Ron Winkler

greisgraus und andere momente

klassenkampf mit warialsemanz

fähen & bullen aller regionalien,
verländert euch,
entlasst euch den schwindbuchten & schlupfgruben,
polyhasst multiandere denn eure selbste,
bildet katalysaggressive banden,
manifestiert meutermeuten gegen abhürzende altbauten
entsteigt
denn alle nacht geht von geläuf
alle mitmischerei aber von rottung aus.

jungvolk vernissiert

man gibt sich nasal und
postaristokratisch in schickbrillen und markhosen
und kredenzt manche tollerei auf haut und haaren,
stelzt aus alternativnot in schwarz und harten farben.

kultjünger sabbern kunstdünger,
debütanten schwitzen einher
und schnappen mimikrisch rum
während die szene-asten nicht ruhen
und dezent wutentbrennungen flippen.

aufreißer in gedanken
schwelgen in rüschenhöschen,
und die dazugehörigen reizwäschigen
schippern die wände entlang,
spitzen die düfte ins unerträgliche –
die florierten schlackern verständlich.

intellektonanisten führen den text,
das angesumpfte gefolge speckt die gläser an,
dem künstler steht der achselschweiss
ins gesicht geschrieben.
weibsvolk reißt die boa.

jeder noch so müllerige pickelsichter
meiert sich durch die nacht
und hängt sich eine in den arm.
zwischen den beinen
werden die rückfahrgemeinschaften klar.

greisgraus
– geriatrische momente –

in der sonne julem licht
sich die altengarde trifft
alte, faule, weisse waden
tippeln- kriechende brigaden

sie legen, bevor sie erkalten,
die körper in wachsige falten
schwenken die keulen an die luft
und versausäuern sie mit ihrem muff

in der sonne julem licht
sich die altenhorde trifft
kranke, sieche, wese waden
abgekochte wrackbrigaden

sie sonnen die flechten, zelluliten
ihre grindfeuchten, horngelbwunden blüten
ihre fahlen sabbertrichter
ihre multiple-used-gesichter

in der sonne julem licht
sich die altenrotte trifft
schiefe dünne knorpelwaden
wasserbeinige brigaden

sie schwitzen aus allen poren
und wind wedelt mit ihren ohren
sie, unsere lieben alten
sind oben bis unten anusspalten

in der sonne julem licht
sich die altenmeute trifft
stinkwarzbedeckte waden
dekubitöse tranbrigaden

sie scheuern an allen stühlen
mit ihren minderwertgefühlen
präsentieren ihre fäule
mit gebissen wie schlaffe gäule

in der sonne julem licht
sich die altengarde trifft
alte, faule, weisse waden
tippeln- kriechende brigaden

die leimtüte atmet
mir entgegen
nachts um vielleicht halb drei
ein sonnenrot kriecht auf
als frühes geräusch.
hinterher gähnt eine stimme
unter mir farbfliege
fast mit dem beutel voller pollen
im traumfeld
die tränensäcke
weitab gestellt
ich und sie
lächelt mir zu
der körper geht nicht mit
kommt vielleicht morgen
mit dem abendzug aus paris
dem warmen wind
der jetzt schon nach soda riecht

f-ergeblich

forgestern
fielen
federngleich
flüsternd
ferlangende
frauenworte
feinfernebelnd
fastfölligzumir
fastwarum?
fastweil
fragendzwarund
fallusregend,doch
foraussichtlichnur
fasenweise.

[fasenweise
fillichnicht]

die liese liegt –
liegen liebt die liese

hans kommt
in lieses
liegen-leben,
liest
(hans liebt lesen)

jetzt
liegt die liese,
liest –
liegt und liest

liese
liebt jetzt
lesen

brute !

bärbeißige bauernbuben
beißen bisweilen
biedere bankettdamen,
besiegen böse bullen,
bläuen brutal blasshäuter,
bringen bonzen brachiale blutungen bei.

bleiche bankiers
brunften beständig,
bearbeiten brustwunder,
betreten beliebige bordelle,
blecken bisweilen barbarische beißleisten
beim befingern blauäugiger bodyguards.

bildschöne ballerinen
blasen bestimmte blasinstrumente,
beschämen bartige bischöfe,
benebeln brave bürger;
biertrinkende busenbomben
bullern blasige brühe.

braunbackige brauereifacharbeiter
belegen bildungskurse,
bedrängen bauchfreie bibliothekarinnen,
bezaubern bebrillte bücherkrähen
bis bibeln beben
beim begatten.

bezugspunktlose bewusstseinsblinde
befallen banditenartig bingohallen,
beleben beifall bettelnd
billige bistros,
belagern bei bitterem branntwein
blondierte barmänner.

beliebige biobrut
betreibt banale bonanzen,
bleibt bulimisch bodenständig
bäckt broiler bis barbies,
beliefert beinmuskeln blähend
bauernfänger.
beliebige bildzeitungsbevölkerungen
bilden buntscheckige banden.

Angelika Fremd

the dayshift
(Kings Cross 13.11.97)

in the gardens an ibis pries open
a wad of butcher’s paper as if
chipping into a motherlode.

street cleaners hose gutters chocked
with paraphernalia used in ecstatic
rites the night before.

driftwood-like, piles of ill-assorted
belongings washed up on stone shores
coset the sleeping, the near-dead.

pigeons and seagulls favour the night’s
harvest; pizza remains, thai noodles
spread like bright, dead worms
onto the pavement.

soon, after the blood has been hosed,
after the sirens have calmed, the birds
have gone, the first free breakfast round
has finished, I begin the day shift.

my kind, buys fruit and croissant,
sits in coffee shops speaking softly
of marcuse, goes home when the night
shift arrives around dusk.

Anja Meixner

Innocence and Experience

Photography

„If we had a keen vision and feeling of all ordinary human life, it would be like hearing the grass grow and the squirrel’s heart beat, and we should die of that roar which lies on the other side of silence. As it is, the quickest of us walk about well wadded with stupitity.“
(George Eliot, „Middlemarch“, Harmondsworth, 1965)

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Andreas Bäcker

Niemandsland

Wo aber sind wir zuhause,
wenn die Heimat wir verloren,
den Glauben wir missbraucht
und wir uns selbst im Traum
verleugnet?

GLEICHHEITSPYRAMIDE

Sechs tote Feldherren
Erhaben in die Schlacht gezogen
Würdevoll in ihr gefallen

Sechstausend tote Helden
Freudvoll in die Schlacht gezogen
Ehrenvoll in ihr gefallen

Sechs Millionen tote Soldaten
Folgsam in die Schlacht gezogen
Pflichterfüllt in ihr gefallen

Sechs Milliarden tote Zivilisten
Gar nicht in die Schlacht gezogen
Ungewollt in ihr gefallen

Summa summarum
Sechs Milliarden
Sechs Millionen
Sechstausend
Und sechs
Alle gleich tot

ARBEITERLIED

Ihr befahlt
Ich schwieg
Und diente
Erfüllte meine Pflicht
Und mehr
Vierzig lange Jahre
Für Euch
Für uns
Für mich
Für Euch
Ein Leben
Für das Soll des Plans
Und für die Trümmer
Meiner Heimat
Die Ihr mir nahmt
Für neue Pläne
Ohne mich
Sonst für nichts

GEWISSENSKONFLIKT

Das Leben
Greift gierig nach der Zeit
Sie anzuhalten
So den nächsten Schritt
Zu verhindern
Den der unwissende Fuß
Im blindgläubigen Bewußtsein
Der Entwicklung
Zu machen drängt
Der Kopf
Kennt viele Richtungen
Das Herz
Kennt eine mehr
Nicht überall
Ist Boden

Tim Pohle

Destruktion α

(anfangs überfliegen)

Der Mann schoß der Jugendlichen durch die Backen.

Er schrie und sagte „Das war ich nicht. Das war der Teufel“.

Das Mädchen hatte sich im riesigen Kochtopf in der Küche des Landhauses versteckt. Jetzt hob sich der Deckel, ihr Kopf kam hinaus. Ja, ja. Glück gehabt.

Es war so gewesen, dass ich die Jugendliche hatte hineinlassen wollen und durch das einfachverglaste Fenster die Tür mit der abbröckelnden weißen Farbe und der großen Glasscheibe geöffnet hatte. Sie ging also, da sie wegen ihrer Größe nicht durch das Fenster klettern konnte, den verwinkelten Gang entlang und war deshalb außerhalb meiner Sichtweite.

Ich wendete mich dem Mädchen zu und hörte den Schuß. Aufblickend sah ich den dicken Mann mit Gewehr.

Auch mich erschoß er später. Das Mädchen hat er danach zu vergewaltigen versucht. Aber sie war klar und konnte ihn mit einer zerschlagenen Bierflasche erdolchen.

Ungünstigerweise erlag sie dann doch den Verbrennungen, die sie sich im Kochtopf zugezogen hatte, und ihre Kleider waren immernoch jugendlich und bunt.

(nach auseinandersetzung vernichten)

geschrieben am 5.12.1995

CANT

1 manuskript

( keine plötzliche entwertung der person wird je vergessen,
sie ist zu schmerzlich,
man trägt sie ein lebenlang mit sich herum, es sei denn,
man kann sie auf einen anderen werfen. E.CANETTI )

JA/doch…

ich war ohne sonntag

&

das 1. objekt im kreis.

deiner stimme.

EIN/

AUS/

greifend.verendet.unter dem sonnenschnitt.

…mit sommerbeschnittenen fingern.

wird sie/sagen zeige ich auf eine

zusammen gesunkene nacht.nacht/gehoben /versenkt.

1 jmd. sagt: löse die versprechung.aus.seiner für recht gehaltenen hülle.

fühle deinen federnden nachlass im blut.ver/ende am sommer/schnitt.

der anderen.

gehe in der luftschlagenden zeit wie 1 vogel

zu fuß.von wand zu wand.ohne 1 zusteigen.

über den federkiel in die haut.eines anderen.

bleibe still/gelegt im blut.bleibe kalt über

dem streifen.der hülle.aber greife deiner

hand nach.lege sie dingfest bereit.am körper.

…das fassende der zügel war 1 bloßes spiel.

der hand in der hand.&.

dein leib-warmes- werden.1 punkt.im schatten.

noch sagt

deine gestalt.antworte.ich dir nicht.

der boden im haus ist voller risse & ohne 1 wort.

der garten 1 hügel/ein/verborgener grad.

jede frucht.pflanzen/wach.der schritt kehltief &

hautbesessen.bei nacht…

der nacht in den fugen.der nacht an beiden händen.

der kehle entstiegen.diese wachsende wunde wird lang anhalten.dicht.

unter dem knie. 1 spiegel umgeben & nass.

diese tropfen einer stimme.

eine stimme die verschlungen werden kann.

1 hügel an erde.unter.den füssen & der weg sei 1 streifen.

für die langhin nutzlose hand am gelenk.

jeder finger bricht den blatthüllen voraus.

farbe aus der rinde.1 ebenerst erfasstes wort.

MAUERWERK.

diese risse haben einen begreifbaren wert.

werden 1 maß 1 rinnsal

schwacher weg.von dem es herab zutropfen beginnt.

nicht 1x sichtbar 1 weis

auf der zumutbaren haut/

hautweis.weis.wird sie sagen.

geht meine stimme ein.in hohle bereitstehende bäume.

jeder geschlagene ast 1 klang 1 siegel.schrägstehende augen.

im blatt.&.diese schlangenrand erzogene haut.an dir.

1 wirres geschenk von gestern.

1 abstand einer frühen handlung.

1 lippenbedarf.saugend leer.

ich wird sie sagen.

wurde von anderen abgeleitet.hier eine stimme.

da 1 haarbogen & die geschorrene fläche.

einer trommel am arm.dieser klangvolle rest einer hilflosen geste

.&.

der stein in der hand.

kann warm werden.seine form.

seinen abdruck zurücklassen.

er wird an keiner stirn.zusehen sein.

er wird sich dem wurf vorenthalten.

er wird deinen namen nicht nennen & dieses wort nicht beenden.

(in augenhöhe verändert deine hand.das licht.

1 haus weicht zurück.in sein vorgebundenes.

grün.wie 1 ort mit seinem schatten.so wird es auskommen.

1 schatten der an mir vorübergehen konnte.

dein arm mit dem die dinge verbunden waren.

streckt sich anders.vielversprechend.

der gestalt entgegen.der gestalt.

die den ort verlassen

hat.)

eine aufsteigende/geste.am ende.

Andreas Bäcker

Drei Stories

NACHTGEDANKEN

Ich sitze im Schatten, meine Füße baumeln am Rand des Wahnsinns, während mein Körper stumm gelähmt die Agonie meiner Seele ignoriert. Das ganze Leben jeden Tag neue Schuhe, doch immer dieselben Füße, täglich mehr Last zu tragen, weil immer schwerer wird der Kopf. Neue Schrauben für die Denkmaschine, eine jeden Tag, an manchen zwei, drücken sich fest in das Canadian-Club-getränkte Hirn, das die selbstproduzierten Gedanken aufsaugt, bis es platzt.
Es ist Nacht geworden, vor tausenden von Schrauben bereits. Viel zu dunkel ist es, die gebrochenen Füße zu sehen, die noch immer baumeln, als wären sie bereit, ein letztes Mal noch zu laufen, ein letztes Mal noch den Kopf zu tragen, wohin es ihn treibt.
Der Brille zum Trotz sehe ich nicht mehr, als wären die Augen auf ihre Lider gerichtet, Leinwände einer Vergangenheit, die die längst nicht mehr betenden Hände unfähig waren, festzuhalten. Augenkino. Sie spielen „Leben“, in der Hauptrolle eine eher traurige Figur, die frappant an mein Spiegelbild erinnert, das ich seit Jahren nicht begrüßt habe. Hinter der Brille sammelt sich eine Träne zum Sturm auf meine Wange, die bedeutungslos im nächsten Glas ertrinkt.
Nächstes Kapitel, die Spannung steigt. Die Zukunft des Hauptdarstellers steht auf dem Spiel. Ich hatte keine Ahnung, dass der Film interaktiv ist. Berieselung ist nicht trendy, bequemer doch in jedem Falle.
„DASEIN oder VERGANG? – Treffen Sie eine Entscheidung!“
Gläser später, eine Schraube war auch dabei, wagt die Träne einen neuen Anlauf, doch die Flasche ist noch nicht leer. Die Denkmaschine hat eine neue Frage auf den Markt gebracht, die Antwort kostet einen Herzschlag. Ich weiß genau, ich kann nicht zahlen, die Schulden sind zu hoch. Ich kaufe trotzdem, Knochenbruch. Wer sein Herz verloren hat, bezahlt mit Schmerzen.
„Wir warten noch auf Ihre Antwort!“, blitzt es von der Leinwand, „DASEIN oder VERGANG? – Entscheiden Sie sich!“
Wenig Alternativen, was kostet dieses Programm? Noch ein Glas, während ich auf die Antwort warte. „Ein Quentchen Seele“, teure Antwort, wenn man meine Schulden bedenkt. Wer führt hier eigentlich Regie?
„Diese Antwort kostet einen Traum!“ dröhnt eine virtuelle Stimme. Wieder Knochenbruch, die Träume sind längst in der Vergangenheit verstaubt.
Schweren Herzens entscheide ich mich für „DASEIN“ und suche meine Fernbedienung, die neben mir auf dem Boden liegt, wie ein letzter Gruß aus einer Welt, die ich schon vor dem Bau der Maschine hinter mir ließ. Noch während ich mich nach ihr bücke, bricht mein Rücken, und ich falle bewegungslos durch die Leinwand hinter die Bühne. Klick.

 

IM WIND

Ich stehe im Wind und denke an das Leben, das mir genommen wurde, oder das ich nie besaß. Ich denke an den See der Tränen, den ich durchschwamm, die Reise, die ich vor Jahren antrat, in Kindertagen bereits. Ich denke an den steinigen Weg, den ich beschritt, so lange ich mich erinnern kann, ein Bewußtsein zu haben. Ich denke an den Schmerz, den ich mit mir herumtrage, seitdem zu laufen ich vermag.
Der Wind bläst mir kalt und scharf in das versteinerte Gesicht.
Ich friere, wie ich es immer getan habe, versuche, dem Wind die Stirn zu bieten, stehe trotzig da, einem Kinde gleich, das um jeden Preis seinen Willen durchsetzen möchte, die Arme in die Hüften gestemmt, sauge ich die Kälte in mich auf.
Und wieder versuche ich, den Weg zurückzuverfolgen, akribisch chronologisch in umgekehrter Reihenfolge mich von einem Knotenpunkt zum anderen zu hangeln, bis zum Anfang allen Seins, zu dem im Dunkel meiner Seele verborgenen Geheimnis, das einer Festung gleich die Antwort hütet.
Je tiefer meine Reise mich in die Vergangenheit führt, je näher ich dem Horizont rücke, an dem im Zenit einer schwarzen Sonne drohend sich die Festung erhebt, desto stärker bläst der Wind, peitscht durch meine Stirn hindurch direkt in meinen Kopf. Die Knotenpunkte fallen, ähnlich überreifem Obst, dessen Gewicht der nährende Baum nicht mehr trägt, durch meine vergeblich zu greifen bemühten Hände hindurch in einen Fluß, wo sie zu einem zähen Strom zerfließen, der in einer Art Burggraben zu münden scheint, wie ein Ring aus Lava um den steinernen Koloß am noch immer weit von mir entfernten Horizont gelegt.
„Nur nicht fallen,“ denke ich, „nicht schon wieder!“
Kaum, dass der Gedanke kreisend meinen Kopf verlassen hat, beginne ich zu taumeln, glaube, den Verlust des Gleichgewichtes wahrzunehmen. Noch immer treibt es mich nach vorne, meinem felsigen Ziel entgegen. Der Wind, der mit jedem Schritt mehr Sturm, schleudert mir mit der Wucht eines ganzen Lebens meine Träume entgegen, einen nach dem anderen, Träume, die ich eigentlich mit dem Zurücklassen der Kindheit tot geglaubt hatte. Ich spüre, wie sie der Reihe nach laut zischend auf meiner Stirn zerplatzen und wie wehrlose Tränen meine Wangen hinabgleiten, um beim Eintauchen in den Fluß mit meinen Erinnerungen zu verschmelzen.
Einen Moment nur, nicht länger, als ein vernarbtes Herz für einen Schlag benötigt, halte ich fest entschlossen beide Hände vor das Gesicht, um wenigstens eine Träne zu fangen, wenigstens den Kadaver eines Traumes zu retten.
Einen kurzen Augenblick nur lasse ich mein Ziel aus den Augen, ohne den Untergang der Sonne zu bemerken, das Erlöschen des letzten Restes an Licht wahrzunehmen. Und wieder falle ich, wieder tiefer als das Mal zuvor, wieder länger als erwartet, wieder ist der Aufschlag härter, schmerzhafter als alles bisher Gekannte, wieder verliere ich das Bewußtsein und beginne, auf die Ungewißheit des Erwachens zu warten.

Ängstlich öffne ich die Augen und schaue mich vorsichtig, beinahe in Zeitlupe um. Kein Loch. Ich liege im Gras, eine traumhaft schöne Träne in der Hand. Der Wind bläst über mich hinweg. Mir ist nicht mehr kalt.

 

FREIHEIT

Pausenlos redet irgendjemand von der Freiheit, erzählt Geschichten, die ich nicht verstehe, obskure Sagen, schwanger fast mit einem Hauch von Ironie. Wissen die, wovon sie reden, wenn sie mit erhobenem Zeigefinger dastehen und die Freiheit als höchstes aller Güter preisen?
Wissen sie es, oder sind sie einfach nur Mitgefangene, die gelernt haben, ihre Ketten zu tragen, als wären sie Schmuck?
Wissen sie es, oder haben sie sich nur daran gewöhnt, den Kerker als ihr Zuhause zu betrachten?
Wissen sie es, oder wollen sie sich nur nicht bewegen, um nicht am Strom des Grenzzauns zu verglühen?
Sie reden von der Freiheit der Meinung, ohne jemals eine andere als die konforme gehabt zu haben.
Sie reden von der Freiheit des Glaubens, der ihnen in die Wiege gelegt wurde, noch bevor sie sprechen konnten.
Sie reden von der Freiheit der Entscheidung, vor die sie nie gestellt wurden.
Sie reden von der Freiheit, gehen zu können, wohin sie wollen, ohne sich je bewegt zu haben.
Sie reden von der Freiheit, den Beruf selbst zu wählen, den ihre Eltern für sie ausgesucht haben.
Sie stehen vor mir und reden auf mich ein, reden noch immer von der Freiheit, die sie so lieben. Endloses Gemurmel frißt sich in meinen Kopf. Ich soll die Freiheit verteidigen, soll kämpfen, soll in den Krieg ziehen, soll Menschen töten, die ich nicht kenne, damit die Freiheit weiterlebt.
Ich frage mich, was sie wohl meinen könnten mit der Freiheit, für die sie sterben wollen.
Wie frei werde ich sein, wenn ich das Blut nicht von meinen Händen waschen kann, die sich nicht mehr bewegen, wenn es mir nicht gelingt, die Schreie aus meinen Ohren zu spülen, die nicht mehr hören, wenn ich es nicht schaffe, die Bilder der Gewalt aus meinen Augen zu wischen, die nicht mehr sehen?
Was ist frei daran, in agonieumsäumter, morphiner Stille auf den Hubschrauber zu warten, der mich zurück hinter den Grenzzaun bringt?
Sie tragen mich hinaus, eine Spritze noch, damit ich die Reise schmerzfrei überstehe. Der dumpfe Nadelstich breitet sich in Sekunden in meinem Körper aus, und doch dringt durch meine betäubten Sinne ein Anflug von Nervosität. Ich spüre zwei kalte Metallplatten auf meiner Brust, dann den Schlag, das Kribbeln, blinde Augen, bis zum Anschlag aufgerissen, blicken in das Licht. Noch ein Schlag, das Licht kommt näher, noch einer, mit jedem Schlag mehr Licht, weniger Kribbeln.
Wieder einer, das Kribbeln ist weg. Flatline. Ich bin frei.

Guntram Balzer

6 Texte

„Was aber tun in einer Zeit ohne Maßlosigkeit? Natürlich könnte man sich versuchsweise bei lebendigem Leib rösten lassen; eine Lesung unter selbigem Titel geben; die tiefen Schluchten der Meerungeheuer aufsuchen, sich einer Elektroschocktherapie unterziehen; nach Alaska auswandern oder den Damen vom fremden Stern ein farbiges Empfangsfest bereiten, usw. Aber das alles ist im Grunde nur Poesie.“
Paul M. Waschkau

Rambazamba
oder aus King Learys Winterschlaf erwachen

Ob Kaugummi oder Dauerlutscher
now and forever
die Welt erobern:
oder Blättchen, Shillum, Silberpapier,
Kreditkarte, Kokainstaub,
dazwischen Comics, Yoko Onos
letzte CD auf dem Tisch:
wollen wir einen Joint
rauchen? Push me up to the
limit tun andere
mit Kopfstand
great escape, beautiful
dreams, sex & violins:
Rambazamba ist eine
politische Botschaft
ich will Spaß und ein
Milchshake; grün, grüner
am grünsten an dem Tag
an dem anderen mehr
oder weniger
wir stehen stundenlang im Stau
vor sinnlosen Ampeln
Gesetzen, Anhänger von Baghwan
und die JesusFreaks halten ihren
Gottesdienst im alten Elbtunnel
denn das Volk ist geknechtet
und Brot gibt es
in Hülle und Fülle
Brot und Spiele
das sagt nicht Herr Thoma
aber meint es, der Vorkauer
oder turnt er oder lehrt er lesen
du bist nichts
oder fast only wearing these,
Mr. Thimothy Leary, was meinen
Sie dazu? Warum sonst die
hemmungslose Raserei vor
Geschäftsschluß – oh, geknechtetes
Volk, dass nur bei Tageslicht einkaufen darf
außer Kaugummi und Dauerlutscher
Zigaretten kommen auf Platz 3
danach Utensilien für die
breitgetretene Liebe: Sugar rubber,
Blackbird, Eddi Croco, die Leuchtlümmeltüte
doch während Avanti bereits
Calvin-Klein-Unterwäsche
als beliebtestes Reisemitbringsel
aus den USA verdrängt hat,
stellen sich Europas Behörden quer –
bis zur Gewißheit blinkt es
auf dem Bildschirm Guten Morgen –
Deutschland und in der
lauen Zeit ist der Prozentsatz der Männer wichtig,
die sagen, sie würden lieber
ein Snickers essen, als
Sex haben, ferner ist wichtig
wer schon mit Koestler, Mingus,
Cary Grant geschnupft, geraucht,
geschluckt, mit Eldridge Cleaver für die
Black Panther gekämpft, John Lennon
inspiriert, die virtuelle Realität mit entdeckt
und die Cyberspace-Kultur mitbegründet hat.
Der fette blinde Hund sackt in der ersten
Marihuana-Wolke des Tages nieder
und sagt: Push me up to the limit
Jim Woodring zeichnet dir anhand Paßfotos
ein Jiva-Portrait deiner Seele. Marc
Fischer hat in der Van-der-Snissen-Straße
ein Löffelchen Kaviar probiert und
die Salami auf dem Hungarian
Sandwich von Daily Deli macht keinen sehr
ungarischen Eindruck mehr
und beim Schwarzfahren in der Bundesbahn
gab es Würstchen mit Senf vom Mitropa
Servicewagen. Nur Eckhart Nickel
konnte nichts essen, denn ein Starfrisör
aus München hatte ihm den Bart mit
Haarfärbemittel eingeschmiert. Draußen
ist es dunkel geworden. Die Apostel sind
in die Stadt gefahren. Die mit den
Impfnarben spült. Leary kramt in
einer Kiste, wickelt sich eine DDR-Fahne,
hebt die Faust in der erschöpften
Pose der Revolution: Rambazamba
pushes me up to the limit
emotional rescue
Giftzwerg – ohne Garantie auf
Erste Hilfe: ich vermisse den Hinweis,
wie er auf Beipackzetteln üblich ist.
Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen
sie hier nicht weiter:
Turn on, tune in, drop out

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IceTea fällt durch
saugen, schlucken, lutschen
Flutschfinger, Ed vom Schleck:
(Slogan: Schieben, schlecken,
Action – das ist Satisfaction)
Die heftigste orale Versuchung und
plötzlich sanft und süß nach der
Mutterbrust. Eine diskrete Annäherung
ermöglicht seit den Sechzigern das
Eiskonfekt: zwei kalte Finger, die sich
im Dunkeln des Kinos in einer Eisschachtel
treffen. Wie immer ist die Vanillieseite
zuerst weg. Was bleibt? Haselnuß in
brüchiger Schokoladenkuvertüre und
das Hämmern der Herzen in der Dunkelheit.
Um die erhitzen Körper weiter zu soleroisieren
gibt’s jetzt in den Neunzigern neben der
Urform in Tropisch-Orange die rote Variante:
Waldfrucht. OB’S FRUCHTET? Mit
einem Eis verändert sich der Lauf
der Welt. Man hört auf zu hasten
und beginnt zu schlendern. Man
blinzelt in den Himmel, harte Blicke
tauen auf. Eine Eismaschine ist eine
Zeitmaschine. Gefühle sind auf Eis gelegt,
Konserve:Ich und mein Magnum ist ein typisches
Fraueneis, weil Männer sich in stressigen
Situationen gern etwas Größeres gönnen,
etwa ein Auto oder eine Freundin. So
schmilzt der Sommer und die künstlichen
Aromastoffe verlieren sich in der Sonne

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Ich gehe zur Arbeit

Ich gehe zur Arbeit, das ist
keine fragile einsame Sänfte
auf Zirruswolken: Gesichter
umtanzen Nasenflügel, von
denen ich nichts wissen will,
richten ihre hervorquellenden
Augen auf mich. Blick in der
privateigenen Psyche bunten
Innern. Die Monster in Pelz
und Folie schwarz, schwärzer,
am schwärzesten, bartlos geschabt,
rouge betört, Chanel und Klein
waren nur den Bruchteil einer Sekunde
aktuell: Versuchen sie, probieren
sie ES!! Dann begegne ich den
Karikaturisten, ich nicke ihnen
zu. Auch sie sind ratlos wie die
Gedichteschreiber, die sich die Worte
aus den Rippen schneiden: Und sagte
kein weiteres Wort: Bis ich die rettenden
Türen erreiche, wate ich noch durch Seen von
Plagen: Rost, Seide, Aluminium
Ich bin Antonius. Dali hat mich gezeichnet

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Endlich wieder glotzen

Endlich wieder glotzen, ICH
Barenboim, Levine, Schmied
vor Feuer, ICH, rauschender
Dreimaster, Grotte der
Unterwelt, ICH, und steifer
Knickerbockeronkel, breitbeinig
aufgepflanzt, singt gegen die
Ewigkeit an; dann Aufmarsch
der Zünfte zum großen Finale
reinster Karneval volkstanzend
ordnet sich grünbuntes Chorvolk
zu übersichtlichen Kreisen:
archaisches Ritual und große
weiße Punkte auf dunkelblauem
Glockenröckchen vor mir,
transparente Stoffe in Schwarz,
ICH, knallrosa Volants überall,
halsbrecherische Schuhe, die
mit kleinen Perlen bestickt sind
und Zuhörerfoto von Balkon,
dort ICH, Mittelalter, Honoratioren
vorgefahren, die mit Gattin
Blumen zu Grab bringen, ICH,
Wagnerverein Trier e.V. mit
schwarz-rot-goldenem Blumen-
gebinde. Auf den mitgebrachten
Papiertaschentüchern steht:
Grüß mir Walhall. Am Abend hat
mir der Gesang die letzten
Lindenblätter vom Anzug vertrieben.
Jetzt bin ich unsterblich. ICH

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Abendveranstaltung

Und wieder schwimme
ich in Leder
und Kunststoff-
Hose mit Schultertasche
von Moschino-Band
zusammengehalten
über Stiefel, Schuhe,
Plattfüße, Zehengänger-
Innen in Nylon gepreßt als
Kontrast eine Deichmann-Tüte
und falsch angewendete
Modalverben: auf der
Rolltreppe häufen sich
hautnahe Berührungen
und was tragen wir morgen:
die roten Stiefel
das Plastikkostüm
die Totenmaske

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Standpunkt

Eßt Bleistifte
trinkt aus Radiergummis

macht sie mundtot
mit ihren Schreibgeräten

die Sesselfurzer und den
Standort koHL

geht weg von den allgemein
verbindlichen Grübeleien,
den Tränensäcken und Klagetöpfen

und laßt euch freiwillig von
euresgleichen in den Mund schauen

dort wo die Wörter entstehen und
die Sätze noch Bestand haben

dann lacht sie nur aus
die Orthografiekünstler

die Schreiberlinge des
deutschen Kochbuches

jetzt wo alle Messen gelesen sind

 

Guntram Balzer, geb. 1963 in Hagen/Westf., Studium der Germanistik und Philosophie an der Universität Düsseldorf, Buchhändler, Veröffentlichungen in Zeitschriften (Unicum, Literaturdienst, Tasten) und Büchern (Wortnetze III, Zehn, Junge Lyrik dieser Jahre) zuletzt: Pcetera Multimedia CD-ROM, lebt in Wuppertal. Wuppertal, den 15.10.1996