Martin Krusche

Jeder lebt gerne

Geht’s dir gut? Hast du jemand mit dem du reden kannst? sagte der Kerl an der Theke zu mir. Da war ich gerade beim dritten Glas Blauburgunder und ahnte: Wenn ich das jetzt nicht sofort regle, erzählt mir der sein ganzes Leben. Er sieht aber genauso aus wie einer, über dessen Leben ich nichts erfahren will.
Ich bin als Teenager einmal auf so einen Kerl hereingefallen. Da hab ich dann meinen Job geschmissen und bin mit ihm losgezogen. Es war ein Kreuzzug der Nächstenliebe. Hinterher hatte ich so hohe Schulden, dass ich meine Eltern um Hilfe bitten mußte. Dabei hätte ich vor Ärger fast meine Zunge verschluckt. Sie gaben mir das Geld mit Tränen in den Augen, weil sie froh waren, dass ich mich von diesem Menschenfreund getrennt hatte ohne einen Anwalt zu brauchen.
Als ich noch überlegte, wie ich dem neuen Wohltäter halbwegs schonend eine Abfuhr bescheren konnte, denn ich bin ein sanftmütiger Mensch, starrte ich auf das laufende TV-Gerät über der Theke. Es war ja Samstag und Eva-Maria Klinger, die Mutter der Enterbten und Ausgesetzten, ordinierte in ihrer Kummerecke von Wer will mich?, um verlassene Tiere anzubringen. Sie hielt gerade einen erbärmlich geschrubbten und geduckten Köter am Halsband, sagte, während mir der Menschenfreund auf den Pelz rückte: Ersparen sie ihm das Eingeschläfertwerden. Das ist auch nicht lustig. Jeder lebt gerne.
Ich spürte, wie meine Augen feucht wurden, ballte meine Faust, wandte mich dem Wohltäter zu und sagte leise: Ich würde dir gerne die Nase einschlagen, wenn dir das recht ist.
Was denken Sie?
Es war ihm nicht recht. Er taumelte zurück, als hätte ich zugeschlagen. Aber ich schwöre: Es war nichts. Nur ein Lächeln in meinem Gesicht, denn ich hatte ja nichts gegen den Burschen. Ich wäre bloß lieber von einer Frau angesprochen worden. Doch, wie soll ich es ausdrücken? Ich hab manchmal das Gefühl, ich erwecke bei Frauen den Eindruck, sie wollten ganz bestimmt nichts über mein Leben erfahren. Das kann ein Problem werden, wenn sie verstehen, was ich meine. Ehrlich gesagt: Mir wäre lieber, sie würden jetzt gehen. Setzen sie sich einfach woanders hin. Wozu erzähle ich Ihnen das überhaupt?

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