dem überflüssige und abwegige Papierstreifen in den Kanal gekehrt werden. In Prag ist der Straßenkehrer, meist eine Frau, Dirigent des Systems. Ich verstehe allmählich, dass Prag für viele eine Symphonie ist.

In Prag gehen die meisten Menschen barfuß, auch sonntags. Das erfordert Standfestigkeit und verleiht den Sohlen den richtigen Schliff. Meine Geliebte ist eine Ausnahme (sie ist erst vor kurzem aus der Slowakei zugezogen): selbst beim Lieben behält sie die Schuhe an. Ihr Paß führt als besonderes Kennzeichen Bodenständigkeit an. Das müßte es im Westen geben, denke ich.

Erst wenn du wieder außer Landes bist, werde ich zu mir kommen, sagt sie und blickt mir unbestimmt über die Schulter. Diese ist wie der Grenzstreifen und verbirgt die Gefahr, die von mir ausgehen kann. Ich bin froh, dass ich breit gewachsen bin. Auch ein gutes Herz muß abgefedert sein.

In Prag promenieren die Menschen noch um ihr Glück. Ich bin oft versucht, mich ihnen anzuschließen. Aber ihre Gangart macht es mir nicht leicht. Von Prag aus führt eine kaum befahrene Straße in den Westen, der im Falle Münchens fünf Autostunden entfernt liegt. Das fordert eine Grenze nahezu heraus.

Heute morgen bringt sie das Frühstück ans Bett. Das ist kein gutes Zeichen. Ich mißtraue von Anfang an der Farbe des Tages. Alle Abschiede sind transparent. Das haben sie mit der Liebe gemein. Die Angst zieht eine Linie durch mich, sodass ich selbst das zu zwei Dritteln verflieste Badezimmer für eine gelungene Fälschung halte. Morgen kommt mein Sohn aus den Ferien zurück, sagt sie und wartet auf meine Reaktion.

Im Flur wird die Konspiration noch einmal zur Transpiration. Ihre Achselhöhlen werden mir fehlen. Geborgenheit ist letztlich auch eine Frage der Zumutbarkeit. In Prag haben die Treppenhäuser etwas von einem Opferstock an sich: man verdient sich seinen Abgang. Als ich die Briefkästen nach Namensschildern absuche, finde ich keine. Das ist wohltuend. Prag ist ein Saatgut Babylons. Babylon ist nicht mehr auf meiner Erdkugel.

Ich bin froh, dass ihre Achselhöhlen nicht parfumiert sind. Das könnte mir den Abschied verderben. Der Geruch weist den Menschen aus, und ein Paß ist längst noch kein Parfum: Ein vorsichtiger Staatsbürger hat beides. In den wenigsten Fällen läuft die Liebe in den Fingerspitzen zusammen.

Der Prager Regen wird mir fehlen. Nirgends schaukeln die Kaffeetassen im Gewitterregen so wild wie auf einer Prager Kaffeehausterrasse. Angst darf man hier ohnehin keine haben. Sie machte sich breit und ließe einem die Tasse aus der Hand fallen. Darin gleicht Prag wiederum anderen Städten. Das wäre etwas, worüber ich ihr schreiben könnte, wenn ich wieder zu Hause bin. Briefe sollte man übrigens immer mit der Hand schreiben. Nur so kann der Empfänger das Zittern des Verfassers erkennen und dem eigenen vorbeugen.

Als Abschiedsgeschenk hinterlege ich meinen Geruch. Alles andere ist nicht zu begleichen, sage ich ihr. Während sie mir meine Reisetasche ins Auto reicht, fällt mir unweigerlich das Allegro con fuoco in Dvoráks Neunter ein. Vergeblich versuche ich, darin einen Platz für sie zu finden. Entweder ich interpretiere das Stück falsch oder ich liebe sie.

Prag ist eine Träne, die nicht hierbleiben und auch nicht mitgenommen werden darf. Prag ist eine Liebe, die den aufrechten Gang pflegt. Sie ist verschwiegen und schon nicht mehr heimlich. Prag ist eine Liebe, die meiner Traurigkeit mit einem „Wenn du wiederkommst, werde ich den Spiegel im Badezimmer abgehängt haben!“ zuvorkommt.

Die Neue Welt ist eine Lüge, sagt sie zum Abschied und hebt stolz ihren Kopf. Sie ist doch eine Pragerin, denke ich mir, als ich sie im Rückspiegel barfuß am Randstein sehe.

 

 

Ohio ist ein Irrtum

Manche behaupten, Josua wasche seine Hände in Blut. Sie sehen den Teufel in ihm, der ihre Dächer einbrechen, ihre Wagen in den Graben schleudern und ihre Töchter davonlaufen macht. Nicht so einer wie Josua, halte ich ihnen entgegen, nicht mit so einem Namen.
Was macht schon sein Name, gerade sein Name! höhnen sie, und, klagend: er geht einfach zu weit!
Er geht weiter als ihr, rufe ich ihnen noch einmal zu und biege um die Ecke.

Josua: ich vermute ihn nachts, wenn der Nebel die Stadt durchkämmt und die Ängste ihr Spiel beginnen. Es heißt, dort, wo die Menschen ängstlich und aufatmend zugleich in den Hauseingang springen, ist Josua zu finden.
Wer ihn jedoch dort sucht, sucht vergeblich, ich möchte beinahe sagen, der sucht um Vergebung oder auf eigene Gefahr. Letzthin stand einer aus Ohio mitten in der Gasse, um ihn herum nur das engmaschige Geflecht des Nebels, er stand da auf einem Bein und klatschte dreimal in die Hände. Es rührte sich nichts und schon gar nicht Josua, den er hinter irgendeinem Mauervorsprung hervorzutreten erhoffte. Worauf der Mann aus Ohio (im übrigen ein Reserveleutnant der 7. US-Divison Süd, der es gewohnt war, in die Hände zu klatschen, und extra wegen Josua die Reise über den großen Teich auf sich genommen hatte), ein zweites Mal in die Hände klatschte, nun immerhin lauter und fordernder.
Und siehe da – es löste sich wahrhaftig eine Gestalt aus dem Nebel und kam im schalen Licht der Laterne auf ihn zu. Keiner weiß genauer, was dann passierte, selbst die Zeitungen mutmaßten am nächsten Tag nur: Der Mann aus Ohio sei dermaßen durch Josuas Anblick erschreckt worden, dass er Hals über Kopf die Flucht ergriffen und noch in derselben Nacht überstürzt und ohne ein Trinkgeld zu hinterlassen zuerst das Palace Hotel und dann die Stadt verlassen habe. Kein Wunder, dass dieses für einen Mann von Welt, zumal der Neuen, äußerst unübliche Verhalten beträchtliches Aufsehen erregte. Daß er bei seiner Ankunft auf dem Flughafen von Cleveland an der linken Hand nur noch drei Finger zählte, tat ein übriges. Über den Verbleib der beiden restlichen konnte oder wollte er den verblüfften Reportern keine Auskunft geben. Die Zeitungen ergingen sich in Spekulationen und überboten einander im Schlimmsten. Einig waren sie sich nur darin, dass der Mann einen leicht verstörten Eindruck auf sie gemacht habe, was aber weiter nicht verwunderlich sei, da nun seine Tage als Reserveoffizier gezählt seien. Denn auch die 7. US-Division Süd kann auf einen Offizier mit acht Fingern verzichten.
Die Bewohner unserer Stadt schreiben die zwei Finger natürlich Josua zu und schrecken selbst davor nicht zurück, ihm die seitdem rückläufigen Übernachtungszahlen amerikanischer Touristen in unserer Fremdenverkehrsmetropole anzulasten. Das macht böses Blut, das versteht ein jeder.
Man klatscht nicht in die Hände, wenn man einen Menschen sprechen will, sage ich bei jeder Gelegenheit, es könnte als Applaus gewertet werden oder als Affront, und das müßte sogar ein Reserveoffizier aus Ohio in Betracht ziehen.
Obwohl ich selbst nie beim Militär gewesen war und dies einfach so vor mich hingesagt hatte, war ich erstaunt, meine Worte vom zustimmenden Nicken alter Kriegsveteranen begleitet zu sehen. (Ich zweifle jedoch an ihrem Verständnis und sehe in ihrer Haltung vielmehr die alte Schule.)
Wie erwähnt, es nützt nichts, nach Josua zu suchen, und es scheint nicht ohne Risiko, bei Nebel in die Hände zu klatschen. Da ihn noch keiner gesehen hat, sind die rührendsten Vermutungen im Spiel: Einige – und das sind nicht die Schlechtesten, nämlich die, die aus der Geschichte gelernt haben – beharren darauf, dass Josua vor vielen Jahrhunderten Leibwächter des Königs Javlos gewesen und bis in unsere Zeit herauf dazu verurteilt sei, eine schreckliche Tat abzubüßen. Er sei in jungen Jahren bei Nacht und Nebel mit der Gemahlin seines Herrn auf- und davongeritten, habe mit ihr, stets auf der Flucht vor den Soldaten des ergrimmten Königs, in drei Jahren drei mal zwei Kinder gezeugt, von denen bis auf eins alle den eiskalten Nächten im Wald zum Opfer gefallen seien. Darüber sei Josua in größte Verzweiflung geraten, habe den Tod der Kleinen als Strafe des Himmels angesehen und sich mitsamt seiner Frau und dem einzig überlebenden Kind in einen reißenden Fluß gestürzt.
Seither geistere, bei Nacht und Nebel, dieser Josua durch die Gassen der Stadt und suche nach den erfrorenen Leibern seiner Kinder, um sie wieder zum Leben zu erwecken.
Ich kann dazu nichts sagen, außer: ich traue Josua alles zu. Aber ich traue ihm auch und schiebe ihm nicht jedes Unglück, das mir oder anderen widerfährt, in die Schuhe.
Ich weiß wohl, es gibt ihn, ich weiß oder vielmehr, ich spür es. Wenn es um Josua geht, überlasse ich nichts dem Zufall, dann schon eher den Kindern.
Ja, ich glaube den Kindern, die abends vorm Feuer mit brennenden Augen berichten, wie sie plötzlich starr vor Angst hinter dem Drahtverhau gestanden und dem Rascheln des Laubs gelauscht hatten, so überrascht, dass sie nicht einmal den Mund aufsperren konnten (gerade die Kinder!), als eine Riesengestalt aus dem Buschwerk trat, ein Hüne mit gewaltigem Kopf und schaufelgroßen Händen und einem Lächeln wie der Erzengel Michael; als er sie auf seine Schultern hob, zwei auf jeder Seite, hatten sie sich ganz stark gefühlt, und bis nach Patagonien wären sie gern mit ihm, doch er hätte sie mit einem kurzen Ermahnen zur Einsicht gebracht und sie sicher durch den Nebel getragen, bis vor die Haustür, und sie dort abgesetzt.
Da komme mir noch einer und behaupte, Josuas Lager wäre unser aller Untergang, oder sage lauthals, Josua schliefe nachts auf dem Stroh, mit dem er anderntags unsere Häuser anzünde, da komme mir noch einer!
Wo Nebel ist, ist der Mensch nicht weit, pflegte meine Großmutter, eine Gastwirtin, zu sagen, und die mußte es ja wissen!
Nicht zuletzt deswegen wundere ich mich, dass ausgerechnet jene, die Nacht und Nebel scheuen, am besten über Josua Bescheid wissen. Sobald sich der Vorhang im Fensterkreuz hebt und Schritte über den Hof hallen, löschen sie schnell das Licht, drücken sich eng aneinander oder an die Wand, sie stülpen die Augen nach innen und die Fäuste nach außen.
Doch: wo des Bürgers Kleinmut, ist auch sein Unmut.
Und so durchstreifen tagsüber, bei günstigem Licht, Such- und Spähtrupps die Stadt und sichern Spuren, zumal die sichtbaren. Sind die einen erbost, aber noch geduldig (obwohl bisher von einem Anstieg der Übernachtungszahlen amerikanischer Touristen keine Rede sein kann), reagieren die anderen – die Historiker – beinahe überschwenglich. Tauchen die einen – die Politiker – immer mehr ins Dunkel ihrer Amtszimmer und verriegeln dort Türen und Fenster, so strömen die anderen aus allen Universitäten und Instituten zusammen und wittern ihre große Chance: endlich mit einer fundierten These über Josuas Herkunft akademische Karriere zu machen, sich im internationalen Feld der Wissenschaftler zu profilieren.
Noch haben sie sich nicht geeinigt, stelle ich schadenfroh fest, noch bleibt alles beim alten.
Gilt er den einen schlichtweg als Teufel, so den anderen als historische Person, als Leibwächter des Königs Javlos, als einer, der sich in seiner Diaspora durch die Jahrhunderte streckt.
Wenigstens hat er seine Bleibe, denk ich mir, wenn Nacht und Nebel aufkommen. Laßt ihn im Nebel, sage ich stets, da liegt er gut in der Zeit.
Aber da immer wieder ein Haus abbrennt (oder einer eins anzündet), dessen Besitzer im Knistern des Feuers ein hohles Lachen zu hören behauptet, und da immer wieder eine Frau ihr Neugeborenes an den Randstein legt, bleiben die Fenster auch künftig geschlossen, die Blicke hinter dem Fensterkreuz und die Menschen zu Hause, die einen gar in Ohio.
Keiner glaubt den Erzählungen der Kinder, die von Josua über den Fluß (und beinahe bis Patagonien) wie auch durch die Jahre getragen werden, keiner glaubt ihnen, dass Josua eigentlich ein Niemand, eine Vorstellungskraft bzw. -schwäche sei, und schon gar nicht glaubt es der Reserveleutnant aus Ohio, 7. US-Division Süd, wenn er mit den drei Fingern seiner linken Hand über die beleuchtete Erdkugel auf seinem Schreibtisch fährt, sie zum Kreisen bringt und haßerfüllt nach unserer Stadt Ausschau hält.