Volker Wolf: Die australische Lyrik der letzten Jahrzehnte

Während unter Literarhistorikern die These umstritten ist, dass die australische Lyrik bis in die Mitte des 20.Jh. hinein – von Ausnahmen abgesehen – eine lokalkolorierte Nachahmung englisch viktorianischer Dichtkunst gewesen sei, so herrscht doch weitgehend Einigkeit darüber, dass sie in den 60er Jahren unseres Jahrhunderts ihre Qualität von Grund auf veränderte. Als häufig genanntes literarisches Zeugnis dieses Wandels gilt die Anthologie von Rodney Hall und Thomas Shapcott New Impulses in Australian Poetry die 1968 erschien. Was war geschehen? Um es auf ein Kürzel zu bringen: Australien war in den Jahrzehnten nach dem Krieg international hellhöriger geworden und hatte sich vor allem den Vereinigten Staaten gegenüber weit geöffnet. Für die Lyrik bedeutete das die Abkehr von W.B. Yeats und W.H. Auden und die Rezeption von T.S. Eliot, William Carlos Williams, E.E. Cummings, Ezra Pound oder Robert Frost. Eine junge Generation australischer Lyriker wie Bruce Dawe, Andrew Taylor, John Forbes, Les Murray oder John Tranter warfen voller Begeisterung die als langweilig empfundene traditionelle Syntax, den traditionell streng gebundenen Rhythmus der vorausgegangen Generation eines A.D. Hope, eines James McAuley oder einer Judith Wright über Bord und wandten sich einem einfachen, an der Umgangssprache ausgerichteten Stil zu, der ihrem neuen städtischen Lebensgefühl eher entsprach.

Dieser frische Wind der späten 60er Jahre lüftete auch ganz entscheidend die literarischen Produktionsbedingungen dieser jungen australischen Dichtergeneration. Statt sich weiterhin an die gängigen Literaturvermittler wie das Literaturmagazin Bulletin oder an Tageszeitungen wie das AGE zu verkaufen, entschlossen sich viele Autoren, ihre Gedichte selbst zu verlegen oder sich mit KollegInnen zusammenzuschließen und selbst eigene Literaturmagazine herauszubringen. In kurzer Zeit explodierte der literarische Markt. Dichterlesungen gewannen an Popularität. Das Taschenbuch trat seinen Siegeszug über den traditionellen Leinenband an. Selbst etablierte Verlage widmeten sich plötzlich der neuen Lyrik und verschafften ihr damit auch in etablierten Kreisen die entsprechende Anerkennung.

Während der siebziger Jahre zeigen sich erste Zerfallserscheinungen in der 68er Bewegung. Spaltungen, Zerwürfnisse und Parteiungen innerhalb der neueren australischen Dichtergemeinde sind keine Seltenheit. Dabei manifestieren sich die Unterschiede ebenso geographisch – z.B. zwischen Melbourne und Sydney (wo sich dann wieder Unterfraktionen in konkurrierenden Magazinen bekämpfen – z.B. New Poetry mit Robert Adamson steht Poetry Australia mit Grace Perry und Bruce Beaver gegenüber) – wie auch künstlerisch, indem z.B. Autoren wie Robert Gray oder Les Murray die Einstellung vertraten, Dichtung müsse sich auf Greifbares, Objektivierbares beziehen und dabei an das Beschreiben von Geschehnissen, Charakteren oder Landschaften dachten, ohne jedoch das Gedicht in seiner eigenen Realität unterschatzen zu wollen; Dem widersetzten sich Autoten wie John Tranter oder John Forbes, die sich ganz auf die spielerische Qualität von Sprache verlegten, und sich den Zufälligkeiten eines phantasievollen Umgangs mit Sprache überlassen wollten.

Auffällig ist, dass sich in den 70er Jahren auch Lyrikerinnen an die Spitze der Avantgarde setzen. Kate Llewelyn und Susan Hampton zeigen mit ihrer Anthologie The Penguin Book of Australian Women Poets, dass Frauen wie Judith Rodriguez und Jennifer Maiden sehr wohl in der Szene präsent waren. – Gisela Triesch wird sich im Nachwort dieses Bandes eingehender mit der Situation der australischen Autorinnen auseinandersetzen.

Die achtziger Jahre erweitern das Spektrum der australischen Lyrik um zwei wichtige Strömungen: Die schwarze Lyrik einerseits und die ethnische Dichtung andererseits.

Schwarze Autoren wie Oodgeroo Noonuccle (Kath Walker) Jack Davis oder Mudrooroo Narogin (Colin Johnson) stehen mit ihrer künstlerischen Arbeit im Rahmen einer politischen Bewegung, die sich offensiv gegen das weiße Australien zur Wehr setzt (z.B. der Kampf um Landrechte). Sie schildern die Erfahrungen ihrer bedrohten oder sterbenden Kultur, wobei sie oft zum traditionellen Duktus ihrer mündlich überlieferten Geschichten greifen. Außenseiter in dieser Gruppe ist ein weißer Autor, Banumbir Wongar, der mit einer Aboriginefrau verheiratet ist; er schlüpft in eine schwarze Haut und schreibt Gedichte wie wie ein Aborigine. Als weißer Autor unter Schwarzen gehört Banumbir Wongar damit auf seine Weise zu den ethnischen Autoten, die den anderen wichtigen Strang im Lyrikspektrum der achtziger Jahre darstellt.

Natürlich kündigte sich die ethnische Literatur schon erheblich früher an. Einer ihrer ersten Förderer war Robert Adamson, der mit seinem bereits erwähnten Magazin New Poetry, (bzw. Poetry Magazine, das war der Vorgänger) viele der heute bekannteren ethnischen Schriftsteller entdeckte und erstmals publizierte. Ethnische Schriftsteller sind die in der ersten oder zweiten Generation eingewanderten Australier wie z.B Walter Billeter, Peter Skrzynecki, Vicki Viidikas, David Malouf, Antigone Kefala, Manfred Jurgensen und Rudi Krausmann, um nur einige zu nennen. Der Begriff ethnisch oder multikulturell bürgerte sich als neutrale Bezeichnung für ein Schrifttum ein, das zuvor als marginal abgewertet worden war und erst im Zuge einer gesellschaftlichen Anerkennung der landesspezifischen Minoritäten-Kulturen sich einen Platz im ‚Mainstream‘ verschaffte.

Das wohl bedeutendste Forum der ethnischen Schriftsteller in den achtziger und neunziger Jahren ist das Literaturmagazin Outrider. Mit finanzieller Unterstützung des Literature Board of Australia (heute: Literary Arts Board of the Australian Council) wurde Outrider 1984 von Manfred Jurgensen gegründet. Es war von Anfang an die erklärte Editionspolitik dieses Magazins, der Literatur australiengebürtiger Autoten die Literatur der Einwandererschriftsteller – auch in ihrer eigenen Sprache – zur Seite zu stellen und damit den staatlich-ideologisierten Multikulturalismus im literarischen Bereich Wirklichkeit werden zu lassen. Ganz offensichtlich beschäftigt sich diese Dichtung in besonderer Weise mit dem Thema der Identitäten: der eigenen, mitgebrachten oder von den Eltern und der Gemeinschaft vorgelebten Identität, die sich zu entfremden droht und der ansozialisierten ‚fremden‘ australischen Identität, die sich zusehends mit der eigenen Identität vermischt und zu dominieren beginnt.

Zum Schluß noch ein Wort zum Umfang der Lyrik im kulturellen Leben Australiens. Obwohl die Lyrik überall schon seit jeher eine relativ unbedeutende Gattungsform ist, genießt sie in Australien ein beachtliches Ansehen – was nicht zuletzt dem Literary Arts Board und dessen konsequenter Forderungspolitik zu verdanken ist. Die Auflagenhöhe durchschnittlicher Lyrikpublikationen in den Vereinigten Staaten und in Großbritannien ist im Vergleich nur zwei oder dreimal so hoch wie die australische, obwohl beide Länder Australien bevölkerungsmäßig um ein Vielfaches übertreffen.

aus: Made in Australia, Gangaroo 1994

Gerald Ganglbauer: Intro zur OZLIT COLLECTION

Gangan ist der erste Verlag aus dem deutschen Sprachraum, der sich in Australien niedergelassen hat. Das hat für mich als Verleger den Vorteil, dass ich in einem Land lebe, dessen Menschen, Landschaften und – in mancherlei Hinsicht – Klima ich sehr schätze; für Sie, liebe Leser, dass wir Ihnen Literatur aus erster Hand AIR MAIL FROM DOWN UNDER schicken können.

Warum gerade Australien, werden Sie sich fragen. Nun, meine Reisen in den letzten 15 Jahren haben mich um die halbe Welt geführt; der Verwechslungen (Ah, Austria, there’s kangaroos!) war ich überdrüssig – und auf den fünften Kontinent ohnedies neugierig. Die Entwicklung des Verlages in Österreich hat mich einige Jahre festgenagelt; vor knapp zwei Jahren bin ich endlich doch hingeflogen, habe mich verliebt – und bin gleich Down Under geblieben.

Australien hat seinen 200sten Geburtstag 1988 bereits mit einigem internationalen Medien-Echo hinter sich gebracht; dennoch hat es bislang hierzulande kaum eine wirklich starke und längst verdiente literarische Präsenz erlangt, wie beispielsweise die USA sie zumindest seit den Beatniks hat. Ich denke daher, dass es nun höchst an der Zeit ist, sich die Arbeiten der neuen Welt genauer anzusehen.

Die australische Filmindustrie (kommerziell erfolgreich mit Crocodile Dundee I+II, in höchstem Maße künstlerisch mit Bliss und The Dead Poets Society, unverwechselbar humorig in den Madmax-Filmen oder Young Einstein); sowie die populäre Musikszene (von so international reputierten Bands wie Midnight Oil oder den Hunters and Collectors, über Men at Work und Icehouse, bis hin zu den schrägen Klängen von Nick Cave & The Bad Seeds oder Beasts of Bourbon, um nur einige zu nennen) konnte sich overseas bereits etablieren.

Warum das in der Literatur noch kaum nachvollzogen ist, hat vielerlei Gründe. Da sind einmal die Verknüpfungen der Verlagsindustrie mit Großbritannien noch sehr stark, andererseits gibt es eigenartige, regional abgeschlossene Copyrights (ein in Australien verlegtes Buch darf nicht automatisch auch in den USA oder GB verkauft werden). Es werden zwar schon Lizenzen aus dem Bereich Fiction für den deutschen Sprachraum gekauft, aber das sind dann meist Romane im Stil der Dornenvögel, also – wie man das hierzulande nennt – Belletristik, die natürlich keinen Eindruck auf die Literaturfeuilletons macht, aber – und allein das scheint für viele zu zählen – bestens verkauft werden kann.

Meist wird dann noch an den Universitäten, wo ein Institut für Amerikanistik bereits selbstverständlich ist, Australien im großen gemeinsamen Topf des Commonwealth gehandelt, wie mir Professor Horst Prießnitz von der Bergische Universität – Gesamthochschule Wuppertal klagt, jener Uni, die im deutschsprachigen Europa im Australien-Engagement federführend ist.

Und überhaupt ist es auch geographisch so weit entfernt …

gangan ist zwar nur ein ganz kleiner Verlag, und wir werden daran von heute auf morgen nichts ändern können (obwohl im nächsten Jahr auch noch Volker Wolf im Fischer Taschenbuch Verlag einen Band ‚Australien erzählt‘ herausgegeben wird, der allerdings nicht nur Gegenwartsliteratur, sondern die letzten 100 Jahre versammelt), doch mit unserer OZlit Collection, in der weitere Ausgaben bereits geplant sind, werden wir zumindest einen Beitrag dazu leisten, dass das in der Öffentlichkeit vom früheren Einwanderungs- zum Tourismusland wechselnde Australien auch als moderne Kulturnation begriffen wird.

Mein aufrichtiger Dank für das Zustandekommen dieses Buches gilt Monica Sander und Andrew McLennan, die mir in der ersten Phase sehr geholfen haben, meinen kompetenten Herausgebern und Freunden Rudi Krausmann und Michael Wilding, den Autoren und Übersetzern, sowie den Kollegen von den Verlagen für die freundlichen Genehmigungen, diese Arbeiten nun hier veröffentlichen zu dürfen.

Gerald Ganglbauer
Wien, im Oktober 1990

aus: Airmail from Down Under, Gangaroo 1990

Anmerkung zum Untertitel THE OZLIT COLLECTION:
Einige Leser werden sicherlich wissen, dass Australien das Englische recht eigenwillig modifiziert hat; vor allem wird vieles verkürzt und z.T. phonetisch geschrieben, so bedeutet OZLIT nichts anderes als AUSTRALISCHE LITERATUR. Die fünf Sterne am Cover und auf den Headlines symbolisieren das Southern Cross, das Kreuz des Südens, signifikante Orientierungshilfe am Nachthimmel der südlichen Hemisphäre und Bestandteil der Australischen Flagge.

 

Guntram Balzer: MUZURK

7 Texte

„Was aber tun in einer Zeit ohne Maßlosigkeit? Natürlich könnte man sich versuchsweise bei lebendigem Leib rösten lassen; eine Lesung unter selbigem Titel geben; die tiefen Schluchten der Meerungeheuer aufsuchen, sich einer Elektroschocktherapie unterziehen; nach Alaska auswandern oder den Damen vom fremden Stern ein farbiges Empfangsfest bereiten, usw. Aber das alles ist im Grunde nur Poesie.“
Paul M. Waschkau

G. Balzer #15

Den Tag entwerten, Gesetze brechen

jetzt ist killing-time = Beschäftigungstherapie

machen sie mehr aus sich, säuselt diese Stimme

und verkauft Whiskey, Einbauküchen, Tampons;

mit den gleichen Worten kann man einem ein

Messer in den Leib stoßen und wenn die Handlung

gilt, sagt man: das ist wieder so ein Tag, den man

verfluchen könnte. Staubtrocken. Ein Säugling

schreit. Im Kopf ein Hornissenschwarm & kein

Bier um den Rausch von gestern wieder aufzuwärmen.

Und du würdest es wiedertun? Immer wieder! Ich

springe von weit oben in den Fluß und bin entkommen

und habe einen riesigen blauen Fleck so groß wie

ein Kuchenteller, aber ich habe es geschafft und

werde nie wieder zurückkehren. Immer nur das

Eine: Fernsehprogramme, Filme, Bilderblätter,

Psychoquasseleien. Mensch ist nackt und macht

sich nackt. Ein Monster gefüllt mit Obsessionen.

Mensch tötet und kopuliert. Mensch kopuliert und

tötet. Endlich frei. TATÜTATA

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Karstadt – Parfümerieabteilung

Als mein Eis auf ihre

blankpolierte Theke fiel

wurde sie kribbelig.

Irgendeinen Lappen holte

sie aus der Luft und

verwischte hektisch die Spuren

des Genusses, dessen Namen

an dieser Stelle nichts zur Sache

tut. Hier stinkt’s, sagte ich, blickte auf

die öligen Flakons und die

gelangweilten Frauenkörper davor,

teure Bikinimode oder ohne: dann

aber sind die Photographen noch teurer.

Ihr Blick, der zwischen zwei Ohrgehängen

festgeschraubt war, traf mich nicht, während

ihre Hände in Gold badeten, ihre Brüste

wahrscheinlich voller Silikon waren und

ihre Fußnägel… Wenn die grün sind, in

diesem wunderbaren Ton, würde ich dich

gerne lieben auf der Stelle

G. Balzer #17

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Liebe auf Sofa mit Schlaffunktion

Sie ist behaart

aber herzlich

aufrecht stehen ihre Brüste

die ich unter mir begrabe:

das Spiel gelingt.

Wir blicken uns nicht tief in die

Augen, stöhnen nicht, furzen

nicht, machen keine Geräusche.

Lieber diskutieren wir während des

Sex über Politik. Dann treffen wir uns

auf ein Glas im Nachbarzimmer

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Sex ist wie Schokolade

manchmal in lila, schwarz

oder weiß dein Slip

mit dem du die Voyeure blind stellt

die Stofftiere in deinem Bett

und dann zum Papier greifst;

zwischen deinen Beinen schmilzt

die Schokolade gerade, als ich dich erreiche

unter deinem Hemd brüte ich deine Brustwarzen aus

dann haben wir kurz hintereinander,

leise und aufeinander bezogen, aufgeschrieen

das Bett ist eine warme Muschel aus Schlaf.

Schneeflockenlicht fällt durch die

breitgemusterten Vorhänge und legt

sich darüber wie Diamantstaub

ich lege noch das Schokoladenpapier

darüber, um es zu schützen

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Sie

Schlange auf Pfennig

er

mit Hut

und mein Fuß

litt

unter ihr

und

mit ihm

dem seine Augen

in

der Buchhandlung

ausliefen

und der

sich bei

diesem Frauchen

doch

nichts kaufen

durfte

aber

irgendwie

muß es

bei Ihr

doch gemütlich

gewesen sein

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G. Balzer #16

Virtueller Kaffee

Bonjour – ich bestelle

mir einen Drink

zum Wachwerden. Der

kommt natürlich nicht. Ich

muß mir nur vorstellen, dass

er kommt. Ich trinke Kaffee

aus ihrer hohlen Hand. Nicht

so schnell, nicht so heiß,

schreie ich ihr entgegen. Sie

läßt die Hand fallen. Mein

Sonntagsanzug ist jetzt braun.

Die Vernichtung all meiner

Wünsche hat stattgefunden.

Jetzt bin ich nackt; eine leere

Hülle in einem leeren Gewand

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sonnenbrille

um ihre augen zu sehen, gehe ich folgendermaßen vor:

zuerst setze ich ihr den hut ab

damit dieser beim brilleabsetzen nicht beschädigt wird

dann kämme ich ihr haar zurecht

damit die frisur beim brilleabsetzen nicht beschädigt wird

dann gehe ich mit dem glasschneider zu werke

die herausgetrennten gläser wickele ich vorsichtig in taschentücher

dann erst setze ich ihr die brille ab

sie blinzelt

schade nur um das licht, das jetzt ihr augen trifft

Guntram Balzer, geboren 1963 in Hagen/Westfalen, Studium der Germanistik und Philosophie an der Universität Düsseldorf, Buchhändler, verschiedene Veröffentlichungen in Zeitschriften (Unicum, Literaturdienst, Tasten) und Büchern (Wortnetze III, Zehn, Junge Lyrik dieser Jahre), neuerdings auch im Internet (Gangway #2), lebt in Erkrath/Rheinland (Deutschland).

Kristen Hunter: Das australische Feuerwehrsystem

Eine Fallstudie

Es war ein Sonntag morgen – ein früher. Wie wach ist man an einem Sonntag morgen um acht? Nicht wach genug, um schneller zu sein als die Tür. Und so fand ich mich vor der Wohnungstür, mit dem Wäscheklammerbeutel, dem noch leeren Wäschekorb und ohne Schlüssel, und hatte noch das Klicken der Tür im Ohr.

Dies war der Anfang einer langwierigen und sehr australischen Geschichte, in der wenig ökonomische Effektivität, ein bißchen Bürokratie und viel Hilfsbereitschaft die Hauptrollen spielen.

Erst einmal setzte ich mich auf das Mäuerchen vor dem Haus, um auf Silke zu warten, die mich eine Viertelstunde später zum Sonntagsausflug abholen sollte. Der vorbeigehende energische Herr mit silbrigweißem Haupte, der auch sonntags sein walking-Programm ernst nimmt, wunderte sich nur wenig, als ich ihn nach seinen Schlüsseln fragte. Ich weiß, wie poofelig die australischen Schnappschlösser sind und gebe ihnen eine recht große Chance, dass ein Schlüssel für viele paßt. Der silbrigweiße Herr wußte das anscheinend auch und gab mir ohne Zögern seine Schlüssel. Er folgte mir aber doch mißtrauisch bis zu meiner Wohnungstür im dritten Stock und nahm’s als zusätzliche Fitneßübung. Leider paßten seine Schlüssel nicht.

Dann kam Silke. Bevor sie auch nur den Gedanken entwickelte, einen Parkplatz zu suchen, saß ich schon neben ihr und erklärte ihr, dass wir jetzt die nächste Hauptstraße hinunter und zum Makler müßten, denn der Makler hatte Schlüssel zu meiner Wohnung.

Während ich erklärte, heulten drei große Feuerwehrwagen die Hauptstraße entlang, in die meine kleine Nebenstraße einmündet. Als wir dann in diese Straße einbogen, sahen wir sie hundert Meter weiter vor einem Haus stehen. Silke schlug vor, wir sollten doch hingehen und angelegentlich fragen, ob sie uns eine Leiter leihen könnten. Mir war das aber peinlich, und ich setzte durch, dass wir in die andere Richtung, gen Makler, fuhren.

Der Makler hat manchmal sonntags offen, soviel wußte ich. Aber an diesem Sonntag; und dann auch noch kurz nach acht? Natürlich war er nicht offen. Der hardware store nebenan war aber offen, und der freundliche Besitzer überzeugte uns, dass das Maklerbüro jeden Sonntag geöffnet sei, spätestens ab zehn, aber vielleicht auch schon ab neun. Er weiß das, er arbeitet ja da. Und ansonsten seien die LCD-Schlosser die billigsten, und sie kommen auch sonntags. Als wir beim hardware store herauskamen, war Licht beim Makler. Aber es war niemand da. Peinliche Minuten klopften wir ans Maklerbürofenster, während ein halbes Dutzend Leute direkt davor uns zuschauten, denn sie warteten auf den Bus und waren froh, dass was zum Gucken passierte, denn die Busse sind immer spät, und man langweilt sich so beim Warten.

Wir gingen erstmal frühstücken.

Die Bedienung im Café nebenan erklärte uns, dass der Makler nie sonntags geöffnet hätte. Sie weiß das, sie arbeitet ja da. Aber sie würde einen billigen Schlosser kennen, der auch sonntags kommt.

Sie ging auch gleich nach hinten und schaute in die gelben Seiten. Und fragte hinten auch ihre Kollegin. Die kannte auch einen billigen Schlosser, der sonntags kommt. Jetzt hatten wir drei Schlosseradressen. Und ob wir im NRMA (ADAC) seien? Die kämen umsonst, wenn man Mitglied ist.

Und dann fiel einer weiteren Bedienung hinten im Café noch ein, dass die Polizei Generalschlüssel hat. Wir sollten doch einfach nur dahingehen und ein bißchen mit den Augen klimpern, trug uns unsere Bedienung zu.

Um kurz nach neun hatten wir allen Kaffee getrunken, alle Croissants gegessen und alle Ratschlagquellen erschöpft. Der Makler nebenan hatte immer noch Licht, aber es war immer noch niemand da. Diesmal klopften wir nicht mehr an die Scheiben, aber fluchten leise über automatische Lichtschalter und überflüssige Einbrecher-vertreibungssysteme.

Dann riefen wir von einer öffentlichen Telefonzelle aus die Firma von Silkes Mietwagen an. Die Firma war leider nicht beim NRMA. Auf dem Weg zur Telefonzelle stellten wir fest, dass die drei Feuerwehrwagen die Straße runter schon nicht mehr da waren. Ihre Leitern hatten sie auch mitgenommen.

Also zur Polizei. Denn mit den Augen klimpern können wir. Das Revier lag in einer kleinen Nebenstraße und sah auch aus, als ob es sonntags geschlossen hätte. Hatte es aber nicht.

Der latin lover hinter dem Tresen war nicht beeindruckt von unseren Augen, sondern meinte nur, da könne man nix machen. Die ebenso kurzangebundene Polizistin, die hinten an einem Schreibtisch saß, meinte auch, da könne man nix machen.

Aber dann – schlug die australische Hilfsbereitschaft zu! Und diese einmalige Kombination von Bürokratie und Aktivismus nahm ihren Lauf.

Ob ich etwas angelassen hätte in der Wohnung, fragte sie. Ja, hatte ich. Der Grill im Herd muß immer etwas vorgewärmt werden, bevor er das Toast toasten kann. Also hatte ich ihn vor dem Wäscheholen schon mal angestellt. Dann, sagte die Polizistin, sei das ein Notfall.

Und bevor ich begriff, was sie tat, und sie hindern konnte, rief sie die Feuerwehr an. Gab meine Adresse durch. Rief den Notfall aus. Wandte sich dann mir zu und erklärte mir, dass ich mich jetzt beeilen müßte, zu meiner Wohnung zu kommen, denn die Feuerwehr sei schon unterwegs, und wenn ich nicht da wäre, würden sie die Tür einschlagen.

Mein Gott! Silke und ich rannten, sonntagmorgenrekordbrechend, die Straße entlang, den Hügel hinauf, zum Auto. Wir schafften es noch vor der Feuerwehr.

Vor meinem Haus auf der Straße standen wir, da hörten wir sie schon kommen. Und sahen sie: auf der Hauptstraße herbeirasend, mit Martinshorn und Sirene schreckte ein großer Feuerwehrwagen unschuldige Bürger aus dem Schlaf. Und jagte im Feuereifer an meiner kleinen Nebenstraße vorbei – summ. Einen Moment später kam er wieder zurück, diesmal langsam und vorsichtig und ohne Sirene, und fand meine Straße.

Vier ernste Männer stiegen aus. Der Boss kam mit mir zu meiner Wohnung hoch und versuchte erstmal eine Plastikkarte. Ich bekam Respekt vor meinem Schloß, es hielt dicht. Dann preßte er sein Ohr gegen die Tür. Aufgeregt und konzentriert: „Ich hör da was! Haben Sie einen Rauchdetektor?“ Ich klärte ihn auf, dass es das Radio sein mußte, was er hörte.

Die nächste Maßnahme war die Leiter. Sie wurde zu ihrer ganzen Länge ausgefahren, die ersten Nachbarn sammelten sich an den Fenstern. Leider ist vor dem Haus die Einfahrt zur Tiefgarage, der Grund liegt daher etwas tiefer, und die Leiter reichte nicht. Dann, erklärte mir der Boss, müßten wir jetzt die Tür einschlagen. Ich begann, gegen hilfloses Gekicher ankämpfen zu müssen.

Auf dem Weg nach unten traf ich einen entschlossenen Feuerwehrmann mit Gasmaske um den Hals und Sauerstoffflasche auf dem Rücken. Ich wollte schreien, dass es überhaupt nicht in Frage käme, meinen Wohnungstür einzuschlagen, und schon gar nicht mit Gasmaske und Sauerstoffflasche. Und inzwischen sei es spät genug, dass ich auch meine Freundin drei Straßen weiter anrufen könnte, die einen Schlüssel hat. Erinnerte mich dann aber daran, dass es sicher nicht so diplomatisch wäre, diese Freundin jetzt zu erwähnen.

Ich wies also die Feuerwehrleute darauf hin, dass auch mein Fenster nach hinten raus offen sei. Also wurde die Leiter hinten nochmal aufgebaut, ein klappriges Modell, das mich um den hinaufkletternden Feuerwehrmann bangen ließ, und drei Minuten später war ich in meiner Wohnung.

Brach endlich in das lange zurückgehaltene Gekicher aus und rauchte erstmal eine. Und fragte mich, und frage mich bis heute, warum die drei Feuerwehrwagen am Ende der Straße wohl wieder so schnell weggewesen waren.

Michael Wilding: Die Short Story in Australien

„Das Einzigartige an der Short Story ist, dass wir alle eine erzählen, leben, niederschreiben können“, schrieb Christina Stead, die australische Romanschriftstellerin. Die Story ist die zugänglichste der literarischen Formen. Jeder hat eine Story. Es war niemals eine exklusive oder elitäre Form. Große Short Story-Schreiber waren immer auch Romanciers, Dichter, Dramatiker, Essayisten; nur wenige haben ausschließlich Stories geschrieben. Eine der Stärken der Story ist ihre Art und Weise, so eine Vielzahl an Schreibern anzuziehen. Dies wiederum trägt zur Vielfalt ihrer formalen Ausdrucksmöglichkeiten bei – erzählend, lyrisch, dramatisch, märchenhaft, abenteuerlich erfunden oder berichtend. Die Story steht im Dialog mit Romanen, Gedichten, Theaterstücken, Essays: sie verschließt sich anderen Genres gegenüber nicht. Sie ist dazu imstande, die formale Strenge eines Gedichtes zu verkörpern, den Dokumentarwert einer Fallstudie, die Zartheit einer Träumerei, die schreckliche Wahrheit eines Geständnisses, die Klarheit eines Exempels und auch die Heiterkeit eines plötzlichen Einfalles.

Australien hat eine starke, fortlaufende Tradition der Short Story: von Marcus Clarke in den 1870ern über Henry Lawson und Barbara Baynton zur Jahrhundertwende wurde ein steter Fluß kraftvoller Stories hervorgebracht. In der vorliegenden Auswahl liegt der Schwerpunkt auf Stories der Gegenwart. In den letzten zwanzig Jahren hatte sich Modernismus als literarische Ausdrucksform ziemlich gefestigt. Aber die realistische Tradition, der er mutig begegnete, gab keinerlei Anzeichen, das Feld zu räumen. Realismus wurde durch Modernismus nicht ersetzt; in der literarischen Praxis dieses Jahrhunderts existierten sie eher nebeneinander. Darüberhinaus bestehen sie nicht als entgegengesetzte, einander ausschließende Positionen, weil Schriftsteller stets sowohl realistische als auch modernistische Aspekte in ihre Arbeit eingebracht, und zu unterschiedlichen Zeiten beide Tendenzen durchforscht haben. Ständigen Erneuerungen und Entwicklungen unterworfen, blieben beide Formen in Australien bestehen.

Es besteht keine Veranlassung, eine spezifisch australische Form für die Short Story zu beanspruchen. Die besondere Stärke der Tradition – und es ist eine besonders starke Tradition – mag nicht als eine in der Form einzigartige Kraft beschrieben werden, wohl aber als eine den Problemen der australischen Romanciers entgegenkommende. Australiens Verlagswesen, überwiegend in ausländischem Besitz, hat nur zeitweilig große Begeisterung für die australische Literatur gezeigt. Wo Romane keinen Zugang zur Publikation fanden, schafften es aber einzelne Short Stories. Diesen notwendigen Überlebensstrategien der Autoren schuldet die Vielfalt und Kunstfertigkeit der australischen Story viel, was wiederum kräftig beim Erarbeiten einer großen Leserschaft half. In den 1890ern hatte THE BULLETIN, ein Wochenmagazin, von sich aus die Story gefördert. Aber zu der Zeit, als jene Stories geschrieben wurden, die in die vorliegende Anthologie aufgenommen sind, war der Markt in den Periodika schon fast völlig geschlossen. Vierteljährliche Literaturmagazine, die in Zusammenarbeit mit Universitäten herausgegeben werden, stellten eine institutionalisierte Heimat für die Literatur während dieser Jahre dar. Als diese Literaturzeitschriften aber neuen literarischen Entwicklungen zu restriktiv gegenüberstanden, entfalteten sich andere Strategien. Kleine Magazine, die eine Veröffentlichungsmöglichkeit boten, wucherten. Einige Jahre lang erschien eine Short Story-Beilage, die sich TABLOID STORY betitelte und von Ausgabe zu Ausgabe jeweils einer anderen etablierten Publikation beigefügt wurde. Für eine Weile boten wöchentliche Magazine ein Zuhause, aber auch die folgten den aussterbenden Magazinen allgemeinem Inhalts nach.

Während dieser Zeit kam es zu einem Wiederaufleben öffentlicher Lesungen. Open-Air-Lesungen am Hafen von Sydney, in Parks, Caféhäusern, Kneipen, Rathäusern und im Universitätsbereich legten ein neues Gewicht auf das gesprochene Wort, was wiederum zu ganz spezifischen literarischen Entwicklungen führte. Die Stories wurden kurz und bei diesen Lesungen genauso bereitwillig vorgetragen, wie Gedichte. Der Schreibprozeß selbst profitierte von dieser Beziehung zur Lyrik, von der Begegnung mit poetischer Konzentrationsgabe und den Einflüssen eines lebendigen, zeitgenössischen Sprachgebrauchs. Es handelte sich nicht nur um das Wiederentdecken des Geschichtenerzählens oder des Knüpfens von Seemannsgarn; Formen, die nie verschwunden waren. Diese Bewegung bezog auch die sprechende Stimme mit ein unter Verwendung all ihres Potentials und ihrer Doppeldeutigkeiten.

Man könnte von einer Anthologie moderner australischer Stories erwarten, dass sie etwas aus dem modernen australischen Leben aufzeigt. Modernismus könnte Formalismus bedeuten wie auch Selbstbezug zu manchen seiner Regeln, aber wir lesen Stories auch, um über Dinge informiert zu werden: Geschichtenerzählen wie Märchenerzählen. Selbstverständlich läßt die ‚Wirklichkeit‘ dieser Geschichten immer Zweifel zu; der Anspruch auf größte Authentizität von realistischen Erzählungen legt genauso die Möglichkeit nahe, dass alles nur erfunden, nur eine ‚Geschichte‘ ist. Doch gerade eine Geschichte kann uns viel über den Erzähler berichten und über die Welt, die diese Geschichte entweder in sich aufnimmt, oder ablehnt. Wieviel des modernen australischen Lebens diese Stories darstellen, mag der Leser selbst beurteilen. Ohne Zweifel gibt es schreibend Ausgeschlossenens und Unterdrücktes; aber worüber Autoren einer Generation nicht schreiben, ist für spätere Generationen oft ebenso aufschlußreich, wie das, worüber sie schreiben.

Ein Vorwort mag in der Tat auch Literatur sein, aber eine weit weniger unterhaltsame als die einer Story. Da gibt es Erfreuliches an der Story, das kritische, politische, philosophische oder historische Texte niemals erzielen. Das ist auch der Grund, warum sie gelesen werden. Es ist an der Zeit, uns ihnen zuzuwenden.

Übersetzt von Gerald Ganglbauer

 

Raoul Eisele

out, out brief candle!

das leben kriecht
schwerfällig
schritt für schritt für schritt
von tag zu tag
zur letzten stunde
schleicht schattengleich
im kerzenschein
in rauchschwaden
ausgelöschter flammen
eines jungen herzens
im narrengewand des gestern
zur unbarmherzigen ewigkeit
des angebrochenen morgen
zum morgen
zum morgen
und wieder morgen
einer endlosen wiederholung
kriechend zum unbedeutenden
idioten
dessen stimme unvernommen
im widerhall
verstummt

 

Name: Raoul Eisele; BA BA
Geburtsort/-Jahr:  1991 in Eisenstadt – lebend in Wien Hernals
Studium: Germanistik BA und Komparatistik BA (abgeschlossen) aktuell Germanistik MA
Veröffentlichungen: why nICHt? Magazin 1-4 (Literaturmagazin der Komparatistik Universität Wien), SYN Nr. 12, Bücherstadt Kurier Nr. 21, mosaik freiVers 14.8.16, silbende Kunst Nr. 14., Fixpoetry, mosaik freiText 11.11.16, Bücherstadt Kurier, Inskriptionen (neue Literatur abseits vom Mainstream);
Textgattungen: Gedichte/Kurzgeschichten

blume (michael johann bauer)

im netz

vergangenheit wie kau-gum-
-mi-t-epi-lepsie
alles zieht sich zuckend
zum anfang zurueck:

schlafzimmer meiner eltern
hier grub acht=bein tabu
fieb’r’xtrem’taet
unb’rech’nbar
drang’n nacht=schreie laermend
bis ran an mein bett
mir war so schweisz=angst
bang zerkaut‘ ich ’s gehirn
& die anderen tuer’n
fuehrt’n kalt=bloesz mich nackt
tief’rer & tief’rer
tief’rer et cetera
in den harm=schwamm=
& schlamm=
=par’lyse=’rinth=wahn

bitte!
bitte hilfe!
das licht geht nicht an!

meine finger so klamm!
ganz gelaehmt lieg‘ ich da
& warte noch d’rauf
dass die spinne
mich frasz

2016_11_chimäre_von blume (michael johann bauer)

fährten folgen, auf begegnungen

manche starben und gaben/all das, was sie besaszen/und ihr handeln hinterliesz spuren/in des handelns spuren/doch dann kamen andere/und die anderen vergaszen/schon woher sie kamen/und ihre spuren mischten/sich unter die spuren anderer/denn als manche worte nahmen/wo ihre wurzeln lagen/hinterliesz ihr handeln/deutlich ihre spuren/und ihre spuren waren wurzeln/anderer gedanken/von anderen anders/wie anderswo/gedacht//

 

blume (michael johann bauer), *29.06.1979 in schrobenhausen; ich lebe in durlach/karlsruhe. habe forstwirtschaft in weihenstephan, freising, studiert und arbeite zurzeit sehr gluecklich in einem kindergarten mit waldpaedagogischem schwerpunkt. poesie, indes, ist mein leben, meine grosze liebe: dies zieht sich stringent durch meinen all=tag.
veroeffentlichungen 
in: novelle, syrinx, dichtungsring, phantastisch!, johnny, keine! delikatessen etc.
 dazu eine autorenausgabe des dosierten lebens mit meinen texten.

Marc Adrian

Hermann Hendrich
Zu den literarischen arbeiten von Marc Adrian

Wenn wir uns den literarischen arbeiten von Adrian zuwenden, vielleicht ein schmales, aber komplett veröffentlichtes werk mit zwei büchern, einer reihe von kurzen texten, einem theaterstück in kooperation mit anderen [1] und einer bestechenden übersetzung aus dem amerikanischen, sollten wir auch daran denken, wie die offizielle geschichte der literatur, freilich auch der modernen, immer von ihren eingeprägten oder eingebildeten gipfelhöhen ausgeht, und in den häufigsten fällen den ursprünglichen breiten und personenreichen kreativen sumpf partout nicht erkennen will. Freilich sollen die werke für sich sprechen, aber wenn es keine laudatores gibt, diese arbeiten einem breiteren lesepublikum vorzustellen, bleiben sie in den bibliotheken und auf den ikea brettern einiger interessierten intellektuellen stehen.

Eine neue generation von angehenden künstlern, schriftstellern, dichtern, musikern , komponisten, architekten der geburtsjahrgänge um 1930, auch verbunden mit jungen vertretern der sich aus dem rassismus befreienden wissenschaft der völkerkunde, versammelten sich mit beginn der fünfziger jahre in kleinen und größeren gruppierungen; eines der wichtigsten sammelbecken für diese frauen und männer  war der art club in der Wiener innenstadt, der so genannte strohkoffer. Geteilt wurde die ablehnung gegen die an den faschismus angepasste kunsthaltung, es gab informationen über die kunstentwicklung der 30er jahre, die vorher völlig unterdrückt worden waren, und manche künstler und schriftsteller, die quasi untergetaucht überlebten, Gütersloh sei als beispiel genannt, konnten ihre erfahrungen an die junge generation weitergeben. Marc mit seinen 20 jahren sog alles neue in sich auf, und konnte es auch so ordnen, dass es ihm in seinem letztendlich ungebrochenen gestaltungswillen zu diensten kam. Wie er insbesondere den losen kreis der – wie er schreibt – interessierten (Achleitner, Artmann, Bayer, Contreras, Ferra, Kölz, Jelinek, Potzelberger, Wobik, Rühm, Wiener) an den problemen der dichtung, musik und der bildenden künste darstellt, ist aus heutiger sicht von enormen interesse, haben sich doch die künste alle seitdem in ihre eigenen vier wände zurückgezogen. Für diese damalige zeit gibt es zeugnisse von Okopenko, Rühm, und zuletzt von Oswald Wiener, (Zur ausstellung „10 optische Gestaltungen“ im Jänner 1960 in der Galerie junger Generation am Börseplatz lasen Wiener, Rühm und Bayer, und Wiener legte ein blatt mit äusserst interessanten bemerkungen über dieses thema vor, das leider bei uns allen, die an den veranstaltungen teilnahmen, nicht mehr auffindbar ist.

Was hat man sich damals vorgenommen: das schreiben aus dem empfundenen, dem illusionismus, der einladung zum nachverfolgen des schicksals irgendeiner im text beschriebenen person herauszuführen, wie immer geartete andere prinzipien der anordnung von sätzen und wörtern anzunehmen. 1957 beendet Marc die ‚theorie des methodischen inventionismus’, der unter der beteiligung der in seinem atelier in der Oberen Donaustraße häufig anwesenden künstlerkollegen leider erst 1980 in der edition neue texte veröffentlicht werden konnte. Die mit hilfe dieser schreibtechnik geschaffenen texte der jahre von 53 bis 60 sind eben unter dem titel ‚inventionen’ ebendort erschienen. Dazu gehört allerdings auch die haltung sprachliches als material anzusehen, das nicht von augenblicklichen eingebungen gestaltet wird, sondern von einem kalkül.

Freilich hat die mathematische grundlage des „inventionismus“ sowie sein studium der wahrnehmungspsychologie an der UNI Wien neue möglichkeiten für seine bildnerische arbeit und den präzisen schnittprogrammen für seine filme mit sich gebracht.

Mit diesem rüstzeug ausgestattet, zu dem noch die kenntnis der cut-up und montage technik dazu gekommen war, erarbeitete Adrian zwischen 1966 und 69 eine anzahl von kürzeren texten, die in lesungen in verschiedenen galerien von ihm vorgetragen wurden. Leider fanden sie erst wesentlich später zu einer Veröffentlichung, sodass ihre wirkung auf die leseabende beschränkt blieb.

Auf grund aller dieser überlegungen und weiterführenden gedanken war Marc von den in der mitte der 60er jahre beginnenden möglichkeiten des computers fasziniert, auch in seinem filmischen werk hatte er sich damit auseinandergesetzt, nun gab die bekanntschaft mit einem programmierer am IBM und dem ähnlich gesinnten Gottfried Schlemmer die möglichkeit, völlig neue gestaltungen für ein theaterstück, das SYSPOT genannt wurde, auszuprobieren. Für die bühne wurde das stück nur in einer aufführung vom ersten Wiener Lesetheaters erarbeitet, aber in den protokollen 1970 abgedruckt.

Die intensive beschäftigung mit dem werk von Kenneth Patchen, insbesondere dessen meisterwerk Sleepers Awake, das Marc für den März Verlag übersetzte, verschafften ihm noch weiterreichende gestaltungsmöglichkeit. Patchen hatte ja nicht nur die visuelle und konkrete poesie vorausgenommen, sondern auch spezielle techniken der montage entwickelt, viele jahre vor Konrad Bayer. Als ergebnis dieser vielschichtigen anregung dürfen wir die wunschpumpe als die große montagearbeit betrachten, die 1991 erschien.

Wie ich in der vergangenheit einigemale ausführen durfte, hat Adrian in den von ihm meisterlich beherrschten künstlerischen disziplinen sein großes kreatives potenzial einbringen können, und seine neuen gestaltungsmethoden auch weitergeben können, in Cambridge, USA; Hamburg, Stuttgart. Zu erwähnen ist auch, dass er mit seiner aktivität in literarischen, insbesondere in der GAAV,  kreisen eine kleine gruppe von dichterInnen  der nächsten generation, unter ihnen Loidl oder Katt befreunden konnte, die sich mit seinen schreibmethoden intensiv auseinandergesetzt hatten.

Als abschluss oder auftrag an uns, die wir kreativ tätig sind:

„wir wirklichkeitsmacher“

wirklichkeit kommt vom wirken, das heißt vom machen.
schon diese herkunft deutet die machbarkeit des wirklichen an.

KONVENTIONEN

wo man hinschaut!
was man
sieht, hört, fühlt,
schmeckt man.
wie lernt man?

man sieht etwas bekanntes und
riecht dazu etwas unbekanntes.

p.e. faules fleisch (bekannt?)
in spiritus (innovation!). (*)

später lernt man dann schnaps trinken
und die grundregeln der bodenpflege
und kennt dann also den spiritus
in- und auswendig.

man hat ihn

GELERNT.

(kombinatorik macht klüger –
oder, jedenfalls, erfahrener.)

all das gelernte zusammen heißt

WIRKLICHKEIT.

natürlich gibt es dabei wichtiges und unwichtiges.
was wichtig ist weiß

DER STAAT

und seine beauftragten. denn sonst gäbe es ja
keine möglichkeit zur

KOMMUNIKATION

und das friedliche zusammenleben der menschen
wäre sehr schwierig.

was wichtig ist, lernt man in der schule

(wo es einem hübsch eingebläut wird, damit
man auch ja die

RICHTIGE WIRKLICHKEIT

innekriegt.)

aber natürlich sind da die lehrer
oft in peinlicher verlegenheit.

(wo sollen sie so viel wirklichkeit
herkriegen, wie sie zum lehren
brauchen?)

daher hat der staat uns,

DIE KÜNSTLER.

wir sind spezialisten für kombinatorik und machen
soviel wirklichkeit, wie gebraucht wird.

aber natürlich wissen wir künstler das nicht
so genau wie der staat und seine beauftragten.
und daher machen wir manchmal auch wirklichkeiten
die man nicht so gut brauchen kann.

(dann schlägt uns der staat züchtig aufs maul.)

DIE WIRKLICHKEITEN

legt der staat in die lade und kramt sie raus,
wenn er dafür eine verwendung hat.

dann bezahlt er die künstler,
wenn sie nicht schon tot sind.

wien, aug. 12/69
(marc adrian)


(*) anmerkung: in diesem konkreten fall handelt es sich um ein konserviertes blutiges menschenhirn im einmachglas in der vitrine der prosektur.

Bezogene Veröffentlichungen:

Adrian. M 1980, vorbemerkung (© 1957) in „marc adrian inventionen“, edition neue texte, Linz 1980

Hendrich H., 1993, ‚Der mehrdimensionale Künstler Marc Adrian’ in BLIMP Filmmagazin, No. 24, Graz 1993, S. 20-21.

Okopenko A. 2000 ‚Die schwierigen Anfänge österreichischer Progressivliteratur nach 1945’ in Andreas Okopenko, Gesammelte Aufsätze, Band 1, Ritter Literatur, Klagenfurt & Wien, 2000, S. 13-38

Rühm G., 1980. nachwort in „marc adrian inventionen“, edition neue texte, Linz 1980

Wiener O., 2015. ‚Anfänge’ in: „Konrad Bayer,: Texte, Bilder, Sounds. Paul Zsolnay Verlag Wien 2015, S. 278-286

Umfassende Information:

marc adrian: Katalog der Neuen Galerie Graz, Hrsg.: Anna Artaker, Peter Weibel. Ritter Verlag Klagenfurt 2007

Marc Adrian: Das filmische Werk, Hrsg.:  Otto Mörth.
Sonderzahl Verlag Wien 1998

aus: IDIOME, Hefte für Neue Prosa Nr. 10.
© 2016 Hermann J. Hendrich

[1] Liste der Publikationen von Marc Adrian

das mammut. ein lehrstück. edition werkstatt breitenbrunn, Breitenbrunn 1969 und in Neues Forum Heft 247/248, Juli/August 1974, s. 30-33 und in: die maschinentexte, Gangan Verlag 1996

SYSPOT (mai – juli 1968)  Zus. mit G. Schlemmer & H. Wegscheider, in protokolle, ’70; Jugend & Volk, Wien 1970 S. 86-96 und in: die maschinentexte, Gangan Verlag 1996

poémes inventionistes, zusammen mit moucle blackout. Siebdrucke Format 295 x 315 mm, Spiralbindung, Hamburg 1972

marc adrian inventionen. nachwort gerhard rühm. edition neue texte © Marc Adrian 1980, ISBN 3-9000292-13-2

Kenneth Patchen: Schläfer erwacht. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Marc Adrian, Originalausgabe: Sleepers Awake 1946, © März Verlag GmbH 1983, ISBN 3-88880-038-2

4 Stücke für John Cage, in Ganganbuch 5, Jahrbuch für zeitgenössische Literatur, Graz/Wien 1988, S. 12-15, ISBN 3-900530-09-2

DIE WUNSCHPUMPE. Eine Wiener Montage. © Gangan Verlag Graz-Wien-Sydney 1991, ISBN 3-900530-18-1 www.gangan.com/buecher/Adrian_Marc.shtml

scenario für herrn h. in Neues Forum Nr. 452/454, Wien, Juli 1991, S. 57-63 und in: die maschinentexte, Gangan Verlag 1996

bein ade! bade nie. in Linzer Notate Positionen, Blattwerk Linz/wien 1994, S.116-120 und in: die maschinentexte, Gangan Verlag 1996

die maschinentexte (E-Book, online). montagen, textsynthesen, computer generierte texte, permutationen (1966-69), © Marc Adrian & gangan books australia (Raw Cut 1996) www.gangan.com/ebooks/adrian/index.shtml

die maschinentexte (iBooks, download). montagen, textsynthesen, computer generierte texte, permutationen (1966-69), © Marc Adrian & gangan books australia (iBooks 2013) ISBN 978-3-900530-25-9 https://itunes.apple.com/at/book/die-maschinentexte/id777136916?l=en&mt=11

KENNETH PATCHEN und die amerikanische nachkriegsgesellschaft
© 1994 in STRUKTUREN ERZÄHLEN – DIE MODERNE DER TEXTE, Hrsg. Herbert J. Wimmer, edition praesens, Wien 1996, ISBN 3-901126-35-X. S. 33-53 ***

gegen das vergessen, © 2000 Marc Adrian in: fern schwarz
versammlung struktureller texte 1960 bis 2000. Academic Publishers/Graz, 2000, ISBN 3-901519-08-4, S. I bis VII

kurzer versuch einer stelllungnahme zu drei texten von hermann hendrich
© 2005 Marc Adrian in Gesammelte Texte; zehn, bergsommer und andere in Werkauswahl. Edition die Donau hinunter, Wien 2005, ISBN 3-901233-31-8, S. 9 – 20

Veröffentlichungen in der Zeitschrift Freibord:
schotter der erinnerung
in Nr. 20, 1980, S. 64-68
kindsbraut in Nr. 21, 1980, S. 16-18
filmrealität und textrealität
in Nr. 52/52, 1986, S. 7-26
beschreibung einer anwesenheit (Auszug 1966) in Nr. 57, 1987, S. 39-40
die wunschpumpe (Auszug) in Nr. 76, 1991, S. 7-41
frie der… in Nr. 91, 1995, S. 18

Manuskript-Faksimile in „marc adrian, Katalog zur Ausstellung in der Neuen Galerie Graz 2007“ Ritter Verlag Klagenfurt 2007, ISBN 978-3-85415-412-9

Diverse Manuskripte im Literaturarchiv der Österr. Nationalbibliothek

Andreas Bäcker

Drei Stories

NACHTGEDANKEN

Ich sitze im Schatten, meine Füße baumeln am Rand des Wahnsinns, während mein Körper stumm gelähmt die Agonie meiner Seele ignoriert. Das ganze Leben jeden Tag neue Schuhe, doch immer dieselben Füße, täglich mehr Last zu tragen, weil immer schwerer wird der Kopf. Neue Schrauben für die Denkmaschine, eine jeden Tag, an manchen zwei, drücken sich fest in das Canadian-Club-getränkte Hirn, das die selbstproduzierten Gedanken aufsaugt, bis es platzt.
Es ist Nacht geworden, vor tausenden von Schrauben bereits. Viel zu dunkel ist es, die gebrochenen Füße zu sehen, die noch immer baumeln, als wären sie bereit, ein letztes Mal noch zu laufen, ein letztes Mal noch den Kopf zu tragen, wohin es ihn treibt.
Der Brille zum Trotz sehe ich nicht mehr, als wären die Augen auf ihre Lider gerichtet, Leinwände einer Vergangenheit, die die längst nicht mehr betenden Hände unfähig waren, festzuhalten. Augenkino. Sie spielen „Leben“, in der Hauptrolle eine eher traurige Figur, die frappant an mein Spiegelbild erinnert, das ich seit Jahren nicht begrüßt habe. Hinter der Brille sammelt sich eine Träne zum Sturm auf meine Wange, die bedeutungslos im nächsten Glas ertrinkt.
Nächstes Kapitel, die Spannung steigt. Die Zukunft des Hauptdarstellers steht auf dem Spiel. Ich hatte keine Ahnung, dass der Film interaktiv ist. Berieselung ist nicht trendy, bequemer doch in jedem Falle.
„DASEIN oder VERGANG? – Treffen Sie eine Entscheidung!“
Gläser später, eine Schraube war auch dabei, wagt die Träne einen neuen Anlauf, doch die Flasche ist noch nicht leer. Die Denkmaschine hat eine neue Frage auf den Markt gebracht, die Antwort kostet einen Herzschlag. Ich weiß genau, ich kann nicht zahlen, die Schulden sind zu hoch. Ich kaufe trotzdem, Knochenbruch. Wer sein Herz verloren hat, bezahlt mit Schmerzen.
„Wir warten noch auf Ihre Antwort!“, blitzt es von der Leinwand, „DASEIN oder VERGANG? – Entscheiden Sie sich!“
Wenig Alternativen, was kostet dieses Programm? Noch ein Glas, während ich auf die Antwort warte. „Ein Quentchen Seele“, teure Antwort, wenn man meine Schulden bedenkt. Wer führt hier eigentlich Regie?
„Diese Antwort kostet einen Traum!“ dröhnt eine virtuelle Stimme. Wieder Knochenbruch, die Träume sind längst in der Vergangenheit verstaubt.
Schweren Herzens entscheide ich mich für „DASEIN“ und suche meine Fernbedienung, die neben mir auf dem Boden liegt, wie ein letzter Gruß aus einer Welt, die ich schon vor dem Bau der Maschine hinter mir ließ. Noch während ich mich nach ihr bücke, bricht mein Rücken, und ich falle bewegungslos durch die Leinwand hinter die Bühne. Klick.

 

IM WIND

Ich stehe im Wind und denke an das Leben, das mir genommen wurde, oder das ich nie besaß. Ich denke an den See der Tränen, den ich durchschwamm, die Reise, die ich vor Jahren antrat, in Kindertagen bereits. Ich denke an den steinigen Weg, den ich beschritt, so lange ich mich erinnern kann, ein Bewußtsein zu haben. Ich denke an den Schmerz, den ich mit mir herumtrage, seitdem zu laufen ich vermag.
Der Wind bläst mir kalt und scharf in das versteinerte Gesicht.
Ich friere, wie ich es immer getan habe, versuche, dem Wind die Stirn zu bieten, stehe trotzig da, einem Kinde gleich, das um jeden Preis seinen Willen durchsetzen möchte, die Arme in die Hüften gestemmt, sauge ich die Kälte in mich auf.
Und wieder versuche ich, den Weg zurückzuverfolgen, akribisch chronologisch in umgekehrter Reihenfolge mich von einem Knotenpunkt zum anderen zu hangeln, bis zum Anfang allen Seins, zu dem im Dunkel meiner Seele verborgenen Geheimnis, das einer Festung gleich die Antwort hütet.
Je tiefer meine Reise mich in die Vergangenheit führt, je näher ich dem Horizont rücke, an dem im Zenit einer schwarzen Sonne drohend sich die Festung erhebt, desto stärker bläst der Wind, peitscht durch meine Stirn hindurch direkt in meinen Kopf. Die Knotenpunkte fallen, ähnlich überreifem Obst, dessen Gewicht der nährende Baum nicht mehr trägt, durch meine vergeblich zu greifen bemühten Hände hindurch in einen Fluß, wo sie zu einem zähen Strom zerfließen, der in einer Art Burggraben zu münden scheint, wie ein Ring aus Lava um den steinernen Koloß am noch immer weit von mir entfernten Horizont gelegt.
„Nur nicht fallen,“ denke ich, „nicht schon wieder!“
Kaum, dass der Gedanke kreisend meinen Kopf verlassen hat, beginne ich zu taumeln, glaube, den Verlust des Gleichgewichtes wahrzunehmen. Noch immer treibt es mich nach vorne, meinem felsigen Ziel entgegen. Der Wind, der mit jedem Schritt mehr Sturm, schleudert mir mit der Wucht eines ganzen Lebens meine Träume entgegen, einen nach dem anderen, Träume, die ich eigentlich mit dem Zurücklassen der Kindheit tot geglaubt hatte. Ich spüre, wie sie der Reihe nach laut zischend auf meiner Stirn zerplatzen und wie wehrlose Tränen meine Wangen hinabgleiten, um beim Eintauchen in den Fluß mit meinen Erinnerungen zu verschmelzen.
Einen Moment nur, nicht länger, als ein vernarbtes Herz für einen Schlag benötigt, halte ich fest entschlossen beide Hände vor das Gesicht, um wenigstens eine Träne zu fangen, wenigstens den Kadaver eines Traumes zu retten.
Einen kurzen Augenblick nur lasse ich mein Ziel aus den Augen, ohne den Untergang der Sonne zu bemerken, das Erlöschen des letzten Restes an Licht wahrzunehmen. Und wieder falle ich, wieder tiefer als das Mal zuvor, wieder länger als erwartet, wieder ist der Aufschlag härter, schmerzhafter als alles bisher Gekannte, wieder verliere ich das Bewußtsein und beginne, auf die Ungewißheit des Erwachens zu warten.

Ängstlich öffne ich die Augen und schaue mich vorsichtig, beinahe in Zeitlupe um. Kein Loch. Ich liege im Gras, eine traumhaft schöne Träne in der Hand. Der Wind bläst über mich hinweg. Mir ist nicht mehr kalt.

 

FREIHEIT

Pausenlos redet irgendjemand von der Freiheit, erzählt Geschichten, die ich nicht verstehe, obskure Sagen, schwanger fast mit einem Hauch von Ironie. Wissen die, wovon sie reden, wenn sie mit erhobenem Zeigefinger dastehen und die Freiheit als höchstes aller Güter preisen?
Wissen sie es, oder sind sie einfach nur Mitgefangene, die gelernt haben, ihre Ketten zu tragen, als wären sie Schmuck?
Wissen sie es, oder haben sie sich nur daran gewöhnt, den Kerker als ihr Zuhause zu betrachten?
Wissen sie es, oder wollen sie sich nur nicht bewegen, um nicht am Strom des Grenzzauns zu verglühen?
Sie reden von der Freiheit der Meinung, ohne jemals eine andere als die konforme gehabt zu haben.
Sie reden von der Freiheit des Glaubens, der ihnen in die Wiege gelegt wurde, noch bevor sie sprechen konnten.
Sie reden von der Freiheit der Entscheidung, vor die sie nie gestellt wurden.
Sie reden von der Freiheit, gehen zu können, wohin sie wollen, ohne sich je bewegt zu haben.
Sie reden von der Freiheit, den Beruf selbst zu wählen, den ihre Eltern für sie ausgesucht haben.
Sie stehen vor mir und reden auf mich ein, reden noch immer von der Freiheit, die sie so lieben. Endloses Gemurmel frißt sich in meinen Kopf. Ich soll die Freiheit verteidigen, soll kämpfen, soll in den Krieg ziehen, soll Menschen töten, die ich nicht kenne, damit die Freiheit weiterlebt.
Ich frage mich, was sie wohl meinen könnten mit der Freiheit, für die sie sterben wollen.
Wie frei werde ich sein, wenn ich das Blut nicht von meinen Händen waschen kann, die sich nicht mehr bewegen, wenn es mir nicht gelingt, die Schreie aus meinen Ohren zu spülen, die nicht mehr hören, wenn ich es nicht schaffe, die Bilder der Gewalt aus meinen Augen zu wischen, die nicht mehr sehen?
Was ist frei daran, in agonieumsäumter, morphiner Stille auf den Hubschrauber zu warten, der mich zurück hinter den Grenzzaun bringt?
Sie tragen mich hinaus, eine Spritze noch, damit ich die Reise schmerzfrei überstehe. Der dumpfe Nadelstich breitet sich in Sekunden in meinem Körper aus, und doch dringt durch meine betäubten Sinne ein Anflug von Nervosität. Ich spüre zwei kalte Metallplatten auf meiner Brust, dann den Schlag, das Kribbeln, blinde Augen, bis zum Anschlag aufgerissen, blicken in das Licht. Noch ein Schlag, das Licht kommt näher, noch einer, mit jedem Schlag mehr Licht, weniger Kribbeln.
Wieder einer, das Kribbeln ist weg. Flatline. Ich bin frei.

Monika Graf

Vorfall

 

sie
rasen
an mir vorbei

an meinem
schutzumhang

der dunst verzieht
sich
lautlos

wortlos
die agonie
des fischmundes
auf dem
laster

stilles
vorwärtsgleiten im
lärm

fast

wie

zeitverschiebung