Gerald Ganglbauer

Halbe Österreicher

Jeder redet über die Ausländer im Inland. Dann wird uns in der Werbung die Frage gestellt: Was sind halbe Österreicher? Doppelstaatsbürger? Eine japanische Automarke1? Und meine Antwort ist, dass die eigentlich uns meinen, die Inländer im Ausland.

Seitenblicke2, Taiwan: Eine fesche Österreicherin bekennt vor laufender Kamera strahlend, sie habe erst im Ausland bemerkt, was für eine Patriotin sie sei. Wir Österreicher, die wir nur zu gern – und nicht erst seit Thomas Bernhard – unser Nest beschmutzen, wir alle werden erst zu richtigen Österreichern, wenn wir anderswo sind. Von uns gibt es Hunderttausende. Wir leben in New York oder Sydney oder Berlin. Wir sind die halben Österreicher. Oder gar die doppelten?

Unser Leben scheint aufregend zu sein. Nach mehr oder weniger vielen Jahren durch den Zufall der Geburt in diesem Land der Berge und Dome wenden wir uns ab, werden abtrünnig, gehen unseren Geschäften anderswo nach. Sammeln mehr Flugmeilen als ein Fernfahrer. Der australische Botschafter stellt in Wien mein Buch vor, der österreichische Botschafter ruft mich in Sydney an und wir gehen essen. Und natürlich lädt er mich zum 26. Oktober nach Canberra ein, to celebrate the National Day. So etwas wäre mir nie passiert, wäre ich zuhause geblieben. Trotzdem. Halbiert oder verdoppelt?

Eins steht fest. Immer mehr Menschen ziehen ihre Wurzeln aus dem Heimatboden, lassen Luftwurzeln nachwachsen, werden zu Nomaden. Denn anderswo gräbt man sich nicht mehr so fest, das Reisen wird zu einem Teil des Lebens. Anderswo ist es leichter, Österreicher zu sein: die Fragen nach Waldheim sind längst rückgängig, und „The Sound of Music“ ist nicht so verfänglich. Mozartkugeln oder die Wiener Sängerknaben lösen keine Identitätskrise aus. Dass die mittlerweile längst wieder vergessene „Grapsch-Affaire“ auch im australischen Sydney Morning Herald getitelt hat: „Austrians grope for the rude facts“, ist zwar peinlich, aber damit kann man leben.

Was einem zuhause auf den Geist ging, wird vergessen, ja sogar idealisiert. Dazu tragen auch die jeweiligen Ausländer bei: Wenn du in einer Stadt wie Wien gelebt hast, was tust du dann hier? What am I doing here wird zur zentralen Lebensfrage. Die Antwort lässt sich immer finden, wenn man wieder einmal zurück pendelt; dann weiß man, was man nicht hat. Dann fliegt man wieder weg und dort taucht die Frage wieder auf. Und so weiter und so fort.

Wir halben Österreicher sind demzufolge unglücklicher als die ganzen. Wir gehen fremd, bewundern aber brave Menschen in intakten Familien. Wissen aber tief in unseren Herzen, dass wir gar nicht anders leben wollen. Wir sind auch ehrenamtliche Botschafter unseres Landes. Sozusagen Fremdenverkehrsreferenten e.h. Wir schleppen unsere ausländischen Freunde mit nach Österreich, schwärmen von den Bergen und der reinen Luft, der kernkraftwerksfreien Umwelt, der sozialen Sicherheit – auch wenn unser eigener Pensionsanspruch in Österreich gegen Null abgesunken ist. Wir erzählen von den Wiener Kaffeehäusern, die wir vermissen, vom Know-how am Allradsektor, wenn wir einen Merzedes G sehen, der eigentlich ein Puch ist.

Aber wir sind auch Botschafter des Auslandes, denn natürlich schwärme ich vom Ausland, schleppe Freunde ins Ausland mit und habe Heimweh nach Australien, speziell bei diesem eiskalten Herbstwetter, wo doch der Frühling in die südliche Hemisphäre einzieht. Fahre einen amerikanischen Geländewagen, weil die G zu teuer sind, höre Midnight Oil statt Rainhard Fendrich. Und überhaupt, die lockeren Umgangsformen der australischen Gesellschaft sind mir sowieso viel lieber als die österreichische Titelmeierei.

Ein ganzer Ausländer im Inland, ein ganzer Inländer im Ausland, das macht eigentlich zwei. Es gibt eben keine halben Österreicher, sondern höchstens doppelte. Quod erat demonstrandum.


1 Halbe Österreicher nannte eine patriotische MAZDA Werbekampagne ihre japanischen Fahrzeuge mit Teilen österreichischer Zulieferer
2 Eine Prominenten-Klatsch TV Show des ORF (Österreichischer Rundfunk)

Pam Brown

New Poems

This & That
(I cite myself)

Resting like a relic
in a field of meaning –
push the rocks around
for transformation –
gravel rash, scab, scar,
all
factors that
fall squarely.
(like that)

those well-known codes –
public-private continuum –
a surveyor’s tripod clacks –
the laneway, reduced
& framed,
is picturesque –
even the rubbish
appears artificial.

casual citations
accumulate,
ballooning
empirical tactics –
o no it’s
an index of anecdote

the hypermarket
surveillance camera
attempts its capture –
my nearly-beautiful
every dream,
my artificial memory
daily.

disease, elusive entity,
slithers.
pale gloved hands,
yet HIV negative.
the milky
ampule’s contents
swallowed –
waste management, the nightclub.

sleepless in a townhouse,
hours of
zonelessness.
(like this)

 

Evening

stranded on
the roundabout
a dazed pedestrian
hopes to cross
to the noodle bar

the october evening
heady with hops –
my small mica-blue car
passes by
the Bandido shootout
S&M club,
then the brewery

in traffic
I do a lot
of thinking

the lead kids
in Bay Street,
backs to a sunset
they never notice,
shouting at
the concrete mixers –
Turn off your engines !
the sky goes rococo
Residential Area !
No Standing Zone !

in a hurry ?
if you like,
you can skip
the last sections
of the poem

after work,
fearless in an office suit,
a cyclist
runs the red lights
on the way downtown

a cardboard
fruit box
collected by
a station wagon
hurled up
to land unflattened

the sky,
as if backlit,
turning glamorous
& final

waiting for dark
in Cleveland Street
a carjacker fidgets,
flicks & twirls
his cigarette.

Mike Markart

Penfolds Grange

Ich nehme die Ansichtskarte aus dem Briefkasten. Ich kann die Schrift jedoch nicht lesen, das Gekritzel, das ein Name sein soll, so halte ich sie an ihrem Rand mit meinem Daumen und dem Zeigefinger und ziehe sie langsam ganz dicht an meiner Nase vorbei.

Was für ein Geruch.

Natürlich kenne ich sie.

Diesen Duft vergesse ich nicht mehr. Sie hat sich durch ihren Geruch unauslöschlich in mich eingebrannt. Darüber hinaus hatte sie nicht nur einen einzigen Geruch, einen, den sie vielleicht mittels Parfum aufgetragen hatte, sondern sie war eine Geruchslandschaft.

Ein Geruchskontinent.

Dieser Geruch ist einerseits dunkel wie jener Raum, dessen Vorhänge wir zugezogen hatten, während draußen die Fahrzeuge ein durchgehendes Band ergaben und der Fernseher, dessen Ton wir abgedreht hatten, farbige Reflexe in den Raum warf.

Auf das Leintuch und unsere Haut.

Und dieser Geruch ist ein Schwarm Vögel, die saßen damals zuerst auf dem Dach, irgend etwas erschreckte sie allerdings und sie flogen auf, manche hatten auf ihrem Federkleid kleine Zeichnungen, die aus der Ferne, vom Fenster aus, von wo wir ihnen nachschauten, aussahen, als seien es Gewürze, Nelken und Vanilleschoten, oder Früchte, schwarze Kirschen und kleine Beeren.

Dieser Geruch klingt wie das oberste Stockwerk jenes Baumes in Kalimna, in welchen wir den jeweils letzten Buchstaben unserer Namen ritzten.

Als wir später den Fluss entlang gingen, dachte ich für wenige Minuten, Stimmen von der anderen Seite zu hören. Leise Gespräche über eine mir unbekannte Stadt, vielleicht einer Sage entnommen, oder einem Märchen. Ich verstand nur ein paar Wörter, doch nicht ihren eigentlichen Zusammenhang. Die Luft war anscheinend wieder jener Duft von dunklen Beeren und die Zeit ein frischer Aufguß von Kaffee.

Sylvia Petter

Apple of Paradise

In the spring of 1974, Anna got her first job – translating cooperation and security in Geneva. Like the pale-green stalks of a young tomato plant, European cooperation was fragile and needed nurturing.

Tomatoes, when she noticed them at all, came wrapped in tight transparency, supermarket perfect, red balls in straight rows of six. The more out of season the tighter the foil, the lighter the red, paradise dilute.
Television antennae started sprouting the length of the border between Germany’s two halves. Paradise was flaunted over the ether. It had been twelve years since eight East Germans careened in their bus at top speed through the Berlin Wall. Children were asked what television programmes their parents had watched the night before. Two up one down in the antenna maypole dance.

In September, 1974, agreement was reached on the free flow of information. Anna sat at the bar in the conference building with Peter, an East German colleague from the GDR State translation office.
‚It was the tomatoes,‘ he said.
‚What do you mean, the tomatoes?‘ Anna ran her hand through her curly red hair. She was expecting to hear an account more exciting than a story about a vegetable, even if it was the apple of paradise.
‚I come from Obersdorf. It’s in Thuringia. It’s small, only about a thousand souls. Things haven’t changed much there since before the war, …‘
Anna had heard of Obersdorf which was near Sibigrode, the village from where her mother had come.
‚… apart from slogans on the large boards near the town hall blaring cooperation with our Russian brothers,‘ he continued.
‚But didn’t you feel the difference after six months in Geneva?‘ Anna said.
‚Of course. But I’d been out before.‘
‚But you’d never been in the West for such a long time…and then going back …‘
‚Last Saturday, I was at the market in Obersdorf,‘ Peter said. ‚I saw some plump, ripe tomatoes glistening red in a pyramid. I reached out to squeeze one, just one on the corner, when a fat wrinkled old thing in a grey-blue pinafore barked at me: „Just where do you think you are?“ Without thinking, I shot back: „Geneva.“ I put the tomato on the pile and left. I didn’t dare look back.‘
Peter went home to Obersdorf that Christmas. He did not return to Geneva.

In 1976, the Russians clamped down in disregard of agreed cross-border flow of information. Anna saw Peter again at a conference in Belgrade.
‚How are you? Is everything all right? Have you been working?‘ she asked.
‚Yes, but only in the East. I guess Geneva was too long for them. So no more missions to the wild West.‘
The next day he was gone.

In 1984, Anna was sent to West Berlin for a four-day meeting.
‚Can you meet me at Checkpoint Charlie at 20h15 on Friday, 13 January,‘ she had written to Peter.
She took the tube. Passengers alighted at each stop to be swallowed by a grey that thickened the closer she got to her destination. Proofed against sound, the tube hurtled along beneath the Wall.
Anna surfaced at the station steps. ‚This is it,‘ she breathed, expelling the air of the underground.
The crossing was two hundred metres off and smaller than she had imagined.
‚Films always exaggerate,‘ she said aloud. She crossed the American side and left the bath of neon for the twilighted no-man’s land.
The German Democratic Republic. She caught her breath, as harsh shafts of yellow lit up the large grey official figure of the GDR.
‚Visa. 24 hours. You must change 25 Mark,‘ it snapped, its head studying her passport. Anna’s heart thumped a nod.
‚Where do you stay? You must mark the hotel.‘
‚Hotel … Palast,‘ she stammered.
‚The object of your visit? Business?‘ it sneered. ‚No magazines? Books?‘
‚Just my toothbrush.‘
Without acknowledging her reply, the head hovered over her passport, then dismissed her with a dull and ink-blurred stamp. She opened the heavy glass door and walked out onto the street.
The air was electric. Anna did not see Peter come out from the shadows on the other side of the road. She felt him.
‚We’ll talk at the hotel,‘ Peter said. He steered her elbow three blocks in silence and only slowed their pace when the foyer lights were in sight.
The hotel bar was brightly lit but almost empty. Cards marked „RESERVIERT“ decorated two-thirds of the tables.
‚Oh, Peter, it’s good to see you,‘ Anna said at last.
‚Hush,‘ Peter said as a waiter strode towards them and led them to a corner table, one without a card.
‚I’ll just leave my coat on the chair,‘ she whispered.
‚You can’t do that here,‘ Peter said and went to hand it with his own to the dour-faced woman behind a counter marked „Garderobe – Toiletten“.
‚The place will soon be full, by the look of those cards,‘ Anna said as Peter sat down opposite her.
‚No it won’t. Not enough staff to handle a full room, not enough that want to. So they say the tables are reserved.‘
Before Anna could speak, Peter said: ‚Remember those tomatoes? Well that was the province. We’re in the city now.‘ He folded his hands on the table in front of him and stared at his long thin fingers. ‚The only fruit we get are apples, red ones at Christmas if we’re lucky, but usually Golden Delicious. These days they are neither, just greying yellow that taste like flour.‘
Anna shook her head, her curls dropping over one side of her face. ‚But, Peter, all the good things we used to talk about, the big things, the important things … not apples,‘ she trailed off. This wasn’t the Peter she thought she knew, wanted to know. He hadn’t even said „Hallo“. Their only physical contact had been, not a kiss, but his steely fingers on her elbow, a rudder in the dark. She had been wrong. It had been easy to talk ideals with her purse and stomach full.
‚Oh, Peter … .‘ The words sank into emptiness.
He looked up and smiled at her in a sad still way then ordered two beers. They talked a while, their conversation dissolving like froth until there was nothing left to say.
‚Walk me back to the border, Peter. I’d better go.‘
He nodded, buttoned his coat and helped her into hers. His fingers relaxed on her elbow as they walked in silence to the border crossing. At the heavy glass door his lips brushed the curls over her forehead.
‚Take care of yourself,‘ he said.
Like a clockwork doll Anna stepped through to face the large grey official again. A taste of felt filled her mouth.

For almost five years Anna heard nothing from Peter. In the spring of 1989 a letter arrived.
‚Times are changing,‘ he wrote. ‚I’ve got a telephone.‘
It was months before she dared call him and when she did their exchange was guarded.

On 9 November 1989 the Wall tumbled down. The price of tomatoes went up and the vegetable became rare at the market in Obersdorf. At first Peter found competition difficult to understand, uncomfortable to digest. He soon learnt about packaging, marketing, financing and raised his tag. Germany had become one, … almost.

Satellite dishes like oversized eggshells baubled on slated roofs above peeling slogans. New outer skins affixed with yogurt, autos, underwear collided in scope, flashing gaudy. Anna and Peter were in the circuit again, but crossed conference lines separated their assignments. They lost telephone numbers, lost touch.

Peter moved to a village near Bonn, about one thousand souls. He bought tomatoes at the supermarket; they glistened in rows, their skins stretched shiny.

Anna stayed in Geneva. On her sheltered balcony, she set up a trellis on the South wall and planted the apple of paradise.

Mike Markart

Ich bin ein Mahnmal und ein immerwährender Kalender

Vor mehr als zehn Jahren griff eine heimtückische, todbringende Krankheit nach meinen Organen. Schlich sich in meinen Körper, um ihn auszubrennen. Um eine Brandkatastrophe zu entfachen, die zwangsläufig mit dem Tod zu enden hat.

Der Arzt sagte zuerst gar nichts, denn wir sind befreundet und die Diagnose, die er an mir erstellen mußte, ging ihm nahe. Das sah ich ihm an.
Ich verließ die Praxis und lief. Das war eine Eigenheit von mir. Dachte ich an den Tod, an seine Endgültigkeit, an diese nie mehr endende Dunkelheit, knallte in meinen Ohren ein Startschuß und ich lief los wie ein in Panik geratener Hund. Schon die Stiegen der Arztpraxis hetzte ich hinunter. Den Bach entlang, durch den Ort und ich hätte niemals aufgehört zu laufen, wäre mein von der Krankheit geschwächter Körper nicht zusammengebrochen. Hätte dieser Körper sich nicht über eine Mauer gelehnt und auf das Friedhofsgelände hinein übergeben.
Die drei mir laut ärztlicher Diagnose noch zustehenden Wochen überschritt ich. Mir war die Krankheit von außen deutlich anzusehen, der Schädelknochen mußte geschrumpft sein, die Gesichtskonturen, ehemals scharfe Züge, hingen herab. Mein Hut rutschte mir über die Augen. Meinen Bekannten kam diesbezüglich selbstverständlich kein Wort über die Lippen, Fremde jedoch, Menschen auf der Straße, in Geschäften und im Wartezimmer des Arztes, wunderten sich immer häufiger darüber, dass jemand so sehr von einer Krankheit gezeichnet sein kann und trotzdem noch am Leben ist.
Ich hatte gelernt, mit der Krankheit, den Schmerzen und der an mir festgemachten Häßlichkeit am Leben zu sein. Trotzdem, ich hatte meine Drei-Wochen-Frist bereits um weitere drei Wochen überzogen und machte mir immer häufiger Gedanken über die Sinnhaftigkeit dieses Weiterexistierens unter zwangsläufigem Verzicht auf alle Annehmlichkeiten des Lebens, die natürlich nur mittels eines funktionstüchtigen Körpers erreichbar und durchführbar sind.
Meinem Arzt blieb, trotz meiner heftigen Einwände gegen mein Weiterleben, nichts, als mir zu bestätigen, dass ich ohnehin bald tot sein müsse, dass die Tatsache, dass ich in meinem Zustand noch immer am Leben bin, ein medizinisches Wunder bedeutete, wenn nicht sogar eine Unmöglichkeit. Das ist unmöglich, sagte er in jener Zeit oft, wenn ich morgens die Tür in seine Praxis aufstieß.
Um die Qual meines Lebens zu verkürzen, hatte ich selbstverständlich aufgehört, irgendwelche mir verschriebenen Medikamente einzunehmen. Allein schmerzstillende Mittel nahm ich, in immer höheren Dosen versteht sich, einerseits um die zwangsläufig und selbstverständlich häufiger und dazu stärker auftretenden Schmerzen in allen möglichen Regionen meines Körpers so weit wie möglich zu dämpfen, denn zum Stillstand konnte ich sie ohnehin nicht mehr bringen, und andererseits, weil ich mir von eben diesen immer höheren Dosen schmerzstillender Mittel auch eine Wirkung gegen die mir zugemutet verbleibende Lebenszeit erhoffte. Natürlich vergeblich. Je weniger die Medikamente gegen die mich inzwischen Tag und Nacht quälenden Schmerzen halfen, desto mehr hatte ich das Gefühl, dass sie meinen Körper immun machten gegen den Tod.
Mein Aussehen war zwangsläufig jedem mir unvorbereitet begegnenden Menschen bald nicht mehr zumutbar, dementsprechend verhüllte ich mich, wenn ich das Haus verließ, beinahe täglich, um beim Arzt meine Beschwerde gegen dieses unerträgliche Weiterleben einzubringen.
Viele Menschen, die ich aus dem Wartezimmer des Arztes kannte, die geradezu gesund, verglichen mit mir sogar kerngesund aussahen, verstarben. Ich ging hinter dem Sarg jedes einzelnen her, schaute sehnsüchtig hinunter in das frisch ausgehobene Loch. Zu welchem mir ein unergründliches Schicksal den Zugang zu verwehren schien.
Irgendwann ahnte ich, dass es für mich keinen natürlichen Weg aus diesem Leben gibt. Daß die Krankheit, die alle relevanten Organe in meinem Körper nicht nur befallen, sondern regelrecht gebraten und aufgefressen hatte, nicht imstande sein würde, diesen Körper auch endgültig zum Stillstand und demzufolge unter die Erde zu bringen. Deshalb ging ich daran, Maßnahmen vorzubereiten, um das, was die Krankheit in mir begonnen hatte, zu Ende zu führen. Auch meinem Arzt gegenüber äußerte ich die Vermutung, dass ein bislang unbekannter genetischer Defekt verhindert, dass jene Vielzahl von Krankheiten, die sich in meinem Körper eingenistet hatten, irgendwann und zwangsläufig auch meinen Tod herbeiführen. Da zu diesem Zeitpunkt die Diagnose, welche mir eine verbleibende Lebenszeit von höchstens drei Wochen eingeräumt hatte, bereits mehr als drei Jahre zurücklag, äußerte mein Arzt sich nicht, diese Vermutung betreffend, verfiel er doch in einen Zustand bleicher Sprachlosigkeit, der ihn darüber hinaus vollkommen unfähig für jede Bewegung machte, sobald ich sein Behandlungszimmer betrat. Auch damals beinahe täglich. Um meinen erbärmlichen, ausgehöhlten Körper vorwurfsvoll vor ihm aufzustellen.
Trotzdem die hohen Dosen schmerzstillender Mittel, die ich oft regelrecht in mich hinein schüttete, meinen Körper in keiner Weise zusätzlich zu schädigen schienen, wollte ich als erste zwingende Maßnahme gegen dieses unerträgliche Weiterleben eine höchstgradige Vergiftung probieren. Die Skepsis allerdings, die ich von Anfang an in bezug auf dieses Unterfangen hatte, erfüllte sich auf beeindruckende Weise: Ein Cocktail aus Blumendünger und allen im Haus auffindbaren Medikamenten, deren Beipacktexte im Falle einer Überdosierung eine Vielzahl lebensauslöschender Zustände in Aussicht stellten, durchquerte meinen Körper, ohne dieses in katastrophaler Verfassung befindliche Vehikel endgültig zum Stillstand zu bringen. Vielmehr mußte ich mir eingestehen, dass ich mich durch das Gebräu nicht wirklich beeinträchtigt fühlte. Daß zu den Schmerzen, die meine befallenen Organe ständig in hohem Maße signalisierten, nur ein kurzer Anfall zusätzlicher Magenschmerzen durch die von mir gegen mich ausgeführte Attacke hinzukam.
Dieser Umstand jedoch forderte mich geradezu heraus. Ich sagte meinem Körper einen gnadenlosen Kampf an, wollte es zuerst nocheinmal mit Vergiften probieren, wollte meinen Körper in eine Giftkatastrophe ohnegleichen hineinstürzen, die er meinen Vorstellungen nach unmöglich überleben konnte, durchstöberte demnach den Dachboden nach allen möglichen Flüssigkeiten und Chemikalien, fand Schwefelsäure, Ammoniaklösung, Ethylendiamin, Dimethylformamid, Kaliumdichromat und Kaliumhydroxyd, mischte alles zusammen und trank trotz des erwartungsgemäß widerlichen Geschmacks geradezu gierig, lehnte mich zurück und dachte an meine Vorsicht im Umgang mit diesen Chemikalien, als ich sie vor ungefähr zwei Jahrzehnten für meine Fotoarbeit verwendet hatte, Handschuhe getragen hatte, eine spezielle Brille. Das Chemikaliengemisch zog eine Furche durch meinen Körper, ich mußte mich übergeben und ein Teil meiner in Auflösung befindlichen Organe klatschte vor mir auf den Boden, in meinem Kopf fiel der Strom aus und ich versank in diesem Sumpf.
Ich weiß nicht, wie lange ich dort gelegen war, auf einem Auge war es dunkel, als ich den Kopf aus der Brühe hob, die Hälfte meines Gesichts war verbrannt. So nah hatte diese Krankheit mich ans Grab gebracht, mich hineinzustoßen war sie jedoch nicht in der Lage. Ich konnte aufstehen. Reinigte dementsprechend den Boden. Wenn ich gewußt hätte, dass ich auch diesen gegen meinen Körper ausgeführten Anschlag überstehen würde, hätte ich mir damals die Vorsicht im Umgang mit den Fotochemikalien sparen können, dachte ich.
Ich verstand, dass es auch für mich nicht leicht sein würde, diesen ausgeschlachteten Körper über jene schmale Grenzlinie zu bringen, die mein Leben noch vom Tod trennte, denn die Hoffnung, mich in die Grube hinein zu vergiften mußte ich schon begraben.
Ansonsten gehe ich nicht in die Kirche, einmal jedoch folgte ich dem Pfarrer, als er auf der Straße an mir vorbeiging. Ich erreichte ihn erst, als er die Kirche bereits betreten hatte und dementsprechend seine Geschwindigkeit mäßigte. An mir vollzieht sich ihr Glaube an ein ewiges Leben in zynischer und schrecklicher Weise. Ich bin ein Mahnmal und ein immerwährender Kalender. Sagte ich zu ihm. Dann hatte ich das Bedürfnis, vor ihm zu fliehen. Ich ging, so schnell ich konnte, dem Ausgang zu, hatte das schwere Tor schon einen Spalt geöffnet, als er mich einholte, seine Hand auf meine Schulter legte, um mich zurückzuhalten. Ich habe die Fähigkeit, meine Ohren zu verschließen. Will ich nichts hören, schließe ich meine Ohren, wie ich meine Augen schließe, wenn ich nichts sehen will. Ich sah, wie der Pfarrer etwas zu mir sagte, jedoch hatte ich meine Ohren verschlossen und wartete, bis sein Gesichtsausdruck mir vermittelte, dass ich gehen kann, ohne ihn zu verstören. Ich drehte mich um und das Kirchentor fiel hinter mir ins Schloss, das hörte ich wieder.
Zuhause legte ich mich aufs Bett und schnitt mit dem besten Messer, mit dem ich früher die Schalotten feinst gehackt hatte, die Pulsadern an meinen beiden Armen auf. Aus tiefen, sauberen Schnitten begann es zu fließen. Glänzend sammelte das Blut sich auf dem Leintuch, versickerte allerdings bald und hinterließ einen dunkelroten matten Fleck. Ich hatte erwartet, dass mir kalt wird und schwindlig, dass ich irgendwann zurücksinke und vergehe. Jedoch sah ich auch noch den allerletzten Tropfen Blut aus den Wunden in das mittlerweile vollgesogene Leintuch und demzufolge in die Matratze hineinrinnen, ohne irgendeine Veränderung in meinem Zustand festzustellen. Ich stieg aus dem Bett und bereute, dass ich mir die Adern nicht in der Badewanne aufgeschnitten hatte, denn ich mußte die blutgetränkte Matratze durch eine dünne, demnach unbequeme Gästematratze, die darüber hinaus seit Jahren am Dachboden gelegen war und dementsprechend roch, austauschen und das Bett vollkommen neu beziehen. Dadurch, dass ich die Giftanschläge überlebt hatte, hätte ich gewarnt sein müssen. Blaß war ich geworden, das bemerkte ich, als ich im Badezimmer meine verschmierten Hände wusch und in den Spiegel schaute. Ich dachte, als ich diesen zerstörten Rest von mir im Spiegel betrachtete, dass ich wahrscheinlich unsterblich bin. Zumindest jedoch herkömmlichen Todesursachen, sowie auch ihren verschiedenen Spielarten gegenüber vollkommen immun. Du bist, sagte ich zu jenem Wesen im Spiegel, das einmal ich gewesen war, du bist, sagte ich zu jenem Gesicht, dessen eine Hälfte verbrannt und in der immer Nacht war, du bist also, sagte ich, vollkommen immun gegen den Tod.
War zu Beginn meiner Krankheit der vom Arzt in Aussicht gestellte nahe Tod, also meine kurz bevorstehende vollkommene Auslöschung eine Aussicht, welcher ich gerne entgangen wäre, die Vorstellung daran mich in atemloses Laufen versetzte, so war, als die Giftanschläge und das Messerattentat fehlgeschlagen waren, jener Tod, jene Auslöschung, jenes Fliehen aus diesem erbärmlichen Körperrest ein in weite Ferne gerücktes Ziel geworden, welches zu erreichen zwangsläufig meine einzige verbleibende Lebensaufgabe werden mußte.
Ich trank einige Gläser Wein, hatte jene letzte in meinem Besitz befindliche Flasche Pichon Longueville Comtesse de Lalande 1982 aus dem Keller geholt, und fuhr mit dem Wagen auf die Autobahn. An einer geeigneten Stelle, knapp vor einer Tunneleinfahrt, verriß ich den Wagen nach rechts, katapultierte ihn über die Leitplanken und in rasantem Schrägflug ins Gestein. Alles in mir war gebrochen. Der Arzt schüttelte den Kopf, nachdem die Feuerwehr mich aus dem zertrümmerten Blech geschnitten hatte. Vielleicht darüber, dass kein Tropfen Blut aus meinem Körper rann, obwohl dieser wild verrenkt und an vielen Stellen aufgebrochen vor ihm lag, oder aber, um den Umstehenden, also dem Fahrer des Rettungswagens und den Leuten aus dem Feuerwehr- und dem Polizeiwagen zu bedeuten, dass nichts mehr zu machen sei. Ich tippte sofort auf die zweite Möglichkeit, denn er machte keinerlei Anstalten, den genauen Zustand meines Körpers herausfinden zu wollen. Ich wurde auf eine Trage gelegt und in den Rettungswagen verfrachtet. Während der Fahrt, bei der mir sofort auffiel, dass der Fahrer sich dem zäh fließenden Verkehr einfach unterordnete, wurde auch auf das Folgetonhorn verzichtet, deutliche Zeichen also dafür, dass man mich bereits abgeschrieben hatte.
Umso verwunderter war der Arzt, als ich ihn, nachdem man mich ins Innere des Krankenhauses gebracht hatte, ansprach, mich nach meinem Befinden erkundigte. Dadurch kam Bewegung nicht nur in den Arzt, sondern in die ganze Station. Der Narkosearzt sollte mich in einen Tiefschlaf versetzen. Die in mich einsickernden Mittel griffen selbstverständlich nicht, ich stellte mich jedoch schlafend, um die Angelegenheit für alle Beteiligten so unkompliziert wie möglich zu halten. Die operierenden Ärzte wunderten sich, als sie an vielen Stellen in mein Fleisch schnitten, dass kein Blut aus den Wunden kam, das Ausmaß der Verwunderung konnte jedoch nicht wirklich ausufern, denn viel größer war die Verwunderung darüber, dass sie in meinem Körper nicht wirklich alle Organe, die einen Körper am Leben erhalten, finden konnten und dementsprechend, dass dieser vollkommen zertrümmerte und ausgehöhlte Körper überhaupt noch am Leben sein konnte. Als man es von mir erwartete, schlug ich die Augen, die ich während der lange dauernden Operation geschlossen gehalten hatte, wieder auf. Die Ärzte wußten natürlich nicht, dass ich ihr Erstaunen, ihre Ungläubigkeit hinsichtlich meines körperlichen Zustands mitangehört hatte, und es war offensichtlich, dass sie mir gegenüber in der Folge sehr unsicher auftraten. So waren sie vorsichtig und dementsprechend ungenau, als sie mir mitteilten, womit sie mich weder überraschen noch schockieren konnten, dass sie während der Operation nämlich auf merkwürdige Veränderungen in meinem Körper gestoßen sind und dass eine Reihe weiterer Untersuchungen durchzuführen seien. Ich ließ die Untersuchungen zu, die Ärzte waren verstört über die Ergebnisse. Demzufolge mieden sie, wenn es nur irgendwie möglich war, während der Visiten mein Zimmer.
Während der Operation hatte man meinen Körper mit neuem Blut aufgefüllt. Das war mir egal, die Pulsadern würde ich mir ohnehin nicht wieder aufschneiden, da ich mir davon keinerlei Nutzen versprechen konnte. Und dass meine Haut wieder weniger blaß war, störte mich nicht wirklich.
Aufgrund der Vielzahl von Bruchstellen in meinem Körper dauerte es mehrere Monate, bis ich das Krankenhaus verlassen konnte. Ich schleppte mich, auf Krücken gestützt auf die Straße hinaus, nahm ein Taxi, das mich zu meinem Haus brachte.
Keine Sekunde war ich ohne grenzenlose Schmerzen, deshalb tat ich bald darauf etwas, was im Nachhinein betrachtet wohl als der größte Fehler meines unsterblichen Lebens bezeichnet werden muß: Ich legte mich auf ein Bahngleis, damit die heißen Räder jenen schmerzenden Rumpf abtrennen und fortwerfen. Der Kopf hüpfte zuerst, rollte den Bahndamm hinunter und blieb im Gras liegen. Der Zugführer hatte eine Notbremsung versucht, selbstverständlich vergeblich. Als man meinen Kopf aus dem Gras aufhob, war ich bereits wieder ansprechbar. Noch als ich die entsetzten Gesichter vor mir sah, dachte ich, ich hätte mir eine Handgranate in den Mund stecken sollen, die hätte meine Gedanken weit in die Landschaft hinaus verstreut und diese quälenden Zusammenhänge zerrissen. Dafür war es natürlich endgültig zu spät.
Seit Jahren schaue ich deshalb durch das Glas hinaus in einen kahlen Raum und habe den Blicken jener, die mich anstarren, nichts entgegenzusetzen. Und auch gegen mich selbst kann ich nun nichts mehr tun.

(Nyssen & Bansemer, Köln)

Mike Markart

Levomepromazin

Sehr geehrter Dr. Keller.

Man hat mich eingesperrt. Die mir zugeteilten Schuhe sind schwarz, die Jacke sitzt schlecht und auch die Hose ist zu weit. Ich mag mich damit nicht im Spiegel anschauen.
Schreibt Köller.
Aus mir unverständlichen Gründen hat man mich eingesperrt. Man hat mich abgeholt mit der Begründung, ich sei verrückt.
Schreibt Köller auf ein Blatt Papier.

  1 107 389
+ 4 328 296
+   458 218
+       389
+ 2 673 291
+    56 739
---------
8 624 322
=========

Könnte ein Verrückter eine so schwierige Addition ausrechnen?
Schreibt Köller.
Sicherlich nicht. Selbstverständlich nicht.
Allein diese Addition muß Ihnen schon beweisen, dass man mich ohne Berechtigung eingesperrt hat.
Abgeholt und eingesperrt.
Ich kann noch schwierigere Rechnungen durchführen, z.B. Subtraktionen. Jeder Mensch wird verstehen, dass Subtraktionen noch viel schwieriger durchzuführen sind, dass sie demnach einem Verrückten gänzlich unmöglich sein müssen.

Schreibt Köller.

  6 349 921
- 1 278 459
-   458 002
- 3 389 452
-       289
-   481 291
---------
742 428
=========

Wenn Sie diese beiden schwierigen Rechnungen nachrechnen, werden Sie feststellen, dass ich nicht verrückt sein kann. Herr Doktor Keller.
Dass es unmöglich ist, dass ich verrückt bin. Denn einem Verrückten, so werden Sie feststellen, wäre es niemals möglich, so schwierige Rechnungen durchzuführen. Selbstverständlich werden Sie feststellen, dass es vollkommen ausgeschlossen ist, dass ein Verrückter ähnlich schwierige Additionen und Subtraktionen auszurechnen imstande ist.

Ein Verrückter, sehr geehrter Dr. Keller, könnte darüber hinaus auch nicht so komplizierte Wörter schreiben wie z.B. Paläozoikum, enthusiasmieren, Galvanokauter oder sogar Magnetohydrodynamik. Das kann ein Verrückter gar nicht schreiben. Oder kann ein Verrückter vielleicht Bromhexinhydrochlorid schreiben? Doktor Keller. Selbstverständlich, werden Sie sagen, wenn Sie diesen Brief lesen und beim Lesen an gerade jener Stelle angekommen sind, ist es einem Verrückten vollkommen unmöglich, zum Beispiel Bromhexinhydrochlorid zu schreiben.

Sehr geehrter Dr. Keller, bitte rufen Sie die für meine Gefangennahme zuständigen Personen an und klären Sie sie auf in bezug auf meinen Geisteszustand, welcher, das müssen Sie aufgrund der in diesem Brief dargelegten Beweise zugeben, ein ausgezeichneter ist.


Mit freundlichen Grüßen
Köller

P.S.: 4 528 736 + 5 937 159 + 6 943 657 – 4 527 931 – 138 – 32 112 – 1 668 314 – 391 264 = 10 789 793, Binomialkoeffizient, Schizophyzee, Orthognathie, heterozyklisch, Thrombozytenaggregation und Levomepromazin.

Louis Armand

The Prague Connection

Ariadne’s Thread

after the long night her arms
like an astrological map full of endless zeroes …
without knowing why she takes
the dulled constellation of her eyes
& offers them up to her dealer in kings cross–
she says that if she can have
one more hit
she’ll hide it somewhere in her body
where the sickness won’t find it
she says one more hit
will give her courage
to go blind through the world
with a cardboard sign a bowl & a walking cane –
but just for good luck
she conceals her last needle deep inside
her last candle her last square of foil
she ties a spoon around her neck
on a cotton thread
as a last reminder of the way home –
though she says on the doorstep:
anyway, this time i’m not coming back

CENDRILLON

a mechanical hand
gropes
in the desert

silent matrimonial
(of blood
under brittle nails) –

too late – already
the senseless
pantomime, mourning

the solemn
refusal of
(unspoken) words –

an ashtray conceals
its anonymous
accumulation of burnings

nightsend …
lipstick traces
on a cigarette

Die Götterdämmerung*
(for M.E.R.)

its clock towers hang in the darkening light
i might have thought
within the broken glass of the immanent or
beyond that one time’s
hypnotic voice had conjured another’s from
immutable dust
or that the giant’s harp of brooklyn bridge
was no less than
the first wavering note struck of iron run to water

whether you told me then that it was real
the apperception
of this byzantium its vast impenetrable spaces
no longer matters
that there have been others like me
unmindful
struggling towards the infinite plateaux
of danté’s other city
this alone will have fulfilled my soul’s prophesy

yet whatever now remains of those fevered eyes
that once fixed
the pole star in its solitary region
falls away
& in a silent vertigo of fable i am left alone
to navigate
visionless among the dark celestial
whisperings
without ever being able to lessen their enigma

* First published in Island, Hobart (Australia), 1997.

(for MERone will have fulfilled my soul-thout ever being able to lessen)

PAYS DE COCAÏNE

time stops through the ice inert
as a lover’s hand exhausted by pretence
cut off from any gesture of denial

you fade / outside is memory
scarcely real a frozen island of air

or suffocation or inevitability encloses
in a narrow space / beguiles
with et ceteras & alibis

the time it takes to adjust
a guilty truth in a pale reflection …

none of this matters though
if you can breathe underwater
like houdini / counting the seconds
between impossible escapes

PRAGUE SPRING
(for James Alexander, b. 18.VIII.96)

because snow had fallen then, too –
infirmary windows cold &
anaesthetic, staring out on the
slow funeral of autumn trees –

as if something remote & unfamiliar
had looked back appalled through the glass,
& cast a shadow that is always
melting before it can reach the other side –

or else becomes in time the apparition
of a place (where guilt & the fugitive
once grappled in a passionless arrest,
or two lovers dreamt of innocence

while their child lay, atrocious & dying);
frozen there – beyond the mirror that first
compelled you into life, like an intuition
of absence – an image, a name …

in darkness now i turn from your dream
to the prison of my solitude – condemned
for all the words i will never write
& watching your eyes impatient for death –

though memory fails, at last to know: that
i must love what i could not understand

REFLECTIONS IN AN EYE
(for Robert Adamson)

tracing contours – 
               an estuary
         rail line
the iron black
      latticework of
            a suspension
                  bridge – (re-)
marking a division
         in the      liquid
            syntax of
its mirror – 
      a signal
               light – the frag-
         mented
   geometry of
            compartment
windows – 
      sudden hulk of
               a commuter   train
         breaking
            into view – 
a livid span
               between
   stationary points of
                  negation – 
      balanced (there)
            above
         the shifting
   axis of         the river – its
tidal shadows
            reverse-
                  imaging
      gathered
         in (horizontal      mimicry of)
   an echo – lucent – 
               beneath
the slow
            pelvic un-
      dulations of
                  seagrass – 
   the sibilant
               lacunæ
deep      in the riverbed – 
      becoming
            (in)visible – only
   the faint
                  distant
         groaning of
steel tracks – 
      half-mute      tremor – 
            plunging
   down               (in)to
      hollowed
         earth
                     (its
               sinister
traumdeutung) – 
         night
      draws across
                  the water's
   unblinking – 
            repeats – 
         an aperture
framing
               ex-/   in-teriority

Since mid-1994 Louis Armand has lived in the Czech Republic where he teaches seminars on Aus. Lit. and Cultural Theory at Charles University. His first full-length collection of poetry was published this year by Twisted Spoon Press (Prague), and two more collections are forthcoming (x-pozie/Twisted Spoon Press). He is currently poetry ed. of The Prague Revue.

Amanda Stewart

Kitsch Postcards

Australia’s Australia.
Australia is. I am
an Australian. I am.
Is. an Australian.

Lucky, sunburnt, kangaroo, koala, wombat.
Young, possible, Sydney Tower, K mart, satellite.
Tough, courageous, Gallipoli, pioneer, the land.
Easy going, carefree, beach, sun. Future

pacing the edges of,
maps, souvenirs,
an order, undecaying, of
ownership, sense and law.

space. youth. gold. sea.

the cities are gutted,
there’s edible sky,
and pieces of Luv,
great chunks of it.

pioneers and their noble savagery.
their picturesque slaughters.
their beautiful photography.

Backs to desert, eyes to sea.
A witness to my visibility.

suns flare in the navels of the sunburnt.
Europe, New York and north west gravity.

the sky empties,
moves into ice like an
archaeologist and its pet dinosaur,
bright furious blue.

the white.
the rock at the lip of coast.
the white.
with backs turning, eyes to the desert.

 

Kitsch Postkarten

Australiens Australien
Australien ist. Ich bin
eine Australierin. Ich bin.
Ist. Eine Australierin.

Glücklich, braungebrannt, Känguruh, Koala, Wombat.
Jung, möglich, Sydney Tower, K mart, Satellit.
Hart, mutig, Gallipoli, Pionier, das Land.
Leichtlebig, sorglos, Strand, Sonne. Zukunft.

Die Ränder abschreiten,
Landkarten, Andenken,
eine Bestellung, unverwest, von
Besitz, Sinn und Gesetz.

Raum. Jugend. Gold. Meer.

Die Städte sind ausgeweidet,
es gibt eßbaren Himmel,
und Stücke von Luv,
große Brocken davon.

Pioniere und ihre edle Wildheit.
Deren malerische Schlächtereien.
Deren schöne Fotografie.

Rücken zur Wüste, Augen zum Meer.
Ein Zeuge meiner Sichtbarkeit.

Sonnen blitzen in den Nabeln der Braungebrannten.
Europa, New York und Tendenz Nordwest.

Der Himmel leert sich,
schiebt sich ins Eis wie ein
Archäologe und sein zahmer Dinosaurier,
helles wütendes Blau.

Das Weiß.
Der Fels am Küstenrand.
Das Weiß.
Den Rücken kehren, Augen zur Wüste.

Deutsch von Rudi Krausmann & Gerald Ganglbauer

K mart: australische Warenhaus-Kette; Gallipoli (Türkei): verhängnisvolle Schlacht der ANZAC (Australian and New Zealand Army Corps) im Ersten Weltkrieg; Luv (Love) ist ein Hundefutter