Oliver Stahmann

Urlaubsrückkehr

Wir öffnen die Tür und sehen einen langen Flur vor uns. Wir gehen in das Haus hinein und stolpern über mehrere große, überfüllte Koffer. Stofffetzen blicken aus ihnen heraus. Auf der linken Seite befindet sich eine Fensterfront die Blick auf den Innenhof des Hauses gewährt.
Überall stehen Blumenkästen. Die Blumen sind verwelkt…
Auf einem Sessel sitzt ein abgemagerter Hund und versucht zu bellen. Das Bellen gleicht einem Winseln und ist alles andere als angsteinflößend, erweckt in uns eher ein Gefühl des Mitleids. Neben dem Sessel hat der Hund seine Geschäfte erledigt. Der abstoßende Geruch vermischt sich mit Prisen süßer Designerdüfte, die erst vor kurzem diesen Flur erfüllt haben dürften.
Wir gehen den Flur weiter entlang, bleiben vor einer weißen Tür stehen. Laute Stimmen und Gelächter dringen aus dem Raum dahinter an unser Ohr. Wir schieben die Spinnweben beiseite, drücken die Türklinke herunter und öffnen sie. Es quietscht und knarrt. Eine große Rauchwolke kommt uns entgegen, dicker Nebel. Wir verharren kurz, um uns an den Rauch zu gewöhnen.
Nur langsam können wir wieder etwas sehen. Wir sehen fünf Personen. Zwei Männer und drei Frauen. Die Männer sitzen auf Sesseln, die Frauen haben es sich auf einem geblümten Sofa bequem gemacht. Auf einem Tisch steht eine Platte mit Kuchen, vor jedem einzelnen ein Teller, eine Tasse Kaffee, Cognac-Gläser. Die Männer halten Bierflaschen mit Bügelverschluß in der Hand. Alle starren auf den Fernseher.
Einer der Männer gibt Kommentare zu den Bildern, eine der Frauen erläutert, die drei anderen Geschöpfe gucken neugierig, bewundernd, amüsiert. Wir blicken jetzt ebenfalls auf den Fernseher. Wir sehen: Verwackelte Bilder. Die Schärfe stimmt nicht, der Zoom geht vor und zurück, kein Schnitt, keine Schauspieler. Wir sind zutiefst gelangweilt, stellen uns in eine hintere Ecke und beobachten für eine Weile das Geschehen.
„Ja, und da waren wir auf einem Boot“, sagt der eine Mann, nennen wir ihn A1.
„Ein Candle-Light-Dinner!“ ergänzt die erläuternde Frau, nennen wir sie A2.
„Ah, Candle-Light-Dinner! Wie vornehm!“ sagen die zwei Frauen, die neben A2 sitzen, im Chor. Für uns B1 und B2.
„Ja, und teuer“, bestätigt A2 und nickt vehement mit dem Kopf.
„Aber wozu hat man Urlaub!“ erlaubt sich auch der zweite Mann, B3 zu benennen, hinzuzufügen.
„Jetzt guck mal, guck mal! Schau mal diese Karre! Mit einer von denen sind wir auch mal gefahren.“ A1 hat glänzende Augen.
„Ja, eine achttürige Limousine“, erläutert A2.
„Ah, achttürige Limousine, wie vornehm“, juchzen B1 und B2 entzückt.
„Ja, und teuer“, bestätigt A2 und nickt vehement mit dem Kopf.
„Aber wozu hat man Urlaub?“ erwähnt B3 und lacht.
„Einmal haben wir Kevin Costner in einer gesehen.“ A1 streckt seine Brust hervor und nippt an seinem Bier.
„Ja, Kevin Costner, der Schauspieler von Mad Max“, erklärt A2 B1 und B2.
„Ah, Kevin Costner, der zeugungsunfähige Scientologe“, schreien B1 und B2 gemeinsam.
„Nein, nein“, gibt sich A2 klug. „Das was die Zeitungen schreiben ist doch alles gelogen. Glaubt mir, ich habe ihn ganz dicht vor mir gesehen, er hat mir sogar in die Augen geschaut, und ich kann euch hundertprozentig sagen, das dieser Mann nicht zeugungsunfähig ist.“
„Aber wozu hat man Urlaub“, erwähnt B3 und lacht.
„Da, jetzt, seht mal: Der Gerd. Der Gerd hat gegessen wie ein Scheunendrescher.“ A1 ist über seine Aufnahmen fasziniert.
„Einmal hat er schon zum Frühstück ein großes Steak mit Bratkartoffeln verspeist.“ Das war A2s Text.
„Ein großes Steak mit Bratkartoffeln?“ wundern sich B1 und B2 gemeinsam.
„Ja, ein T-Bone-Steak mit Bratkartoffeln. Der Gerd hat gegessen wie ein Scheunendrescher.“
„Aber wozu hat man Urlaub?“ fragt B3 und lacht.
„Sind das nicht herrliche Aufnahmen“, fragt A1, obwohl ihm die Antwort egal ist. „Das ist jetzt der Blick aus unserem Hotelzimmer im 32. Stock“, erläutert A2.
„Aus dem 32. Stock?“ B1 und B2 wird schwindlig vor Augen.
„Ja, wie klein die Welt doch von so weit oben ist.“ A2 blickt an die Decke, verdreht die Augen.
„Aber das ist nun mal Urlaub“, erlaubt sich B3 zu äußern.
„Und da!“ A1 beginnt laut zu lachen.
„Das ist der Boden von New York! Wir dachten, die Kamera wäre aus, statt dessen hat sie unseren ganzen Weg vom Empire State Building bis zum World Trade Center aufgenommen.“ Auch A2 lacht.
„Das ist ja witzig.“ B1 und B2 schließen sich dem Gelächter an.
„Ja, lustig nicht wahr?“ fragt A2 noch mal Bestätigung suchend nach und schlägt sich vor lauer Heiterkeit auf die Schenkel.
„So ist das im Urlaub.“ Auch B3 grinst und wir erheben uns wieder aus der Ecke als A1 aus einer Tüte mehrere Fotoalben herauszieht und den Videorecorder ausschaltet. Wir schleichen uns leise zur Tür und stehen wieder auf dem Gang. Der abgemagerte Hund schnarcht leise vor sich hin. Wir wenden uns nach links zur Küche. Dort riecht es muffig, in einer Ecke liegt eine tote, schwanzlose Maus. Wir öffnen den Kühlschrank und sehen in das Auge einer blubbernden grünen Flüssigkeit, die sich einmal Joghurt nannte und nun mit ihren Armen nach uns greifen will. Schnell schließen wir den Kühlschrank wieder. Wir öffnen eine Dose Hundefutter für den Hund und pfeifen nach ihm. Er erhebt sich träge, springt vom Sessel, sein Schwanz deutet ein Lächeln an. Dann knicken seine Beine zusammen und er fällt um. Lautes Lachen ist aus dem Fernsehzimmer zu vernehmen.
An der Tür klingelt es. A2 stürzt hin, stolpert über den wohl toten Hund, rappelt sich geschwind wieder auf. Ein Mann und eine Frau stehen vor dem Hauseingang und geben glucksende Laute der Begrüßung von sich, überreichen A2 ein Bündel Stroh. Der Mann, unserem Schema folgend C1 tituliert, zerrt einen kleinen Hund hinter sich her und drückt A2 die Leine in die Hand.
„Hier, für dich“, sagt er. „Den alten haben wir leider eingehen lassen.“
„Ach Gott wirklich?“ A2 ist überrascht. „Das habe ich noch gar nicht bemerkt, wir sind erst seit zwei Stunden wieder hier.“
„Jaja“, sagt die Frau, C2 ist ihr Name. „Aber sei froh, dieser Hund hat nur gehaart!“
„Ja, du hast Recht! Kommt rein und schaut euch unsere Fotos an.“ C1 und C2 sind begeistert.
Wir nehmen eine große Kettensäge in die Hand, werfen den Motor an, schwingen sie um den Kopf herum und laufen in kreisenden Bewegungen den Flur zur Eingangstür hinauf. Wir erwischen den rechten Arm von C1 und dann das linke Bein von A2. Bei C2 gehen wir gezielt auf den Kopf los, der in sekundenschnelle vom restlichen Körper abbricht, wie ein Baumstamm fällt. Wir blicken den erschrockenen A2 und C1 ins Gesicht, wischen uns das Blut von den Händen und sagen den einzigen Satz in dieser Geschichte: „Ein Glück. Dieser Kopf hat nur gehaart.“ Dann greifen wir nach der Handgranate in unserer Manteltasche, ziehen den Verschluß ab, und werfen sie den Gang hinauf. Dann rennen wir schnell aus dem Haus heraus, verlassen diese Geschichte wieder und lösen uns in der Luft zu Staub auf, als hätte es uns nie gegeben.
Das Haus explodiert, die Polizei und die Feuerwehr kommen und tappen im Dunkeln: Sie wissen nicht, wer die Täter waren. Die Nachbarn, Freunde und Verwandten sind verzweifelt: „Die As, die Bs und die Cs sind immer so nette Leute gewesen. So normal.“

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