Raoul Eisele

Raoul Eisele

out, out brief candle!

das leben kriecht
schwerfällig
schritt für schritt für schritt
von tag zu tag
zur letzten stunde
schleicht schattengleich
im kerzenschein
in rauchschwaden
ausgelöschter flammen
eines jungen herzens
im narrengewand des gestern
zur unbarmherzigen ewigkeit
des angebrochenen morgen
zum morgen
zum morgen
und wieder morgen
einer endlosen wiederholung
kriechend zum unbedeutenden
idioten
dessen stimme unvernommen
im widerhall
verstummt

 

Name: Raoul Eisele; BA BA
Geburtsort/-Jahr:  1991 in Eisenstadt – lebend in Wien Hernals
Studium: Germanistik BA und Komparatistik BA (abgeschlossen) aktuell Germanistik MA
Veröffentlichungen: why nICHt? Magazin 1-4 (Literaturmagazin der Komparatistik Universität Wien), SYN Nr. 12, Bücherstadt Kurier Nr. 21, mosaik freiVers 14.8.16, silbende Kunst Nr. 14., Fixpoetry, mosaik freiText 11.11.16, Bücherstadt Kurier, Inskriptionen (neue Literatur abseits vom Mainstream);
Textgattungen: Gedichte/Kurzgeschichten

blume (michael johann bauer)

blume (michael johann bauer)

im netz

vergangenheit wie kau-gum-
-mi-t-epi-lepsie
alles zieht sich zuckend
zum anfang zurueck:

schlafzimmer meiner eltern
hier grub acht=bein tabu
fieb’r’xtrem’taet
unb’rech’nbar
drang’n nacht=schreie laermend
bis ran an mein bett
mir war so schweisz=angst
bang zerkaut‘ ich ’s gehirn
& die anderen tuer’n
fuehrt’n kalt=bloesz mich nackt
tief’rer & tief’rer
tief’rer et cetera
in den harm=schwamm=
& schlamm=
=par’lyse=’rinth=wahn

bitte!
bitte hilfe!
das licht geht nicht an!

meine finger so klamm!
ganz gelaehmt lieg‘ ich da
& warte noch d’rauf
dass die spinne
mich frasz

2016_11_chimäre_von blume (michael johann bauer)

fährten folgen, auf begegnungen

manche starben und gaben/all das, was sie besaszen/und ihr handeln hinterliesz spuren/in des handelns spuren/doch dann kamen andere/und die anderen vergaszen/schon woher sie kamen/und ihre spuren mischten/sich unter die spuren anderer/denn als manche worte nahmen/wo ihre wurzeln lagen/hinterliesz ihr handeln/deutlich ihre spuren/und ihre spuren waren wurzeln/anderer gedanken/von anderen anders/wie anderswo/gedacht//

 

blume (michael johann bauer), *29.06.1979 in schrobenhausen; ich lebe in durlach/karlsruhe. habe forstwirtschaft in weihenstephan, freising, studiert und arbeite zurzeit sehr gluecklich in einem kindergarten mit waldpaedagogischem schwerpunkt. poesie, indes, ist mein leben, meine grosze liebe: dies zieht sich stringent durch meinen all=tag.
veroeffentlichungen 
in: novelle, syrinx, dichtungsring, phantastisch!, johnny, keine! delikatessen etc.
 dazu eine autorenausgabe des dosierten lebens mit meinen texten.

Julia Lajta-Novak

Drei Gedichte

Peinlich, Isle of Skye, Scotland

In Peinlich bei Portree
errötet der Morgen
zerrt die Fish-and-Chip Bude an den
Straßenrand lässt die Grautöne
links verklingen.

Der Tag zerbricht um elf
warten im Three Chimneys
die Finger kaltrosa um den
frühen Single Malt geschämt
Zehen klamm vor Highland.

“Morning, ma’am”, ein Peinlicher,
nass bis auf die Sommersprossen.
“Nice weather you brought us.”
Niemand hier um ein wärmendes Wort
verlegen.

Herkunft

Ich komme aus Stollwerk
Brickerlflecken auf Rüschenbluse und
Sanostol vom Greißler am Eck

Ich komme aus ORF Standbild
Nils Holgerson ein Mann und sein Auto
kämpfen gegen das Unrecht

Ich komme aus Kuschelbunt Wauzi
Flämmchen und
Monchichi

Ich komme aus Rudi Rudi gib acht
Live is Life und
Schifoan (foan foan foan)

Ich komme aus dem Dschungelbuch
(und verspreche bei meiner Ehre, dass ich mein bestes tun will, Gott
und meinem Land zu dienen und nach dem Pfadfindergesetz zu leben)

Ich komme aus müde bin ich geh zur Ruh
Auf der Alten Donau schwimmt ein Krokodil und
warum hat der Opa Splitter in den Beinen?

Ich komme aus bis’d heiratst
is’s wieder guat und
du rüttelst am Watschenbaum

Alienitis

Herr Doktor

Da unterm Schulterblatt
windet sich der Knochen
das Knie gibt sich kalt
die Nase ist mir entlaufen
die Haut sondert sich ab.

Ein Tag hat mich überfahren
nun zünden die Augen
rasen die Finger
flattert die Zunge
die Hüfte dreht durch.

Mein Name verkeilt
im Gehörgang
meine Achsel zuckt
mein Scheitel schwillt vorbei
grüßt nicht.

Tarek Eltayeb

Lit-Mag #38 – (Not) at home in Vienna

Drei Gedichte

Falscher Glanz

All diese glänzende Pracht,
die du hier siehst,
kann bedeuten,
dass man sich die Luster
von anderswo geholt
und sie nie zurückgegeben hat.

Wien, Amerlinghaus, 22.06.2005

Gedanken von links nach rechts

Sie hatte unterwegs Mühe,
ihre Gedanken mit sich zu schleppen.
Ich nahm sie ihr ab
und begleitete sie bis an ihr Ziel.
Sie bedankte sich
und schenkte mir einen ihrer Gedanken.
Dieser lief von links nach rechts.

Ich mühe mich noch immer ab,
ihn von rechts nach links laufen zu lassen.

Café Westend, 21.06.2005

Ein Geschenk

Wäre das nicht ein wunderbares,
ein unerwartetes Geschenk
zu Tagesbeginn,
wenn der Nachbar,
der auf der Treppe
an dir vorbeiläuft,
trotz seiner Eile
ganz spontan
das Schweigen der Welt brechen
und es
– auch wenn nur knapp und ohne ein Lächeln –
sagen würde?

„Morgen“

Wien, 05.07.2003

Frank Milautzcki

Lit-Mag #38 – (Not) at home in Vienna

Drei Gedichte

Was stirbt sonntags vorzugsweise

Das Einerlei zu spreizen braucht es Keile.
Zwei Tüten Chips zercrunchen eine Sonntagslangeweile.
Was die Spiranten im Palast zermahlen,
ist mürbe ohnehin und steht in fahlen
Kinofluren aufgewühlt und übrig, konsonant.
Träume gaben sie als virenfreies Pfand.
In den Hallen sind Neurosen an Traversen angehängt,
in kleinen Dosen, eingeweckte Bildsignale,
die den Weg erklären. Wie eine Kathedrale
ist der ganze Raum mit einzelnen Gebeten vollgedrängt,
die niemand hört und selbst die Sprache nicht mehr kennen.
Sie können sich in Plüsch und Marmor heiß verrennen.
Mit Muskelspiel und Knalleffekten bläht das Zelluloid
und flammt und heil entsteigt dem Flächenbrand ein Android.
Dann tropfen müde Augenpaare zum Chillen an die Bar.
Und andre stehlen sich dorthin, wo niemals Kino war.

April 2007

Spontan und elastisch

Spontan und elastisch, eher ein Fisch als eine Laune
diese Piste Existenz, ein Hymen oder ein Pfand
der Verheißungen von Gold und Alraune,
ein Geschenk aus der Hand von pulverisierten Enzymen.
Aus der Hand in die Hand. Springt
überall hinein, in Bett und Badewannen,
in klischeegetauchte, hemmungslose, antrainierte Körperspiele
rubbeldizupp und schwuppdiwupp kürzt das ab, Zauberland
unter sonderangebotenen, plastikgrünen Weihnachtstannen,
und nagelt sich an gut zentrierte, diplomierte Lebensziele.
Macht überall geilen Sinn und Paradiese erreichbar,
es lächeln blank und weiß Momente, auch intime
und lächeln so und grinsen laut, ein jedes Lebensinselchen
starrt als  Maske der kaum traurigen Ungetüme.
Glitzernde Mache.
Überall Licht. Überall Musik.
Und ein rosiger Tanz. Und Hans spielt die Luft-
gitarre. Überall Liebesjagd mit und ohne
Knarre und der Drache
der Melancholie wie ein Fluch in den Ecken.
Im kapitalen Gewebe versteckt: Stille, die angstvoll
erlebte Pause. Und in ihr zu entdecken: eine alte
Befreiung – Melancholie, sie quillt ins Verhallte,
mit dem Druck aus dem ethischen Verdrecken.
Heimlich wissen wir weiter, nur heimlich wissen wir
weiter
was wir brauchen, was uns fehlt. Weiter!
Unverstellte Traurigkeiten, Demut, auf deren Leiter
man das einheitsgraue Ich zerquält.
Der Dreck ist so wahr wie die Erde – und Hans guckt in die Luft –
und Melancholie ihre ernste Beschwerde – am Hänschen flimmerts vorbei –
um uns im Leben den richtigen, zeitlosen Anker – und Hans nimmermehr –
mitzugeben, uns, unterwegs wie schwankende Tanker. Immermehr.

Bitter sehr.

April 2007/ 19.02.2008

Juniabend, asphaltierte Bereiche

Du glaubst du stellst fest,
aber es ist nur ein Sehen alter Kreise hier
über dem Schlieren des Anthrazits der Lagerflächen.
Es krabbelt das Denken wie ein ramponierter Käfer,
der aus den Bigbags weiß bestäubt hervorbricht, entlang
der möglichen und werdenden Kanten der Zeit und
ist eine schrammende Pinselspur im Paynesgrau des
Nichtda. Ein feiner Abendton macht Bangen zart
und über alle Himmel weit, Vogelpunkte, dunkle Simulacren
singen von grauen Betonstürzen querab in ein verebbendes
Fieber. Das nicht mehr Sagbare bin ich und krieche.
Es genügt nicht still zu sein.
Es fehlt das grüne Gras im Nacken.
Es fehlt etwas Wind, der die Mauser
begleitet. Das dumme Wort Ich ist eine Bratpfanne.
Der ramponierte Käfer huscht weg
in den Schatten, als ein metallbeschürzter Schuh
den Weg zu meiner Bank beschlürft und mich fragt
wie lange ich noch Pause mache, die Maschine sei
leer, drin in der wichtigen  Halle, und ich höre
die Tröte monoton durch das schwere Geräusche-
meer wellen und zerspellen. Ich bin schon da, sage
ich und was mimisch so aussieht wie ein
Käfergesicht im Halbdunkel
verpeilt. Etwas huscht.
Weg in den Schatten.

20.06.2008

Jan Imgrund

Writers Abroad I

Gedichte

kiss mich

denke blank sagen
sie & diese flüssigkeit

sink an dein bett
zurück so warm

kühl daun sagen
sie decken mich zu

& kissen
mich auf
die stirn
den mund

fortschrift

Das buch liegt aufgeschlagen
auf der seite wo du kamst
Vergilbt, ich habe lange nicht
gelesen. Ich war fort mit dir –

Ich kehr zurück zu jener zeile
wieder habe lange nicht ge-
lese wieder was mir wider
– fort mit dir

falken sehen

du hast keinen blick
für den falken
der falke einen blick
für dich aber
mehr nicht:

so blind wie
du / bist
keine beute

 

die frische welt
schmerzt morgens in
den augen
die kalten flüsse sind
aus wachem prunk
erstellt und glasen. die
begeistert eischnee
tranken sind verdickt,
du drück am besten mull
auf deine wunde

 

was erst erstarrt war
schweigsam u. verschwielt
ein trockenes etwas das
ich aufhob
das
in der geschlossenen hand
blieb u. nein verweilte
dann ruhte
stellt sich dünenhaft im wind
auf
verschiebt sich langsam
da ich sie öffne
wandert

ein nacken

haar
hell wie rasch-
elt es hellt hier
ansatz sprung
haft gewirbel-
tes hält tier
unter
angeblichenen
knochen
fest

herbsteinsatz

da wird der schalter
umgelegt zum sommer
ende und

du merkst etwas ist
fort das dir vertraut
in fleisch und blut
gegangen war; ein
summen wie von
den antennen der
libellen die über dem
see kreisten

ist jetzt aus –
für einen augenblick
schlingert die welt und
es entweicht ein
wenig überdruck
aus diesem kleinen spalt
zwischen den jahreszeiten bis

mit einem ruck der
herbst einsetzt

: du spürst dann
gleich sein neues
dunkles summen
doch bald bist du
auch daran ganz
gewöhnt.

Gerburg Garmann

Gedichte/Poems

Cum grano salis

Circe forderte leichtes Gepäck,
ohne Skrupel schasste sie heut’ Cicisbeo.
Griff die Wortfärber auf und pflanzte sie Zwergbäumen ein.
Ipecacuanha reichte sie schmallippigen Croupiers und
tadelte der Buffi kribblige Couplets, dieser und jener.
Obendrauf schlippte sie den Böttcher, coram publico.

Erblassern entzog sie Chamois und Changeant,
räusperte sich in Schlieren überm Cocktail der Schmalhänse.
Gut, dass der goldbraune Sirup der Butterblume fließt,
offen, vor Ort. Chacun à son goût.

Schmähen? Die ungelenken Croisés? Nicht länger.
Umleiten, das ist’s, die Drohne,
auf eine andere Flugbahn, Cash and Carry,
morgen, später vielleicht, hängt sie ihr
summend die Sünderglocke um.

For Cryin’ Out Loud

When the sun’s up,
even the field mouse
will cry the alarm
I just work here
and do breast strokes
to scamper away from
their grasp.

Clouds are having a field day
fit for embroidery frames,
all ready for the happy few,
their wool and yarn
threaded and prepared
for day’s tapestry work.
Up here, no one coughs ashes.

So what could go wrong
for the shoe shiners, the wizards,
the city usurpers, who is jesting
with them at this early hour?

If no plowman calls them
to their team of oxen,
if the summoning of slate-colored seas
and crazy rivers has gone out of fashion,
if balls and chains turn stagnant,

they still will wait for surreal returns
such as corn and peas or, perhaps,
fairy bread, should the weather hold
and the mouse return from sewers
or trash cans or some minor manna
without rising to scolding or laughter.

And any discord provoked by silk
and rags’ brief touching will be annulled
by stiff fingers’ running through overnight
street hair to bring back into tune
the jangled strings of cold flesh
and warm flesh, on sidewalks,
in alleys, where time and place
have lost any meaning, where one day’s
worth of misery is always to be had.

Geburah

Kräfte kreuzen sich pointenlos
im Kielwasser der Giftmischer,
die Wortkrämer machten sich
recht das Bett und sangen ihre
Leiblieder im Machbarkeitswahn.

Wohlfeile Raritäten schufen sie
im Spektakel sich ähnelnder Leeren.
Raffiniert appliziert: ihre faits divers in
den Litaneien der Namengebung.

Blindflieger schnitten
gesockelten Dichtern den Zopf ab,
ließen die Tabus ins Schlepptau
fallen, da tuschelte man
über rückläufigen Umsatz.

Wie weit tragen die Staubspuren?
Wie weit der Anstifter Stiftungen?
Und wer ließ die Bilderstürmer
knöchernd mit den Geister
Sehenden ins Kraut schießen?

Bäumchen, Bäumchen, wechsle dich,
wo raschelt’s, wenn das Herz verrutscht?
Wenn die Köpfe sich verdrehen, pierce ich
mir Tausendgüldenkraut und Doppelsterne,
die mit achthundertjähriger Umlaufzeit,
als Ermutigung in die Haut,
verdinge mich der Morgenluft,
den gebrochenen Skulpturen und
dem prallen Reigen, der die Zukunft
nicht klein schreibt.

Versonnen im feinsten Holz
empfindsamer Nussbäume
sterb’ ich nicht aus.

Kinderreim

Pferd und Stecken, goldne Eier,
hickety, pickety, my black hen,
Windes Mühlchen, denkt der Freier,
she lays eggs for gentlemen.
Sankt Anselms Gürtel auf die Leiber!

Gentlemen come every day,
zahl’n mit Geld, das wächst auf Bäumen,
to see what my black hen doth lay,
mit Kernchen, werfen sie von Zäunen.

Lorelei

But why is it she says not she’s not just?
And why is it I say not that I’m old?
– Shakespeare

Eure Sprache ergraut mich.
Wenn ich für sie aufkommen muss,
schnüre ich mir den Fischleib enger
und stülpte mich
– ach, könnt’ ich’s nur –
dem Flieder
ungepresster Worte über.

Wie meine abgenutzten Schuppen fallen sie
zu oft von euren Augen durch Balkenkälte
tief in den Fluss
der nimmermüden schönen Traurigkeit.

Einst schwirrten sie um Sommerhäuser
in Sparta und in Ithaka, unlängst
durch Trödelläden.
Wie sie, nur Tageglück erwartend,
sich willig mimten, durch Schweiss und Wein,
durch Rosse, Schilder, Zeitenwenden!

(Nicht, dass ich Gleiches hüten möchte, doch oh,
wie kalt ist’s mir inmitten blauer Blumen,
dem ganzen Flussgestaude.)

Nun müssen sie sich wund bedeuten,
sirenenklängig, in Es-moll,
an jedem Ort im anmutigen Trübsinn
schwimmend
sich wieder annabeln
dem algigen Gesang,

und sei es nur als schiefe Lettern,
die hier, wie selbst im ödsten Raum,
selbst noch dem kleinsten Fisch den Ausritt
auf dem raren Sturm nicht gern
gestatten mögen.

Das Wasser war nie leicht, entgegnet ihr,
ihr zugeschmerzten Fährmänner, und wollt
mich grad in ungekränkten Welten
kurzhaarig grau und grundlos froh
gesichtet haben.

Die Nachtigall

Süßhalsig,
mit eingeborner Mitgift,
schürt unwissend
die Sonne sie
über dünnem Eis.

Von Zweifeln ungeschlagen,
von unguten Beiklängen, und
jedwede Tonspende verweigernd,
durchmisst sie nichts, rührt

nichts auf, nur an,
im kleinen Glück
selbstgenügsamen doch
allgefälligen Gesangs,
die Nachtigall.

Nicole Jurosek

VOM PARKPLATZ (ATEMWEG)

Sein gekrümmter Schrei
durchdringt Bäume
deren Blätter schon braun
und im Flug
zerbrechend sind

Viele Pulsschläge
ist es
alles ist
als wiege sich die Welt
in heutiger Sintflut
von gestern
wo kein Herz mehr
in der Seele
brennt

Die neugeborene Stimme
inmitten voll Dornen
blüht auf
und plötzlich
ein Reisender
nimmt es mit

Später:

An Gott rätselt Kind

fern von zwei Menschen
die in ihrem Leben
nur einmal
einen Schatten hatten

Aus gekränktem Gesicht
fliesst sich ein Tropfen
als Bach
einen schweren Weg
zu einem Fluss
und dennoch sind
die Augen
dieses Menschen
mit Licht gefüllt

 

INS GESICHT GESAGT

Maske
ohne Maske
ein Lächeln von dir
will ich sehen
mein grösster Wunsch

hautnah
wortlos Zärtlichkeit trinken
eingesperrt sein
in deinem Käfig
mit der Tür
weit offen
durch dein Herz fliegen
Richtung Himmel und Erde
über das Wasser
im Wind gewogen
wie ein Vogel
mit ausgebreiteten Flügel
frei unter deinem Atem
durch den Nebel
von einem Licht ins andere
und ausruhen
in deinem kühlenden Schatten
um zu opfern dir

meinen grössten Wunsch:
Maske
ohne Maske
ein Lächeln von dir
will ich sehen

 

UNBEGABTE

Mit Kugel-
schreiber fleissig
als Hammer
schlagen sie Nägel
auf kariertes Papier
bis es schwarz
schwärzer als schwarz
aus ihren Augen trieft
die unbelesbar sind
in schattierten Worten

Ihre Tinte
ihr Blatt
getrennt wie
Wasser und
Öl
das lange
am Herd nicht kocht
nur raucht

Der Nagel Liebe
das einzige
unschuldige Wort
will sich lösen

Der Rest
der aus
gedachtem Eis sich formte
und als Eisen
so rostig glänzt
hält es zu-
rück, kreuzigt
ihr Erhirntes
mit aderlosen Blatt
das angenagelt, starr
ohne sich zu biegen
von fragenden,
rufenden Zeichen an
ihren
Tischen klebt

Es flüstert
nicht
auf Schreie

Marcus Poettler

herbstzeitlosigkeit

exit: moon

wir enden
sag‘ gibt es eine nacht?
wir denken
ungewiss
so viel
menschen im universum
neben mir
frisst unersättlich
mein auge
gegenübersitzend
eine droge
erzähle mich
sucht
erzählt
im gnadenlosen kuss
abends
morgends
frühstück
abschied gnadenschuss
ungeschlafen im seichten licht
birgt mein mund ein lächeln
wie lächelt ein lächeln nicht

Ron Winkler

Liebesgedichte

Gehen

Gehen
mußte ich
und
ließest du
dich auch.

Kein Wort
mehr über
mußte
könnte
sollte.

Die Farben
am Fenster
unverändert.

Nur ein
Atemhauch
blickt
mir nach.

die lückenfülle

du kleine lesekäferraupe
warst schon lange vor mir
auf dieser seite,
du wußtest eher bescheid
über den tiefen sinn der worte
in meiner bibel
den ich jetzt nicht mehr verstehen muß.

wenn ich ein buch aufschlage,
dann formt sich aus fremden worten
manchmal dein name.
und die buchstaben flüstern mit deinen lippen
die laute verliebter momente.
dann kommen auch wieder die träume,
die im gestern spielen –
doch ich lese jetzt nur noch sehr selten.

als du endlich über den berg gekommen warst,
griff ich dir schnell unter die arme,
zog die splitter heraus
und
warf sie dir auf den weg,
es war so einfach.

müllerbrecht

soll ich von mir reden?
von mir werden sie sagen er
hat vorschläge gemacht
und das soll ich wer? stehn auf meinem grabstein und
von wem ist die rede?
vergessen sein will ich von allen ich wer ist das?
eine spur im sand.

die vögel sollen darauf scheissen.

flatterhaftes wesen,
samtgeschlecht,
federhafte haut

raub mir die dunkelheit in sich
zusammenfallender zustände

weichleib

lausch in mich hinunter
wiederholt

hab‘ keine angst vor hyazinthenblut:
wiege deine stimme in den schalen der kognakbeeren
und grüß den angorakater von mir.

alle meine seidenraupen fächeln dir blumen auf die stirn
weich wie gelber lumoflor
damit dir die blechkeller nicht zu heiß werden
nach einem geheimen tango.

deine haut macht milch aus meiner zunge
wenn sie sich in bagdad begegnen.

zwei sonnenuntergänge musst du noch verloben
bevor sich der monsun beschwert
über halbleer gegessene mangos.

an der windstärke miss den wasserstand.

die zigeunerin gibt dir die kleider.