Renate Weis

Der Uhrturm und sein Schatten

War der von mir sehr geliebte und oft in der Mittagspause besuchte Uhrturm (die meisten Menschen sagen ohnehin “Schloßberg” zu ihm) einsam? Mag sein, dass man so dachte, ihm helfen wollte und ihm einen Schatten zur Seite stellte. Ich denke, er stand zwar immer allein auf dem Schloßberg, aber von Einsamkeit war keine Rede – sicher kann er gar nicht die Frage beantworten, wie viele Menschen ihn besucht haben, wieviele immer wieder erstaunt sind, dass gerade bei seinem Ziffernblatt der große Zeiger der Stundenzeiger ist … und wenn auch schon, falls wirklich an Tagen mit Glatteis und Kälte nur der eine oder andere Schloßbergbesucher bei ihm vorbeischaute, was solls, Alleinsein kann manchmal sehr guttun. Von der Ferne betrachtet, ob nun von der Burgruine Gösting, ob von St. Veit, von der Bahnhofgegend, von der Hauptbrücke, dieses Viereckerl gehört zu dem Herzstück der Steiermark – ist seine Seele.

Diese Gedanken waren ganz stark in mir als ich irgendwann gelesen habe, dass der Uhrturm einen Schatten bekommen soll. Häufige Besuche bei ihm haben mir dann ein schwarzes Trumm “Irgendwas” beschert und ich war sehr skeptisch, ob nicht der Schatten mächtiger werden würde, als der Uhrturm selbst.

Alles falsch gedacht. Uhrturm und Schatten sind eins geworden. Angeblich soll der Schatten nach dem Kulturhauptstadt-Jahr nach Seiersberg “überführt” werden. Könnte ich, wie ich wollte, ich würde um ihm kämpfen. Was soll der Uhrturm ohne seinen Schatten? Er wird wie nackt dastehen. Seine wahre Schönheit ist erst durch diesen Schatten zutagegekommen. Ich denke aber auch an den Schatten: es wird ein nichtssagender dunkler Fleck im Süden von Graz sein, der sicherlich an der großen Sehnsucht nach seinem Uhrturm seelisch zugrundegehen wird.

So ist das: da soll sich einer auskennen bei uns Frauen. Zuerst skeptisch. Schatten stellt eine Bedrohung für den Uhrturm dar und dann der Versuch, ihn unter allen Umständen für den Uhrturm zu behalten. Mag sein, dass die Wankelmütigkeit der weiblichen Gedanken eine Rolle spielt – es könnte allerdings auch gut sein, dass “frau”, wenn sie erst mal von einem “Schatten” überzeugt wird, ihn unter keinen Umständen mehr loslassen möchte.

 

Hans Fraeulin

Subject: Re: Einladung zur Graz Sondernummer
Date: 11/4/03 6:17 PM
Received: 13/4/03 11:36 AM
From: Hans Fraeulin, hans.fraeulin@styria.com
To: Gerald Ganglbauer, gerald@gangan.com

Lieber Gerald,

Grazer Befindlichkeiten auszuloten ist ein schwieriges Geschäft. Ich kehre bei Andreas in der Schnabelweide oder bei Peter, alles Bruchbuden am Kaiser-Josef-Platz ein und fühle mich wohl. Was soll ich da noch schreiben? Sie sind mein Ruhepol und Debattierclub zugleich. Wen geht das sonst was an? Die Leute dort reizen mich zum Ausplaudern meiner Geheimnisse. Dann schäme ich mich manchmal, beeile mich die Zeche zu bezahlen und trolle mich. Oft kommen auch Leute herein im Hubertusmantel und reden einen Scheißdreck daher, dass einem die Sau graust. So sagt man hier. Verstanden habe ich das noch nicht, die Sau graust.

Gestern war ich bei des Uhrturms Schatten. Habe ich mich wieder fast angemacht vor Lachen. Ein genialer Einfall. Das Schöne ist, dass es passiert – eine Revolution in der Ansichtskartenpoesie. Ich spotte nicht.

Gespottet habe ich über anderes. Grosso modo bringt der Grazer Mittelstand auch nur Mittelmäßiges zustande. Das will man nicht wahrhaben. Gewordene Tatsache ist nur, dass der Grazer Mittelstand aus der mittelmäßigen Kulturhauptstadt das europäische Mittelmaß feststellt. Wie ich dazu stehen soll, weiß ich noch nicht, aber wer will schon Mittelmaß sein? Ich jedenfalls nicht. Sollen wir uns bei allem Kriegsgeheul auf das Mittelmaß besinnen? Das ist zumindest langweilig. Dagegen wird angeschrieben. So schließt sich der Kreis.

Die Debatte soll schön kochen, muss dann aber Substanz bekommen…

Bedauerliche Tatsache ist, dass der einzige Verlag, der sich um die Schreibkräfte in dieser Stadt gekümmert hat, im Kulturjahr nicht vorkommt. Warum und wieso würde ich gerne wissen. Ist Droschl in seinem Büro zusammengebrochen und röchelt still vor sich hin? Oder habe ich was versäumt?

Am besten, wir machen uns auf die Suche, gehen voran, müssen uns selber schützen, sind vielleicht eher da, wo wir hinwollen. Haben wir dort hingewollt, wo wir sind?

Im Irakkrieg waren das einige der täglichen Fragen der Avantgarde – mit Schiss in der Hose und auf alles ballernd, was sich bewegt.

Von daher gesehen ist unsere Debatte ein Luxus-Manöver zum Ablenken. Günther Eichberger kann sein Lexikon wieder ins Regal stellen. Abstauben wäre nicht schädlich. Wird Florian Neuner große Augen machen. Das darf doch nicht wahr sein. Wir müssen doch…? Wir müssen gar nix.

Eine solche Haltung könnte Qualität bekommen. Wir müssen gar nichts außer scheißen. Der Satz, weswegen mein Sohn von der Schule geflogen ist. Das regt den braven Florian Neuner auf. Ach, wäre er mein Sohn. Scheißen kommt jetzt im amerikanischen Film auf Flughafentoiletten vor, um FBI-Agenten zu überlisten. Ist sicher fünf Jahre her.

Alles abgeschmacktes Zeug. Ich sage nur: Löschtaste drücken.

Liebe Grüße,
Hans Fraeulin.

----- Original Message -----

From: Gerald Ganglbauer <gerald@gangan.com>
To: Hans Fraeulin <hans.fraeulin@styria.com>
Sent: Friday, April 11, 2003 5:31 AM
Subject: Re: Einladung zur Graz Sondernummer

Lieber Hans Fraeulin,

dem 'Nachteil' habe ich gleich insofern abgeholfen, 
als deine freundlichen Zeilen nun auf unserer 
Leserbriefseite stehen. Schoenen Dank.

Freu mich auf deinen Graz-Beitrag.

Beste Gruesse
Gerald


Hans Fraeulin wrote:

Lieber Gerald Ganglbauer,
ich habe gerade bei Deiner Website hineingeschaut 
und bin überwältigt. Watzkas Problemlösungsstrategien – 
ein Hit! Ich hab mich fast angemacht. Und dann so viele 
tolle Leute in Australien. Dass Du das hier verbreitest,
hat aber auch einen Nachteil, wird mir jetzt bewusst. 
Für Lob musst du selber sorgen. Das kommt nicht immer 
gut 'rüber. Eh schon wissen. 
Auf die Lob-Site schaut keiner hin. Was hast Du vor?
Liebe Grüße,
Hans Fraeulin.

Three doors to art and literature.
Drei Tueren zu Kunst und Literatur.
www.gangan.com | www.gangart.com | www.gangway.net
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Fax: +61 2 9280 2130 - E-Mail: gerald@gangan.com

Ralf B. Korte

Von grauen Eminenzen und anderen Egomanen

1.
Zu Foren und Häusern und Akademien und ihren Benutzern

Frage: was ist ein ‘Forum’? Antwort: ‘Markt- oder Versammlungsplatz; Gerichtshof; geeigneter Personenkreis, der eine sachverständige Erörterung von Problemen garantiert’. Wir finden das Stichwort im Fremdwörter-Duden zwischen ‘Fortune, die’ und ‘Forward, der’…

Nicht nur Häuser können abgewohnt werden, auch alte Angewohnheiten ihrer Nutzer nützen nichts mehr, wenn sie abgenutzt sind. Wir sprechen dann: von Verhältnissen zum abgewöhnen. Was meist heisst: wenn Benutzung von Häusern in Bewohnung der Reputation von Häusern umschlägt, wird gewöhnlich aus Nutzen Verbrauch. Übrig bleibt das Hausen in gewohnten Verhältnissen, was stets Angst vor Unbehaustheit in sich trägt, weshalb den Hausenden das Verharren näher liegt als das Bewegen. Wenn aber der Verbrauch den Bestand angreift, greifen die Reputierten verhalten zum Hut: wer früh genug vor das Haus geht, kommt danach leichter wieder hinein. Solche Beweglichkeit ist eine besondere Form des Verharrens in verbliebener Reputation.

Für diesen Fall – oder genauer: diese Falle – benötigen die Reputierten eine Spielfigur, die bleibt, wo wenig verblieben ist: den ehrgeizigen Enkel, der schwer schon hadert mit den alten und leicht sich verheddern wird in den neuen Verhältnissen, die nicht so neu sind, wie er zu spät bemerken wird. Wahrnehmungsverspätungen oder -störungen sind übliche Kinderkrankheiten der ehrgeizigen Enkel, wissen ihre Altvorderen. Das Verheddern hat den Fall zur Folge, wissen sie auch, und für diesen Fall sind sie präpariert.

Graz gewährt dieses Spiel, dessen Ausgang gewisser ist, als die Aufgeregtheit des Gespräches darüber suggeriert, dem entnervten Betrachter in einer Ausführlichkeit, die täuscht. Ausgeführt wird, was einem Gespräch über Häuser täuschend ähnlich sieht. Ab geht solcher Aufführung die Anregung, die Spielen bisweilen mit sich bringt. An geht solche Aufführung kaum einen mehr als die schon Beteiligten.

Nebenbei aber fallen Sätze zur Sache, im vorliegenden Fall zur Sache Literatur. Altvordere, nennen wir den einen Kolleritsch, geben noch immer die Nummer vom unpolitischen Dichter, dessen Ziel eine Art von Finden und Empfinden guten Textes sei, was als eigentliche antifaschistische (freilich unpolitisch antifaschistische…) Aktion gepriesen wird, mit dem Obermotto ‘Weiter Schreiben’ (und nicht irritieren lassen vom Lauf der Zeit). Der ehrgeizige Enkel aber, nennen wir ihn beiläufig Grond, gibt den tough guy und hakt die eigene Systemumgebung unter ‘Kunstghetto’ ab, nicht ohne den zeitgemässen Aufgriff der Rede vom Verwurf der Avantgarde, und deutet auf das Doppelgestirn aus grosser Erzählung und Cyberspace (und nicht irritieren lassen, wenn da was nicht zusammen passt).

So wenig das, was an Text in Kolleritschs ‘manuskripten’ verbleibt, mit Avantgarde zu brandmarken ist, so wenig unpolitisch ist ihr Herausgeber und Exwahlhelfer für Exlandeshauptmänner. Jene Grazer, die auszogen, die Literatur zu erobern, bedienten sich experimenteller Methoden zur Ornamentierung einer Sprache, die weit mehr sich aus dem Eigentlichen speiste: dem Ins-Wort-Kommen einer Melange aus Identitäts-Überhöhung und Re-Mystifikation des ländlichen Raumes, die als kritischer Heimatroman einigen Erfolg für manche österreichischen Autoren brachte, ehe der deutsche Markt in seinen Neuen Ländern dergleichen deutscher fand (von der neuen Mode, in Geschichte verlorener Ostgebiete zu schwelgen, noch zu schweigen).

Dass Grond, nicht eben zufällig Kind solcher Schreibtradition, nun zu Schlingensiefs Freibadphilosophie wechselt, wonach der Schrei der Verdammten verdammt viel eigentlicher sei als das vordem noch grondseits gelobte Stammeln der Dichter an und in den Verhältnissen, mag an der grondschen Vorliebe für radikale Wechsel liegen: vom einstmals forumbepissenden ‘Nebelhorn’-Herausgeber zum Rambo-Präsidenten des Forums; vom TotalGrond auf Homers Spuren zum Teilzeit-Neuromancer; vom vorrechnenden zum abgerechneten Abrechner und zurück. Schlimmer ist, dass die notwendige Kritik des Selbstlaufes einer bestimmten Literatur ins ebenso Geläufige mündet: wonach die FAZ seit Jahren schon schreit und seit Jahren schon nicht mehr allein. War es früher der Grosse Lateinamerikanische Magische Realismus, ist es heute der Grosse Nordamerikanische Roman (in seinen historisch-familienepischen oder cyberspacig-kriminalgeschichtlichen Varianten), den uns die Marktbeobachter, die by the way als neoliberal Unpolitische aufzutreten pflegen, ans Herz legen. Wie sensibel diese self fulfilling prophets den Trend erspüren, der kein Trend mehr ist: der Anteil übersetzter amerikanischer Bücher bei in Deutschland verkaufter Belletristik liegt seit Jahren deutlich über achtzig Prozent…

Keine ästhetische Alternative also, nach der gerufen wird. Die Verbunkerung des Einen spiegelt sich im Zugriff aufs Populäre beim Anderen, das Primat der Fortsetzung des Gehabten begegnet der Geste absoluter Erneuerung, hinter der alter Wein in neue Schläuche gefüllt wird.

Frage: Braucht Literatur mehr Häuser? Antwort: Von Literaturhäusern profitieren vor allem ihre Hausmeister. Die Politik der knappen Kassen bedeutet, dass Geldmittel gerade eben zum Hauserhalt gewährt werden. Im Haus Beschäftigte tragen sich selbst, für Literatur im Haus müssen Fremdmittel beigetrieben werden. Zur Aufrechterhaltung des Lesungsbetriebes in der Berliner Literaturwerkstatt zum Beispiel werden Verlage zur Vorstellung ihrer Produktlinien sowie Länder zur Vorstellung ihrer Besten geladen, weil kein Budget für eigene Entscheidungen bleibt. Andere Häuser, mit besseren Mitteln, reproduzieren seit Jahren die um sie herum etablierte Hackordnung, gewähren über die Belohnung der Hausangestellten hinaus ein loses Versorgungssystem ihnen verbundener Dichter. Errichtung neuer Häuser scheint zwar etablierte Nahrungsketten auszudünnen und neue zu ermöglichen, die Erfahrung jedoch lehrt, dass Igel schneller als Hasen sind. Bin-schon-da!, rufen die Erwählten der Trümmer des Deutschsprachigen Literaturbetriebes von den Zinnen aller Häuser zugleich.

Wozu also Häuser, zumal schon genug in der Landschaft stehen? Hoffen Schriftsteller und Literaturagenten, hinter befestigten Mauern besser gegen Subventionsverlust gesichert zu sein als ohne Haus und Hof? Literaturhäuser sind Ausdruck der Angst, weiter Boden zu verlieren, indem sie zumindest ein Grundstück für die gute Sache besetzen. Literaturhäuser okkupieren den Rest an Förderpotential ohne kreative Gegenleistung.

Schlimmer noch die Errichtung einer Literatur-Akademie: Talar und Säckel als ästhetische Vision für Schreibende, die sich ansonsten mit aller nichtpoetischen Rede plagen… Denn der Dichtertypus, dem wir begegnen, entspricht häufig den Erwartungen, die von Seiten der Kulturnation und ihrer Agenten an Dichter herangetragen werden: ein ängstliches Wesen, gefüllt mit Gefühl: der sympathisch unpolitische Empfindungsmensch eben. Die Literatur-Akademie gibt das geeignete Instrument ab, Anti-Intellektualität mit stetem Einkommen zu verbinden, denn: nichts ist unserem Dichtertypus, der so gern im romantisch Obskuren verweilt, mehr zuwider als der kritisch beleuchtende Diskurs zu seinem Text. Stattdessen jedoch selbst zu sprechen, bestenfalls auf Seminarschein Lesungen eigener und geschätzter Texte vorzutragen, wäre ihm eine freundliche Alternative. Nicht umsonst vermerkt Grond, dass “vor allem die Jungen sich schon alle als Professoren gesehen haben” beim Gedanken an die Akademie. Ob Häuser, die Akademien bergen, also der Literatur zuträglicher sind als Literaturhäuser, darf bezweifelt werden. Zumal der Trend zum ‘Bin-schon-da!’ sich auch hier mit Macht ausbreiten wird.

Was aber stattdessen? Was der Literatur derzeit fehlt, sind verantwortlich – also politisch – handelnde Autoren. Das Stipendien- und Preissystem hat Missverständnisse implantiert. Dass das Befolgen von Juryvorgaben literarische Qualität belegt, ist eines davon. “Soviel Sinnstiftung und Normerfüllung ist von der Kunst lange nicht mehr öffentlich erwartet worden,” kommentiert Michael Cerha den Ablauf des diesjährigen Bachmann-Spektakels (Der Standard 29.6.98). Dass das Befolgen solcher Vorgaben einen Anspruch auf Unterhalt impliziert, ist ein weiteres. Dass das Drängeln um die paar Plätze, die dem Zirkus und seinen Beteiligten weiter Unterhaltung und Unterhalt bei schwindender Besucherzahl gewähren, als ‘Literaturbetrieb’ bezeichnet wird, ist eine weitere Fehlinterpretation, an die sich pseudogewerkschaftliche Forderungen anlagern, die sich wiederum als politisches Handeln missverstehen. Literatur aber braucht, damit sie nicht zum Appendix von Amtsstuben und Vierersitzgruppen knapp nach der Kernsendezeit verkommt, das Erproben der Verhältnisse, das Infragestellen der Produktionsbedingungen und Verfahren, nicht ihre bewusstlose (oder bewusste) Verlängerung. Dass das Imitieren experimenteller Sprachformen von der Wiederbelebung verwaschen dahinphilosophierender Pseudoepik überschrieben wird, verbreitert den Sumpf, der uns von Texten trennt, die zu lesen wären.

Die Extermination des Avantgarde-Begriffes hatte ihre Berechtigung als Abrechnung mit der braven Verschulung des Experiments und seiner damit praktizierten Entwertung, sie schüttet aber das Kind aus der Wanne, wenn sich auf der vakanten Stelle die Wiedergeburt des Courths-Mahlerschen Relativsatzes feiert. Ohne Vorhut bleibt das Heer blind, lässt sich dem Avantgarde-Verächter und selbsternannten Kunstsoldaten Grond erwidern. Nur so zu tun, als liefe man voraus, macht auch keinen grösseren Überblick, muss seinem Kontrahenten Kolleritsch gesagt werden. Dabei hält letzterer ein vielfach geeigneteres Instrument für Literatur in der Hand, als es Häuser oder Akademien sind: eine verlagsunabhängige Zeitschrift, die bestenfalls Testgelände solcher Projektierungen ins Ungewisse sein kann. Diese Chance wird in den ‘manuskripten’ hartnäckig verspielt. Dass Kolleritsch seit Jahrzehnten dafür garantiert, dass es mit ihm keine Experimente gibt, macht – in seiner Auswirkung auf das von Graz aus Wahrnehmbare und in Graz Veranstaltbare – einen Gutteil der Gründe für den Fall der Dinge aus.

So schwer wiegt der Alpdruck der Fixierungen, dass auch Grond in seiner Abrechnung nicht anders kann als in peinigender Ausführlichkeit die Intima der immergleichen Clique auszubreiten. Irgendwo in seinem Buch vom Soldaten und vom Schönen (was angesichts der Horrorszenarien patriarchal-anarchischer Unflätigkeit, die aufgedeckt werden, nicht umsonst mit der spätromantischen Phrase von der Schönen und dem Biest spielt) wird einmal jemand in die “Hinterhöfe und Abbruchhäuser zu den Jungen” geschickt, die bei Grond so namenlos bleiben, wie sie bei Kolleritsch gesichtslos sind. Knapp bemessene Aufmerksamkeit für die Welt jenseits der Mauern des Hauses; Kehrseite einer Festlegung auf Grössen, die nur behauptet werden, ohne gefüllt werden zu können.

Was aber wird aus dem Forum? Die Grondschen Forderungen nach Bereitstellung von Infrastruktur ist für Literatur absolet: Eine Autorengruppe, die von dort erneut den Auszug plant, um was auch immer zu erobern, ist nicht in Sicht, die Kompetenz für ein konsequentes literarisches Veranstaltungsprogramm ebensowenig. Wir werden das Forum vermutlich dennoch vermissen.

[anm.: dieser text aus dem august 1998 war für die grazer tageszeitung ‘NZ’ verfasst und wurde – leider – nicht veröffentlicht]

2.
zur sache literatur: nachtrag

der nach stehende beitrag war teil eines newsletters der perspektive – online (http://www.perspektive.at) und ist mitte januar 99 als nachtrag zum NZ artikel entstanden.

jenseits der geschilderten konflikte ist literatur für die derzeit verantwortlichen des forum stadtpark nicht wichtig genug, um weiter ein selbständiges literarisches programm zu verantworten. stattdessen erhält alfred goubran, verlagschef der ‘edition selene’, die gelegenheit, unter dem titel “front ? literatur für eine besetzte stadt” sein verlagsprogramm mit steirischer landesförderung zu bewerben. dies demontiert den ort, dem sich die bedeutung von graz als künftiger ‘kulturhauptstadt’ verdankt. es scheint klar zu sein, dass die kampflose preisgabe des forum-renomées seitens verantwortlicher kulturpolitiker nichts anderes bedeuten kann als das vorliegen fertiger pläne für die zeit danach. die jungs im stadtpark wissen das auch. ihnen ist kollaboration (der geeignete begriff angesichts der goubranschen wortwahl) bequemer als widerstand gegen den eigenen zerfall. dabei wird eine melange aus pop-strategien der 70er mit aktuellen poesien im rückwärtsgang favorisiert von einem, der es den bislang etablierten schon immer irgendwie zeigen wollte: das ‘front’-vokabular entstammt der üblichen emporkömmlingsrhetorik, hinter der sich träume von totalen siegen verstecken. die ‘besetzte stadt’ wird es zum anlass nehmen, sich hinter weit tradierteren vorstellungen neu zu formieren. der zug fährt rückwärts, wenn der herausgeber der ‘lichtungen’ berufen wird, das literarische programm der ‘kulturhauptstadt’ zu gestalten…

und wo stehen die nachfahren der experimentellen tradition in österreich? sie schreiben weiter unter preisgabe der eigenen position. hinter den kulissen steht ein böses F: solange haider nicht den spielverlauf bestimmt, scheint auf der bühne zu bleiben schon genug. das sich-festklammern am status quo entspricht einem verzicht auf notwendige selbstbestimmung, denn das abwarten des eintretens einer existenziellen bedrohung (durch löschung bisheriger kulturbudgets in womöglich völkischem interesse) stellt keine handlungsalternativen bereit. das ‘noch’ weiter schreiben überhöht sich in der zwischenzeit zur widerstandsgeste, die mit der ständigen angst, aus den schon charakterisierten reproduktionsverhältnissen für nicht vermarktbare literatur zu fallen, verschmilzt zu einer hilflosigkeit, die an lähmung grenzt – einer lähmung allerdings, die sich nicht im zusammenbruch der eigenen literarischen produktion zeigt, sondern im fortschreitenden verlust der diskursfähigkeit. darauf justiert, im ‘noch’ gegebenen das mögliche für sich zu nutzen, werden von den nachfahren der experimentellen tradition in österreich auch experimentelle verfahren als bedrohlich isoliert, die nicht auf der spur der eigenen tradition verbleiben. “experimentelle tradition” wird so zu melancholischer verkapselung als ästhetischer methode ? unter preisgabe eben des begründungszusammenhanges, dem sich die eigene ‘noch’-position ursprünglich verdankt.

‘weiter schreiben’ wird so zum label einer literatur, deren hersteller die frage der fortsetzung der produktion über die frage der relevanz der produktion stellen – und sich gegen die frage der relevanz abschirmen mit demselben ideologieverdacht, dessen sich kulturkonservative kreise bis hin zu den sonst gefürchteten völkischen elementen bedienen. die österreichtypische verquickung von autoren- und verlegerposition befördert dieses ‘weiter schreiben’ zusätzlich, indem sie einer cliquenwirtschaft sich wechselseitig publizierender autoren vorschub leistet. so positiv eine stabile, staatsgeförderte kleinverlags-szene für eine vielzahl von ästhetischen ansätzen sein könnte, so negativ wirkt sie, wenn sie zum selbstbedienungsladen für einen begrenzten autorenpool verkommt, der im lauf der zeit bei allen zur verfügung stehenden verlagen seine publikationen plaziert, bis tendenziell jeder im pool vertretene autor bei jedem der verlage vertreten ist…

solche all-in-all-situationen sorgen dafür, ästhetische oder kulturpolitische differenzen erst gar nicht entstehen zu lassen, sondern stattdessen einer strategie der schliessung zu folgen, deren psychosoziale komponente um den angesprochenen ideologieverdacht ergänzt wird. dass dieser sich diffus gegen literarische konstruktionsmuster richtet, die in österreich nie irgendeine bedeutung erlangen konnten, aber schon in der mini-manuskripte-debatte am ende der sechziger jahre (m 25-27) gegenstand der abgrenzung waren, ist kein zufall: ideologiebereinigtes ‘weiter schreiben’ ermöglicht unauffällige erfüllung der förderbedingungen, täuscht die fraglosigkeit der eigenen produktion vor, erspart die analyse der produktionsbedingungen und -verfahren…

es ist ein diskursives vakuum entstanden, das den diskursverzicht als allgemeine handlungsmaxime implantiert. so gab es nach der ablösung gronds eine reihe hilfloser ‘solidaritätslesungen’ zur aufrechterhaltung eines literaturprogramms im forum stadtpark, anstatt die krise für eine kritische bestandsaufnahme der literarischen institutionen und des umgangs der autoren mit ihnen zu nutzen. an die stelle möglicher selbstverantwortung schiebt sich passive hoffnung, es werde schon irgendwie weitergehen und man selbst bleibe teil davon. so fehlt nach der usurpation goubrans erneut jeder impuls, sich der auflösung der wichtigsten autorenverwalteten institution österreichs entgegenzustellen.

die frage nach den ‘nachfahren der experimentellen tradition in österreich’ wirft noch eine weitere auf: wieviele der nachfahren fühlen sich noch einer experimentellen tradition verpflichtet? der begriff ‘experiment’ ist unter das verdikt der ideologie-bereiniger geraten, die ihren aufschwung parallel zum kollaps staatssozialistischer systeme erfahren haben und noch weiter erfahren. dass hierbei ‘experimentelle literatur’ gern mit ‘totalitärer struktur’ identifiziert wird, gehört zu den treppenwitzen des sogenannten ‘postideologischen zeitalters’ nach dem ende der sogenannten ‘postmoderne’, die häufig genug als philosophische hülse des sich vollziehenden ‘wertewandels’ zu dienen hatte (zu erinnern wäre an die weise der verbreitung ‘postmoderner philosophien’ als ergebnis direkter förderung durch konservative regierungen z.b. in frankreich und deutschland: eine beschreibung dieser steuermechanismen zur herstellung ‘postideologischer’ zustände steht noch aus…). dass literaturwissenschaftler sich mit arbeiten zum zusammenhang von experimenteller literatur und staatlicher unterdrückung hervortun, erinnert an zeiten, da böll, grass und walser in westdeutschland die verantwortung für die aktionen der RAF zugeschoben worden ist – von damals allerdings kaum ernstgenommenen rechten wissenschaftlern und politikern. im ‘postideologischen zeitalter’ verbietet sich eine kritik solcher unterstellungen schon deshalb, weil sie ‘ideologisch’ argumentieren müsste im sinn einer kritik des neokonservativen umbaus von linksintellektuellen szenen, deren verständnis für vermeintlich dekadente auswüchse des bürgerlichen systems nie das grösste war. auf diese argumentative umgebung bezogen muss die aufkündigung von konzepten wie ‘experiment’ und ‘avantgarde’ gelesen werden. dass viele der jüngeren autoren mit kaum mehr ‘ideologie’ konfrontiert worden sein dürften, als sie zeitweilige wohngemeinschaften in den achtzigern bereitzustellen wussten, gibt den aversionen dieser generation etwas fast belustigendes.

die aufkündigung von konzepten wie experiment und avantgarde bedeutet jedoch die aufgabe künstlerischer autonomie. das hohelied der ‘guten literatur’ wird gesungen mit dem refrain ‘nur wer nur schreibt gut’, doch interesseloses wohlgefallen ist allenfalls als rezeptionsmuster re-etablierbar, es war nie ein herstellungsverfahren. für ein gespräch, das nach strukturen, paradigmen und deren historischer entwicklung fragt, ist die verwendung von begriffspaaren wie ‘kanon versus experiment’ unerlässlich. wenn autoren aufhören, sich einem gespräch über die eigenen erkenntnisinteressen zu stellen, um stattdessen ein phänomenales palaver zu betreiben, dessen thematische vielfalt an die der nachmittags-tv-talks heranreicht, aber jeden vorstoss zum betriebskern unterbindet, dabei via symposium, kolloquium und wochenendbeilage verwertbaren nutzen erbringt im sinn ‘noch’ oder gar ‘nunmehr’ vitalen kulturschaffens, unterwerfen sie sich interessen, die ? abgesehen von materieller teilhabe ? nicht die ihren sind. sich auf gefällige belieferung eines agenturgestützten literaturbetriebes reduzieren zu lassen entspricht der aufgabe von autonomie, daran ändert ‘weiter schreiben’ sowenig wie hektische teilnahme an sovielen events wie möglich.

es gilt, den begriff avantgarde von der engführung auf die ‘historische avantgarde’ zu befreien. der terminus ‘historische avantgarde’ ist teil eines argumentativen bestrebens nach reorganisation kultureller entwicklung in epochen, die es erlaubt, bestimmte ästhetische fragestellungen bestimmten zeitabschnitten zuzuordnen. ‘historische avantgarde’ als zeitgenosse sich entfaltender antibürgerlicher und totalitärer ‘weltanschauungen’ kann so leicht an diese rückgekoppelt und mit ihnen für obsolet erklärt werden. die erwähnten literaturwissenschaftlichen untersuchungen verdächtigen jeden experimentellen ansatz, weil die veränderung vorliegender ausdruckssysteme den willen zur ‘weltanschaulichen’ veränderung der rezipienten in sich berge, was die forderung nach umerziehung dieser rezipienten nach sich ziehen müsse (ein vorwurf, der, auf die allfälligen veränderungen naturwissenschaftlicher verständnisse angewendet, für absurd gehalten würde). die in der mehrzahl der feuilletons lesbare abwertung noch auffindbarer ‘kopflastiger’ kunst/literatur/etc. wird mit dem nämlichen verdacht gegen ‘zuviel gewolltes, zuwenig erfühltes’ in stereotypen formulierungen intensiviert, als gälte es, sich von einer art übermächtiger kubistischer diktatur zu befreien. auf der gegenseite findet sich das lob der lebendigen empfindung und organischer authentizität, die als ‘anthropologischen grundkonstanten’ unterliegend definiert wird. während das gewünschte (die kanonisierten ausdrucksformen mit konstanter emotionaler motivation) ins überhistorische gehoben wird, lässt man das unerwünschte (die experimentellen konzepte und mit ihnen das experiment als intellektuelles konzept) ins überwundene fallen. solche operationen sind dem philosophischen gehalt nach ideologisch.

“die avantgarde sichert durch aufklärung: ihre systembeobachtung dient der selbsterhaltung des systems. wie aber sichert sich die avantgarde vor dem system? durch verschärfte beobachtung und grössere beweglichkeit,” schreibt dagegen hannes böhringer. die rückbesinnung auf den militärischen terminus ergibt einen sinnvolleren umgang mit den begriffen: ‘vorhut’ stellt ein handlungskonzept dar, das eine bedingung des funktionsfähigen gesamtsystemes ist. dabei unterliegt die vorhut notwendig anderen verhaltensgrundsätzen als die nachrückende hauptmacht, die sich hier mit ‘kanon’ übersetzen lässt (kanon definiert sich sowohl in der definition massgeblicher ästhetischer verfahren als auch in der konstitution einer begrenzten menge massgeblicher werke sowie vorbildhafter lebensentwürfe für die hersteller massgeblicher werke).

die von der vorhut geleistete erkundung setzt, indem sie jeweilige gegebenheiten der erkundeten umgebung als geforderte verhaltensanpassung an die hauptmacht zurückmeldet, eine permanente infragestellung des je konstitutiven settings der hauptmacht voraus. koppelt sich die hauptmacht von den erfahrungen der vorhut ab, bleiben ihr zwei alternativen: das errichten befestigter stellungen und der damit einhergehende verzicht auf weitere bewegung/entwicklung oder das vorrücken nach gutdünken bzw. auf der grundlage bisher gemachter erfahrungen. beide verhaltensweisen lassen sich für das system literatur identifizieren. einerseits der rückzug in die stellungen: literatur verändert damit, wenn auch für den rezipienten vorerst unmerklich, ihre systembedingung, indem sie vom konzept ‘bewegung’ zum konzept ‘festung’ wechselt. dies impliziert den wechsel von erfahrung zu behauptung bzw. ergibt den ‘grossautor’, der zur abendstunde zufrieden zwischen marmorrepräsentationen seiner literarischen figuren wandelt. andererseits das vorrücken auf neues gelände in althergebrachter art: die literarischen ‘bewältigungen’ fluktuierender persönlichkeitskonzepte und sich verändernder medialer bedingungen mit der folge gesamtsystemischen wandels stapfen dann als ‘terrordrom’ über die bühnen, dass es nur so schillert…

für verzichtbar wird das avantgarde-konzept jedoch nicht allein von den hohepriestern des kanons gehalten, sondern ? wie schon erwähnt ? auch von den verstreuten nachfahren jeweiliger experimenteller tradition. diese, überflüssig geworden für die festungskommandanten, versuchen sich einigermassen vergeblich als nebenkanon zu behaupten. dass ihre verhaltensgrundsätze und produktionskonzepte zu denen des kanons sich als inkompatibel erweisen, lässt sich für eine periode der am-leben-erhaltung ‘noch’ ignorieren, jenseits staatlicher förderung zerfallen die schmalen aussenforts schnell; was im übrigen die ambitioniertesten unter den nachfahren der experimentellen tradition dazu motiviert, rechtzeitig ins lager des hauptkanons zu wechseln. der einstieg wird dabei stets über die rückschau auf historische konzepte gewählt, sei es als nachgeburt nestroys oder als raketenstations-dante.

die funktion der beobachtung wird von böhringer als ‘systembeobachtung’ beschrieben, die neben der erkundung der systemumgebung auch die observation des systems selbst beinhaltet. dies weist der avantgarde eine weitere aufgabe zu, die das herkömmliche ‘vorhut’-konzept überschreitet. die kritik des kanons aus den erfahrungen, die sich an den systemischen rändern ergeben, wird durch die kritik der wechselseitigen beziehung von vorhut und hauptmacht als bedingung für den erhalt des gesamtsystems ergänzt. gerade in zeiten umwälzender veränderungen in der systemumgebung wird diese aufgabe der avantgarde wichtig, um lebenserhaltende impulse an das system weitergeben zu können.

als taktische massnahme empfiehlt böhringer neben schärferer beobachtung eine höhere beweglichkeit. fordert das eine die entwicklung des beobachtungsinstrumentariums, um bessere fokussierung, höhere bildschärfe sowie sich erweiternde mustererkennungsverfahren zur verfügung zu stellen, stellt das zweite eine empfehlung zu einer wahrnehmung durch positionswechsel dar: wer den standort variiert, verfügt über mehr perspektiven, und wer die bewegung zwischen den aufenthalten seiner praxis als instrument hinzuzufügen vermag, erhöht nicht nur die erkenntniswahrscheinlichkeit, sondern ermöglicht der wahrnehmung einen dimensionalen sprung. ein solches konzept von avantgarde installiert einen mehrdimensionalen wirkungsraum für literarische systeme, freilich um den preis erhöhter systemkomplexität.

standardisierbare abweichungen wie z.b. serielle anordnungen, die in das kanonisierte sprachsystem eine überschaubare menge von variablen einführen oder umgekehrt dem system eine überschaubare menge von elementen entziehen, mögen helfen, die mechanik schon etablierter sprechweisen zu exemplifizieren, also einen blick ins vorliegende system zu erlauben. wäre die aufgabe der avantgarde darauf beschränkt, die zur verfügung stehenden mittel ins bewusstsein zu rufen und neu zu justieren, könnte eine solche ‘experimentalsituation’ (die tatsächlich versuchsanordnungen rekonstruiert, die dem funktionieren des schon etablierten kanons zugrunde liegen, nicht jedoch auf der grundlage neuer paradigmen experimentiert, die in bislang unerschliessbare bereiche vorzustossen erlaubt) als ausreichend empfunden werden. die überhaupt noch anerkennung findenden ‘experimente’ sind von dieser art, die konfrontation mit systemumgebungen ergibt jedoch einen anderen handlungsbedarf.

dass experimente und avantgarde-verständnisse, die sich der ungleich diffizileren aufgabe des ‘doublebind’ von fremderkundung und selbstbeobachtung stellen, von den vertretern des ‘traditionellen experimentes’ mit grösster feindseligkeit beiseitegeschoben werden, erklärt sich aus dieser differenz von einblick und ausblick.

während der bedarf an exemplarischen experimenten begrenzt ist, bedeutet das überschreiten des schulmässigen experimentellen rahmens ein ausloten neuer verfahren, was auch das scheitern neuer versuchsanordnungen impliziert: ‘fehlversuche’ stellen in einem erkundungsprozess sogar notwendige impulse zur herausbildung neuer erkenntnismodelle dar. avantgarde erweitert den horizont, indem sie sich in der begegnung mit unbekanntem als verwundbar erweist. die tendenz vieler experimenteller verfahren, sich im zuge ihrer etablierung zu verhärten (meist mittels beibehaltung einmal gewählter verfahren, häufig sogar deren fortschreitender standardisierung), entspricht einem rapiden abnehmen der wahrnehmungsfähigkeit über den einmal gefundenen punkt hinaus (was von den davon betroffenen in der regel nicht wahrgenommen wird, da sich ihnen, in einer sehnsucht nach ordnung der welt unter nunmehr eigenen paradigmen, im ergebnis der abschottung räume zu öffnen scheinen, die allerdings hinter ihnen liegen, also bereits durchquert worden sind).

die an den rändern notwendige höhere geschwindigkeit bringt ausserdem mit sich, dass klare identifizierungen erschwert werden. das springen zwischen standorten und beschleunigungen hat eine form ‘avantgardistischer identität’ zur folge, die sich nicht unter etablierten wiedererkennungsmustern subsumieren lässt, sondern fluktuiert. verortbar zu sein stellt für avantgarden eine systemische bedrohung dar, was die unattraktivität von avantgarden für vermarktbares kulturschaffen wesentlich zur folge hat.

identifikation gehört zu den grundvoraussetzungen des überlebens im vorliegenden literarischen raum ? dank der subjektstiftenden aufgabe, die der schriftkultur in bürgerlichen systemen zugewiesen wird. das vom literarischen kanon legitimierte experiment ist daher stets das bereits identifizierbare, dessen zulassung erfolgt, wenn es keinen erkenntnisgewinn mehr zu erbringen imstande ist. verortbarkeit ist daher funktionsvoraussetzung für kanonisierte experimentpositionen, die nur so (unter förderbedingungen) adressierbar bzw. (als event) identifizierbar gemacht werden können.

ein grundmechanismus, mit dem sich der kanon gegen angriffe auf seine position/legitimation zu wappnen versucht, wenn er über kreativere operationskonzepte nicht mehr verfügt, besteht in der massierung seiner kräfte. die macht der zahl, der aufmarsch möglichst vieler etablierter namensträger, war stets übliches abschreckungsmanöver, wenn es galt, in stellung zu bleiben. welches mass an bedrohung zur stunde besteht, mag an der tatsache abgelesen werden, dass im jahr 99 das wochenmagazin ‘die zeit’ zweiundfünfzig namensträger des literarischen betriebes für die verfassung eines fortsetzungsromans verpflichten konnte: eine art letztes aufgebot gegen den wahrnehmungsverlust, dem das literarische system nach preisgabe seiner avantgarden ausgesetzt ist. dass solche textreihen, wo der zweite die figurenkonstellationen des ersten weiter zu erzählen hat, den klippschulmethoden der creative-writing-kurse entsprungen sind, zeigt den taktischen rückfall der literatur auf landsknechtniveau. wer nichts mehr erkennen kann, muss eben alte waffen putzen. man könnte aber auch sagen, dass es einen an ein paar spannendere kindergeburtstage erinnert.

[anm.: dieser text wurde im grazer feuilletonmagazin schreibkraft veröffentlicht, darunter eine notiz der herausgeber, in der sie sich vom inhalt distanzierten; letzten herbst bei einem auftritt perspektives im forum stadtpark distanzierte sich einer der herausgeber von seiner damaligen distanzierung und ergriff partei für p’s avantgarde-update-diskussion.]

Prasenjit Maiti

Prose Poetry from India

Sound of Silence

You are there and you are not as the doors would neither open nor close and I may see you now while the very next moment my sorrows blind me, my sorrows that are quite so gay and straight and black that I may not see you dressed in white in a darker room and smiling for a moment as you are angry like evermore … I may even touch you in the nude and may or may not feel jovially embarassed, my new found delights that pain me like nobody’s business as you are always there and never once haunting my rich city of memories, the Chinese downtown and the WASP*) countryside, my poor city of oblivion and joyous hatred … You are there and you are not as the doors would neither open nor close like a clash of cymbals that I may or may not enjoy like Coca-Cola as you are there and you are not dressed in white and naked stark …

*) white anglo saxon protestant /
weisser angelsächsischer Protestant

Klang der Stille

Du bist dort und doch nicht, so wie die Türen sich weder öffnen noch schließen, und ich kann dich jetzt sehen, während schon im nächsten Augenblick meine Sorgen mich blenden, meine Sorgen, die so nachdrücklich und direkt und schwarz sind, dass ich dich nicht einmal in weiß gekleidet in einem dunkleren Raum wahrnehmen kann, einen Moment lächelnd, wo du doch zorniger bist als je zuvor … Es mag sogar sein, dass ich dich in deiner Nacktheit berühren darf und mich in heiterer Verwirrung empfinde oder auch nicht, meine eben erst gefundenen Freuden, die mich so sehr quälen wie nichts einen Menschen quälen kann, da du immer dort bist und doch nie wieder meine reiche Stadt der Erinnerungen aufsuchst, das chinesische Viertel und die Landschaft der WASP*), meine arme Stadt aus Vergessen und fröhlichem Haß … du bist dort und du bist nicht dort, so wie die Türen sich weder öffnen noch schließen, wie das Anklingen von Zimbeln, die ich genieße oder auch nicht, wie Coca-Cola, da du dort bist und nicht in weiß gekleidet and gänzlich nackt …

White Diamonds

Your white chiffon burns as the sky burns in Calcutta and I dig inside molten sundae and ketchup like religion like recluse like fantasy, your white chiffon burns as I admire the riverfront and the bridge girdled like chastity, the breeze and its fragrance like a woman in season and panting, your white diamonds burn like your eyes, black like Bengal’s sorrows and ranting, your white diamonds burn like ashes like Coventry like merry sex like royalty

Weisse Diamanten

Dein weißer Chiffon brennt wie der Himmel über Calcutta und ich vergrabe mich im Becher mit schmelzendem Eis und Ketchup wie in Religion, in Klausur, in Phantasie, dein weißer Chiffon brennt, während ich die Flußpromenade bewundere und die wie ein Keuschheitsgürtel wappnende Brücke, die Brise und ihren Duft wie eine Frau in der Schonzeit und schwer atmend, deine weißen Diamanten brennen wie deine Augen, schwarz wie die Schmerzen Begalens und tobend, deine weißen Diamanten brennen wie Asche wie Coventry wie fröhlicher Sex wie ein Königreich

Calcutta Oh Calcutta!

My City never sleeps and can never live down her boisterous indifference whenever there are those dark rain clouds hovering across the skies of Bengal. I know her vanity and inanity and sick desires and yet cannot do anything to redeem her glory that is rightfully hers. Calcutta my beloved is a cat crossing the thoroughfares of sorrow and desperation like myself, Calcutta my desire is myself driving my auto in confusion into the night. My City nowadays never even dreams her colonial dreams of grandeur and divide and rule. My City never ever sleeps the sleep of the dead or divine.

 

Calcutta oh Calcutta!

Meine Stadt schläft niemals und wird nie ihre heftige Unbekümmertheit zu Tode leben, wann immer diese dunklen Regenwolken über den Himmeln von Bengalen hängen. Ich kenne ihre Eitelkeit und ihre Hohlheit und kranken Wünsche und kann dennoch nichts tun, um ihren Ruhm wieder zu erlangen, der ihr zurecht gebührt. Calcutta, meine Liebe, ist eine Katze, die die Durchgangsstraßen aus Schmerz und Verzweiflung überquert wie ich selbst, Calcutta mein Begehren, das bin ich, der seinen Wagen in Aufgelöstheit durch die Nacht fährt. Meine Stadt träumt heute nicht einmal ihre kolonialen Träume von Größe und Erfindergeist und Herrschaft. Meine Stadt schläft niemals den Schlaf der Toten oder Begnadeten.

Übersetzung aus dem Englischen: Petra Ganglbauer

 

Paul A. Skec

one or some ov these

bredd fr the hubwar

scrap fr the farshore
smokechains
cut by propsmoke
the litepoint phalanx
on frontline’s edge
alesunk
bubbleburst
knives poisontippd
mists part

°°°°

mirrord
the shades ov defeat
curl & swurl
unfurl on the wurld

°°°°

people front frantic
‘bout cracking under stress
newsflash
newflesh
newsflash
flesh don’t crack
minds have shells not
skulls they crack shatter splinter
knuckles
yeh, they crack

°°°°

this

this is where we are and have been
words are but a fragile cloak
shielding us from attaining infinite grace
this is how we live—this is where i cry
this is water wasted on what’s dead
we all want blessings
until that movement
what shall we leave behind?

this is who we call on—this is where we stand
we are but motes cosmic
riding an inviolable wave ov lite
this is where i fall—no need for nation now

this is no call to arms no revolution or holy dollar war
ask not for freedom—ask not for slavery
we drink not your blinding beer we live not in fear’s shadows
live not for soft sweetness—dreem ov a shading tree

°°°°

redeem yrself

I

cold pain burns thru hands numb
scarred—by bones
ov snapping dead trees
saplike—blood oozes from scrapes minor
fires bounce off his eyes

II

at a chunky log chopping axestrokes many micrologs in sawdust
a murderzone blassted when comes the splintering blow
into urth—all thought drains the edge curves—grounded
its ark bites with gravity a chink—shrieklike it sags—flames leap

III

another room—above embers strange
the log rests—orange licked lasciviously
by lean tongues ov flame pale—yellow, darting
white squared the distorted cylinder
cracked, charred—it pops, snaps & krunkles

°°°°

thru a distracted mirror

tymes are bleak—this vehicle stills
not even music—kan change,
power nor salve the residence
in the silence ov slalom

bleak tyme is urthforce
evol:ution in calm ov traveltruth:
know music is out there—
isolated no movement w/out mutation

on the flip—sigrdrifa seducts
reneural ov liberation shellterborne
music layers the sacred flame:
“listen—it’s getting closer” ethers urn release

compulsion ov music—
trance ov vast serenity here catalysts slip
to the well, resistense timeout no loss
looser flip: vigilant impulse instils flame—
swanskin sought eternal
the layer is sacred—
soundpatterns connection: beware chants incomplete

“mission control has—no further comment”

°°°°

Tim Hayden

After the Wedding Speech

(Zell Am See 06 April 2002)

My Spanish two year old and I rent a small, electric, wooden, laquered boat:
It sizzles
and parallel ducks
race our wake
in Ws.

Reaching the middle of the lake,
the Tirolean Alps spill onto the foredeck –
Agua worth pointing at
So I cut the engine into the turning sky

as three swans ride downwind
as quack quas do
spending the warmth between shadows
We chase them to feed them crackers and ask:
“Is the fatherland now where you love?
Or is it where the land declines
to sleep back to back
in chop?”

We return,
throwing pasitas overboard
One by one for our last one half hour
My son wording speed.

Beside a block-lettered woman’s name
The boatman rubs and chalks our finish time

legible from ten metres
I show-off –
A powerless docking, without a bump:
Manly Ferry
Perfekt.

Daniela dos Santos

Khadija, the old Berber

When I visited Merzouga, in the northeast of the Sahara Desert, I met the woman who most impressed me in all Morocco. Her name was Khadija and she would be about seventy years old. One of her four sons, Hassan, was the owner of an inn and organized camel expeditions through the desert. My two travel fellows and I met him on the road to Er-Rachidia, when his jeep overtook our car and he signaled us to pull over. We acceded to his request and saw walking towards us a man of average stature, dressed in a blue djilaba and a black turban, leaving only his brown face free. He was Hassan Anaam. He gave us indications about the region, offered himself as a guide and we agreed to be housed at his inn.

The following morning, when the sun stretched its first rays, Hassan took us to visit Merzouga. The golden village, diluted in sand and dust, blessed for a small oasis. There, every bit of soil was profitable and each family had a piece of land to cultivate. After visiting the village by foot and when we got visibly distressed by the intense heat, the nice and hospitable Hassan invited us to rest at his mother’s home.

Khadija lived in a cool, earthy coloured house, similar to all the other habitations in the village. When we entered the only room of the house, Khadija hid her face with her black veil. “Salam”, she told us with a firm voice as she fixed her dark eyes on us. We returned the greeting and she continued to follow us with her stare, even while we sat in front of her, on a mat covered with colorful blankets. On the left side of the room, near a small window, there were five wooden platforms one piled up with five mattresses and five cushions touching the ceiling. The beds were laid down every night for the family to sleep, and every morning they were piled up again, to occupy less space.

The woman offered us mint tea and dark bread cooked in the community’s firewood oven. We delighted ourselves with the bread, the best we had eaten in Morocco, but I couldn’t stop being ashamed for being there, in front of the old woman, wearing shorts, clothes that were against the Moroccan tradition. She continued to observe me, making me feel even more disrespectful.

After a while, Khadija released the veil and her wrinkled face showed two black tattoos, one on her forehead and the other on her chin. Curious, I asked Khadija if they had any meaning. It was Hassan who answered me, because his mother didn’t speak Castilian or any other language beyond her Arabic dialect. Khadija was a Berber and followed her people’s traditions. At the time when identity documents did not exist Berbers used to tattoo on their forehead the symbol of the tribe they belonged to and on the chin the only symbol that distinguished them from the other members of the tribe. In the case of Khadija, her forehead tattoo meant that she had been married, divorced and married again. The chin tattoo indicated the number of children she had. I asked Hassan if men also had those tattoos. He laughed, as if the answer was obvious – only women had them.

In her dialect, the old woman praised the two berber bracelets that I had on my arms, made of silver by hand and evoking traditional symbols, and the purple veil that was sliding off my hair all the time. Khadija continued to look fixedly at me, ignoring the story that her son was telling us about the trip that he had made in the previous year to South Italy.

Many cups of tea later, we decided to go back to the inn to get ready for a walk in the desert and to see some of the world’s highest dunes. We were already thanking the hospitality of the Anaam family when, unexpectedly, Khadija uttered something that made her son laugh. Hassan came to me and told me what his mother had said: “The Fátima has got the prettiest legs I have ever seen”. I blushed and thanked the unexpected compliment, but reminded them that my name was not Fátima. The Berber laughed even more and explained that Fátima was the name of the Maomé Prophet’s daughter and, as the legend goes, she was a beautiful woman. Therefore, Berbers call Fátima to all pretty women. Moreover, he explained, it was a form of the old woman saying that she accepted me as being equal to her, as if I also was a Berber.

Of course the Berbers would never say the prophet’s daugther was ugly but, at that moment, Khadija made me feel at home. I felt protected, even though my true home was thousands of kilometers away, in the north, in a place she probably had never heard of.

Peter Paul Wiplinger

Translated Poetry from Vienna

AUSBLICK AUF DEN SEE

grün ist alles hier
in der landschaft

bäume und wasser
am ufer das schilf

das hohe farnkraut
sträucher und gräser

graublauer himmel
wölbt sich darüber

liebliche landschaft
als gäbe es frieden

und nirgendwo
krieg

Kloster Glendalough
Dublin, 6.8.1999

LOOKING ACROSS THE LAKE

everything is green here
in the countryside

water and trees
reeds on the shoreline

the high bracken
ferns and grasses

blue grey sky
curving above

lovely landscape
as if there were peace

and nowhere
war

Glendalough
Dublin, 6 August 1999
Translated from the German by James A. Ritchie

ZWISCHEN HIMMEL UND ERDE

zwischen himmel
und erde

der horizont
das niemandsland

zwischen himmel
und erde

das grauen
der völkermord

zwischen himmel
und erde

der vogelflug
der vogelschrei

zwischen himmel
und erde

die grenze
der freiheit

zwischen himmel
und erde

die wolken
der regen

die kälte
der schnee

BETWEEN HEAVEN AND EARTH

between heaven
and earth

the horizon
no-man’s-land

between heaven
and earth

terror
genocide

between heaven
and earth

the bird’s flight
the bird’s cry

between heaven
and earth

the border
of freedom

between heaven
and earth

clouds
rain

coldness
snow

Translated from the German by Herbert Kuhner

FARBENLEHRE

das wasser ist
mit blut vermengt

das wasser
dieser erde

was sollen mir
die bunten farben

von generalen
von kardinälen

in ihren uniformen
in ihrem prunkornat

da war
der schwarze zug

und später
leichenberge

was soll die welt
in maske und kostüm

der tod
hat keine farbe

wer tot ist
ist nur tot

LESSON IN COLOURthe water is mixed
with blood

the water
of this earth

what sense is there
in the bright colours

of generals
of cardinals

in their uniforms
in their splendid robes

there was
the black train

and later
piles of bodies

what sense is there in a world
of masks and costumes

death
has no colour

the dead
are just dead

Translated from the German by Herbert Kuhner

LITERARISCHES PROGRAMM

gegen jeden staat
der sich absolut setzt
werde ich widerstand leisten

gegen jede partei
die sich absolut setzt
werde ich widerstand leisten

gegen jede religion
die sich absolut setzt
werde ich widerstand leisten

gegen alle die nach macht streben
nur um macht zu erreichen
werde ich widerstand leisten

mit meinem handeln
mit meinem wort

LITERARY PROGRAMME

any country
that claims to be absolute
I will resist

any party
that claims to be absolute
I will resist

any religion
that claims to be absolute
I will resist

all those who strive for power
just to achieve power
I will resist

with my actions
with my words

Translated from the German by Hilde Spiel

POESIE

dasitzen und nachdenken
ein gedicht schreiben

indes die anderen sterben
durch krankheit und hunger

durch krieg und gewalt
durch gleichgültigkeit

dasitzen und nachdenken
ein gedicht schreiben

während tag für tag
der urwald brennt

sich das klima verändert
die welt vergiftet wird

dasitzen und nachdenken
ein gedicht schreiben

wort für wort setzen
ordnungsgefüge aufbauen

tag für tag versuchen
am leben zu bleiben

in der sprache lebendig
zu sein im gedicht

POETRY

sitting there and thinking
writing a poem

while others die
due to disease and starvation

due to war and violence
due to indifference

sitting there and thinking
writing a poem

while day after day
the forest burns

the climate changes
the world is poisoned

sitting there and thinking
writing a poem

placing word after word
constructing a system

day after day
trying to stay alive

living in language
living in a poem

Translated from the German by Herbert Kuhner

LIEBESGEDICHT

als du sagtest
der sommer ist
zu ende

da fiel
der schatten

deines gesichtes
auf mich

draußen flogen
schon möwen

und das herz
begann

einzufrieren
in der kälte

wer dachte ich
wird im frühling

da sein für mich
wenn die magnolien
blühen voll pracht

LOVE POEM

when you told me
that the summer
is over

the shadow
of your face

fell
on me

outside the seagulls
were already flying

and my heart
began

to freeze
in the cold

who will be here
for me in spring

I thought to myself
when the magnolias
bloom in their splendor

Translated from the German by Herbert Kuhner

SICH ZURÜCKZIEHEN

sich zurückziehen
mit dem längerwerden
der schatten

sich zurückziehen
in die trauer
in die hoffnung

sich zurückziehen
in das schweigen

die spuren verwischen
unauffindbar sein

der tag ist schön
der tod ist nah

WITHDRAWING

withdrawing
with the elongating
shadows

withdrawing
into sadness
into hope

withdrawing
into silence

wiping out the traces
being undiscoverable

the day is beautiful
death is near

Translated from the German by Susanne Nowak

Matu

Schlecht geschlafen

Mann, ist das dunkel hier.

Ich kann im Dunkeln nicht schlafen. Das ist, als würde man nackt durchs Weltall treiben.

Ah, da kommt ein bisschen Licht durch die Rolläden, und ich kann die Blumen auf dem Fensterbrett sehen. Warum haben Oma und Opa Blumen in ihrem Schlafzimmer? Vergessen sie wohl ab und zu, sie zu gießen? Ich würde das bestimmt dauernd vergessen. Ich kann sie riechen, die beiden, hinter den Blumen. Sie riechen alt und sie bewegen sich nicht. – Ob es wohl noch mehr Zwölfjährige gibt, die heute bei ihren Großeltern übernachten und nicht einschlafen können?

Dieser Geruch… alt und sauber, frisch gewaschene und gemangelte Bettwäsche. Ob ich auch mal so riechen werde? Vielleicht in 50 Jahren, wenn ich so alt bin, wie Opa jetzt. Vielleicht hat es damit zu tun, dass sie schon so lange gelebt haben und es bedeutet, dass nicht mehr viel kommt. Wie lange werden sie wohl noch leben? 10 Jahre, 20? Eher 10 oder 15. Männer leben kürzer als Frauen, hat Papa gesagt, im Durchschnitt. Alle sagen immer ich bin so intellligent, weil ich verstehe was so was heißt wie „im Durchschnitt“ und weil ich so viele Wörter kenne und mich so gut ausdrücken kann. Toll, das nützt mir auch nichts. Wenn ich nur schlau genug wäre, mir was auszudenken, damit ich einschlafen kann.

Ob Opa Angst hat, dass er bald sterben muss? Ist er wohl traurig deswegen?

Muss man überhaupt traurig sein, zu sterben? Jeder stirbt und wenn man tot ist, ist man weg. Nein, man ist nirgendwo. Aber wo ist das? Alles, was ich mir vorstellen kann ist irgendwo. Aber ich glaube, nirgendwo ist gerade nicht irgendwo. Manno, das kann ich mir gar nicht vorstellen. Dabei werde ich auch sterben, ganz sicher. Hoffentlich dauert das noch lange, aber irgendwann… Wie lange wohl noch? Wenn ich noch fünfmal so lange lebe, wie ich jetzt schon gelebt habe, dann bin ich ,äh, 72. Mann, ist das alt. Aber dann bin ich tot, für immer! Eigentlich könnte ich auch jetzt gleich sterben, das macht hinterher sowieso keinen Unterschied. Ich hab’ Angst. Mama, hilf mir!

Ich halt’ mich an den Blumen fest, sonst werde ich noch verrückt. Wie die riechen.

Wenn man tot ist, ist man nichts. Wie das Nichts wohl aussieht?

Blödmann, schon wieder. Nichts sieht nicht aus, sonst wäre es ja etwas. Es ist noch nicht mal schwarz und leise, weil es… das wäre ja auch schon ‘was. Ich werde auch eines Tages nur noch „nichts“ sein, nur kann ich mir das jetzt noch nicht vorstellen.

Augen zu!

Ich will nicht mehr daran denken; dieser ganze Scheiß ist wie eine Blase in meinem Kopf, die immer größer wird, und ihn zum explodieren bringen will. Ich drücke sie zusammen, damit es nicht geschieht. Jetzt wird sie kleiner und immer kleiner. Mein armer Kopf, wie heißt das noch, was Fernseher manchmal machen, ah ja, er implodiert beinahe.

Augen auf!

Puh, das ist nochmal gutgegangen. Mein Schädel ist noch heile.

Bitte Schlaf, komm jetzt. KOMM! K o o o m m !

 

Noch lange wälzte er sich hin und her und versuchte, nicht ans Nichts und nicht an den Tod zu denken, aber nach drei, nach sieben und auch nach zwölf Minuten war er immer noch wach und erst viel später döste er langsam ein.

Am nächsten Morgen sitzen Mutter und Sohn als letzte an einer leergegessenen Tafel.

 

Was ist bloß mit dem Jungen los? Sitzt hier am Frühstückstisch, die Sonne scheint, er hat keine Schule und macht ein Gesicht, als sei einer gestorben.

„Hast du schlechte Laune?“

„Ich bin müde.“

Das sagt er immer, wenn er schlechte Laune hat. Naja, das geht vorbei. Wahrscheinlich hat er heut’ nacht schlecht geschlafen.

Ich kann nicht mit ihr darüber reden. Ich kann mit keinem darüber reden. Die würden mich für verrückt halten; ich bin zwölf und habe Angst vor’m Sterben. Dabei macht das gar nichts, wie alt man ist, denn wenn man für immer tot ist, machen 50, 60 Jahre keinen Unterschied. Und solange ich nicht weiß, was ich über den Tod denken soll, kann ich nicht über Wurstbrötchen und schönes Wetter sprechen.

Gleich muss ich weinen. Und dann sieht sie es.

Ich muss ‘raus!

„Wo gehst du hin?“

Rums, das war die Haustür. Was mach’ ich bloß mit ihm?…

Was war das für ein Geräusch?! Hhhhh!!! Ein Auto!

Oh mein Gott!

 

Das Lokalblättchen vom 26. April (eigener Bericht)

Am gestrigen Morgen ist in der ____ Straße ein 12jähriger Junge bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Frau ____ (32), die Mutter des Jungen, sagte der Polizei: „Wir haben beim Frühstück gesessen und dann ist er auf einmal ‘rausgerannt. Dann hab’ ich ein Geräusch gehört, einen dumpfen Knall und bin hinterher. Und da lag er dann!“

Der Fahrer des Unfallwagens sagte, dass der Junge ihm plötzlich und unerwartet vor das Auto gelaufen sei.

Alles sei so schnell gegangen, dass er nicht habe reagieren können. Aber er habe das Gefühl, dass ihn der Junge hätte sehen müssen, und ihn vielleicht sogar gesehen habe.

Überhöhte Geschwindigkeit ließ sich laut Polizeiangaben nicht feststellen. Ob gegen den Fahrer ein Verfahren wegen fahrlässiger Tötung eingeleitet wird, stand bis Redaktionsschluss noch nicht fest.

lish

tribalfish

jumping stone fences

running thru the bush
melissa and I
waving sticks above our heads
avoiding the mag pie bite
two twelve year olds
tripping over rocks and shrubs
thru paddocks
singing songs at cows
jumping stone fences
from field to field
climbing the rings of age
that circle the mountain
above a green valley
a speckled land –
quilt of australian trees
hunched in corners
beyond – the big water

blemishes

the world hasn’t changed much
just a few blemishes covered
I read the news
watch the radiated screen
our planet bleeds
drowning the kindness of man
financiers folded into pockets of existence
lost people, with loose change for pride
capitalism thrives on the bones of starvation
I look for action on the streets
becoming smaller
once, propaganda meant information,
now a machine, grinding stones of hope
we wear shoes now
our natural leathery souls softened
in the comfort of cities
breaking the ribcage of earth

third world, western world,
muslim state, hindu country,
catholic value, buddhist chant
orthodox, jew, mormon,
pentecostal and baptist
collide on the field of philosophy
science claims the knowledge of creation
indigenous cultures lose their right, to history
I watch the integration of skin, colour, language
waiting for an awakening
the great apology yet to come
where will our children be
when the sun dies
I watch the ocean
feel the increasing heat ripple on skin
deserts stretch wider, a sandy preacher
revealing a lost tomorrow
praying for rain where trees once stood
progress, our driving force
the gift of speech,
a conceited intelligence we claim
I cling to the vision of blue
walking thru newly planted forest
fresh oxygen
no more brass banners
drums, borders or woman
standing alone

I thought you was Dallas

black night
stars brighter than silver shards
blades and teeth in the sky
ravenous quarter moon crying, warning
she awoke to him behind her rough hands
pulling hair at the crown of her head
hips pounding into hers – thru manic laughter
couldn’t see, couldn’t scream
she sobbed, struggled , a wild animal
scrabbling, scrabbling thru dark chasms
red wine-hallucination
‘stop’ she growled
‘you like it’ he said with a slap
there was no scream
just a pool of sorrow where her heart sank
in the morning she kicked him
punched and howled
he took it all,
the girl couldn’t cope with this demented thing
‘I thought you was Dallas’
that’s all the apology she was ever gonna get
he told her friends, she was ashamed & scared
scared to tell that he knew
Dallas has long hair
her hair was short for years
(a silent tribute to pending death)
and unlike Dallas she wasn’t Aboriginal
he knew where his woman slept