Susanne Toth

Gate 47

 

unterwegs bin i gern
und do gfreit si mei gmiat
wo die ålm~reserln

wachsen

~  ~   ~   ~   ~   ~   ~   ~   ~

blühen
und
gedeihen

on the road & on my way

as I said earlier in my life:
the road is straight
ahead.

mondschein auf der parkbank,
sex um mitternacht am ufer.

harte zeiten zogen wie einbrecher ins eigenland.
fluchend flüchtend.

 

ganz anders verhält es sich da mit:

I   was   born…

~ ~ ~ ~ ~ ~

 

wondrin‘ star
[oder: das lachen der augen]

 

es sagen
die alten chinesen:

         wenn du glücklich sein willst,
sei einfach glücklich.

 

*masslose liebe*
wird jener
wanderstern genannt

 

[der also
über mir]

 


wahrheit als wahrheit.
alles dazwischen
ist
auch.

gelesen u/o gehört.
im gleichen rhythmus
wie reisende sich begegnen.

ich glaube nicht
an eine FERNsteuerung.
das gute ist nah.
immer.

geschweige denn,
ob es passt oder–
das passt
ja gar nicht.

a drop
in the ocean
is infinite.

eternity as essence of each measure.
in numbers it equals one.

so, be this to love & freedom
that I have found on my straight road
leading deep into the jungle of hearts.
bare naked.
there are bright colors
blossoms
all around.

ich erinnere mich an jene momente, die ganz klar begonnen haben, ihre koffer zu packen. einmal dauerte es vierzehn jahre bis einer fertig war. der kam dann auch nicht mehr zurück.

sie aber, mag auch ich es gewesen sein, bin wiedergekommen. das wieder allerdings war nicht mehr da. wo also ist sie mit mir hingegangen? und auch wir mussten verlassen. wo ist was geblieben?

danke.
smile.
oh.
smile.
nunja…
smile.

cheers!
smile.
it’s really nice to meet you.
smile.
I like you laugh.
it makes me
smile.

damit waren sie sich und einander näher gekommen.

one equals
as good as
it gets.

smile.

 

thank you so very much.

Claudia Siefen

Die Landschaft

Nichts sagt mehr
über dich aus, als
die Umgebung, in der du dich
als Kind bewegt hast, die Luft,
das Essen, die Menschen,
welche Kleidung du tragen musstest.
War es kalt im Winter, war es heiss
im Sommer, wie hoch stand der Himmel
über deinem Kopf, und welche Schuhe
musstest du tragen, um vor die Tür zu treten?
Wie dreckig war der Boden
unter Deinen Füssen und
wie trocken war die Erde
im Sommer?
Die Luft, tat sie weh
in den Nasenflügeln,
der Regen, war er weich oder hart und
der Schnee, war er weiss oder schon völlig verdreckt
bevor er nur auf dem Boden angekommen war?
Wie gelb war die Sonne und wie weiss war der Mond?
Manchmal gehören Menschen zusammen,
weil sie als Kinder auf die selben Berge geschaut haben.

Daniela Beuren

PANTOUM PO(U)R YOU

Si me diriges la palabra
my world will collapse
et je m’en ficherai
ich werde sie nicht mehr kennen

My world will collapse
mes ami(e)s disparaîtront
ich werde sie nicht mehr kennen
y a mi casa nunca volveré

Mes ami(e)s disparaîtront
I won’t recall their names
y a mi casa nunca volveré
die Adresse hab ich schon vergessen

I won’t recall their names
en mi cabeza solamente cabe un nombre
die Adresse hab ich schon vergessen
j’ai pas de plan, et j’en ai pas besoin

En mi cabeza solamente cabe un nombre
dein Name öffnet mir den Weg ins Labyrinth
j’ai pas de plan, et j’en ai pas besoin
your voice will give me directions

Dein Name öffnet mir den Weg ins Labyrinth
je vais me perdre dedans
your voice will give me directions
si me diriges la palabra
por
FIN

Marietta Böning

Zeitgenössische österreichische Literatur

Würdest du

Würdest du dahin, wenn du solltest
Würdest du dahin, wenn du dächtest, dass du müsstest
Würdest du bleiben, wenn du nächtigtest
Rührtest du im Müssen, Sollen, Bleiben, wenn’s dich drückte
Siebtest du daraus die Mücke
Mückte sie sich drum?
Erdrücktest du sie prompt?
Suchstest darin Stücke?
Fändest in den Stücken ein Skelett – wie Stricke?

Umstricke das doch mal
Strick dir einen Schal
Verbindest du die Qual?
Quältest du dich nicht dahin
Röcheltest du dann nicht dort
Kröche um das Mal die Mücke dort
Flög’ sie, wenn du drücktest, fort?

Würdest du dahin, auch wenn du dächtest:
Leck mich, ach du liebe Güte und du böser Ort
Alle Fäden schnitt ich weise
Doch beim Denken sind sie dicker
Nur beim Denken ist der Lichteinfall so gut
Dass ich wieder Stricke blicke

Würdest du den Tanz beginnen
Auf Stricken zu stricken und dem Ruf zu folgen
Würdest du dahin, wenn du solltest
eine Decke breiten, nachts des Wegs
um den Traum zu fesseln, der dich drückt
Würdest leise schleichen und die Decke drüber schmeißen?
Würdest nämlich fürchten, durch ihn durch zu fallen
ohne Netz gebreitet in der Nacht?
Würdest fürchten einfach nur zu lassen
wenn die Stricke des Ortes winken
gar zu spielen wie die Katze
die sich übers Wollknäuel schmiss
die es aber auch zerriss?

Doris Nußbaumer

Zeitgenössische österreichische Literatur

Rohrbacher Texte

Die Sprache die Landschaft

Schmetterlinge, bunte, viele, diskutieren eifrig miteinander über Blüten.
Ein Traktor meckert eine Staubwolke.
Wolkengefieder, luftiger Eiflaum, behauptet kategorisch: Das ist halt so.
Weiße Winden stellen sachlich fest, was ich nicht weiß.
Maiskolben kichern beschwipst vor sich hin.
Grünbraungelbe Maiswedel geben achselzuckend nichts zu.
Die grünen gedellten Schwerter rezitieren Nonsens-Gedichte: scha-la-la-lapp!, blilp! und: gulupp!
Ein schwarzer Vogel von links, ein weißer Schmetterling von rechts und ein Flugzeug von schräg führen Sondierungsgespräche.
Bleiblaue Blumen am Bankett lallen im Delirium vor sich hin.
RAAG! RAAAG! RAAG! behaupten schnarrende Vögel, und einen Atemzug später riecht es nach Wasser.

Name nämlich Labyrinth

Du wirst ein Bild sehen, ich verspreche es dir, bis jetzt hat noch jeder und jede ein Bild gesehen, nun schau nicht so zweifelnd, doch, du hast mit der Wimper gezuckt, mit der siebzehnten links vom Augenwinkel an gezählt, zweifle nicht, erwarte das Bild, das dir den Namen gibt, den Namen, der dich von jetzt an begleiten wird, erlaube den Formen, den Mustern, sich zu manifestieren, wähle nicht aus, das Bild wird dich wählen; wenn du es siehst, glaub sofort, was du siehst, es kann alles sein, es kann sein die Rose, die einen geschwungenen Eisenbalken in der Blüte trägt, es kann sein ein Propellerflugzeug, das in den Wolken verschwindet, es kann sein die Steinschleuder ohne Zugband, es kann sein ein fliehendes Gespenst, es kann sein eine Maus, der die Ohren davonfliegen, es kann sein der Schmetterling mit den Tragflächen aus Beton, es kann sein das Auge am seidenen Faden, es kann sein die naiv dreinschauende Schlange, es kann sein die zögernde Katze, es kann sein der Storch, der quer dem wolkenverhangenen Berg flieht, es kann sein die zwei Hügel hinter dem See, es kann sein das Gebüsch aus Rosa und Grün, es kann sein die Bergkette, von der ein Wasserfall stürzt – es kann alles sein, es kann nie nichts sein, vertrau deinen Bildern, fang an!

Zum Teich I

Wispert das, babbelt das
blibberiblabbert was
rohrrundes Quellchen
aus weißem Quarzit
sibbelt und sabbelt dir was
plaudert geläufig zum Spaß

Pebbeln und kullern tut das
rubbeln und rullern will das
schrubbern und trullern muss das
es steinchent und kieselt
und kuschelt und schmeichelt
und algt unter Glitsch

Grenzt schön und hütet grün
gittert, gesellt und begrüßt
da drüben hell fiedert
büscht pampaslufthoch

Lieblicht das Kleinschilf
tanzen putzig die Kolben
herzschwimmen die Blätter
tragen Kleingelbgeblüh

Zum Teich II

Es ist ein Weg, staubig und heiß, es ist eine Straße, zum Fahren, mit Lärm, es ist ein Geraschel und Gerede von Mais, es ist ein Hügel, der den Weg aufsaugt, bergan ihn verschluckt, verbirgt, das Land hinter dem Hügel heißt Neugier.
Es ist Gebüsch und Gesträuch, das langsam zur Seite rückt, den Blick ausweitet: zu einem Blau, das da kuschelt, einfach da liegt, mit seinem Schilf spielt, seine Vögel trägt, sie mag und schützt und selbst geschützt ist, nur sich selbst gehört und mir fern bleibt. Fern bleiben muss.

Horst Lothar Renner

Lit.-Mag #36
Home & Homecoming

wie eh und je …

innsbruck – eine reminiszenz

ich liebe innsbruck
immer noch
der inn fliesst durch die stadt
wie eh und je
die mauern links und rechts
kommst du von osten
öffnen den spalt ins blau
manchmal
und nur der inn fliesst durch die stadt
wie eh und je
wie eh und je
zieht auch die gruppe zinnsoldaten
durch die strassen
in früheren zeiten lächerlich
zur attraktion geworden
nun
ich liebe innsbruck
immer noch
wer stehen bleibt und schaut
erfährt geschichte
wer nachliest in den lauten büchern
der bleibt
wie er gewesen ist
bleibt in der festung eingesperrt
hält seine meinung hoch
wie viele hier
der inn fliesst durch die stadt
wie eh und je
die alten sterben langsam weg
erlerntes bleibt
wird auch gelebt
von mann und frau
auch wenn die tracht
nur mehr im inneren
getragen wird
das kleinkarierte bürgertum
hat sich zur sonne durchgefressen
was früher stumpf
und dümmlich schien
stellt sich im fenster nun zur schau
viel breiter
höher
bunter
was vorher zu durchdenken war
reizt jetzt nur noch die sinne
und doch
der inn fliesst durch die stadt
wie eh und je
die liebe bleibt
sie hat sich fest gefahren
die neuen freunde
gleichen nicht den alten
die alten freunde
waren gegenpol
nun trägt der untergrund
die oberfläche
ein aufbruch
ist nicht zu erwarten
der inn fliesst durch die stadt
wie eh und je
der inn fliesst durch die stadt
wie eh und je
ich liebe innsbruck
immer noch
ein flugzeug streift die kirchturmspitze
die runden berge grenzen ein
die spitzen berge grenzen aus
kultur ist wohlbehütet heute
und regen fruchtet nichts
die ausgebrachte saat liegt streng bewacht
in ihren beeten
ein neuer schrei ist nicht zu hören
das zeitgemässe grunzen
ist ein altes
fassaden spiegeln ihre pracht
und spiegeln wider
wo ist die hoffnung hingekommen
wo steht der widerstand
und wo
die kunst
der inn fliesst durch die stadt
wie eh und je
wie eh und je
fliesst
unverbindliches in strömen
die alten lieder werden noch gesungen
der alte glaube hält noch wacht
gemälde
zum dekor verkommen
der nackte mann am kreuz
bleibt weggesperrt
ich liebe innsbruck
immer noch
und immer noch
verbindet sich hier sein und schein
und nur der inn fliesst durch die stadt
wie eh und je
wer in die berge flieht
flieht immer wieder
es sind versuche
ohne ziel
wer seine herren lobt
lobt immer wieder
das götzenbild
es prägt sich ein
es formt die menschen
trägt die menschen
dringt formvoll in die körper ein
im unverstand zeigt sich ein wandel
im rhythmus
und nach aussen hin
der standpunkt ist nur zeitbezogen
wer hellt die dunklen flächen auf
wer stellt infrage
wer dringt tiefer
wer will es wissen
wer hat zeit
wer kämpft
der inn fliesst durch die stadt
wie eh und je
und spielt kulisse
der schönste berg der alpen
bringt sich ein
ein kleines dach
belegt die speicherplätze
vom filzhut kommt der kühle schatten
ich liebe innsbruck
immer noch
und auch den inn
wie eh und je
es war im garten
war in der stube
kroch in das dunkle holz
verschwand
es war der geist der wilden jahre
es war ein ausbruch
war beginn
und musste auch das ende bringen
das richtige
hat seine zeit
und auch das falsche
auch das falsche
abrupt geplatzt das alibi
das rundgewölbe zeigt es nicht
ein blick hindurch
durchs morsche tor
der eichentisch
der alten steg
die bar in rot
das rundgemälde zeigt es nicht
und nichts war einbezogen
da ist das innere
wer fühlt
da ist das äussere
wer sieht
und nichts ist ausgesagt
ich liebe innsbruck
immer noch
der inn fliesst durch die stadt
wie eh und je
ich kommer her
und gehe fort
der inn fliesst durch die stadt
wie eh und je
wie eh und je
und nichts hat sich geändert

Peter Waterhouse

Best of Gangan [in Print]
aus: ganganbuch 3, 1986

Zwischenspiel im sachlich-ungeheuren Ton

1
ER ENTMYSTIFIZIERTE SICH

Da nahm er das einfachste Wort in den Mund (hatte es nicht gefunden);
da zog er eine sehr gewöhnliche Hose an;
ein explosives Grüßen teilte ihn ein;
die Worte: Zunächst, zuerst, immer;
das Glas Wasser in der Hand hat im schönen Sinn den gleichen Wert;
da ließ er sich von Löwen zerreißen.
da zog er vor dem Riß der Läwen heute wie morgen die Schuhe mit den schlechten
Sohlen an;
Schlüssel und alte Tücher in der Hosentasche;
da sagte er zu der zarten Haut: Zarte Haut;
der Abgrund und die Worte: Hier werde ich also ruhig sein;
da sagte er: Ich bin das Proletariat in meiner eigenen Nacht, wo es schäumt –
ich bin Abschaum, ich geh mir zu Herzen, wie ich für die Herrn arbeite;
kein Stehen vor Altären, sondern ein Winken;
man sah sein Gesicht scharf geschnitten;
im Regen rannte Wasser über den Hut wie über alle Hüte, der Schal war ein Schal,
im hinausgeschickten Fuß begann das Gehen, das sich ohne Götter im anderen
Fuß fortsetzte;
er hatte einen Hals und eine Strömung darin;
da griff er nach Liebe, und die Liebe griff nach ihm;
er dachte gelegentlich: Wie lange soll ich mich ausschütten, er sagte das in
einer Weise, die jeden erinnerte

 


 

2
ER LIESS DIE DÄMONEN LOS

Er öffnete das Auge und sagte: Los jetzt, Dämonen (eine Brille, eine Nase,
Ameise, Schukosteckdose).
Er sagte: Es scheint, wir haben einen teilweise gemeinsamen Weg.
Die Dinge hatten Namen, wurden belegt mit Bedeutung, taten einen positiven
Schrei. Das alles traf auf ihn nicht zu.
Der unermeßliche Schrei, ja.
Er hörte nie seinen unermeßlichen Schrei.
Er sagte: Ich stehe im Licht. Ich leite nichts ab. Von mir werdet ihr nichts
hören.
Erste Sekunde der Welt: Darauf war er verzeihlicherweise unvorbereitet.
Gehen nannte er: Das Ungeheure anregen, einholen, undsofort. Auch das war
ungültig.
Los jetzt. Er drehte die dämonische Sekunde um und ließ sie rückwärts laufen.
Das Weitere verlangte das Auge. Auch das war metaphorisch und ein Irrtum.
Es war verlangt: Etwas wie Himmel, hingelegt auf das tiefere Maß, und jetzt
laß los, womit ein Würgen verbunden war.
Er brach damals in sich ein. Er sagte: Ich stehle meinen Besitz und verteile mich.
Eine beträchtliche Erhöhung der Zwischenräume war die Folge undsofort.

 


 

3

Er sagte: Du einzige Tür. Er sagte vor der einzigen Tür: Ja, das heißt nein.
Mein Tun ist ein Herunterholen des Himmels, ein Zusammenfallen mit der Nacht,
ein beeindruckendes Flehen, eine Selbstverwandlung in Licht, ein Spaziergang,
wenn die Verheißung gering ist.
Ja, und es ist gemeint nein.
Er sprach von sich zugleich.
Torbogen, Vogelflug, Händedruck. Er sagte: Ich bin Teil einer sogenannten Sonne.
Er hieß damals: Herr Selbstblendung.
Bitte lösche Licht, bitte stelle Uhr, Verzicht auf Farbe, Linie, Wort: Ein
nüchterner Selbstrest trägt Krawatte, Knopf durch Loch geschoben, Jacke gesperrt,
Kopf sitzt gerade, Sonntag, deutlicher Schritt auf die einzige Tür zu.
Allerdings sah man ihn vor allem ausweichen.
O, er weicht wieder aus.
Es war gemeint ja, indem es gemeint war nein.
Kein Grund zur Sorge.

Unvermutet kamen seine Zähne zusammen mit den Zähnen der Geliebten. Kurzum: Man
nahm sich also zugleich in den Mund. Er sagte: Das ist jedem bekannt. Zunge
gelangt leicht hin, wo ich nicht hingelange. Zusammenfassung: Man konnte im Mund
der Geliebten gut tanzen.
Weiter? Weiter nichts. Weiter? Weiteres Glück.
Manchmal ein einziger Gedanke. Manchmal wieder ein einziger Gedanke. Keiner
zugleich, keiner zugleich. Er wurde viele Male gefragt: Was sollen wir von dem,
das zugleich ist, halten?
Ja, dann lebte er mit dieser Frage. Er war eine Frage mit seinen Leben. Er sagte:
So will ich aber nicht genannt sein. Weiter? Weiter nichts. Weiter? So wollte
er weiter nicht genannt sein.
An ihn gedacht hieß der Gedanke: Ja, und war nein gemeint.
Er wurde verschoben. Das Schieben war gemeint als Verwandlung.
Wir sagten: Eins, indem das andere.
Man kann sagen: Wir hattet etwas zuviel Macht über ihn.

 


 

4
DIE WELT

Oft sah man ihn gehen mit einem Regenschirm. Gut.
Oft sah man ihn eine Kartoffel essen.
Weit draußen. Gut.
Vom Sessel abgestützt.
Mit Buch.
Mit Brille.
Mit weinrotem Schuhband.
Buch, Brille, Schuhband. Ja.
Oft sah man ihn nah vor dem Auge der Geliebten.
Ja, gut.
Er hielt sich auf in der Hand der Geliebten.
In einem Zeitpunkt hieß er: Eine Klarheit, die wir anerkennen müssen.
Man kann jetzt sagen: Diesen Zeitpunkt gab es nicht.

Oft sah man ihn gehen unter einem Regenschirm. Gut.
Das Essen der Kartoffel.
Man kann schon jetzt sagen: Das alles gab es nicht.

Wir fragten ihn damals: Warum verrätseln Sie sich so lange?
Keine Antwort.

 


 

5
GEDICHT ÜBER DAS GERÄUSCH DES UMFALLENS AN DIESER STELLE

Flap.

Christian Steinbacher

Best of Gangan [in Print]
aus: ganganbuch 5, 1988

Arbeiten mit Präfix

 

aus: a tempo

senza/
(und) auf (und) ab (und) zu
(und auf
und mit und hin und dort und ab dort
HIN (und dort dort mit dort zu dort gegen vor dort
HER (verquer?
(und) auf (und) ab (und) zu
(und AU!          , die SPRACHE
INNERT

 

 

senza/
(und) auf (und) ab (und) zu
(und auf
und mit und hin und dort und ab dort
HIN (und dort dort mit dort zu dort gegen vor dort
HER (verquer?
(und) auf (und) ab (und) zu
(und auf
uns aUF!,      der hut!     , ja das komma möcht wandern, auch
ich bin hier wo (bin hier, wo
(er nicht ausgeht geht ein?)
(er nicht eingeht geht aus?)
mit solch er gang art um um zu (um zu um
– setz ein gehen dran und so geht es
sich aus (und auf
AUF diese art hier: auf schichten schichten, sodann schichten
aufschichten (was dies UMschichten hier?
auch AUS dieser art hier: aus formen formen. sodann formen aus-
formen (und die form hier durchausen, verbeit gar dies an
(und an und für an)
(und) auf (und) ab (und) zu
(und AU!     , die SPRACHE
INNERT

 

 

ALSO AUF ALSO LOS
– wenn ein anbieten aufbieten war und
es war nicht, verenden beendet ja auch keineswegs (dass)
und erfahren verfährt sich, noch immer ab, geblich auf, da (oder
geblich PER AN? geht es      d a n n      etwa      a u f? oder l o s? oder ver-
fügt es nun nur oder nicht und worüber
– aber verführen verfängt sich ja auch hin und wieder, auch ver-
fügen wirkt oft bald verfahren. aber wer greift ein vergreifen
noch an hier und heutzu (oder tage? oder e r      folgend?
oder      v e r      folgend?
oder auch? oder und? oder
: oder (dero) : sam : folg : fassen VER : ER :
NEIN auch verfassen erfasst nicht (nicht genug? nicht hier? nicht
als finger-teig als knäcke-zeig als
als auch zweig nun zum bei spiel ver zweig kein ver halten das
dich nicht ver hält also hut – also hüte dich vor dem ver hüten
und treibe es nun lieber      a u f , setz ihn auf so und weiter
so und beispiel zum beispiel
als auch      s o      wird ver hört ehe man dich er hört nein er hören be
ruht doch auf einem ver kennen an tennen veranflennen hennen zu
huhn hund und      h a n d      (ach ja, die liebe hand also wieder, ich
wusste es doch (und solange es hinlangt, es langt sowieso bald,
verlangen langt alleweil noch und zum anlangen sicher

Peter Pessl

Best of Gangan [in Print]
aus: gedichte (1), 1984

Splitter und Sporen

 

Im Boudoir

Im grünen saum überm kleiderstuhl
Dein apfelmesser, mutters ring
Im damengläschen pflaumenschnaps,
Die grauen haufen katzenkot
Auf kühlen brettern rund ums bett,
Dem webstuhl unsrer kinderfinger.

 


 

Zur linken Hand

Im hinteren garten stäuben katzen
Mit schütteln, klirren die wiesenglasur,
Vögel spreizen ihren gang hin zu mir.
Ich zerdrücke eine amsel als sitz,
Trinke nach der verstimmten frau und
Halte die morgenblätter vergraben
Lachend geschosse zischen zu hören,
Sorge für nichts solang ich getraut bin
Zu deiner linken hand nur, wie immer.

 


 

Zweieinigkeit

Ich kenne eine seltene zweieinigkeit, ein leben
Bei stumpfer zunge am rand eines weit offenen
Salzglases, wie die endung eines wortes, das an die
Zwiebeltürme der stadt und die untersten häute
Der nacht stösst, und beide, so die zunge, das wort,
Verletzen sich stets.
Sie ist die frau, die ihr gesicht hell färbt, den mund,
Und dies ganz für sich, ein weisses, um die brust
Loses kleid, das an den boden reicht gegen abend hin
Ausführt, für mich, dann aus einem gewebten säckchen
Ganz kleine, meist rote bücher holt und mir zeigt,
In einer hand den bauch eines glases, in der zweiten
Aber zart den meinen.
Ihre gewalt, wie auch meine, eine stumpfe zunge vom wein,
Die die fluchworte, gegen wen auch, geduldig trägt,
Die doch nichts spürt als die ränder von gläsern
Und tagen, die worte hochspült an die bäuche
Der dunklen segel der nacht.

 


 

Splitter und Sporen

Spring mit grossvaters schneereifen
Die hände am rücken übers feld,
Drähte brummen, baumeln mittag
Und ich schneide ihr gesichter
Leider völlig unfruchtbar
Bei zuckerwatte und kaffee,
Dieser frau auf der ofenbank,
Der ich mit splittern und sporen
So gar nichts mehr zerbrechen kann.

 


 

Meiner Frau

Mager wirst du vor angst unschätzbar
Zu sein, unter verschluss wie dein sitzen,
Faltest uns neu und rund in den korb
Der nach zwei, drei bäuchen riecht.
Schliesst mich weg über strassen
Von diesem brand in den stadtplan geblasen,
Den cafés, die dem knurrenden viertel
Einen rauschenden abtritt proben.
Und ich zeigte dir erst berühmte
Unser stottern im salut überbrüllen.

Friederike Mayröcker

Best of Gangan [in Print]
aus: ganganbuch 3, 1986

Ein Gedicht

wie weit musz man gehen um ein flammendes Lamm zu finden

hab ich (abgetrotzt) diese
Zeile des Hochspannungs-
feuerwerks funkelnd über der sumpfigen
Wiese, im Tal die Glocken im Buschwerk rührt
sich ein Vogelpaar, über der Senke glitzern
die silbernen Drähte, diamantenen
Porzellanhütchen der Masten, ein Erdrutsch und
schwebende Falter dort wo die Lupinen
stehen, schlohgelbe Sturzflut … Knoten
der Bäuerin, Haarknoten am Hinterkopf, was
bedeutet dieser riesige Haarknoten, prall und
festgezurrt, nach hinten gestrafft, jedes Haar ist
zu spüren und wie es beigibt, pariert (so brünett), pfeil-
blaue Luft, Schwalben als Giebel, im
Dämmer zwei Fledermäuse zwischen den Wipfeln
der Fichten, betäubender Duft
der rosa Bauernrosen am Tor, die das Feuchte lieben, nach
den Gewittern, Weberknechte und Spinnen, ziehen
bedächtig über das naszgeregnete Tischtuch des Garten-
tisches, ausgehirnt
pfeilen die Stare, hanghoch und Nessel-
hemd der korpulente Schatten (der Ruhm) wirft sich vor
der Sonne ins Knie