Mike Markart

Ich bin ein Mahnmal und ein immerwährender Kalender

Vor mehr als zehn Jahren griff eine heimtückische, todbringende Krankheit nach meinen Organen. Schlich sich in meinen Körper, um ihn auszubrennen. Um eine Brandkatastrophe zu entfachen, die zwangsläufig mit dem Tod zu enden hat.

Der Arzt sagte zuerst gar nichts, denn wir sind befreundet und die Diagnose, die er an mir erstellen mußte, ging ihm nahe. Das sah ich ihm an.
Ich verließ die Praxis und lief. Das war eine Eigenheit von mir. Dachte ich an den Tod, an seine Endgültigkeit, an diese nie mehr endende Dunkelheit, knallte in meinen Ohren ein Startschuß und ich lief los wie ein in Panik geratener Hund. Schon die Stiegen der Arztpraxis hetzte ich hinunter. Den Bach entlang, durch den Ort und ich hätte niemals aufgehört zu laufen, wäre mein von der Krankheit geschwächter Körper nicht zusammengebrochen. Hätte dieser Körper sich nicht über eine Mauer gelehnt und auf das Friedhofsgelände hinein übergeben.
Die drei mir laut ärztlicher Diagnose noch zustehenden Wochen überschritt ich. Mir war die Krankheit von außen deutlich anzusehen, der Schädelknochen mußte geschrumpft sein, die Gesichtskonturen, ehemals scharfe Züge, hingen herab. Mein Hut rutschte mir über die Augen. Meinen Bekannten kam diesbezüglich selbstverständlich kein Wort über die Lippen, Fremde jedoch, Menschen auf der Straße, in Geschäften und im Wartezimmer des Arztes, wunderten sich immer häufiger darüber, dass jemand so sehr von einer Krankheit gezeichnet sein kann und trotzdem noch am Leben ist.
Ich hatte gelernt, mit der Krankheit, den Schmerzen und der an mir festgemachten Häßlichkeit am Leben zu sein. Trotzdem, ich hatte meine Drei-Wochen-Frist bereits um weitere drei Wochen überzogen und machte mir immer häufiger Gedanken über die Sinnhaftigkeit dieses Weiterexistierens unter zwangsläufigem Verzicht auf alle Annehmlichkeiten des Lebens, die natürlich nur mittels eines funktionstüchtigen Körpers erreichbar und durchführbar sind.
Meinem Arzt blieb, trotz meiner heftigen Einwände gegen mein Weiterleben, nichts, als mir zu bestätigen, dass ich ohnehin bald tot sein müsse, dass die Tatsache, dass ich in meinem Zustand noch immer am Leben bin, ein medizinisches Wunder bedeutete, wenn nicht sogar eine Unmöglichkeit. Das ist unmöglich, sagte er in jener Zeit oft, wenn ich morgens die Tür in seine Praxis aufstieß.
Um die Qual meines Lebens zu verkürzen, hatte ich selbstverständlich aufgehört, irgendwelche mir verschriebenen Medikamente einzunehmen. Allein schmerzstillende Mittel nahm ich, in immer höheren Dosen versteht sich, einerseits um die zwangsläufig und selbstverständlich häufiger und dazu stärker auftretenden Schmerzen in allen möglichen Regionen meines Körpers so weit wie möglich zu dämpfen, denn zum Stillstand konnte ich sie ohnehin nicht mehr bringen, und andererseits, weil ich mir von eben diesen immer höheren Dosen schmerzstillender Mittel auch eine Wirkung gegen die mir zugemutet verbleibende Lebenszeit erhoffte. Natürlich vergeblich. Je weniger die Medikamente gegen die mich inzwischen Tag und Nacht quälenden Schmerzen halfen, desto mehr hatte ich das Gefühl, dass sie meinen Körper immun machten gegen den Tod.
Mein Aussehen war zwangsläufig jedem mir unvorbereitet begegnenden Menschen bald nicht mehr zumutbar, dementsprechend verhüllte ich mich, wenn ich das Haus verließ, beinahe täglich, um beim Arzt meine Beschwerde gegen dieses unerträgliche Weiterleben einzubringen.
Viele Menschen, die ich aus dem Wartezimmer des Arztes kannte, die geradezu gesund, verglichen mit mir sogar kerngesund aussahen, verstarben. Ich ging hinter dem Sarg jedes einzelnen her, schaute sehnsüchtig hinunter in das frisch ausgehobene Loch. Zu welchem mir ein unergründliches Schicksal den Zugang zu verwehren schien.
Irgendwann ahnte ich, dass es für mich keinen natürlichen Weg aus diesem Leben gibt. Daß die Krankheit, die alle relevanten Organe in meinem Körper nicht nur befallen, sondern regelrecht gebraten und aufgefressen hatte, nicht imstande sein würde, diesen Körper auch endgültig zum Stillstand und demzufolge unter die Erde zu bringen. Deshalb ging ich daran, Maßnahmen vorzubereiten, um das, was die Krankheit in mir begonnen hatte, zu Ende zu führen. Auch meinem Arzt gegenüber äußerte ich die Vermutung, dass ein bislang unbekannter genetischer Defekt verhindert, dass jene Vielzahl von Krankheiten, die sich in meinem Körper eingenistet hatten, irgendwann und zwangsläufig auch meinen Tod herbeiführen. Da zu diesem Zeitpunkt die Diagnose, welche mir eine verbleibende Lebenszeit von höchstens drei Wochen eingeräumt hatte, bereits mehr als drei Jahre zurücklag, äußerte mein Arzt sich nicht, diese Vermutung betreffend, verfiel er doch in einen Zustand bleicher Sprachlosigkeit, der ihn darüber hinaus vollkommen unfähig für jede Bewegung machte, sobald ich sein Behandlungszimmer betrat. Auch damals beinahe täglich. Um meinen erbärmlichen, ausgehöhlten Körper vorwurfsvoll vor ihm aufzustellen.
Trotzdem die hohen Dosen schmerzstillender Mittel, die ich oft regelrecht in mich hinein schüttete, meinen Körper in keiner Weise zusätzlich zu schädigen schienen, wollte ich als erste zwingende Maßnahme gegen dieses unerträgliche Weiterleben eine höchstgradige Vergiftung probieren. Die Skepsis allerdings, die ich von Anfang an in bezug auf dieses Unterfangen hatte, erfüllte sich auf beeindruckende Weise: Ein Cocktail aus Blumendünger und allen im Haus auffindbaren Medikamenten, deren Beipacktexte im Falle einer Überdosierung eine Vielzahl lebensauslöschender Zustände in Aussicht stellten, durchquerte meinen Körper, ohne dieses in katastrophaler Verfassung befindliche Vehikel endgültig zum Stillstand zu bringen. Vielmehr mußte ich mir eingestehen, dass ich mich durch das Gebräu nicht wirklich beeinträchtigt fühlte. Daß zu den Schmerzen, die meine befallenen Organe ständig in hohem Maße signalisierten, nur ein kurzer Anfall zusätzlicher Magenschmerzen durch die von mir gegen mich ausgeführte Attacke hinzukam.
Dieser Umstand jedoch forderte mich geradezu heraus. Ich sagte meinem Körper einen gnadenlosen Kampf an, wollte es zuerst nocheinmal mit Vergiften probieren, wollte meinen Körper in eine Giftkatastrophe ohnegleichen hineinstürzen, die er meinen Vorstellungen nach unmöglich überleben konnte, durchstöberte demnach den Dachboden nach allen möglichen Flüssigkeiten und Chemikalien, fand Schwefelsäure, Ammoniaklösung, Ethylendiamin, Dimethylformamid, Kaliumdichromat und Kaliumhydroxyd, mischte alles zusammen und trank trotz des erwartungsgemäß widerlichen Geschmacks geradezu gierig, lehnte mich zurück und dachte an meine Vorsicht im Umgang mit diesen Chemikalien, als ich sie vor ungefähr zwei Jahrzehnten für meine Fotoarbeit verwendet hatte, Handschuhe getragen hatte, eine spezielle Brille. Das Chemikaliengemisch zog eine Furche durch meinen Körper, ich mußte mich übergeben und ein Teil meiner in Auflösung befindlichen Organe klatschte vor mir auf den Boden, in meinem Kopf fiel der Strom aus und ich versank in diesem Sumpf.
Ich weiß nicht, wie lange ich dort gelegen war, auf einem Auge war es dunkel, als ich den Kopf aus der Brühe hob, die Hälfte meines Gesichts war verbrannt. So nah hatte diese Krankheit mich ans Grab gebracht, mich hineinzustoßen war sie jedoch nicht in der Lage. Ich konnte aufstehen. Reinigte dementsprechend den Boden. Wenn ich gewußt hätte, dass ich auch diesen gegen meinen Körper ausgeführten Anschlag überstehen würde, hätte ich mir damals die Vorsicht im Umgang mit den Fotochemikalien sparen können, dachte ich.
Ich verstand, dass es auch für mich nicht leicht sein würde, diesen ausgeschlachteten Körper über jene schmale Grenzlinie zu bringen, die mein Leben noch vom Tod trennte, denn die Hoffnung, mich in die Grube hinein zu vergiften mußte ich schon begraben.
Ansonsten gehe ich nicht in die Kirche, einmal jedoch folgte ich dem Pfarrer, als er auf der Straße an mir vorbeiging. Ich erreichte ihn erst, als er die Kirche bereits betreten hatte und dementsprechend seine Geschwindigkeit mäßigte. An mir vollzieht sich ihr Glaube an ein ewiges Leben in zynischer und schrecklicher Weise. Ich bin ein Mahnmal und ein immerwährender Kalender. Sagte ich zu ihm. Dann hatte ich das Bedürfnis, vor ihm zu fliehen. Ich ging, so schnell ich konnte, dem Ausgang zu, hatte das schwere Tor schon einen Spalt geöffnet, als er mich einholte, seine Hand auf meine Schulter legte, um mich zurückzuhalten. Ich habe die Fähigkeit, meine Ohren zu verschließen. Will ich nichts hören, schließe ich meine Ohren, wie ich meine Augen schließe, wenn ich nichts sehen will. Ich sah, wie der Pfarrer etwas zu mir sagte, jedoch hatte ich meine Ohren verschlossen und wartete, bis sein Gesichtsausdruck mir vermittelte, dass ich gehen kann, ohne ihn zu verstören. Ich drehte mich um und das Kirchentor fiel hinter mir ins Schloss, das hörte ich wieder.
Zuhause legte ich mich aufs Bett und schnitt mit dem besten Messer, mit dem ich früher die Schalotten feinst gehackt hatte, die Pulsadern an meinen beiden Armen auf. Aus tiefen, sauberen Schnitten begann es zu fließen. Glänzend sammelte das Blut sich auf dem Leintuch, versickerte allerdings bald und hinterließ einen dunkelroten matten Fleck. Ich hatte erwartet, dass mir kalt wird und schwindlig, dass ich irgendwann zurücksinke und vergehe. Jedoch sah ich auch noch den allerletzten Tropfen Blut aus den Wunden in das mittlerweile vollgesogene Leintuch und demzufolge in die Matratze hineinrinnen, ohne irgendeine Veränderung in meinem Zustand festzustellen. Ich stieg aus dem Bett und bereute, dass ich mir die Adern nicht in der Badewanne aufgeschnitten hatte, denn ich mußte die blutgetränkte Matratze durch eine dünne, demnach unbequeme Gästematratze, die darüber hinaus seit Jahren am Dachboden gelegen war und dementsprechend roch, austauschen und das Bett vollkommen neu beziehen. Dadurch, dass ich die Giftanschläge überlebt hatte, hätte ich gewarnt sein müssen. Blaß war ich geworden, das bemerkte ich, als ich im Badezimmer meine verschmierten Hände wusch und in den Spiegel schaute. Ich dachte, als ich diesen zerstörten Rest von mir im Spiegel betrachtete, dass ich wahrscheinlich unsterblich bin. Zumindest jedoch herkömmlichen Todesursachen, sowie auch ihren verschiedenen Spielarten gegenüber vollkommen immun. Du bist, sagte ich zu jenem Wesen im Spiegel, das einmal ich gewesen war, du bist, sagte ich zu jenem Gesicht, dessen eine Hälfte verbrannt und in der immer Nacht war, du bist also, sagte ich, vollkommen immun gegen den Tod.
War zu Beginn meiner Krankheit der vom Arzt in Aussicht gestellte nahe Tod, also meine kurz bevorstehende vollkommene Auslöschung eine Aussicht, welcher ich gerne entgangen wäre, die Vorstellung daran mich in atemloses Laufen versetzte, so war, als die Giftanschläge und das Messerattentat fehlgeschlagen waren, jener Tod, jene Auslöschung, jenes Fliehen aus diesem erbärmlichen Körperrest ein in weite Ferne gerücktes Ziel geworden, welches zu erreichen zwangsläufig meine einzige verbleibende Lebensaufgabe werden mußte.
Ich trank einige Gläser Wein, hatte jene letzte in meinem Besitz befindliche Flasche Pichon Longueville Comtesse de Lalande 1982 aus dem Keller geholt, und fuhr mit dem Wagen auf die Autobahn. An einer geeigneten Stelle, knapp vor einer Tunneleinfahrt, verriß ich den Wagen nach rechts, katapultierte ihn über die Leitplanken und in rasantem Schrägflug ins Gestein. Alles in mir war gebrochen. Der Arzt schüttelte den Kopf, nachdem die Feuerwehr mich aus dem zertrümmerten Blech geschnitten hatte. Vielleicht darüber, dass kein Tropfen Blut aus meinem Körper rann, obwohl dieser wild verrenkt und an vielen Stellen aufgebrochen vor ihm lag, oder aber, um den Umstehenden, also dem Fahrer des Rettungswagens und den Leuten aus dem Feuerwehr- und dem Polizeiwagen zu bedeuten, dass nichts mehr zu machen sei. Ich tippte sofort auf die zweite Möglichkeit, denn er machte keinerlei Anstalten, den genauen Zustand meines Körpers herausfinden zu wollen. Ich wurde auf eine Trage gelegt und in den Rettungswagen verfrachtet. Während der Fahrt, bei der mir sofort auffiel, dass der Fahrer sich dem zäh fließenden Verkehr einfach unterordnete, wurde auch auf das Folgetonhorn verzichtet, deutliche Zeichen also dafür, dass man mich bereits abgeschrieben hatte.
Umso verwunderter war der Arzt, als ich ihn, nachdem man mich ins Innere des Krankenhauses gebracht hatte, ansprach, mich nach meinem Befinden erkundigte. Dadurch kam Bewegung nicht nur in den Arzt, sondern in die ganze Station. Der Narkosearzt sollte mich in einen Tiefschlaf versetzen. Die in mich einsickernden Mittel griffen selbstverständlich nicht, ich stellte mich jedoch schlafend, um die Angelegenheit für alle Beteiligten so unkompliziert wie möglich zu halten. Die operierenden Ärzte wunderten sich, als sie an vielen Stellen in mein Fleisch schnitten, dass kein Blut aus den Wunden kam, das Ausmaß der Verwunderung konnte jedoch nicht wirklich ausufern, denn viel größer war die Verwunderung darüber, dass sie in meinem Körper nicht wirklich alle Organe, die einen Körper am Leben erhalten, finden konnten und dementsprechend, dass dieser vollkommen zertrümmerte und ausgehöhlte Körper überhaupt noch am Leben sein konnte. Als man es von mir erwartete, schlug ich die Augen, die ich während der lange dauernden Operation geschlossen gehalten hatte, wieder auf. Die Ärzte wußten natürlich nicht, dass ich ihr Erstaunen, ihre Ungläubigkeit hinsichtlich meines körperlichen Zustands mitangehört hatte, und es war offensichtlich, dass sie mir gegenüber in der Folge sehr unsicher auftraten. So waren sie vorsichtig und dementsprechend ungenau, als sie mir mitteilten, womit sie mich weder überraschen noch schockieren konnten, dass sie während der Operation nämlich auf merkwürdige Veränderungen in meinem Körper gestoßen sind und dass eine Reihe weiterer Untersuchungen durchzuführen seien. Ich ließ die Untersuchungen zu, die Ärzte waren verstört über die Ergebnisse. Demzufolge mieden sie, wenn es nur irgendwie möglich war, während der Visiten mein Zimmer.
Während der Operation hatte man meinen Körper mit neuem Blut aufgefüllt. Das war mir egal, die Pulsadern würde ich mir ohnehin nicht wieder aufschneiden, da ich mir davon keinerlei Nutzen versprechen konnte. Und dass meine Haut wieder weniger blaß war, störte mich nicht wirklich.
Aufgrund der Vielzahl von Bruchstellen in meinem Körper dauerte es mehrere Monate, bis ich das Krankenhaus verlassen konnte. Ich schleppte mich, auf Krücken gestützt auf die Straße hinaus, nahm ein Taxi, das mich zu meinem Haus brachte.
Keine Sekunde war ich ohne grenzenlose Schmerzen, deshalb tat ich bald darauf etwas, was im Nachhinein betrachtet wohl als der größte Fehler meines unsterblichen Lebens bezeichnet werden muß: Ich legte mich auf ein Bahngleis, damit die heißen Räder jenen schmerzenden Rumpf abtrennen und fortwerfen. Der Kopf hüpfte zuerst, rollte den Bahndamm hinunter und blieb im Gras liegen. Der Zugführer hatte eine Notbremsung versucht, selbstverständlich vergeblich. Als man meinen Kopf aus dem Gras aufhob, war ich bereits wieder ansprechbar. Noch als ich die entsetzten Gesichter vor mir sah, dachte ich, ich hätte mir eine Handgranate in den Mund stecken sollen, die hätte meine Gedanken weit in die Landschaft hinaus verstreut und diese quälenden Zusammenhänge zerrissen. Dafür war es natürlich endgültig zu spät.
Seit Jahren schaue ich deshalb durch das Glas hinaus in einen kahlen Raum und habe den Blicken jener, die mich anstarren, nichts entgegenzusetzen. Und auch gegen mich selbst kann ich nun nichts mehr tun.

(Nyssen & Bansemer, Köln)

Andreas Bäcker

Drei Stories

NACHTGEDANKEN

Ich sitze im Schatten, meine Füße baumeln am Rand des Wahnsinns, während mein Körper stumm gelähmt die Agonie meiner Seele ignoriert. Das ganze Leben jeden Tag neue Schuhe, doch immer dieselben Füße, täglich mehr Last zu tragen, weil immer schwerer wird der Kopf. Neue Schrauben für die Denkmaschine, eine jeden Tag, an manchen zwei, drücken sich fest in das Canadian-Club-getränkte Hirn, das die selbstproduzierten Gedanken aufsaugt, bis es platzt.
Es ist Nacht geworden, vor tausenden von Schrauben bereits. Viel zu dunkel ist es, die gebrochenen Füße zu sehen, die noch immer baumeln, als wären sie bereit, ein letztes Mal noch zu laufen, ein letztes Mal noch den Kopf zu tragen, wohin es ihn treibt.
Der Brille zum Trotz sehe ich nicht mehr, als wären die Augen auf ihre Lider gerichtet, Leinwände einer Vergangenheit, die die längst nicht mehr betenden Hände unfähig waren, festzuhalten. Augenkino. Sie spielen „Leben“, in der Hauptrolle eine eher traurige Figur, die frappant an mein Spiegelbild erinnert, das ich seit Jahren nicht begrüßt habe. Hinter der Brille sammelt sich eine Träne zum Sturm auf meine Wange, die bedeutungslos im nächsten Glas ertrinkt.
Nächstes Kapitel, die Spannung steigt. Die Zukunft des Hauptdarstellers steht auf dem Spiel. Ich hatte keine Ahnung, dass der Film interaktiv ist. Berieselung ist nicht trendy, bequemer doch in jedem Falle.
„DASEIN oder VERGANG? – Treffen Sie eine Entscheidung!“
Gläser später, eine Schraube war auch dabei, wagt die Träne einen neuen Anlauf, doch die Flasche ist noch nicht leer. Die Denkmaschine hat eine neue Frage auf den Markt gebracht, die Antwort kostet einen Herzschlag. Ich weiß genau, ich kann nicht zahlen, die Schulden sind zu hoch. Ich kaufe trotzdem, Knochenbruch. Wer sein Herz verloren hat, bezahlt mit Schmerzen.
„Wir warten noch auf Ihre Antwort!“, blitzt es von der Leinwand, „DASEIN oder VERGANG? – Entscheiden Sie sich!“
Wenig Alternativen, was kostet dieses Programm? Noch ein Glas, während ich auf die Antwort warte. „Ein Quentchen Seele“, teure Antwort, wenn man meine Schulden bedenkt. Wer führt hier eigentlich Regie?
„Diese Antwort kostet einen Traum!“ dröhnt eine virtuelle Stimme. Wieder Knochenbruch, die Träume sind längst in der Vergangenheit verstaubt.
Schweren Herzens entscheide ich mich für „DASEIN“ und suche meine Fernbedienung, die neben mir auf dem Boden liegt, wie ein letzter Gruß aus einer Welt, die ich schon vor dem Bau der Maschine hinter mir ließ. Noch während ich mich nach ihr bücke, bricht mein Rücken, und ich falle bewegungslos durch die Leinwand hinter die Bühne. Klick.

 

IM WIND

Ich stehe im Wind und denke an das Leben, das mir genommen wurde, oder das ich nie besaß. Ich denke an den See der Tränen, den ich durchschwamm, die Reise, die ich vor Jahren antrat, in Kindertagen bereits. Ich denke an den steinigen Weg, den ich beschritt, so lange ich mich erinnern kann, ein Bewußtsein zu haben. Ich denke an den Schmerz, den ich mit mir herumtrage, seitdem zu laufen ich vermag.
Der Wind bläst mir kalt und scharf in das versteinerte Gesicht.
Ich friere, wie ich es immer getan habe, versuche, dem Wind die Stirn zu bieten, stehe trotzig da, einem Kinde gleich, das um jeden Preis seinen Willen durchsetzen möchte, die Arme in die Hüften gestemmt, sauge ich die Kälte in mich auf.
Und wieder versuche ich, den Weg zurückzuverfolgen, akribisch chronologisch in umgekehrter Reihenfolge mich von einem Knotenpunkt zum anderen zu hangeln, bis zum Anfang allen Seins, zu dem im Dunkel meiner Seele verborgenen Geheimnis, das einer Festung gleich die Antwort hütet.
Je tiefer meine Reise mich in die Vergangenheit führt, je näher ich dem Horizont rücke, an dem im Zenit einer schwarzen Sonne drohend sich die Festung erhebt, desto stärker bläst der Wind, peitscht durch meine Stirn hindurch direkt in meinen Kopf. Die Knotenpunkte fallen, ähnlich überreifem Obst, dessen Gewicht der nährende Baum nicht mehr trägt, durch meine vergeblich zu greifen bemühten Hände hindurch in einen Fluß, wo sie zu einem zähen Strom zerfließen, der in einer Art Burggraben zu münden scheint, wie ein Ring aus Lava um den steinernen Koloß am noch immer weit von mir entfernten Horizont gelegt.
„Nur nicht fallen,“ denke ich, „nicht schon wieder!“
Kaum, dass der Gedanke kreisend meinen Kopf verlassen hat, beginne ich zu taumeln, glaube, den Verlust des Gleichgewichtes wahrzunehmen. Noch immer treibt es mich nach vorne, meinem felsigen Ziel entgegen. Der Wind, der mit jedem Schritt mehr Sturm, schleudert mir mit der Wucht eines ganzen Lebens meine Träume entgegen, einen nach dem anderen, Träume, die ich eigentlich mit dem Zurücklassen der Kindheit tot geglaubt hatte. Ich spüre, wie sie der Reihe nach laut zischend auf meiner Stirn zerplatzen und wie wehrlose Tränen meine Wangen hinabgleiten, um beim Eintauchen in den Fluß mit meinen Erinnerungen zu verschmelzen.
Einen Moment nur, nicht länger, als ein vernarbtes Herz für einen Schlag benötigt, halte ich fest entschlossen beide Hände vor das Gesicht, um wenigstens eine Träne zu fangen, wenigstens den Kadaver eines Traumes zu retten.
Einen kurzen Augenblick nur lasse ich mein Ziel aus den Augen, ohne den Untergang der Sonne zu bemerken, das Erlöschen des letzten Restes an Licht wahrzunehmen. Und wieder falle ich, wieder tiefer als das Mal zuvor, wieder länger als erwartet, wieder ist der Aufschlag härter, schmerzhafter als alles bisher Gekannte, wieder verliere ich das Bewußtsein und beginne, auf die Ungewißheit des Erwachens zu warten.

Ängstlich öffne ich die Augen und schaue mich vorsichtig, beinahe in Zeitlupe um. Kein Loch. Ich liege im Gras, eine traumhaft schöne Träne in der Hand. Der Wind bläst über mich hinweg. Mir ist nicht mehr kalt.

 

FREIHEIT

Pausenlos redet irgendjemand von der Freiheit, erzählt Geschichten, die ich nicht verstehe, obskure Sagen, schwanger fast mit einem Hauch von Ironie. Wissen die, wovon sie reden, wenn sie mit erhobenem Zeigefinger dastehen und die Freiheit als höchstes aller Güter preisen?
Wissen sie es, oder sind sie einfach nur Mitgefangene, die gelernt haben, ihre Ketten zu tragen, als wären sie Schmuck?
Wissen sie es, oder haben sie sich nur daran gewöhnt, den Kerker als ihr Zuhause zu betrachten?
Wissen sie es, oder wollen sie sich nur nicht bewegen, um nicht am Strom des Grenzzauns zu verglühen?
Sie reden von der Freiheit der Meinung, ohne jemals eine andere als die konforme gehabt zu haben.
Sie reden von der Freiheit des Glaubens, der ihnen in die Wiege gelegt wurde, noch bevor sie sprechen konnten.
Sie reden von der Freiheit der Entscheidung, vor die sie nie gestellt wurden.
Sie reden von der Freiheit, gehen zu können, wohin sie wollen, ohne sich je bewegt zu haben.
Sie reden von der Freiheit, den Beruf selbst zu wählen, den ihre Eltern für sie ausgesucht haben.
Sie stehen vor mir und reden auf mich ein, reden noch immer von der Freiheit, die sie so lieben. Endloses Gemurmel frißt sich in meinen Kopf. Ich soll die Freiheit verteidigen, soll kämpfen, soll in den Krieg ziehen, soll Menschen töten, die ich nicht kenne, damit die Freiheit weiterlebt.
Ich frage mich, was sie wohl meinen könnten mit der Freiheit, für die sie sterben wollen.
Wie frei werde ich sein, wenn ich das Blut nicht von meinen Händen waschen kann, die sich nicht mehr bewegen, wenn es mir nicht gelingt, die Schreie aus meinen Ohren zu spülen, die nicht mehr hören, wenn ich es nicht schaffe, die Bilder der Gewalt aus meinen Augen zu wischen, die nicht mehr sehen?
Was ist frei daran, in agonieumsäumter, morphiner Stille auf den Hubschrauber zu warten, der mich zurück hinter den Grenzzaun bringt?
Sie tragen mich hinaus, eine Spritze noch, damit ich die Reise schmerzfrei überstehe. Der dumpfe Nadelstich breitet sich in Sekunden in meinem Körper aus, und doch dringt durch meine betäubten Sinne ein Anflug von Nervosität. Ich spüre zwei kalte Metallplatten auf meiner Brust, dann den Schlag, das Kribbeln, blinde Augen, bis zum Anschlag aufgerissen, blicken in das Licht. Noch ein Schlag, das Licht kommt näher, noch einer, mit jedem Schlag mehr Licht, weniger Kribbeln.
Wieder einer, das Kribbeln ist weg. Flatline. Ich bin frei.