Robert Prosser

GANGAN Lit-Mag #50

Gemma Habibi

Quer durch den Raum Simons Stimme: Lorenz, es geht los. Er folgt mir in den Kellergang, hinter ihm Jo; die beiden werden in meiner Ecke sein. Am Ende des Flurs die Metalltür. Nichts ist heftiger als das, sagte Z, als wir darüber sprachen, was für uns am Boxen das Einmalige, das Un-übertreffliche, das Allerbeste ist, nichts ist heftiger, als zuzugehen auf dieses Schreien und Stampfen. Die Metalltür vibriert vom Bass eines Lieds, ein Security drückt die Klinke, der Lärm wird zu Applaus und aus dem Wummern ein Klassiker von Wu-Tang: Cash rules everything around me. Vor mir die Halle mit Sprossenwänden, Basketballkörben, Spielfeldmarkierungen, auf der Tribüne verstreut die Zuschauer. Im Gegensatz zu Z stört mich das Treiben um den Ring. Aber mich fasziniert, was innerhalb der Seile passieren wird. Ich treffe auf einen, den ich nicht kenne, dem ich höchstwahrscheinlich nie wieder begegne, und für drei Runden wird er das einzig Bedeutsame sein. Z hielt mich für verrückt, als ich ihm erzählte, dass ich am liebsten ohne Publikum boxen würde. Nur der Ring und der Gegner, aber kein Johlen und Klatschen und Pfeifen, keine Zeltfest-Atmosphäre. Nur das Wesentliche. Zwei Typen, einer rot gekleidet, der andere blau, links und rechts, Sieg oder Niederlage, ein simples System, das eindeutig klärt, auf welchem Level du kämpfst. Ich halte den Blick unten, auf meiner Schulter Simons Hand. Sein fester Griff gibt mir die Gewissheit, dass er bei mir ist, als wir die Stufen hoch zum Ring nehmen; er spannt die Seile, und ich gleite hindurch, lasse die Dreifaltigkeit los, Jap Cross Hook, eins zwei drei. Auf dem Boden dunkle Flecken, Spuren der vorigen Kämpfe. Der andere beobachtet mich aus der Ecke. Er ist kleiner, stämmiger, tritt für einen Bregenzer Club an. Blonde Haare, braun gebrannte Haut, Schublade Sonnyboy: Ich werde mir dein Herz schnappen. Zahnschutz rein, der Schiedsrichter holt uns in die Mitte, wir stehen uns gegenüber, und an seinem starren Blick errate ich, dass er mehr zu bieten hat als ein Sportstudent, der gern Surflehrer wäre. 26 Kämpfe, ich muss vorsichtig sein. Ich werde mir dein Herz schnappen, werde über dich kommen wie ein Aztekenpriester. Ich spüre seine lauernde Gewalt und bin bereit dafür. Da endlich: der Gong.

In der Pause massiert Jo mir die Schultern, Hammer Doublette, sagt er, richtig gut. Eine Linke auf den Körper und Kopf haken sofort nachgelegt. Erst traf ich den Bregenzer unterhalb der Rippen in die Leber. Kein Organ ist anfälliger, die Übelkeit, die der Schlag hervorrief, brachte ihn ins Wanken, seine schützende Rechte sank herab und gab die Schläfe frei. Simon hält mir den Trinkbecher hin, ich schnappe mit den Lippen nach dem Strohhalm, mir ist kalt und gleichzeitig schwitze ich und zieh die Schultern hoch, Gänsehaut am Buckel. Mein Körper unentschieden, heiß, kalt, ich spüre, dass noch beides möglich ist: den Blonden zu besiegen oder von ihm überrannt zu werden. Setz die Rechte ein, bamm, die muss öfter kommen, sagt Simon, verstehst du, eins zwei, links rechts, und dann dein rechter Haken, Lorenz, den will ich heute noch sehen. Er sagt: Treib ihn vor dir her, nütz deine Größe aus. In dieser ersten Runde traf mich eine Gerade, wie ich sie gerne abgefeuert hätte, ich liebe solche Schläge, die für Sekunden bis ins Innerste erschüttern, und ich spannte mich mit aller Kraft an, um nicht zu fallen, sondern die Gewalt durch die Füße aus dem Körper zu scheuchen; der Kampf war ernst geworden und dadurch schneller, wilder. Das Rundenmädchen trippelt im goldglitzernden Kleid vorbei, es ist die Nichte des Bezirksvorstehers, die als Geschenk zum Achtzehnten einen Abend lang den Applaus genießen darf. Der Trainer des Blonden macht einen Schritt zur Seite, fächelt ihm Luft zu, ich sehe, dass er den Blick auf mich gerichtet hält. Ich warte auf die Glocke, wie lange noch, ich will los, ja.

Zwischen Ring und erster Reihe steht Simon, er boxt in die Luft, ruft zu den Scheinwerfern hoch, er leidet, feuert an, er schreit: Fahr die Rechte aus, Lorenz, mach schon. Ich zähle mit. Drei Schläge, vier. Mein fünfter, ein linker Aufwärtshaken, trifft. Ein Punkt für mich. Der andere greift an, eins zwei, links rechts, ich wippe zur Seite, vorbei. Wir geraten zu nah aneinander, sein Arm um meinen Nacken, er versucht einen Schlag mit der freien Faust anzubringen, da trennt uns der Ringrichter, mahnt wegen Kopfstoß ab. Weiterhin 1:0 für mich, sagt das heimliche Metronom, das ting ting meine Schritte zählt, meine eigenen Schläge und die des Blonden, der ausweicht, kontert, trifft, shit, 1 : 1, hart auf meine Stirn. Die Vorstellung blitzt in mir auf, wie das Hirn im Schädel schwappt, als es meinen Kopf nach hinten reißt. Man hat mir davon erzählt, und ich werde das Bild nicht mehr los: Das eigentlich Gefährliche am Boxen ist die Bewegung, die ein Treffer im Kopf auslöst, wenn das Hirn an die Schädelinnenseiten stößt. Ich sauge Luft ein, beiße fester auf den Zahnschutz. Ich weiß, was kommt. Was in mir geschieht. Anstelle von Kopf und Hirn, der Gefühle, Gedanken und Träume, gibt es nun auch die Leber, die Nieren, Rippen, die Gelenke und Knöchel. Mein Bewusstsein verlagert sich in die Eingeweide und in die Muskeln, Sehnen, denn überall kann Schmerz sein. Ich in der Lunge als Brennen, im Magen als Übelkeit. Ich Pulsschlag. Ich Blut. Ich Adrenalin, Endorphin, Testosteron. Einer der Offiziellen klopft dreimal auf den Tisch, ich höre Simons Stimme, er schreit: Zehn! Zehn Sekunden bis zur Pause, die letzten zehn sind die wichtigsten, sie werden den fünf Kampfrichtern in Erinnerung bleiben, daran werden sie denken, wenn sie die Runde bewerten. Das Schnaufen meines Gegners, tsch tsch tsch, ich höre das Zischen einer beschleunigenden Lok, doch mein rechter Haken geht durch, ja, ich spüre die offene Stelle in seiner Deckung, und sein Kopf schnellt zur Seite und das Atmen klingt wie ein Winseln, vier drei zwei, da, der Gong. Wo ist meine Ecke? Ich spucke den Zahnschutz aus, ganz nah vor mir Simons Gesicht. Er begutachtet eine schmerzende Stelle über meinem linken Auge, sagt: Blondie hat mit links getäuscht, mit rechts getroffen, sah aber übler aus, als es ist. Er schmiert Vaseline auf die Wunde, such den Körper, sagt er, dem geht die Luft aus. Ja, bestätigt Jo, konzentriere dich auf die Leber und die Milz. Wieder Wasser, ausspucken, mein rechter Haken war gut, nicht?, frage ich und beide nicken, weiter so, sagt Jo und wirbelt mir mit einem Handtuch Luft zu. Simon wiederholt die Taktik: Infight, Leber, Milz. Pick an ihm, lass dich nicht abschütteln. Meine Lungen reichen, das weiß ich, es ist genug Atem in mir für die letzte Runde, ich kann, ich werde, ich …

(Aus: Gemma Habibi, Ullstein fünf, 2019)

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