Hermann J. Hendrich

nach Graz, in Graz, um Graz herum

zwei ereignisse überraschten mich in Graz nach meiner rückkehr aus den USA im sommer 1963: die meldung von der ermordung des Kennedy und die sondernummer der Kleinen Zeitung mit der umfangreichen literatur-beilage: da waren die neuen grazer autoren.

im zug über den Semmering den Spiegel lesend was schwarze hände bedeutete in dieser zeit ohne nachtquartier schliesslich eine matratze in einem verschlag der Neuen Galerie nach dem genuss von mehreren schnäpsen bei der Tante am morgen über den Schöckel nach ermüdendem marsch in Peggau in den zug nach norden.

im schnellzug aus Wien über den nicht mehr verschneiten Semmering den neuesten Spiegel interessiert durchlesend was leider auf grund der damaligen papierqualität schwarze hände bedeutete mit dem rucksack abgeholt geworden und zu fuss ein erklärender rundgang durch die innenstadt von Graz es war aber kein richtiges nachtquartier eingeplant worden, mein freund lebte selbst in bescheidenster untermiete so blieb ihm nichts anderes übrig, als mir eine matratze in einem verschlag der Neuen Galerie, in der er tagsüber zusammen mit Hartlauer restaurierte, anzubieten, und nach dem genuss von mehreren schnäpsen bei der Tante in der dunklen seitengasse, wo ich einigen stammgästen vorgestellt wurde, schlief ich wohl gut ein, konnte aber bis zum morgen nicht aus der galerie hinaus weil mein freund abschliessen musste. nach einem kargen frühstück fuhren wir mit dem bus nach Radegund und bestiegen den Schöckel. es war schon ziemlich warm und der ermüdende marsch endete erst am nachmittag am bahnhof von Peggau. ich nahm allein den zug nach norden, der am sonntag nachmittag voll besetzt war und ich in der schlechten luft beim stehen einfach umfiel, jemand fing mich auf.

aufgefangen wurde ich schon, von einem hilfreichen älteren mann oder zwei, da ich umgefallen war aus dem stehen in der stickigen luft in dem vollbesetzten waggon an einem sonntag nachmittag, nach norden fuhr dieser zug ohne den freund mit mir. in Peggau am bahnhof rasteten wir am nachmittag zum erstenmal nach dem ermüdenden marsch, es war auch schon ziemlich warm.

vom Schöckel rannten wir nach Radegund hinunter und nahmen den bus nach Graz, um unser karges frühstück einzunehmen. mein freund hatte abgeschlossen, so konnte ich aus der Neuen Galerie nicht hinaus und musste bis zum morgen warten, geschlafen hatte ich wohl gut, da ich nach meiner vorstellung einiger stammgäste schon in der dunklen seitengasse bei der Tante einige schnäpse genossen hatte, er hatte mir in der galerie, in der er tagsüber mit Hartlauer zusammen restaurierte, in einem verschlag eine matratze angeboten, übrig war ihm ja nichts anderes geblieben, weil er selbst in bescheidenster untermiete lebte, ein eingeplantes nachtquartier in richtiger weise in der innenstadt von Graz nach dem rundgang mit erklärungen langten wir zu fuss mit dem rucksack und schwarzen händen auf grund der papierqualität der damaligen zeitschriften die ich mit interesse gelesen hatte, besonders den neuesten Spiegel, über den Semmering ohne schnee aus Wien mit dem schnellzug.

mit dem leichten sausen, das ich vor dem ereignis verspürte, erwartete ich schon noch, dass der harte aufprall am schmutzigen boden des waggon passieren würde, aber ich wurde von einem hilfreichen älteren mann, es könnten auch zwei gewesen sein, die irgendeine wanderkluft trugen, so aufgefangen, dass mir nichts passierte. sollte ich jetzt das erste und letzte ereignis in meinem gedächtnis verfolgen? im waggon herrschte eine besonders stickige luft, der schweiss sovieler wanderer hatte eine besondere schwüle im vollbesetzten waggon erzeugt, es war an einem sonntag nachmittag, nach norden fuhr dieser zug mit mir auf einer der bänke gelandet, ich konnte nicht ablehnen, weil mir auch das sprechen für kurze zeit abhanden kam, an den freund dachte ich nicht mehr. nach Peggau führte mich eigentlich nie etwas besonderes, damals allerdings rasteten wir am bahnhof am nachmittag zum erstenmal auf den bänken am perron nach wien, bis mein freund über die unterführung zur richtung nach Graz mich verabschiedete, ich dachte an den langen marsch, dessen letzter teil schon wirklich ermüdend war, weil die ersten frühlingstage in der Steiermark ausgebrochen waren und wir neben dem gehen viel geredet hatten. wir waren vom Schöckel gekommen, dem markierungszeichen für meine späteren annäherungen nach Graz über die autobahn, alle die strassen die ich im auto genommen hatte, um dorthin zu kommen. sind wir damals wirklich den Schöckel hinuntergerannnt, um voller hunger den bus nach Graz zu erreichen? es war einer der lieblingsausflüge meiner schwiegermutter. mir erschien damals dieser berg, oder diese ansammlung von wäldern, forststrassen, beförderungsmitteln, berghütten, wirtshäusern, wiesen und nicht zuletzt parkplätzen eine art märchen zu sein. aber wir sollten irgendeine wurst am hauptplatz zu uns nehmen, eine art frühstück ohne kaffee oder tee, weil der platz in der Neuen Galerie, aus der mich mein freund abgeholt hatte, gar nichts anzubieten hatte, sogar auf das clo musste ich warten. schlafen war für mich damals kein problem, die reise über die verschiedenen jugendgästehäuser bis Oldenburg war noch präsent. überdies hatte der abend in der seltsamen bar bei der Tante geendet, wo mich mein freund den trinkenden stammgästen vorstellte. es war sehr dunkel dort, mir war der ort fremd, ich fühlte mich ausgeschlossen. es war wenigstens nahe zu meinem sogenannten schlafquartier, das mein freund in der galerie, in der er tagsüber die rokokokachelöfen sorgfältig restaurierte, vorbereittet hatte; die gesamtleitung hatte der bildhauer Hartlauer inne, der sich nach dem behauen von unzähligen kreuzsteinen selbst ums leben gebracht hat, und dieser schlafplatz bestand aus einer flachen matratze in einem verschlag in eben dieser galerie. mein freund lebte in bescheidensten verhältnissen in untermiete weit ausserhalb des stadtzentrums und musste nach dem er mich praktisch in der galerie ohne wasser und clo eingeschlossen hatte – er war für den schlüssel und die sicherheit verantwortlich – zu fuss nach hause marschieren. aber immerhin verbrachte ich diese nacht in der Sackstrasse in völliger ruhe, vermutlich war es auch die nacht von samstag auf sonntag, anders hätte ich wohl kaum den rundgang in der innenstadt mit den erklärungen meines freundes beenden und mit meinem mässig schweren rucksack den bahnhof erreichen können. meine dunklen hände stammten von der druckerschwärze von dem schlechten papier, auf dem der damalige Spiegel gedruckt worden war. so sass ich ruhig und irgendwie müde gerüttelt über dem Semmering ohne irgendwelchen schneebelag (war ich nicht erst vor kurzem auf dem Stuhleck schifahren gewesen?) nach Wien in dem noch dampfgezogenen schnellzug.

im schnellzug, der noch von einer dampflok gezogen worden war fuhr ich aus Wien in erinnerung an einen kürzlichen schiausflug auf das Stuhleck über den unverschneiten Semmering und sass müde gerüttelt aber sonst ruhig mit einer zeitschrift an einem fensterplatz. der damalige Spiegel war auf recht schlechtem papier gedruckt, sodass ich nach dem umblättern der nummer dunkle finger bekommen hatte. vom bahnhof aus begannen wir – ich trug meinen rucksack – unter den erklärungen meines freundes einen innenstadtrundgang in erwartung der nacht von samstag auf sonntag. in völliger ruhe schlief ich diese nacht in der Sackstrasse. mein freund musste wegen der späten stunde zu fuss nach hause marschieren, er war immerhin für den schlüssel und die sicherheit verantwortlich, nach dem er mich ohne wasser- und WC-zugang in der galerie eingeschlossen hatte, um sein weit ausserhalb des stadtzentrum gelegenes bescheidenes untermietzimmer zu erreichen. in der galerie befand sich nur eine art verschlag für werkzeug und material samt einer flachen matratze, auf der ich lag, der mann, der sich selbst nach dem behauen von unzähligen kreuzsteinen ums leben gebracht hat, war der bildhauer Hartlauer, der die gesamtleitung inne hatte. die sorgfältige restaurierung von den vorhandenen rokokokachelöfen war tagsüber die aufgabe meines freundes, wenigstens lag mein provisorisches schlafquartier nahe. ausgeschlossen fühlte ich mich, die bar war mir fremd, es war dort auch sehr dunkel. meine vorstellung bei den trinkenden stammgästen durch meinen freund bedeutete mir nicht viel, das ende bei der Tante in dem seltsamen lokal war an diesem tag erreicht. in meiner erinnerung an Oldenburg und die verschiedenen jugendgästehäuser einer autostopreise, die ich vor nicht so langer zeit unternommen hatte, gab es auch kein problem mit miesen schlafstellen. dass ich auf das clo warten musste, weil das angebot in der Neuen Galerie, in die mich mein freund gebracht hatte, aus fast nichts bestand, wurde durch das frühstück ohne tee oder kaffee am Hauptplatz beim würstelstand wettgemacht.

wie ein märchen erschienen mir die parkplätze, wiesen, wirtshäuser, berghütten, beförderungsmittel, forstrassen und wälder in ihrer ansammlung an diesem berg, den ich später als lieblingsausflugsziel meiner schwiegermutter noch besser kennen lernen sollte. nach Graz war der bus voller hunger zu erreichen, so rannten wir eben den Schöckel hinunter. kommt man dorthin, im auto über alle jene strassen, über die autobahn nach Graz, findet man für die annäherung das markierungszeichen, die dachförmige gestalt des Schöckel. wir hatten viel neben dem gehen geredet , in der Steiermark waren die ersten frühlingstage ausgebrochen, und ermüdeten am letzten teil des langen marsches, bis der abschied bei der unterführung richtung Graz von meinem freund eintrat, wir rasteten auf den bänken am perron nach Wien zum erstenmal an diesem nachmittag, andere aufgaben hätten mich sonst nie nach Peggau geführt.

an den freund konnte ich nicht denken, für kurze zeit war mir auch das sprechen abhanden gekommen, ich konnte nicht ablehnen, dass man mir einen sitz auf einer bank freigemacht hatte in diesem zug nach norden, am nachmittag eines sonntags, im vollen waggon herrschte eine besondere schwüle auf grund der vielen wanderer in ihren schweissfeuchten kleidern, die stickige luft erfüllte den ganzen waggon. es passierte mir nichts, da ich aufgefangen wurde, von in wanderkluft bestückten männern, es könnte auch nur ein hilfreicher älterer mann gewesen sein, bevor am schmutzigen boden des waggons ein harter aufprall erwartet wurde, und ich verspürte vor dem ereignis das gewohnte leichte sausen.

im schnellzug, der damals noch von einer dampflok gezogen worden war, fuhr ich aus Wien in erinnerung an einen kürzlichen schiausflug aufs Stuhleck über den unverschneiten Semmering das erstemal nach Graz und sass müde gerüttelt aber sonst ruhig mit einer zeitschrift an einem fensterplatz. zu dieser zeit hatte ich überhaupt keine ahnung davon, wie oft ich noch von Wien aus in diese stadt fahren würde, es sind in den 45 jahren wohl fünfhundert fahrten geworden. der damalige spiegel, dessen regelmässige lektüre jede woche für uns verpflichtend war, (die Zeit begann ich erst ein paar jahre später zu lesen) war auf recht schlechtem papier gedruckt, sodass ich nach dem umblättern immer dunkle finger bekam, und bei dem zustand der zugstoiletten auch kaum den wunsch hatte, diese mir vor erreichen des zieles zu reinigen. mein freund erwartete mich am bahnhof (ich hatte ihn nicht so lange vorher im Studio für Modern Jazz kennengelernt, in dem ich mich engagierte) und begannen mit leichtem gepäck, ich hatte nur einen kleinen rucksack bei mir, unter seinen erklärungen einen innenstadtrundgang, bevor die nacht von samstag auf sonntag einbrach. im gegensatz zu Wien konnte ich keine sichtbaren zerstörungen alter häuser oder eben durch neubauten ersetzte bombentreffer erkennen. sehr ruhig verlief die nacht in der Sackstrasse. allein zu sein und auf das eigene ruhige atmen zu hören. mein freund hatte noch in der nacht zu fuss nach hause marschieren müssen, denn er war für den schlüssel zur und für die sicherheit der galerie verantwortlich. das war auch der grund, warum ich eingeschlossen werden musste und keinen nächtlichen zugang zum wasser oder abort hatte, er selbst wohnte in bescheidenster untermiete weit ausserhalb der innenstadt. es war die zeit, wo wir viele gemeinsame pläne entwickelten, wie wenig realisierte sich daraus? in der galerie gab es eine art verschlag für das werkzeug und das material nebst einer flachen matratze, auf der ich lag, der mann der sich selbst nach dem behauen vieler kreuzsteine ums leben gebracht hat, war der bildhauer Hartlauer, der die gesamtleitung des restaurierungsvorhaben inne hatte. er gehörte zu einer generation von künstlern, in der manche eigene lebensbeendigungen durchführten, da sich kein künstlerischer erfolg trotz jahrzehnterlanger ehrlicher bemühung eingestellt hatte. die sorgfältige restaurierung von rokokokachelöfen – die natürlich nie mehr beheizt werden sollten – war die aufgabe meines freundes, und von meinem schlafplatz aus konnte ich sogar in der dämmerung eines dieser seltsamen gebilde ausmachen. der gebrauch des steirischen idioms war mir fremd, ich fühlte mich in der bar etwas ausgeschlossen, insbesondere durch die düstere beleuchtung. den gesprächen, die mein freund führte, konnte ich nicht ganz folgen. er hatte mich schon den ihm gut bekannten stammgästen vorgestellt, die sich bis zum ende bei der Tante in dem seltsamen lokal mit schnaps besauften. wer an diesem abend dabei war und mir viel später als autor bekannt wurde, weiss ich nicht. in der stille erinnerte ich mich an Oldenburg und die vielen anderen jugendgästehäuser, in denen ich auf meiner autostopfahrt durch Deutschland mässig genächtigt hatte, die schönste nacht war in einem strohmanderl verbracht. dort notierte ich einen der schlüsselträume meiner jugend. nach dem erwachen gab es eine unruhige wartezeit, bis mir mein freund aufsperrte und ich ans clo konnte. In der Neuen Galerie gab es nichts, so mussten wir unser frühstück am Hauptplatz an einem Würstelstand einnehmen. (bei meinen späteren aufenthalte habe ich die würstelstände am Jakominiplatz vorgezogen!) wir machten uns zum sonntagsausflug auf: wie ein märchen erschienen mir die parkplätze, wiesen, wirthäuser, berghütten, beförderungsmittel, serpentinen, forststrassen und wälder in ihrer gesammelten buntheit an diesem berg, den ich jahre später als das lieblingsausflugsziel meiner schwiegermutter noch besser kennenlernen sollte. vielleicht sollte ich dort noch einmal hinaufgehen, aber lieber wäre mir noch der Wildenkogel. nach Graz war der bus voller hunger bald zu erreichen, so rannten wir eben den Schöckel hinunter. kommt man dort vorbei, vielleicht im auto über alle jene strassen, die ich in den 45 jahren benutzte, jetzt über die autobahn, und immer nach Graz, findet man für das näherkommen dieses wuchtige markierungszeichen, die dachförmige gestalt des Schöckel. wir betrachteten uns als gebildete menschen, die etwas neues machen wollten: aber wenn ich an das denke, was ich seither gelernt habe? trotzdem akzeptiere ich mein manus aus dieser zeit ‘bergsommer’. wir hatten eben viel im gehen geredet, in der Steiermark waren die ersten frühlingstage ausgebrochen, deren wärme uns zusätzlich ermüdeten an diesem letzten teil des langen marsches, bis der abschied an der unterführung der eisenbahn richtung Graz von meinem freund begann. ich hasse abschiede am bahnhof und gehe immer eilig nach dem kofferhineintragen davon. wir hatten auf den bänken am perron nach Wien gerastet an diesem nachmittag, andere aufgaben hatte ich nie in Peggau zu erledigen, den zement kaufe ich anderswo. beim einfahren des zuges in die station wirkte er schon vollbesetzt. an den freund dachte ich längst nicht mehr, für kurze zeit war mir sogar das sprechen abhanden gekommen, ich konnte gar nicht ablehnen, als man mir einen sitz auf einen der holzbänke freigemacht hatte in diesem zug nach norden, am nachmittag eines sonntags. in dem vollen waggon herrschte eine besondere schwüle, die noch von dem schweiss der vielen heimfahrenden ausflügler verstärkt wurde, die stickige luft erfüllte den ganzen wagen. nichts war mir passiert, als mich nach dem auffangen durch einige mit kniehosen bekleideten männern ein hilfreicher älterer mann vor dem aufprall auf dem schmutzigen boden des waggons bewahrte, den ich noch erwartet hatte, bevor mich mein bewusstsein mit einem leichten sausen kurz verlassen hatte.

Monika Mokre

Graz 2003, oder: Die Privatisierung der Kunstpolitik

Fakten und Hintergründe

Das Kulturhauptstadt-Programm

Das EG-Programm “Kulturhauptstadt der Europäischen Union” wurde im Jahr 1985 aufgrund eines Vorschlags der damaligen griechischen Kulturministerin und ehemaligen Sängerin, Melina Mercouri, ins Leben gerufen. Ziel des Programms war es “der europäischen Öffentlichkeit besondere kulturelle Aspekte der Stadt, der Region oder des betreffenden Landes zugänglich” zu machen. Von 1985 bis 2002 durften insgesamt 28 Städte diesen Titel tragen. Von 1985 bis 1999 wurde pro Jahr eine Stadt gekürt, im Milleniumsjahr sollte das Programm eigentlich mit dem pompösen Abschluss von neun zeitgleichen Kulturhauptstädten beendet werden. Aufgrund seiner großen Beliebtheit und zahlreicher Bewerbungen wurden jedoch für die Jahre 2001, 2002 und 2004 je zwei Städte zur Kulturhauptstadt ernannt. Nur für das Jahr 2003 gelang es Graz aufgrund geschickten Verhandelns und wegen formaler Einwände gegen die nicht-europäische Stadt St. Petersburg als zweite Kulturhauptstadt den Status der einzigen europäischen Kulturhauptstadt zu erringen.

Seit 2000 ist das Kulturhaupstadt-Programm Teil des größeren Schwerpunktes “Kultur 2000”. Das Ziel von Kulturhauptstädten wird im Programm von “Kultur 2000” folgendermaßen definiert: “Der Reichtum, die Vielfalt und die Gemeinsamkeiten des kulturellen Erbes in Europa sollen herausgestellt und ein Beitrag zu einem besseren Verständnis der Bürger Europas füreinander geleistet werden.”

Im Jahr 1999 wurde das Kulturhauptstadt-Programm evaluiert. Zwar waren die Ergebnisse dieser Auswertung insgesamt eher positiv, doch wurde festgehalten dass “ diese positiven Auswirkungen (…) jedoch nicht immer über die Dauer der Veranstaltung hinaus angehalten (haben). Es wird zwar anerkannt, dass die öffentlichen Entscheidungsträger in den Städten dafür zuständig sind, über den Inhalt ihres Projekts zu entscheiden, doch sollten sie darauf aufmerksam gemacht werden, dass das kulturelle Projekt in einen mittelfristigen dynamischen Prozess zu integrieren ist.” Daher soll es ab 2005 Evaluierungen der Kulturhauptstädte geben.

Die Geschichte von Graz 2003

Graz ist mit etwa 240.000 EinwohnerInnen die zweitgrößte Stadt Österreichs, wird jedoch jährlich von sehr viel weniger TouristInnen besucht als vergleichbare österreichische Städte: Im Jahr 2001 wurden in Graz etwa 600.000 Nächtigungen verzeichnet, das sind etwa so viele wie in Linz, aber deutlich weniger als in Innsbruck (1,2 Millionen), Salzburg (1,6 Millionen) oder gar Wien (7,6 Millionen).

Die Erhöhung der Attraktivität für den Städtetourismus war denn auch das Hauptargument für den früh verstorbenen Kulturökonomen Clemens Andreae, der Grazer Stadtregierung schon im Jahr 1988 zu raten, sich um den Titel der Kulturhauptstadt zu bewerben. Die Stadtväter (Mütter gab es wohl keine) nahmen sich diesen Rat zu Herzen, doch hatten sie vorerst keine Chance, da sie als Stadt in einem Nicht-EG-Land an dem Programm nicht teilnehmen konnten. Als Trostpflaster durfte Graz im Jahr 1993 zumindest den Kulturmonat ausrichten. Was eher schlecht denn recht gelang, glaubt mensch zeitgenössischen Medien- und Kulturleuten. In den Salzburger Nachrichten etwa hieß es: “Die Chance, sich inhaltlich neben den Kulturzentren Wien, Salzburg und (dem direkten Konkurrenten) Linz auf markante Weise zu positionieren, wurde vertan. (…) Wenn Graz etwas dringend braucht, dann Zugluft. Kein retrospektives Mammut-Programm, kein Schielen auf das Buch der Rekorde, kein unentwegtes Lorbeerkranz-Flechten für die alten Haudegen. (…) Was dem Kulturmonat insgesamt gefehlt hat, war Dynamik, war Herzblut, war ein Aufzeigen von Visionen, von Richtungen.” (siehe: T. Trenkler, Graz. Wer hätte das gedacht? In: Der Standard, 4.1.2003) Die städtischen PolitikerInnen wiesen diese Kritik allerdings zurück und kündigten an, künftig jährlich einen Kulturmonat durchzuführen; dies wurde indes nicht realisiert. Hingegen bemühte sich Graz auch in den Jahren danach um den Titel der Kulturhauptstadt. Eine erste Chance dazu gab es im Jahr 2000 – als zehnte Stadt – doch darauf verzichtete Kulturstadtrat Helmut Strobl, der letztendlich auch die Ernennung für das Jahr 2003 durchsetzte.

Die Organisation von Graz 2003

Das Programm von Graz 2003 wird von der Graz 2003 Ges.m.b.H. entwickelt und durchgeführt, einer Gesellschaft, die von der Stadt Graz gegründet wurde. Die Ges.m.b.H. verfügt über ein Kapital von 51,37 Millionen €, von denen je 18,17 Millionen von der Stadt Graz und dem Land Steiermark kommen, 14,53 Millionen von der Republik Österreich und eine halbe Million von der Europäischen Kommission. Die Zielsetzungen und auch die Organisation von Graz 2003 sind im Gründungsvertrag der Gesellschaft nur sehr allgemein beschrieben. “Gegenstand des Unternehmens ist die Vorbereitung und Durchführung aller Vorhaben, die die Umsetzung der Ziele der Stadt Graz für das Projekt ‘Kulturhauptstadt Europas 2003’ zum Ziel haben” (Notariatsakt vom 3. März 2000, Dr. Werner Hubmer, öffentlicher Notar, Geschäftszahl 3256, S. 3), heißt es da, während etwa im Gesellschaftsvertrag für ein anderes ausgegliedertes österreichisches Kulturunternehmen, das Museumsquartier in Wien, der Unternehmensgegenstand in drei Hauptpunkten und acht Unterpunkten über anderthalb Seiten festgelegt ist. Zwar sind gegen die knappe Formulierung des Gründungsaktes keine rechtlichen Bedenken zu erheben, doch scheint aus demokratietheoretischer Sicht zweifelhaft, ob mit einer so unspezifischen Aufgabenbeschreibung für eine öffentlich finanzierte Gesellschaft kulturpolitische Verantwortung angemessen wahrgenommen wird.

Interpretation

Das Kulturhauptstadt-Programm der EU ist außergewöhnlich ungenau, sowohl in Hinblick auf seine allgemeinen Ziele, als auch in Bezug auf die Durchführung in den einzelnen Städten. Dies lässt sich wohl daraus erklären, dass es eines der ersten Kulturprogramme der Europäischen Gemeinschaft war und die EG kulturelle Aktivitäten stets mit großer Vorsicht entfaltete, da Kulturpolitik eindeutig zu den Kompetenzen der Mitgliedsstaaten gehört. Diese Vorsicht war im Sinne der harmonischen Entwicklung der europäischen Integration sicherlich sinnvoll, denn Kulturpolitiken sind traditionell eng mit Konzepten kultureller Identität verknüpft und die Autonomie nationaler kultureller Identitäten war stets ein wesentliches Anliegen der Mitgliedsstaaten. Erst 1999, in der Präambel zu “Kultur 2000” wurde eine europäische kulturelle Identität behauptet, doch auch dies sehr gewunden und unter expliziter Erwähnung der kulturellen Identitäten der Mitgliedsstaaten. Es heißt dort “Gemäß dem Vertrag hat die Europäische Union zur Aufgabe, eine immer engere Union der Völker Europas zu verwirklichen sowie einen Beitrag zur Entfaltung der Kulturen der Mitgliedstaaten unter Wahrung ihrer nationalen und regionalen Vielfalt sowie gleichzeitiger Hervorhebung des gemeinsamen kulturellen Erbes zu leisten; besonders wichtig ist hierbei die Wahrung des Status der kleinen Kulturräume und der weniger verbreiteten Sprachen in Europa.”

Andererseits wurde während der letzten Jahrzehnte zunehmend deutlicher, dass die EU mehr ist als eine Freihandelszone, dass die “immer engere Integration” quasi automatisch zur Politisierung der Union führt, die eine Form von Kollektividentität als Grundlage benötigt. Denn nur wenn ich mich einer Gesellschaft in irgendeiner Form zugehörig fühle, bin ich bereit, Mehrheitsentscheidungen zu akzeptieren, in denen meine Meinung unterlegen ist. Demokratisierung hat daher Loyalität zu einer Gesellschaft als Voraussetzung.

Das Dilemma nationalstaatlicher Kompetenz und supranationaler Notwendigkeiten im Bereich Kulturpolitik führte zu den vorsichtigen und halbherzigen Aktivitäten der EG in diesem Bereich, wie sie sich im Kulturhauptstadt-Programm manifestieren. Die Rolle des Rates der EU und der europäischen Kommission beschränkt sich darauf, die teilnehmenden Städte auszuwählen und ihnen eine vergleichsweise geringe Geldsumme als europäischen Beitrag zuzuteilen. Das Programm liegt ebenso wie die Finanzierung fast vollständig in der Verantwortung der betreffenden Stadt. Trotzdem führt der Titel “Kulturhauptstadt der EU” vielleicht zu einer Art von Identifizierung zwischen der jeweiligen Stadt und der EU. Jedenfalls zeigt die Zahl der Bewerbungen, dass der Titel trotz der geringen finanziellen Beteiligung der EU erstrebenswert erscheint.

Dies mag indes weniger ideelle denn finanzielle Ursachen haben. Denn auch wenn der Beitrag der EU selbst gering ist, bedeuten doch die Beiträge anderer nationaler Gebietskörperschaften üblicherweise eine erhebliche Aufbesserung der städtischen Kulturbudgets. In Graz etwa kommen fast zwei Drittel des Budgets für die Kulturhauptstadt von Land Steiermark und der Republik Österreich. Während im Jahr 2002 etwas mehr als 10 Millionen € aus dem Budget der Stadt Graz für Kultur und Wissenschaft zur Verfügung standen, verfügt das Kulturhauptstadtjahr, wie schon erwähnt, über 52 Millionen €.

Das Programm “Kulturhauptstadt der Europäischen Union” macht also erhebliche Geldsummen ohne inhaltliche Auflagen für Kulturpolitik frei. Während in anderen Städten, wie Weimar 1999 und Porto 2001 trotz der zusätzlichen Mittel erhebliche finanzielle Probleme aufgrund der grundsätzlich prekären Finanzlage der Städte auftraten, konnte die wohlhabende Stadt Graz über diesen Mitteln ziemlich frei verfügen. Und während viele Städte wie Glasgow, Weimar und Porto einen großen Teil der Kulturhauptstadtmittel für bauliche Rekonstruktionen aufwandte, war auch dieser Bedarf in Graz nicht erheblich. Die Stadt hatte dadurch insgesamt einen größeren Freiraum in der Gestaltung des Kulturjahres als andere Kulturhauptstädte.

Eine solche Situation scheint gut geeignet, kulturpolitischen Zielsetzungen zu verstehen. Welche Konzepte entwickeln PolitikerInnen, welche Schwerpunkte setzen sie, wenn ein erhebliches Budget für Kunst und Kultur zur Verfügung steht und sie mehr oder weniger frei in der Verteilung dieser Mittel sind?

Im Falle von Graz 2003 ist die Antwort auf diese Frage eher erstaunlich: PolitikerInnen haben auf ihren kulturpolitischen Freiraum (und ihre kulturpolitische Verantwortung) verzichtet und die Gestaltungsmöglichkeiten für Graz 2003 ohne weitere Einschränkungen einer privaten Gesellschaft übergeben. Für diese ungewöhnliche Entscheidung könnten unterschiedliche Überlegungen ausschlaggebend gewesen sein:

  • Die österreichische Kulturpolitik seit 1945 (und auch davor) ist geprägt vom direkten Einfluss staatlicher Institutionen. Während der letzten Jahrzehnte wurde Kritik an dieser Form von Politik zunehmend lauter. Die Organisation von Graz 2003 könnte als ein Versuch verstanden werden, Kulturpolitik dem direkten Einflussbereich von PolitikerInnen zu entziehen.
  • Andererseits wäre es möglich, dass Graz 2003 den Grazer PolitikerInnen nicht besonders relevant erscheint. Vielleicht wollen sie ihre Zeit und Energie nicht auf ein Großereignis konzentrieren, sondern sich lieber langfristigen kulturpolitischen Strategien für die Stadt widmen und haben dieses Projekt daher ausgelagert.
  • Schließlich wäre es auch möglich, dass PolitikerInnen trotz oder gerade wegen ihres Interesses an Graz 2003 dieses Projekt einer privaten Gesellschaft überantwortet haben, da sie der Meinung sind, dass diese sich für die Durchführung besser eignet als die öffentliche Verwaltung. Eine solche Umstrukturierung würde einer generellen Tendenz in der EU und ihren Mitgliedstaaten entsprechen, “Regulierungsagenturen” zu schaffen, die Aufgaben übernehmen, die bisher PolitikerInnen und BeamtInnen übertragen waren.
  • Schließlich wäre es vorstellbar, dass die PolitikerInnen Schwierigkeiten bei der Umsetzung von Graz 2003 befürchteten, von denen sie sich lieber fernhalten wollen. Gerade die Geschichte der Grazer Kulturpolitik zeigt eine Reihe von Skandalen und Problemen (etwa rund um das Forum Stadtpark), die eine solche Überlegung plausibel erscheinen lassen.

Unabhängig davon, welcher dieser Gründe am plausibelsten erscheint oder ob eine Kombination mehrerer Überlegungen für die Entscheidung über die Organisation von Graz 2003 ausschlaggebend war, stellt sich die Frage, wie diese Form der Auslagerung von Kulturpolitik aus normativer demokratietheoretischer Sicht einzuschätzen ist.

PolitikerInnen werden gewählt, damit sie die Verantwortung für politische Aktivitäten übernehmen, die aus Steuergeldern bezahlt werden. Während es in vielen Fällen günstig sein mag, die Durchführung kulturpolitischer Projekte “at arm’s length” von direkter politischer Intervention zu platzieren, besteht ein grundlegendes Prinzip der repräsentativen Demokratie darin, dass politische Zielsetzungen von politischen RepräsentantInnen festgelegt werden, also von Leuten, die ihre Position aufgrund von Wahlen erhalten und wieder verlieren. Zwar ist es legitim, dass Institutionen, die nicht aufgrund von Wahlen gebildet werden, Aufgaben im öffentlichen Interesse ausführen, doch müssen sie sich gegenüber gewählten Institutionen verantworten und diesen hierarchisch unterstellt sein.

Auf die Graz 2003 Ges.m.b.H. treffen diese Bedingungen nicht zu, denn der Gründungsvertrag legt keinerlei nachprüfbare Zielsetzungen und Sanktionsmechanismen für Nicht-Erfüllung fest. Zugleich sind die von der Graz 2003 Ges.m.b.H. vergebenen Gelder im Vergleich zu den regulären Kulturbudgets so erheblich, dass die Entscheidungen der Graz 2003 Ges.m.b.H. vermutlich über lange Zeit wesentlichen Einfluss auf das Grazer Kulturleben haben. Die erhebliche Definitionsmacht und fehlende kulturpolitische Kontrolle der Graz 2003 Ges.m.b.H. erscheinen also demokratietheoretisch höchst problematisch.

Gegen Argumente dieser Art wird häufig eingewandt, dass sie auf einem stark formalistischen Verständnis von Demokratie beruhen. Lässt sich denn aus der österreichischen Kulturpolitik seit dem Zweiten Weltkrieg irgendeine kulturpolitische Überlegenheit öffentlicher Institutionen ableiten? Was hat die Monopolisierung kulturpolitischer Entscheidungen durch PolitikerInnen in den letzten Jahrzehnten gebracht? – Doch Demokratie kann nicht ausschließlich aufgrund ihrer Effektivität und Effizienz beurteilt werden, da sie in erster Linie eine Form der Entscheidungsfindung ist. Außerdem wird sich erst weisen müssen, ob die Graz 2003 Ges.m.b.H. der Kunst und Kultur in Graz besser dient als öffentliche Stellen. Die Nachwelt wird darüber zu urteilen haben, ob die Aktivitäten der Graz 2003 Ges.m.b.H. wesentlich für die Positionierung von Graz als internationaler Kunststadt sind.

Auf einer grundlegenderen Ebene stellt sich allerdings auch die Frage, ob es Kulturhauptstädten in erster Linie um diese Art künstlerischer Exzellenz gehen sollte. Ein wichtiges Ziel des Programms ist jedenfalls, wie bereits am Beginn dieses Artikels erwähnt, “der europäischen Öffentlichkeit besondere kulturelle Aspekte der Stadt, der Region oder des betreffenden Landes zugänglich zu machen.” Die Erfüllung dieses Anspruchs lässt sich sehr viel leichter bewerten als die künstlerische Exzellenz der Aktivitäten – und ist im Falle von Graz 2003 sehr skeptisch zu beurteilen. Hier einige Beispiele zur Illustration:

  • Viele der beauftragten Projekte werden von Grazer oder steirischen KünstlerInnen durchgeführt. Eines der prominentesten, sichtbarsten und auch teuersten Projekte, die Murinsel, beruht allerdings auf einem Konzept des internationalen New Yorker Künstlers Vito Acconci, und ist auch schlecht für die natürlichen Gegebenheiten der Mur, insbesondere ihre starke Strömung, geeignet. Die Insel ist daher nicht wirklich eine schwimmende Insel, sondern musste befestigt werden, damit sie nicht weggeschwemmt wird. Da es in Graz keinen Bedarf für eine künstliche Insel gibt, ist auch völlig unklar, wie dieses Werk nach 2003 genützt werden soll.
  • Die Verträge zwischen der Graz 2003 Ges.m.b.H. und den KünstlerInnen, die für die Kulturhauptstadt Projekte durchführen, sind außerordentlich problematisch und oftmals nachteilig für die KünstlerInnen. Einnahmen aus Sponsoring sind großteils an die Ges.m.b.H. abzuführen; Kritik an der Ges.m.b.H. oder Graz 2003 im allgemeinen wird mit Pönalen belegt. (Kleine Zeitung, 22.2.2002)
  • Von 2001 bis 2003 hat die Graz 2003 Ges.m.b.H. einen Prozess mit steirischen Kunstschaffenden um die Graz2003-Internetdomains geführt. Diese Domains wurden von den Kunstschaffenden bereits vor Gründung der Ges.m.b.H. gesichert. Dieser Rechtsstreit verdeutlicht das problematische Verhältnis zwischen der Durchführung kulturpolitischer Aufgaben im öffentlichen Interesse und den kommerziellen Interessen einer privaten Gesellschaft.

Diese Probleme machen deutlich, dass Zweifel an den positiven Effekten des Agierens der Graz 2003 Ges.m.b.H. für die Grazer Kulturszene angebracht sind. Wie insbesondere die beiden letzten Beispiele zeigen, ergeben sich tiefgreifende Konflikte nicht aus dem guten oder schlechten Willen der Verantwortlichen bei Graz 2003, sondern daraus, dass ein privates Unternehmen einer anderen Logik folgt als öffentliche Kulturpolitik. So wurden die kritisierten Klauseln in den Verträgen mit ProjektbetreiberInnen vom Geschäftsführer der Ges.m.b.H., Eberhard Schrempf, damit argumentiert, dass die Graz 2003 Ges.m.b.H. kein Fördergeber, sondern Firma und Projektpartner sei. (Kleine Zeitung, 22.2.2002) Doch die Interessen öffentlicher Kulturpolitik sind andere als die privater VeranstalterInnen und während die Vermeidung von Kritik durchaus das Interesse einer Firma sein kann, ist sie niemals mit den Zielsetzungen demokratischer Kulturpolitik zu vereinen. Die Souveränität einer Stadt und ihrer Kultur kann nicht den Geschäftserfordernissen einer privaten Gesellschaft überlassen werden und ist nicht in derselben Art verhandelbar wie Geschäftspolitiken. Der Erfolg demokratischer Kulturpolitik wird nicht an BesucherInnenzahlen oder Verkäufen gemessen, sondern an der Erreichung politischer Ziele. In Bezug auf Kulturpolitik bestehen diese Zielsetzungen in erster Linie in der Gewährleistung kultureller Vielfalt in mehrfacher Hinsicht:

  • Kulturelle Vielfalt der Regionen, Volksgruppen, Generationen;
  • Ökonomische Vielfalt von Institutionen und Unternehmen;
  • Inhaltliche/formale Vielfalt verschiedener Kunstformen;
  • Politische Vielfalt der Interessen und Meinungen.

Eine solcher Art definierte Kulturpolitik ist nicht nur formal demokratisch, sondern trägt auch zu einer substantiellen Form von Demokratie bei, indem sie öffentlichen Raum schafft, in dem konfligierende Standpunkte verhandelbar sind. Eine Kulturpolitik, die mit Steuergeldern bezahlt wird, aber gemäß den kommerziellen Standards einer privaten Firma durchgeführt wird, und zugleich dieser Firma ein Monopol der Kulturfinanzierung in einer Stadt überträgt, kann als Gegenteil des hier skizzierten Konzeptes demokratischer Kulturpolitik verstanden werden.

Gernot Lauffer

Politik und (Subventions-)Kultur

In Stainz 6.1.03

Österreich ist ein besetztes Land.
oder
Geben wir uns Gedankenfreiheit, Sire!

In Stainz ruft der Hirschmann die Kreativen zusammen. Die SPÖ hat die “Kultur”, der Hirschmann nimmt die Funktion des “Schattenministers” wahr. Da sitzen sie nun alle, die Künstler in ihren bunten Trachten, voller Hoffnung, zu etwas Staatsknete zu kommen. Ein exzentrisches Völkchen, die übliche Mischung aus Besessenheit, Verschrobenheit, Weltfremdheit, hermetischer Isoliertheit und – Opportunismus.

Ich komme zu spät. Am Wort ist gerade Andreas Braun, Kulturmanager von Swarovski in Wattens, vorher der sehr erfolgreiche Chef der Tirol-Werbung. Ein Tiroler, wie er im Buche steht, kernig, selbstbewußt, lakonisch, direkt.

Er erzählt die üblichen Geschichterln für Unbedarfte: Wie erfolgreich er sei, wie er das alles gedeixelt habe mit den Kristallwelten, was jetzt geschieht und wie es weitergehen soll. Nichts Wesentliches, aber doch Nachrichten aus einer fernen, fremden Welt der Bodenhaftung und der Selbständigkeit.

Und dann das Lamento der heimischen Künstel, dass sie zu wenig Geld kriegten, dass sie ein Recht auf mehr hätten, dass der Staat seinen Pflichten nicht nachkäme, dass die allgemeine Atmosphäre kulturfeindlich wäre und dass Kunst und Künstler wichtig, ja lebensnotwendig für das Gemeinwesen wären. In diesem Stil geht es weiter: Ein einziger Berichte vor der Beschwerdekommission, das übliche Bla Bla aus Vorwurf, Forderung, Selbsterhöhung und Selbstmitleid. Die Einzelnen referieren über ihre Arbeit, ihre Kunst und die geringen Subventionen. Keine Reflexion allgemeiner Natur über das Wesen, den Stand, die Umstände oder die Zukunft der Kunst. Ein hoch subventionierter Konzertveranstalter wird vom Tiroler Braun gefragt, wieviel seines Budgets er herein spiele. Das interessiere ihn überhaupt nicht, das wäre völlig irrelevant, das habe überhaupt nichts mit dem zu tun, was er anstrebe, gibt sich dieser gekränkt.

Ein paar Jahre vorher, vor der letzten Wahl, fast die selbe Besetzung, am Podium allerdings der rote Kulturminister Scholten sekundiert vom späteren Kulturreferenten Schachner. Der Himmel hing voller Geigen und Versprechungen. Einige Ausfälle von links kaschierten, dass man ein Herz und eine Seele war. Die Eiseskälte der nachfolgenden Realität zerstörte allerdings diese Blütenträume, jetzt erwarteten wir uns wieder vom schwarzen Gegenüber das Heil. Opportunistisch tanzen wir auf jeder Hochzeit und reden dem augenblicklichen oder künftigen Mächtigen nach dem Mund.

Mir ging das unfrohe vorwurfsvolle Geseire schon lange auf den Keks, außerdem mußte auch ich mich wichtig machen, positionieren, wie das neuerdings heißt. Wozu saß ich schließlich da herum, doch nicht, um etwas zu erfahren. Ich käme wir vor wie in der untergehenden Sowjet Union, als alles nur mehr eine Frage der schwindenden Staatsmittel gewesen wäre. Allgemeine Empörung. Dann meldet sich noch der Kulturchef des lokalen Kleinformats zu Wort, warf sich ob seiner übergroßen Verdienste um die Kulturzene in die Brust und wies auf den Anzeigenwert (!) seiner Kulturberichterstattung hin. Ein kleines Schreiduell folgte ob dieser Ungeheuerlichkeit. Die allgemeine Desorintiertheit hatte ihren Höhepunkt erreicht. Die armen Journalisten! Nur weil ihnen jeder hinten hinein kriecht, damit überhaupt berichtet wird, halten sie sich für wichtig und bedeutend und wissen nicht mehr, wo Gott und das journalistische Ethos wohnt. Ich war naturgemäß unzufrieden mit ihren Leistungen und sagte es auch bei jeder Gelegenheit so nach dem Motto, entweder kriechen oder kontern. Wer berichtet schließlich schon gerne über ein Kreativmagazin wie den Sterz, die Texte sind lang – wann soll man die lesen? –, die wie die Grafiken oft von Unbekannten sind. Ob die wohl gut sind, ob die im Trend liegen? Und wenn das Ganze schon weit über zwanzig Jahre erscheint und täglich die Papierlawine über einen hereinbricht, geht leicht die Übersicht verloren. Da muß man sich entscheiden, wen man protegiert. Natürlich den, den man kennt, “gut” kennt, einfach so oder von den hinteren Kontakten. Ja, wie kommt man dann zu einer Besprechung? Persönliche Kontakte, sagt mein Gewährsmann vom Wiener Niveaublatt, sind das wichtigste. Ja, ja, der Balkan … über den letzten Sterz “Tausend Bilder” berichtete die FAZ. Der Autor gab bis vor Kurzem eine Zeitschrift für Fotogeschichte heraus, als Österreicher in Deutschland, wo es dafür keine staatlichen Zuschüsse gibt. In Österreich wäre die Finanzierung vor allem von den persönlichen Beziehungen abhängig und weniger von der Qualität, das hätte er sich doch nicht antun wollen. Für besagte “Tausend Bilder” erhielt der Sterz wegen des großen Aufwands auch vom Ministerium einen Zuschuß. Später redet mich ein Kulturmensch an, mit dem ich sonst nichts zu tun habe, ob ich zufrieden wäre. Wie, was, warum, wobei, womit? Ihm hätte ich die Zuwendung zu verdanken. Ich bedankte mich überschwänglich. Die Qualität des vorgelegten Heftes wäre anderswo Grund genug gewesen. Ja, ja, der Balkan …

Jetzt hat sie sie wieder, die VP die Kultur nämlich bzw. das, was davon über ist, seit der alte Koren in grauer Vorzeit das Zepter niedergelegt hat. Jetzt ist jedenfalls noch weniger Geld da als je, das wird es den kleinen abhängigen Kulturmachern Angst und Bang. Die Großen sind meist öffentliche Institutionen, die berührt das weniger, obwohl eine kleine Einsparung dort bei den kleinen viel ausmachen würde … Aber was sind das für lächerliche Brosamen gegen das, was die gefräßige Maschine in Wien verschlingt. Die haben wir seit des Kaisers Zeiten, als noch ein Imperium zu repräsentieren war, die brauchen wir einfach, um in der Welt wenigstens noch irgendwer zu sein, bilden wir uns zumindest ein. Großmannssucht auf Kosten der Kleinen, der eigenen Kleinen. Da sparen wir alle für ein Großmachtgehabe, das schon in Paris lächerlich genug ist.

Um den Rest wird gerauft, denn das schnellere Geld ist immer noch das vom Staat, zumindest bei uns. Und so buhlen wir um die Gunst der Beamten, der Sekretäre, der Kuratoren, der Politiker, gefangen in unserer gegängelten Welt.

Die Karawane der Moderne ist allerdings schon längst weitergezogen, bis in das ferne Amerika. Andere Um- und Zustände erfordern andere Vorgangsweisen, andere Methoden, ein anderes Bewußtsein. Die Menschen, die Künstler, die Interessierten sind aus der höfischen Bevormundung befreit in einen freien Markt der Meinungen und Methoden entlassen worden. Dort wölbt sich ein anderer Himmel über den Kreativen, “die Gesellschaft” ist dort keinem etwas schuldig, dort muß, da kann jeder selber schauen, wo er bleibt, er ist ohne Vorwurf — an wen auch? — und daher voller Unternehmungsgeist. Dort agiert keiner in höfischer Abgeschiedenheit, dort hat keiner (Berührungs-)Angst vor dem Volk, keiner verachtet es, keiner haßt es. Keine Subvention verstellt die Sicht auf die Realität. Dafür, so sagen unsere Kulturtheoretiker und -politiker läge dort auch alles darnieder, die allgemeine Kulturlosigkeit wäre mit Händen zu greifen.

In dem riesigen Land sind allerdings klassische Kultureinrichtungen wie “Burg und Oper” äußerst spärlich, die müssen selbst sehen, wie sie über die Runden kommen, dafür fressen sie den kleinen Kulturproduzenten nicht alles weg, und die amerikanische Variante der modernsten darstellenden Kunst, des Films, beherrscht die Welt. Die Bedingungen für bildende Kreative scheinen dort für unserer Begriffe ziemlich schlecht, und doch wird immer noch dort bestimmt, wohin die (Kunst-)Reise geht. ein funktionierendes Atelier in NY ist immer noch ein Erfolgsbeweis.

Wir Ösis werden immer noch in Abhängigkeit gehalten, wir selbst halten uns in Abhängigkeit, wir leiden unter den Folgen “klerikaler Despotie” im Sinne der “asiatischen Despotie”, mit der Marx das alte Rußland beschrieb. Um zu überleben, unterwarfen wir uns der Gegenreformation, die kein Mensch wollte, die kein Mensch brauchte. Wir paßten uns an, wir arrangierten uns, wir wurden Teil des Systems der Vernichtung, Entrechtung und Erniedrigung und wir halten die Deformationen aus unserer Knechtschaft für einen wesentlichen Teile unserer, wie wir meinen, liebenswürdigen Identität.

Immer noch werden wir bevormundet von nicht mehr kaiserlichen Beamten, die nach Gutdünken bestimmen. Wer will deren Redlichkeit bezweifeln, wenn sie entscheiden müssen, bedrängt von Antragstellern, Bittstellern, Interventionen, Direktiven und den Wünschen der Politiker. Der freie Markt, das freie Spiel der Kräfte, von dem jetzt immer die Rede ist, kann da allerdings nicht stattfinden. Wie wird eine Arbeit verglichen, beurteilt, evaluiert, nach Gutdünken, nach Bedürfnis, nach Direktiven? Siehe oben.

Dieses System hängt bleischwer in der Luft, und auch das Aufbegehren dagegen gehört dazu wie die Dissidenten zum Zwangsstaat. Sie sind die Feigenblätter einer angeblichen Liberalität. Ob sie Gerhard Roth, Thomas Bernhard oder Elfriede Jelinek heißen, sie sind systemimanente Dissidenten. Sie werden veröffentlicht und aufgeführt, herumgereicht, mit Preisen bedacht. Ohne sie beginnt keine Vorstellung. Sie werden im Tross mit geführt als institutionelle Gegner, so wie die (schwarzen) Haarlem Globetrotter ihre (weißen) Jausen-Gegner immer mitbrachten bei ihren Basketball-Tourneen. Im Kulturghetto geliebt, werden sie von räudigen Hunden bekläfft, von Gaffern beschimpft, von der plebs misera mit Dreck beworfen, der man die volle Verachtung des (Geistes-)Adels entgegenbringt.

Als Hofnarren gehören sie zu den Herrschenden, zur Karawane der Auserwählten, da braucht man sich nicht abgeben mit fiesen Kötern und dem Lumpengesindel. Sind diese “die Gesellschaft”, die uns immer was schuldig ist, oder sind doch wir sie, die edlen Ritter des Geistes hoch über den Niederungen kleinlicher Gefühle, Vorstellungen, Meinungen und Ansichten?

Die Gesellschaft ist uns was schuldig, so wie früher der Souverän dem Volk was schuldig war, oder war es nicht umgekehrt, waren nicht das Volk dem Souverän etwas schuldig, und der hat sich bedient, hat sich das Beste genommen und den Rest verkommen lassen.

Jetzt ist das Volk schon lange der Souverän, aber wir lassen es, frei nach Kreisky, weder über die Todesstrafe abstimmen noch kulturelle Belange entscheiden, das muß schon den jeweiligen Experten überlassen werden. Die “Kaiserin” Maria Theresia hätte sich allerdings schön bedankt, hätten ihr Experten vorgeschrieben, was sie für gut und schön zu halten gehabt hätte, ob sie z. B. den kleinen Mozart auf den Schoß hätte nehmen dürfen. Wer aber erkennt unsere Einmaligkeit und Genialität, wer nimmt uns auf den Schoß, jeden von uns in seiner Einmaligkeit à la kleiner Mozart? Hat nicht jeder das Recht darauf, ohne dem Gutdünken irgendeines Beamten ausgeliefert zu sein. Die Beamten sind nur Beamte, gut oder schlecht, klug oder dumm, korrupt oder korrekt — siehe oben —, wir setzten doch besser Kuratoren ein, Fachleute, die bestimmen dann aus reiner Wissenschaft und Erkenntnis, wer kriegt und wer nicht. Und wieder sind wir auf einer neuen Stufe des individuellen Beliebens angelangt: Subjektivität und Freunderlwirtschaft entscheiden über den Geldfluß, ohne Kontrolle, ohne Maßstab. Wie denn auch? Der Souverän ist, wie weiland Kaiser Ferdinand, unter Kuratel gestellt, entmündigt, und die Mäuse feiern Hochzeit.

Kunst ist wie so vieles zur Angelegenheit von Experten geworden, ein geheimes Fachwissen von Ausgebildeten ist notwendig, um sich auszukennen, wir lassen schließlich bei der Molekularbiologie auch nicht jeden mitreden.

Hermetisch abgeschlossen findet die Kettenreaktion des Kunstvollzugs vor den immer gleichen Leuten statt. Die haben sich angepaßt in ihren Erwartungen, in der Art und Weise des Konsums. Man läßt auf sich wirken, nachgefragt wird nicht, Position wird nicht bezogen. Kritik und Skepsis, Grundvoraussetzungen intellektueller Redlichkeit, werden als Störenfriede, als Konsensbrecher diskreditiert. Denn innerhalb der hermetischen Blase herrscht Harmonie, der gemeinsame Feind ist außerhalb. Mit dem gibt es keine Kommunikation. Man müßte erklären, und das ist unzumutbar, zu Markte tragen, und der ist unabwägbar.

Im geschützten Bereich der Kunstszene wird nicht diskutiert, es wird vollzogen nach den Regeln des Kuckucksnests. Der Vitalste, Stärkste setzt sich durch im Verdrängungswettbewerb, ähnlich wie in den Apparaten der Kammern und der Gewerkschaft. Ein besonderer Typ Mensch hat sich herausgebildet: Der homo sowjeticus, ein Wesen des Apparats, ein Meister der Intrige, der Intervention, der Anpassung, der Unterwerfung, der Gruppenzwänge. Wie in der DDR wird mit gespaltener Zunge gesprochen, für sich das eine gemeint und laut das andere gesagt. Man ist gleichzeitig Spitzel und Bespitzelter, Denunziant und Denunzierter. Und merkt es nicht einmal oder findet nichts dabei, denn das sind halt die Regeln des Lebens.

Österreich ist ein besetztes Land, in dem sich die Unterworfenen aus Überlebensgründen den Unterwerfern angepaßt haben. Wenn einer nicht entkommen kann, dann muß er die Zwangsherrschaft und ihre Folgen lieben lernen. Das Überlebensmuster wird zum Lebensmuster, zum Liebensmuster, zum Selbstliebensmuster.

Österreich ist ein besetztes Land, ein sich selbst besetzt haltendes Land, das stolz ist auf seine Deformationen, auf seine Indirektheit, auf seine Ironie, seine Unterwürfigkeit, seine Intrigenwirtschaft, auf seine höfisch geschlossene Gesellschaft.

Geben Sie Gedankenfreiheit, Sire. Mein Souverän, öffnen Sie den Kerker, entfliehen Sie dem Kerker, verlassen Sie die Gefangenschaft, die schon längst eine freiwillige ist, streifen Sie die Verstrickungen ab, entfesseln Sie sich, Sire, der alte Despot ist lange schon weg, wir sind unser eigener Despot, Sire, wir sind Sie.

Ralf B. Korte

Von grauen Eminenzen und anderen Egomanen

1.
Zu Foren und Häusern und Akademien und ihren Benutzern

Frage: was ist ein ‘Forum’? Antwort: ‘Markt- oder Versammlungsplatz; Gerichtshof; geeigneter Personenkreis, der eine sachverständige Erörterung von Problemen garantiert’. Wir finden das Stichwort im Fremdwörter-Duden zwischen ‘Fortune, die’ und ‘Forward, der’…

Nicht nur Häuser können abgewohnt werden, auch alte Angewohnheiten ihrer Nutzer nützen nichts mehr, wenn sie abgenutzt sind. Wir sprechen dann: von Verhältnissen zum abgewöhnen. Was meist heisst: wenn Benutzung von Häusern in Bewohnung der Reputation von Häusern umschlägt, wird gewöhnlich aus Nutzen Verbrauch. Übrig bleibt das Hausen in gewohnten Verhältnissen, was stets Angst vor Unbehaustheit in sich trägt, weshalb den Hausenden das Verharren näher liegt als das Bewegen. Wenn aber der Verbrauch den Bestand angreift, greifen die Reputierten verhalten zum Hut: wer früh genug vor das Haus geht, kommt danach leichter wieder hinein. Solche Beweglichkeit ist eine besondere Form des Verharrens in verbliebener Reputation.

Für diesen Fall – oder genauer: diese Falle – benötigen die Reputierten eine Spielfigur, die bleibt, wo wenig verblieben ist: den ehrgeizigen Enkel, der schwer schon hadert mit den alten und leicht sich verheddern wird in den neuen Verhältnissen, die nicht so neu sind, wie er zu spät bemerken wird. Wahrnehmungsverspätungen oder -störungen sind übliche Kinderkrankheiten der ehrgeizigen Enkel, wissen ihre Altvorderen. Das Verheddern hat den Fall zur Folge, wissen sie auch, und für diesen Fall sind sie präpariert.

Graz gewährt dieses Spiel, dessen Ausgang gewisser ist, als die Aufgeregtheit des Gespräches darüber suggeriert, dem entnervten Betrachter in einer Ausführlichkeit, die täuscht. Ausgeführt wird, was einem Gespräch über Häuser täuschend ähnlich sieht. Ab geht solcher Aufführung die Anregung, die Spielen bisweilen mit sich bringt. An geht solche Aufführung kaum einen mehr als die schon Beteiligten.

Nebenbei aber fallen Sätze zur Sache, im vorliegenden Fall zur Sache Literatur. Altvordere, nennen wir den einen Kolleritsch, geben noch immer die Nummer vom unpolitischen Dichter, dessen Ziel eine Art von Finden und Empfinden guten Textes sei, was als eigentliche antifaschistische (freilich unpolitisch antifaschistische…) Aktion gepriesen wird, mit dem Obermotto ‘Weiter Schreiben’ (und nicht irritieren lassen vom Lauf der Zeit). Der ehrgeizige Enkel aber, nennen wir ihn beiläufig Grond, gibt den tough guy und hakt die eigene Systemumgebung unter ‘Kunstghetto’ ab, nicht ohne den zeitgemässen Aufgriff der Rede vom Verwurf der Avantgarde, und deutet auf das Doppelgestirn aus grosser Erzählung und Cyberspace (und nicht irritieren lassen, wenn da was nicht zusammen passt).

So wenig das, was an Text in Kolleritschs ‘manuskripten’ verbleibt, mit Avantgarde zu brandmarken ist, so wenig unpolitisch ist ihr Herausgeber und Exwahlhelfer für Exlandeshauptmänner. Jene Grazer, die auszogen, die Literatur zu erobern, bedienten sich experimenteller Methoden zur Ornamentierung einer Sprache, die weit mehr sich aus dem Eigentlichen speiste: dem Ins-Wort-Kommen einer Melange aus Identitäts-Überhöhung und Re-Mystifikation des ländlichen Raumes, die als kritischer Heimatroman einigen Erfolg für manche österreichischen Autoren brachte, ehe der deutsche Markt in seinen Neuen Ländern dergleichen deutscher fand (von der neuen Mode, in Geschichte verlorener Ostgebiete zu schwelgen, noch zu schweigen).

Dass Grond, nicht eben zufällig Kind solcher Schreibtradition, nun zu Schlingensiefs Freibadphilosophie wechselt, wonach der Schrei der Verdammten verdammt viel eigentlicher sei als das vordem noch grondseits gelobte Stammeln der Dichter an und in den Verhältnissen, mag an der grondschen Vorliebe für radikale Wechsel liegen: vom einstmals forumbepissenden ‘Nebelhorn’-Herausgeber zum Rambo-Präsidenten des Forums; vom TotalGrond auf Homers Spuren zum Teilzeit-Neuromancer; vom vorrechnenden zum abgerechneten Abrechner und zurück. Schlimmer ist, dass die notwendige Kritik des Selbstlaufes einer bestimmten Literatur ins ebenso Geläufige mündet: wonach die FAZ seit Jahren schon schreit und seit Jahren schon nicht mehr allein. War es früher der Grosse Lateinamerikanische Magische Realismus, ist es heute der Grosse Nordamerikanische Roman (in seinen historisch-familienepischen oder cyberspacig-kriminalgeschichtlichen Varianten), den uns die Marktbeobachter, die by the way als neoliberal Unpolitische aufzutreten pflegen, ans Herz legen. Wie sensibel diese self fulfilling prophets den Trend erspüren, der kein Trend mehr ist: der Anteil übersetzter amerikanischer Bücher bei in Deutschland verkaufter Belletristik liegt seit Jahren deutlich über achtzig Prozent…

Keine ästhetische Alternative also, nach der gerufen wird. Die Verbunkerung des Einen spiegelt sich im Zugriff aufs Populäre beim Anderen, das Primat der Fortsetzung des Gehabten begegnet der Geste absoluter Erneuerung, hinter der alter Wein in neue Schläuche gefüllt wird.

Frage: Braucht Literatur mehr Häuser? Antwort: Von Literaturhäusern profitieren vor allem ihre Hausmeister. Die Politik der knappen Kassen bedeutet, dass Geldmittel gerade eben zum Hauserhalt gewährt werden. Im Haus Beschäftigte tragen sich selbst, für Literatur im Haus müssen Fremdmittel beigetrieben werden. Zur Aufrechterhaltung des Lesungsbetriebes in der Berliner Literaturwerkstatt zum Beispiel werden Verlage zur Vorstellung ihrer Produktlinien sowie Länder zur Vorstellung ihrer Besten geladen, weil kein Budget für eigene Entscheidungen bleibt. Andere Häuser, mit besseren Mitteln, reproduzieren seit Jahren die um sie herum etablierte Hackordnung, gewähren über die Belohnung der Hausangestellten hinaus ein loses Versorgungssystem ihnen verbundener Dichter. Errichtung neuer Häuser scheint zwar etablierte Nahrungsketten auszudünnen und neue zu ermöglichen, die Erfahrung jedoch lehrt, dass Igel schneller als Hasen sind. Bin-schon-da!, rufen die Erwählten der Trümmer des Deutschsprachigen Literaturbetriebes von den Zinnen aller Häuser zugleich.

Wozu also Häuser, zumal schon genug in der Landschaft stehen? Hoffen Schriftsteller und Literaturagenten, hinter befestigten Mauern besser gegen Subventionsverlust gesichert zu sein als ohne Haus und Hof? Literaturhäuser sind Ausdruck der Angst, weiter Boden zu verlieren, indem sie zumindest ein Grundstück für die gute Sache besetzen. Literaturhäuser okkupieren den Rest an Förderpotential ohne kreative Gegenleistung.

Schlimmer noch die Errichtung einer Literatur-Akademie: Talar und Säckel als ästhetische Vision für Schreibende, die sich ansonsten mit aller nichtpoetischen Rede plagen… Denn der Dichtertypus, dem wir begegnen, entspricht häufig den Erwartungen, die von Seiten der Kulturnation und ihrer Agenten an Dichter herangetragen werden: ein ängstliches Wesen, gefüllt mit Gefühl: der sympathisch unpolitische Empfindungsmensch eben. Die Literatur-Akademie gibt das geeignete Instrument ab, Anti-Intellektualität mit stetem Einkommen zu verbinden, denn: nichts ist unserem Dichtertypus, der so gern im romantisch Obskuren verweilt, mehr zuwider als der kritisch beleuchtende Diskurs zu seinem Text. Stattdessen jedoch selbst zu sprechen, bestenfalls auf Seminarschein Lesungen eigener und geschätzter Texte vorzutragen, wäre ihm eine freundliche Alternative. Nicht umsonst vermerkt Grond, dass “vor allem die Jungen sich schon alle als Professoren gesehen haben” beim Gedanken an die Akademie. Ob Häuser, die Akademien bergen, also der Literatur zuträglicher sind als Literaturhäuser, darf bezweifelt werden. Zumal der Trend zum ‘Bin-schon-da!’ sich auch hier mit Macht ausbreiten wird.

Was aber stattdessen? Was der Literatur derzeit fehlt, sind verantwortlich – also politisch – handelnde Autoren. Das Stipendien- und Preissystem hat Missverständnisse implantiert. Dass das Befolgen von Juryvorgaben literarische Qualität belegt, ist eines davon. “Soviel Sinnstiftung und Normerfüllung ist von der Kunst lange nicht mehr öffentlich erwartet worden,” kommentiert Michael Cerha den Ablauf des diesjährigen Bachmann-Spektakels (Der Standard 29.6.98). Dass das Befolgen solcher Vorgaben einen Anspruch auf Unterhalt impliziert, ist ein weiteres. Dass das Drängeln um die paar Plätze, die dem Zirkus und seinen Beteiligten weiter Unterhaltung und Unterhalt bei schwindender Besucherzahl gewähren, als ‘Literaturbetrieb’ bezeichnet wird, ist eine weitere Fehlinterpretation, an die sich pseudogewerkschaftliche Forderungen anlagern, die sich wiederum als politisches Handeln missverstehen. Literatur aber braucht, damit sie nicht zum Appendix von Amtsstuben und Vierersitzgruppen knapp nach der Kernsendezeit verkommt, das Erproben der Verhältnisse, das Infragestellen der Produktionsbedingungen und Verfahren, nicht ihre bewusstlose (oder bewusste) Verlängerung. Dass das Imitieren experimenteller Sprachformen von der Wiederbelebung verwaschen dahinphilosophierender Pseudoepik überschrieben wird, verbreitert den Sumpf, der uns von Texten trennt, die zu lesen wären.

Die Extermination des Avantgarde-Begriffes hatte ihre Berechtigung als Abrechnung mit der braven Verschulung des Experiments und seiner damit praktizierten Entwertung, sie schüttet aber das Kind aus der Wanne, wenn sich auf der vakanten Stelle die Wiedergeburt des Courths-Mahlerschen Relativsatzes feiert. Ohne Vorhut bleibt das Heer blind, lässt sich dem Avantgarde-Verächter und selbsternannten Kunstsoldaten Grond erwidern. Nur so zu tun, als liefe man voraus, macht auch keinen grösseren Überblick, muss seinem Kontrahenten Kolleritsch gesagt werden. Dabei hält letzterer ein vielfach geeigneteres Instrument für Literatur in der Hand, als es Häuser oder Akademien sind: eine verlagsunabhängige Zeitschrift, die bestenfalls Testgelände solcher Projektierungen ins Ungewisse sein kann. Diese Chance wird in den ‘manuskripten’ hartnäckig verspielt. Dass Kolleritsch seit Jahrzehnten dafür garantiert, dass es mit ihm keine Experimente gibt, macht – in seiner Auswirkung auf das von Graz aus Wahrnehmbare und in Graz Veranstaltbare – einen Gutteil der Gründe für den Fall der Dinge aus.

So schwer wiegt der Alpdruck der Fixierungen, dass auch Grond in seiner Abrechnung nicht anders kann als in peinigender Ausführlichkeit die Intima der immergleichen Clique auszubreiten. Irgendwo in seinem Buch vom Soldaten und vom Schönen (was angesichts der Horrorszenarien patriarchal-anarchischer Unflätigkeit, die aufgedeckt werden, nicht umsonst mit der spätromantischen Phrase von der Schönen und dem Biest spielt) wird einmal jemand in die “Hinterhöfe und Abbruchhäuser zu den Jungen” geschickt, die bei Grond so namenlos bleiben, wie sie bei Kolleritsch gesichtslos sind. Knapp bemessene Aufmerksamkeit für die Welt jenseits der Mauern des Hauses; Kehrseite einer Festlegung auf Grössen, die nur behauptet werden, ohne gefüllt werden zu können.

Was aber wird aus dem Forum? Die Grondschen Forderungen nach Bereitstellung von Infrastruktur ist für Literatur absolet: Eine Autorengruppe, die von dort erneut den Auszug plant, um was auch immer zu erobern, ist nicht in Sicht, die Kompetenz für ein konsequentes literarisches Veranstaltungsprogramm ebensowenig. Wir werden das Forum vermutlich dennoch vermissen.

[anm.: dieser text aus dem august 1998 war für die grazer tageszeitung ‘NZ’ verfasst und wurde – leider – nicht veröffentlicht]

2.
zur sache literatur: nachtrag

der nach stehende beitrag war teil eines newsletters der perspektive – online (http://www.perspektive.at) und ist mitte januar 99 als nachtrag zum NZ artikel entstanden.

jenseits der geschilderten konflikte ist literatur für die derzeit verantwortlichen des forum stadtpark nicht wichtig genug, um weiter ein selbständiges literarisches programm zu verantworten. stattdessen erhält alfred goubran, verlagschef der ‘edition selene’, die gelegenheit, unter dem titel “front ? literatur für eine besetzte stadt” sein verlagsprogramm mit steirischer landesförderung zu bewerben. dies demontiert den ort, dem sich die bedeutung von graz als künftiger ‘kulturhauptstadt’ verdankt. es scheint klar zu sein, dass die kampflose preisgabe des forum-renomées seitens verantwortlicher kulturpolitiker nichts anderes bedeuten kann als das vorliegen fertiger pläne für die zeit danach. die jungs im stadtpark wissen das auch. ihnen ist kollaboration (der geeignete begriff angesichts der goubranschen wortwahl) bequemer als widerstand gegen den eigenen zerfall. dabei wird eine melange aus pop-strategien der 70er mit aktuellen poesien im rückwärtsgang favorisiert von einem, der es den bislang etablierten schon immer irgendwie zeigen wollte: das ‘front’-vokabular entstammt der üblichen emporkömmlingsrhetorik, hinter der sich träume von totalen siegen verstecken. die ‘besetzte stadt’ wird es zum anlass nehmen, sich hinter weit tradierteren vorstellungen neu zu formieren. der zug fährt rückwärts, wenn der herausgeber der ‘lichtungen’ berufen wird, das literarische programm der ‘kulturhauptstadt’ zu gestalten…

und wo stehen die nachfahren der experimentellen tradition in österreich? sie schreiben weiter unter preisgabe der eigenen position. hinter den kulissen steht ein böses F: solange haider nicht den spielverlauf bestimmt, scheint auf der bühne zu bleiben schon genug. das sich-festklammern am status quo entspricht einem verzicht auf notwendige selbstbestimmung, denn das abwarten des eintretens einer existenziellen bedrohung (durch löschung bisheriger kulturbudgets in womöglich völkischem interesse) stellt keine handlungsalternativen bereit. das ‘noch’ weiter schreiben überhöht sich in der zwischenzeit zur widerstandsgeste, die mit der ständigen angst, aus den schon charakterisierten reproduktionsverhältnissen für nicht vermarktbare literatur zu fallen, verschmilzt zu einer hilflosigkeit, die an lähmung grenzt – einer lähmung allerdings, die sich nicht im zusammenbruch der eigenen literarischen produktion zeigt, sondern im fortschreitenden verlust der diskursfähigkeit. darauf justiert, im ‘noch’ gegebenen das mögliche für sich zu nutzen, werden von den nachfahren der experimentellen tradition in österreich auch experimentelle verfahren als bedrohlich isoliert, die nicht auf der spur der eigenen tradition verbleiben. “experimentelle tradition” wird so zu melancholischer verkapselung als ästhetischer methode ? unter preisgabe eben des begründungszusammenhanges, dem sich die eigene ‘noch’-position ursprünglich verdankt.

‘weiter schreiben’ wird so zum label einer literatur, deren hersteller die frage der fortsetzung der produktion über die frage der relevanz der produktion stellen – und sich gegen die frage der relevanz abschirmen mit demselben ideologieverdacht, dessen sich kulturkonservative kreise bis hin zu den sonst gefürchteten völkischen elementen bedienen. die österreichtypische verquickung von autoren- und verlegerposition befördert dieses ‘weiter schreiben’ zusätzlich, indem sie einer cliquenwirtschaft sich wechselseitig publizierender autoren vorschub leistet. so positiv eine stabile, staatsgeförderte kleinverlags-szene für eine vielzahl von ästhetischen ansätzen sein könnte, so negativ wirkt sie, wenn sie zum selbstbedienungsladen für einen begrenzten autorenpool verkommt, der im lauf der zeit bei allen zur verfügung stehenden verlagen seine publikationen plaziert, bis tendenziell jeder im pool vertretene autor bei jedem der verlage vertreten ist…

solche all-in-all-situationen sorgen dafür, ästhetische oder kulturpolitische differenzen erst gar nicht entstehen zu lassen, sondern stattdessen einer strategie der schliessung zu folgen, deren psychosoziale komponente um den angesprochenen ideologieverdacht ergänzt wird. dass dieser sich diffus gegen literarische konstruktionsmuster richtet, die in österreich nie irgendeine bedeutung erlangen konnten, aber schon in der mini-manuskripte-debatte am ende der sechziger jahre (m 25-27) gegenstand der abgrenzung waren, ist kein zufall: ideologiebereinigtes ‘weiter schreiben’ ermöglicht unauffällige erfüllung der förderbedingungen, täuscht die fraglosigkeit der eigenen produktion vor, erspart die analyse der produktionsbedingungen und -verfahren…

es ist ein diskursives vakuum entstanden, das den diskursverzicht als allgemeine handlungsmaxime implantiert. so gab es nach der ablösung gronds eine reihe hilfloser ‘solidaritätslesungen’ zur aufrechterhaltung eines literaturprogramms im forum stadtpark, anstatt die krise für eine kritische bestandsaufnahme der literarischen institutionen und des umgangs der autoren mit ihnen zu nutzen. an die stelle möglicher selbstverantwortung schiebt sich passive hoffnung, es werde schon irgendwie weitergehen und man selbst bleibe teil davon. so fehlt nach der usurpation goubrans erneut jeder impuls, sich der auflösung der wichtigsten autorenverwalteten institution österreichs entgegenzustellen.

die frage nach den ‘nachfahren der experimentellen tradition in österreich’ wirft noch eine weitere auf: wieviele der nachfahren fühlen sich noch einer experimentellen tradition verpflichtet? der begriff ‘experiment’ ist unter das verdikt der ideologie-bereiniger geraten, die ihren aufschwung parallel zum kollaps staatssozialistischer systeme erfahren haben und noch weiter erfahren. dass hierbei ‘experimentelle literatur’ gern mit ‘totalitärer struktur’ identifiziert wird, gehört zu den treppenwitzen des sogenannten ‘postideologischen zeitalters’ nach dem ende der sogenannten ‘postmoderne’, die häufig genug als philosophische hülse des sich vollziehenden ‘wertewandels’ zu dienen hatte (zu erinnern wäre an die weise der verbreitung ‘postmoderner philosophien’ als ergebnis direkter förderung durch konservative regierungen z.b. in frankreich und deutschland: eine beschreibung dieser steuermechanismen zur herstellung ‘postideologischer’ zustände steht noch aus…). dass literaturwissenschaftler sich mit arbeiten zum zusammenhang von experimenteller literatur und staatlicher unterdrückung hervortun, erinnert an zeiten, da böll, grass und walser in westdeutschland die verantwortung für die aktionen der RAF zugeschoben worden ist – von damals allerdings kaum ernstgenommenen rechten wissenschaftlern und politikern. im ‘postideologischen zeitalter’ verbietet sich eine kritik solcher unterstellungen schon deshalb, weil sie ‘ideologisch’ argumentieren müsste im sinn einer kritik des neokonservativen umbaus von linksintellektuellen szenen, deren verständnis für vermeintlich dekadente auswüchse des bürgerlichen systems nie das grösste war. auf diese argumentative umgebung bezogen muss die aufkündigung von konzepten wie ‘experiment’ und ‘avantgarde’ gelesen werden. dass viele der jüngeren autoren mit kaum mehr ‘ideologie’ konfrontiert worden sein dürften, als sie zeitweilige wohngemeinschaften in den achtzigern bereitzustellen wussten, gibt den aversionen dieser generation etwas fast belustigendes.

die aufkündigung von konzepten wie experiment und avantgarde bedeutet jedoch die aufgabe künstlerischer autonomie. das hohelied der ‘guten literatur’ wird gesungen mit dem refrain ‘nur wer nur schreibt gut’, doch interesseloses wohlgefallen ist allenfalls als rezeptionsmuster re-etablierbar, es war nie ein herstellungsverfahren. für ein gespräch, das nach strukturen, paradigmen und deren historischer entwicklung fragt, ist die verwendung von begriffspaaren wie ‘kanon versus experiment’ unerlässlich. wenn autoren aufhören, sich einem gespräch über die eigenen erkenntnisinteressen zu stellen, um stattdessen ein phänomenales palaver zu betreiben, dessen thematische vielfalt an die der nachmittags-tv-talks heranreicht, aber jeden vorstoss zum betriebskern unterbindet, dabei via symposium, kolloquium und wochenendbeilage verwertbaren nutzen erbringt im sinn ‘noch’ oder gar ‘nunmehr’ vitalen kulturschaffens, unterwerfen sie sich interessen, die ? abgesehen von materieller teilhabe ? nicht die ihren sind. sich auf gefällige belieferung eines agenturgestützten literaturbetriebes reduzieren zu lassen entspricht der aufgabe von autonomie, daran ändert ‘weiter schreiben’ sowenig wie hektische teilnahme an sovielen events wie möglich.

es gilt, den begriff avantgarde von der engführung auf die ‘historische avantgarde’ zu befreien. der terminus ‘historische avantgarde’ ist teil eines argumentativen bestrebens nach reorganisation kultureller entwicklung in epochen, die es erlaubt, bestimmte ästhetische fragestellungen bestimmten zeitabschnitten zuzuordnen. ‘historische avantgarde’ als zeitgenosse sich entfaltender antibürgerlicher und totalitärer ‘weltanschauungen’ kann so leicht an diese rückgekoppelt und mit ihnen für obsolet erklärt werden. die erwähnten literaturwissenschaftlichen untersuchungen verdächtigen jeden experimentellen ansatz, weil die veränderung vorliegender ausdruckssysteme den willen zur ‘weltanschaulichen’ veränderung der rezipienten in sich berge, was die forderung nach umerziehung dieser rezipienten nach sich ziehen müsse (ein vorwurf, der, auf die allfälligen veränderungen naturwissenschaftlicher verständnisse angewendet, für absurd gehalten würde). die in der mehrzahl der feuilletons lesbare abwertung noch auffindbarer ‘kopflastiger’ kunst/literatur/etc. wird mit dem nämlichen verdacht gegen ‘zuviel gewolltes, zuwenig erfühltes’ in stereotypen formulierungen intensiviert, als gälte es, sich von einer art übermächtiger kubistischer diktatur zu befreien. auf der gegenseite findet sich das lob der lebendigen empfindung und organischer authentizität, die als ‘anthropologischen grundkonstanten’ unterliegend definiert wird. während das gewünschte (die kanonisierten ausdrucksformen mit konstanter emotionaler motivation) ins überhistorische gehoben wird, lässt man das unerwünschte (die experimentellen konzepte und mit ihnen das experiment als intellektuelles konzept) ins überwundene fallen. solche operationen sind dem philosophischen gehalt nach ideologisch.

“die avantgarde sichert durch aufklärung: ihre systembeobachtung dient der selbsterhaltung des systems. wie aber sichert sich die avantgarde vor dem system? durch verschärfte beobachtung und grössere beweglichkeit,” schreibt dagegen hannes böhringer. die rückbesinnung auf den militärischen terminus ergibt einen sinnvolleren umgang mit den begriffen: ‘vorhut’ stellt ein handlungskonzept dar, das eine bedingung des funktionsfähigen gesamtsystemes ist. dabei unterliegt die vorhut notwendig anderen verhaltensgrundsätzen als die nachrückende hauptmacht, die sich hier mit ‘kanon’ übersetzen lässt (kanon definiert sich sowohl in der definition massgeblicher ästhetischer verfahren als auch in der konstitution einer begrenzten menge massgeblicher werke sowie vorbildhafter lebensentwürfe für die hersteller massgeblicher werke).

die von der vorhut geleistete erkundung setzt, indem sie jeweilige gegebenheiten der erkundeten umgebung als geforderte verhaltensanpassung an die hauptmacht zurückmeldet, eine permanente infragestellung des je konstitutiven settings der hauptmacht voraus. koppelt sich die hauptmacht von den erfahrungen der vorhut ab, bleiben ihr zwei alternativen: das errichten befestigter stellungen und der damit einhergehende verzicht auf weitere bewegung/entwicklung oder das vorrücken nach gutdünken bzw. auf der grundlage bisher gemachter erfahrungen. beide verhaltensweisen lassen sich für das system literatur identifizieren. einerseits der rückzug in die stellungen: literatur verändert damit, wenn auch für den rezipienten vorerst unmerklich, ihre systembedingung, indem sie vom konzept ‘bewegung’ zum konzept ‘festung’ wechselt. dies impliziert den wechsel von erfahrung zu behauptung bzw. ergibt den ‘grossautor’, der zur abendstunde zufrieden zwischen marmorrepräsentationen seiner literarischen figuren wandelt. andererseits das vorrücken auf neues gelände in althergebrachter art: die literarischen ‘bewältigungen’ fluktuierender persönlichkeitskonzepte und sich verändernder medialer bedingungen mit der folge gesamtsystemischen wandels stapfen dann als ‘terrordrom’ über die bühnen, dass es nur so schillert…

für verzichtbar wird das avantgarde-konzept jedoch nicht allein von den hohepriestern des kanons gehalten, sondern ? wie schon erwähnt ? auch von den verstreuten nachfahren jeweiliger experimenteller tradition. diese, überflüssig geworden für die festungskommandanten, versuchen sich einigermassen vergeblich als nebenkanon zu behaupten. dass ihre verhaltensgrundsätze und produktionskonzepte zu denen des kanons sich als inkompatibel erweisen, lässt sich für eine periode der am-leben-erhaltung ‘noch’ ignorieren, jenseits staatlicher förderung zerfallen die schmalen aussenforts schnell; was im übrigen die ambitioniertesten unter den nachfahren der experimentellen tradition dazu motiviert, rechtzeitig ins lager des hauptkanons zu wechseln. der einstieg wird dabei stets über die rückschau auf historische konzepte gewählt, sei es als nachgeburt nestroys oder als raketenstations-dante.

die funktion der beobachtung wird von böhringer als ‘systembeobachtung’ beschrieben, die neben der erkundung der systemumgebung auch die observation des systems selbst beinhaltet. dies weist der avantgarde eine weitere aufgabe zu, die das herkömmliche ‘vorhut’-konzept überschreitet. die kritik des kanons aus den erfahrungen, die sich an den systemischen rändern ergeben, wird durch die kritik der wechselseitigen beziehung von vorhut und hauptmacht als bedingung für den erhalt des gesamtsystems ergänzt. gerade in zeiten umwälzender veränderungen in der systemumgebung wird diese aufgabe der avantgarde wichtig, um lebenserhaltende impulse an das system weitergeben zu können.

als taktische massnahme empfiehlt böhringer neben schärferer beobachtung eine höhere beweglichkeit. fordert das eine die entwicklung des beobachtungsinstrumentariums, um bessere fokussierung, höhere bildschärfe sowie sich erweiternde mustererkennungsverfahren zur verfügung zu stellen, stellt das zweite eine empfehlung zu einer wahrnehmung durch positionswechsel dar: wer den standort variiert, verfügt über mehr perspektiven, und wer die bewegung zwischen den aufenthalten seiner praxis als instrument hinzuzufügen vermag, erhöht nicht nur die erkenntniswahrscheinlichkeit, sondern ermöglicht der wahrnehmung einen dimensionalen sprung. ein solches konzept von avantgarde installiert einen mehrdimensionalen wirkungsraum für literarische systeme, freilich um den preis erhöhter systemkomplexität.

standardisierbare abweichungen wie z.b. serielle anordnungen, die in das kanonisierte sprachsystem eine überschaubare menge von variablen einführen oder umgekehrt dem system eine überschaubare menge von elementen entziehen, mögen helfen, die mechanik schon etablierter sprechweisen zu exemplifizieren, also einen blick ins vorliegende system zu erlauben. wäre die aufgabe der avantgarde darauf beschränkt, die zur verfügung stehenden mittel ins bewusstsein zu rufen und neu zu justieren, könnte eine solche ‘experimentalsituation’ (die tatsächlich versuchsanordnungen rekonstruiert, die dem funktionieren des schon etablierten kanons zugrunde liegen, nicht jedoch auf der grundlage neuer paradigmen experimentiert, die in bislang unerschliessbare bereiche vorzustossen erlaubt) als ausreichend empfunden werden. die überhaupt noch anerkennung findenden ‘experimente’ sind von dieser art, die konfrontation mit systemumgebungen ergibt jedoch einen anderen handlungsbedarf.

dass experimente und avantgarde-verständnisse, die sich der ungleich diffizileren aufgabe des ‘doublebind’ von fremderkundung und selbstbeobachtung stellen, von den vertretern des ‘traditionellen experimentes’ mit grösster feindseligkeit beiseitegeschoben werden, erklärt sich aus dieser differenz von einblick und ausblick.

während der bedarf an exemplarischen experimenten begrenzt ist, bedeutet das überschreiten des schulmässigen experimentellen rahmens ein ausloten neuer verfahren, was auch das scheitern neuer versuchsanordnungen impliziert: ‘fehlversuche’ stellen in einem erkundungsprozess sogar notwendige impulse zur herausbildung neuer erkenntnismodelle dar. avantgarde erweitert den horizont, indem sie sich in der begegnung mit unbekanntem als verwundbar erweist. die tendenz vieler experimenteller verfahren, sich im zuge ihrer etablierung zu verhärten (meist mittels beibehaltung einmal gewählter verfahren, häufig sogar deren fortschreitender standardisierung), entspricht einem rapiden abnehmen der wahrnehmungsfähigkeit über den einmal gefundenen punkt hinaus (was von den davon betroffenen in der regel nicht wahrgenommen wird, da sich ihnen, in einer sehnsucht nach ordnung der welt unter nunmehr eigenen paradigmen, im ergebnis der abschottung räume zu öffnen scheinen, die allerdings hinter ihnen liegen, also bereits durchquert worden sind).

die an den rändern notwendige höhere geschwindigkeit bringt ausserdem mit sich, dass klare identifizierungen erschwert werden. das springen zwischen standorten und beschleunigungen hat eine form ‘avantgardistischer identität’ zur folge, die sich nicht unter etablierten wiedererkennungsmustern subsumieren lässt, sondern fluktuiert. verortbar zu sein stellt für avantgarden eine systemische bedrohung dar, was die unattraktivität von avantgarden für vermarktbares kulturschaffen wesentlich zur folge hat.

identifikation gehört zu den grundvoraussetzungen des überlebens im vorliegenden literarischen raum ? dank der subjektstiftenden aufgabe, die der schriftkultur in bürgerlichen systemen zugewiesen wird. das vom literarischen kanon legitimierte experiment ist daher stets das bereits identifizierbare, dessen zulassung erfolgt, wenn es keinen erkenntnisgewinn mehr zu erbringen imstande ist. verortbarkeit ist daher funktionsvoraussetzung für kanonisierte experimentpositionen, die nur so (unter förderbedingungen) adressierbar bzw. (als event) identifizierbar gemacht werden können.

ein grundmechanismus, mit dem sich der kanon gegen angriffe auf seine position/legitimation zu wappnen versucht, wenn er über kreativere operationskonzepte nicht mehr verfügt, besteht in der massierung seiner kräfte. die macht der zahl, der aufmarsch möglichst vieler etablierter namensträger, war stets übliches abschreckungsmanöver, wenn es galt, in stellung zu bleiben. welches mass an bedrohung zur stunde besteht, mag an der tatsache abgelesen werden, dass im jahr 99 das wochenmagazin ‘die zeit’ zweiundfünfzig namensträger des literarischen betriebes für die verfassung eines fortsetzungsromans verpflichten konnte: eine art letztes aufgebot gegen den wahrnehmungsverlust, dem das literarische system nach preisgabe seiner avantgarden ausgesetzt ist. dass solche textreihen, wo der zweite die figurenkonstellationen des ersten weiter zu erzählen hat, den klippschulmethoden der creative-writing-kurse entsprungen sind, zeigt den taktischen rückfall der literatur auf landsknechtniveau. wer nichts mehr erkennen kann, muss eben alte waffen putzen. man könnte aber auch sagen, dass es einen an ein paar spannendere kindergeburtstage erinnert.

[anm.: dieser text wurde im grazer feuilletonmagazin schreibkraft veröffentlicht, darunter eine notiz der herausgeber, in der sie sich vom inhalt distanzierten; letzten herbst bei einem auftritt perspektives im forum stadtpark distanzierte sich einer der herausgeber von seiner damaligen distanzierung und ergriff partei für p’s avantgarde-update-diskussion.]