Mike Markart

Ich bin ein Mahnmal und ein immerwährender Kalender

Vor mehr als zehn Jahren griff eine heimtückische, todbringende Krankheit nach meinen Organen. Schlich sich in meinen Körper, um ihn auszubrennen. Um eine Brandkatastrophe zu entfachen, die zwangsläufig mit dem Tod zu enden hat.

Der Arzt sagte zuerst gar nichts, denn wir sind befreundet und die Diagnose, die er an mir erstellen mußte, ging ihm nahe. Das sah ich ihm an.
Ich verließ die Praxis und lief. Das war eine Eigenheit von mir. Dachte ich an den Tod, an seine Endgültigkeit, an diese nie mehr endende Dunkelheit, knallte in meinen Ohren ein Startschuß und ich lief los wie ein in Panik geratener Hund. Schon die Stiegen der Arztpraxis hetzte ich hinunter. Den Bach entlang, durch den Ort und ich hätte niemals aufgehört zu laufen, wäre mein von der Krankheit geschwächter Körper nicht zusammengebrochen. Hätte dieser Körper sich nicht über eine Mauer gelehnt und auf das Friedhofsgelände hinein übergeben.
Die drei mir laut ärztlicher Diagnose noch zustehenden Wochen überschritt ich. Mir war die Krankheit von außen deutlich anzusehen, der Schädelknochen mußte geschrumpft sein, die Gesichtskonturen, ehemals scharfe Züge, hingen herab. Mein Hut rutschte mir über die Augen. Meinen Bekannten kam diesbezüglich selbstverständlich kein Wort über die Lippen, Fremde jedoch, Menschen auf der Straße, in Geschäften und im Wartezimmer des Arztes, wunderten sich immer häufiger darüber, dass jemand so sehr von einer Krankheit gezeichnet sein kann und trotzdem noch am Leben ist.
Ich hatte gelernt, mit der Krankheit, den Schmerzen und der an mir festgemachten Häßlichkeit am Leben zu sein. Trotzdem, ich hatte meine Drei-Wochen-Frist bereits um weitere drei Wochen überzogen und machte mir immer häufiger Gedanken über die Sinnhaftigkeit dieses Weiterexistierens unter zwangsläufigem Verzicht auf alle Annehmlichkeiten des Lebens, die natürlich nur mittels eines funktionstüchtigen Körpers erreichbar und durchführbar sind.
Meinem Arzt blieb, trotz meiner heftigen Einwände gegen mein Weiterleben, nichts, als mir zu bestätigen, dass ich ohnehin bald tot sein müsse, dass die Tatsache, dass ich in meinem Zustand noch immer am Leben bin, ein medizinisches Wunder bedeutete, wenn nicht sogar eine Unmöglichkeit. Das ist unmöglich, sagte er in jener Zeit oft, wenn ich morgens die Tür in seine Praxis aufstieß.
Um die Qual meines Lebens zu verkürzen, hatte ich selbstverständlich aufgehört, irgendwelche mir verschriebenen Medikamente einzunehmen. Allein schmerzstillende Mittel nahm ich, in immer höheren Dosen versteht sich, einerseits um die zwangsläufig und selbstverständlich häufiger und dazu stärker auftretenden Schmerzen in allen möglichen Regionen meines Körpers so weit wie möglich zu dämpfen, denn zum Stillstand konnte ich sie ohnehin nicht mehr bringen, und andererseits, weil ich mir von eben diesen immer höheren Dosen schmerzstillender Mittel auch eine Wirkung gegen die mir zugemutet verbleibende Lebenszeit erhoffte. Natürlich vergeblich. Je weniger die Medikamente gegen die mich inzwischen Tag und Nacht quälenden Schmerzen halfen, desto mehr hatte ich das Gefühl, dass sie meinen Körper immun machten gegen den Tod.
Mein Aussehen war zwangsläufig jedem mir unvorbereitet begegnenden Menschen bald nicht mehr zumutbar, dementsprechend verhüllte ich mich, wenn ich das Haus verließ, beinahe täglich, um beim Arzt meine Beschwerde gegen dieses unerträgliche Weiterleben einzubringen.
Viele Menschen, die ich aus dem Wartezimmer des Arztes kannte, die geradezu gesund, verglichen mit mir sogar kerngesund aussahen, verstarben. Ich ging hinter dem Sarg jedes einzelnen her, schaute sehnsüchtig hinunter in das frisch ausgehobene Loch. Zu welchem mir ein unergründliches Schicksal den Zugang zu verwehren schien.
Irgendwann ahnte ich, dass es für mich keinen natürlichen Weg aus diesem Leben gibt. Daß die Krankheit, die alle relevanten Organe in meinem Körper nicht nur befallen, sondern regelrecht gebraten und aufgefressen hatte, nicht imstande sein würde, diesen Körper auch endgültig zum Stillstand und demzufolge unter die Erde zu bringen. Deshalb ging ich daran, Maßnahmen vorzubereiten, um das, was die Krankheit in mir begonnen hatte, zu Ende zu führen. Auch meinem Arzt gegenüber äußerte ich die Vermutung, dass ein bislang unbekannter genetischer Defekt verhindert, dass jene Vielzahl von Krankheiten, die sich in meinem Körper eingenistet hatten, irgendwann und zwangsläufig auch meinen Tod herbeiführen. Da zu diesem Zeitpunkt die Diagnose, welche mir eine verbleibende Lebenszeit von höchstens drei Wochen eingeräumt hatte, bereits mehr als drei Jahre zurücklag, äußerte mein Arzt sich nicht, diese Vermutung betreffend, verfiel er doch in einen Zustand bleicher Sprachlosigkeit, der ihn darüber hinaus vollkommen unfähig für jede Bewegung machte, sobald ich sein Behandlungszimmer betrat. Auch damals beinahe täglich. Um meinen erbärmlichen, ausgehöhlten Körper vorwurfsvoll vor ihm aufzustellen.
Trotzdem die hohen Dosen schmerzstillender Mittel, die ich oft regelrecht in mich hinein schüttete, meinen Körper in keiner Weise zusätzlich zu schädigen schienen, wollte ich als erste zwingende Maßnahme gegen dieses unerträgliche Weiterleben eine höchstgradige Vergiftung probieren. Die Skepsis allerdings, die ich von Anfang an in bezug auf dieses Unterfangen hatte, erfüllte sich auf beeindruckende Weise: Ein Cocktail aus Blumendünger und allen im Haus auffindbaren Medikamenten, deren Beipacktexte im Falle einer Überdosierung eine Vielzahl lebensauslöschender Zustände in Aussicht stellten, durchquerte meinen Körper, ohne dieses in katastrophaler Verfassung befindliche Vehikel endgültig zum Stillstand zu bringen. Vielmehr mußte ich mir eingestehen, dass ich mich durch das Gebräu nicht wirklich beeinträchtigt fühlte. Daß zu den Schmerzen, die meine befallenen Organe ständig in hohem Maße signalisierten, nur ein kurzer Anfall zusätzlicher Magenschmerzen durch die von mir gegen mich ausgeführte Attacke hinzukam.
Dieser Umstand jedoch forderte mich geradezu heraus. Ich sagte meinem Körper einen gnadenlosen Kampf an, wollte es zuerst nocheinmal mit Vergiften probieren, wollte meinen Körper in eine Giftkatastrophe ohnegleichen hineinstürzen, die er meinen Vorstellungen nach unmöglich überleben konnte, durchstöberte demnach den Dachboden nach allen möglichen Flüssigkeiten und Chemikalien, fand Schwefelsäure, Ammoniaklösung, Ethylendiamin, Dimethylformamid, Kaliumdichromat und Kaliumhydroxyd, mischte alles zusammen und trank trotz des erwartungsgemäß widerlichen Geschmacks geradezu gierig, lehnte mich zurück und dachte an meine Vorsicht im Umgang mit diesen Chemikalien, als ich sie vor ungefähr zwei Jahrzehnten für meine Fotoarbeit verwendet hatte, Handschuhe getragen hatte, eine spezielle Brille. Das Chemikaliengemisch zog eine Furche durch meinen Körper, ich mußte mich übergeben und ein Teil meiner in Auflösung befindlichen Organe klatschte vor mir auf den Boden, in meinem Kopf fiel der Strom aus und ich versank in diesem Sumpf.
Ich weiß nicht, wie lange ich dort gelegen war, auf einem Auge war es dunkel, als ich den Kopf aus der Brühe hob, die Hälfte meines Gesichts war verbrannt. So nah hatte diese Krankheit mich ans Grab gebracht, mich hineinzustoßen war sie jedoch nicht in der Lage. Ich konnte aufstehen. Reinigte dementsprechend den Boden. Wenn ich gewußt hätte, dass ich auch diesen gegen meinen Körper ausgeführten Anschlag überstehen würde, hätte ich mir damals die Vorsicht im Umgang mit den Fotochemikalien sparen können, dachte ich.
Ich verstand, dass es auch für mich nicht leicht sein würde, diesen ausgeschlachteten Körper über jene schmale Grenzlinie zu bringen, die mein Leben noch vom Tod trennte, denn die Hoffnung, mich in die Grube hinein zu vergiften mußte ich schon begraben.
Ansonsten gehe ich nicht in die Kirche, einmal jedoch folgte ich dem Pfarrer, als er auf der Straße an mir vorbeiging. Ich erreichte ihn erst, als er die Kirche bereits betreten hatte und dementsprechend seine Geschwindigkeit mäßigte. An mir vollzieht sich ihr Glaube an ein ewiges Leben in zynischer und schrecklicher Weise. Ich bin ein Mahnmal und ein immerwährender Kalender. Sagte ich zu ihm. Dann hatte ich das Bedürfnis, vor ihm zu fliehen. Ich ging, so schnell ich konnte, dem Ausgang zu, hatte das schwere Tor schon einen Spalt geöffnet, als er mich einholte, seine Hand auf meine Schulter legte, um mich zurückzuhalten. Ich habe die Fähigkeit, meine Ohren zu verschließen. Will ich nichts hören, schließe ich meine Ohren, wie ich meine Augen schließe, wenn ich nichts sehen will. Ich sah, wie der Pfarrer etwas zu mir sagte, jedoch hatte ich meine Ohren verschlossen und wartete, bis sein Gesichtsausdruck mir vermittelte, dass ich gehen kann, ohne ihn zu verstören. Ich drehte mich um und das Kirchentor fiel hinter mir ins Schloss, das hörte ich wieder.
Zuhause legte ich mich aufs Bett und schnitt mit dem besten Messer, mit dem ich früher die Schalotten feinst gehackt hatte, die Pulsadern an meinen beiden Armen auf. Aus tiefen, sauberen Schnitten begann es zu fließen. Glänzend sammelte das Blut sich auf dem Leintuch, versickerte allerdings bald und hinterließ einen dunkelroten matten Fleck. Ich hatte erwartet, dass mir kalt wird und schwindlig, dass ich irgendwann zurücksinke und vergehe. Jedoch sah ich auch noch den allerletzten Tropfen Blut aus den Wunden in das mittlerweile vollgesogene Leintuch und demzufolge in die Matratze hineinrinnen, ohne irgendeine Veränderung in meinem Zustand festzustellen. Ich stieg aus dem Bett und bereute, dass ich mir die Adern nicht in der Badewanne aufgeschnitten hatte, denn ich mußte die blutgetränkte Matratze durch eine dünne, demnach unbequeme Gästematratze, die darüber hinaus seit Jahren am Dachboden gelegen war und dementsprechend roch, austauschen und das Bett vollkommen neu beziehen. Dadurch, dass ich die Giftanschläge überlebt hatte, hätte ich gewarnt sein müssen. Blaß war ich geworden, das bemerkte ich, als ich im Badezimmer meine verschmierten Hände wusch und in den Spiegel schaute. Ich dachte, als ich diesen zerstörten Rest von mir im Spiegel betrachtete, dass ich wahrscheinlich unsterblich bin. Zumindest jedoch herkömmlichen Todesursachen, sowie auch ihren verschiedenen Spielarten gegenüber vollkommen immun. Du bist, sagte ich zu jenem Wesen im Spiegel, das einmal ich gewesen war, du bist, sagte ich zu jenem Gesicht, dessen eine Hälfte verbrannt und in der immer Nacht war, du bist also, sagte ich, vollkommen immun gegen den Tod.
War zu Beginn meiner Krankheit der vom Arzt in Aussicht gestellte nahe Tod, also meine kurz bevorstehende vollkommene Auslöschung eine Aussicht, welcher ich gerne entgangen wäre, die Vorstellung daran mich in atemloses Laufen versetzte, so war, als die Giftanschläge und das Messerattentat fehlgeschlagen waren, jener Tod, jene Auslöschung, jenes Fliehen aus diesem erbärmlichen Körperrest ein in weite Ferne gerücktes Ziel geworden, welches zu erreichen zwangsläufig meine einzige verbleibende Lebensaufgabe werden mußte.
Ich trank einige Gläser Wein, hatte jene letzte in meinem Besitz befindliche Flasche Pichon Longueville Comtesse de Lalande 1982 aus dem Keller geholt, und fuhr mit dem Wagen auf die Autobahn. An einer geeigneten Stelle, knapp vor einer Tunneleinfahrt, verriß ich den Wagen nach rechts, katapultierte ihn über die Leitplanken und in rasantem Schrägflug ins Gestein. Alles in mir war gebrochen. Der Arzt schüttelte den Kopf, nachdem die Feuerwehr mich aus dem zertrümmerten Blech geschnitten hatte. Vielleicht darüber, dass kein Tropfen Blut aus meinem Körper rann, obwohl dieser wild verrenkt und an vielen Stellen aufgebrochen vor ihm lag, oder aber, um den Umstehenden, also dem Fahrer des Rettungswagens und den Leuten aus dem Feuerwehr- und dem Polizeiwagen zu bedeuten, dass nichts mehr zu machen sei. Ich tippte sofort auf die zweite Möglichkeit, denn er machte keinerlei Anstalten, den genauen Zustand meines Körpers herausfinden zu wollen. Ich wurde auf eine Trage gelegt und in den Rettungswagen verfrachtet. Während der Fahrt, bei der mir sofort auffiel, dass der Fahrer sich dem zäh fließenden Verkehr einfach unterordnete, wurde auch auf das Folgetonhorn verzichtet, deutliche Zeichen also dafür, dass man mich bereits abgeschrieben hatte.
Umso verwunderter war der Arzt, als ich ihn, nachdem man mich ins Innere des Krankenhauses gebracht hatte, ansprach, mich nach meinem Befinden erkundigte. Dadurch kam Bewegung nicht nur in den Arzt, sondern in die ganze Station. Der Narkosearzt sollte mich in einen Tiefschlaf versetzen. Die in mich einsickernden Mittel griffen selbstverständlich nicht, ich stellte mich jedoch schlafend, um die Angelegenheit für alle Beteiligten so unkompliziert wie möglich zu halten. Die operierenden Ärzte wunderten sich, als sie an vielen Stellen in mein Fleisch schnitten, dass kein Blut aus den Wunden kam, das Ausmaß der Verwunderung konnte jedoch nicht wirklich ausufern, denn viel größer war die Verwunderung darüber, dass sie in meinem Körper nicht wirklich alle Organe, die einen Körper am Leben erhalten, finden konnten und dementsprechend, dass dieser vollkommen zertrümmerte und ausgehöhlte Körper überhaupt noch am Leben sein konnte. Als man es von mir erwartete, schlug ich die Augen, die ich während der lange dauernden Operation geschlossen gehalten hatte, wieder auf. Die Ärzte wußten natürlich nicht, dass ich ihr Erstaunen, ihre Ungläubigkeit hinsichtlich meines körperlichen Zustands mitangehört hatte, und es war offensichtlich, dass sie mir gegenüber in der Folge sehr unsicher auftraten. So waren sie vorsichtig und dementsprechend ungenau, als sie mir mitteilten, womit sie mich weder überraschen noch schockieren konnten, dass sie während der Operation nämlich auf merkwürdige Veränderungen in meinem Körper gestoßen sind und dass eine Reihe weiterer Untersuchungen durchzuführen seien. Ich ließ die Untersuchungen zu, die Ärzte waren verstört über die Ergebnisse. Demzufolge mieden sie, wenn es nur irgendwie möglich war, während der Visiten mein Zimmer.
Während der Operation hatte man meinen Körper mit neuem Blut aufgefüllt. Das war mir egal, die Pulsadern würde ich mir ohnehin nicht wieder aufschneiden, da ich mir davon keinerlei Nutzen versprechen konnte. Und dass meine Haut wieder weniger blaß war, störte mich nicht wirklich.
Aufgrund der Vielzahl von Bruchstellen in meinem Körper dauerte es mehrere Monate, bis ich das Krankenhaus verlassen konnte. Ich schleppte mich, auf Krücken gestützt auf die Straße hinaus, nahm ein Taxi, das mich zu meinem Haus brachte.
Keine Sekunde war ich ohne grenzenlose Schmerzen, deshalb tat ich bald darauf etwas, was im Nachhinein betrachtet wohl als der größte Fehler meines unsterblichen Lebens bezeichnet werden muß: Ich legte mich auf ein Bahngleis, damit die heißen Räder jenen schmerzenden Rumpf abtrennen und fortwerfen. Der Kopf hüpfte zuerst, rollte den Bahndamm hinunter und blieb im Gras liegen. Der Zugführer hatte eine Notbremsung versucht, selbstverständlich vergeblich. Als man meinen Kopf aus dem Gras aufhob, war ich bereits wieder ansprechbar. Noch als ich die entsetzten Gesichter vor mir sah, dachte ich, ich hätte mir eine Handgranate in den Mund stecken sollen, die hätte meine Gedanken weit in die Landschaft hinaus verstreut und diese quälenden Zusammenhänge zerrissen. Dafür war es natürlich endgültig zu spät.
Seit Jahren schaue ich deshalb durch das Glas hinaus in einen kahlen Raum und habe den Blicken jener, die mich anstarren, nichts entgegenzusetzen. Und auch gegen mich selbst kann ich nun nichts mehr tun.

(Nyssen & Bansemer, Köln)

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