Erika Wimmer

nirgendwohin

Auf dem Zettel steht, nimm das Auto und fahr weiter. Während ich auf das Papier starre, schiebt sich Humens Sitz flächig gegen meinen Rücken. Vier breite Räder drehen mich lautlos voran. Dieser Wagen ist kompakt, sein Gewicht drückt den Asphalt unter sich weg, die Räder lassen schwarze Spuren auf der Fahrbahn zurück. Ich rutsche tiefer in den Fahrersitz hinein, stemme die Arme gegen das Lenkrad und lasse den ersten Fahrtwind an mir vorbei. Die Fenster sind offen. Der Ganghebel läßt sich geschmiert hochschrauben, ich habe Geschwindigkeit, es wird Nacht. Ich werde die Nacht durchfahren, nur Lichter auf Schwarz will ich sehen, weiße und orange und violette Streifen vor nachtschwarzer Landschaft, und die blinkenden Lämpchen im Wageninneren dürfen auf der glänzenden Oberfläche meiner Augen tanzen. Kein Geräusch. Warum ist es nur so still. Damit das Gehör optisch wahrnimmt. Damit es fühlen kann. Die breite Wagensilhouette, die stolze Länge, die Länge eines Straßenkreuzers fühlen kann, sein Gleiten, wie Öl auf den Reifen, Gleiten auf sicheren Achsen und unverrückbar fixierten Schrauben. Damit es wahrnehmen kann, das blitzrasche Glitzern auf dem silbergrauen Lack, das Glitzern fegt die Kratzer davon, das Gefährt bewegt sich wie neu, wie aus der Fabrik gekommen, oder als wäre es in der Werkstatt eigens frisch gelackt worden, damit mein Nachtgefühl schillert.

Stille, das Wageninnere eine zurücktretende lange Flucht. Viel Platz für Gepäck im hinteren Teil. Dort liegt alles zusammengewürfelt, auf einen Haufen gelegt, rasch verstaut. Unordnung herrscht dort, es lohnt nicht, alles zu ordnen, was man mitführt. Was später gebraucht wird, wird aus dem Haufen gezogen und glatt gestrichen, ansehbar gemacht, das reicht. Auf der Rückbank ein paar Utensilien, die Handtasche, die Personalien. Ausweispapier, Übergangskarte, Eintrittserlaubnis. Fotografie, ein Selbstbildnis. Aus der Selbstbildkamera. Dann Foto des Geliebten. Noch ein Abbild eines Geliebten, schon ein wenig verblichen. Lieb geblieben, versöhnt. Mehrere Kinderfotos. Wir alle gemeinsam vor der Stalltür. Kein Foto der Eltern. Dafür eine getrocknete und gepreßte Blüte. Die Haustorschlüssel in der Seitentasche, der Wohnungsschlüssel, der Zimmerschlüssel. Das Vorhängeschloß für den Keller. Warum ist das Vorhängeschloß für den Keller dabei? Ich habe den Keller nicht abgeschlossen, das Schloß mitgenommen. Nur für alle Fälle. Für den äußersten Fall der Fälle. Neben dem Schloß die Sonnenbrille. Eine Abriegelung ohne Funktion, nachts sicher untergebracht im Etui. Daneben das Puderdöschen mit der Quaste, der Spiegel, der Kamm. Der durchsichtige Plastikdeckel der Dose schon reichlich zerkratzt. Immer mitgeführt, selten benutzt. Kaugummi als Zahnbürstenersatz, zuckerfrei. Zum Mahlen und Mahlen, zum Totmahlen. Damit die Speichelproduktion angeregt wird und die sperrigen Teile besser rutschen. Neben der Handtasche auf der Rückbank ein paar Kleidungsstücke. Eine Jacke, ein Pullover. Unter dem dunkelblauen Pullover Humens Tonbandgerät versteckt. Auf der Matte unter der Bank die Stiefel, die Sohlen aneinander, die Schäfte zur Seite gefallen, in Ruhe, entspannt. Sohlen mit großer Spannkraft. Dick, aber durch das grobe Profil ein wenig biegsam. Gummiprofil, Lederschäfte, in einem der Schäfte ein seidenes Tuch. In greifbarer Nähe, auf dem Beifahrersitz, die Musik, Satie, Turner, Garbarek. Dudelsack aus dem Norden Englands. Grenzdudelsäcke, vom schottischen Hochland übergeführt. Ich schiebe die Kassette ins Tonband, hinter den Dudelsäcken kommen die Stimmen deutscher Volkslieder auf. Hinter Mozarts Klavierkonzert ertönen die gregorianischen Stimmen. Mozart und die Stimmen legen sich über die Volkslieder und Dudelsäcke. Dazwischen, in den Pausen, Morrison und Hendrix, unsere ungestillte Sehnsucht. Trommeln zerhacken die Schichten, spalten das Gehör auf. Wieviel Musik. Nachts am Ufer eines Sees das Spiel der Wellen mit den Wellen, mit den Steinen. Unter der Musik liegt der Straßenatlas. Die kleineren Ziele als rote Punkte, die größeren als rote Quadrate markiert. Tausende, millionen Ziele in Mitteleuropa. Professionelle Ziele oder Urlaubsziele. Arbeitsplatz, Hotelzimmer. Hundertfache Abzweigungen, betafelt, beschriftet, in der Geschwindigkeit nicht ablesbar. Die Pfeile und Verbotsschilder systematisch. Aufgestellt nach Vorstellung und Erfahrung. Nach Menschenmaß. Anders die Flußläufe, sie legen sich quer, gehen eigene Wege, durchkreuzen beliebig braune oder grüne Gebiete. Flußverbauungen beeinträchtigen den Fluß nur im Kleinen. Die große Bewegung, sichtbar in der erleichternden Vogelperspektive, ist frei, wie eine ungefähre Skizze macht sie sich in der Karte aus. Im Handschuhfach liegt ein Zettel, aus einem Schreibbuch gerissen. Das Buch hat Humen mitgenommen. Ich lege den Zettel zurück, die Tonbänder, ihre gespeicherten Stimmen, stecke ich ein. Die zwei Vordersitze sind mit Schaffellen belegt. Die Felle rutschen zur Seite, entblößen das speckig gewordene Leder. Die Rechte locker auf dem Lenkrad, schiebe ich die Linke unter das Fell, taste nach Haut. Breite, weiche, nur ein wenig gefederte Sitze. Dies ist ein großer, schwerer Wagen, ausgestattet mit Pferdestärken. Ein Mercedes. Ich stehe auf dem Balkon, ich überblicke die Rennbahn, verfolge den Lauf der Pferde. Wie ich diese starken Tierkörper bewundere. Ich könnte ihnen ewig zusehen, wie sie aus den Hüften heraus über den Sand schnellen. Schnitt, plötzlich stehen die Pferde an meinem Balkon, strecken die Köpfe über das Geländer und öffnen die Nüstern. Ich denke, diese Pferde bitten. Sie schnuppern im Dickicht aus Möglichkeit und Unmöglichkeit. Ich weiche zurück, da stürzt eines der Pferde in die Tiefe, es verendet. Eine Welle von Bedauern spült über meinen Balkon. Jetzt erst merke ich, dass ich tatsächlich fahre.

Wenn man bis ans Ende der Welt fährt, kommt man manchmal ins Paradies. Es ist die bloße Bereitschaft, bis ans Ende der Welt zu fahren, die einen befähigt, das Paradies zu sehen. Es passiert von einem Augenblick zum anderen, dass sich der Blick verändert: Man entledigt sich der Begriffe und richtet die Aufmerksamkeit zugleich nach außen und nach innen. Man lädt die Bilder, die äußeren und inneren, nicht auf, beläßt sie roh, läßt sie zueinander, sie vermischen sich nicht, jedes bleibt an seinem Platz und gilt für sich, aber bald wird fühlbar, dass ein jedes das andere sein könnte. Da, wo die Bilder zu Hause sind, erwecken sie den einen Grund.

Ich fuhr bergauf, die Straße war sicher ausgebaut und breit, keine Gefahr in Sicht, und doch war ich von einer besonderen Aufregung erfüllt. Ich fühlte mich wie jemand, der beschlossen hat, etwas zu wagen, aber noch nicht weiß, was. Vielleicht war es die Tatsache, dass ich zum ersten Mal, seit wir uns kannten, Humen zurückließ. Ich wollte allein sein. Noch während ich fuhr, war mir, als müsse ich etwas aufklären. Der Drang, einen Vorhang zur Seite zu schieben, war in den letzten Stunden angewachsen. Humen hatte dazu beigetragen, er hatte an diesem Nachmittag von der alles beherrschenden Perspektive, sie käme einer Ideologie gleich, gesprochen. So, wie wir an die Dinge herangingen, könne nichts als das gesehen werden, was es war, sondern immer nur als das, was unseren Erwartungen entsprach. Er hatte sich im einzelnen nicht auf mich bezogen, hatte nur allgemeine Überlegungen angestellt, oder von sich selbst gesprochen, und doch war mir bewußt geworden, in welchem Ausmaß ich von Trotz und Einbildung geleitet war. Nicht mit mir, so nicht und überhaupt, bitteschön, nur das, was ich will. Was verbogen war, unterwarf sich meinem Diktat und ließ sich in Schubladen pressen. Aber was mit jenen Dingen, die kerzengerade einfach so waren, wie sie waren? Gab es so etwas überhaupt? Konnte ich das Selbstverständliche nicht wahrnehmen? Gab es Wesen, die sich selbst nicht im geringsten in Frage stellten, mit keinerlei Vorstellung über sich behaftet waren, so dass auch ich sie nicht als fragwürdig erklären konnte? Fielen solche Menschen und Dinge durch meinen Raster, löschte ich die Existenz des einfach Gegebenen aus? Ich wußte nicht genau, wie es sich verhielt, aber ich ahnte, dass ich schlichtweg die Hälfte von dem, was da war, aufgrund meines Trotzes und meiner Einbildung gar nicht registrierte. Und ich belastete einfache Wahrnehmungen mit meinem komplizierten Hintergrund. Nehmen wir das Heu. Heu war geschnittenes Gras, welches im Übergang in einen anderen Seinszustand diesen unverwechselbaren, angenehmen Duft verströmte, was auf fraglose Bejahung seitens des Heues schließen ließ. Will sagen, das Gras bedauerte nicht, geschnitten, gelagert und anderen Wesen zum Fraß vorgeworfen zu werden. Ohne jeden Trotz und ohne jede Einbildung ergab sich das Gras der Veränderung und selbst als Mageninhalt des Wiederkäuers freute es sich, dienlich zu sein. Nun kam ich daher. Wenn Heu in meinem Blickfeld auftauchte, schloß ich blitzschnell kurz. Heu war für mich nicht einfach geschnittenes Gras, sondern auch die mühsame Heuarbeit, die ich als Kind mitverrichten mußte. Heu war das Jucken auf der Haut und die Blasen an den Händen. Heu war meine Abneigung gegenüber der Milchhaut, es war meine Empörung darüber, dass ich immerzu Milch trinken mußte. Heu stellte die Fragwürdigkeit der auf reine Viehwirtschaft ausgerichteten bäuerlichen Gesellschaft dar, es war der Inbegriff zwangsläufiger Armut. Alljährlich wurde darüber diskutiert, dass man auch Kartoffeln und Kohl anbauen sollte, aber nie konnte man sich dazu entschließen, immer scheute man das Risiko, das Unberechenbare. Heu war schließlich für mich die Kurzformel für das unerträglich Gleiche, es war der tägliche und jährliche Ablauf, die immergleichen Gespräche, der Familientrott. Heu war mein Gefühl, nicht zum Rest der Welt zu gehören, es war das Ausgegittertsein im Ländlichen. Oder nehmen wir die Kirchturmglocke, sofort wurde sie mit dem erzwungenem Kirchenbesuch kurzgeschlossen. Die Glocke war nicht einfach jener bestimmte Klang, der von Zeit zu Zeit über dem Ort lag, mit dem Ton schwangen der händeringende Pfarrer, die betuliche Rede, die Einschränkung und der Druck mit. Oder die alte Nachbarin, die bloß einmal täglich das Haus verließ, um nach ihrem Gemüsegarten zu sehen. Sie war nicht nur jene Person, die man am Gartenzaun aufsuchte, um ihr Lächeln und ihren Gruß entgegenzunehmen, nein, sie war das gescheiterte Frauenleben schlechthin. Sie war die Schinderei mit den neun Kindern, sie war der Wäscheberg, das Geschrei und Gestreite der Kinder, das Poltern ihres angetrunkenen Mannes, sie war die widerliche Todesart des Mannes (er hatte sich ebenfalls erhängt), schließlich war sie das familiäre Getriebe des ältesten Sohnes, die ausbeißende Schwiegertochter. Diese Schwiegertochter hielt die Alte kurz und knapp, wenig zu essen und immer allein in der oberen Kammer, ein im Schloß gedrehter Schlüssel, der nur zurückgedreht wurde, wenn sie einmal am Tag die gefüllte Leibschüssel hinausbrachte, oder wenn es Zeit war, den Gemüsegarten zu besorgen, dann wieder ab ins Zimmer, und im Winter durfte sie gar nicht hinaus. Nicht einmal in die Kirche durfte die alte Frau gehen, man hätte sich ihrer schwammigen Gestalt schämen müssen. Wenn wir Nachbarskinder sie am Gartenzaun aufsuchten, lächelte sie. Und wir Kinder dachten, arme Frau, häßliche Frau, je nach Laune, und die bestimmte Art ihres Lächelns wurde darüber vergessen. Oder die Härpfe mit Landschaftskarte. Sie war ein Holzgestell, das Auskunft gab, aber sie war mehr. Sie war die Prostitution der Bauern um der Mark willen, selbst die Auskunftsstelle mußte als bäuerliches Museum gestaltet werden. Sie war die Blödheit der Touristen, alles mußte man ihnen erklären. Und die Erklärung mußte man nett aufmachen, bunt mit verschiedenfarbigen Linien und Dreiecken und Kreuzen. Sie war die Ungeschicklichkeit der Fremden, ihre Dreistigkeit, das kindische Gieren nach der Wandernadel, das ausschließliche Suchen nach Stempelstellen, den Wanderpaß zu füllen. Die Härpfe mit Landschaftskarte war die jährlich eintrudelnde Frage im Fremdenverkehrsbüro: Na, was gibt es denn Neues? Wenn es dann hieß, soweit sogut, die Berge stünden noch, wurde süffissant angeregt, doch mal ’nen neuen Berg aufzustellen, wenn es schon kein neues Nadeldesign gab. Die Härpfe war der Tourist, der aus Gewohnheit jährlich das Gleiche tut, dabei aber täglich frisch unterhalten werden will.

Eines Tages saß Manfred in der Küche, den üblichen Stapel Papiere vor sich auf dem Tisch. Ich hole dich nach, sagte er, wachs dich erst einmal richtig aus, und wenn du weißt, jetzt ist die Zeit, etwas zu lernen, dann sag es mir. Stell dir vor, ich gehe einfach ein Stück voraus.

Es war schon das zweite Jahr, dass Manfred immer wieder wochenlang auf dem Hof herumhing und notierte und plante, es war das Jahr, als Paul den Unfall hatte und starb, als Mutter zu husten anfing und Peter damit begann, für den Supermarkt Getränke auszufahren, als Vater das erste Mal davon sprach, seine Weiden zu verpachten, die Fremdarbeiter auf dem Hof seien ihm unangenehm, er vertraue ihnen nicht. Manfred und ich waren ein Herz und eine Seele. Manfred zeichnete fallweise für einen Weidener Architekten Pläne, aber eigentlich bereitete er sich nur vor, nach Berlin zu gehen, ausgerechnet nach Berlin, er wollte sein eigenes Geschäft eröffnen, vielleicht Wolkenkratzer bauen oder Brücken, aber Manfred ist nie Architekt geworden, er ist auf anderes gekommen, er hat eine Chance wahrgenommen, und man lernt nicht für einen Beruf, sagte Manfred, man lernt sich zu bewegen in einem Dickicht aus Möglichkeit und Unmöglichkeit. Manfred zeigte mir einfach alles, er breitete sein gesamtes Rüstzeug vor mir aus und erklärte mir die Welt anhand der Stellenanzeigen und Vertragsvordrucke und Bewerbungsbriefe, er stellte sich mir dar anhand einiger Überweisungsbelege, monatlich schickte er Bärbel das Geld für Jakob, Jakob ging in die Schule und seinen Vater kannte er nicht. Vor meinen Augen zerfetzte Manfred Bärbel, die Überweisungsbelege ordnete er fein säuberlich und stellte sie wieder unter die Holzbank in unserer Küche. Wenn Manfred nicht auffaltete und auslegte und Zeile für Zeile durchging, um mir fremde Sprachen zu deuten, wenn er nicht die Welt abzirkelte und einen Lageplan aus ihr machte, wenn Feierabend war, gingen wir die Straßen entlang, die er früher nächtelang allein gegangen war. Wir marschierten im Gänsemarsch knapp über dem Straßengraben, Manfred immer in meinem Rücken, wir schnitten die Kurven durch die Felder der Nachbarn, oder lehnten an fremden Stalltüren, die Stimmen der Tiere waren uns so vertraut, dass wir sie nicht hörten, die Leute, die wir trafen waren immer mit uns gewesen, man grüßte stumm, nur den rechten Arm hob man ein wenig, selten wechselte man ein paar Worte miteinander. Wir saßen auf dem Schotter und in der Wiese, und Manfred sagte still, ich sei seine Hoffnung, er legte lange Pausen zwischen die Sätze, stille Zeiten waren das, Zeiten, in denen wir die Augen über all das wandern ließen, was wir gut, allzu gut kannten. Meine Hoffnung, flüsterte mein Bruder, klug war er und groß, wir beide sind anders, uns beiden fällt das Leben leicht, wir müssen nur weg von hier, kaum konnte ich ihn hören, aber ich verstand: Wachs dich erst einmal aus, du bist ja noch in der Trotzphase. Sanft stupfte Manfred meine Nase und streichelte mir das rote Haar. Ich sprach wenig, aber alles, was Glück war, teilte ich mit Manfred, das Glück muß man teilen, für nichts anderes braucht man jemanden, nur für das Glück. Das Glück dazwischen, zwischen der Nachricht über Pauls Tod – sie sagten, dass er kaum etwas gemerkt haben konnte – und Pauls Beerdigung, als Mutter das einzige Mal sagte – sie hatte es nie zuvor gesagt und sagte es nie mehr danach – was nützt es zu leben, sie sagte es an der Grube, sie schrie es dem Pfarrer ins Gesicht. Zwischen den Ereignissen lag das Glück, es lag in den Pausen, soeben hatte Manfred Bärbel zerfetzt, kaum benutzte er Worte dazu, es waren die Augen, die redeten, dann räumte er die Belege in den Ordner zurück, die Augen waren jetzt stumpf, fast tot, aber in der Lücke dazwischen hatte er mich angesehen, ruhige tiefe Augen, sie sagten, du weißt Bescheid, du kennst dich aus. Ich gehe dir nur ein Stück voraus, betrachte es so, flüsterte Manfred, aber wer würde die Pausen, die Zwischenräume, die Abwesenheit von Gedanken mit mir teilen.

Die Straße mündete in einen Parkplatz mit angrenzendem Lärchenwald. Es war zwanzig vor sechs. Hier standen ein paar Höfe, eine Kirche, und ihr gegenüber ein Haus, das sich von den anderen deutlich abhob. Es war aus Stein gebaut, die Steine waren unter Putz gelegt, der Putz um die Fenster und Häuserecken rosa bemalt. Als kleines Schmuckstück stand es da, und dass es etwas Besonderes war, signalisierte auch eine, der Vorderfront vorgelagerte, verglaste Holzveranda. Sie war beinahe so tief wie das Haus selbst, erreichte aber nicht das obere Stockwerk, sie war ein Haus am Haus, das Sommerhaus am Haus. Sie mochte Gästetrakt, Festsaal, Ruheraum sein, und in welcher Funktion auch immer, sie lud zum Betreten ein. Und wer sie betrat, drang nicht weiter ins eigentliche Haus vor, sondern ließ sich hier nieder, an einem Tisch am Fenster vielleicht, nicht ganz drin, und doch ausreichend gegen außen geschützt. Ich ging um das Haus herum, gerne hätte ich meine Bilder überprüft, fand aber keinen Menschen und keinen begehbaren Eingang. Letzte Wanderer gingen vorbei, wandten sich der Talsenke zu. Um die Kirche war ein Friedhof angelegt, das schmiedeiserne Gitter war nur angelehnt. Der Friedhof war eine kleine ummauerte Wiese, auf der Wiese standen Kreuze über einem auffallend kleinen Erdhügel, und der tote Menschenkörper, der darunter lag, überragte wohl bei weitem das Ausmaß des ihn betreffenden Hügels. Es sei denn, hier lägen lauter Zwerge, ein wenig hätte man daran glauben können, so sehr wirkte der Ort wie von einer anderen Welt. Ich erinnerte mich an eine seltsame Geschichte, die ich zwei Tage zuvor in einer historischen Ortsbeschreibung überflogen hatte. Es war die Geschichte von zwei heiligen Kindern, Schwestern, die vor einigen Jahrhunderten im Hochtal gelebt hatten, Agnes und Maria. Beide früh an Blattern erkrankt, erlahmten sie fast vollständig und wuchsen nicht mehr, lagen nur auf ihren Strohsäcken und beteten, und als sie mit fünfzig und sechzig Jahren starben, wurden sie als duldende Heilige verehrt, Wegzeichen zum Himmelreich, Mahnmal gegen die höllische Wollust auf dieser Erde. Vielleicht waren Agnes und Maria hier bestattet, und mit ihnen die anderen Zwerge, die es im Laufe der Zeit gegeben hatte, jeder eigens hierher gekommen, um etwas zu zeigen.

Über dem Lärchenwald stand tief die Sonne, und wenn man hinein und hindurchging, fiel sie in Bündeln herab und bildete zwischen den Stämmen kleine glänzende Inseln. Meine Schnürsandalen waren zwar bequem, aber in diesem Gelände knickte ich manchmal ein und rutschte von den hohen Sohlen herab. So war mein Gehen das einer stolpernden Büßerin. Ich strebte aufwärts, ruhte immer wieder auf einer der Inseln aus, stieg weiter, die Füße begannen zu brennen. Ich zog die Sandalen aus, so war mein Gehen das einer barfüßigen Mönchin, oder eines armen Mädchens, das vor den Steinen und Stacheln auswich, um unverletzt anzukommen. Der Wald ging in eine Wiesengegend über, links unten hörte ich einen Bach rauschen, ich querte nach rechts über einen Weg und stieg in die Richtung einiger Almhütten, die hinter der Bergkuppe aufgetaucht waren. Hier waren einige Menschen, Wäsche hing auf einem Balkon, dort trat jemand vor die Tür, und auf der Wiese vor den Häusern spielten die Kinder um Tisch und Bank herum. Ich ging vorbei und weiter, immer oberhalb des Weges auf dem Weichen, und als die Stimmen verebbt waren, nur noch von Ferne einige Kuhglocken zu hören waren, setzte ich mich an den Wegrand. Unter mir der Bach, vor mir die steigenden grünen Hänge, gegen die kleinen Grate und Spitzen zu braun und grau, ein Talschluß, ein Kessel. Eine Mulde für all die Seligen, die weiter gegangen waren und vorbei, die sich von den Steinen nicht hatten hindern lassen, den Blick und die Absicht fest auf den Hang und den Grat gerichtet. Und dahinter, das konnte man dem Hang und dem Grat ansehen, war wieder ein Kessel, eine Mulde, ein Tal, mit dem Tal ein Bach. Und daneben und dahinter wieder. Aber so war ich schon wieder voraus und zu weit: Das Paradies ist hier, immer nur hier. Die Begriffe fallen, Kessel, Mulde, Tal, Bach werden namenlose Bilder, die Töne unbenannte Reize. Bilder und Reize sickern ein und verschwinden, sie wecken den einen Grund, sie machen der Stille Platz, darin alles versinkt.

Die Erzählung „nirgendwohin“ (Arbeitstitel)
erscheint im Herbst 1999 bei Deuticke, Wien.

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