Cyberspace – die Verbundenheit der Differenz

Kommunikation ohne Grenzen
Eine Einführung

Anfang der 90er Jahre tauchten die ersten Klammeraffen in den Adreßzeilen der Geschäftskarten auf, und ich erinnere mich, dass Setzer immer nachfragten, ob bei der sonderbaren Adresse nicht ein Leerzeichen dazwischen gehöre. Damals war ein Faksimile noch der Standard in Sachen Kommunikation, und elektronische Post – ausgenommen die Bereiche Forschung, Wissenschaft, Militär und vereinzelte Sparten der Industrie – dem Bürger weitgehend unbekannt.

Dann kamen CompuServe und eWorld und ich war 1994 stolzer Inhaber meiner ersten Internet-Adresse: gangan@eworld.com, wie sich das für einen Mac-User gehörte. Die Begeisterung hielt sich aber noch in Grenzen, denn es gab kaum jemanden außerhalb der USA und Australiens, mit dem man kommunizieren konnte – und der Chat mit irgendwelchen anderen Usern, die zufällig auch gerade eingeloggt waren, erwies sich bald als Zeitverschwendung. Online zu sein war damals auch noch sehr teuer und Modems noch sehr langsam.

Dennoch: die kleine geschützte eWorld-Community hatte bereits einen Ausgang ins wilde weit offene Web – natürlich ohne Sicherheitsgarantie – man startete damals Netscape 1.0 und war im Netz. Auch wenn man noch nicht viel damit anzufangen wußte. Aber eWorld wurde Anfang 1996 geschlossen und ich war daher gezwungen, mir rasch IT-Kenntnisse anzueignen, um selbst einzuwählen. Wenige Wochen später, am 6. April 1996, war meine erste eigene Webseite(1) live, und jeder konnte sie überall auf der Welt sehen! Na ja, jeder, der gewillt war, die damals noch viel zu großen Grafiken über ein 14.4 Modem abzuladen – und das waren im 2. Quartal 1996 erst bescheidene 1.635, im 2. Quartal 1997 dann schon 24.745, und im 2. Quartal 2000 mit inzwischen brauchbarer Bandweite und längst optimierten Seiten bereits 230.975 Zugriffe.(2)

„Meinen Bedarf an einem globalen, multilingualen Medium im Verlagsbereich verdanke ich in erster Linie dem Umstand, dass ich 1989 von Wien nach Sydney umgezogen bin, und zusätzlich zur österreichischen auch australische zeitgenössische Literatur – The Ozlit Collection – verlegt habe. Das Internet und speziell das World Wide Web war für eine Weiterentwicklung über diese große Entfernung hinweg geradezu ideal“, schrieb ich damals im Editorial von Gangway.(3)

Das Literaturmagazin ist acht Jahre (Anm. d. Hrsg.: 2016 zwanzig Jahre) alt, verbucht Millionen Zugriffe und hat nach dem Surf-Boom vor zwei, drei Jahren, wo noch überall neugierig drauf geklickt wurde zwar wieder weniger Zugriffe, dafür aber zahlreiche regelmäßige Leser: in den letzten 12 Monaten haben 48.980 Besucher 102.150 Seiten mit 313.186 Files in 345.586 Zugriffen gelesen.(4)

Aber was ist Cyberspace eigentlich, wobei wir in unserer Betrachtung auf verwandte Begriffe wie AI, VR und Robotics nicht eingehen wollen, und warum ist der Titel – die Verbundenheit der Differenz – so unscharf? Vielleicht, weil der Begriff selbst wie ein Kunstwerk empfunden werden kann: jeder, der einen virtuellen Raum betritt, sieht ihn durch eigene Augen. Für die einen bedeutet dieser Raum reine Information, ein bodenloses Archiv, durchnetzt von Datenbanken und Suchmaschinen. Für andere wieder dient er der Transaktion, dem Handel mit Aktien, der Erledigung von Rechnungen und anderen Bankgeschäften. Die meisten allerdings verstehen ihn wohl als einen Raum der Kommunikation, also Email, IRC (Internet Relay Chat), Foren, Blogs und ähnliches, wo also Interaktion im Gegensatz zu den beiden ersten Nutzungsformen nicht mit Maschinen, sondern mit anderen Menschen stattfindet, selbst wenn deren Identität oft nicht bekannt, ja oftmals absichtlich anonym gehalten ist. Wer mit einem Alias oder Nickname in einen Chatraum einsteigt verhält sich eben anders, als wenn er einen realen Raum physisch betritt.

Dergestalt entfalten sich nun die Themen dieser Sektion. Dieser Raum schafft Verbundenheit trotz Differenz oder gerade auch durch Differenz. Dieser Raum, der erst seit gut zehn Jahren jedermann zugänglich ist, schafft sich aber auch seine eigenen Regeln, eine Netiquette (Internet Etikette), die über alle Kulturen und Sprachen hinweg globale Gültigkeit haben muss.

In meinem Fall schafft das die Verknüpfung der alten Welt mit dem fünften Kontinent durch Literaturprojekte und eine zweisprachige Autoren-Community am Netz, oder bei Andreas Metzner-Szigeth das „Network of Excellence“ zum Thema „Kulturelle Diversität und neue Medien – ihre Wechselwirkungen als Moment europäischer Integration“ oder Interkulturalität und Interdisziplinarität im Cyberspace am Beispiel des Projekts „Lateinamerika-Studien Online“. Franz Krahberger hat sicherlich aktuelle Einsichten zu Electronic Publishing im Feld einer globalen medialen Kultur gewonnen, und Antonio Ferrero vermutet gar eine sprachliche Revolution der jüngeren Generation in McLuhans Globalem Dorf. Sylvia Petter sieht im Cyberspace auch viel mehr als nur Computer, und Siegfried Holzbauer stellt die Frage, ob dieser virtuelle Raum gar ein Irrgarten oder Labyrinth sei.

Zurück zu mir. Zurück zur Literatur. Wäre ich nicht 16.000 Kilometer weit weggezogen, würde ich vielleicht weiterhin das Papier dem digitalisierten Buch(5) vorziehen. So aber sitze ich am anderen Ende der Welt, und alle paar Minuten ertönt auf meinem Schreibtisch das vertraute „You’ve got Mail“ Glöckchen und ich verbringe wohl ein Drittel meines Lebens mit Kommunikation in virtuellen Communities mit Menschen, die mir wahrscheinlich so gut wie nie begegnen werden. Austausch von Informationen, weil der Weg oft zu weit ist, OK. Aber woher entsteht dann diese Vertrautheit, wenn ein Name in der Senderliste wiederholt auftaucht. Dem Kollegen Krahberger begegne ich heute zum ersten Mal im wirklichen Leben, virtuell kennen wir einander aber schon seit den Urzeiten der elektronischen Medien, sind per du und scheinen einigermaßen vertraut miteinander. Für Menschen, die nicht so lange im Cyberspace Erfahrungen gesammelt haben, mag das seltsam erscheinen, für Franz und mich ist das aber ein selbstverständlicher Teil dieser neuen Wirklichkeit. Und ähnlich steht es auch mit den anderen ReferentInnen dieser Sektion. Acht Menschen, die miteinander nicht verbunden wären, gäbe es nicht diese Konferenz um das Verbindende der Kulturen im virtuellen Raum.

Ich betreibe verschiedene Homepages – ich nenne sie meine Drei Türen zu Kunst und Literatur. Aber all das ist ohnehin online dokumentiert.(6) Darin integriert sind allerdings Emailgruppen. Und in diesen online Communities entwickelten sich zahlreiche virtuelle Freundschaften. Das ist das tatsächlich Verbindende der Kulturen, da wird in einem Sprach- und Kulturgemisch die Welt gespiegelt, wie das früher nur am Biertisch Wirklichkeit war. Aber wie im wirklichen Leben gibt es auch immer wieder Streit, weil es nicht immer eindeutig ist, welche Emotionen mit einem rasch getippten Satz einhergehen, selbst wenn Emotikons wie z.B. 🙂 beigefügt werden. Oder weil Informationen aus verschiedenen Gruppierungen nicht synchronisiert sind, oder verschiedene Sprecher auf verschiedenen Bühnen auftreten oder nur teilweise oder nicht im Kontext zitiert werden … und so ein Flaming kann schnell entstehen und sehr tief gehen, bis hin zur öffentlichen Beschimpfung.

So gesehen stimmt der Begriff des virtuellen Raums als Plattform einer Kommunikation ohne Grenzen eben doch nur teilweise. Die fehlenden technischen, politischen oder kulturellen Grenzen werden bald durch zutiefst menschliche Grenzen ersetzt. Egal, ob nun direkt gesprochen, in einer Gruppe diskutiert, per Brief oder Email korrespondiert, SMS getextet, per Mobil- oder Videotelefon kommuniziert wird, früher oder später wird aus jeder neuen technischen Lösung immer wieder dasselbe alte menschliche Problem.

Gerald Ganglbauer TUAC, Wien 2004

Aus dem Buch: Das Verbindende der Kulturen | Book: The Unifying Aspects of Cultures | Livre: Les points communs des cultures, sowie TRANS Nr.15, Internet-Zeitschrift für Kulturwissenschaften, TUAC Konferenz.

(1) http://www.gangan.com/ (2) http://www.gangan.com/de/stats.shtml (3) http://www.gangan.com/lit-mag/magazine/editorial.shtml (4) http://www.gangway.net/mystats/ (5) http://www.gangan.com/ebooks/ (6) Three doors to art and literature (1996 bis 2016 HTML) gangan.com | gangart.com | gangway.net (seit 2018 WordPress) gangan.com, gangan.at und gangway.at
Summary by Month
Month Daily Avg Monthly Totals
Hits Files Pages Visits Sites KBytes Visits Pages Files Hits
Jan 2016 3840 3109 1437 487 4081 1094293 7311 21565 46637 57609
Dec 2015 2755 2265 987 425 7504 1748792 13181 30608 70239 85426
Nov 2015 2467 2067 890 390 7006 1897674 11710 26700 62013 74034
Oct 2015 2544 2194 1006 375 7502 1835693 11643 31207 68024 78883
Sep 2015 2588 2268 1014 306 6896 1752287 9189 30436 68041 77664
Aug 2015 2348 2107 1071 368 6465 1815403 11426 33224 65335 72790
Jul 2015 2103 1848 880 361 6070 1576243 11199 27283 57309 65221
Jun 2015 2104 1722 823 833 5821 1277402 11494 24710 51684 63141
May 2015 2056 1674 740 351 5469 1310391 10910 22961 51904 63746
Apr 2015 1384 1167 535 253 3310 803238 7601 16062 35022 41525
Mar 2015 1435 1247 625 298 4469 942886 9261 19393 38665 44512
Feb 2015 1555 1308 645 310 4320 921022 8680 18085 36633 43550
Totals 16975324 123605 302234 651506 768101

Daten vom Jänner 2016, gangan.com

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