blume (michael johann bauer)

im netz

vergangenheit wie kau-gum-
-mi-t-epi-lepsie
alles zieht sich zuckend
zum anfang zurueck:

schlafzimmer meiner eltern
hier grub acht=bein tabu
fieb’r’xtrem’taet
unb’rech’nbar
drang’n nacht=schreie laermend
bis ran an mein bett
mir war so schweisz=angst
bang zerkaut‘ ich ’s gehirn
& die anderen tuer’n
fuehrt’n kalt=bloesz mich nackt
tief’rer & tief’rer
tief’rer et cetera
in den harm=schwamm=
& schlamm=
=par’lyse=’rinth=wahn

bitte!
bitte hilfe!
das licht geht nicht an!

meine finger so klamm!
ganz gelaehmt lieg‘ ich da
& warte noch d’rauf
dass die spinne
mich frasz

2016_11_chimäre_von blume (michael johann bauer)

fährten folgen, auf begegnungen

manche starben und gaben/all das, was sie besaszen/und ihr handeln hinterliesz spuren/in des handelns spuren/doch dann kamen andere/und die anderen vergaszen/schon woher sie kamen/und ihre spuren mischten/sich unter die spuren anderer/denn als manche worte nahmen/wo ihre wurzeln lagen/hinterliesz ihr handeln/deutlich ihre spuren/und ihre spuren waren wurzeln/anderer gedanken/von anderen anders/wie anderswo/gedacht//

 

blume (michael johann bauer), *29.06.1979 in schrobenhausen; ich lebe in durlach/karlsruhe. habe forstwirtschaft in weihenstephan, freising, studiert und arbeite zurzeit sehr gluecklich in einem kindergarten mit waldpaedagogischem schwerpunkt. poesie, indes, ist mein leben, meine grosze liebe: dies zieht sich stringent durch meinen all=tag.
veroeffentlichungen 
in: novelle, syrinx, dichtungsring, phantastisch!, johnny, keine! delikatessen etc.
 dazu eine autorenausgabe des dosierten lebens mit meinen texten.

Andreas Bäcker

Drei Stories

NACHTGEDANKEN

Ich sitze im Schatten, meine Füße baumeln am Rand des Wahnsinns, während mein Körper stumm gelähmt die Agonie meiner Seele ignoriert. Das ganze Leben jeden Tag neue Schuhe, doch immer dieselben Füße, täglich mehr Last zu tragen, weil immer schwerer wird der Kopf. Neue Schrauben für die Denkmaschine, eine jeden Tag, an manchen zwei, drücken sich fest in das Canadian-Club-getränkte Hirn, das die selbstproduzierten Gedanken aufsaugt, bis es platzt.
Es ist Nacht geworden, vor tausenden von Schrauben bereits. Viel zu dunkel ist es, die gebrochenen Füße zu sehen, die noch immer baumeln, als wären sie bereit, ein letztes Mal noch zu laufen, ein letztes Mal noch den Kopf zu tragen, wohin es ihn treibt.
Der Brille zum Trotz sehe ich nicht mehr, als wären die Augen auf ihre Lider gerichtet, Leinwände einer Vergangenheit, die die längst nicht mehr betenden Hände unfähig waren, festzuhalten. Augenkino. Sie spielen „Leben“, in der Hauptrolle eine eher traurige Figur, die frappant an mein Spiegelbild erinnert, das ich seit Jahren nicht begrüßt habe. Hinter der Brille sammelt sich eine Träne zum Sturm auf meine Wange, die bedeutungslos im nächsten Glas ertrinkt.
Nächstes Kapitel, die Spannung steigt. Die Zukunft des Hauptdarstellers steht auf dem Spiel. Ich hatte keine Ahnung, dass der Film interaktiv ist. Berieselung ist nicht trendy, bequemer doch in jedem Falle.
„DASEIN oder VERGANG? – Treffen Sie eine Entscheidung!“
Gläser später, eine Schraube war auch dabei, wagt die Träne einen neuen Anlauf, doch die Flasche ist noch nicht leer. Die Denkmaschine hat eine neue Frage auf den Markt gebracht, die Antwort kostet einen Herzschlag. Ich weiß genau, ich kann nicht zahlen, die Schulden sind zu hoch. Ich kaufe trotzdem, Knochenbruch. Wer sein Herz verloren hat, bezahlt mit Schmerzen.
„Wir warten noch auf Ihre Antwort!“, blitzt es von der Leinwand, „DASEIN oder VERGANG? – Entscheiden Sie sich!“
Wenig Alternativen, was kostet dieses Programm? Noch ein Glas, während ich auf die Antwort warte. „Ein Quentchen Seele“, teure Antwort, wenn man meine Schulden bedenkt. Wer führt hier eigentlich Regie?
„Diese Antwort kostet einen Traum!“ dröhnt eine virtuelle Stimme. Wieder Knochenbruch, die Träume sind längst in der Vergangenheit verstaubt.
Schweren Herzens entscheide ich mich für „DASEIN“ und suche meine Fernbedienung, die neben mir auf dem Boden liegt, wie ein letzter Gruß aus einer Welt, die ich schon vor dem Bau der Maschine hinter mir ließ. Noch während ich mich nach ihr bücke, bricht mein Rücken, und ich falle bewegungslos durch die Leinwand hinter die Bühne. Klick.

 

IM WIND

Ich stehe im Wind und denke an das Leben, das mir genommen wurde, oder das ich nie besaß. Ich denke an den See der Tränen, den ich durchschwamm, die Reise, die ich vor Jahren antrat, in Kindertagen bereits. Ich denke an den steinigen Weg, den ich beschritt, so lange ich mich erinnern kann, ein Bewußtsein zu haben. Ich denke an den Schmerz, den ich mit mir herumtrage, seitdem zu laufen ich vermag.
Der Wind bläst mir kalt und scharf in das versteinerte Gesicht.
Ich friere, wie ich es immer getan habe, versuche, dem Wind die Stirn zu bieten, stehe trotzig da, einem Kinde gleich, das um jeden Preis seinen Willen durchsetzen möchte, die Arme in die Hüften gestemmt, sauge ich die Kälte in mich auf.
Und wieder versuche ich, den Weg zurückzuverfolgen, akribisch chronologisch in umgekehrter Reihenfolge mich von einem Knotenpunkt zum anderen zu hangeln, bis zum Anfang allen Seins, zu dem im Dunkel meiner Seele verborgenen Geheimnis, das einer Festung gleich die Antwort hütet.
Je tiefer meine Reise mich in die Vergangenheit führt, je näher ich dem Horizont rücke, an dem im Zenit einer schwarzen Sonne drohend sich die Festung erhebt, desto stärker bläst der Wind, peitscht durch meine Stirn hindurch direkt in meinen Kopf. Die Knotenpunkte fallen, ähnlich überreifem Obst, dessen Gewicht der nährende Baum nicht mehr trägt, durch meine vergeblich zu greifen bemühten Hände hindurch in einen Fluß, wo sie zu einem zähen Strom zerfließen, der in einer Art Burggraben zu münden scheint, wie ein Ring aus Lava um den steinernen Koloß am noch immer weit von mir entfernten Horizont gelegt.
„Nur nicht fallen,“ denke ich, „nicht schon wieder!“
Kaum, dass der Gedanke kreisend meinen Kopf verlassen hat, beginne ich zu taumeln, glaube, den Verlust des Gleichgewichtes wahrzunehmen. Noch immer treibt es mich nach vorne, meinem felsigen Ziel entgegen. Der Wind, der mit jedem Schritt mehr Sturm, schleudert mir mit der Wucht eines ganzen Lebens meine Träume entgegen, einen nach dem anderen, Träume, die ich eigentlich mit dem Zurücklassen der Kindheit tot geglaubt hatte. Ich spüre, wie sie der Reihe nach laut zischend auf meiner Stirn zerplatzen und wie wehrlose Tränen meine Wangen hinabgleiten, um beim Eintauchen in den Fluß mit meinen Erinnerungen zu verschmelzen.
Einen Moment nur, nicht länger, als ein vernarbtes Herz für einen Schlag benötigt, halte ich fest entschlossen beide Hände vor das Gesicht, um wenigstens eine Träne zu fangen, wenigstens den Kadaver eines Traumes zu retten.
Einen kurzen Augenblick nur lasse ich mein Ziel aus den Augen, ohne den Untergang der Sonne zu bemerken, das Erlöschen des letzten Restes an Licht wahrzunehmen. Und wieder falle ich, wieder tiefer als das Mal zuvor, wieder länger als erwartet, wieder ist der Aufschlag härter, schmerzhafter als alles bisher Gekannte, wieder verliere ich das Bewußtsein und beginne, auf die Ungewißheit des Erwachens zu warten.

Ängstlich öffne ich die Augen und schaue mich vorsichtig, beinahe in Zeitlupe um. Kein Loch. Ich liege im Gras, eine traumhaft schöne Träne in der Hand. Der Wind bläst über mich hinweg. Mir ist nicht mehr kalt.

 

FREIHEIT

Pausenlos redet irgendjemand von der Freiheit, erzählt Geschichten, die ich nicht verstehe, obskure Sagen, schwanger fast mit einem Hauch von Ironie. Wissen die, wovon sie reden, wenn sie mit erhobenem Zeigefinger dastehen und die Freiheit als höchstes aller Güter preisen?
Wissen sie es, oder sind sie einfach nur Mitgefangene, die gelernt haben, ihre Ketten zu tragen, als wären sie Schmuck?
Wissen sie es, oder haben sie sich nur daran gewöhnt, den Kerker als ihr Zuhause zu betrachten?
Wissen sie es, oder wollen sie sich nur nicht bewegen, um nicht am Strom des Grenzzauns zu verglühen?
Sie reden von der Freiheit der Meinung, ohne jemals eine andere als die konforme gehabt zu haben.
Sie reden von der Freiheit des Glaubens, der ihnen in die Wiege gelegt wurde, noch bevor sie sprechen konnten.
Sie reden von der Freiheit der Entscheidung, vor die sie nie gestellt wurden.
Sie reden von der Freiheit, gehen zu können, wohin sie wollen, ohne sich je bewegt zu haben.
Sie reden von der Freiheit, den Beruf selbst zu wählen, den ihre Eltern für sie ausgesucht haben.
Sie stehen vor mir und reden auf mich ein, reden noch immer von der Freiheit, die sie so lieben. Endloses Gemurmel frißt sich in meinen Kopf. Ich soll die Freiheit verteidigen, soll kämpfen, soll in den Krieg ziehen, soll Menschen töten, die ich nicht kenne, damit die Freiheit weiterlebt.
Ich frage mich, was sie wohl meinen könnten mit der Freiheit, für die sie sterben wollen.
Wie frei werde ich sein, wenn ich das Blut nicht von meinen Händen waschen kann, die sich nicht mehr bewegen, wenn es mir nicht gelingt, die Schreie aus meinen Ohren zu spülen, die nicht mehr hören, wenn ich es nicht schaffe, die Bilder der Gewalt aus meinen Augen zu wischen, die nicht mehr sehen?
Was ist frei daran, in agonieumsäumter, morphiner Stille auf den Hubschrauber zu warten, der mich zurück hinter den Grenzzaun bringt?
Sie tragen mich hinaus, eine Spritze noch, damit ich die Reise schmerzfrei überstehe. Der dumpfe Nadelstich breitet sich in Sekunden in meinem Körper aus, und doch dringt durch meine betäubten Sinne ein Anflug von Nervosität. Ich spüre zwei kalte Metallplatten auf meiner Brust, dann den Schlag, das Kribbeln, blinde Augen, bis zum Anschlag aufgerissen, blicken in das Licht. Noch ein Schlag, das Licht kommt näher, noch einer, mit jedem Schlag mehr Licht, weniger Kribbeln.
Wieder einer, das Kribbeln ist weg. Flatline. Ich bin frei.

Guntram Balzer

6 Texte

„Was aber tun in einer Zeit ohne Maßlosigkeit? Natürlich könnte man sich versuchsweise bei lebendigem Leib rösten lassen; eine Lesung unter selbigem Titel geben; die tiefen Schluchten der Meerungeheuer aufsuchen, sich einer Elektroschocktherapie unterziehen; nach Alaska auswandern oder den Damen vom fremden Stern ein farbiges Empfangsfest bereiten, usw. Aber das alles ist im Grunde nur Poesie.“
Paul M. Waschkau

Rambazamba
oder aus King Learys Winterschlaf erwachen

Ob Kaugummi oder Dauerlutscher
now and forever
die Welt erobern:
oder Blättchen, Shillum, Silberpapier,
Kreditkarte, Kokainstaub,
dazwischen Comics, Yoko Onos
letzte CD auf dem Tisch:
wollen wir einen Joint
rauchen? Push me up to the
limit tun andere
mit Kopfstand
great escape, beautiful
dreams, sex & violins:
Rambazamba ist eine
politische Botschaft
ich will Spaß und ein
Milchshake; grün, grüner
am grünsten an dem Tag
an dem anderen mehr
oder weniger
wir stehen stundenlang im Stau
vor sinnlosen Ampeln
Gesetzen, Anhänger von Baghwan
und die JesusFreaks halten ihren
Gottesdienst im alten Elbtunnel
denn das Volk ist geknechtet
und Brot gibt es
in Hülle und Fülle
Brot und Spiele
das sagt nicht Herr Thoma
aber meint es, der Vorkauer
oder turnt er oder lehrt er lesen
du bist nichts
oder fast only wearing these,
Mr. Thimothy Leary, was meinen
Sie dazu? Warum sonst die
hemmungslose Raserei vor
Geschäftsschluß – oh, geknechtetes
Volk, dass nur bei Tageslicht einkaufen darf
außer Kaugummi und Dauerlutscher
Zigaretten kommen auf Platz 3
danach Utensilien für die
breitgetretene Liebe: Sugar rubber,
Blackbird, Eddi Croco, die Leuchtlümmeltüte
doch während Avanti bereits
Calvin-Klein-Unterwäsche
als beliebtestes Reisemitbringsel
aus den USA verdrängt hat,
stellen sich Europas Behörden quer –
bis zur Gewißheit blinkt es
auf dem Bildschirm Guten Morgen –
Deutschland und in der
lauen Zeit ist der Prozentsatz der Männer wichtig,
die sagen, sie würden lieber
ein Snickers essen, als
Sex haben, ferner ist wichtig
wer schon mit Koestler, Mingus,
Cary Grant geschnupft, geraucht,
geschluckt, mit Eldridge Cleaver für die
Black Panther gekämpft, John Lennon
inspiriert, die virtuelle Realität mit entdeckt
und die Cyberspace-Kultur mitbegründet hat.
Der fette blinde Hund sackt in der ersten
Marihuana-Wolke des Tages nieder
und sagt: Push me up to the limit
Jim Woodring zeichnet dir anhand Paßfotos
ein Jiva-Portrait deiner Seele. Marc
Fischer hat in der Van-der-Snissen-Straße
ein Löffelchen Kaviar probiert und
die Salami auf dem Hungarian
Sandwich von Daily Deli macht keinen sehr
ungarischen Eindruck mehr
und beim Schwarzfahren in der Bundesbahn
gab es Würstchen mit Senf vom Mitropa
Servicewagen. Nur Eckhart Nickel
konnte nichts essen, denn ein Starfrisör
aus München hatte ihm den Bart mit
Haarfärbemittel eingeschmiert. Draußen
ist es dunkel geworden. Die Apostel sind
in die Stadt gefahren. Die mit den
Impfnarben spült. Leary kramt in
einer Kiste, wickelt sich eine DDR-Fahne,
hebt die Faust in der erschöpften
Pose der Revolution: Rambazamba
pushes me up to the limit
emotional rescue
Giftzwerg – ohne Garantie auf
Erste Hilfe: ich vermisse den Hinweis,
wie er auf Beipackzetteln üblich ist.
Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen
sie hier nicht weiter:
Turn on, tune in, drop out

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IceTea fällt durch
saugen, schlucken, lutschen
Flutschfinger, Ed vom Schleck:
(Slogan: Schieben, schlecken,
Action – das ist Satisfaction)
Die heftigste orale Versuchung und
plötzlich sanft und süß nach der
Mutterbrust. Eine diskrete Annäherung
ermöglicht seit den Sechzigern das
Eiskonfekt: zwei kalte Finger, die sich
im Dunkeln des Kinos in einer Eisschachtel
treffen. Wie immer ist die Vanillieseite
zuerst weg. Was bleibt? Haselnuß in
brüchiger Schokoladenkuvertüre und
das Hämmern der Herzen in der Dunkelheit.
Um die erhitzen Körper weiter zu soleroisieren
gibt’s jetzt in den Neunzigern neben der
Urform in Tropisch-Orange die rote Variante:
Waldfrucht. OB’S FRUCHTET? Mit
einem Eis verändert sich der Lauf
der Welt. Man hört auf zu hasten
und beginnt zu schlendern. Man
blinzelt in den Himmel, harte Blicke
tauen auf. Eine Eismaschine ist eine
Zeitmaschine. Gefühle sind auf Eis gelegt,
Konserve:Ich und mein Magnum ist ein typisches
Fraueneis, weil Männer sich in stressigen
Situationen gern etwas Größeres gönnen,
etwa ein Auto oder eine Freundin. So
schmilzt der Sommer und die künstlichen
Aromastoffe verlieren sich in der Sonne

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Ich gehe zur Arbeit

Ich gehe zur Arbeit, das ist
keine fragile einsame Sänfte
auf Zirruswolken: Gesichter
umtanzen Nasenflügel, von
denen ich nichts wissen will,
richten ihre hervorquellenden
Augen auf mich. Blick in der
privateigenen Psyche bunten
Innern. Die Monster in Pelz
und Folie schwarz, schwärzer,
am schwärzesten, bartlos geschabt,
rouge betört, Chanel und Klein
waren nur den Bruchteil einer Sekunde
aktuell: Versuchen sie, probieren
sie ES!! Dann begegne ich den
Karikaturisten, ich nicke ihnen
zu. Auch sie sind ratlos wie die
Gedichteschreiber, die sich die Worte
aus den Rippen schneiden: Und sagte
kein weiteres Wort: Bis ich die rettenden
Türen erreiche, wate ich noch durch Seen von
Plagen: Rost, Seide, Aluminium
Ich bin Antonius. Dali hat mich gezeichnet

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Endlich wieder glotzen

Endlich wieder glotzen, ICH
Barenboim, Levine, Schmied
vor Feuer, ICH, rauschender
Dreimaster, Grotte der
Unterwelt, ICH, und steifer
Knickerbockeronkel, breitbeinig
aufgepflanzt, singt gegen die
Ewigkeit an; dann Aufmarsch
der Zünfte zum großen Finale
reinster Karneval volkstanzend
ordnet sich grünbuntes Chorvolk
zu übersichtlichen Kreisen:
archaisches Ritual und große
weiße Punkte auf dunkelblauem
Glockenröckchen vor mir,
transparente Stoffe in Schwarz,
ICH, knallrosa Volants überall,
halsbrecherische Schuhe, die
mit kleinen Perlen bestickt sind
und Zuhörerfoto von Balkon,
dort ICH, Mittelalter, Honoratioren
vorgefahren, die mit Gattin
Blumen zu Grab bringen, ICH,
Wagnerverein Trier e.V. mit
schwarz-rot-goldenem Blumen-
gebinde. Auf den mitgebrachten
Papiertaschentüchern steht:
Grüß mir Walhall. Am Abend hat
mir der Gesang die letzten
Lindenblätter vom Anzug vertrieben.
Jetzt bin ich unsterblich. ICH

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Abendveranstaltung

Und wieder schwimme
ich in Leder
und Kunststoff-
Hose mit Schultertasche
von Moschino-Band
zusammengehalten
über Stiefel, Schuhe,
Plattfüße, Zehengänger-
Innen in Nylon gepreßt als
Kontrast eine Deichmann-Tüte
und falsch angewendete
Modalverben: auf der
Rolltreppe häufen sich
hautnahe Berührungen
und was tragen wir morgen:
die roten Stiefel
das Plastikkostüm
die Totenmaske

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Standpunkt

Eßt Bleistifte
trinkt aus Radiergummis

macht sie mundtot
mit ihren Schreibgeräten

die Sesselfurzer und den
Standort koHL

geht weg von den allgemein
verbindlichen Grübeleien,
den Tränensäcken und Klagetöpfen

und laßt euch freiwillig von
euresgleichen in den Mund schauen

dort wo die Wörter entstehen und
die Sätze noch Bestand haben

dann lacht sie nur aus
die Orthografiekünstler

die Schreiberlinge des
deutschen Kochbuches

jetzt wo alle Messen gelesen sind

 

Guntram Balzer, geb. 1963 in Hagen/Westf., Studium der Germanistik und Philosophie an der Universität Düsseldorf, Buchhändler, Veröffentlichungen in Zeitschriften (Unicum, Literaturdienst, Tasten) und Büchern (Wortnetze III, Zehn, Junge Lyrik dieser Jahre) zuletzt: Pcetera Multimedia CD-ROM, lebt in Wuppertal. Wuppertal, den 15.10.1996