P. Baehr

Was war das nur?

Foto: Claudia Parenzan

Paul saß, wie immer im Sommer, nach der Arbeit alleine in der Eisdiele, trank seinen Espresso und schaute Richtung Marktplatz als eine Stimme ihn fragte „Entschuldigung, ist hier noch frei?“

Er drehe sich um und da stand eine ganz normale Frau, Anna, die ein bezauberndes Lächeln hatte. Paul war etwas erschrocken, denn er saß gerne alleine, sagte aber dann doch „ja bitte“. Anna setzte sich, bestellte ihren Kaffee und schaute verlegen, denn ihr Blick endete immer bei Paul. Sie konnte es sich nicht erklären. Als sie den Kaffee ausgetrunken hatte, verabschiedete sie sich mit einem Lächeln und streckte Paul die Hand entgegen. Er schaute verdutzt, nahm ihre Hand, und plötzlich durchzog ein Kribbeln seinen Körper und er wurde etwas rot und lächelte verlegen. Anna hatte diese Phase bereits durch und hatte schon einen knallroten Kopf, lächelte verlegen und dachte sich, nur weg hier, ich bekomme weiche Knie. Sie entzog ihm ihre Hand und ging schnellen Schrittes davon. Jeder dachte für sich: „Was war das nur“?

In den vergangenen Tagen ist Pauls Gesicht ihr nicht mehr aus dem Kopf gegangen, obwohl sie in einer Beziehung lebte. Sie erkundigte sich sogar bei dem Besitzer der Eisdiele, der nur lächelte und meinte er könne ihr nicht helfen. Ihr Lebensgefährte war wie immer auf Geschäftsreise und so unternahm sie an diesem Samstagabend alleine etwas und ging an den etwas entlegenen Baggersee. Dort legte sie sich hinter einen Busch, machte es sich auf dem Bauch bequem und schaute Richtung Wasser. Als sie den Kopf hoch hob schaute sie in zwei Augen, die ihr irgendwie bekannt vorkamen. Da war Paul, der sich so erschrocken hatte und zusammenzuckte, sich aufrichtete und Anna den Rücken zu drehte, denn er war auf einmal sehr erregt. Anna nahm den ganzen Mut zusammen und ging zu ihm rüber. Sie war auch erregt, ihre Brustwarzen waren hart und nicht zu übersehen, denn sie hatte ihr T-Shirt nicht übergezogen und so stand sie oben ohne vor Paul ohne es zu registrieren. Er schaute sie an und in seinem Blick stand die pure Gier nach Anna, sein Penis war hart und sehr steif und Anna spürte es genauso. Sie gingen aufeinander zu, sahen sich in die Augen, vielen sich in die Arme und küssten sich voller Leidenschaft und Gier. Sie konnten nicht voneinander lassen. Insgeheim fragten sie sich: „Was war das nur“?

Ein älteres Ehepaar sah diese Szene, schmunzelnde und schaute voller Erwartung zu. Paul küsste voller Leidenschaft ihre Brüste, saugte an den Warzen und knabberte daran, sodass aus Anna ein Stöhnen kam. Er berührte sie zärtlich. Ihr wurde heiß und kalt, ihre Beine wurden weich und so legte sie sich auf Pauls Decke. Er beugte sich über sie und zog ihren Slip aus und fing an langsam ihre Beine zu streicheln und Anna wurde immer erregter und das nahm Paul mit Freude wahr, denn ihm ging es nicht anders, er hatte das Gefühl zu explodieren denn Annas Anblick war anders. Sie war eine Rubensfrau, etwas fülliger und das gefiel ihm gut. Er zog leicht ihre Beine auseinander und fing an ihre Scheide zu lecken, voller Leidenschaft, seine Zunge war hart und er wusste genau was er tat. Er nahm seine Finger und begann zärtlich sein Spiel weiter auszudehnen denn er wusste was Anna brauchte, instinktiv.

Er führte seine Finger in die Scheidenöffnung und züngelte weiter den Kitzler, Anna bebte vor Erregung und seine Hand bewegte sich immer schneller, sie konnte es nur noch genießen, denn sie hatte ihren ersten Orgasmus. Aber sie mochte nicht aufhören, sie küssten sich voller Leidenschaft. Ihre Namen kannten sie nicht aber es gab eine körperliche Anziehung, die sie sich nicht erklären konnten. Sie berührte ihn zärtlich und fing an seine Brust zu küssen und zu lecken, sie nahm die Warzen zwischen ihre Finger und drehte sie ein wenig und Paul genoss es sichtlich und stöhnte etwas, sie küsste weiter und leckte seinen Bauchnabel und nahm seinen Schwanz in die Hand und in den Mund. Paul fragte sie, wenn er abspritzen würde wo er es ihr hin spritzen soll, sie schaute an ihm hoch und sagte: „nirgends, ich schlucke es“, er nahm es lächelnd hin. Sie verwöhnte ihn mit der Zunge und merkte, dass sein Schwanz noch härter wurde und zog die Vorhaut zurück und leckte mit der Zunge die Schwanzöffnung, dann kam Paul zu seinem Orgasmus und spritze es ihr in den Mund, sie schluckte und stellte fest, dass es gut schmeckte. Sie behielt noch etwas auf der Zunge und fragte ihn ob er auch mal sein Sperma versuchen möchte, er sagte ja und sie küssten sich leidenschaftlich. Es dämmerte schon und sie bekamen nicht genug von einander und vergaßen die Zeit. Das ältere Paar beobachtete sie aufmerksam und begann auch ihrer Erregung nachzugehen. Paul bat Anna sich auf den Bauch zu legen und begann ihren Rücken zu liebkosen und als er am Po angekommen war, zog er die Backen etwas auseinander und fing an ihre Rosette zu lecken und züngelte weiter bis zur Muschi, sie fing wieder an zu stöhnen, denn diesmal steckte er seinen Finger in ihren Po und es war ein Erlebnis das sie in dieser Art auch noch nicht kannte. Er bewegte zärtlich seinen Finger und sie hob ihren Po immer weiter bis sie auf den Knien lag und Paul ihren Hintern entgegenstreckte und er nahm ihn voller Leidenschaft mit seiner Zunge von hinten. Sie wollte ihn plötzlich in sich spüren ganz tief und fest.

Sie drehte sich um und er legte sich auf sie und stieß seinen harten Schwanz in sie hinein und sie bäumte sich auf voller Erregung. Erst bewegten sie sich langsam und dann immer heftiger, er stieß seinen Schwanz immer tiefer hinein und sie kam immer näher dem nächsten Orgasmus entgegen. Sie vergaß alles um sich herum und wollte nur noch Sex.

Ihr Stöhnen wurde immer lauter und Paul küsste sie damit sie nicht noch lauter wurde. Der Orgasmus war sehr heftig, trotzdem bekam sie nicht genug und fing an sich selber zu streicheln. Paul schaute genüsslich zu, denn ihre Muschi war wie sein Schwanz glattrasiert und den Anblick wert. Sie rieb ihre Muschi immer heftiger und Paul fing an seinen Schwanz auch selber zu streicheln. Sie schauten sich gegenseitig zu und beide kamen wieder zum Orgasmus. Jetzt war es an der Zeit etwas zu ruhen und sie lag in seinen Armen und sagte dann „übrigens ich bin Anna“, er sagte „Paul“, mehr nicht. Es war mittlerweile schon dunkel und sie fingen an zu frieren. Sie zogen sich schweigend an und dann meinte Paul nur, übrigens, ich habe eine Frau und Anna, ich einen Mann aber kein schlechtes Gewissen. Er meinte daraufhin, ich auch nicht und da stellte sich wieder die Frage: „Was war das nur?“

Sie zogen sich an, packten ihre Sachen zusammen und gingen zu ihren Autos, dort küssten sie sich ein letztes Mal und wussten, dass es Anfang und gleichzeitig Ende war.

Sie stiegen ein und jeder fuhr seines Weges. Anna blieb am Straßenrand stehen und ihr liefen Tränen übers Gesicht vor Glück und Freude, dass sie so etwas erleben durfte.

Paul dachte nur, was für eine Frau, und schmunzelte.

 

Reinhold Stumpf

Lit-Mag #37 
Myself & Others

Lies, oder stirb!

Filo ist online. Sie checkt die Mails, bevor sie mit der Arbeit beginnt: Werbung, eine Einladung zu einer Lesung eines ihr unbekannten Autors nach Sidney, noch mehr Werbung, die Versandmeldung der letzten Bücherbestellung bei Azemon und noch eine Nachricht vom selben Buchhändler:

Wir gratulieren zu Ihrem neuen Rezensenten-Status! Sie sind jetzt TOP 100 Rezensent!

Sie macht einen Schluck von ihrem Mate und schließt die Mailbox. Die Nachricht überrascht sie nicht. Schließlich war sie gestern nur einen Hauch von der magischen Marke entfernt. Für einen kurzen Moment wirkt der Mate wie Wein: ein warmes Prickeln breitet sich in ihrem Kopf aus, und in ihrer Brust spannt das Sonnengeflecht. Jetzt hat sie es offiziell, dass ihre Rezensionen nicht nur gelesen werden sondern auch hilfreich für Kaufentscheidungen sind. Sie kümmert sich nur wenig um den sportlichen Aspekt einer Rangliste der besten Rezensenten. Sie hat Spaß am Lesen und Freude am Schreiben. Sie liebt die Bücher, die Sprache und die Geschichten, und sie ist vielleicht ein wenig mitteilungsbedürftiger als andere Menschen.

Das Prickeln in ihrem Kopf verebbt wieder, und stattdessen klärt der Mate ihre Sicht auf das leere Blatt am Bildschirm. Neben ihr liegt ein Stapel Bücher, die sie tagsüber gelesen hat. Sie schlägt sie der Reihe nach auf, blättert kurz durch und beginnt dann zu schreiben. Sie schreibt so lange, bis ihr die Augen zufallen.

Am nächsten Morgen wacht sie früher auf als sonst. Es ist noch dunkel. Aus ihrem Arbeitszimmer scheint ein bläuliches Licht in den Vorraum. Ist etwas passiert? Steht die Polizei draußen auf der Straße? Der Notarzt? Das Licht bewegt sich nicht, und sie hört keine Sirenen, keinen Lärm. Sie quält sich aus dem Bett, um nachzusehen. Der Bildschirmschoner ihres Laptop-Monitors! Auf dem blauen Hintergrund hüpft ein kleines, buntes Fenster. Es ist die Bildschirmsperre, die sich automatisch aktiviert, wenn der Computer eine Zeit lang unbetätigt läuft. Heute machst du nicht so lange, denkt sie und schaltet die Espresso-Maschine ein. Morgens Kaffee für den Kick, tagsüber und abends Mate für die Ausdauer. So handhabt Filo das seit mehr als drei Jahren. Sie nutzt den frühen Tag und beginnt gleich mit der Arbeit. Da – eine neue Nachricht:

Ihr neuer Rezensentenstatus. Liebe Filo, es tut uns leid Ihnen mitteilen zu müssen, dass Sie nicht mehr TOP 100 Rezensentin sind. Ihr neuer Rezensenten-Rang ist 101. Mit neuen Rezensionen oder Bewertungen kann sich Ihr Rang natürlich jederzeit wieder verbessern.

Filo ist verblüfft. Schon klar, die Rangrechnung ist dynamisch und kann sich jeden Moment verändern. Trotzdem gefällt ihr die Angelegenheit nicht. Sie muss herausfinden, wo sie in diesen wenigen Stunden Punkte liegen gelassen hat. Vor allem aber interessiert sie, wer ihr den Rang weggenommen hat.

Die Liste ist öffentlich und leicht zugänglich. Auf Platz 100 liegt der Nickname Stan, ein alter Bekannter, der öfter zwischen 80 und 120 pendelt. Auf 99 die mysteriöse Sache mit Lisa_Lesa. Die Kollegin stürzte innerhalb von zwei Wochen von den TOP 10 Rängen ab! Vielleicht ist sie auf Urlaub? Oder gar eine Verschwörung? Und wer verdammt ist das auf 98? Cicero. Kennt sie nicht. Sie liest weiter runter. Dabei fallen ihr keine neuen Namen mehr auf. Cicero also! Wo kommt der auf einmal her? Das System gibt leider nur die aktuellen Tagesränge aus.

Filo steht auf und dreht ein paar Runden durch die Wohnung. Sie beginnt zu laufen. Sie schnappt ein Jacke und läuft das Stiegenhaus hinunter auf die Straße. Die Luft macht sie benommen. Die Frische ist ihr fremd. Als sie zum letzten Mal draußen war, zwitscherten noch die Vögel. Jetzt sind die Bäume kahl und leblos. Sie muss zu Aya. Ihr Internetcafé öffnet um sechs Uhr morgens. Wenn sie rechzeitig da ist, hat Aya die Web-Browser noch nicht refreshed und sie findet noch einen Cache von gestern. Aya hat nicht viele Kunden. Sie vertreibt sich die Zeit ebenfalls als Rezensentin von Azemon. Ihr Spezialgebiet sind Bücher über die Bienenzucht. Deswegen hat sie noch einen fünfstelligen Rang. Aber eines Tages wird sie den Laden hier dicht machen und unter die Imker gehen. Das ist ihr großer Traum. Türkischer Honig. Filo ruft Aya vorsichtshalber an. „Mach nichts an den Browsern!“ Nach vier Minuten ist Filo da. Aya ist ganz aufgeregt. Sie zeigt auf den Platz, an dem sie gestern geschrieben hat. Filo weiß, dass Aya die Angewohnheit hat, am Ende ihrer Arbeit in die Rangliste zu sehen. Seither wurde nichts mehr angerührt. Die Rangliste steht da, und sie ist von gestern 20 Uhr 11. Platz 100 für Filo.

„Siehst du hier irgendwo den Nick Cicero?“

Aya strengt ihre Augen an. „Da!“

„Wo denn?“

„Na da!“

Filo schüttelte den Kopf. Das war unmöglich. Das konnte nicht sein. Cicero war gestern Abend auf Platz 191.

Aya blättert in Ciceros Liste und rechnet nach. „Also, wenn man sich seine Bücher ansieht. Das sind hauptsächlich Bestseller. Und wenn zum Beispiel gerade ein paar Tausend Leute drei dieser Bestseller bewerten – theoretisch ist das schon möglich.“

Filo bleibt still. Dann sagt sie: „Cicero? Was für ein dämlicher Name.“

Sie rennt nach Hause. Der heutige Stapel Bücher ist in der halben Zeit als sonst abgearbeitet. Sie holt sich zusätzlich Bücher aus dem Buchladen. Die ganze Nacht durch hämmert sie in die Tasten. Doppelt so viele Rezensionen wie gestern. Am nächsten Tag dasselbe. Erst nach 48 Stunden wird sie müde. Bevor sie sich ein paar Stunden hinlegen möchte, ruft sie die aktuelle Rangliste auf. Ihr Herz rast, als sie ihren Namen sucht.

Filo auf Platz 91. Sie schließt erleichtert die Augen. Die Benachrichtungsmail hat sie gar nicht abgerufen. Und er? Cicero? 79.

Filo ist sicher, das geht nicht mit rechten Dingen zu. Wie konnte jemand in dieser Zeit noch mehr lesen und schreiben als sie?

„Ich wette, der liest die Bücher gar nicht“ sagt Aya am Telefon.

Das wird es wohl sein. Cicero, der große Manipulator, der Heuchler und Opportunist. Dem System ist es egal. Ob die Rezensionen etwas taugen, entscheiden die potentiellen Kunden. Filo will wissen, was sie tatsächlich taugen. Durch Anklicken des Nicknamen kommt sie auf Ciceros Profilseite. Dort kann sie alle seine Rezensionen abrufen. Sie fliegt über die scheinbar endlosen Internetseiten wie im Fieberwahn. Schnell hat sich ihr ein Muster eingeprägt: Cicero ist kein Freund von Sternen und geht äußerst sparsam mit deren Verleihung um. Filo schaut auf die Buchtitel. Die kommen ihr alle bekannt vor. Die meisten davon hat sie selbst besprochen! Das sind keine schlechten Bücher. Im Gegenteil. Trotzdem fanden Tausende Ciceros Verrisse hilfreich. Fast genau so viele fanden aber auch Filos durchwegs positiven Rezensionen hilfreich.

„Ich bitte dich“ sagt Aya. „Das ist doch ganz einfach. Entweder hat er einen Komplizen, oder er pusht seine Rezensionen selbst – mit einem zweiten Nickname.“

„Warum sollte er das tun?“

„Weil er die Nummer Eins werden möchte?“

„Organisierter Betrug, um die Nummer Eins unter den Azemon-Rezensenten zu werden und einen Einkaufsgutschein im Wert von 100 Euro zu gewinnen?“

„Was weiß ich, vielleicht hofft er, dadurch zu einer Zeitung zu kommen?“

„Dann sollte er sich aber vielseitiger zeigen. Ich dachte, die Zeit, als man mit Verrissen Aufmerksamkeit erregte, ist längst vorbei. Feuilleton und Buchhandel spielen doch zusammen.“

„Denk, was du willst. Ich hab grad einen Kunden.“

Als Filos Augen zufallen, fällt ihr ein, dass sie heute nichts gelesen hat außer Ciceros Rezensionen. Sie hat selbst keine einzige Besprechung geschrieben. Sie hofft darauf, dass das System für sie arbeiten wird, und die Bewertungen der Leser sie ein paar Plätze nach vor rücken lassen. Der Abstand von Cicero wird sich vergrößern, dagegen kann sie nichts mehr machen.

Um halbsechs Uhr morgens klingelt das Telefon. Es ist wieder Aya.

„Ich hab da was gefunden.“

„Aya, es ist mitten in der Nacht.“

„Der Typ tanzt aus der Reihe. Er scheint doch ein paar Lieblingsbücher zu haben.“

„Auweia! Ich will mit dem Freak nichts mehr zu tun haben!“

„Nur ganz kurz: Kennst du Carl Romero?“

„Wen? Nein.“

„Clemens Climt?“

„Keine Ahnung. Was sind das für dämliche Namen?“

„Das sind Autoren. Romero schreibt Krimis und Climt so normale Romane.“

„Na, die scheinen ihm halt zu gefallen.“

„Filo, wenn man beide Namen in Suchmaschinen eingibt, dann kommt da nicht viel. Nur Links auf Online-Buchhändler. Keine Biographien. Keine Rezensionen.“

„Du glaubst doch nicht etwa – “

„Ganz genau! Unser Cicero tritt als Autor unter diesen Pseudonymen auf und versucht sich auf diese Weise gegen seine Konkurrenz durchzusetzen. Er nimmt die Bücher seiner Kollegenschaft auseinander und lobt seine eigenen in den Himmel.“

„Der Typ hat sie nicht mehr alle.“

„Das Beste kommt erst.“

„Na sag schon.“

„Ihr seid nur noch drei Ränge auseinander.“

Filo schnellt hoch. „Was?“

„Er ist auf 6 und du auf 9. Ich muss jetzt. Wir hören uns später.“

Filo macht den Computer an und ruft die Mails ab.

„… Sie sind jetzt TOP 10 Rezensent!“

Bücher! Wo sind Bücher?

Bevor Filo verstehen kann, wie sie über Nacht so viele Ränge gewinnen konnte, durchfährt sie ein Gedanke: Sie muss dieses Duell für sich entscheiden. Sie muss statt Cicero die Nummer Eins werden. Der Betrüger darf nicht gewinnen. Das Böse muss vernichtet werden.

Heute kommt keine Lieferung. Es ist Sonntag. Die Bibliothek und die Buchläden haben geschlossen. Aya! Sie ist die einzige, die ihr helfen kann. Sie hat bestimmt noch jede Menge ungelesene Bienenzuchtratgeber. Filo muss wieder hinaus in die Kälte.

„Ich brauche Stoff. Egal was.“

Aya will Filo beruhigen.

„Ich hab doch gesagt, ich hab nichts mehr.“

„Das glaub ich dir nicht.“ Filo zeigt auf ein aufgeschlagenes Buch ganz hinten bei einem Bildschirm. „Und was ist das?“

„Das geht dich nichts an.“

„Lass mich durch, verdammt!“

Aya versucht Filo festzuhalten, doch Filo kann sich losreißen. Sie stürmt nach hinten und greift nach dem Buch.

Carl Romero: Lies, oder stirb.

Sie lässt das Buch fallen und dreht sich um zu Aya.

„Du?“

„Ich hatte wenig Kundschaft und viel Zeit, und ich kannte deinen Traum. Nimm das Buch. Lies es. Es ist die einzige Chance, deinen Traum wahr zu machen.“

„Oder ich sterbe?“

„Das Ende werde ich dir bestimmt nicht verraten.“

Aya grüßt freundlich und geht hinaus. Filo sieht ihr nach und weiß, dass sie wohl nie mehr zurück kommen wird. Sie nimmt das Buch und beginnt darin zu lesen. Die Geschichte fesselt sie. Es ist ein Buch ohne Ende. Die Seiten werden mehr und mehr, je länger sie liest. An den Schaufenstern des Internetcafés geht der Tag vorüber, und als es schon lange dunkel ist, blättert Filo ein letztes Mal um. Sie ist erschöpft aber erleichtert. Schnell schreibt sie noch die Rezension, und sie spürt, dass das beste Buch ihres Lebens die beste Rezension ihres Lebens zur Folge haben wird. Im Halbschlaf sendet sie ihre Besprechung ab und bricht schließlich zusammen.

Als sie aufwacht, sieht sie ein blaues Licht. Bestimmt liegt sie in einem Krankenwagen. Sie hört keine Sirene, kein Motorengeräusch, keine Stimmen. Ihr Blick wird klarer, sie kommt zu sich. Sie liegt in einem Bett. Die Risse an der Decke kennt sie von irgendwo. Sie kann durch die Tür in ihren Vorraum sehen. Das Licht kommt aus ihrem Arbeitszimmer. Es ist der Bildschirmschoner ihres Computers. Sie reibt die Augen und richtet sich langsam auf. Auf dem Weg in die Küche gähnt sie einige Male. Sie schaltet die Espressomaschine ein und setzt sich an den Schreibtisch.

Keine neue Nachrichten.

Sie lehnt sich zurück und atmet durch. Der Kaffeeduft macht sie glücklich. Dann bekommt sie Lust auf ein Stück Brot mit türkischem Honig.

Karin Seidner

der fall laura w.

sie waren aufeinander reduziert.

wie zwei tiere, die zeitlebens willkürlich miteinander in einen käfig gesperrt worden waren und keine andere wahl hatten.

das war nicht über nacht geschehen und die umstände hatten es vielleicht erfordert.

eine glaubte die andere genau zu kennen, in jedem augenblick zu durchschauen, dennoch nahm das stumpfe, fixierte interesse aneinander nicht ab, blieb als der einzig lebendig-verbindende funke zwischen ihnen bestehen.

sie waren durch zur sucht gewordenen gewohnheit und misstrauen geschürt von gegenseitiger abhängigkeit untrennbar aneinander gekettet:

sibille, die tüchtige alleinerzieherin und laura, ihre wohlgeratene tochter.

nach außen unauffällig, nickten sie den nachbarn zu, grüßten auf der straße, kauften regelmäßig im selben supermarkt die gleichen waren, der alltag verlief, verdächtigungen wuchsen nur innerhalb des systems lautlos wie versteckter schimmel.

sibille, mitte vierzig, immer noch kein einziges graues haar, modischer kurzhaarschnitt, klassisches profil, gediegen gekleidet, am höhepunkt ihrer karriere, begehrenswerte frau.

gleich nach der scheidung hatte ihre tochter aufgepasst, dass sich der mutter kein fremder mann näherte, sie hatte ihren vater sehr geliebt, später hatte sie hin und wieder gefragt, ob sie nicht mit jemandem ausgehen wolle, mittlerweile war das thema tabu geworden.

es wurde überhaupt immmer weniger miteinander gesprochen, war es aus dem gefühl heraus, einander auch ohne worte zu verstehen oder aus einer wachsenden feindseligkeit, das konnte später niemand sagen.

sibille war stets eine sehr besorgte mutter gewesen; anfangs hatte ihr exmann es sogar rührend gefunden, wie fixiert sie auf das kind war, wie sie jede regung der kleinen beobachtete, bei jedem geräusch von ihr hochfuhr und besorgt nach ihr schaute, dann wurde er missmutiger, als er bemerkte, dass sie ihn kaum an seine tochter heranließ, so tat als könne er mit ihr nicht umgehen, als wäre er nicht der vater.

er hatte ihr das nicht nur einmal vorgeworfen, es hatte aber nichts verändert; seit der geburt der tochter war sibille ihm immer fremder und ferner geworden, was ihm früher an ihr charmante sprödheit zu sein schien, war jetzt unbarmherzige härte und pure abweisung geworden.

als laura noch ein baby war, hatte er vieles an seiner frau akzeptiert, gemeint, dass sich eine ehe mit dem ersten kind eben grundlegend verändere, dass sibille mit der neuen situation verständlicherweise überfordert wäre und dass sich bald alles wieder einrenken würde; alle seine freunde argumentierten so und er stellte sich darauf ein, doch seine geduld wurde auf eine harte probe gestellt.

wenn sibille ihn einmal mit laura alleine ließ, gab sie ihm nicht nur ganz genaue anweisungen, sondern erklärte ihm auch eindringlich, worauf er genau zu achten hätte und fragte ihn anschließend bis ins kleinste detail nach ihrem verhalten aus als wäre sie ihm gegenüber vollkommen misstrauisch.

später als laura schon größer war und er fand, dass sie jetzt in den kindergarten gehen sollte, wehrte sich sibille beinahe hysterisch dagegen mit – wie ihm schien – fadenscheinigen ausreden und bewachte sie weiterhin tag und nacht.

vergeblich versuchte er mit ihr zu reden, schließlich konnte er die situation nicht mehr ertragen, seine frau hatte sich ihm ganz entzogen, an seine tochter ließ sie ihn nicht heran, er spielte keine rolle mehr in ihrem leben und zog die konsequenzen.

es blieb für ihn und die tochter unklar, wie sibille zu dieser situation stand und ob sie sie vielleicht sogar absichtlich herbeigeführt hatte.

laura hatte die überfürsorge ihrer mutter nie als solche empfunden, sondern hatte sich von ihr vielmehr ständig beobachtet und überwacht gefühlt als wäre sie ein komplexes ding, das erforscht werden sollte oder ein versuchskaninchen, an dessen fortschritt man aus rein wissenschaftlichen gründen interessiert ist.

sie erlebte ihre mutter als gefühlskalt, ja ihre anwesenheit verursachte ihr sogar oft ein frösteln und gänsehaut, und sie erlitt ihre nähe wie ein unentrinnbares schicksal.

sibille war ihrer tochter stets viel zu nahe ohne ihr jedoch nahekommen oder ihr nähe vermitteln zu können.

laura hasste es, täglich gewogen, gemessen und fotografiert zu werden, einmal warf sie vor wut sogar mit dem blutdruckmessgerät um sich und stieg auf das fieberthermometer. die waage und das zentimetermass schienen ihr folterinstrumente zu sein.

später glaubte sie sich zu erinnern, dass ihre mutter nicht nur akribische aufzeichnungen über ihr wachstum, ihre essensrationen, ihren stuhlgang und ihre körperliche und seelische entwicklung geführt hatte, sondern dass sie von ihr als kleinkind auch regelmäßig gezeichnet worden war, abgebildet auf die art wie sie es dann in der schule von einzellern, reptilien und säugetieren im biologiebuch sah, aber sie hatte nie einen beweis dafür finden können.

als kind war sie mit ihrer mutter immer allein gewesen, sie hatten keine besucher und besuchten auch selbst niemanden, sibille ging auch nicht auf den spielplatz mit ihr; die einzige gelegenheit, bei der sie andere menschen trafen, war beim einkaufen.

auch heute noch tröstete laura sich gerne mit einkäufen, wenn sie sich schlecht fühlte. geld spielte dabei nie eine rolle, es war einfach immer genug davon vorhanden und ihre mutter fragte nicht nach.

die scheidung ihrer eltern traf sie sehr hart, von ihrem vater hatte sie sich als menschliches wesen behandelt und geliebt gefühlt und er hatte die aufmerksamkeit ihrer mutter manchmal auf sich gelenkt, sodass sie wenigstens ein paar augenblicke lang unbeobachtet spielen hatte können. jetzt, nachdem sie ihn so viele jahre nicht gesehen hatte, war sein bild verblasst, das gefühl ihm gegenüber nur noch eine vage erinnerung.

ab und zu wurde laura gefragt, warum ihre mutter nach beinahe 15 jahren trennung immer noch keinen anderen mann gefunden hätte, ob sie vielleicht frauen liebte oder ob sie an einer ansteckenden, unheilbaren krankheit litt und deshalb niemanden an sich heranließ. dann zuckte laura mit den schultern und sprach von etwas anderem.

in wirklichkeit zersprang sie innerlich fast vor wut, denn diese frage stellte sie sich tag für tag, sie war zu ihrem einzigen lebensinhalt geworden.

sie wollte wissen, was mit ihrer mutter los war, weil sie wissen wollte, was mit ihr selbst los war und sie wollte dringend mehr distanz zu ihr schaffen und hoffte, das könne gelingen, wenn ein dritter dazwischenkäme, obwohl sie eigentlich nicht daran glaubte.

sie hatte die hoffnung, dass, wenn sie alles, was möglich war, über ihre mutter erfahren würde, sie sich dann endlich von ihr lösen, sich vom lebenslangen alb befreien könnte, denn sie fühlte sich an sie gebunden wie ein siamesischer zwilling.

sie hatte noch nie mit jemandem darüber gesprochen, aber es war ihr klar, dass etwas mit ihnen nicht stimmte; vielleicht wäre wissen der schlüssel!

sibille hatte laura erst später in die schule geschickt mit der begründung, sie sei zu zart, obwohl sie robust und gesund war; es war das letzte mal nach der scheidung, dass ihr vater einzugreifen versucht hatte, aber er hatte sich nicht durchsetzen können, sibille hatte es beschlossen und fertig. stundenlang war laura schweigend am fenster gesessen, hatte darauf gewartet, die schulkinder, die sie alle nur vom sehen kannte, auf der strasse vorbeigehen zu sehen.

sie war traurig, sie war wütend und sehnsüchtig zugleich, verstand nicht, warum sie zu hause sitzen sollte, aber sie widersprach der mutter nicht.

es war nicht blinder gehorsam oder blindes vertrauen, sondern ein sich-ins-schicksal-fügen als hätte sie einfach keine andere chance.

diese haltung war ihr geblieben, oft wunderten sich ihre lehrer und lehrerinnen, wie ein junges mädchen so ernst, verhalten und verschlossen sein konnte, sie wollten sie sogar zum schulpsychologen schicken, ihre mutter war aber dagegen, meinte, es wäre nicht nötig, sie kenne ihr kind und wisse, was gut für sie sei und es wäre alles in ordnung mit ihr, in dem alter sei sie selbst auch sehr schüchtern gewesen.

laura ließ sich nie mit jemandem ein, weder mit mädchen noch mit burschen, brachte niemanden nach hause, erzählte ihrer mutter auch nie etwas von draußen, las, schwieg oder sah aus dem fenster.

sibille hatte wieder zu arbeiten begonnen als laura die volksschule abgeschlossen hatte, so weit laura wusste, war sie biologin und hatte irgendeine interessante und wichtige tätigkeit gefunden.

im grunde genommen interessierte sie das überhaupt nicht, sie freute sich immer nur auf die paar stunden nach dem unterricht, die sie alleine zu hause verbringen konnte.

nicht nur, dass sie in dieser zeit ungestört war, sie hatte eine überaus aufregende beschäftigung gefunden: sie kramte in den sachen ihrer mutter auf der suche nach dem, was sie noch nicht wusste, einem geheimnis, dessen kenntnis ihr erkenntnis und freiheit bringen würde.

wichtig war ihr auch das spurenverwischen danach und die aufregung, ob sibille wirklich nichts bemerken würde oder sie womöglich einmal entdecken könnte.

das nachspionieren war immer mehr zum erregendsten ereignis des tages geworden, auf das sie stundenlang hinfieberte, obwohl sie noch nie etwas gefunden hatte, das sie in irgendeiner weise weitergebracht hätte.

wenn sibille dann heimkam, versuchte sie die tochter über ihre erlebnisse auszufragen, erhielt aber nur sehr einsilbige antworten. wenn alles nachbohren nicht mehr half, legte sie ihr schweigend irgendeinen fragebogen oder test vor, der tagein tagaus ähnlich im wortlaut war und den laura flink und ohne je aufzuschauen oder nachzufragen ausfüllte.

was ihre mutter damit machte, wusste sie nicht, hatte sie auch nie danach gefragt, es war ihr einfach klar, dass die fragen beantwortet werden mussten. danach zog sie sich in ihr zimmer zurück und wartete voll ungeduld auf den nächsten nachmittag.

eine zeitlang hatte laura viel gelesen, sie hatte mädchenbücher, biografien, romane, sachbücher, alles durcheinander förmlich verschlungen, auf der frage nach sich selbst, nach dem eigenartigen gefühl, dass etwas mit ihr nicht stimmte, auf der suche nach einem vorbild vielleicht oder nach jemandem, mit dem sie sich hätte identifizieren können. sie hatte sogar parapsychologische werke studiert, um sich ihre seltsamen vermutungen zu erklären, doch all das hatte ihr nicht viel geholfen, außer dass sie ein paar stunden abgelenkt war von ihrer misere.

seit ein paar wochen hatte sie jetzt eine fixe idee: sie wollte dahinterkommen, welches sexuelle geheimnis ihre mutter hütete.

sie war davon überzeugt, dass die problematik hier ihren ursprung hatte, es nur galt, diese frage zu lösen, um endlich ans ziel zu gelangen.

sie fragte sich nicht, warum sie selbst mit 19 jahren noch keinen freund hatte, wo alle in ihrer klasse, die jünger waren als sie schon irgendwelche bettgeschichten hinter sich hatten, sondern interessierte sich für das liebesleben ihrer mutter, durchstöberte ihren schreibtisch nach heimlichen briefen, nach kontaktanzeigen, nach zweideutigen notizen, nach einem hinweis darauf, dass ihre mutter in einem bordell arbeitete oder in einem hotel heimlich männer empfing. sie kramte in ihrem nachtkästchen nach versteckten erotischen spielzeugen, nach verhütungsmitteln, kalenderaufzeichnungen oder fotografien.

sie fand nichts.

das einzige, woran sie sich wie wild klammerte, war das tagebuch der mutter, das sie in der kommode aufgestöbert hatte. leider enthielt es bisher hauptsächlich kommentare zu sibilles körperlichen befindlichkeiten, dem stress in der arbeit und sorgenvolle überlegungen zum verhalten und zur zukunft ihrer tochter.

die eintragungen verletzten laura jedesmal, dennoch stöberte sie weiterhin wie eine süchtige danach.

sie war sich sicher, dass ihre mutter sie ebenfalls verfolgte und hatte aus diesem grund begonnen, ein tagebuch zum schein zu führen, um sie zu täuschen, falls diese darin lesen sollte. leider erwähnte sibille das tagebuch lauras kein einziges mal in ihren eigenen aufzeichnungen und so kam es zu keiner gewissheit.

laura stand kurz vor der matura, die anderen ihrer klasse waren mit lernen und ausgehen beschäftigt, mit tratschen über den neuesten schwarm und gesprächen darüber, was man nach dem schulabschluss alles plante; sie machte nicht mit.

laura saß ihre zeit im klassenzimmer ab und verschwand dann tagein tagaus rasch und unauffällig, lief schnell nach hause, wo sie sofort mit ihrer fieberhaften suche nach irgendwelchen beweisen einer sexuellen existenz ihrer mutter begann. das konnte stundenlang dauern, zeitweise bis sibille spätabends von der arbeit heimkam, denn laura durchkämmte alles immer genauer und begann die vorgänge wieder und wieder, weil sie befürchtete irgendetwas, ein klitzekleines detail, das etwas hätte beweisen können, übersehen zu haben.

sie war wie besessen, wurde krank davon, der zwang machte sie immer nervöser, unzufriedener und unsicherer; die mutter begann im tagebuch davon zu schreiben, dass laura so schlecht aussähe, dass sie vielleicht liebeskummer hätte oder probleme in der schule, von denen sie ihr nichts erzählen wollte oder dass sie magersüchtig sein könnte, obwohl das eigentlich nicht in der familie läge, und sie sich um eine therapie für sie umsehen müsse.

laura begann daraufhin in ihrem eigenen tagebuch quasi auf die aufzeichnungen ihrer mutter zu antworten, in dem sie schrieb, wie eifrig sie tag und nacht mit maturavorbereitungen beschäftigt wäre, dass sie dabei sogar manchmal das essen vergessen würde, wie gut es ihr aber abgesehen davon ginge, weil sie so viel spass mit den klassenkolleginnen und -kollegen hätte, sie froh wäre die einen oder anderen nächstes jahr auf der uni wiederzusehen.

das manöver hatte erfolg, die muttersorge schien beruhigt, die tagebucheintragungen wurden spärlicher, leider auch immer weniger aufschlussreich. ab und zu erwähnte sibille ein mehr oder weniger erfolgreiches experiment oder stellte dessen erfolg in frage, wie auch immer, berufliches interessierte laura nicht und sie wurde langsam immer verzweifelter.

ab und zu hatte sibille laura früher gefragt, ob sie denn keinen freund hätte und ihr auch angeboten, mit ihr zum gynäkologen zu gehen, wenn sie die pille verschrieben haben wolle, hatte von solchen gesprächen aber schließlich abstand genommen, weil laura stets so vehement darauf reagiert und höchst beleidigt gefragt hatte, was sie denn von ihrer tochter denke, dass sie anständig wäre und sie solche dinge nicht interessierten. sibille war wie vor den kopf gestoßen und hatte das thema offiziell aufgegeben.

laura hatte tatsächlich noch nie mit einem mann geschlafen, die vorstellung stieß sie ab, sie fühlte sich auch nicht zu frauen hingezogen, sondern lebte ihre sexualität nur aus, wenn sie ganz alleine war, sich unter ihrer bettdecke verkroch und sich selbst streichelnd vorstellte, dass ihre mutter mit einem mann beisammen war; es war die einzige art, wie sie lust empfinden konnte und das tat sie gerne und regelmäßig, wenn auch mit wachsend schlechtem gewissen.

 

das ausmass der katastrophe war enorm, tagelang wurde nur noch von dem ereignis gesprochen. da das haus nach der explosion sozusagen bis auf seine grundmauern niedergebrannt war, konnte die ursache offiziell nie ganz geklärt werden, obwohl angeblich ein paar verkohlte hinweise gefunden worden waren.

manch einer behauptete, es sei die hübsche laura gewesen, stille wasser seien tief und sie hätte immer so einen seltsamen blick gehabt, wie ein gefangenes tier, aber die meisten bedauerten nur, dass das junge ding auf so schreckliche art zugrunde gegangen war.

man munkelte, die untersuchungen wären auf befehl von höchster stelle eingestellt worden; vielleicht sei es ein anschlag gewesen, in den jemand sehr prominentes verwickelt gewesen war oder es sollte etwas gefährliches vertuscht werden.

oder hätte es sein können, dass laura herausgefunden hatte, dass sibilles ex-mann gar nicht ihr vater war und aus lauter wut …? oder dass sie es in der gefangenschaft der mutter-tochter-beziehung nicht mehr ausgehalten hatte und …?

keiner der befragten wollte später irgendetwas von lauras seelischem zustand gewusst haben. ja, sie war eine gute schülerin gewesen, obwohl geistig oft abwesend, sonst zumeist unauffällig, ein wenig zurückgezogen, aber sie hatte auf fragen höflich geantwortet und war auch hilfsbereit gewesen.

nie hatte sie wie andere merkwürdige männerbeziehungen gehabt oder sich etwas zuschulden kommen lassen. sie war hübsch und zurückhaltend gewesen wie ihre mutter, die kaum jemals zu den sprechstunden gekommen war, es war aber auch nicht nötig gewesen.

also, sie könnten sich alle nicht vorstellen, dass dieses brave mädchen selbstmord oder gar mord oder einen anschlag hätte verüben können.

manche vermuteten auch sibille hinter dem unglück, schließlich meinten augenzeugen, der brand wäre zuerst in ihrer wohnung ausgebrochen, die meisten jedoch waren überzeugt, dass ein entsetzlicher unfall geschehen war.

es hätte natürlich sein können, dass sibille, vom gleichen wahn wie ihre tochter getrieben, hinter ihr her war – wovon freilich niemand hätte wissen können – und den druck schließlich nicht mehr ertragen hatte, es hätte aber auch sein können, dass sie von nichts ahnte und mit ihrem single-dasein einfach zufrieden war, wenigstens nach dienstschluss tun und lassen zu können, was sie wollte. Ihre arbeit schien ihr spass zu machen und sie hatte offensichtlich eine wissenschaftliche karriere gemacht.

so gab es lange widersprüchliche vermutungen, heftige diskussionen, gespielte und echte betroffenheit – ein unerschöpfliches gesprächsthema in der stadt, bis schließlich die zeit das ihre tat und die leute langsam zu ihrem alltag zurückkehrten.

 

epilog:

es blieb also ungeklärt, ob laura irgendwie herausgefunden hatte, dass sie das erste geklonte baby der welt war, der geheimgehaltene klon ihrer mutter, dr. sibille w., der begabten humangenetikerin, die jahrelang für den geheimdienst gearbeitet hatte und sich, jung und ehrgeizig wie sie war, für den gewagten versuch zur verfügung gestellt hatte.

Silke Rosenbüchler

Vatermord

Die Schnitterin

Alle Männer mit Bart sind mein Vater. Mit dunklen Haaren und braunen Augen, gepflegtem Haarwuchs über den Wangenknochen, exakt ausgeschnitten. Ich erkenne ihn am Gang, an diesem sorglosen “Was kostet die Welt?” – Blick. Manchmal treffe ich ihn auf der Straße, in einem Geschäft, meistens aber finde ich ihn in einer Bar, leicht angeheitert, mit einer Zigarette zwischen den Lippen. Die Hand mit dem blassen Streifen am Finger fährt langsam das Longdrinkglas auf und ab. “Warum hast du dich nie um mich gekümmert?” frage ich ihn und setzte mich an seinen Tisch. Mit diesem leichtlebigen Lächeln tastet sein Blick meine Figur ab. Aus dem kleinen Püppchen mit den großen Augen ist eine Frau geworden. Jetzt habe ich auch so schöne Brüste wie meine Mutter. Jetzt bleibt sein Blick an mir haften, an mir, und wandert nicht unruhig im Zimmer umher, bis er sich im Busen meiner Mutter verfängt. Meistens sagt er dann, dass es ihm leid tue, sich nicht um mich gekümmert zu haben. Ich lächle. Ich glaube ihm kein Wort. Aber ich freue mich, dass er mit mir nachhause gehen möchte. Sonst ist er doch immer so bald weggegangen. Aber nein, jetzt kommt er zu mir. Zu mir! Mit beschwingtem Schritt zeige ich ihm den Weg. Meist ist er erstaunt, wenn er das Zimmer sieht, dass ich für ihn vorbereitet habe. Das Zimmer ist immer vorbereitet. Ich weiß ja nie, wann er kommt. Manchmal fragt er mich, was das soll, warum ich das Bett und den Fußboden mit Plastik ausgelegt habe. Dabei ist es doch so offensichtlich, dass sich Plastik viel leichter reinigen läßt als ein Teppich oder das Parkett. Wie dumm er doch ist. An manchen Tagen jedoch ist er hell begeistert, befolgt willig meinen Befehl, sich das Gewand auszuziehen und ordentlich auf den bereit gestellten Stuhl zu legen. Meine Mutter kann es nicht ausstehen, wenn er seine Kleider in der ganzen Wohnung verteilt. Manchmal sträubt er sich auch, dann muß ich ihm einen Tritt geben, einen harten, kurzen Stoß zwischen die Beine, damit er sich erinnert, warum er da ist. Er muß mir gehorchen. In meiner Wohnung mußt du mir gehorchen. So habe ich es gelernt.

Wenn er auf der Pritsche liegt und alle Riemen stramm gezogen sind, gönne ich mir eine Ruhepause, einen Campari Soda, rot und prickelnd, zu Ehren seines Besuches. Ich setze mich auf den Sessel, der genau vor dem Bett steht, und betrachte den Körper, der gebunden vor mir liegt. Ich trinke meinen Campari und denke an all die Stunden, in denen ich heimlich beobachtet habe, wie andere Väter sich um ihre Kinder kümmerten. Wie sie sie hochhoben und lachten und ihnen die Schuhbänder zuschnürten. Schau, mit dem einen Band machst du eine Schlaufe, und das andere wickelst du darum herum, siehst du, so. Ich habe dir auch eine Schlaufe gemacht, eine schöne Masche an jedem Knöchel, ist gar nicht so leicht mit diesen Lederriemen, sie dürfen ja nicht aufgehen, nicht wahr, wenn die Masche aufgeht stolperst du, ich habe es gelernt, auch wenn du es mir nie gezeigt hast. Bist du Stolz auf deine Tochter? Du bist so nackt.

Früher hast du dich nie für mich ausgezogen. Nur meiner Mutter hast du dein Geschlecht dargeboten. Damit zeige ich Mami, wie lieb ich sie habe, hast du meine Fragen beantwortet. Mir hast du es nicht einmal gezeigt. Jetzt sehe ich es. Es sieht immer ein wenig anders aus. Manchmal liegt es klein und verschrumpelt in seinem Nest aus schwarzen Haaren, manchmal ragt es steil und krumm empor, pulsiert, zeigt mir herausfordernd den glitzernden Tropfen, den es an seiner Spitze gebildet hat. Aber das ist jetzt nicht mehr wichtig. Nichts ist jetzt wichtig.

Schau mich an! Warum schaust du mich nicht an? Warum machst du die Augen immer zu? Bist du müde? Oh, diese bösen Augenlieder, die immer herunterklappen, sich zwischen uns legen und verhindern, dass du deine Tochter betrachten kannst. Diese schönen, langen Wimpern. Ich helfe dir. Du sollst nicht mehr unter der Tyrannei deiner Lider leiden. Nichts darf dich daran hindern, mich mit stolzem Blick zu betrachten, mich, deine einzige Tochter! Vorsichtig, ganz vorsichtig, damit ich dir nicht weh tue, nehme ich deine Wimpern zwischen Zeigefinger und Daumen, ziehe an ihnen das Lid hoch, hebe es auf, schwer will es wieder heruntersinken, aber das lasse ich nicht zu, ich lasse es nicht mehr zu dass du mich nicht ansiehst, mit einem raschen Schnitt trenne ich die ungehorsamen Lider von deinen Augäpfeln und werfe sie achtlos in die Porzellanschüssel. Du weinst rote Tränen beim Anblick deiner Tochter. Warum bist du damals weggegangen?

Du lachst?

Die Männer, die mir meine Mutter als Ersatz für dich gebracht hat, wollten nie, dass ich lachte. Sie wollten nicht, dass ich mich freute, wenn sie kamen. Das machte sie immer so wütend, wütend, wütend. Erst wenn ich schrie und Tränen meine Wangen entlang liefen grunzten sie und zeigten mir, wie lieb sie mich hatten. Manche wollten auch, dass ich ihr Geschlecht ablecke, wie einen Lolly. Aber ein Lolly schmeckt süß und wunderbar und nach Himbeere, Kirsche oder Orange. Ich erinnere mich noch, wie einer von ihnen ein Plastikhäutchen über sein Glied rollte, das schmeckte ein wenig wie Fruchtkaugummi. Ein ganz komisches Gefühl auf der Zunge. Ich versuchte ein wenig daran zu knabbern. Er riß mir ein Büschel Haare aus. So.

Mama hat behauptet, du bist wegen mir weggegangen – aber sie hat gelogen, Lüge, eine Lüge, eine Lüge! Weil ich so viel geschrien hätte. Aber sie wollten doch, dass ich schreie. Sie wollten es! Wenn ich lachte und freundlich war, wurden sie böse. Aber wenn ich weinte und schrie durfte ich mitspielen. Oh, ich war gut! Ich muß einfach gut gewesen sein, sonst hätten sie nicht so viele Filme mit mir gedreht, komm, ich zeig dir einen. Hier, schau, mach’ ich das nicht gut? Wenn ich sie zum Abspritzen brachte, war ich frei. Natürlich wollten sie das nicht, nicht so bald, langsam, nicht so schnell! Und ich schaffte es immer.

Sorgfältig binde ich den Arm knapp über dem Handgelenk ab. Das Abbinden der Schnittstellen habe ich im Sanitätskurs gelernt. Die Lederriemen müssen fest sitzen. Sie wurden aus hellem Leder gefertigt, nun sind sie fast schwarz gefärbt, weil ich so oft das Blut von ihnen waschen musste. Wenn sich die Hand dunkelviolett färbt, habe ich das Blut fest genug abgebunden. Der Blutkreislauf wird erfolgreich unterbrochen. Mit einer kleinen, leisen Motorsäge beginne ich, die Hand vom Arm zu trennen. Der Stumpf muß verbunden werden, solange der Schock verhindert, dass allzuviel Blut aus dem Körper fließt. Das erste Mal habe ich soetwas mit 8 Jahren gesehen, in einem der Filme, die mir die vielen vielen Onkeln mitgebracht haben. Es waren seltsame Filme, die sie mir zeigten. Filme, in denen kleinen braunen Puppen Stück für Stück die Gliedmaßen abgenommen wurden. Erst die Hände, dann die Füße, dann die Arme, dann die Beine. Damit sie handlicher wurden. Damit sie leichter hochgehoben und auf das Geschlechtsteil geschraubt werden konnten. Die Puppen sahen aus wie Kinder. Aber das waren keine echten Kinder, das waren nur Puppen, die wie Kinder aussahen. Ein Onkel hat es mir erklärt. Keine richtigen Menschen, sondern Puppen, Puppen zum spielen, so wie du eine bist. Du bist nur eine Puppe, weißt du das nicht? Puppen kennen keinen Schmerz. Eine Puppe ist vollkommen gefühllos, so wie du, mein Herz. Du mußt eine Puppe sein, weil du sonst einen Vater hättest, jemanden, der auf dich aufpasst. Dein Vater ist ein Puppenmacher, deine Mutter ein Püppchen, sieh sie dir an, wie reglos sie dort sitzt, die starren blauen Glasaugen ins Leere gerichtet, das Haar hübsch gelockt. Die rot bemalten Lippen in dem weißen Porzellangesicht sind leicht geöffnet. Schlafaugen hat sie, diese Puppe, und ein wenig gehen kann sie auch, und oh ja, oh ja bitte sagen. Das hat der Vater von der Kleinen aus ihr gemacht, der Dreckskerl, der einfach weggelaufen ist, ohne sich um seine Familie zu kümmern. Ja, mein Vater hat uns verlassen, er hat aus uns gefühllose, weiße Puppen gemacht.

Nein keine Puppe. Puppen spielen nicht. Mit Puppen wird gespielt. Und jetzt bist du mein Püppchen. Das ist doch fair, oder? Nachdem solange ich das Püppchen war? Komm, wir tauschen die Rollen, und du bist das Püppchen, das keinen Schmerz mehr fühlt und das still liegt und nur oh ja, ja bitte sagen kann.

Eiskalt liegt deine Hand in meiner Hand. Da ist noch ein wenig Schmutz unter den schief geschnittenen Fingernägeln. Die Haut der Handfläche ist trocken und rauh, aber es haben sich keine Schwielen gebildet. Schade, dass ich nicht Handlesen kann, ich hätte zu gerne gewußt, was du in all den Jahren getan hast. Ich lege die Hand mit der Handfläche nach unten auf meine linke Hand. Daumen auf Daumen, Zeigefinger auf Zeigefinger, die Handfläche meiner rechten Hand auf den Handrücken, Mittelfinger auf Mittelfinger auf Mittelfinger. In der Mitte schauen kalt deine Fingerspitzen hervor. Habe ich dieses kraftlose Ding zwischen meinen Händen wirklich je gebraucht? Mir ekelt vor den schmutzigen Fingernägeln. Sorgfältig hole ich das Schwarze unter dem Horn hervor. Mit der zweiten Hand verfahre ich wie mit der ersten. Dann lege ich beide zu den Lidern in die Porzellanschüssel. In meinem Bauch liegt ein Stein, ein schwerer Stein, der drückt gegen die Bauchdecke. Ich hole mir das nächste Stück. Stück um Stück hol ich ihn zurück.

Das ist harte Arbeit.

Endlich aber, wenn er von seinen Fesseln befreit ist: wenn er keine Arme hat, mich von sich zu schlagen, wenn er keine Beine hat, von mir zu gehen, wenn seine lidlosen Augen auf mich geheftet sind als dem einzig Wesentlichen in seiner reduzierten Welt: wenn es nur mehr mich gibt und ihn:

hole ich mir sein Herz

Behutsam schneide ich es aus dem knöchernen Käfig, der es davon abgehalten hat, zu mir zu kommen. Vorsichtig hebe ich es aus seinem Sarg, es pulsiert vor Freude in meinen behutsamen Händen, zärtlich bette ich es zwischen meine Brüste, wo es Herz an Herz ein wenig weiter schlägt.

Rot schlägt die Frucht der Erkenntnis an meiner Brust.

Du hast mich nie geliebt. Ich war nie in deinem Herzen. Nie war Platz für mich in deinem Herzen. Aber in mir ist Platz für dein Herz. Ich werde es verschlingen und es wird mich ausfüllen von innen her, so, wie es mich nie eingeschlossen hat, werde ich es jetzt umschließen.

Erst wenn es aufgehört hat für mich zu schlagen nehme ich es zu mir, verleibe ich es mir ein, mache ich es zu einem Teil von mir. So weich und warm auf der Zunge. Niemand mehr kann mir dein Herz stehlen. Niemand.

Am nächsten Tag muß ich das Fleisch und die Innereien verarbeiten, ehe alles verdirbt. Die fertigen Gerichte bringe ich zu der wöchentlichen Ausspeisung. Der Mann ist der Ernährer der Familie. Der Mann hat seine Familie zu ernähren.

Am wichtigsten ist, dass das Zimmer so bald wie möglich aufgeräumt wird. Es soll sauber und ordentlich aussehen, wenn mein Vater mich besuchen kommt. Ich weiß nie im voraus, wann und wo ich ihn das nächste Mal treffen werde. Ich erkenne ihn immer sofort, schon von weitem. Er so leicht zu erkennen. Er trägt einen Bart.

Matu

Schlecht geschlafen

Mann, ist das dunkel hier.

Ich kann im Dunkeln nicht schlafen. Das ist, als würde man nackt durchs Weltall treiben.

Ah, da kommt ein bisschen Licht durch die Rolläden, und ich kann die Blumen auf dem Fensterbrett sehen. Warum haben Oma und Opa Blumen in ihrem Schlafzimmer? Vergessen sie wohl ab und zu, sie zu gießen? Ich würde das bestimmt dauernd vergessen. Ich kann sie riechen, die beiden, hinter den Blumen. Sie riechen alt und sie bewegen sich nicht. – Ob es wohl noch mehr Zwölfjährige gibt, die heute bei ihren Großeltern übernachten und nicht einschlafen können?

Dieser Geruch… alt und sauber, frisch gewaschene und gemangelte Bettwäsche. Ob ich auch mal so riechen werde? Vielleicht in 50 Jahren, wenn ich so alt bin, wie Opa jetzt. Vielleicht hat es damit zu tun, dass sie schon so lange gelebt haben und es bedeutet, dass nicht mehr viel kommt. Wie lange werden sie wohl noch leben? 10 Jahre, 20? Eher 10 oder 15. Männer leben kürzer als Frauen, hat Papa gesagt, im Durchschnitt. Alle sagen immer ich bin so intellligent, weil ich verstehe was so was heißt wie „im Durchschnitt“ und weil ich so viele Wörter kenne und mich so gut ausdrücken kann. Toll, das nützt mir auch nichts. Wenn ich nur schlau genug wäre, mir was auszudenken, damit ich einschlafen kann.

Ob Opa Angst hat, dass er bald sterben muss? Ist er wohl traurig deswegen?

Muss man überhaupt traurig sein, zu sterben? Jeder stirbt und wenn man tot ist, ist man weg. Nein, man ist nirgendwo. Aber wo ist das? Alles, was ich mir vorstellen kann ist irgendwo. Aber ich glaube, nirgendwo ist gerade nicht irgendwo. Manno, das kann ich mir gar nicht vorstellen. Dabei werde ich auch sterben, ganz sicher. Hoffentlich dauert das noch lange, aber irgendwann… Wie lange wohl noch? Wenn ich noch fünfmal so lange lebe, wie ich jetzt schon gelebt habe, dann bin ich ,äh, 72. Mann, ist das alt. Aber dann bin ich tot, für immer! Eigentlich könnte ich auch jetzt gleich sterben, das macht hinterher sowieso keinen Unterschied. Ich hab’ Angst. Mama, hilf mir!

Ich halt’ mich an den Blumen fest, sonst werde ich noch verrückt. Wie die riechen.

Wenn man tot ist, ist man nichts. Wie das Nichts wohl aussieht?

Blödmann, schon wieder. Nichts sieht nicht aus, sonst wäre es ja etwas. Es ist noch nicht mal schwarz und leise, weil es… das wäre ja auch schon ‘was. Ich werde auch eines Tages nur noch „nichts“ sein, nur kann ich mir das jetzt noch nicht vorstellen.

Augen zu!

Ich will nicht mehr daran denken; dieser ganze Scheiß ist wie eine Blase in meinem Kopf, die immer größer wird, und ihn zum explodieren bringen will. Ich drücke sie zusammen, damit es nicht geschieht. Jetzt wird sie kleiner und immer kleiner. Mein armer Kopf, wie heißt das noch, was Fernseher manchmal machen, ah ja, er implodiert beinahe.

Augen auf!

Puh, das ist nochmal gutgegangen. Mein Schädel ist noch heile.

Bitte Schlaf, komm jetzt. KOMM! K o o o m m !

 

Noch lange wälzte er sich hin und her und versuchte, nicht ans Nichts und nicht an den Tod zu denken, aber nach drei, nach sieben und auch nach zwölf Minuten war er immer noch wach und erst viel später döste er langsam ein.

Am nächsten Morgen sitzen Mutter und Sohn als letzte an einer leergegessenen Tafel.

 

Was ist bloß mit dem Jungen los? Sitzt hier am Frühstückstisch, die Sonne scheint, er hat keine Schule und macht ein Gesicht, als sei einer gestorben.

„Hast du schlechte Laune?“

„Ich bin müde.“

Das sagt er immer, wenn er schlechte Laune hat. Naja, das geht vorbei. Wahrscheinlich hat er heut’ nacht schlecht geschlafen.

Ich kann nicht mit ihr darüber reden. Ich kann mit keinem darüber reden. Die würden mich für verrückt halten; ich bin zwölf und habe Angst vor’m Sterben. Dabei macht das gar nichts, wie alt man ist, denn wenn man für immer tot ist, machen 50, 60 Jahre keinen Unterschied. Und solange ich nicht weiß, was ich über den Tod denken soll, kann ich nicht über Wurstbrötchen und schönes Wetter sprechen.

Gleich muss ich weinen. Und dann sieht sie es.

Ich muss ‘raus!

„Wo gehst du hin?“

Rums, das war die Haustür. Was mach’ ich bloß mit ihm?…

Was war das für ein Geräusch?! Hhhhh!!! Ein Auto!

Oh mein Gott!

 

Das Lokalblättchen vom 26. April (eigener Bericht)

Am gestrigen Morgen ist in der ____ Straße ein 12jähriger Junge bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Frau ____ (32), die Mutter des Jungen, sagte der Polizei: „Wir haben beim Frühstück gesessen und dann ist er auf einmal ‘rausgerannt. Dann hab’ ich ein Geräusch gehört, einen dumpfen Knall und bin hinterher. Und da lag er dann!“

Der Fahrer des Unfallwagens sagte, dass der Junge ihm plötzlich und unerwartet vor das Auto gelaufen sei.

Alles sei so schnell gegangen, dass er nicht habe reagieren können. Aber er habe das Gefühl, dass ihn der Junge hätte sehen müssen, und ihn vielleicht sogar gesehen habe.

Überhöhte Geschwindigkeit ließ sich laut Polizeiangaben nicht feststellen. Ob gegen den Fahrer ein Verfahren wegen fahrlässiger Tötung eingeleitet wird, stand bis Redaktionsschluss noch nicht fest.

Susanne Rasser

Nichts

Ganz vorsichtig trennt er den Erlagschein aus dem Heft. Mein Bub. Mein einziger, geliebter Sohn. Er zählt das Ersparte, über Monate ersparte Taschengeld noch einmal nach, leise murmelnd, wie im Gebet. Schreibt sorgfältig den Betrag auf das vorgedruckte Papier, malt die Zahlen, grinst verbissen. Zähes Vergnügen, entblößtes Zahnfleisch, gefurchte Stirn.
Mein Kind ist kein Kind mehr. Er soll seine Geheimnisse haben, sie hüten. Ich will ihn nicht zornig wissen.

Einen Zwerghamster habe ich dem Kind zum 14. Geburtstag geschenkt. Das war keine Freude. Nun steht der Käfig in meinem Schlafzimmer und dieses Tier treibt mir die Ruhe aus.
Hamster laufen nachts im Rad, knabbern an den Gitterstäben. Hamster nimmt mir meinen Schlaf, trampelt alle Träume tot. Macht mich wach, raubt die Lügen, diesen, meinen glatten Selbstbetrug. Hamster laufen nachts im Rad.
Die Zeit, sie vergeht nicht. Ich warte. Warte und hoffe, hoffe und vergehe. Ich sinke. Die Zeit, sie vergeht, vergeht viel zu schnell. Ich warte und schweige.
Das Kind schweigt, füllt die Erlagscheine aus.

Schnell ist er groß geworden der Bub, ganz unauffällig, ganz wie alle anderen auch. Hab ihn aufgezogen, alleine verbogen. Langsam werde ich kleiner. Alleinerziehende Mutter. Schnell wird er zornig, der Bub, und ich fürchte seine Wut. Immer, ja von Anfang an, Ausreden, das Entschuldigungsgestammel: Bauchweh, die ersten Zähne, Trotzalter, Schulangst, wieder eine Trotzphase, Berührungsängste, dann – und immer noch – die Pubertät.
Hab mich dumm beruhigt, herausgeredet. Aber außer Haus trägt er mir die Tasche, spannt uns den Regenschirm und grüßt die Nachbarn höflichst. Äußerst zuvorkommend, eben gut und konsequent erzogen. Dann bin ich stolz auf mich. Geliebter Bub.

Alles andere wird nebensächlich, verwässert, wird nichtig. Das ist unbedacht. Ich gehe zur Arbeit, gieße Blumen, ich füttere Schweine. Ich tu es. Ich werde es nie getan haben.

Das Geheimnis wird nicht mehr gehütet. Mit einem Lachen schlug mir der Bub seine Wahrheiten um die Ohren. Nun quäle ich mich durch seinen Lesestoff, jenen abgegriffenen Heften, aus denen er sämtliche Erlagscheine getrennt hat. Warnschriften für die deutsche Jugend, für ausgewählte Arier, von wahren Kämpfern, die sich unentwegt von rechts anschleichen. Absenderlos, inkognito, wahrscheinlich nie zu fassen.
Überfremdung, Kulturverfall, Kriminalität, von politischer Feigheit der Altparteien – nein, und will und kann gar nichts verstehen. Mein Bub nicht!
Er trägt sein Haar gewellt, leger gewickelt, hellbraun gefärbt. Beweist Geschmack, auch im Detail, und trägt die Schuhe nur vom Rind. Man sieht ihm nach, er weiß sich zu bewegen. Kein Tarngewand, eben nicht wie alle anderen auch.

Mein Schritt stockt. Eis ist im Schuh. Die Beine gefrieren, erstarren, nageln punktgenau fest.
Salz in den Augen, es kratzt. Kälte schneidet mir ins Gesicht, verunstaltet mich – macht blind.

Jetzt klaube ich Wort um Wort aus diesen schundigen, abgegriffenen Heften. Klaube, schlichte um und schlage nach. Hier werden Feindbilder produziert, wie am Fließband, das scheint nicht weiter schwierig zu sein.

Und immer wieder die Schuldgefühle. Habe ich ihn verzogen, zu streng geformt oder war ich zu weich, nachgiebig, viel zu gleichgültig? Habe ich ihn ernstgenommen, angenommen? Nachgegeben, des lieben Friedens wegen. Aufgegeben – und es war nie Zeit. Immer die Hetze, kein Ferienziel, schlechte Aussicht. Bügelwäsche und Socken stopfen, die Ordnung halten. Gegen das Gerede. Sparen für die neue Wohnung, die größer, lichter, näher am Arbeitsplatz ist. Müde schon am Morgen, ja gerade am Morgen. Aber niemals krank geschrieben, nie ausgefallen. Nicht arbeitslos.

Und immer die Schuldgefühle. Ihn im Hort abgeben, später im Kindergarten. Verwischte Tränen, die sind durchsichtig, beinahe unsichtbar.
Bald wurde er selbstständig. Lange war ich dann fast unbesorgt. Der Bub hat sich selber versorgt, seinen Weg gebahnt. Hat gelernt, ganz alleine, hat das Alleine sein gelernt.
Doch plötzlich seine Faust in meinem Gesicht. Schlug zu, vollkommen unerwartet, schlug mich später sogar zu Boden.
Und dann einer – und zwar seiner – Meinung sein. Das war so einfach, so schwer. Ratlosigkeit krampfte einen Herzfehler in meine Brust. Unrhythmisch wurde der Takt zwischen Verzicht und Verzeihen, zwischen Verzagen und Zorn. Meine Kraft ließ nach, der Wille brach, Schmerz war schon bald ganz gewöhnlich.
Was bleibt ist dieses Gefühl der Schuld, denn ich habe versagt. Ich war nicht hart genug, nicht weich genug – und es war nie Zeit.

Kein Regen, der die Trauer verwäscht, meine Sorge verschwemmt, eine Abkühlung schafft. Kein Regen, der einen Bogen spannt, der wachsen lässt oder Unheil schwemmt.
Keine Sonne, die den Weg sich erkämpft, meine Kraft erwärmt, den Funken entfacht. Keine Sonne, die mich gesunden lässt, mich färbt oder heillos versengt.
Es ist der Wind, der mich nimmt und fallen lässt.

Aber mein Sohn trinkt nicht, raucht nie, mein Sohn hat einfach Manieren. Er liest viel, begreift schnell, kann sich kurz und gewählt mitteilen. Er will weiter, höher hinaus, will weiterlernen, studieren. Der hat Ziele. Man traut ihm viel zu. In gewisser Hinsicht ist er sehr streng zu sich. Seine freie Zeit plant er ganz genau, nur für sich, penibel und nüchtern. Ja, selbst beim Fernsehen bleibt er unbeirrbar. Abendnachrichten, Pressestunde, Inlands- und Auslandsreport, Belangsendungen. Keine Talkshow, keinen einzigen Spielfilm oder Krimi, niemals den Seitenblick.
Geht nicht aus der Bub, reist im Internet, stundenlang, vergisst den Hunger, Durst, wird körperlos.

Vergisst sich nicht, schlägt Tennis, hält sich heil und auf der Höhe.
Im Winter schaufelt er vor unserem Mietshaus den Schnee beiseite, frühmorgens schon. Und heuer, gleich nach Schulschluss, den ersten Ferienjob. Irgendetwas. Vielleicht in der Tourismusbranche, irgendwo in den Bergen. Weit weg! Das wäre zu schön.

Tränen ätzen ein Netz in meine Augenschatten. Ich möchte zu mir kommen, mich fassen. Ich muss zu mir kommen, mich halten, festhalten.
Faust im Gesicht. Wieder schlug er gezielt, hinterließ keinen Abdruck, schlug mich stumm. Und später schützt mich nur ein Lächeln, das Lächeln vor dem bösen Blick. Gebogene Mundwinkel, Schultern gerade gekrampft, kein einziges Wort. Nein, darüber zu keinem auch nur einen Ton.

Man könnte aber doch etwas machen dagegen. Ihm den Hals umdrehen, mit bloßer Hand, schnell und überlegen. Man könnte sich einfach vergessen. Endlich Schluss machen, abtöten, kompostieren. Und wieder zur Ruhe kommen, wieder durchschlafen.
Man kann es nicht. Kein Gift, kein Hammerschlag, ihn nicht aussetzen oder einfach – mit irgendeiner Ausrede – abgeben. Nichts fertig bringen, abschließen, weil man zu weich ist.
Der frisst mir meinen Nachtschlaf weg, beißt in seine Gitterstäbe, hastet, knabbert, kriecht und wühlt.
Aber auch der hat einen Namen, nur von mir lässt er sich streicheln. Manchmal stecke ich ihm einen saftigen Ast durch das Gitter, daran turnt er hinauf und hinunter, ganz versessen. Dann zernagt er das Holz zu Splittern, frisst es genüsslich auf. Zweimal in der Woche trage ich den Dreck weg, streue Sägemehl ein und baue eine Höhle aus Watte. Nüsse, Obst, Getreide, auch Joghurt. Immer frisches Wasser. Ich berühre ihn gerne. Weiches, warmes Fell, flinke Knopfaugen.

Nein, ich werde zu allem ja sagen. Mich nicht mehr erinnern, schon gar nichts ahnen.
Transport ist ein Wort, Viehwaggon ebenfalls, und so ein Lagerkommandant war auch ein Mensch. Mauthausen liegt bei Linz, Ebensee im Salzkammergut – mehr bleibt da doch überhaupt nicht. Treblinka, Ravensbrück, Dachau: Ortsnamen. Vielleicht Ausflugsziele? Und? Nach Auschwitz haben auch die Österreicher weitergedichtet, nur eben weniger gereimt. Das bricht den Rhythmus nicht unbedingt.
Alles doch längst vorbei. Das Gras wächst so schnell, wirklich lautlos, Holz verfault. Haare und Kinderspielzeug, Schuhe und Krücken – wird einfach vermodern, vergehen, wird ganz einfach bald nicht mehr sein. Begriffe versagen, die Orte versinken. Jetzt reizen andere Wörter.
Ja, ich werde nein sagen. Weil diese Zeit nicht vergeht. Und ich werde mich erinnern, mir die Ahnung erlauben.
Auch wenn die Dinge vermodern, das Kreuz mit den Fangbeinen bleibt. Man sprüht es auf, klebt es an, man sticht es sich gar in die Haut. Auch das Heil ist geblieben, das Schreien, die Schießübungen, der Stechschritt.

Aber einmal ganz alleine sein. Nicht nacharbeiten, aufputzen, nichts besorgen – und keinem etwas nachtragen.

Den Bus nicht mehr erreichen müssen, kaltes Abendbrot, die Schmutzwäsche liegen lassen. Schlichtweg unerreichbar, ziellos verreist, nicht mehr da.
Wenn ich eine Ausbildung gemacht hätte.
Rotes Segeltuch, salziges Wasser, Wein und Heringe. Oder weich fällt der Schnee, bedeckt meinen Mantelkragen, die Augenwimpern, deckt alles zu.
Wenn der Kindsvater mich geheiratet hätte.
Sand zwischen den Zehen, ein Mietwagen, Lachs in Blätterteig. Schwarze Steghose, bunter Parka, bemalte Lippen. Auf Schiern, einer Rodel, im Pferdeschlitten. Und Sturm, mächtiges Durcheinander. Gastfreundliche Umsicht, ein Frühstück im Bett.
Wenn ich je Geld gehabt hätte, einen Goschen zuviel.
Oder wenigstens Wochenendausflüge ins Blaue, Grüne, ins Licht. Mit Picknickkorb und Plaid.
Nichts. Nur ferngesehen, Radio gehört, viel gelesen.
Erst einmal im Leben den Koffer gepackt. Mit fliegenden Händen, voller Angst, in heller Freude. Dann schnell ab in die Klinik.
Frühgeburt, aber gesund. Ein prächtiger Bub.

Nun erwarte ich sie immer. Immer sprungbereit, angespannt, immer in Abwehr.
Sie kamen zu mir, setzten sich an meinen Tisch, sie zogen die Mäntel nicht aus. Die kamen und erzählten Geschichten vom Bub. Man hat ihn vernommen, die Fingerballen auf ein Schmierkissen gedrückt.
Und ich weiß nichts.
Und ich weiß nicht wirklich worum es geht, aber das habe ich den Beamten nicht gesagt. Ließ meine Zigarette im Mund, nickte, wollte Kaffee aufbrühen. Nur herumrennen, mir die Anspannung aus dem Leib treten.
Nichts, das heißt: Wiederbetätigung. Nichts verstehe ich nicht. Die durchsuchten sein Zimmer, ja die ganze Wohnung. Hefte haben sie mitgenommen, Bücher, auch eine Fahne, die lag unter dem Bett meines Sohnes. Und dann den Kellerraum – versiegelt! Vor den Augen der Nachbarn. Dort bastelt der Bub, spielt sich gelegentlich.
Herrgott, wie ich mich schäme.

Ich ließ mich gerne für dumm verkaufen – und dachte, der Preis sei nicht hoch.
Ich habe den Hamster nie herumrennen lassen – und dachte, so macht er weniger Dreck.
In Gitterstäbe beißen, sich in Watte verkriechen, fressen was man dir eben so gibt. Hamster laufen nachts im Rad.

Reinhold Stumpf

Wiener G’schichten
Déjà vu

Das Taxi hupte schon zum zweiten Mal. Ausgerechnet heute war mein Wagen in der Werkstatt und ich wie immer zu spät. Verzweifelt bearbeitete ich ein frisches Hemd am Bügeltisch, gleichzeitig waren meine Gedanken im Kleiderschrank und selektierten eine passende Krawatte. Je öfter ich über den feinen Stoff bügelte, umso zügelloser schienen sich die Falten darauf zu vermehren.

Die Signation zur Nachrichtensendung tuschte aus dem Radiogerät. Punkt Acht. Ich hatte nur noch dreißig Minuten. Das würde ich nie mehr schaffen, war ich mir sicher und griff postwendend in den Wäschekorb, holte ein T-Shirt heraus und streifte einfach meine gute alte Jacke über. Die Jeans behielt ich an. Den Kaffee ließ ich stehen, eine Banane nahm ich mit.

Wozu so schick gekleidet sein, belächelte ich mich selbst, schließlich ging ich nicht zu einem Rendezvous sondern zum Scheidungsrichter.

Sonja hatte sich ja immer mit leidenschaftlicher Akribie um mein Erscheinungsbild gekümmert. Sie hätte mich in diesem Aufzug gerade auf den Fußballplatz gehen lassen oder in eines meiner Stammlokale. Vielleicht wollte ich sie heute regelrecht verärgern, wahrscheinlich aber war ich einfach zu bequem oder eben nur ungeschickt. Sonja würde jedenfalls kaum über meine saloppe Kleidung überrascht sein; ich sah schon jetzt ihr wissendes Lächeln, wenn sie mich erblickte. Sie würde dabei den Kopf schütteln und sagen wollen: Typisch.

So war sie. Schulmeisterisch. Genau. Perfekt. Nicht wie ich. Ein Luftikus. Ein Träumer. Ein Chaot. Wir passten wohl wirklich nicht zu einander.

Ich lebte nun seit zwei Monaten von meiner Frau getrennt, und in einer knappen halben Stunde sollte eine hundertmonatige Ehe geschieden werden. Wir hatten schon im Vorfeld alles geklärt und erwarteten keine nennenswerten Diskrepanzen. Einzig die Formalitäten fehlten noch. Endgültig. Aus. Maus. Meine Maus.

Ich gebe zu, bei der Wahl des Kosenamens für Sonja nicht gerade den Vogel abgeschossen zu haben, und diese Einfalt entsprach in keiner Weise meiner ansonsten fantasiereichen Eigenart, oft aber sind es gerade die ungekünstelten und banalen Worte, die einer Beschreibung am treffendsten dienen. Außerdem hatte der Umstand unseres ersten Aufeinandertreffens dazu beigetragen, warum sie stets meine Maus war. Der Gedanke an diese Geschichte war in diesem Moment zwar nicht angebracht, trotzdem hatte er unvermittelt und auf eine geheimnisvolle Art und Weise Besitz von mir ergriffen. Je intensiver ich mich daran erinnerte umso widerstandsloser begann ich ihn weiter zu spinnen. Bilder tauchten auf, Geräusche. Düfte. Stimmen. Tief aus meinem Innersten wuchs ein bizarrer Wunsch. Ich wagte nicht daran zu denken.

Endlich verließ ich meine Wohnung, die Tür fiel sanfter ins Schloss als sonst, und ich huschte das Stiegenhaus hinunter. Unterwegs schälte ich schlampig meine Banane und biss einige Male hastig zu, als ich vom Hauseingang her Schreie vernahm. Gekreische. Eine hysterische Frauenstimme vibrierte an der Metalltür zum Müllraum. Alsbald flog die schwere Tür wie von Titanen gestoßen auf, und die Klinke knallte mit einer Wucht gegen die Mauer, dass an dieser Stelle nicht nur der Putz sondern sogar ein Stück vom Ziegel ausbrach. Wie vom Blitz getroffen erstarrte ich. Im selben Augenblick haftete ein Frauenkörper an mir, warm, zart und gut einen Kopf kleiner als ich. Die Unbekannte atmete schnell, und ihr rasendes Herz trommelte an meinen Torso wie ein ekstatischer Rave-Beat. Dabei drückte sie mich immer fester an sich. Sie zitterte am ganzen Leib. Meine Hände hielten das Häufchen Elend vorsichtig am Rücken und begannen bald beruhigend nach oben und nach unten und im Kreis zu streichen. Als sich die Unbekannte langsam gefasst hatte, hob sie ihr Haupt und blickte mich an. Sie ließ nicht von mir los sondern schlug unschuldig zwei- dreimal mit den Augenlidern auf und ab. Ihre Mundwinkel spitzten sich zu einem feinen Lächeln, und in ihren Augen funkelte ein sonderbares Licht, das mir vertraut war. Der glänzende Schimmer zog mich hinab in eine tiefe Sehnsucht. Für einen Sekundenbruchteil war ich in die Ewigkeit eingetaucht.

Die Maus! Jetzt fügten sich die Einstellungen zu einer Szene zusammen, die mir wohlbekannt war. Aus dem Müllraum flitzte ein Mäuschen, vorbei an uns und entwischte durch die geöffnete Kellertür. Die Frau in meinen Armen aber nahm überhaupt keine Notiz mehr von dem grauen Nagetier. Sie schluckte einmal verlegen und öffnete vorsichtig den Mund, als wollte sie etwas sagen. Wohl ahnte ich, was jetzt kommen würde, und ich erwartete sogar diese Worte, eine kurze Frage, die ich vor fast zehn Jahren zum ersten Mal in einer frappierend ähnlichen Situation erlebt hatte. Auch damals passierte es genau an dieser Stelle, am selben Ort, vor dem Müllraum.

Als ich zum ersten Mal in meinem Leben Sonja gesehen hatte.

„Hab‘ ich Sie erschreckt?“

Ihre Stimme war der akustische Inbegriff von Weiblichkeit. Ich kannte sie von Radioansagen, hörte sie aus dem Fernseher und in Kinos, ja sogar aus den Flughafenlautsprechern tönte dieser Stereotyp weiblicher Phonetik, sie sprach durch den Telefonhörer, und zuweilen hauchte sie auch aus meinem Computer. Trotzdem war sie mir völlig unbekannt.

Ich nahm meine Hände von der jungen Dame und stammelte: „Entschuldigen Sie vielmals.“ Na klar war ich erschrocken. Aber nicht vor einer kleinen, harmlosen Maus.

Sie lachte laut, und beinahe lachte sie mich aus. Dann ließ auch sie von ihrer Umklammerung los.

„Ich hätte sie fast umgerannt! Und das wegen einer dämlichen Maus “ einem winzigen Mäuschen! Ich fasse es nicht!“

Während sie redete schlug sie erneut mit den Augenlidern auf und ab. Ihre losen Hände machten anmutige Bewegungen in der Luft von ihrem Oberkörper hinauf zum Kopf und strichen dann durch die kurzen Wellen ihres kaffeebraunen Haares. Sie war wunderschön.

„Ich bitte Sie.“ stammelte ich. „Es ist doch nichts passiert.“

Ich merkte förmlich, wie mir heißes Blut ins Gesicht stieg. Gott, stell ich mich blöd an, schoss es mir durch den hochroten Kopf.

„Sind Sie neu eingezogen?“ fuhr ich im selben Atemzug fort.

Das klang schon besser! Sag schon ja, sag: Ja!

„Noch nicht wirklich. Ich bin gerade dabei. Top 18. Aber der erste Eindruck “ ich weiß nicht.“

„Ich kann Ihnen versichern, das war die erste Maus, die ich in diesem Haus gesehen habe! Top 18? Das ist genau über mir!“

Also gut. Ich konnte nichts für meine einfallslose Kommunikation. Nicht jetzt. Nicht in diesem Augenblick der tausend Explosionen, in diesem magischen Moment, der mich langsam vom Boden abheben ließ. In meinem Kopf knisterten sprühende Wunderkerzen, deren Funkenschlag mein Herz entzündete und dort Detonationen auslöste, eine heftiger als die andere, so dass mein ganzer Körper drohte in Flammen aufzugehen. So stellte ich mir einen Raketenstart vor – ich in der Abschussrampe. Ich spürte förmlich, wie sich zwischen den Flurkacheln und meinen Schuhen ein Höhenunterschied von mindestens einem Zentimeter aufbaute. Was sage ich da “ es mussten mittlerweile Meilen sein. Welten.

Ich schwebte.

Verdammt.

Ich hatte mich verliebt.

Sie lachte zu mir hinauf und hielt dabei die Augen geschlossen. Ich konnte es nicht glauben, aber ihre Lider waren von kleinen Rosenblüten bedeckt. Rote.

Sonja. Es war wie damals. In jedem einzelnen Detail.

Sie sagte, sie müsse weiter, habe es eilig, aber wir würden uns bestimmt wieder sehen. Schließlich seien wir ja quasi Nachbarn. Ich sagte, ich habe es auch eilig, ein wichtiger Termin, aber wahrscheinlich sei ich ohnehin schon zu spät. Draußen auf der Straße startete ein Wagen. Das auch noch. Ich erinnerte mich plötzlich an das dritte Hupen des Taxis. Okay. Länger hätte ich wohl auch nicht gewartet.

„Das kann wirklich nur mir passieren.“ jammerte ich und atmete tief durch.

„Tut mir leid.“

Ja, ja. Geh‘ nur. Ich nickte ihr zu und zwang mich zu einer freundlichen Mimik.

„Wir sehen uns.“ winkte sie ab und verschwand im Stiegenhaus. Zurück blieb der Duft von dezentem Männerparfum. Ich wusste, dass immer mehr Frauen heutzutage solche Odeurs wählten und zerbrach mir meinen ohnehin dösenden Kopf nicht weiter darüber. Im übrigen benutzte ich die Marke selbst gelegentlich.

Ich stand vor der geschlossenen Tür zum Müllraum, und in meiner rechten Hand hielt ich noch den Rest meiner Banane. Bevor ich nun hinaus gehen und mir ein neues Taxi rufen wollte, hatte ich vor, den Obstabfall zu entsorgen. Außerdem hing diese geheimnisvolle Stimme nach wie vor in meinen Ohren. Ich öffnete also und griff nach dem Lichtschalter. Klick-klack. Es blieb dunkel. Kein Wunder. Den Müllcontainer fand ich trotzdem problemlos, schob den schweren Deckel zurück, und genau in diesem Augenblick gingen sämtliche Lautsprecher meines Lebens an, und die zu Schallwellen gewordene Weiblichkeit vibrierte an meinem Trommelfell.

„Das gehört in den Biomüll.“

Nein. Das war nicht denkbar. Das durfte nicht wahr sein. War sie tatsächlich gekommen? Hatte ich ihre Rückkehr tatsächlich gespürt? Liebte sich mich wirklich noch?

In Erahnung des Unmöglichen drehte ich mich langsam um, hin zum Licht, das vom Flur durch die Müllraumtür fiel und zuckte zusammen. Ein rosiges Bukett kroch meine Nasenhöhlen empor und erfüllte bald den ganzen Raum.

„Hab‘ ich dich erschreckt?“

Und wie sie mich erschreckt hatte! Sonja stand vor mir, und ich wusste nicht, wie mir geschah. Dann begann ich zu lachen. Herzhaft. Verrückt. Sie lachte mit.

„Du? Hier?“ Mir standen die Tränen in den Augen. „Ich meine, dass ich noch hier bin, ist ja nicht weiter verwunderlich.“ Ich beruhigte mich. „Aber was machst du da?“

„Ich habe noch immer eine Wohnung hier.“

Stimmt. Sie war nie aus Top 18 ausgezogen – zumindest nicht offiziell.

„Kannst du dich erinnern? Diese Situation?“

„Mh.“

Als wäre keine Sekunde seit unserem ersten Aufeinandertreffen vor knapp zehn Jahren vergangen, hingen wir aneinander wie Kletten und bedeckten unsere Gesichter mit hastigen Küssen, bevor wir unseren Lippen freien Lauf ließen. Inmitten eines Wirbelsturmes der Leidenschaft unterbrach Sonja urplötzlich.

„Du wolltest hoffentlich nicht in diesem Outfit zur Scheidung kommen.“

So war sie eben. Und dafür liebte ich sie.

„Scheidung? Da hab‘ ich wohl wieder was versäumt!“ wollte ich erheitert kontern und wartete auf ein Lachen, stattdessen stieß Sonja einen fürchterlich hysterischen Schrei aus. Ach ja! Eine Maus.

Motherfucker

Der Gymnasiast Emil brütete über den schier unlösbaren Hausaufgaben, die sein Mathe-Professor heute Vormittag in einem regelrechten Anfall von algebraischer Epilepsie an die Tafel gekritzelt hatte. Wie für die meisten seiner Kommilitonen auch waren diese Aufgaben an unnahbarer Abstraktion kaum zu überbieten. Nein, mit derlei Weisheit konnte und wollte sich Emil nicht auseinandersetzen. Da griff er schon lieber in sein geheimes Lädchen unter dem Schreibtisch und holte eine Lektüre hervor, die wesentlich gegenständlicher gestaltet und vor allem aufregender für einen heranwachsenden Jüngling war, der gerade begann, mit der Anatomie des anderen Geschlechtes Bekanntschaft zu machen.

Das bunte Heftchen war zwar schon durch die halbe Klasse gewandert und über zwei Jahre alt, und Emil wusste eigentlich gar nicht, wem es denn überhaupt gehörte, aber der Körper der Frau hatte sich während dieser Zeit wohl nicht verändert, und mehr verlangte der Jüngling ja nicht.

Die Haar- und Hautfarben der Mädchen reichten über die gesamte Palette des weltweit verfügbaren Angebots und unter Berücksichtigung der kosmetischen Chirurgie sogar darüber hinaus. Emil hatte da fürwahr einen Leckerbissen an glattpolierter Pinup-Erotik vor sich. Je weiter er blätterte, umso stärker machten sich die doch schon sehr ausgeprägten Attribute seines langsamen aber unweigerlichen Heranwachsens bemerkbar. Emsig stöberte er unter seiner Jogginghose, und als er sein zur Zeit liebstes Spielzeug im richtigen Griff hatte, machte er sich unhaltbar über die zahl- und variantenreichen Fotos von blanken Mädchenbrüsten und vielem mehr her.

Das erst vor kurzem neu entdeckte Gefühl der sexuellen Erregung, welches bislang in seinem kindlichen Körper geschlummert hatte, bereitete dem Jungen eine wilde und zügellose Freude, um nicht zu sagen eine wahrhafte Gier nach diesen geheimnisvollen Tempeln der Lüste, welche er vorerst nur in all ihrer Blöße auf Hochglanzpapier vor sich hatte.

Immer tiefer drang er in die imaginäre Welt der Playmates und Topmodels ein, und bald schon war er ein Teil derer geworden. Er sah und fühlte sich zwischen den nackten Schönheiten, umgeben von einem einzigen Vulkan der Leidenschaft mit seinen zahllosen sprudelnd heißen Kratern. Da wälzte er sich in völliger Entrückung in seiner Welt, und es war seine Welt, denn alles in ihr gehörte nur ihm.

„Ääähmieel!“

Sie allerdings nicht.

Sie gehörte nicht dazu, und doch stand sie, wie aus dem Boden gestampft plötzlich mitten in Emils Zimmer.

Der Junge war mit einem Schlag aus seinen Phantasien gerissen worden, und da kniete er nun mit verdutzter Miene und heruntergelassener Jogginghose vor seinem Schreibtisch. Neben ihm stand seine Mutter, die, weiß Gott warum, den Kanarienkäfig mitgebracht, diesen allerdings vor lauter Entsetzen wie einen Müllsack fallen gelassen hatte.

„Emil!“

Die dicke Alte blickte auf das Heft, das nun wirklich nichts anderes mehr war als ein Heft, keine Spur von Leben mehr zeigte, nur die Mädchen lachten ihr gekauft lüstern entgegen. Sie nahm es und schleuderte es hysterisch krächzend, als hätte sie ein gebrauchtes Kondom angefasst, durch das Zimmer. Frau Mutter war entsetzt, da bestand kein Zweifel. Die Schamesröte stand ihr im Gesicht, als hätte sie zu lange in ihren Kochtopf geguckt, und obwohl sie im ersten Augenblick nur schlucken und „Emil!“, „Emil!“ stammeln konnte, raffte sie sich nun doch zu vollständigen Sätzen auf, die allerdings wie ein Gewitter auf den inzwischen in die raue Wirklichkeit zurück geworfenen Jungen niedergingen.

„WAS BIST DU FÜR EIN SCHWEIN! NOCH NICHT EINMAL VIERZEHN JAHRE ALT UND SOLCHE SCHWEINEREIEN IM KOPF! ICH HALTE DAS ALLES NICHT MEHR AUS! DIE DÄMLICHEN KANARIENVÖGEL VERSTREUEN IHRE FEDERN IN DER KÜCHE. NIMM DIE VIECHER UND GEH MIT IHNEN ZUR HÖLLE!“

Sie verschwand wild gestikulierend aus dem Zimmer und rief immer wieder : „Ich halte das alles nicht mehr aus!“

Emil war verzweifelt. Er blickte zu den beiden Kanarienvögel, Männchen und Weibchen, die still und brav, als fühlten sie sich selbst vom Geplärre der gestörten Frau betroffen, in ihrem umgekippten Käfig hockten, und beneidete sie. Selbst diese Knirpse konnten unbeschwert den schönen Dingen des Lebens frönen, nur jetzt, nach dieser recht unsanften Landung drehten sie ihre Köpfchen verstört nach oben und unten, nach links und rechts und konnten sich wohl an ihrem neuen Platz noch nicht so ganz zurechtfinden.

Wie haben es diese Wichte schon getrieben!

Emil konnte sich gut vorstellen, dass die beiden Kanarien eine Menge Federn ließen, wenn sie so im Liebesrausch durch den Käfig jagten.

Er amüsierte sich köstlichst dabei, wenn er daran dachte, wie seine frigide Mutter aus der Haut gefahren sein muss, als die Vögel, lüstern zwitschernd und krächzend, ihre Federn in der Küche und im Speiseplan von morgen verstreut hatten.

Also rückte er liebevoll den Käfig zurecht, putzte den ausgestreuten Sand weg und hockte sich neben das kleine Liebespaar. Er pfiff animierend durch die Gitterstäbe, worauf das Männchen sogleich aufmerksam zu ihm blickte und erst zaghaft, dann aber voller Enthusiasmus seine Melodien zu erwidern begann. Schon hüpften die beiden Vögel wieder vergnügt herum, und es schien, als wäre die Welt wieder in Ordnung.

Der frühreife Bengel setzte sich also brav an seinen Schreibtisch und suchte in dem Papierhaufen darauf nach seinem Mathematikbuch. Da spürte er eine Unebenheit unter seinen Schuhen. Er blickte nach unten und erkannte das skandalöse Bilderbuch, dessen obszöne Darstellungen von nackten Frauen in eindeutigen Posen kurz zuvor seine jungen und ungezügelten Triebe provoziert und seine Mutter an den Rand des Wahnsinns gehetzt hatten. Er hob das Heftchen auf, hielt es eine Weile streng und regungslos vor sein Gesicht und schrie dann aus einer urplötzlichen Gewalt:

„LECKT MICH DOCH ALLE AM ARSCH!“

Das bunte Magazin flog abermals auf den Teppichboden.

Emil aber schnappte nach seiner Jacke und dem Vogelkäfig, riss die Zimmertür auf und rannte, vorbei an seinem alten Mütterchen, das fassungslos und mit offenem Mund auf dem Flur stand, hinaus, die Treppen hinunter und auf die Straße.

Es war Samstag Abend vor dem Muttertag und schon dunkel. Die große Stadt lockte mit ihren bunten Lichtern und den fröhlichen Klängen aus den sich nach und nach zu füllen beginnenden Kneipen und Lokalitäten.

Emil folgte wie hypnotisiert den rufenden Sirenen, und da schoss ihm ein abenteuerlicher Gedanke durch den Kopf: Er wollte nie mehr heimkommen. Zwitsch-zwitsch. Die Kanaris gaben ihm recht.

Primetime

„Oskar!“
Sie schrie und schrie und schrie und schrie …
„Oooskaaaaar!“

Das Leben im Gemeindebau macht selbst ein frommes Lamm zur Sau.

Es war einmal Samstag Abend und in der Fünf-Quadratmeter-Küche der Familie Rettich ging gerade ein Multi-Media-Spektakel über die Bühne. Auf dem Küchentisch stand, in einem Labyrinth aus Toaster, Kaffeemaschine, schmutzigem Geschirr, frischen Lebensmitteln und Getränkeflaschen, ein Portable-Fernseher und frohlockte zur grenzdebilen Senioren-Talkshow, das Radiogerät in der Kredenz spielte die 49. Interpretation des Vogeltanzes, dazu sorgte eine Geräuschkulisse aus Allzweck-Küchengerät, Dampfbügeleisen, Kanariengekrächze, Katzenjammer und Hundegejaule für eine harmonische akustische Untermalung. Der Schlager des Abends aber war eine Horror-Liveshow auf der Arbeitsfläche über dem Kühlschrank. Gierig kneteten die Hände der Hausfrau in einem organischen Konglomerat aus den sterblichen Überresten einer ehemals glücklichen Landhenne, die in der Legebatterie neben der Bundesstraße zwischen Oberkirchbrunn und Dreihütten wohl trotzdem nie das Licht der Sonne gesehen hat. Mit mäßigem Geschick führte die Mittvierzigerin eine halbmetrige Edelstahlklinge zwischen blutigen Fleischklumpen und den eigenen Fingern ihrer linken Hand und fuhrwerkte in der Leiche mit einer derartigen Hingabe, dass ihr der Speichel vom Mund tropfte und das Dekor auf den Fliesen rings um sie mit naturechten Rottönen angereichert wurde. Hund und Katze, beide bekanntlich erst seit einigen Jahrtausenden domestizierte Raubtiere, konnten ihren blutrünstigen Instinkt nicht mehr unterdrücken, als sich der tiefrote, nach Eisen und Salz schmeckende See auf dem Hackbrett einen Weg über die Kühlschranktür bahnte und sich am Fußboden erneut ergoss. Die beiden Bestien drängten sich bald in ernsthaft konkurrierender, bald in friedlich schleckender Pose unter dem Rock der Frau, sodass diese genug Probleme bekam, den in Vorbereitung befindlichen Sonntagsbraten in ihrer Gewalt zu behalten. Sie stieß und trat die lästigen Parasiten in schier unendlich wollenden Wiederholungen zur Seite, worauf diese, nur noch gieriger lechzend, begannen, ihren offensichtlichen Gegner in völlig unkontrolliertem Blutrausch zu attackieren. Da aber holte das tapfere Frauchen zweimal hintereinander kräftig aus und versetzte den schlimmen Kuscheltieren einen derartigen Tritt, dass diese himmelschreiend jaulend und kreischend das Weite suchten. Gegen Ende des infernalen Treibens zückte Frau Rettich dann plötzlich die linke Hand und suchte hektisch nach einem weißen Fleck in ihrer Arbeitsschürze, worin sie die in ihrer augenscheinlichen Hektik wund geschnittenen Finger abrieb. Mit einer demonstrativen Routine öffnete sie die Schublade neben sich, nahm Verbandsmaterial heraus und suchte nach dem noch freien Platz auf der lädierten Gliedmaße, worauf sie ein weiteres Pflaster kleben konnte.

„Oskar! Wo zum Teufel steckst du wieder? Komm endlich her und sieh, was die beiden Biester angerichtet haben.“

Frau Rettich streckte ihren Kopf durch den Vorhang, der die Küche vom Wohnzimmer trennte und sah nach ihrem Mann. Der aber lag, schnaubend wie ein altes Postross, tief schlummernd auf der Couch, die eine Hand regungslos in der Popcorn-Tüte auf dem Tisch, die andere unter dem Gummizug seiner Pyjamahose. Sie schüttelte in stummer Fassungslosigkeit den Kopf. Da konnte er sie ja gar nicht hören, so wie er da selig schnarchte, dachte sie. Kurz entschlossen aber schaltete die gute Frau dann den großen Fernseher im Wohnzimmer, der, egal ob Oskar wachte oder schlief, in ewigem Kontakt zu den Ätherwellen stand, ab und rüttelte das faule Murmeltier so lange, bis es die ersten zaghaften Reaktionen zeigte, sich also unfreiwillig hin und her zu wälzen begann und letztendlich doch die sehr, sehr schwer gewesenen Augenlider hochkrempelte. „Oskar! Pack deine Viecher zusammen und dreh mit ihnen ein paar Runden!“

Frau Rettich rüttelte ihren Mann und schrie ihn an, als hätte er einen ihrer garantiert echten „Made-in-Taiwan-Brillianten“ verschluckt. Er aber schaute behäbig und verständnislos zu seinem Weibe auf, worauf diese, noch immer schüttelnd und schreiend wie am Spieß, einem plötzlichen Heulkrampf erlag.

„Ich halte das alles nicht mehr aus!“ schluchzte sie und malträtierte den armen Kerl, bis sich dieser dann doch endlich erhob, laut gähnend streckte, noch immer stark schlaftrunken nach seinen Pantoffeln suchte und in den Vorraum verschwand.

„Und komm mir mit den Biestern ja nicht vor Mitternacht nach Hause!“

Oskar aber hörte seine Frau nicht mehr. Er war bereits mit dem Kater im Arm und dem Hund an der Leine das Stiegenhaus hinunter und hinaus auf die Straße geflüchtet.

Herbert Kronig

Geschichten zur Durchsicht

VERKOMMEN

Ein alter Mann saß vor seiner Höhle, die mit Goldstücken vollgefüllt war und sich in einem abgelegenen Gebiet befand. Hie und da kam ein Fremder vorbei, der ihn fragte, was er in seiner Höhle habe. Das Prozedere war in jedem Fall das Gleiche: Der alte Mann ging mit dem Blechkübel, der mit Wasser zum Durstlöschen gefüllt war und den er immer neben sich stehn hatte, wenn er nach draußen vor die Höhle in die Sonne trat, hinein ins Innere. Drinnen leerte er das restliche Wasser aus dem Kübel und füllte es nicht mit dem Gold, sondern mit Sand vom Boden. Damit kam er heraus und zeigt es dem Fremden: „Sieh, das ist es, was ich in meiner Höhle habe.“ Den Fremden hielt dann nichts mehr und er ging weiter seines Weges. Der alte Mann hatte hauptsächlich folgende Gründe, warum er sich so verhielt und das Kostbarste, das er besaß, den Anderen vorenthielt:

Er hatte Angst,

  • dass der Fremde ihn erschlüge und ihm den Schatz raubte, sobald er nur ein winziges Körnchen zeigte.
  • dass ihn der Fremde zwar in Ruhe ließe und ging, er es aber überall weitererzähle, wodurch dann viele Fremde kämen und ihn erschlügen.
  • dass der Fremde ihn zwar am Leben ließe, ihm aber den Schatz wegnehme, dann ginge und er mitansehen mußte wie sein Gold durch fremde Hände gereicht wurde.
  • dass der Fremde ein Armer wäre, für den er sich dann verpflichtet fühlen müsse, ihm einen Teil seines Schatzes abzugeben. Er könnte möglicherweise wiederkehren bis nichts mehr vom ursprünglichen Reichtum übrig wäre. Außerdem könnte er es wiederum überall weitererzählen, wodurch er dann bald eine Horde von Bettlern um sich hätte, die das Gold noch schneller verzehrten.
  • dass dem Fremden der Schatz nichts bedeute, er ihn kaltließe und ihn dadurch entwerte. Von solchen Fremden gab es zweierlei: zum einen solche, denen zwar das Gold nichts bedeutete, ihm aber etwas Anderes entgegenhielten, etwa Blechmünzen, zum anderen solche, die dem ihnen nichtssagenden Gold nichts entgegenhielten und so den alten Mann im Unklaren ließen, was für sie wert habe, auf ein imaginäres Etwas hinweisend.
  • dass der Fremde sich zwar als Freund erwies, und mit ihm etwa schöne Kleidungsstücke oder verzierte Töpferwaren tauschte, doch dass sich der Ort unweigerlich herumsprechen und all die vorherigen Möglichkeiten über den Umweg des freundlichen Fremden wieder eintreffen würden.
  • dass er irgendwann nur mehr Kleider und sonstige Waren in seiner Höhle haben könnte, seinen Schatz also vollständig eingetauscht zu haben.
  • dass der freundliche Fremde, wenn er auch alles für sich behielt, vor ihm sterben könnte und so ihre fruchtbringende Tauschbeziehung abrupt ein Ende finden täte. Er wäre dann womöglich von den Kleidern schon so abhängig geworden, dass er keinen ruhigen Schlaf mehr fände. Er könnte in den Wahnsinn getrieben werden und sich vor lauter Entzugserscheinungen töten.
  • dass der Fremde nach anfänglichem Interesse nach einigen Wochen oder Monaten einfach nicht mehr wiederkäme. Oder wenn er wiederkäme, ihm sagen würde, er habe keinen Gefallen mehr an dem Gold. Besonders ängstigte ihn, wenn er dann auch noch sagen würde, er habe von Anfang an falsch daran getan, sich an die Goldmünzen zu halten und er hätte sich besser nach einer Blech- oder Kupferhöhle umgesehen.

Das war in der Tat für den alten Mann das Schlimmste: wenn plötzlich alle, mit denen er in einer Beziehung über den Schatz stünde, übereinkämen, dass Gold nichts wert sei.

RETTUNG

Phobos bewohnt eine abgedunkelte Kellerwohnung, in der man sich nur mit Hilfe von elektrischem Licht oder – sofern man Raucher ist – Feuerzeug orientieren kann. Die Fenster sind hinter zehn Vorhängen verborgen, mit hundert Nägeln vernietet und tausend Mauern umstellt. Die Nahrungsmittelversorgung erfolgt durch eigens abgerichtete Maulwürfe, die so die jahrtausendlange Tradition der helfenden Hunde ablösen.

Hie und da gelingt es einem von ihnen – man mag ihn je nach dem wie man es sieht entweder einen Tolpatschigen oder Gesegneten heißen – das zu vollbringen, was die Schildbürger vergeblich unentwegt versuchten – nämlich Licht in Kübeln in einen fensterlosen Turm zu schütten – hie und da also bleibt an einem augenlosen Maulwurf ein Lichtfetzen von draußen an seinem Fell hängen und erstrahlt für einen kurzen Augenblick Phobos Wohnung derartig, dass dieser sein für den Fall der Fälle gelagertes Dynamit hervorholt, um Vorhänge, Nieten und Ziegelsteine fortzujagen und unter den blauen Himmel einzutreten.

DER SPRUCH

Es war eine Krise in Jaroslavs und Marjas Liebesbeziehung eingetreten. Je länger sie dauerte, umso mehr wurde es Jaroslav bewußt, dass er der Verursacher war und andererseits, wie die einzige Lösung nur aussehen konnte. Er selbst trug das Knoten zerschlagende Schwert bei sich, hatte es immer schon an sich gehabt, übersah es aber aufgrund seiner andauernden Präsenz. Es war so einfach, wie es einfacher nicht hätte sein können, wie es nur Kinder begreifen und wie es in Märchen zuhauf erzählt wird; etwa im Schneewittchen, das tot im Glassarg liegt und vom Prinzen durch einen Kuß zum Leben erweckt wird: Der Prinz erweckt seine Angebetete durch seinen bloßen Kuß, der Schneewittchen bedeutet, es sei Zeit des Aufwachens, Wiederlebens und Fortgangs; der Prinz habe sie abgeholt, sie als die eine auserwählt, mit der er seinen Sattel teilen möchte. Ähnlich wie der Engel Maria erschien, ihr sagte „Fürchte Dich nicht“ und die heilsvolle Geburt Jesu verkündete, ihr also zu verstehen gab: „Es ist Zeit, Du bist auserwählt, fürchte Dich nicht ob Deines Loses, alles ist geregelt, für Alles gesorgt, hab Vertrauen und nimm an“. Maria und Schneewittchen werden erwählt und nehmen an, sie lassen geschehen und verändern sich, sind nicht mehr dieselben, die vorher waren. Vor allem aber vertrauen sie ihrem jeweiligen Erwecker, geben sich ihm hin, glauben an Ehrlichkeit und Ernsthaftigkeit seiner Absichten und halten sie nicht für Spieler, denen es bloße Genugtuung bereitet Menschen in ihren Händen zu benützen, zu beobachten, zu analysieren, zu testen – im allgemeinen also unreife Menschen, die noch nicht wissen, woran sie sich im Leben halten mögen und denen leidergottes auch manche Marias und Schneewittchens auf den Leim gehen –.

Die Macht des Prinzen oder des Engels sind aber keine Mächte, die nur in Märchen oder Bibelerzählungen ihre Wirkung haben, es ist dies sogar völlig ausgeschlossen, denn wie hätte der Mensch solche Geschichten erfunden, wenn er nicht die Wirklichkeit der dargestellten Kräfte an sich selbst erfahren hätte. Alle Erzählungen handeln nur vom Menschen, so irreal sie auch erscheinen mögen, so fern von hiesigen Gegenden in jenseitige Feenwälder versetzt.

So hat auch unser Jaroslav die Macht des Prinzen und des Engels in sich. Er muß sie nur aktivieren, den Zauberspruch laut sagen und es wird sich erfüllen. Er muß nur seiner geliebten Marja, die im Zweifel ob seiner Liebe zu ihr ist, sich also bildhaft gesprochen im toten Zustand Schneewittchens befindet, er muß nur die sieben Worte in ihrer Gegenwart, in ihr Angesicht aussprechen: „Ich will, dass Du mich ganz liebst!“ Er deutet ihr damit an, selbst bereits einen Türflügel vom für sie beide bestimmten hellen vielbelusterten Raum geöffnet zu haben und nun nur mehr auf sie zu warten bis sie den Anderen öffne und sie beide einschreiten können. All ihre Zweifel ob Jaroslavs Liebesfähigkeit werden ob eines solch gewaltigen magierähnlichen Spruches wie von einem heftigen Sturm weggeweht sein!

Tom Saalfeld

Rauhforst

Ein aufdringliches Piepen riß mich aus meinem Halbschlaf. Ich war vor den Schirmen eingenickt. Das kam öfter vor in letzter Zeit. Kein Wunder, wenn man rund um die Uhr allein Wache schieben mußte, seit fast zwanzig Jahren schon, und selbst fast sechzig war.
Aber es half nichts. Die Massedetektoren hatten einen größeren, sich bewegenden Gegenstand erfasst und ich mußte schnellstens reagieren. Vor dem oder den Eindringlingen lagen nur etwa sechzehn Kilometer Luftlinie bis zum Bunker, meinem Befehlsstand. Für eine austrainierte Truppe nicht mehr als zweieinhalb Stunden zu Fuß. Dass die potentiellen Invasoren über Motorfahrzeuge verfügten, war eher unwahrscheinlich.
Der Halbmond hatte mit seinem biochemischen Überraschungsschlag vor dreißig Jahren Nägel mit Köpfen gemacht und fast die komplette nördliche Hemisphäre in die Steinzeit zurückbefördert. Wer den neuen Anthraxstämmen nicht zum Opfer gefallen war, krepierte erbärmlich vor Hunger und Durst, weil Trinkwasser und Boden mit äußerst garstigen Viren und Bakterien verseucht waren. Nachhaltigst, denn auch mir war es erst vor wenigen Jahren gelungen, dem meinen Wald durchquerenden Pestbach durch Schilffilterung brauchbares Trinkwasser abzuringen.
Etwas Gutes hatte die ganze Misere allerdings auch nach sich gezogen. Ich war im Umkreis von hunderten, wenn nicht tausenden Kilometern das einzige Vieh auf zwei Beinen und hatte meistens meine Ruhe. Warum ich überlebt hatte? Bei dem Bunker handelte es sich um das inmitten eines Freiversuchsgeländes des forstbiologischen Instituts Zalkheim gelegene unterirdische Labor. Als die ersten Raketen einschlugen, saß ich zehn Meter unter der Erde und war durch mehrere Spezialfilter bestens geschützt. Viel besser als die Militärs und Politiker, die sich immer noch unter riesigen Bergmassiven vor Nuklearschlägen sicher wähnten und dabei die Mikroben vergaßen.
Allerdings schienen auch meine Gene besonders resistent zu sein. Ich hatte es also im Gegensatz zum Rest geschafft und war nicht gewillt, mir meinen mühsam aufgepäppelten Forst durch Marodeure und Plünderer zerstören zu lassen.
Ich schaltete das Kurzwellengerät ein und versuchte, einen meiner Gehilfen zu erreichen. Bei den vier Gestalten, die mir zu Diensten waren, handelte es sich nicht um Menschen, sondern um genetisch gezüchtete Androiden. Eigentlich nur um Abfallprodukte des Resauronprogramms, das initiiert worden war, um Dinosaurier aus fossilen Zellen nachzuzüchten. Die Genetiker hatten dabei so gute Arbeit geleistet, dass praktisch alles ausgebrütet werden konnte, vom Frosch bis zum Pseudomenschen, der fast unverwundbar und stärker wie ein Gorilla war.
Neue Proteinketten und Polymersequenzen verliehen den Andys nicht nur Riesenkräfte, sondern ermöglichten ihnen auch schneller zu denken als jeder Pentagonrechner. Wenn das auch nicht allzuviel heißen wollte.
Ich hatte Glück, Thor, mein bester Mann, meldete sich zuerst. Er trug diesen Namen, weil er der nordischen Göttergestalt tatsächlich stark ähnelte. Er war behende und kräftig und sah jeder Gefahr lachend ins Auge. Vor allem spurte er hundertprozentig. Was bei seinen Kollegen nicht immer der Fall war. Loki zum Beispiel, der Schlaueste, aber auch Verschlagenste, war nur schwer zu bändigen und hatte schon mehrmals versucht, die Herrschaft im Bunker zu übernehmen. Was ihm freilich nie gelungen war, weil die gewachsene menschliche Intuition noch immer von keinem Kunstprodukt geschlagen werden konnte. Das durfte man ihnen allerdings nicht direkt unter die Nase reiben, sonst begannen sich die Augenbrauen zu sträuben. Der wunde Punkt sozusagen, der berühmte Haß auf den Erzeuger. Schließlich war ich auch Wissenschaftler.
Doch sie brauchten mich, sehr dringend sogar, denn außerhalb des Forsts wuchs kein Grashalm mehr und meine Halbgötter mußten auch Speis und Trank zu sich nehmen. Es war mir klar, dass sie nur diese Notwendigkeit an sie band, doch welche Fesseln waren stärker, letztendlich? Liebe, Freundschaft…, nein, alles nur Schall und Rauch. Was zusammenschweißte, waren die nach Befriedigung schreienden essentiellen Bedürfnisse wie Essen und Sex. Ansichten eines verschrobenen Einsiedlers – ja, auch, aber ich hatte schon früher so gedacht, vor dem Big Bang, zumindest ansatzweise.
„Chef, wir sind gerade drüben am Ostende. Loki und Sif haben ein Tier verfolgt, größer wie ein Kalb und schneller als ein Leopard. Wir sahen zwar nur einen schwarzen Schatten, aber es war etwas Lebendiges. Schade, dass Sie uns bei der Verfolgung unterbrochen haben.“
Der gute Thor. Von wegen schwarzes Tier. Er hatte wieder mit Sif geferkelt. Wenn man Scheiße zusammenkleisterte, konnte eben kein Schokoladenpudding dabei herauskommen.
Ich will nicht behaupten, dass sie nicht zu höheren Gefühlen fähig waren, doch die romantische Lovestory hatte ich etwas anders in Erinnerung. Egal, wenn ihre eigentliche Aufgabe dabei nicht zu kurz kam, sollten sie treiben, was sie wollten.
„Hör mal zu, mein Lieber, irgendwas ist unten am südlichen Waldrand, gleich neben dem Pestbach eingedrungen. Lauf sofort los und laß alles stehen und liegen. Ich will wissen, was da vor sich geht. Wie lange wirst du brauchen?“ fragte ich Thor.
„Eine viertel Stunde. Der Auftrag ist schon so gut wie erledigt.“
Dieser Angeber. Das schaffte er nur, wenn er den Turbo einschaltete, aber, wie gesagt, sie hatten schon was drauf. Was wirklich in ihren Innereien ablief, hatte ich niemals durchschaut. Sie selber wußten es nicht genau und die Erbauer lagen schon längst unter der Erde.
Wer oder was könnte es gewagt haben, in mein Hoheitsgebiet einzudringen? In den vergangenen Jahrzehnten hatten sich genau dreimal menschenähnliche Kreaturen in meinen Netzen verfangen;degenerierte Ausgeburten, die sinnlos durch die Gegend torkelten und eigentlich nicht einmal mehr als Hominiden deklariert werden konnten. Nach einem kurzen Verhör hatte ich sie alle in die Kompostierung befördert. Eine scheußliche, unappetitliche Angelegenheit, aber eine notwendige, weil nicht auszuschließen war, dass sie mir gefährlich werden konnten.
Auf den anderen Schirmen war alles ruhig. Ich hatte insgesamt noch fünf Kameras in Betrieb. Viel zu wenig für eine Grenze von über achtzig Kilometer Länge. Doch ich mußte damit zufrieden sein. Schließlich war ich kein Elekroniker und hatte die Geräte mühseligst aus vorhandenen Einheiten zusammensetzen müssen.
Die Dämmerung brach an. Ich sah auf die Uhr. Vor fünf Minuten war Thor gestartet. In fünfzehn Minuten würde er am Einsatzort sein. Aber was tun, wenn das Ding bis dahin vor meinem Bunker stand, weil es doch mit einem dieser Schwebeschlitten unterwegs war? Meine Arsenale waren zwar gut gefüllt, weil ich bei einer meiner früheren Exkursionen auf einen verrotteten Armeelaster gestoßen war und mich vom Maschinengewehr bis zur Flugabwehrrakete mit allem hatte versorgen können, aber die endgültige Sicherheit gewährleistete das nicht, besonders wenn man sich sonst eigentlich nur auf sich selbst verlassen konnte.

Ich stopfte mir eine Pfeife und ließ den vergangenen Tag Revue passieren. Wie üblich war ich mit der Sonne aufgestanden, machte sofort einen Rundgang durch die Beete und verrichtete anschließend meine Leibesübungen. Erst danach setzte ich mich mit meinen Leuten an den Frühstückstisch. Besonders Thor pflegte einen gesegneten Appetit an den Tag zu legen und ich hatte schon einige Mühe, alle Mäuler zu stopfen.
Als ich noch allein lebte, hatte ich neben der wenigeren Arbeit jedoch auch kaum nennenswerte Unterhaltung gehabt. So waren sie zu mir gekommen wie Freitag zu Robinson Crusoe, gerade noch rechtzeitig bevor ich mit meinen Radieschen zu sprechen begann.
Nach dem Morgentee war ich mit kleineren Reparaturen beschäftigt gewesen, die sich bis in die Nachmittagsstunden hineinzogen. Dabei konnte ich am besten Loki gebrauchen, auch wenn er mir mit seinen Histörchen und Bosheiten meist schon nach kurzer Zeit enorm auf den Senkel ging. Vielleicht handelte es sich dabei auch nur um die Nachwirkungen der Tätigkeit meiner Freunde beim Geheimdienst. Denn sie waren natürlich im Regierungsauftrag zusammengeschustert worden und hatten sich ihre Brötchen mit der Erledigung unangenehmer Aufträge verdienen müssen. Komplotte, Attentate, Massenmorde – und ich mußte jetzt alles ausbaden.
Thor war unten am Bach angelangt.
„Chef, ich bin da. Bisher keine Spur von Eindringlingen. Wie soll’s weitergehen?“
Wie gesagt, er war nicht der Hellste. Ohne Zügel ging’s bei ihm nicht.
„Mein Junge, schau, so wie wir es immer im Training gemacht haben. Man sieht sich um, hält nach gebrochenen Zweiglein und Spuren im Farn Ausschau. Wenn du was gefunden hast, nimm die Verfolgung auf und melde dich wieder. Ende.“
Schade, dass ich nicht sehen konnte, wie er die Augen verrenkte. Das tat er immer, wenn er angestrengt nachdachte. Was wir Riecher oder Instinkt nannten, fehlte ihnen völlig. Alles mußte logisch, Schritt für Schritt erschlossen werden. Dadurch mied man zwar falsche Pfade, aber manchmal drehten sie sich auch nur sinnlos im Kreis, als Opfer ihrer hunderttausend Berechnungen pro Minute.
Ich schnappte draußen ein bißchen Luft und hielt die Verbindung mittels eines Handfunkgeräts aufrecht. Ebenfalls das letzte. Ein Glück, dass ich bald sterben würde, denn ohne elektronische Grundbauteile konnte auch ein Loki nichts Brauchbares zusammenbasteln.
Ich wußte, dass Thor geraume Zeit benötigen würde. Wenn es wirklich jemand geschafft hatte, bis hierher vorzudringen, war im Prinzip mit allem zu rechnen. Es konnte sich nämlich auch durchaus um militärisch hochtrainierte Aggressoren handeln, nicht nur um verkommene Subjekte, die ich im Alleingang überwältigen konnte.
Gab es draußen wirklich noch Überlebende, konnte es noch welche geben, nach der furchtbaren Attacke, die mit Sicherheit auch die Angreifer vernichtet hatte? Obwohl ich aus naheliegenden Gründen niemals größere Erkundungsfahrten unternahm, war aus fehlenden Funk- und Radiowellen zu schließen, dass es draußen nichts mehr Erwähnenswertes gab. Oder tarnten sie sich, um überraschend aus der Hüfte schießen zu können?
Thor war früher wie erwartet fündig geworden. Er schien ziemlich erregt zu sein und erstattete keuchend Bericht:
„Ich hab‘ sie, ich hab‘ sie. Die Kleine ist flinker als eine Gazelle, aber ich hab‘ sie. Es ist ein Mädchen, wohl kaum über zwanzig, bis an die Zähne bewaffnet. Und sie kratzt wie der Teufel. Ich werd‘ sie erst einmal zur Räson bringen.“
„Halt, laß das, das mach‘ ich persönlich. Bring sie auf dem schnellsten Weg zu mir, das ist am besten“, befahl ich ihm. Unter zur Räson bringen verstand er womöglich noch bespringen, der geile Bock.
Ein Mädchen also, nicht verunstaltet oder geschädigt, dem Anschein nach und bewaffnet. Da war Vorsicht geboten, das deutete auf eine Organsiation hin, welcher Art auch immer. Irgendwer hatte mich ausfindig gemacht und die Kleine geschickt, um mich auszuspionieren. Warum war klar. Das saubere Wasser, das ich dem Pestbach abtrotzte und meine Pflanzenkulturen, die auf speziell behandeltem Boden gediehen. Beides gab’s draußen nicht mehr. Oder nur in sehr großer Entfernung, im hohen Norden vielleicht, weil sich dort die schädlichen Mikroben nur sehr eingeschränkt entwickeln konnten.
Für mich konnte das nur eines bedeuten. Herausfinden, wer sie geschickt hatte und was ihre Auftraggeber für Pläne hatten. Obwohl ich mir das eigentlich auch schon so ausmalen konnte.
Nach etwa einer halben Stunde brach Thor durch den die Abzweigung des Pestbachs säumenden Schilfgürtel. Er hatte das Mädchen gefesselt und geknebelt und warf sie mir grinsend vor die Füße.
„Hier Chef! Auftrag ausgeführt, solide und hundertprozentig. Obwohl sie leicht ist wie eine Feder, hat sie mir ganz schöne Schwierigkeiten bereitet. Beißt und kratzt viehisch. So was hatten wir eigentlich noch nie. Soll ich sie etwas gefügiger machen?“
Das Mädchen wand sich tatsächlich wie ein am Haken hängender Aal. Aber ich wollte sie möglichst lebendig. Er neigte dazu, übers Ziel hinauszuschießen.
„Nein. Stell sie wieder auf die Beine und nimm ihr das Tuch aus dem Mund. Wir wollen schließlich hören können, was sie zu sagen hat.“
Thor führte meine Order aus und nahm zwei Meter hinter ihr Aufstellung. Nur zur Sicherheit, auch wenn sie noch gefesselt war und schon gemerkt haben dürfte, über welche immensen Körperkräfte mein Gehilfe verfügte. Ich sagte:
„Zuerst einmal herzlich willkommen in meiner Oase. Ich hoffe, der gute Thor hat sie nicht zu ruppig angefasst. Das täte mir unendlich leid. Aber sie müssen ihm verzeihen. Er vergißt einfach manchmal, wie zerbrechlich wir Menschen sind. Was also hat sie zu mir geführt und wie darf ich Sie ansprechen? Sie haben doch einen Namen?“
Sie erwiderte meine Frage mit einem undurchdringlichen Blick. Trotz der gerade überstandenen Strapazen schien sie in keinster Weise beeinträchtigt zu sein.
„Nennen Sie mich Tinka. Einen Familiennamen hatte ich nie. Sie können diesem Grobian übrigens bestellen, dass er sich zurückziehen kann. Ich habe den weiten Weg nicht zurückgelegt, Dolan, um Sie umzulegen“, antwortete sie schneidend.
Dolan, sie kannte also meinen Namen. Das fing ja gut an. Aufgeflogen wie ein drittklassiger Heiratsschwindler. Ob das Täubchen allerdings wirklich wußte, von wem sie gekeschert worden war? Ich sagte:
„Das hoffe ich, Tinka, das hoffe ich. Das gilt selbstverständlich auch für mich. Ich bin weit und breit berühmt für meine Gastfreundlichkeit. Thor, du kannst tatsächlich gehen. Tinka scheint für heute genug von dir zu haben.“
Er verschwand auf meinen Wink hin, und ich führte meinen Gast in einen von Waldreben umrankten Pavillon.
„Wollen Sie sich erfrischen, etwas essen oder trinken? Sie machen nämlich schon einen ziemlich ausgezehrten Eindruck. Wenn ich an die ganzen Strapazen denke, die hinter Ihnen liegen, wird mir ganz übel“, stellte ich echt besorgt fest. Sie sah bei näherer Betrachtung wirklich nicht gut aus. Dünne Beine, hohle Wangen und überall Striemen und Narben. Die Augen zeugten allerdings von einem unbeugsamen Willen. Logisch, sonst hätte sie es nie bis zum Forst geschafft.
„Ein Schluck Wasser würde reichen. Meine Energiewaffeln sind noch nicht verbraucht. Ihr Thor ist doch kein Mensch. Ich tippe eher auf Resauron. Erstaunlich, dass noch immer welche in Betrieb sind“, antwortete Tinka schon etwas unbefangener. Ich drückte ihr eine große Schüssel Wasser in die Hand und sagte:
„Tja, die werden uns alle noch überleben. Mein Glück, denn meine Tage sind gezählt und wer würde meine Arbeit sonst fortsetzen. Auch wenn sie noch so viele Schwächen haben, ich kann nicht mehr auf sie verzichten, auf keinen Fall.“
Tinka machte eine abwertende Handbewegung.
„Sie armes Schwein. Derartig auf minderwertige Plastikprodukte angewiesen zu sein. In Ihrer Lage, vollständige Isolation, vielleicht noch verständlich. Vor dem großen Knall sollte es jedoch Männer gegeben haben, die freiwillig mit diesen Protonenpuppen kopulierten, ohne jeglichen Zwang.“
„Und Frauen, die genau dasselbe taten. In meinem Alter würde Sie das nicht mehr wundern. Die Menschen sind so. Gerade das Abartige übt auf viele eine große Anziehung aus. Ich will mich da gar nicht ausschließen. Mit Sif, der Kollegin von Thor, habe ich früher selber ein paar Mal geschlafen“, gab ich zurück.
Das Mädchen grinste schief.
„So, es gibt also hier noch mehr von der Sorte. Aber wir haben das vermutet. Heutzutage sind die Futtertröge rar und hart umkämpft. Da werden sogar diese Burschen handsam. Eins versteh‘ ich jedoch nicht. Warum haben die Resauron nicht schon längst selbst die Leitung übernommen und das Projekt alleine weitergeführt? Zumindest das theoretische Potential dazu haben sie doch.“
„Mag sein. Aber nur ich weiß, was meine Sämlinge benötigen und wie man sie zu großen, starken Bäumen macht. Wie ich den Boden wieder dazu bringe, fruchtbar zu sein, wie man das Wasser entseucht, wie man richtig kreuzt und wie man neue fertile Sorten hervorbringt. Die Resauron können eigentlich nur besser Computer programmieren und neue Waffen erfinden“, antwortete ich.
„Und wenn Sie sterben? Dann geht dieses ganze einmalige Wissen unwiderruflich verloren. Das kann doch nicht Ihr Ernst sein?“ fragte sie eindringlich.
Ich grinste innerlich. Jetzt hatte sie sich verraten. Sie wollten mir meinen Wald rauben. Alles stehlen, um wieder von vorn anzufangen mit ihren widerlichen Experimenten, um neue Kriege zu führen, wieder Menschen schinden und töten. Doch ich war nicht gewillt, sie gewähren zu lassen. Ich sprang auf, riß eine der Reben vom Holzgerüst und schrie:
„Was glauben Sie, wie lange es gedauert hat, allein dieses Unkraut wieder hochzubringen? Wie viele Fehlschläge es mich gekostet hat, dieses einmalige Ökosystem zu beleben und am Laufen zu halten? Und jetzt kommen Sie und Ihre Hintermänner daher und wollen mir alles entreißen. Nein, meine Liebe, nur über meine Leiche. Ich werde nicht weichen. Wie haben Sie mich eigentlich entdeckt? Das ist doch hier nur ein winziger, grüner Punkt in der Wüstenei.“
„Mit einem Satelliten, den wir vor fünf Jahren in der Nähe von Narvik in die Umlaufbahn geschossen haben. Wir wußten durch uns von Wüstenpendlern zugetragenen Gerüchten, dass es Sie und Ihren Wald gibt. Aber wo genau wußte niemand. Blindlings Expeditionen loszuschicken ist wegen der Beschränktheit unserer Mittel und der Lebensfeindlichkeit des Landes nicht möglich gewesen. Uns blieb nur die Hoffnung auf die Rakete. Was die uns gekostet hat, können Sie sich als Wissenschaftler vielleicht vorstellen. Jede Schraube zehn Rentierfelle und jeder Meter Draht zwei Kinder, die wir zu den Nordlandbarbaren in die Sklaverei schicken mußten. Wir ernähren uns dort oben ausschließlich von rohem Fisch und altersschwachen Schlittenhunden.
Nirgends wo sonst auf dem Kontinent als hier blühen im Frühjahr noch Blumen. Unsere Kinder kennen nur die Kälte und Dunkelheit des ewigen Eises. Die kleine, bescheidene Siedlung, die wir aus dem gefrorenen Boden gestapft haben, ist ohne Hilfe von außen unweigerlich zum Untergang verurteilt. Und Sie stellen sich hier hin und schreien ‚Meine Bäume, mein Wald‘, als ob Sie der Herrgott persönlich wären. Ja glauben Sie denn, dass ihre Resauronaffen geigneter sind, Ihre Arbeit fortzuführen? Diese Halbkriminellen, die früher einzig als Meuchelmörder brillierten. Sind Sie denn kein Mensch mehr, wie so viele andere, die in der Einöde vegetieren? Es geht um die Zukunft unserer Rasse! Wir brauchen Sie und Ihre Bäume, Dolan!“
„Aber ich Sie nicht, Tinka. Nein, dazu lasse ich es nicht kommen. Die Resauron werden den Wald um seiner selbst willen weiterhegen, und weil dabei noch etwas zu essen abfällt. Sie und Ihr Nordstamm würde einfallen wie die Vandalen und mir alles stehlen und zerstören. So wie es die Menschheit schon immer gemacht hat. Sinnloser Raubbau, der jahrzehntelanges Mühen auslöscht. Wieviele Setzlinge würden denn durchkommen, die Sie von hier nach Narvik transportieren? Kein einziger, nichts wäre gewonnen. Ich lasse das nicht zu.“
Tinka sprang auf und zerschmetterte dabei die Wasserschüssel.
„Auf den Versuch kommt es an, Dolan, nur auf den Versuch. Landeten Sie von Anfang an Volltreffer bei Ihren Experimenten mit den Mikroben und wie lange haben Sie gebraucht, um die verwilderten Resauron zu passablen Assistenten umzumodeln? Bitte, Sie brauchen nicht zu antworten, Sie haben es schon getan! Aber keine Bange, wenn Sie nicht wollen, werden wir uns das mit Gewalt nehmen, was uns zusteht. Und es steht uns zu, vielmehr als so einem vertrockneten Greis, dessen Gebeine bald in der Sonne bleichen werden.“
„Nicht in der Sonne, Kleines. Man wird dir bald zeigen wo. Ich bin auf solche Leute wie euch vorbereitet, das haben Sie vielleicht schon wieder vergessen. Thor, leg‘ ihr wieder den Knebel an.“
Mein Befehl wurde prompt ausgeführt, weil sich Thor etwas abseits hinter den Büschen in Bereitschaft gehalten hatte. Tinka versuchte nicht einmal sich zu wehren, auch nicht als ihr meine Gehilfe die Kampfweste und Waffengurte vom Körper schnitt. Die rohe Kraft des Kunstwesens hatte sie beim ersten Kontakt genug beeindruckt.
Für mich war die weitere Vorgehensweise nun klar. So viele Informationen wie möglich aus dem Mädchen herauspressen und dann entsorgen. Die genauen Koordinaten meines Waldes hatte zwar auch der Rest ihres Stammes parat, aber mir blieb keine andere Wahl. Business as usual – alle Eindringlinge vernichten. Vielleicht wagten sie es auch nicht, nach dem Scheitern der ersten Expedition eine zweite auszurüsten.
Meine Unterhaltung mit Tinka wurde am nächsten Morgen an einem der Klärteiche fortgesetzt, in denen der Pestbach stufenweise von den totbringenden Mikroorganismen befreit wurde. Der Tümpel, dessen Ufer von Holzbohlen umsäumt wurde, maß etwa vier auf vier Meter und verbreitete trotz der vorgeschalteten Stufen entsetzlichen Gestank. In die Mitte hatte ich einen Pfahl gerammt, an dessen oberem Ende, ungefähr plan zur Wasseroberfläche, ein stählerner Ring befestigt war, in dem nun Tinkas Kopf hing. Normalerweise reichten vier bis fünf Stunden, um die Delinquenten zum sprechen zu bringen, aber weil ich das Mädchen für ziemlich zäh hielt, hatte ich einiges mehr zugegeben.
Was den Gefangenen im Wasser am meisten zusetzte, war nicht die verdreckte Brühe, sondern die unzähligen nacktschneckengroßen Blutegel, die sonderbarerweise die Teiche en masse bevölkerten. Man konnte direkt zuschauen, wie die Angepflockten schnell blasser wurden und durch die Bisse der ekelhaften Viecher der Raserei anheim fielen.
Die Schreie, die an dieser Stelle des Waldes durch’s Unterholz posaunt wurden, hatten sogar schon den dickfelligen Loki das Weite suchen lassen. Doch was sollte ich sonst tun? Die Eindringlinge mit einem Geschenk ausstatten und erneut in die Bahn setzen, mit umfangreichen Kenntnissen versehen, mich und den Forst betreffend? Nein, ich mußte so verfahren, allein schon wegen der Setzlinge.
Ich befahl Thor, den Metallbügel zu öffnen und das Mädchen an Land zu holen. Von ihrem wohlgeformten Körper war nicht mehr viel zu sehen. Über und über bedeckt mit diesen schwarzen, schleimigen Kreaturen, die Thor sofort mit seinem Jagdmesser von der Haut zu schälen begann. Ihr Kopf hing willenlos herab und sogar die Lippen wiesen keinerlei Farbe mehr auf.
War ich zu weit gegangen, war das zarte Geschöpf schon am Ende seiner Kräfte? Thor stopfte ihr einen angefeuchteten Schwamm in den Mund und fing an, den geschundenen Körper zu massieren. Mit Erfolg, schon bald rötete sich ihr Teint ein wenig. Sie hob sogar das Köpfchen und hauchte mit kaum hörbarer Stimme:
„Dolan, Sie Dreckschwein. Das hätte ich Ihnen nicht zugetraut, obwohl man uns vor Ihnen gewarnt hat. Sie müssen Ihre Bäume wirklich sehr lieben. Aber auch wenn Sie mich tausendmal umbringen mit diesen Blutsaugern, werden wir letztendlich obsiegen. Wir werden Ihre Resauron mit Drogen und willigen Sklavinnen ködern und zum Überlaufen bringen. Bereits vor Ihrem Ableben. All das wird schneller gehen, als Sie glauben. Der Rest unseres Zuges wird in wenigen Tagen eintreffen. Die werden Sie nicht so leicht in Ihre Gruben verfrachten können. Sie sind mit Laserwerfern bewaffnet und können den ganzen Forst innerhalb weniger Stunden niederbrennen. Wenn es das ist, was Sie wollen…“
„Schonen Sie sich, meine Gute, mehr als diese Information benötige ich nicht. Die Resauron werden nicht desertieren, weil ich ihnen die Stelle, an der sich die Kassetten mit meinen gesamten Anweisungen befinden, erst an meinem Todestag verraten werde. Wenn sie vorher versuchen, an die Bänder heranzukommen, kann ich alles per Funk zerstören. Sie werden sich also die Zähne ausbeißen. Zum Dank für Ihre Angaben lasse ich Sie eines raschen Todes sterben. Ihre Qualen sind beendet.“
Thor hatte mich richtig verstanden und durchtrennte mit einem selbstangefertigten Keramikdolch Tinkas Halsschlagader. Ich sagte:
„Wirf sie zurück ins Wasser. Mögen die Egel ihre Arbeit vollenden. Wir haben anderes zu tun. Du hast gehört, was sie gesagt hat. Nun steht uns eine richtige Invasion bevor. Ruf alle zusammen, wir treffen uns um zwölf vor dem Bunker.“

Der Resauron nickte und verschwand im Farn. Ich konnte nicht widerstehen und zertrat einige der am Boden liegenden Egel. Das frische, hellrote Blut spritzte mit hohem Druck über die sattgrünen Moospolster. Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen. Wenigstens ging kein Gramm von Tinkas wertvoller Körpersubstanz verloren. Das war tatsächlich ein Problem, denn von draußen gelangten so gut wie keine Nährstoffe in den Wald. Auch nicht mit dem Pestbach und dem Regenwasser. Beide trugen hauptsächlich nur Schadstoffe ein. Was ich benötigte, um die Pflanzen aufzuziehen, mußte ich in zeitraubenden Verfahren dem angrenzenden Wüstensand entziehen.
Die Resauron fanden sich pünktlich vor meiner Befehlszentrale ein. Thor, Loki und Sif erwartungsvoll lächelnd, Heimdall, der schweigsame, wie gewohnt mit in die Ferne gerichtetem Blick. Er hielt sich auch sonst abseits von den anderen und streifte meist solo an der Nordgrenze umher. Ich war nie ganz schlau aus ihm geworden; seine Art erinnerte nicht gerade an einen Androiden, zumindest in meiner Vorstellungswelt. Loki hatte mir anvertraut, dass er schon immer so gewesen wäre. Er solle sogar ein paar Jahre in einer psychatrischen Klinik verbracht haben. Depressionen bei einem Cyborg! Es war schon fast wieder zum Lachen. Seit er bei mir war, hatte es allerdings kaum einen Anlaß zu Klage gegeben. Er arbeitete eifrig mit und stiftete keinen Unfrieden, aber eben auch nicht mehr. Man hätte es jedoch auch schlechter treffen können mit ihm.
Ich begrüßte alle per Handschlag und ließ meine vorbereitete Ansprache vom Stapel.
„Liebe Freunde und Kampfgenossen. Über unserer friedlicher Idylle brauen sich dunkle Wolken der Bedrohung zusammen. Thor wird euch sicherlich bereits von den ersten Tropfen in Kenntnis gesetzt haben, die unseren Forst befleckten. Die unmittelbare Gefahr ist für heute gebannt, doch morgen sieht es schon wieder anders aus. Eine kleine Armee ist im Anmarsch und führt fürchterliche Waffen mit sich. Waffen, die auf keinen Fall angewendet werden dürfen, weil schon eine von ihnen unseren ganzen Wald vernichten könnte. Sie dürfen sogar nicht einmal in die Nähe des Forsts gelangen. UnsereTaktik kann deshalb nur darin bestehen, den Feind im Vorfeld abzupassen und auszuschalten. Ich habe mir deshalb gedacht, dass Thor, Loki und Sif als Einmanneinheiten ausschwärmen und Tag und Nacht in einem Abstand von zehn Kilometern um den Wald patrouillieren. Sie machen dort alles nieder, was auf zwei Beinen läuft, ohne Vorwarnung. Erst schießen, dann fragen. Bei der Einheit, die uns gerade ansteuert, handelt es sich um eine Elitetruppe, hochmotiviert und erbarmungslos. Sie würden mit uns genauso verfahren. Haltet euch immer vor Augen, dass ihr mit dem Wald fallen werdet. Ohne ihn gibt es kein Überleben. Wenn es euch allerdings trotzdem gelingt, Gefangene zu machen – umso besser. Vieleicht können wir noch die ein oder andere Information aus ihnen herauspressen. Wenn nicht, ab in die Tümpel.
Heimdall und ich bleiben im Wald. Mit Hilfe unserer Kameras und Detektoren werden wir jeden Eindringling, dem es gelingt, den Verteidigungsring zu durchbrechen, ausfindig machen und zur Strecke bringen. Ebenso effizient wie unsere Kameraden draußen in der Wüste. Gibt es noch Fragen?“
Nur Loki gab sich nicht zufrieden.
„Heimdall und du sollen alleine die Verteidigung des Waldes übernehmen? Nicht, dass ich euch für unfähig halte, doch was passiert, wenn mehrere Angreifer uns da draußen umgehen können und unbemerkt in unser Reich gelangen? Das ist ja nicht so unwahrscheinlich, wenn man die Größe des Gebiets in Betracht zieht, das wir zu dritt kontrollieren sollen. Glaubst du wirklich, dass ihr beide das schafft?“
Er wollte wie üblich nur stören und wußte selber, dass wir keine andere Wahl hatten. Doch ich war nicht dazu aufgelegt, auf seine Spinnereien ernsthaft einzugehen.
„Ja, sehr gut, kannst noch heute nachmittag mit Sif für Nachwuchs sorgen. Wenn ihr euch beeilt, stehen uns morgen zwanzig oder fünfzig Resauron zur Verfügung. Dann wird die ganze Angelegenheit mit Sicherheit zum Kinderspiel. Und jetzt genug gescherzt. Ihr wißt, was ihr zu tun habt. Um drei Uhr treffen wir uns wieder hier zur Waffenausgabe.“
Sie zogen sich lautlos in ihre Quartiere zurück. Der Seitenhieb auf ihre Vermehrungsprobleme hatte seine Wirkung nicht verfehlt. Die Resauron konnten sich nämlich nur unter Laborbedingungen, im Brutkasten quasi, fortpflanzen. Seit ihnen die erforderlichen Apparate fehlten, war Ebbe mit dem Nachwuchs. Zum Glück, konnte man fast sagen, denn ohne diese Schranke hätten die Androiden den kläglichen Rest der Menschheit wohl zum Frühstück verspeist. Als Werkzeuge waren sie ganz nützlich, aber nicht zur Herrschaft prädestiniert, völlig ungeeignet sogar, so weit ich sie kennengelernt hatte. Seine Abkunft konnte eben niemand verleugnen.
Ich begab mich in die Waffenkammer und sah die Gewehre durch. Alles Automatikteile, doch ob das gegen Tinkas Truppe reichte? Wenn sie sogar schon wieder Satelliten in die Umlaufbahnbahn schossen. Ihre Ingenieure waren bestimmt mit dem theoretischen Wissen für alle möglichen Teufeleien ausgestattet und arbeiteten rund um die Uhr an ihren Höllenmaschinen. Das alles würde sich jetzt gegen mich richten. Und die Resauron, die zwar äußerst robust gestaltet, jedoch nicht unzerstörbar waren. Deren Lebenspanne betrug übrigens circa zweihundert Jahre. Das konnte mir allerdings egal sein. In fünfzig oder spätestens hundert Jahren benötigten meine Bäume keinen Gärtner mehr.
Wenn die Nordländer tatsächlich Laserwaffen ihr eigen nannten, sahen wir verdammt alt aus. Resauronfleisch konnte genausogut verkocht werden wie unseres. Da nützten auch die Reflextarnanzüge nichts, die Photonen absorbierten und den Träger fast völlig unsichtbar machten. Wer Laser hatte, verfügte auch über Radarbrillen und Sonarsucher, mit denen man alles, was sich bewegte, auch bei größter Dunkelheit orten konnte.
Es würde schwer werden, aber ein Typ wie Thor steckte nicht so leicht auf. Je diffiziler die Aufgabe, desto verbissener ging er los. Einem Bullterrier gleich, der trotz zehnfacher körperlicher Unterlegenheit einen Keiler zur Strecke brachte. Bei den anderen mußte man freilich schon Abstriche machen. Besonders Loki würde sich nie für den Wald opfern, höchstens wenn er aussichtlos in die Enge getrieben würde. Ähnlich verhielt es sich mit Sif, die selten über ihren Mitläuferstatus hinauswuchs.
Munition war genug vorhanden. Für jeden mindestens drei Gurte. Dazu ein Flammenwerfer und zwei Dutzend Handgranaten. Der Rest blieb der körperlichen Leistungsfähigkeit der Resauron überlassen.
Alle trafen pünktlich ein. Ich händigte die Waffen aus und gab den Ausschwärmenden noch einige aufmunternde Worte mit auf den Weg.
„Ich weiß, dass ich euch nicht dazu motivieren muß, da draußen alles zu geben. Ihr habt es bislang immer getan und ihr werdet es auch in den nächsten Tagen tun. Auch wenn klar ist, dass der Gegner überlegen ist, zumindest waffenmäßig. Doch ihr werdet sie schlagen, allein schon weil ihr Resauron seid. Absolute Elitetruppen, die diese Schwächlinge und dekadenten Maden mit links zertreten werden. Geschmeiß wie dieses zerstörte unseren Planeten und hat nichts Besseres verdient. Radiert sie aus und kommt alle heil zurück. Ich zähle auf euch!“
Thor schulterte sein Gewehr und trabte los, ohne in den Tarnanzug zu schlüpfen. Er hatte Blut gerochen und würde erst wieder zur Ruhe kommen, wenn er Gelegenheit hatte, es zu trinken. Vorher keinesfalls. Wirklich eine Freude, so einen Kämpen in den eigenen Reihen zu haben.
Sif und Loki schlichen davon wie geprügelte Hunde. Für sie kam das Verlassenmüssen des schützenden Waldes wahrscheinlich einem Todesurteil gleich. Was auch eintreffen konnte, wenn sie sich weiterhin so einsatzfreudig gebärdeten. Heimdall weigerte sich auch, in den Flexanzug zu schlüpfen.
„Meine Tarnung ist der Wald. In diesem Ding kann ich mich kaum rühren. Vor allem aber, habe ich es nicht nötig, mich vor meinen Feinden zu verstecken. So etwas ist feige und eines Resauron unwürdig. Ich brauche nur das Gewehr.“ Nahm’s und sprang davon.
Ab jetzt konnte ich sie nur noch per Funk dirigieren. Obgleich sie wußten, was sie zu tun hatten.
Ich begab mich in den Überwachungsraum und setzte mich vor die Schirme. Alles ruhig, doch das wollte wie gesagt nicht viel heißen. Zu wenig Kameras, zu wenig Detektoren. Sollte ich nicht lieber an den Grenzen entlang Streife gehen, weil ich dort mehr Meter kontrollieren konnte als hier unten? Zweifellos, der Funkontakt zu allen ließ sich nur mit dem immobilen Zentralgerät aufrechterhalten, nicht mit den Handys. Blieb mir also nur, den Kühlschrank aufzufüllen und abzuwarten.
Es war mir gelungen, aus einer bestimmten Farnart Alkohol zu destilieren, so dass ich meine einsamen Abende etwas unterhaltsamer gestalten konnte. Diese Gebräu ersetzte bei mir und den Resauron fast jegliche Art von Medizin, weil es sich auch äußerlich anwenden ließ und enorm wirksam war. Von den Resauron sprach eigentlich nur Loki dem Getränk regelmäßig zu. Er neigte dann allerdings dazu, ausfallend zu werden und stellte Sif nach. Was wiederum Thor nicht gefiel, der den Angetrunkenen schon mehrfach übel vermöbelt hatte. Menschlich halt das Ganze, wenn man vergaß, mit wem man es zu tun hatte.
Das hatten Tinkas Nordländer anscheinend allerdings auch getan. Denn die drei Mann, die mir Thor achtundvierzig Stunden später vor die Füße warf, schauten derart verdutzt mit ihren blutig geschlagenen Augen drein, dass ich mir das Lachen kaum verkneifen konnte.
„Holla, holla, da sind mir aber drei feine Kaninchen in die Falle gegangen. So ein böser Wolf aber auch. Thor, du solltest dich schämen, die armen Leute so durchzukneten, nach der langen anstrengenden Reise. Schau wie sie sich ducken“, meckerte ich gehässig.
Sie duckten sich tatsächlich, allerdings nur, weil Thor mit Nachdruck auf die Eisenstange trat, an die er ihre Köpfe gekettet hatte. Ich rief:
„Laß, ich will noch ein bißchen Spaß mit ihnen haben. Natürlich nur, wenn sie nicht kooperieren wollen. Ihr wollt doch kooperieren?“
Nur nervöse Blicke, der Mittlere überlegte länger, verbiß es sich aber wieder. Sehr gut ausgebildete Leute, in der Tat, doch es würde ihnen nichts helfen.
„Thor, mach‘ das Mühlrad bereit, wir wollen die Herren erst einmal waschen.“
Ich meinte damit die Vorrichtung drüben am Pestbach. Ich hatte vier zwei Meter lange Holzpaddel sternförmig an einer Stammscheibe befestigt, in die Mitte der Scheibe ein Loch gebohrt und einen massiven Ast durchgesteckt, der auf zwei Astgabeln ruhte. Die Paddel tauchten gut einen halben Meter tief in die Bachbrühe ein und wurden durch die träge Strömung etwa zwanzig Sekunden später wieder an die Oberfläche befördert. Wenn man nun einen Menschen kopfüber an eines der Paddel band, konnte man sehr schöne Effekte erzielen, allein schon wegen der ätzenden Wirkung des Wassers.
Während wir die Gefangenen hinüber zum Pestbach schleiften, unterrichtete mich Thor vom Verlauf des Feldzugs.
„Der erste Tag verlief ziemlich ereignislos. Sandstürme tagsüber, nachts eisige Kälte. Ich war permanent auf den Beinen und lief den mir zugeteilten Sektor pausenlos ab. Ohne Ergebnis. Erst in der zweiten Nacht konnte ich in einer Senke zwischen zwei Dünen die bläuliche Flamme eines Gasbrenners ausmachen. Ein Trupp von acht Mann. Alle schliefen, bis auf einen, der Wache hielt. Ich erschoß fünf sofort und überwältigte die drei hier mit Handkantenschlägen. Alles ohne die geringsten Probleme, weil sie total entkräftet waren.“
„Und die anderen, Loki und Sif? Per Funk konnte ich niemand erreichen“, hakte ich nach.
„Ich auch nicht, wahrscheinlich wieder einer dieser Sonnenstürme. Aber was soll’s, mehr als das hier werden sie schon nicht losgeschickt haben. Und wenn, wird’s kein Problem sein, sie zu erledigen“, antwortete Thor zuversichtlich.
„Wollen wir’s hoffen. Binde die Gefangenen sofort an’s Rad. Wenn sie bereit sind zu sprechen, nimmst du sie herunter. Ich muß zurück in den Bunker. Vielleicht kann ich Sif und Loki doch noch erreichen.“
Das gelang mir tatsächlich, allerdings erst zwei Tage später. Die beiden hatten sich irgendwo an der Waldgrenze herumgedrückt und keinerlei Feindberührung gehabt. Ich rief sie zurück und ließ sie an der Beisetzung der drei Soldatenkadaver beiwohnen. Vorerst würden wir wohl wieder unsere Ruhe haben.

Martin Krusche

Jeder lebt gerne

Geht’s dir gut? Hast du jemand mit dem du reden kannst? sagte der Kerl an der Theke zu mir. Da war ich gerade beim dritten Glas Blauburgunder und ahnte: Wenn ich das jetzt nicht sofort regle, erzählt mir der sein ganzes Leben. Er sieht aber genauso aus wie einer, über dessen Leben ich nichts erfahren will.
Ich bin als Teenager einmal auf so einen Kerl hereingefallen. Da hab ich dann meinen Job geschmissen und bin mit ihm losgezogen. Es war ein Kreuzzug der Nächstenliebe. Hinterher hatte ich so hohe Schulden, dass ich meine Eltern um Hilfe bitten mußte. Dabei hätte ich vor Ärger fast meine Zunge verschluckt. Sie gaben mir das Geld mit Tränen in den Augen, weil sie froh waren, dass ich mich von diesem Menschenfreund getrennt hatte ohne einen Anwalt zu brauchen.
Als ich noch überlegte, wie ich dem neuen Wohltäter halbwegs schonend eine Abfuhr bescheren konnte, denn ich bin ein sanftmütiger Mensch, starrte ich auf das laufende TV-Gerät über der Theke. Es war ja Samstag und Eva-Maria Klinger, die Mutter der Enterbten und Ausgesetzten, ordinierte in ihrer Kummerecke von Wer will mich?, um verlassene Tiere anzubringen. Sie hielt gerade einen erbärmlich geschrubbten und geduckten Köter am Halsband, sagte, während mir der Menschenfreund auf den Pelz rückte: Ersparen sie ihm das Eingeschläfertwerden. Das ist auch nicht lustig. Jeder lebt gerne.
Ich spürte, wie meine Augen feucht wurden, ballte meine Faust, wandte mich dem Wohltäter zu und sagte leise: Ich würde dir gerne die Nase einschlagen, wenn dir das recht ist.
Was denken Sie?
Es war ihm nicht recht. Er taumelte zurück, als hätte ich zugeschlagen. Aber ich schwöre: Es war nichts. Nur ein Lächeln in meinem Gesicht, denn ich hatte ja nichts gegen den Burschen. Ich wäre bloß lieber von einer Frau angesprochen worden. Doch, wie soll ich es ausdrücken? Ich hab manchmal das Gefühl, ich erwecke bei Frauen den Eindruck, sie wollten ganz bestimmt nichts über mein Leben erfahren. Das kann ein Problem werden, wenn sie verstehen, was ich meine. Ehrlich gesagt: Mir wäre lieber, sie würden jetzt gehen. Setzen sie sich einfach woanders hin. Wozu erzähle ich Ihnen das überhaupt?