Guntram Balzer

Neue Texte

Österlicher Nährgrund

Man kann nicht sagen,
dass das Ei nicht geschmeckt
hätte. Nein, beileibe nicht,
denn wie sonst wäre der
prächtig kriechende
gelb-braune Nachwuchs
zu erklären (oder sind
es die Eltern), der nun
das durchlöcherte lila
(denken sie jetzt an Milka
& Mmmmmandelsplllitter
??) Stanniol-Papier verlässt
und zu meiner Freunde auf
die leimbestrichene Zeitung
hinauswandert. Wissen Sie,
so kartographiere ich Ihre
Wanderbewegungen

Untouchable Tour

Come on Baby, sagt der
Mann am Lenkrad mit
dem Revolver we go to town
und dazu nimmt er einen
Schluck aus der Schnapsflasche:
der Süden ist heiß, im Süden
kannst du gut verkaufen. Okay
es ist manchmal gefährlich aber
Bier kaufen die durstigen Arbeiter
der Schlachthöfe immer. Während
draußen die Häuserzeilen immer
schäbiger werden und Schrott in
den Straßengräben liegt, rast
der Bus die verruchten Straßen
hinunter. Du hast dir eine Papiernelke
ins Knopfloch gesteckt. ‚Ne prima
Zielscheibe,‘ brüllt einer, dann
wird alles schwarz

At Hemleys
you’ll get the entrance
into the Pleasure Dome
Barbie in Frauenkleidern
Barbie in Männerkleidern
you’ll look so nice, sagt der
Tamagotchi (jetzt in Farbe)
zu seinem Herrchen, ehe er von
einer Sekunde auf die andere in
einen differenzierten
Gemütszustand verfällt:
Bad thing, doch Vorsicht mit
dieser Stimmung, ich
bin bewaffnet, ich kann sterben lassen
ich habe eine Magic-Bubble-Gun
das Mädchen, das auf dem Stuhl steht,
zielt in die Menge, erschießt ein paar
Zuschauer und lädt dann in einer
Seifenlösung nach. Nur ein tanzender
Zwerg ist Zeuge, dem die Hände mit
Drähten gebunden sind. Er applaudiert
höflich, nickt dem urbanen Universum
mit Räubern, Wolkenkratzern und der
Freiheitsstatur zu, Babel: tausend
Zungen plappern gleichzeitig mit
hundert verschiedenen Akzenten.
Wie leicht kann man sich in der
Kakophonie von Stimmen verlieren?

Hacker

über einer leergeräumten Pizzaschachtel
hat meine Katze uriniert,
die auf der ständigen Jagd
nach der von mir geführten Maus
nicht von meiner Seite weichen wollte

Hauptsache, sie missbraucht nicht
die mit Disketten gefüllten und unbenutzten
Pizzaschachteln hinten in der Ecke,
die ich als zusätzliches ADD-ON immer bestelle:
aber unterschätzen sie nicht die Saugfähigkeit
von Pizzakarton

Ampelfrau

In Erwartung von gelbgrünen Zeichen
und gefesselt an Sitz und Bremspedal
zeigte sie mir so wunderschön ihre Zähne
beim Flanieren über auf die Strasse gemalten Streifen

ich staunte über die Stärke ihrer Kaumuskeln
und kriegte dann Lust auf einen Kaugummi
mit Erdbeergeschmack

offene zweierbeziehung

lass es uns tun sagt sie
in seiner erinnerung
tauchen autorückbänke auf
(citroën) badewannen (villeroy
& boch) heuschober (zillertal)
gebüsche (englischer garten)
fahrstühle (europa-center) intercity
(walhalla) theaterloge
(wiener burg) flugzeugsessel (jal first)
dann steigen sie in ein taxi

Mark Pregartbauer

Ameisen

Unzählige Arbeiterameisen krabbeln auf dem achtlos weggeworfenen Stück Apfel, den der ehemalige Besitzer bis auf den von ihm nicht mehr verwertbaren, da nicht schmackhaften, Putzen abgenagt hat und anschließend auf den Boden, unbewußt, in die Nähe des kleinen Ameisenbaus verfrachtete. Winzige Stückchen mit ihren höchst effizienten Schneidewerkzeugen vom Ganzen getrennt, auf ihren im Verhältnis zu ihrer Körpergröße erstaunlich kräftigen Rücken tragend, läuft eine Ameise hinter der Anderen wohlgeordnet, die, für den sich nähernden Menschen kaum sichtbare, schwarze Straße aus sich bewegenden Körpern entlang. Keine Ameise tanzt jemals aus der Reihe. Menschliche Schritte, werden als kleine Erdstöße erfaßt, allerdings stört dies keinen der Arbeiter beim Abbau des schmackhaft weißen Fruchtfleisches.

In der Gedankenwelt unseres Menschen existieren die kleinen Ameisen genausowenig wie der Apfelputzenrest der knirschend unter seinem hastigen Schritt, er ist in Eile den Bus zur Schule noch rechtzeitig zu erwischen, zu bräunlichem Brei zermalmt wird. Einige Ameisen finden dabei den Tod, was niemanden weiter kümmert (die Ameisen als allerletztes), warum auch? Unser Mensch, ein junger Homo Sapiens, gelangt pünktlich zur Schule wo ihm gemeinsam mit seinen Klassenkameraden/innen, nun ca. 6 Stunden täglich, und das 5 Tage die Woche, Wissen nach modernen pädagogischen Prinzipien artgerecht und wohl portioniert eingetrichtert wird. Die Schüler tragen die Informationen in ihren für ihre Körpergröße erstaunlich leistungsfähigen Köpfen dann nach Hause. Tag für Tag, Woche für Woche. Nur Weihnachten, Ostern, etc. unterbricht sich das Jahr mit ebengenannten Feiertagen, die für sowohl die „Arbeitende Bevölkerung“ als auch die Schüler eine willkommene Abwechslung bieten. Ameisen kennen im Vergleich dazu keine freien Tage; dies ist ein gewichtiger Unterschied zum Menschen. Beendet man als Schüler den gewählten Schultyp, das hat unser „Vorzeige Homo Sapiens“, da in Vorbereitung auf sein späteres Leben noch Informationen sammelnd, vor sich, ist es natürlich nicht vorbei Leistungen zu erbringen, sich noch immer fortzubilden, sich durchzusetzen; kurz: im Beruf aufzugehen. Es beginnt gerade erst. Ameisen dagegen werden, da von Beginn an voll entwickelt , von Geburt auf ins leistungsorientierte Leben integriert. Das haben sie den Menschen voraus.

Einige Jahre später krabbeln unzählige Arbeiterameisen auf dem achtlos weggeworfenen Stück Apfel, den der ehemalige Besitzer bis auf den von ihm nicht mehr verwertbaren, da nicht schmackhaften, Putzen abgenagt hat und anschließend auf den Boden, unbewußt, in die Nähe des kleinen Ameisenbaus verfrachtete. Winzige Stückchen mit ihren höchst effizienten Schneidewerkzeugen vom Ganzen getrennt, auf ihren im Verhältnis zu ihrer Körpergröße erstaunlich kräftigen Rücken tragend, läuft eine Ameise hinter der Anderen wohlgeordnet, die, für den sich nähernden Menschen kaum sichtbare, schwarze Straße aus sich bewegenden Körpern entlang. Keine Ameise tanzt jemals aus der Reihe. Menschliche Schritte, werden als kleine Erdstöße erfaßt, allerdings stört dies keinen der Arbeiter beim Abbau des inzwischen braun oxidierten Fruchtfleisches.

In der Gedankenwelt unseres gealterten Menschens existieren die kleinen Ameisen, die er in wenigen Sekunden zu Dutzenden zertreten wird (noch immer) schon wieder nicht, wohl aber achtet er diesmal auf den abgenagten Apfel, dem er, da die gründlich polierten schwarzen Lederschuhe, sie glänzen sogar, laut Kleiderordnung nicht beschmutzt sein sollen, mit elegantem Ausfallschritt ausweicht. Die Ameisen kümmert der Tod ihrer Kameraden, der Sapiens ist auf die Ameisenstraße getreten, noch immer nicht, insofern hat sich in dieser Gesellschaft nichts verändert. Nichts geändert hat sich auch für den Menschen der hastigen Schritts zum Bus eilt welcher ihn gemeinsam mit Dutzenden Leuten mehr oder weniger pünktlich in die Nähe seiner Arbeitsstätte verfrachten wird. Am jeweiligen Arbeitsplatz angekommen ergießt sich ein Strom arbeitswilliger Homines Sapientes in die Büros wo sie aktenschleppend, wohlgeordnete 40 Stunden die Woche, ihrer Arbeit nachgehen werden.

Wenn der junge Mensch nach einem arbeitsreich erfüllten Tag übermüdet in seinem Bett dem wohlverdienten Schlaf entgegensinkt nimmt er aus den Augenwinkeln manchmal das sich im Halbdunkel vor seinem Fenster bewegende Laub wahr. Gelb fällt es, im Licht einer roten Sonne, verfärbt von hohen Bäumen, sammelt sich zu einer bunten Decke, im Herbst den grauen Asphalt bedeckend. Im goldenen Licht gehen Unbeschwerte Hand in Hand lachend durch raschelndes Laub, erkennen nicht, dass alles nur zerbrechliche Einbildung ist, am Morgen wenn der Wecker läutet vergessen, aufgeschoben bis zur nächsten Nacht.

Ob Ameisen tagträumen können?

Ron Winkler

greisgraus und andere momente

klassenkampf mit warialsemanz

fähen & bullen aller regionalien,
verländert euch,
entlasst euch den schwindbuchten & schlupfgruben,
polyhasst multiandere denn eure selbste,
bildet katalysaggressive banden,
manifestiert meutermeuten gegen abhürzende altbauten
entsteigt
denn alle nacht geht von geläuf
alle mitmischerei aber von rottung aus.

jungvolk vernissiert

man gibt sich nasal und
postaristokratisch in schickbrillen und markhosen
und kredenzt manche tollerei auf haut und haaren,
stelzt aus alternativnot in schwarz und harten farben.

kultjünger sabbern kunstdünger,
debütanten schwitzen einher
und schnappen mimikrisch rum
während die szene-asten nicht ruhen
und dezent wutentbrennungen flippen.

aufreißer in gedanken
schwelgen in rüschenhöschen,
und die dazugehörigen reizwäschigen
schippern die wände entlang,
spitzen die düfte ins unerträgliche –
die florierten schlackern verständlich.

intellektonanisten führen den text,
das angesumpfte gefolge speckt die gläser an,
dem künstler steht der achselschweiss
ins gesicht geschrieben.
weibsvolk reißt die boa.

jeder noch so müllerige pickelsichter
meiert sich durch die nacht
und hängt sich eine in den arm.
zwischen den beinen
werden die rückfahrgemeinschaften klar.

greisgraus
– geriatrische momente –

in der sonne julem licht
sich die altengarde trifft
alte, faule, weisse waden
tippeln- kriechende brigaden

sie legen, bevor sie erkalten,
die körper in wachsige falten
schwenken die keulen an die luft
und versausäuern sie mit ihrem muff

in der sonne julem licht
sich die altenhorde trifft
kranke, sieche, wese waden
abgekochte wrackbrigaden

sie sonnen die flechten, zelluliten
ihre grindfeuchten, horngelbwunden blüten
ihre fahlen sabbertrichter
ihre multiple-used-gesichter

in der sonne julem licht
sich die altenrotte trifft
schiefe dünne knorpelwaden
wasserbeinige brigaden

sie schwitzen aus allen poren
und wind wedelt mit ihren ohren
sie, unsere lieben alten
sind oben bis unten anusspalten

in der sonne julem licht
sich die altenmeute trifft
stinkwarzbedeckte waden
dekubitöse tranbrigaden

sie scheuern an allen stühlen
mit ihren minderwertgefühlen
präsentieren ihre fäule
mit gebissen wie schlaffe gäule

in der sonne julem licht
sich die altengarde trifft
alte, faule, weisse waden
tippeln- kriechende brigaden

die leimtüte atmet
mir entgegen
nachts um vielleicht halb drei
ein sonnenrot kriecht auf
als frühes geräusch.
hinterher gähnt eine stimme
unter mir farbfliege
fast mit dem beutel voller pollen
im traumfeld
die tränensäcke
weitab gestellt
ich und sie
lächelt mir zu
der körper geht nicht mit
kommt vielleicht morgen
mit dem abendzug aus paris
dem warmen wind
der jetzt schon nach soda riecht

f-ergeblich

forgestern
fielen
federngleich
flüsternd
ferlangende
frauenworte
feinfernebelnd
fastfölligzumir
fastwarum?
fastweil
fragendzwarund
fallusregend,doch
foraussichtlichnur
fasenweise.

[fasenweise
fillichnicht]

die liese liegt –
liegen liebt die liese

hans kommt
in lieses
liegen-leben,
liest
(hans liebt lesen)

jetzt
liegt die liese,
liest –
liegt und liest

liese
liebt jetzt
lesen

brute !

bärbeißige bauernbuben
beißen bisweilen
biedere bankettdamen,
besiegen böse bullen,
bläuen brutal blasshäuter,
bringen bonzen brachiale blutungen bei.

bleiche bankiers
brunften beständig,
bearbeiten brustwunder,
betreten beliebige bordelle,
blecken bisweilen barbarische beißleisten
beim befingern blauäugiger bodyguards.

bildschöne ballerinen
blasen bestimmte blasinstrumente,
beschämen bartige bischöfe,
benebeln brave bürger;
biertrinkende busenbomben
bullern blasige brühe.

braunbackige brauereifacharbeiter
belegen bildungskurse,
bedrängen bauchfreie bibliothekarinnen,
bezaubern bebrillte bücherkrähen
bis bibeln beben
beim begatten.

bezugspunktlose bewusstseinsblinde
befallen banditenartig bingohallen,
beleben beifall bettelnd
billige bistros,
belagern bei bitterem branntwein
blondierte barmänner.

beliebige biobrut
betreibt banale bonanzen,
bleibt bulimisch bodenständig
bäckt broiler bis barbies,
beliefert beinmuskeln blähend
bauernfänger.
beliebige bildzeitungsbevölkerungen
bilden buntscheckige banden.

Martin Krusche

Jeder lebt gerne

Geht’s dir gut? Hast du jemand mit dem du reden kannst? sagte der Kerl an der Theke zu mir. Da war ich gerade beim dritten Glas Blauburgunder und ahnte: Wenn ich das jetzt nicht sofort regle, erzählt mir der sein ganzes Leben. Er sieht aber genauso aus wie einer, über dessen Leben ich nichts erfahren will.
Ich bin als Teenager einmal auf so einen Kerl hereingefallen. Da hab ich dann meinen Job geschmissen und bin mit ihm losgezogen. Es war ein Kreuzzug der Nächstenliebe. Hinterher hatte ich so hohe Schulden, dass ich meine Eltern um Hilfe bitten mußte. Dabei hätte ich vor Ärger fast meine Zunge verschluckt. Sie gaben mir das Geld mit Tränen in den Augen, weil sie froh waren, dass ich mich von diesem Menschenfreund getrennt hatte ohne einen Anwalt zu brauchen.
Als ich noch überlegte, wie ich dem neuen Wohltäter halbwegs schonend eine Abfuhr bescheren konnte, denn ich bin ein sanftmütiger Mensch, starrte ich auf das laufende TV-Gerät über der Theke. Es war ja Samstag und Eva-Maria Klinger, die Mutter der Enterbten und Ausgesetzten, ordinierte in ihrer Kummerecke von Wer will mich?, um verlassene Tiere anzubringen. Sie hielt gerade einen erbärmlich geschrubbten und geduckten Köter am Halsband, sagte, während mir der Menschenfreund auf den Pelz rückte: Ersparen sie ihm das Eingeschläfertwerden. Das ist auch nicht lustig. Jeder lebt gerne.
Ich spürte, wie meine Augen feucht wurden, ballte meine Faust, wandte mich dem Wohltäter zu und sagte leise: Ich würde dir gerne die Nase einschlagen, wenn dir das recht ist.
Was denken Sie?
Es war ihm nicht recht. Er taumelte zurück, als hätte ich zugeschlagen. Aber ich schwöre: Es war nichts. Nur ein Lächeln in meinem Gesicht, denn ich hatte ja nichts gegen den Burschen. Ich wäre bloß lieber von einer Frau angesprochen worden. Doch, wie soll ich es ausdrücken? Ich hab manchmal das Gefühl, ich erwecke bei Frauen den Eindruck, sie wollten ganz bestimmt nichts über mein Leben erfahren. Das kann ein Problem werden, wenn sie verstehen, was ich meine. Ehrlich gesagt: Mir wäre lieber, sie würden jetzt gehen. Setzen sie sich einfach woanders hin. Wozu erzähle ich Ihnen das überhaupt?

Peter Giacomuzzi

großstadt männlich

die betuchten arschlöcher
kneifen ihre backen zusammen
lassen aus lauter scheu an bewegung
die besten plätze
in der vollsten bahn
leer
und denken was weiß ich
an die größe des reichs

an händen sind leichter
die menschen zu erkennen
das alter die jugend der tod
im frühmorgen der fleischwölfe
im weg zu der arbeit
sind alle so unscheinbar gleich
mit tausend verschiedenen händen

würde dein weißer saum
würde das naß deiner lippen
setz dich komm lieb mich
und laß mich dich spüren
zusammengefallen
verschlossen die mäßig
bedeckten beine
den arm spür ich
in manchen kurven

noch immer kotzt ihr mich an
firmengewichste lakaien
mit billigen pornos
aus sportmagazinen
die säcke füllen sich erst
wenn ihr besoffen seid
und ausgebeutet im tod

vorhänge sacken herununter
schließen die eigne
erbärmliche welt
ab von der anderen
die kaum auszuhalten
und doch blinzelt
neugierig die seele auf meine
lange nase

und nur mehr fähig
kartoffel zu sehen und zu
beschimpfungen

menschen der raumgewinnung
keinen platz zuhaus
und doppelt breite
beine und schultern
in halbleeren zügen

in den comics
die ganze bildung
einer nation
männlich und eigen
bis mit ins grab
die illusion des sieges

fünfzigjährige weiber
ein graus in dem zug
hemmungslos ausgelebt
wird nun das geld
das die säcke in
sturer dummheit erleben
in die schlitze ihrer weiber
stecken sie scheine
so lebt sichs ganz gut

so liest der abgeschlaffte
mann am morgen schon
wichsgeschichten
so spielt das dumme häschen
am morgen schon
die unberührte sau

so lebt ihr vor euch hin
in diesem zug zu blöd
für euch dass ihr euch
nicht vermehrt und
konsumiert
was euch befohlen

und besoffen
wie die letzten schweine
und schamlos
sitzt ihr geilen säcke
verwichst und mit dreckigen
spielen im kopf
und unfähig was sinnvolles
zu fühlen
so fahrt ihr nach hause zu
und glaubt noch immer
der welt und euch selbst
was zu beweisen

so müd macht der sommer
die bilder zu ende
es schwitzt sich der letzte
frust in den leib
bald fallen die blätter
auf modriges gras
es wird um einiges
leichter noch sein

der flaum unterm faltenrock
wippt durch das jahr
haarscharf gemähte
schenkelbahnhöfe
stoßen noch letzte
züge voll neugier aus
die kälte deckt bald alles zu
der schnee darüber
beruhigt

die schönste zeit in dem jahr
kurz vor dem langen sterben
es freuen sich alle
mit mächtiger ruhe
und denken nicht

warum legst du dich zu mir
ich werd dich übriglassen
irgendwann
alleine muß ich warten
auf dem großen platz
wie lange noch
willst du dich vergeuden
ein loch an meiner seite
ist noch frei
es muß das deine sehr bald sein

anstatt im kopf
der ordnung des tages zu dienen
rinnt dir der ganze lebenssaft
in der dämmerung
zwischen die beine

wär dein hirn
so einfach zu bedienen
wie deine fotze
du wärst zufrieden

zwischen deinen beinen
fällt noch kein laub ab
es ist frühling
die äste aber haben ihre blätter verloren
und lassen dich träumen
die wenigen jahre noch

an den angebißnen
bis knapp vor dem roten fleisch
an den abgebißnen
bis ganz tief und eingerissen
deine teuren kleider täuschen nicht
die sprache deiner finger nicht

alle mit den köpfen nach unten
und vor mit geballter kraft
so seid ihr in den krieg durch die länder gezogen
so fährt ihr im zug ohne saft

und drückt nur fest die augen zu
das leben wird nicht besser
und drückt auch fest das arschloch zu
ihr sitzt genug im dreck

in der langen pause
zwischen morgenstreß und
abendlicher entblätterung
trauen sich leute in die züge
kinder alte mütter müßiggänger
die bahn wirft ihren transportpanzer ab
und kleine lücken für höflichkeiten
tun sich unvermutet auf

die arbeitslosen hausfrauen
kreischen konsumneuigkeiten
durchs abteil
unausstehlich wie ihre männer

am sonntagabend trägt
die schiene alle ins bett
millionen die kurzfristg
lebensluft atmeten
vorbereitet für stressige tage

der sonntagsausflug
ein paar stunden im zug
zwei stunden in gruppe gewandert
die heimfahrt
stehend kaputt

die augenwinkel sichten
verstohlen ein andres gesicht
und blöde in dieser stadt
reimt sich ein jeder
seine exotik

unmögliche weiber
kämpfen um geisterplätze
ungeniert lassen sie jeden
anstand
hinter sich

heimatlos sein
euch nur zum teil verstehen
und kämpfen meist gegen
gespenster die freundlich
dir lanzen ins fleisch treiben
manchmal der wunsch
in einem fleisch von euch
endgültig schlafen

herbst auch ihr
werdet sterben
ich seh es besser
kein mitleid mit euch

den stumpfsinn kann niemand
wohlwollend übersehen
auch bei herbstlaub nicht

manchmal möcht auch ich
verfaulen können in dem
herbstlichen plapperlaub
verblühender weiber

jetzt spinnt ihr alle
und ohne hoffnung
dem ende der tage entgegen
je lauter die stimmen
je breiter die beine
die angst rückt ganz nah

in kalter konzentration
verweigert der blick rundherum
nur breite beine
nur könig sein für sich selbst
im krieg haben die alten hier
gemetzelt wie schweine
die jungen scheinen schon wieder
dumm genug
dafür

und soll man sich verbieten
die lust mit halb so alten
man soll und kann ja nicht
und wird so älter drüber

nur in deinem minirock
trinken und schlafen
zu wenig für dich
zu viel für mich

sieht man genauer hin
eure sauberen hemden
sind angetrenzt und
zum kotzen

nicht glauben die weiber
dass kurzberockt sie
auf die schwänze wirken
und blöcken wie schafe
wenn steife männer
winseln

im eilzug
langsame betrachtungen
der äußere putz ist
bei näherem hinsehen
kaputt die schuhsohle
schmutzig das leder
ein faden am saum
wie plötzlich verschwunden

einer der möchte
das leben hier wie
in den bildern davon
könige spreizen die beine
die sklaven gepeinigt im dreck
die zeit dreht sich
und kommt nicht voran
dasselbe auf schienen
aussteigen einsteigen
grins du nur
arschloch der vergänglichkeit
engel des gleichmuts
nach zehn minuten
fällt euch der kopf ins nichts

deinen hauch möcht ich
unbezahlt
und ohne dich zu kennen

irgendwann gehörst du dazu
bist eins geworden mit dem zug
die schiene in den kopf
der rhythmus der gleisnähte
bestimmt deinen gang
jahre sausen an dir vorbei
schicksale sehen
kurze heftigkeiten
von fensterscheiben ferngehalten
lächerlichkeiten in stahl
nachtens rollen stockbesoffene schädel
durch den zug
füße suchen nach den händen
untertags nur fleischtransport
an den endstationen warten ungeduldig
nasse seelen
durchgelegtes fleisch nach schlachtbahnhöfen

wenn ich geil bin
ist es angenehm
von andren körpern
zerquetscht zu werden
wann aber werd ich
jemals im zug

draußen vor mir
der blaue dezember
menschen bewegen sich träge
am sonntag dem abend hin
blüten lange noch keine
liebe in stoischen larven gebannt
zeichen zu viel ohne zweck
ich bin wieder zuhause
neumarkt am bahnhof
wenige leute am zug
sie verstecken bauernhände
in missoni handschuhen
die geschlechter in seide
daran erkennbar
seltsame zeichen
sind ganz normal
einsteigen
abteile unmäßig leer
mangel an menschen
seltsam schwer
stimmenkulissen
neumarkt und mitakadai
punkte am selben meer

ein kind in den wärmenden
hautschutzgeflechten
ein mann spuckt
rotz auf das gleis
bahnhof transitideen
der neue hügel ist in mir
ob das verstehen
ob was wir sehen
ob je ein ort
dort zu sein hat

zuggeilheiten
ein arm drückt sich heran
die nase zieht sich den rotz
ein leben in fotze
nächste station
aussteigen

peitsche mich und schlag
mit den stöckeln ein loch
in den arsch
stülp deine blase
über mich aus
dein dreck auf silberteller
als abendmahl serviert
die löcher blumenvasen
jetzt peitsche mich und schlag
mir solche bilder aus den augen
fallen laß mich und wimmern
ich leck deinen speichel auf
peitsche mich und

die falschen worte zerspringen
in den eiswürfeln im glas
kein gefühl
das in eine ordnung kommt
das grinsen stört
der ernst ein witz

bis eines in sich zusammenfällt
einhundert stockwerke auf ebner erde
bis dahin wird höhe ein lustgewinn sein
fast mögliche spitzen
milchstraßensamen
am ende auf ebner erde
zerdrückte träume
mit einigem fleisch

schulkinder in bildung getaucht
tonnenweis schrott erlernt
schon falln die kirschblüten
wieder ab
der hitze des sommers mit träger
notwendigkeit entgegen

am morgen
häßlich
die ungewaschenen
im mief der nacht noch
einem zu frischen tag
zu

in windeseile
aus dem gestank
der müdigkeit
in den lärm
des wachseins
und gleich schon
kaputt

mit geschlossenen augen
schlafen zu träumen
die qualen des alltags
verschwömmen im raum
doch nur ein augenblick
das licht in der pupille
ihr seid gefangen

warum sind
mittältrige frauen
so grau so gleich so kurzbeschnitten
gleichtönige dauerwellen
das herz auf den kopf gestülpt

nicht lang
währt die lust
von den geilen stöckelschuhen
langsam und zart die naht empor
heimat des feuchten
im saum erspähend
arsch in zwei hälften
geteilt und bereit
brust von armani
dann weiter oben
das aus

zugunfälle
einer hat mich angespuckt
einer hat mich angekotzt
einer hat sich selbst
die lebenssäfte rausgeholt
in all den jahren
nicht grad viel
und wann wird eine

ansonsten seid ihr vollgewichst
und anstandslos im zug
erschütterungen kneten
den saft bis tief ins fleisch

die röcke bis kurz
unter die scham
schamloses fleisch
die säfte in blicke eingesperrt
es fickt sich sehr trocken
im zug

wenn deine lippen
gleichbemalt
wie deine lippen wären
der schwanz bräucht nachher auch
fettstoffentfernertücher
feuchte

im grunde spricht mein haß
nur neid
und ist ein ruhiger see
der meere freiheit träumte mir
ein zug fährt hin und her

so keusch du auch sitzt
im schlaf fällt dein schoß
auseinander
haltung bewahren
mühsame zuckungen
verraten alles
und mehr

die kravatte zu lange
gebunden
bis fast an den schwanz
du hund
lockere sitten im grauen büro

da einer nicht ficken kann
wichst er die automatik
des regenschirms
bis es ihm kommt
es kommt nie
zu blöd zu öd

als spinne am see
kurz wie gedichte die zeit
löchrige leere

deine augen fallen
in das rot deiner lippen
niemand in sicht
der sie rettet

fick tief du fick tief
fick tief du fiktive sau
fiktiv du
fiktiv

die vielen kravattenknoten
tummeln sich unter
den adamsäpfeln
einige schlampig
andere suchen und wissen
nicht was

mit dreißig schon
den frauen schreiben
ringe in die haut
ungelebte lieben
und pressen alle freuden
zu leidenden fratzen

die pflege des faulenden fleisches
hat auch auf den häuten der männer
jetzt reißenden absatz gefunden
wie bin ich nicht gut
gärendes scheißendes pissendes fleisch
verkittet mit edelstem dreck
freiheit der einen
für dummheit der andren
und meinen sack
noch schnell parfümiert

um einmal eine frau
um einmal eine sau
um einmal eine haut
ganz ohne geld und alkohol
da setzt sich ein versklavter schwanz
mit gut trainierter arroganz
so nahe an das mädchen
eijakuliert ein bißchen
in seinem hinterkopf
und hohl

ein arschloch mit telefon
mit den wellen
mit den schienen
doppelt nach hause
ich komm jetzt ich komm jetzt
ich bin schon bald da
kein schmerz in dem
liebesgeflüster
mehr

um 6 uhr am morgen
im november
kalte sonne holt die menschen
aus ihren stickigen
nachtmusiken
atemgestank kleidermief
rot blendet die sonne
gleichgültig alles aus
bis zur nächsten röte
unzählige leben

zwischen nase und lied
in dieser kurzen breite
eine warze erbsengroß
überpudert überludert
die lust das ding
schnell abzureißen
so schnell am morgen
noch vor dem tag

Erika Wimmer

nirgendwohin

Auf dem Zettel steht, nimm das Auto und fahr weiter. Während ich auf das Papier starre, schiebt sich Humens Sitz flächig gegen meinen Rücken. Vier breite Räder drehen mich lautlos voran. Dieser Wagen ist kompakt, sein Gewicht drückt den Asphalt unter sich weg, die Räder lassen schwarze Spuren auf der Fahrbahn zurück. Ich rutsche tiefer in den Fahrersitz hinein, stemme die Arme gegen das Lenkrad und lasse den ersten Fahrtwind an mir vorbei. Die Fenster sind offen. Der Ganghebel läßt sich geschmiert hochschrauben, ich habe Geschwindigkeit, es wird Nacht. Ich werde die Nacht durchfahren, nur Lichter auf Schwarz will ich sehen, weiße und orange und violette Streifen vor nachtschwarzer Landschaft, und die blinkenden Lämpchen im Wageninneren dürfen auf der glänzenden Oberfläche meiner Augen tanzen. Kein Geräusch. Warum ist es nur so still. Damit das Gehör optisch wahrnimmt. Damit es fühlen kann. Die breite Wagensilhouette, die stolze Länge, die Länge eines Straßenkreuzers fühlen kann, sein Gleiten, wie Öl auf den Reifen, Gleiten auf sicheren Achsen und unverrückbar fixierten Schrauben. Damit es wahrnehmen kann, das blitzrasche Glitzern auf dem silbergrauen Lack, das Glitzern fegt die Kratzer davon, das Gefährt bewegt sich wie neu, wie aus der Fabrik gekommen, oder als wäre es in der Werkstatt eigens frisch gelackt worden, damit mein Nachtgefühl schillert.

Stille, das Wageninnere eine zurücktretende lange Flucht. Viel Platz für Gepäck im hinteren Teil. Dort liegt alles zusammengewürfelt, auf einen Haufen gelegt, rasch verstaut. Unordnung herrscht dort, es lohnt nicht, alles zu ordnen, was man mitführt. Was später gebraucht wird, wird aus dem Haufen gezogen und glatt gestrichen, ansehbar gemacht, das reicht. Auf der Rückbank ein paar Utensilien, die Handtasche, die Personalien. Ausweispapier, Übergangskarte, Eintrittserlaubnis. Fotografie, ein Selbstbildnis. Aus der Selbstbildkamera. Dann Foto des Geliebten. Noch ein Abbild eines Geliebten, schon ein wenig verblichen. Lieb geblieben, versöhnt. Mehrere Kinderfotos. Wir alle gemeinsam vor der Stalltür. Kein Foto der Eltern. Dafür eine getrocknete und gepreßte Blüte. Die Haustorschlüssel in der Seitentasche, der Wohnungsschlüssel, der Zimmerschlüssel. Das Vorhängeschloß für den Keller. Warum ist das Vorhängeschloß für den Keller dabei? Ich habe den Keller nicht abgeschlossen, das Schloß mitgenommen. Nur für alle Fälle. Für den äußersten Fall der Fälle. Neben dem Schloß die Sonnenbrille. Eine Abriegelung ohne Funktion, nachts sicher untergebracht im Etui. Daneben das Puderdöschen mit der Quaste, der Spiegel, der Kamm. Der durchsichtige Plastikdeckel der Dose schon reichlich zerkratzt. Immer mitgeführt, selten benutzt. Kaugummi als Zahnbürstenersatz, zuckerfrei. Zum Mahlen und Mahlen, zum Totmahlen. Damit die Speichelproduktion angeregt wird und die sperrigen Teile besser rutschen. Neben der Handtasche auf der Rückbank ein paar Kleidungsstücke. Eine Jacke, ein Pullover. Unter dem dunkelblauen Pullover Humens Tonbandgerät versteckt. Auf der Matte unter der Bank die Stiefel, die Sohlen aneinander, die Schäfte zur Seite gefallen, in Ruhe, entspannt. Sohlen mit großer Spannkraft. Dick, aber durch das grobe Profil ein wenig biegsam. Gummiprofil, Lederschäfte, in einem der Schäfte ein seidenes Tuch. In greifbarer Nähe, auf dem Beifahrersitz, die Musik, Satie, Turner, Garbarek. Dudelsack aus dem Norden Englands. Grenzdudelsäcke, vom schottischen Hochland übergeführt. Ich schiebe die Kassette ins Tonband, hinter den Dudelsäcken kommen die Stimmen deutscher Volkslieder auf. Hinter Mozarts Klavierkonzert ertönen die gregorianischen Stimmen. Mozart und die Stimmen legen sich über die Volkslieder und Dudelsäcke. Dazwischen, in den Pausen, Morrison und Hendrix, unsere ungestillte Sehnsucht. Trommeln zerhacken die Schichten, spalten das Gehör auf. Wieviel Musik. Nachts am Ufer eines Sees das Spiel der Wellen mit den Wellen, mit den Steinen. Unter der Musik liegt der Straßenatlas. Die kleineren Ziele als rote Punkte, die größeren als rote Quadrate markiert. Tausende, millionen Ziele in Mitteleuropa. Professionelle Ziele oder Urlaubsziele. Arbeitsplatz, Hotelzimmer. Hundertfache Abzweigungen, betafelt, beschriftet, in der Geschwindigkeit nicht ablesbar. Die Pfeile und Verbotsschilder systematisch. Aufgestellt nach Vorstellung und Erfahrung. Nach Menschenmaß. Anders die Flußläufe, sie legen sich quer, gehen eigene Wege, durchkreuzen beliebig braune oder grüne Gebiete. Flußverbauungen beeinträchtigen den Fluß nur im Kleinen. Die große Bewegung, sichtbar in der erleichternden Vogelperspektive, ist frei, wie eine ungefähre Skizze macht sie sich in der Karte aus. Im Handschuhfach liegt ein Zettel, aus einem Schreibbuch gerissen. Das Buch hat Humen mitgenommen. Ich lege den Zettel zurück, die Tonbänder, ihre gespeicherten Stimmen, stecke ich ein. Die zwei Vordersitze sind mit Schaffellen belegt. Die Felle rutschen zur Seite, entblößen das speckig gewordene Leder. Die Rechte locker auf dem Lenkrad, schiebe ich die Linke unter das Fell, taste nach Haut. Breite, weiche, nur ein wenig gefederte Sitze. Dies ist ein großer, schwerer Wagen, ausgestattet mit Pferdestärken. Ein Mercedes. Ich stehe auf dem Balkon, ich überblicke die Rennbahn, verfolge den Lauf der Pferde. Wie ich diese starken Tierkörper bewundere. Ich könnte ihnen ewig zusehen, wie sie aus den Hüften heraus über den Sand schnellen. Schnitt, plötzlich stehen die Pferde an meinem Balkon, strecken die Köpfe über das Geländer und öffnen die Nüstern. Ich denke, diese Pferde bitten. Sie schnuppern im Dickicht aus Möglichkeit und Unmöglichkeit. Ich weiche zurück, da stürzt eines der Pferde in die Tiefe, es verendet. Eine Welle von Bedauern spült über meinen Balkon. Jetzt erst merke ich, dass ich tatsächlich fahre.

Wenn man bis ans Ende der Welt fährt, kommt man manchmal ins Paradies. Es ist die bloße Bereitschaft, bis ans Ende der Welt zu fahren, die einen befähigt, das Paradies zu sehen. Es passiert von einem Augenblick zum anderen, dass sich der Blick verändert: Man entledigt sich der Begriffe und richtet die Aufmerksamkeit zugleich nach außen und nach innen. Man lädt die Bilder, die äußeren und inneren, nicht auf, beläßt sie roh, läßt sie zueinander, sie vermischen sich nicht, jedes bleibt an seinem Platz und gilt für sich, aber bald wird fühlbar, dass ein jedes das andere sein könnte. Da, wo die Bilder zu Hause sind, erwecken sie den einen Grund.

Ich fuhr bergauf, die Straße war sicher ausgebaut und breit, keine Gefahr in Sicht, und doch war ich von einer besonderen Aufregung erfüllt. Ich fühlte mich wie jemand, der beschlossen hat, etwas zu wagen, aber noch nicht weiß, was. Vielleicht war es die Tatsache, dass ich zum ersten Mal, seit wir uns kannten, Humen zurückließ. Ich wollte allein sein. Noch während ich fuhr, war mir, als müsse ich etwas aufklären. Der Drang, einen Vorhang zur Seite zu schieben, war in den letzten Stunden angewachsen. Humen hatte dazu beigetragen, er hatte an diesem Nachmittag von der alles beherrschenden Perspektive, sie käme einer Ideologie gleich, gesprochen. So, wie wir an die Dinge herangingen, könne nichts als das gesehen werden, was es war, sondern immer nur als das, was unseren Erwartungen entsprach. Er hatte sich im einzelnen nicht auf mich bezogen, hatte nur allgemeine Überlegungen angestellt, oder von sich selbst gesprochen, und doch war mir bewußt geworden, in welchem Ausmaß ich von Trotz und Einbildung geleitet war. Nicht mit mir, so nicht und überhaupt, bitteschön, nur das, was ich will. Was verbogen war, unterwarf sich meinem Diktat und ließ sich in Schubladen pressen. Aber was mit jenen Dingen, die kerzengerade einfach so waren, wie sie waren? Gab es so etwas überhaupt? Konnte ich das Selbstverständliche nicht wahrnehmen? Gab es Wesen, die sich selbst nicht im geringsten in Frage stellten, mit keinerlei Vorstellung über sich behaftet waren, so dass auch ich sie nicht als fragwürdig erklären konnte? Fielen solche Menschen und Dinge durch meinen Raster, löschte ich die Existenz des einfach Gegebenen aus? Ich wußte nicht genau, wie es sich verhielt, aber ich ahnte, dass ich schlichtweg die Hälfte von dem, was da war, aufgrund meines Trotzes und meiner Einbildung gar nicht registrierte. Und ich belastete einfache Wahrnehmungen mit meinem komplizierten Hintergrund. Nehmen wir das Heu. Heu war geschnittenes Gras, welches im Übergang in einen anderen Seinszustand diesen unverwechselbaren, angenehmen Duft verströmte, was auf fraglose Bejahung seitens des Heues schließen ließ. Will sagen, das Gras bedauerte nicht, geschnitten, gelagert und anderen Wesen zum Fraß vorgeworfen zu werden. Ohne jeden Trotz und ohne jede Einbildung ergab sich das Gras der Veränderung und selbst als Mageninhalt des Wiederkäuers freute es sich, dienlich zu sein. Nun kam ich daher. Wenn Heu in meinem Blickfeld auftauchte, schloß ich blitzschnell kurz. Heu war für mich nicht einfach geschnittenes Gras, sondern auch die mühsame Heuarbeit, die ich als Kind mitverrichten mußte. Heu war das Jucken auf der Haut und die Blasen an den Händen. Heu war meine Abneigung gegenüber der Milchhaut, es war meine Empörung darüber, dass ich immerzu Milch trinken mußte. Heu stellte die Fragwürdigkeit der auf reine Viehwirtschaft ausgerichteten bäuerlichen Gesellschaft dar, es war der Inbegriff zwangsläufiger Armut. Alljährlich wurde darüber diskutiert, dass man auch Kartoffeln und Kohl anbauen sollte, aber nie konnte man sich dazu entschließen, immer scheute man das Risiko, das Unberechenbare. Heu war schließlich für mich die Kurzformel für das unerträglich Gleiche, es war der tägliche und jährliche Ablauf, die immergleichen Gespräche, der Familientrott. Heu war mein Gefühl, nicht zum Rest der Welt zu gehören, es war das Ausgegittertsein im Ländlichen. Oder nehmen wir die Kirchturmglocke, sofort wurde sie mit dem erzwungenem Kirchenbesuch kurzgeschlossen. Die Glocke war nicht einfach jener bestimmte Klang, der von Zeit zu Zeit über dem Ort lag, mit dem Ton schwangen der händeringende Pfarrer, die betuliche Rede, die Einschränkung und der Druck mit. Oder die alte Nachbarin, die bloß einmal täglich das Haus verließ, um nach ihrem Gemüsegarten zu sehen. Sie war nicht nur jene Person, die man am Gartenzaun aufsuchte, um ihr Lächeln und ihren Gruß entgegenzunehmen, nein, sie war das gescheiterte Frauenleben schlechthin. Sie war die Schinderei mit den neun Kindern, sie war der Wäscheberg, das Geschrei und Gestreite der Kinder, das Poltern ihres angetrunkenen Mannes, sie war die widerliche Todesart des Mannes (er hatte sich ebenfalls erhängt), schließlich war sie das familiäre Getriebe des ältesten Sohnes, die ausbeißende Schwiegertochter. Diese Schwiegertochter hielt die Alte kurz und knapp, wenig zu essen und immer allein in der oberen Kammer, ein im Schloß gedrehter Schlüssel, der nur zurückgedreht wurde, wenn sie einmal am Tag die gefüllte Leibschüssel hinausbrachte, oder wenn es Zeit war, den Gemüsegarten zu besorgen, dann wieder ab ins Zimmer, und im Winter durfte sie gar nicht hinaus. Nicht einmal in die Kirche durfte die alte Frau gehen, man hätte sich ihrer schwammigen Gestalt schämen müssen. Wenn wir Nachbarskinder sie am Gartenzaun aufsuchten, lächelte sie. Und wir Kinder dachten, arme Frau, häßliche Frau, je nach Laune, und die bestimmte Art ihres Lächelns wurde darüber vergessen. Oder die Härpfe mit Landschaftskarte. Sie war ein Holzgestell, das Auskunft gab, aber sie war mehr. Sie war die Prostitution der Bauern um der Mark willen, selbst die Auskunftsstelle mußte als bäuerliches Museum gestaltet werden. Sie war die Blödheit der Touristen, alles mußte man ihnen erklären. Und die Erklärung mußte man nett aufmachen, bunt mit verschiedenfarbigen Linien und Dreiecken und Kreuzen. Sie war die Ungeschicklichkeit der Fremden, ihre Dreistigkeit, das kindische Gieren nach der Wandernadel, das ausschließliche Suchen nach Stempelstellen, den Wanderpaß zu füllen. Die Härpfe mit Landschaftskarte war die jährlich eintrudelnde Frage im Fremdenverkehrsbüro: Na, was gibt es denn Neues? Wenn es dann hieß, soweit sogut, die Berge stünden noch, wurde süffissant angeregt, doch mal ’nen neuen Berg aufzustellen, wenn es schon kein neues Nadeldesign gab. Die Härpfe war der Tourist, der aus Gewohnheit jährlich das Gleiche tut, dabei aber täglich frisch unterhalten werden will.

Eines Tages saß Manfred in der Küche, den üblichen Stapel Papiere vor sich auf dem Tisch. Ich hole dich nach, sagte er, wachs dich erst einmal richtig aus, und wenn du weißt, jetzt ist die Zeit, etwas zu lernen, dann sag es mir. Stell dir vor, ich gehe einfach ein Stück voraus.

Es war schon das zweite Jahr, dass Manfred immer wieder wochenlang auf dem Hof herumhing und notierte und plante, es war das Jahr, als Paul den Unfall hatte und starb, als Mutter zu husten anfing und Peter damit begann, für den Supermarkt Getränke auszufahren, als Vater das erste Mal davon sprach, seine Weiden zu verpachten, die Fremdarbeiter auf dem Hof seien ihm unangenehm, er vertraue ihnen nicht. Manfred und ich waren ein Herz und eine Seele. Manfred zeichnete fallweise für einen Weidener Architekten Pläne, aber eigentlich bereitete er sich nur vor, nach Berlin zu gehen, ausgerechnet nach Berlin, er wollte sein eigenes Geschäft eröffnen, vielleicht Wolkenkratzer bauen oder Brücken, aber Manfred ist nie Architekt geworden, er ist auf anderes gekommen, er hat eine Chance wahrgenommen, und man lernt nicht für einen Beruf, sagte Manfred, man lernt sich zu bewegen in einem Dickicht aus Möglichkeit und Unmöglichkeit. Manfred zeigte mir einfach alles, er breitete sein gesamtes Rüstzeug vor mir aus und erklärte mir die Welt anhand der Stellenanzeigen und Vertragsvordrucke und Bewerbungsbriefe, er stellte sich mir dar anhand einiger Überweisungsbelege, monatlich schickte er Bärbel das Geld für Jakob, Jakob ging in die Schule und seinen Vater kannte er nicht. Vor meinen Augen zerfetzte Manfred Bärbel, die Überweisungsbelege ordnete er fein säuberlich und stellte sie wieder unter die Holzbank in unserer Küche. Wenn Manfred nicht auffaltete und auslegte und Zeile für Zeile durchging, um mir fremde Sprachen zu deuten, wenn er nicht die Welt abzirkelte und einen Lageplan aus ihr machte, wenn Feierabend war, gingen wir die Straßen entlang, die er früher nächtelang allein gegangen war. Wir marschierten im Gänsemarsch knapp über dem Straßengraben, Manfred immer in meinem Rücken, wir schnitten die Kurven durch die Felder der Nachbarn, oder lehnten an fremden Stalltüren, die Stimmen der Tiere waren uns so vertraut, dass wir sie nicht hörten, die Leute, die wir trafen waren immer mit uns gewesen, man grüßte stumm, nur den rechten Arm hob man ein wenig, selten wechselte man ein paar Worte miteinander. Wir saßen auf dem Schotter und in der Wiese, und Manfred sagte still, ich sei seine Hoffnung, er legte lange Pausen zwischen die Sätze, stille Zeiten waren das, Zeiten, in denen wir die Augen über all das wandern ließen, was wir gut, allzu gut kannten. Meine Hoffnung, flüsterte mein Bruder, klug war er und groß, wir beide sind anders, uns beiden fällt das Leben leicht, wir müssen nur weg von hier, kaum konnte ich ihn hören, aber ich verstand: Wachs dich erst einmal aus, du bist ja noch in der Trotzphase. Sanft stupfte Manfred meine Nase und streichelte mir das rote Haar. Ich sprach wenig, aber alles, was Glück war, teilte ich mit Manfred, das Glück muß man teilen, für nichts anderes braucht man jemanden, nur für das Glück. Das Glück dazwischen, zwischen der Nachricht über Pauls Tod – sie sagten, dass er kaum etwas gemerkt haben konnte – und Pauls Beerdigung, als Mutter das einzige Mal sagte – sie hatte es nie zuvor gesagt und sagte es nie mehr danach – was nützt es zu leben, sie sagte es an der Grube, sie schrie es dem Pfarrer ins Gesicht. Zwischen den Ereignissen lag das Glück, es lag in den Pausen, soeben hatte Manfred Bärbel zerfetzt, kaum benutzte er Worte dazu, es waren die Augen, die redeten, dann räumte er die Belege in den Ordner zurück, die Augen waren jetzt stumpf, fast tot, aber in der Lücke dazwischen hatte er mich angesehen, ruhige tiefe Augen, sie sagten, du weißt Bescheid, du kennst dich aus. Ich gehe dir nur ein Stück voraus, betrachte es so, flüsterte Manfred, aber wer würde die Pausen, die Zwischenräume, die Abwesenheit von Gedanken mit mir teilen.

Die Straße mündete in einen Parkplatz mit angrenzendem Lärchenwald. Es war zwanzig vor sechs. Hier standen ein paar Höfe, eine Kirche, und ihr gegenüber ein Haus, das sich von den anderen deutlich abhob. Es war aus Stein gebaut, die Steine waren unter Putz gelegt, der Putz um die Fenster und Häuserecken rosa bemalt. Als kleines Schmuckstück stand es da, und dass es etwas Besonderes war, signalisierte auch eine, der Vorderfront vorgelagerte, verglaste Holzveranda. Sie war beinahe so tief wie das Haus selbst, erreichte aber nicht das obere Stockwerk, sie war ein Haus am Haus, das Sommerhaus am Haus. Sie mochte Gästetrakt, Festsaal, Ruheraum sein, und in welcher Funktion auch immer, sie lud zum Betreten ein. Und wer sie betrat, drang nicht weiter ins eigentliche Haus vor, sondern ließ sich hier nieder, an einem Tisch am Fenster vielleicht, nicht ganz drin, und doch ausreichend gegen außen geschützt. Ich ging um das Haus herum, gerne hätte ich meine Bilder überprüft, fand aber keinen Menschen und keinen begehbaren Eingang. Letzte Wanderer gingen vorbei, wandten sich der Talsenke zu. Um die Kirche war ein Friedhof angelegt, das schmiedeiserne Gitter war nur angelehnt. Der Friedhof war eine kleine ummauerte Wiese, auf der Wiese standen Kreuze über einem auffallend kleinen Erdhügel, und der tote Menschenkörper, der darunter lag, überragte wohl bei weitem das Ausmaß des ihn betreffenden Hügels. Es sei denn, hier lägen lauter Zwerge, ein wenig hätte man daran glauben können, so sehr wirkte der Ort wie von einer anderen Welt. Ich erinnerte mich an eine seltsame Geschichte, die ich zwei Tage zuvor in einer historischen Ortsbeschreibung überflogen hatte. Es war die Geschichte von zwei heiligen Kindern, Schwestern, die vor einigen Jahrhunderten im Hochtal gelebt hatten, Agnes und Maria. Beide früh an Blattern erkrankt, erlahmten sie fast vollständig und wuchsen nicht mehr, lagen nur auf ihren Strohsäcken und beteten, und als sie mit fünfzig und sechzig Jahren starben, wurden sie als duldende Heilige verehrt, Wegzeichen zum Himmelreich, Mahnmal gegen die höllische Wollust auf dieser Erde. Vielleicht waren Agnes und Maria hier bestattet, und mit ihnen die anderen Zwerge, die es im Laufe der Zeit gegeben hatte, jeder eigens hierher gekommen, um etwas zu zeigen.

Über dem Lärchenwald stand tief die Sonne, und wenn man hinein und hindurchging, fiel sie in Bündeln herab und bildete zwischen den Stämmen kleine glänzende Inseln. Meine Schnürsandalen waren zwar bequem, aber in diesem Gelände knickte ich manchmal ein und rutschte von den hohen Sohlen herab. So war mein Gehen das einer stolpernden Büßerin. Ich strebte aufwärts, ruhte immer wieder auf einer der Inseln aus, stieg weiter, die Füße begannen zu brennen. Ich zog die Sandalen aus, so war mein Gehen das einer barfüßigen Mönchin, oder eines armen Mädchens, das vor den Steinen und Stacheln auswich, um unverletzt anzukommen. Der Wald ging in eine Wiesengegend über, links unten hörte ich einen Bach rauschen, ich querte nach rechts über einen Weg und stieg in die Richtung einiger Almhütten, die hinter der Bergkuppe aufgetaucht waren. Hier waren einige Menschen, Wäsche hing auf einem Balkon, dort trat jemand vor die Tür, und auf der Wiese vor den Häusern spielten die Kinder um Tisch und Bank herum. Ich ging vorbei und weiter, immer oberhalb des Weges auf dem Weichen, und als die Stimmen verebbt waren, nur noch von Ferne einige Kuhglocken zu hören waren, setzte ich mich an den Wegrand. Unter mir der Bach, vor mir die steigenden grünen Hänge, gegen die kleinen Grate und Spitzen zu braun und grau, ein Talschluß, ein Kessel. Eine Mulde für all die Seligen, die weiter gegangen waren und vorbei, die sich von den Steinen nicht hatten hindern lassen, den Blick und die Absicht fest auf den Hang und den Grat gerichtet. Und dahinter, das konnte man dem Hang und dem Grat ansehen, war wieder ein Kessel, eine Mulde, ein Tal, mit dem Tal ein Bach. Und daneben und dahinter wieder. Aber so war ich schon wieder voraus und zu weit: Das Paradies ist hier, immer nur hier. Die Begriffe fallen, Kessel, Mulde, Tal, Bach werden namenlose Bilder, die Töne unbenannte Reize. Bilder und Reize sickern ein und verschwinden, sie wecken den einen Grund, sie machen der Stille Platz, darin alles versinkt.

Die Erzählung „nirgendwohin“ (Arbeitstitel)
erscheint im Herbst 1999 bei Deuticke, Wien.

Peter Giacomuzzi

GOTO-RETTO
inseln

Es ist zu bewundern, dass einige einzelne Oerter in diesem Reich niemals vom Erdbeben erschüttert worden. Man schreibt dieses der Heiligkeit derer Oerter, und dem Schutz des daselbst herrschenden Götzen oder Geistes zu: andere raisonniren, diese Oerter ruheten auf der Grundveste des unbeweglichen Erdcentrum. Unter besagte Oerter werden gezählt: die Jnseln Goto, die kleine Ins …

Katsuwo: der beste wird um Gotho gefangen; man zerschneidet das Fleisch in vier Theile, kocht es im Dampf des Wassers, troknet es auf und setzet es hiernächst vor zum Trinken.

fährt man von nagasaki aus mit der fähre ca. 3 stunden nach westen, gelangt man zu einer inselgruppe, zu der sich nur wenige ausländische touristen verirren: goto retto, wörtlich: 5 insel inselkette. wer es eilig hat, fährt mit dem tragflächenboot, das braucht nur 40 minuten (ich hatte es eilig). flitzer fliegen. bekannt sind die goto inseln in japan vor allem deshalb, weil hier während der 300 jahre, die japan in einer selbstverordneten isolation zubrachte, das christentum toleriert bzw. nicht verfolgt wurde. japanische christliche inseln. grund genug, der exotik ihren freien lauf zu lassen. kirchen als tourismusziel in japan. so kam ich als gekünstelter heide unter die natürlichen und fand mich mitten in der vertrauten kirchturmarchitektur wieder. aber nicht deshalb sollte man nach goto fahren.
gründe für eine reise irgendwohin hat jeder selber zu finden, so viele gibts, wie menschen und orte auf der erde. tourist-sein ist zwar ein recht schäbiges selbstbekenntnis, kein-tourist-sein-wollen jedoch kein besseres. seit dem ende der exotik gibt es die anti-, post-, a-exotik, alle wissen wir über alles bescheid, und wenns die eingeborenen auch noch nicht begreifen wollen/können, über ihr glück/unglück können wir ihnen jederzeit auskunft geben. wozu bräuchten wir denn sonst eine informationsgesellschaft?
ob das aber noch geht? ich steh auf dem strand in takahama, keine menschenseele, sand, ruhe, wind. im schädel überlappen sich erinnerungen, bilder, gerüche und laute. barfuß im seichten wasser. zwischen den zehen wandern die körner, werden wieder weggespült. wen interessiert das schon. die gleichzeitigkeit der empfindungen ist nicht mitteilbar, einzelne segmente nur noch, wenn künstl/er/i/s/ch verpackt, alles andere haben wir in unseren computern. draußen zieht ein tanker vorbei. umweltverschmutzung schreit meine schule. und ruhe empfindet der unachtsame schüler, wenn er nicht dem gesabbere des propheten sondern draußen dem flugzeug noch weit hinter die sichtbarkeit folgt.
bevor aber der strand von takahama, noch ein liebeslied. und voll von hoffnung. nagasaki. atombombenstadt. wüßten wir nichts, wir sähen nichts. das leben war stärker. eine bucht wie im bilderbuch, hügel ringsum, die straßenbahn erduldet die hektik und beruhigt sie. das bombenmuseum und der peace-park dazu errichtet, die erinnerung nicht verstauben zu lassen. die geschäftsbetuchte welt von tokyo, die in die vornehm arrogante welt des nichts-sehen-wollens flieht, hat hier keinen raum. südländische gelassenheit und neugier. wie alle hafenstädte mit viel möglichkeiten hinter dem horizont, von denen man gut träumen kann. nur eine große straße quer durchs wohngebiet. ansonsten gassen und wege, die hänge übersät von schachtelhäusern. große segelschiffe gibt es keine mehr, aber es könnte jederzeit eines wieder einlaufen, mit dem totenkopf am mast gehißt.
in dejima haben die holländer während der isolation eine mini-kolonie aufrecht erhalten. eine künstliche insel, ca. 200 x 500 m groß, mit der stadt durch eine kleine brücke verbunden, davor ein schweres tor. verbannt in der ferne waren die langnasen hier, und doch immer wieder einige verrückte, die fasziniert waren und möglichkeiten suchten und fanden, informationen übers „festland“ zu bekommen. „das tor zu europa“, dieser flecken erde und die köpfe einiger verrückter. siebold, kämpfer, thunberg, aber wen interessiert das noch in der post-exotik. heute ist dejima nicht mehr auszumachen. zusammengewachsen mit der stadt. nur hinweisschilder weisen hin. hafenarchitektur. wenn man jedoch auf die hügel dahinter steigt, wenn man sich ein bißchen anstrengt, wenn man guten willens ist, dann sieht man recht deutlich und weiß, dass der holländische handelsplatz dejima gut gewählt und ein schönes gefängnis war. nach der öffnung des reichs haben sich die reichen handelsleute gleich die schönsten plätzchen ausgesucht und pompöse villen errichtet. die haben sogar die bombe überstanden. historische fatalitäten/glücksfälle.
auch in nagasaki kirchen. japanische klosterfrauen. pfaffen in kutten keine gesichtet. die bombe hat einen ganzen kilometer einfach ausradiert, einige andere kilometer völlig zerstört. nichts mehr zu sehen davon. die phantasie versagt kläglich. ein videofilm im museum hilf nach. brennende erde, brennende leute. kein feind wird gezeigt. der feind ist die bombe. würde man den feind zeigen, müßte man an eigene bomben denken, die anderswo elend einflogen.
anfang mai ein angenehmes klima, tagsüber warm, die nächte noch erfrischend kühl. in dem kleinen hotel an der hauptstraße werde ich um 5 uhr morgens aus dem schlaf gerissen. sirenengeheul. auf der 8-spurigen straße fährt ein motorradler amok. auf und ab, links und rechts, verhelmt, vermummt. die polizei anfangs hinterher. wie im zeichentrickfilm. dann nur mehr das motorrad alleine heult an meinem fenster vorbei. überall blaulichter. alle straßen versperrt. man wartet. irgendwann wird ruhe sein. und bald hör ich den motor absterben. solche nächte brauchen keine videotapes.
auf den hügeln von nagasaki müßte man begraben sein, die zeit und der raum gäben stoff für die ewigkeit. das wasser macht träge, stundenlang könnte das bild von der bucht in mich getrieben werden, ich möchte mich nicht wehren. hierher mit dem schiff einfahren und madame butterfly stirbt an der hoffnung. ich bin mit einer boeing eingeflogen. der flughafen weit weg von der stadt, man braucht knapp eine stunde mit dem bus. im sommer soll es unerträglich heiß sein, das meer aber bringt frischluft, und essen und trinken und lieben verschieben das klima in normalitäten. hier wurden 1597 20 japanische christen und 6 spanische franziskaner nach ihrem vorbild gekreuzigt, die sich weigerten, ihrer religion abzusagen. sie wurden allesamt ende des 19. jh. selig gesprochen. bete, wer kann. das christentum hat die schande wieder gut gemacht. die bombe gottes, der gerechtigkeit. glaube, wer kann.
aber das reiseziel ist ja goto. um 7 uhr morgens mit dem tragflügelboot übers meer. so gemütlich wie mit einem superexpress durch eine historische altstadt. zumindest schläft es sich gut. zu sehen ist nichts. sitzen bleiben wie im flugzeug, nur zum pipi machen wird aufgestanden. fukue ist die hauptstadt von goto. schätzungsweise 30.000 einwohner. sieht aus, wie alle anderen städte auch. wenn grad kein großes kaufhaus in der nähe ist, ist alle andere architektur recht austauschbar. häuschen an häuschen (tucholski läßt grüßen: in japan ist alles so klein …).
da die zeit teuer, das geld zufällig billig ist, miete ich, wies der reiseführer verlangt, ein auto und genieße nach langer abstinenz wieder einmal privacy auf vier rädern. die stadt bald verlassen, hinaus und hinein in das unbekannte. winnetous umsicht hat mich gelehrt, nach der sonne zu schauen, so fahr ich gen westen und rieche das meer. nur landschaft ringsum. zwischendurch ein paar häuser, überdimensionale karpfen aus plastik (bis zu 10 m) wehen im wind, es ist die zeit des knabenfestes, da wird die maskuline potenz der familie mit stolz in den wind gehängt. verkehr gibt es wenig. die straße, wie fast überall in japan, in perfektestem zustand, für so wenige autos wie ein perserteppich. irgendwohin muß das erwirtschaftete geld ja doch. tempolimit 40, oft 30. niemand hält sich dran, ich natürlich auch nicht. aber viel schneller gehts eh nicht, zu viele kurven, wenns einmal gradaus geht, steht sicher irgendwo eine ampel auf rot.
winnetou hatte recht. bald ist die südküste erreicht. links? rechts? der häuptling sagt rechts, nach westen, dort wird die sonne untergehen, dort hinter den hügeln liegt der große see, woher der weiße mann gekommen … wieder nur landschaft und reisfelder, allerlei gemüse, menschen sind wenige zu sehen. hunger meldet sich. immer der küste entlang, wunderbares nichts. keine hotels, keine strandpromenaden, keine restaurants. und doch. wie gerufen. das einzige weit und breit grad zu der rechten zeit. der frische fisch zappelt im aquarium, kurze zeit später liegt er zerkleinert auf dem teller. als barbar bei den barbaren.
nur weiterfahren, nur das meer vorbeirauschen lassen. auf einer seite im schiff, auf der anderen im zug. so fährt es sich ruhig. die straßenkarte hat mich belogen, schändlichst in die irre geführt, der häuptling hat mich bestraft, anstatt seinen sinnen zu folgen hab ich mich den trügerischen zeichen hingegeben. da stehst du nun und weißt nicht mehr wos langgeht, weil die sonne hat sich auch versteckt, und die japanischen schriftzeichen sind und bleiben spanisch. kein mensch in sicht. winnetou will wieder ans meer. er findet es bald, sicher lenkt er den wagen durch kleinste feldwege und wieder an der küste gelandet. wiesen. alles grün. bis hinunter zum wasser. die straße inzwischen eher ein schöner radlweg. kein feind in sicht. das gelände hügelig. es wird langsam abend, ein platz für das lager sollte gefunden werden, der horizont wie in paris, texas, mir wird recht mächtig in der brust, mein feuerstuhl, der häuptling und ich.
wir reiten ein. dem nordkap der insel entgegen, vorne die paar hütten, dahinter noch einmal eine insel zur dekoration, ein paar flache hügel sind noch zu bewältigen. kein saloon, kein hotel, nichts. lässig die fensterscheibe herunterlassen, eingeborene fragen. nichts hier. wo? ja, das weiß man auch nicht so recht. wer sucht denn hier schon ein zelt? wunderschön wär es gewesen, die einsamkeit, das meer, der häupling und ich. das gefühl, ich bin im meer. mitten drin, umlullt von wassertropfen, so muß es gewesen sein, als wir in mutters bauch herumschwammen. weiter. langsam wird die sucherei ungemütlich, was zum essen wär auch nicht schlecht, die vorstellung im auto zu übernachten zwar verheißungsvoll, aber viel zu anstrengend, wieder nach fukue zurück ein unerwünschtes erwachen aus dieser reise.
und plötzlich war ich in miiraku. wie gesagt, am nordwestzipfel. eine größere ortschaft, 2-3 tausend leute, und das erlösende schild einer pension. falls die zeichen nicht schon wieder trügen. aber nein, es ist wirklich eine. ruhig, preiswert, blick aufs meer. ich mache noch einen rundgang durchs kaff und laß mich bewundern. viele ausländer sind hier noch nicht gestrandet, meine lange nase bürgt für respekt, tief einatmen, die seeluft, die selbstherrlichkeit. brust heraus, die hand lässig am colt, zigarre im maul. nimm doch endlich die pfeife aus dem mund, du hund. ein kleiner platz, zwar nur für den bus in die hauptstadt, verkehrt halbtägig, aber immerhin. ein gutes gefühl, so ein platz in einem dorf am meer. irgendwo wird getrommelt. keine marschtrommeln, trommeln die dem herzrhythmus den takt geben, die bis ins zwerchfell gehen und dir dort die schmetterlinge flattern lassen. in einigen häusern sind die geschmückten altäre für den totengedenktag (3. mai) zu sehen. die christen feiern buddhistisch, die toten freuen sich aufs frische obst und auf dem friedhof am strand schleicht eine schlange durch die steine, es sei ihr vergönnt.
im hotel wartet das abendessen. hotel ists wohl keines. pension vielleich. minshuku sagen die eingeborenen. sie kennen keine betten. man liegt auf dem boden. aber das weiß der aufmerksame leser ja alles schon längst über japan. auch, dass heutzutage kaum noch jemand hier auf dem boden liegt. wer was auf sich hält bettet sich. aber in goto. vor dem abendessen ins bad. ein kleines, aber immerhin. einseifen, waschen, einseifen, waschen, gut spülen, sooft man will, dann, und erst dann, in das heiße wasser in der wanne. schließlich müssen da auch noch andere hinein! das heiße wasser hinterläßt spuren, öffnet die haut, läßt luft hinein und pickel heraus. der blutdruck tanzt, jetzt ein bier, winnetou, wir sind am lagerfeuer, hol die bärentatzen unterm sattel hervor und das feuerwasser. selten ist der fisch so kurz gestorben wie hier. das eßzimmer riesig, keine anderen gäste, dafür aber ein überdimensionaler fernseher, auf dem gerade ayrton senna zum xten mal in den tod fährt. ein so großer bildschirm vernichtet alles rundum, ist stärker als goto, als das meer, ich schau mir also sennas tod so oft an, als mein essen dauert.
nach dem abendessen, es ist höchstens 7 uhr, was macht man mit so einem angebrochenen abend? draußen schon tiefste nacht. das nachtleben nicht vorhanden. gar kein puff hier im kaff? ist ja eine zumutung. ich wär grad in der stimmung, die puppen tanzen zu lassen. sowas überkommt mich oft und jedesmal, wenn grad meilenweit keine puppen vorhanden sind. im zimmer noch ein altertümlicher fernseher, funktioniert mit münzen, pro halbe stunde 100 yen, aber nur das normale programm, kein video, nix pornojapan, wie sonst in jeder besseren spelunke. ein bier. aber so allein im zimmer. die ruhe zu ruhig, die nacht zu lang. lieber arno schmidt, du hast es als erster gelesen: in solchen momenten nehmen winnetou und old shatterhand ihre büchsen zur hand und beginnen sie liebevoll und ausdauernd zu putzen. vorbereitungen auf den knieschuß. dann rauscht das meer wieder ruhiger, und die wellen tragen den körper und der vollmond die seele.
fischfrühstück. ein bißchen salat, reis, ein kaltes spiegelei, etwas gemüse, algen. und tee natürlich. reist an, ihr koffeinabhängigen, man kann auch ohne schwarze suppe dem darm den morgensport ermöglichen. das auto ein prunkstück. vor der weiterreise wird es gestriegelt, verhätschelt, ich setz mir die sonnenbrillen auf, meine weißen jeans, barfuß, dann fahr ich den strand entlang, hinein in das seichte wasser, hinein in das meer, mein auto ein u-boot, die fische begleiten, delphine winken uns zu. ein strand am morgen, den kopf wollt ich in den sand vergraben und in die erde sehen, aber das auto will weiter, fährt an der nordküste entlang richtung osten, fjorde gibts wunderschöne, doch fjord und japan, das paßt irgendwie nicht zusammen.
mein fahrzeug will zur kirche. die bekannteste von der ganzen insel, ganz oben im nordosten. doraziki heißt das zeug. direkt am strand gelegen. müßte man das mieten, wär man ein vermögen los. die pfaffen aber sind clever, reißen sich im namen des herrn alles unter den nagel und verlangen dann auch noch eintritt. irland oder schottland. die kirche, die wiese, das meer. ruhet die tage, der nächte dämonen rauben weiber und kind. könnte in der bibel stehen. in doraziki stand die luft mild über der erde, es schwebte sich an der erdoberfläche dahin, von insel zu insel, die da alle im wasser lagen. gott sei dank waren da aber ein paar so verdammt süßliche japanische pilger, grundhaltung: huch! wie süß, die langnase da, so eine weite reise, um hier zu beten, gebenedeit usw. da kann die luft ruhig und mild sein wie sie will, mir zuckt der bi- und trizeps, ein rascher schritt und ich steh wieder im leben.
in die kirche allerdings muß gegangen werden, hab schließlich ja doch einiges zu klären mit dem herrn. schönes kreuzgewölbe aus holz. nicht sehr hoch, also fehlt das erhabene, was ja ganz sympathisch ist. eher ein museum als ein bettempel. und hinter einer glasvetrine find ich sie dann, meine exotin. die muttergottes oben ohne und der kleine fratz zutzelt an der zitze. das erfreut jedes herz. die story wird sofort freundlicher, und ich bleib da lange stehen, ich und madonna, das gäb ein gutes paar.
beim hinausgehen dankte ich dem alten wortlos für die gelieferten visionen. so kann auch eine kirche allerlei gutes tun. auf dem kleinen platz dahinter gibt es einen japanischen gekreuzigten und siehst du, häupling, selbst den marterpfahl haben die hier heimlich manipuliert. der hängt nämlich nicht, sondern man hat aufs kreuz noch ein kleines brett genagelt, worauf des märtyrers hinterteil ruht. ein sitzender gekreuzigter. aber die hattens damals auch dringend nötig. es wurde hier nämlich nicht genagelt sondern gezündelt. aufs kreuz gebunden und rundherum ein schönes feuer gemacht, bis alle gar waren. das liest sich so:

… warden auf dem Gerichtsplatze so viel Pfähle in die Erde geschlagen / als Menschen solten verbrant werden. Anderthalb Klaftern von diesen Pfählen ab ward das Holtz rund herüm in die höhe geschichtet: doch also dass man eine Lücke lies / dadurch die verurteilten zu den pfählen konten geführet werden. Dieser Eingang oder Lücke ward alsobald mit Holtze verleget / wan man den Brandling unten mit den Füßen / und oben mit der einen Hand an den Staken fest gebunden: und darauf der Holtzhauffen rund ümher angezündet. Doch zuweilen pflegte man die gemelte Lücke / wan der Wind darauf zu sties / offen zu lassen; damit der Brandling durch den rauch und schmauch nicht ersticken / und also die Pein üm so viel länger fühlen möchte.

es wurde also gesessen, damit das schauspiel ein bißchen länger dauern konnte. jetzt sitzt er da in stein gehauen, hab geduld, auch der stein dauert nicht ewig, dann wird wohl deine pein einmal ein ende haben. los häupling, nichts wie weg hier. was haben wir damit zu tun. wir sind für den frieden, blutsfreund. nur in notfällen, aber das hier ist ja keiner. und weil die sucht nach kirchen als landschaftsbilder erweckt war, hab ich mir einen kahn gemietet und mich aufs nächste eiland schiffen lassen, wo noch so etwas stand. auch am strand, aber auf einem kleinen hügel, weiß in weiß getüncht, etwas größer. vom schiff aus ein gutes foto wert, aber dann davor recht trist und einsam, nur die kirche, sonst nichts, eine kirche, eine leere straße, ein kleiner laden. das hatten wir doch schon irgendwo. einmal genügt. also bootsmann, häng dich in die riemen, ich will wieder zurück. und dann mit dem auto ein paar runden drehen. je schmaler der weg, desto lustiger wirds. hügel hinauf, was gibts dahinter? wasser. kehrt euch und zur nächsten erhebung, es wird, wer weiß was wird, dahinter wird sich unglaubliches verbergen, eldorado, lilliput. und wieder wasser, wasser, wasser. so bin ich durch die landschaft gekurvt, so ritten wir über das feld. und vieles erlebt und gesehen, nur eines nicht, nur das wichtigste nicht. wo saufen hier die gelassenen ihr kühles bier auf der terasse am meer? nicht aufzutreiben. manchmal scheint es so von weitem, ist man dann dort, ists eine tankstelle, oder die post oder geschlossen. die kaltherzigkeit der leute ist grenzenlos. aus dem automaten ist der stoff nur halbsosüß, eine bedienung will ich, ein weib im bikini und die sonne soll auch schauen, dass sie bäldigst rot und röter wird. doch das bier aus dem automaten. sonne keine, weils bewölkt ist, der sonnenuntergang findet auf der anderen seite der insel statt.
endlich dann wieder dort, wo das warten seine hektik verliert, wo die zeit dazu da ist, in ruhe verbraucht zu werden, wo der gegensatz zwischen der unsichtbaren bewegung der sandkörner und der sichtbaren ruhe des meeres dir kurzfristig deine körperlichkeit entzieht, weshalb du geneigt bist zu glauben, auch in würde sterben zu können. endlich in takahama. wäre nicht die straße gleich in der nähe, man könnte auch glauben, dass robinson noch auftauchen könnte, freitags spuren folgend, und wir ihm heimlich zeichen setzen könnten, damit er den rechten weg in seinem dasein finden kann. es wär ganz einfach. ich bräuchte nur ein handyphon, vom einzigen betrieb aus hier in der gegend, einer kleinen pension direkt am strand, und ich würde robbi direkt her zu mir lotsen, auf ein schnelles bier, ein paar aufmunternde worte. sei ruhig, es geht gut aus, hab vertrauen, reiß dich zusammen usw. das meer löscht alle spuren am strand, nur die eigenen bleiben, nur der angeschwemmte teer, und ein paar plastiksäcke. für das ausgehende zweite jahrtausend ein sauberes stück erde. was interessieren mich noch die christen auf goto. sieh dir doch lieber die sonne an, winnetou, laß dir den arm um die schulter legen, laß dich erwürgen aus zuneigung hier. und schau, wie sie untergeht und rot wie dein feuer. die rote sonne. japan geht unter. voller pracht ersauft es im wasser. es geschieht ihnen recht, den arrogantlingen, die sich mit solch einer vermessenen symbolik schmücken möchten. wahrscheinlich ist der jetzige japanische kaiser noch nie hier gewesen. das beruhigt. die sicherheit, dass der herrscher, auch wenn er wollte, sein reich auf keine fälle gänzlich, flächendeckend bereisen kann. bis zu seinem lebensende werden noch unzählige weiße flecken in seinen reiserouten bleiben. der strand von takahama gehört mir ganz allein, des kaisers bürokraten sind doch viel zu blöd, den herrn alleine hier das leben zu betrachten lassen.
ein paar fische springen in der bucht. aus freude, aus luftmangel, das schert mich nicht. was zählt sind einzig und allein die bilder, töne und gerüche, in einem längeren augenblick festgehalten. ich atme nicht mehr, wasser und sand lösen den körper auf. ich eil der sonne nach und halt sie über wasser, ich laß mich von dem ball am wasser tragen. es spiegelt sich der himmel und versinkt im tiefen loch. ich falle auf den grund und meine kiemen öffnen sich zur rechten zeit.
der wind bläst mir den letzten rest gefühlserregung aus dem leib. mir ist plötzlich kalt. ich hab genug von der natur, ich pfeif auf einsame strände, ich will leben, will leute, will in die stadt. nach fukue zurück, dort bin ich zuhaus, dort gibts lichter und autos und straßenlärm. ein hotel, so wunderschön unpersönlich, dass es überall sein könnte, ein bett, eine naß- und näßzelle, ein tv mit eingebautem gv. uniformen heben auf, wickeln ein, der tiefe schlaf überfällt die erregung, das hotel auf dem hügel, der hafen davor, der flughafen dahinter. nichts, was nennenswert wäre, befreiend.
und abendprogramm. der lust des fleisches wird die lust nach fisch zur seite gestellt. hinein ins lokal. an der theke wird nicht gesoffen, sondern bestens gespeist. der alkohol nur als redeanlaß. geredet wird viel. der kravattierte eingeborene neben mehr mir fängt auch bald an. über gott und die welt, mein wortschatz ist klein, die themen werden immer größer. und bei so viel zuneigung wird auch nur das feinste vom feinsten bestellt. der fischmeister hinterm thresen recht mißtrauisch, die langnasen verstehen vom fressen nun gar nichts, er ziert sich, verzögert, rät ab, aber mein freund wird beharrlicher, schließlich sind das ja auch nur menschen, die essen schon, keine angst, im notfall würde er auch alles ganz alleine. also muß der meister ans werk. hanko-fugu heißt die köstlichkeit. kasten-kugelfisch. ein mit den eigenen innereien gratinierter fisch, dessen galle tödlich schmecken soll. ich eß alles, es schmeckt ausgezeichnet, nach wildpastete. und dann noch ein prost auf den chef und tschüs und ciao und ins bett ohne rast.
am nächsten tag noch: einkaufen und streunen, sich vorstellen wies gewesen sein könnte und wie es sein könnte. mit mir, mit der insel, mit dem leben. mitten in fukue ist innerhalb von gewaltigen burgmauern noch eine wunderschöne japanische villa mit garten zu besichtigen. immer wieder zentren des nichts, der auflösung. ein schwert her, winnetou, ich schlitz mir den bauch auf und streu die gedärme verächtlich in den teich. ach häuptling, du hast halt keine ahnung von schwertern, von der weichen kälte der schneide an deiner kehle, von der arbeit und mühe und kunst, die klinge auch sauber aus dem menschlichen dreck zu ziehen. du siehst immer nur landschaft und hörst an den schienen das nahen des zugs, du bist immer 100% nach außen. nach innen mußt du, ganz sicher hinein, bis du dich verlierst und deine mokassins im innern des schädels spürst.
zweimal gelagert hier auf der insel. billig, teuer, je nach geschmack. hast du das geld, ein pappenstil, hast du keins, ein vermögen. unentschlossene möchten immer, tun es nie, sparen und krepieren. auf goto zwei drei tage. hier wohnt die ruhe, ein paar götter und du ganz alleine. einmal nur mit den augen leben, ohne bewegung, um 360 grad. das aug in dem dreieck verläßt die begrenzung und ruht sich in goto aus.

Margret Kreidl

Striezel, Spritzstrauben, Strudel

Drama

MARGRET Sandscheiben, Schaumringe. Striezl, Spritzstrauben, Strudel. Schaumomelett, Schneenockerl, Schokoladensoufflé.
Margret seufzt
MARGRET Kaffeeparfait, Erdbeergelee, Roter Ribiselschnee. Schokoladenroulade, Marillenpüree.
Margret stöhnt
MARGRET Mohnbuchtel, Nußstrudel. Schokoladekuppel, Dukatennudel. Nußkipferl, Kipferlkoch, Nußkugeln, Nougatzungen. Mohnzopf. Topfenpalatschinken. Salzburger Nockerl. Mokkakipferl, Kipferlschmarren. Maschanskerknödel. Powidltascherl, Bärenpratzerl, Batzerlgugelhupf. Apfelkrapferl, Topfenkrapferl, Klosterkipferl, Polsterzipf. Mohnpotize. Topfentascherl. Germkolatschen. Mandelschnecken, Zwetschkenfleck. Schmankerlcreme. Grießschnee. Brandstriezel, Rahmschnitten. Reisauflauf, Scheiterhaufen. Zuckerstrauben. Windbeutel, Spitzbuben. Schokobusserl. Flockenschnitten, Topfenpudding. Obstschüsserl, Bröselnudeln.
Margret weint
MARGRET Kokosbusserl. Schokokrapferl, Topfennockerl. Mohnrollen, Hollerröster. Germknödel, Hasenöhrl. Dampfnudeln. Nußschnecken, Zwetschkenpofesen. Marillenstangerl, Stanitzel, Gibanzen. Grammelkuchen, Dalken, Wuchteln, Wäschermadln.
Margret schreit
MARGRET Mohntorte, Mokka-Oberstorte, Dobostorte, Topfen-Oberstorte, Schoko-Oberstorte.
Margret lacht
MARGRET Sachertorte.

Andreas Bäcker

Niemandsland

Wo aber sind wir zuhause,
wenn die Heimat wir verloren,
den Glauben wir missbraucht
und wir uns selbst im Traum
verleugnet?

GLEICHHEITSPYRAMIDE

Sechs tote Feldherren
Erhaben in die Schlacht gezogen
Würdevoll in ihr gefallen

Sechstausend tote Helden
Freudvoll in die Schlacht gezogen
Ehrenvoll in ihr gefallen

Sechs Millionen tote Soldaten
Folgsam in die Schlacht gezogen
Pflichterfüllt in ihr gefallen

Sechs Milliarden tote Zivilisten
Gar nicht in die Schlacht gezogen
Ungewollt in ihr gefallen

Summa summarum
Sechs Milliarden
Sechs Millionen
Sechstausend
Und sechs
Alle gleich tot

ARBEITERLIED

Ihr befahlt
Ich schwieg
Und diente
Erfüllte meine Pflicht
Und mehr
Vierzig lange Jahre
Für Euch
Für uns
Für mich
Für Euch
Ein Leben
Für das Soll des Plans
Und für die Trümmer
Meiner Heimat
Die Ihr mir nahmt
Für neue Pläne
Ohne mich
Sonst für nichts

GEWISSENSKONFLIKT

Das Leben
Greift gierig nach der Zeit
Sie anzuhalten
So den nächsten Schritt
Zu verhindern
Den der unwissende Fuß
Im blindgläubigen Bewußtsein
Der Entwicklung
Zu machen drängt
Der Kopf
Kennt viele Richtungen
Das Herz
Kennt eine mehr
Nicht überall
Ist Boden

CANT

1 manuskript

( keine plötzliche entwertung der person wird je vergessen,
sie ist zu schmerzlich,
man trägt sie ein lebenlang mit sich herum, es sei denn,
man kann sie auf einen anderen werfen. E.CANETTI )

JA/doch…

ich war ohne sonntag

&

das 1. objekt im kreis.

deiner stimme.

EIN/

AUS/

greifend.verendet.unter dem sonnenschnitt.

…mit sommerbeschnittenen fingern.

wird sie/sagen zeige ich auf eine

zusammen gesunkene nacht.nacht/gehoben /versenkt.

1 jmd. sagt: löse die versprechung.aus.seiner für recht gehaltenen hülle.

fühle deinen federnden nachlass im blut.ver/ende am sommer/schnitt.

der anderen.

gehe in der luftschlagenden zeit wie 1 vogel

zu fuß.von wand zu wand.ohne 1 zusteigen.

über den federkiel in die haut.eines anderen.

bleibe still/gelegt im blut.bleibe kalt über

dem streifen.der hülle.aber greife deiner

hand nach.lege sie dingfest bereit.am körper.

…das fassende der zügel war 1 bloßes spiel.

der hand in der hand.&.

dein leib-warmes- werden.1 punkt.im schatten.

noch sagt

deine gestalt.antworte.ich dir nicht.

der boden im haus ist voller risse & ohne 1 wort.

der garten 1 hügel/ein/verborgener grad.

jede frucht.pflanzen/wach.der schritt kehltief &

hautbesessen.bei nacht…

der nacht in den fugen.der nacht an beiden händen.

der kehle entstiegen.diese wachsende wunde wird lang anhalten.dicht.

unter dem knie. 1 spiegel umgeben & nass.

diese tropfen einer stimme.

eine stimme die verschlungen werden kann.

1 hügel an erde.unter.den füssen & der weg sei 1 streifen.

für die langhin nutzlose hand am gelenk.

jeder finger bricht den blatthüllen voraus.

farbe aus der rinde.1 ebenerst erfasstes wort.

MAUERWERK.

diese risse haben einen begreifbaren wert.

werden 1 maß 1 rinnsal

schwacher weg.von dem es herab zutropfen beginnt.

nicht 1x sichtbar 1 weis

auf der zumutbaren haut/

hautweis.weis.wird sie sagen.

geht meine stimme ein.in hohle bereitstehende bäume.

jeder geschlagene ast 1 klang 1 siegel.schrägstehende augen.

im blatt.&.diese schlangenrand erzogene haut.an dir.

1 wirres geschenk von gestern.

1 abstand einer frühen handlung.

1 lippenbedarf.saugend leer.

ich wird sie sagen.

wurde von anderen abgeleitet.hier eine stimme.

da 1 haarbogen & die geschorrene fläche.

einer trommel am arm.dieser klangvolle rest einer hilflosen geste

.&.

der stein in der hand.

kann warm werden.seine form.

seinen abdruck zurücklassen.

er wird an keiner stirn.zusehen sein.

er wird sich dem wurf vorenthalten.

er wird deinen namen nicht nennen & dieses wort nicht beenden.

(in augenhöhe verändert deine hand.das licht.

1 haus weicht zurück.in sein vorgebundenes.

grün.wie 1 ort mit seinem schatten.so wird es auskommen.

1 schatten der an mir vorübergehen konnte.

dein arm mit dem die dinge verbunden waren.

streckt sich anders.vielversprechend.

der gestalt entgegen.der gestalt.

die den ort verlassen

hat.)

eine aufsteigende/geste.am ende.