Lucas Cejpek: Drei Wünsche

1

Schnee. Zwischen den Palmen, Orchideen und Farnen hält sie es nicht lange aus. Vor der Pyramide wartet ihr Mitsubishi Colt.
In voller Kriegsbemalung über die East Terrace ist sie sofort im Tandanya.
Der Motorenlärm macht ihr nichts aus, dass sie allein essen muß. Sie genießt ihr Känguruhsteak, während die Boliden ihre Runden drehn.
Ihr kann keiner etwas erzählen. Sie ist auf vereisten Straßen aufgewachsen: schleudernd, driftend und springend.
Die fliegende Frau im fliegenden Colt: Das ist sie: Die wildeste Reiterin: Aus dem Staub ins Licht der Publicity.
Sie hat eine imponierende Abschußliste, aber wieviele Autos genau sie zu Totalschäden umgebaut hat? Für die meisten Autos ist sie einfach zu gut.
Der Colt ist nicht umzubringen. Und Alice kommt wie immer zu spät.
Aber das ist ihre gemeinsame Strategie: Zuerst die andern davonrasen lassen, dann zuschlagen, aus letzter Position, wenn die andern im Dreck stecken.
Sie hält die Augen geschlossen, und Alice liest ihr das Gebetbuch vor: Die Fahrt: Die Kontrollpunkte: Dazwischen ist leerer Raum.
Wie oft sind sie die Strecke gefahren, von hier nach Darwin und zurück? Sie hat alle Angaben gemacht, und Alice hat wie verrückt mitgeschrieben. Die Reinschrift haben sie immer wieder überprüft und verbessert und neue Abschneider ausprobiert.
Ohne die Kontrollen würden sie von Port Augusta 700 km nach Nordwesten preschen und an der Schnittstelle mit der Bahnlinie direkt nach Norden hochstechen. Zwischen den Olgas und Ayers Rock.
Mit Vollgas. Ein Durchhalter hat keine Chance zu siegen. Die Autos sind alle perfekt, sie lassen sich nicht zerbrechen. Man kann sie höchstens zu vorsichtig fahren.
Vollgas. Der linke Fuß ist für die Kupplung, genauso wie der rechte Fuß zum Lenken bestimmt ist, und sie lenkt mit den Hinterrädern, an denen die Pferdestärken ins Freie drängen.
300 PS für eine 3000 km lange Kunstflug-Übung.
Während Alice in das Gebetbuch schaut und über das Navigations-System GPS die Daten vergleicht.
Alles trocken. Staub, brauner und roter Staub.
Staub, der durch alle Ritzen dringt.
Staub, der Minuten lang stehenbleibt.
Die freie Straße dort vorne vor diesem Meer aus Staub.
Die Straße ist plötzlich aus.
Jump, ruft Alice, als sie mit dem Heck voran aus der Kurve kommt.
Eine Kurve, Sonne fällt plötzlich ein. Staub und Sonne und Blindheit.
Im Blindflug im Staub.
In einer riesigen Staubfahne, ohne dass jemand vor ihr fährt.
Straight heißt Vollgas. Sie vertraut Alice rückhaltlos. Eine andere Fahrerin würde sich eine Reserve behalten, um bei einer zu voll angesagten Kurve korrigieren zu können.
Aber schließlich geht es geradeaus. Alice findet immer neue Abschneider, aus dem Stand. Alice weiß, wie man Karten faltet.
Kein lokaler Verkehr, keine Straßensperren wegen Bauarbeiten, keine Umleitungen. Hier gibt es nur sie und den Colt.
Sie bleibt auf dem Gas, und wenn die Vierte wimmert, schaltet sie auf den Dreier, immer noch Vollgas, und wenn der Dreier winselt, geht sie auf den Zweier, der Zweier ist erschöpft, auf den Einser.
Alice hat den schlechteren Schlaf. Alice schläft auf den schnellen Verbindungsetappen, während sie auf den langsamen schlafen kann. Und Alice fährt so weich und geschmeidig, dass sie etwas Schönes träumen kann.
Der Colt beginnt sich langsam von innen zu öffnen, das Dach und die Türen passen nicht mehr.
Um das Dach nicht zu verlieren, holen sie es mit Draht nieder und machen die Türen mit Ketten fest.
Weiter nach Ti-Tree, sie fährt auf Angriff, obwohl die Gegner abstrakt sind, keine Spur von anderen Autos, die Abschneider sind genial.
Alice ist am Ende der Konzentrationsfähigkeit, und der Colt wird immer weicher und niedriger.
Sie schnallt sich in die Beifahrer-Gurten, und Alice fährt, bis alles zu flimmern beginnt: der Himmel, die Luft, die Straße, und Alice wird immer langsamer.
Alice bleibt stehn, und sie wechseln die Plätze.
Sie kann das: Schlafen auf Befehl. Sie ist eine Kunstschläferin: Eine Minute Schlaf bringt sie wieder 20 Minuten weiter.
Die Piste wird weich, sehr weich. Tiefe Rillen, und sie stecken fest. Sie legen Schneeketten an. Und weiter. Bis eine Radaufhängung bricht. Sie reparieren den Schaden mit den Sicherheitsgurten und erreichen Batchelor.
Oder Balaklava? Noch 91 km. Alice knüllt die Karte zusammen. Als das Ziel schon zu riechen ist.

2

Das Meer. Jedesmal, wenn sie an Bord geht – auf die Away führt eine veritable, bequeme Treppe – betritt sie eine neue, andere Welt – Achterdeck und umlaufende Decksflächen vermitteln niemals das Gefühl von Beengtheit.
Jedesmal, wenn sie in ihrer Kabine erwacht und an die Decke – Zierleisten aus dunklem Rosenholz – schaut, möchte sie nirgendwo anders sein – große Fensterflächen und helle Farben machen die Away zu einem einzigen lichten, luftigen Raum, die vielen Spiegel.
Der Niedergang ist ein Kunstwerk mit halbrund ausgeformten Stufen – Messinggeländer im Pub-Stil.
Spektakulär das anderthalb Stockwerke hohe Bad – rosa Marmor – mit Wendeltreppe und Whirlpool – sie hat es gern, wenn das Wasser bei schwerem Wetter überschwappt.
Die Duschtassen für die Crew sind mit jeweils drei Abläufen versehen, einer in der Mitte, zwei weitere an jeder Seite, so dass ein Duschbad, auch wenn die Away kräftig Lage schiebt, möglich ist.
Die Mannschaftsräume neben dem Kontrollraum – vor dem schallisolierten Motorraum – sind großzügig dimensioniert und mit allem Komfort ausgestattet.
Der Salon – mit Bar und Piano, auf dem sie jedesmal spielt, wenn die See ruhig ist – die dezente Sitzgarnitur verschwindet auf Knopfdruck und gibt eine Tanzfläche frei – damit sich das Auge nicht verliert, sind die Wände durch Holzvertäfelungen – dunkles Rosenholz – unterteilt – und das Eßzimmer – dunkles Rosenholz – und die Küche – dunkles Rosenholz natürlich auch in der Küche, dunkles Rosenholz zieht sich leitmotivisch durch die Away – und nach vorn der Steuerstand – das kunstvoll gestaltete Steuerrad aus Bronze – mit benachbartem Sitzarrangement – die hydraulisch versenkbare TV- und Videoanlage – gehen fließend ineinander über, sind großzügig konzipiert und schaffen abwechslungsreiche, niemals langweilige Sichtachsen.
Jedesmal nach dem Aufstehn geht sie als erstes an Deck – die Away bietet jede Menge Open-Air-Platz: die große Badeplattform mit darüberliegender Boots-Garage – das Beiboot ist so untergebracht, dass es die freie Sicht und die harmonische, schlanke Linienführung nicht stört: ganz oben die Flybridge zum Entspannen – der kreisrunde Pool – und zum Sonnenbaden – die Sonnenliegen: dazwischen das offene Achterdeck mit Eßplatz und einer Sitzlandschaft, um sich darin zu verlieren – und schaut aufs Meer.
Die schönste Zeit des Tages verbringt sie damit, aufs Meer zu schauen – vom Bett aus, wenn sie erwacht – sie schaltet den Fernseher ein – die Weltnachrichten, die Großwetterlage – von der Küche aus – die Espressomaschine – und vom Bad aus – und läßt den Whirlpool, der auf einem Podest liegt, mit dem Blick nach außen, ein.
Nach dem Frühstück, das sie auf Achterdeck mit der Crew – auf ihre Männer kann sie sich verlassen – einnimmt, hat sie keine Zeit mehr, die Aussicht zu genießen: Reinschiff machen – einmal täglich, die Maschinen warten – regelmäßig, am Steuer stehen – ständig – und über das Satelliten-Navigations-System GPS die Daten vergleichen.
Nach dem Abendessen – zu Mittag genügt ein Sandwich und eine Flasche Mineral – auf dem Steuerstand, während sie das Abendessen im Eßzimmer einnimmt – am Sonntag gemeinsam mit der Crew – der Tisch ist jedesmal festlich gedeckt – kommt sie endlich zur Ruhe – hin und wieder eine gemeinsame Partie Domino – eine glückliche, motivierte Crew ist notwendig, wenn sie ihr Leben auf See verbringen will – im Salon – an der Bar und am Piano – sie spielt jedesmal, wenn die See ruhig ist – bei hoher See läßt sie die Sitzgarnitur verschwinden und schaltet die Lichtanlage ein – und im Bett – vor dem Schlafengehn trägt sie den Tag ins Logbuch ein
Montag: Das Meer. Funkgespräche. Der Himmel ist wolkenlos.
Dienstag: Das Meer. Funkgespräche. Das Wetter hält.
Mittwoch: Das Meer. Meine Freiheit heißt Abhängigkeit: Vom Wetter.
Donnerstag: Der Himmel. Das Meer.
Freitag, Samstag, Sonntag: Himmel und Meer sind nahtlos zusammengeschweißt.
Sie löscht, nachdem sie den Fernseher am Fußende ihres Betts – In jedem Fall blieb eine Senke zurück, die sich nach und nach mit Wasser füllte, das riesige abgerundete Becken. Die Ränder sind von Inselketten umsäumt, die parallel zu den Küsten der Kontinente verlaufen. Die Bögen der Inseln, der Gräben auf seinem Grund. Die Wölbungen sind nach dem Zentrum gerichtet. Der Feuerring, der es umspannt. Beben, Vulkanausbrüche. Der mächtige Rücken, der alles teilt. Zwei ungleiche Teile, durch Rücken, Schwellen und Hügel kreuz und quer zergliedert. Die Kegel sind über den ganzen Boden verstreut. Hügelgruppen. Der Grund ist mit Sedimenten gefüllt. Wellige bis völlig ebene Ebenen. Hügel. Berge. – mit Knopfdruck versenkt hat, das Licht.

3

Sonne fällt plötzlich ein. Staub und Sonne. Sie weiß nicht, wohin sie fährt, immer geradeaus.
Vollgas.
Bis sie erwacht. Das Zimmer ist leer.
Bis auf den Schrank gleich neben der Tür, der Fernseher steht auf dem Tisch, zwei Sessel, zwei Nachtkästchen, und das Telefon auf der Seite des Betts, wo sie liegt und schläft.
Wenn sie schlafen will, legt sie sich auf die rechte Seite, die linke Hand auf den linken Oberschenkel, die rechte Hand unter das Kinn und verschließt das rechte Nasenloch.
Die Beine sind ausgestreckt. Wenn sie schläft, hat sie keine Hände.
Wenn sie erwacht, ist hellster Tag. Sie dreht den Fernseher auf und geht ins Bad.
Bevor sie schlafen geht, macht sie die Vorhänge auf. Damit sie die Sterne sehen kann, wenn sie schläft.
Traumlos.
Das Bett steht, wo es steht, mit dem Kopfende gegen die Wand, am Fußende steht der Tisch und die beiden Sessel, der Schrank steht gleich neben der Tür, gegenüber vom Fenster, wo sie steht und schaut, in den Himmel geknüpfte Knoten.
Sie kann sich an alles erinnern, was sie erlebt hat während der Nacht, keine Träume.
Das Licht.
Sie erwacht, und der Fernseher läuft. Der Mann steht am Ufer und wirft einen Kiesel ins Wasser, sie sieht, wie der Kiesel immer tiefer im Wasser versinkt.
Bis sie schläft.
Sie schläft.
Als sie erwacht, ist das Zimmer in hellstes Licht getaucht. Sie beschließt, auf dem Zimmer zu frühstücken, ganz allein und im Bett.
Wie das Messer durch die Butter gleitet.
Bevor sie sich schlafen legt, säubert sie ihre Tasse und stellt sie umgekehrt auf das Nachtkästchen, neben das Telefon.
Als sie erwacht, liegt ein breitkrempiger roter Hut mit Blumen- und Federschmuck zu ihren Füßen. Die Schranktür steht offen, so dass sie ihn im Spiegel sehen kann.
Der nachtblaue Blazer, das weiße Hemd, und der Mann verschwindet im Bad. Sie dreht den Fernseher ab.
Sie erwacht, weil Wasser von der Decke tropft, auf das Bett, auf den Boden, der Vorhang ist naß.
Sie reißt das Fenster auf. Ein sonniger Tag.
Kein Regenbogen.
Über dem Bett hängt das Bild eines Haarsterns oder Kometen, eine Schwarzweißaufnahme.
Ein Sturm sprengt die Tür auf, das Fenster ist geschlossen, und zieht sie hinaus auf den Gang, der dunkel ist.
Und am Ende des Gangs ein winziges Licht.
Sie treibt mit extremer Geschwindigkeit darauf zu, und das Licht wird langsam größer.
Der Aufzug.
Sie erwacht, weil sie den Aufzug hört. Gleich klopft es an ihrer Tür.
Sie erwacht. Das Klopfen an ihrer Tür. Sie schreit: Ja! Sofort! Einen Augenblick!, während sie sich den Schlafmantel überwirft.
Als sie öffnet, ist niemand zu sehen.
Der Aufzug ist unterwegs, nach oben.
Eine Tür geht auf, und ein Mann in einem losen weißen Gewand eilt an ihr vorbei den Gang hinunter.
Die offene Tür.
Der Mann im Blazer hält ihr die Tür auf, so dass sie die Frau sehen kann, ein roter Kimono und darunter das Nachthemd, sie muß sehen, wie sie es hochhebt, langsam.
Sie läuft den Gang hinunter, zurück in ihr Zimmer.
Die Teekanne, Tassen in Scherben und Dominosteine am Boden.
Das ist nicht ihr Zimmer, sie will in ihr Zimmer zurück.
Der Colt, die Nachtkästchen und die Lampen. Der Schrank ist voll mit fremden Kleidern: Pailletten, Silberglitzer, Steine. Der Fernseher läuft, und sie kommt aus dem Bad. Ihr Haar ist schwarz, und auf ihrem Kleid tanzen tausend fluoreszierende Lichter.
Sie dreht sich herum und drückt den kleinen Knopf auf ihrem Rücken, und der Kragen des Kleids leuchtet auf. Sie dreht an ihrer Gürtelschnalle, und der Kragen wechselt die Farbe, von Weiß zu Rot zu Blau.
Wenn sie nicht weiter weiß, schlägt sie in dem Buch nach, das auf dem Nachtkästchen liegt, neben dem Telefon.
Seite 167ff.*
Wenn sie zurückkehrt, wird alles so sein, wie es ist. Das Bett, die Nachtkästchen und die Lampen, das Fenster, gegenüber der Schrank, der Fernseher steht auf dem Tisch, zwei Sessel, zwei Türen: eine führt ins Bad, die andere auf den Gang, der Tag und Nacht hell erleuchtet ist.
Der Teppich. Die Teppiche auf beiden Seiten des Betts, die verschiedenen Muster. Der Vorhang. Die Tapete. Die Kacheln. Der Duschvorhang. Die Badetücher und Handtücher. Die Überzüge.

* Die Seitenangabe bezieht sich auf Ihr Wunsch. Gesellschaftsroman von Lucas Cejpek, erschienen im Sonderzahl Verlag, Wien 1996, dem die drei Wunschbeschreibungen entnommen sind.

 

Lucas Cejpek, geb. 1956 in Wien, Studium der Germanistik in Graz, Dissertation über Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften“ als Kulturtheorie, Lehrbeauftragter, Rundfunkjournalist, lebt seit 1990 als freier Schriftsteller, Hörspiel- und Theaterregisseur in Wien.
„Diebsgut“, Essays, 1988; „Nach Leningrad. Ein Stück“, 1989; „Ludwig“, Roman, 1989; „Und Sie. Jelinek in ‚Lust'“, 1991; „Vera Vera“, Roman, 1992; Paul Wühr: „Wenn man mich so reden hört. Ein Selbstgespräch“, aufgezeichnet v. L.C., 1993; „Ihr Wunsch. Gesellschaftsroman“, 1996.

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