Helmut Schranz

tempi passati, nebel aktuell

0.

was möchten Sie wissen? nein, ich komme nicht aus graz, ich bin nach graz gekommen.

seither komme ich von graz immer mal wieder weg. und auch zurück komme ich dann, statt hin und weg also weg und hin, weg, hin.

interessiert Sie das?

ich sehe, wir verstehen uns.

was können Sie auch dafür, dass ich schreibe. seit meiner volksschulzeit kann ich das, schreiben, und das obwohl ich auch noch meine mittelschulzeit ausserhalb von graz verbracht habe. am lande.

am land ist es schön. ich fahr gern hin. und gern weg.

so schön ist es in der stadt. aber gar so schön nun auch wieder nicht.

im nebel sind beide gleich.

wie Sie bestimmt wissen, hat es in graz ja sehr oft nebel. wie auch am land, und das weiss ich, weil ich ja vom land hergekommen bin, (vielleicht auch Sie?), da ist der nebel häufig und dicht. der nebel kommt über nacht und tagelang geht er nicht weg. das haben die nebel über dem land und über graz gemeinsam. beide nebel sind zäh.

ich finde die nebel von graz umgebung und die nichtländlichen grazer nebel ungefähr gleichwertig grau, grauslig, benebelnd eben.

die nebel von st. josef kenne ich nicht.

Sie wissen ja, ein vorgänger oder fussgänger hat die nebel vor graz beschrieben. st. josef liegt offenbar in einem solchen nebelloch vor graz, das ebenso benebelt ist wie graz selber.

 

wie interessant! wie interessant!

graz und umgebung sind nebliges land!

 

0.

unlängst, auf einem vom kulturzentrum bei den minoriten veranstalteten lesefest (eine parallelaktion zur eröffnung von “Wetten dass … 3×0 … Graz fliegt!”) habe ich jenen st. josefer fuss- und parteigänger seine nebelphilosophie verbreiten gehört. “Jede andere Kulturhauptstadt hätte sich damit gerühmt, wodurch sie es geworden ist”, und er meinte damit die heute noch lebenden herren aus den grazer 60er-jahren, welche das glück hatten, aus dem – internationalen entwicklungen weit hinterher hinkenden graz den kulturellen fascho- und ständestaat-mief wegfegen zu können, bevor ’s ein paar andere um ein paar jährchen später getan hätten. die zeit war ohnedies für veränderung reif, auch in graz und am land um graz.

40 jahre später bedauert jener st. josefer fussgänger “Im Nebel vor Graz” nun angeblich vertane feierliche festschreibung einstmaliger lokaler modernität: “Graz hätte die Chance gehabt, der ganzen Welt zu zeigen, was Graz-Kultur ist” und er meint damit, die taten jener herren aus den 60ern, die sie noch bis in die 70er hinein einigermassen kraftvoll, die grazer szene integrierend, zugleich mit übers lokale hinausgehender wirkkraft gesetzt hatten, wären geeignet, im grazer kulturhauptstadtjahr den anschein einer lebendigen kunstszene zu simulieren.

meine einschätzung ist eine andere: seit den 80ern ist, unter der führung eben jener herren, die sogenannte “Graz-Kultur” sanft entschlafen, unterbrochen nur von einem heftigen scharmützel rund um die präsidentschaft im forum stadtpark gegen ende der 90er. an diesem final showdown zeigte sich: man hatte die eignen kulturellen machtpositionen befestigt und gegen nachkommende, jüngere künstler+innen erfolgreich verteidigt.

seither ist der stillstand der grazer kulturszene für jedermann+frau offen sichtbar. die von jenem st. josefer beschworene “Graz-Kultur” wird zu einem freilichtmuseum zwar anzuerkennender, aber längst vergangener leistungen ausgebaut und per kulturhauptstadtjahr befestigt.

 

fast mit zärtlichem sentiment möcht ich jenem nebelbewohner und fürsprecher der vergangenheit zurufen: hätt er bloss nur über kumpitz geschrieben, er wäre ein philosoph geblieben.

 

0.

aber zurück zum obengenannten lesefest. sind Sie noch interessiert? ich beeile mich!

etwa 200 publikums lauschten den im viertelstundentakt wechselnden 18 grazer autor+innen (und ich war einer von ihnen). dieses setting im barockprunksaal wollte, laut programm-vorspann, die frage ausloten “Kann Graz für sich den Titel Literaturhauptstadt beanspruchen?” und ich wollte mich eines kurzstatements (1minute30) nicht entschlagen –

und ich mein[t]e: nein.

graz hat alte leute, die alte texte schreiben, und graz hat junge leute, die auch – alte texte schreiben.

ein literarischer aufbruch – “transgarde”, wie sie ende der 60er hier passierte – ist nicht in sicht. dafür gibt es bald ein literaturhaus zur be-sichtigung des musealisierten aufbruchs und für den transport inter+nationaler quoten+neben\betriebs-literatur zum zwischenstop graz, literarische provinz, – entgrenzte aufgenadelte provinzialitätensammlung, wo dichterinnen+dichter aller länder – hiesige und dasige – einander gut’ nacht lesen.

die honorarhöhen sind verschieden. ich nehme 200,— euro, du nimmst den betrag plus X oder mal 0003, er sie es nimmt den steirischen staatspreis für literatur…

die jungen sind zaungäste und schreiben sich alt, bis der betriebszaun sie endlich umschliessen wird, gute grazer weltklasse, – willkommen am lesefest. (77sekunden) ich freu mich, dass sie mir zuhören werden, und ich lese ihnen, ganz ohne betriebsauslotungs-ambition, eine “männerverbrennung” und ein “sinnstiftengehen”, gesamtdauer: 15 minuten und ein paar zerquetschte.

 

nun, das war mein statement an jenem lesefest. die dort angekündigten texte können, im rahmen meines graz-tagebuchs, nicht abgedruckt werden, der raum ist begrenzt. jenes oder dieses honorar wird die roten nebel meines kontostandes lichten helfen und ist zugleich nur scheinbar privat. im literaturbetrieb ist alles so privat, dass nichts übrigbleibt. aber falls es Sie interessiert: ja, ich werde mein geld u. a. auch zum wegfahren aus graz verwenden, Sie erinnern sich: weg und hin.

[dieser text sollte im rahmen der reihe “tagebuch” bei der steirischen kronenzeitung erscheinen]

Gerald Ganglbauer

Ich bin ein Grazer

Der Autor Peter Glaser sagt von sich, er sei “geboren [worden] als Bleistift in Graz (Österreich), wo die hochwertigen Schriftsteller für den Export hergestellt werden” – und lebt “als Schreibmaschine” in Berlin. Bezeichnend. Andere Grazer (Steirer) leben auch in Deutschland oder sonstwo in der Welt, oder am Land, oder zumindest in Graz und Wien. Und wer einmal ganz in der Bundeshauptstadt lebt, will von Graz gar nichts mehr wissen.

Graz ist eine kleine Stadt in Europa. Das muss man vorweg sagen, denn das weiß fast niemand. Graz liegt nämlich nicht am Weg von Strauß zu Mozart. Aber Graz hat sich schon immer bemüht, das zu ändern. Graz ist auch die Landeshauptstadt der Steiermark. Styria heißt das auf Englisch, das ist ein Bundesland im Südosten, aber nicht das wo sie The Sound of Music gefilmt haben. Ah, … kommt nicht der Schwarzenegger von dort?

Ich bin ein gebürtiger Grazer, dennoch antworte ich normalerweise jedem der mich nach der Herkunft fragt, dass ich vor meinem Aufbruch aus Europa (einige Jahre lang) in Wien gelebt habe. Was zwar auch stimmt, aber es ist viel leichter zu erklären als “ich bin ein Grazer”. Jeder weiß dann sofort, dass ich aus Österreich komme – sofern man Wien = Vienna nicht gerade mit Venedig = Venice verwechselt, oder gar Austria mit Australia, im weiten Amerika.

Na ja, ein jeder hat andere Gründe, Graz zu verlassen. Auch wenn einer meiner Verlagssitze virtuell immer noch in Graz ist, bin ich in den letzten fünfzehn, fast schon zwanzig Jahren nicht gerade oft nach Hause zurückgekommen, außer um meine Mutter zu besuchen und eine Handvoll Freunde zu sehen. Vielleicht werde ich, wenn ich alt bin, wieder in Graz leben. Graz eignet sich ja gut als Lebensort für Pensionisten, heißt es. Obwohl ich mir eigentlich eine kleine Insel vorgestellt hätte. Aber das ist eine andere Geschichte.

Dabei war ich in dieser Stadt einmal recht präsent, habe 1982 bis 1986 die Grazer Straßenliteraturtage (ein Festival junger Literatur) initiiert und organisiert, zahlreiche Lesungen im Kulturhauskeller und in der Thalia veranstaltet, ein Buchdenkmal am Hauptplatz errichtet und in riesengroßen Lettern darin Gedichte in den öffentlichen Raum gestellt, und war damals, nicht zuletzt, auch mit der Autorin Petra Ganglbauer verheiratet.

Warum flohen aber immer wieder KünstlerInnen diese Stadt, die 2003 erst ihr eigenes Literaturhaus eröffnet hat? Gerhard Melzer sagt über sein literatur h aus graz: “Ein neuer Ort für die Literatur. In einer Stadt, wo sie ohnehin ihren Platz hat. (Auch wenn sie ihn immer wieder neu erkämpfen muss).” Aber Helmut Schranz (mein Nachfolger in der perspektive Redaktion und ein Autor, den ich schätze) kommt zur Ansicht, “graz hat alte leute, die alte texte schreiben, und graz hat junge leute, die auch – alte texte schreiben”, und ärgert sich über Reinhard P. Gruber.

Graz hat eine hübsche Altstadt. Aufzuwachsen und zu studieren hat in dieser kleinen Stadt auch großen Spaß gemacht. Mit dem Moped an die Murauen fahren und Kukuruz (Mais) stehlen und braten. Oder an die damals noch ungenützten Schotterteiche (Baggerseen) zum Nacktbaden. In den Kaffeehäusern nach den Vorlesungen an der TU oder Uni stundenlang abhängen. Nachts bis zum Morgengrauen auf die Platte (einen der Hausberge) wandern, und über Kernkraftwerke diskutieren. Und immer guten Sex haben.

Daran erinnere ich mich gerne (und damit meine ich selbstverständlich nicht nur die erotischen Abenteuer) – dennoch sind die Herausforderungen einer Kleinstadt, wenn auch mit steirischem herbst und Forum Stadtpark, oder Zeitschriften wie manuskripte, LICHTUNGEN, perspektive und Sterz um Kultur bemüht, naturgemäß begrenzt. Und naturgemäß spießig. Und man verlässt die Stadt. Nicht einmal die GAV Grazer Autorinnen Autoren Versammlung hat ihren Sitz noch in Graz.

Erinnern wir uns – gangan [althochdeutsch]: bewegen, entwickeln, verändern. Moving on.

Die Grazer Literatur war völlig aus meinem Sinn – dass die Stadt Kulturhauptstadt Europas 2003 ist, interessiert eigentlich nur die Fremdenverkehrsbüros, und aus Graz kamen in den letzten Jahren kaum nennenswerte unverlangte Beiträge an unsere Zeitschrift – plötzlich flattert im März dieses Jahres ein erfreulicher Text vom Helmut Schranz herein. Aufmüpfig. Frisch. Da identifiziert man sich damit, das denkt man sich auch. Und ich sage einer Veröffentlichung zu, woraus gar diese Sondernummer wächst. Ich fliege sowieso im Juni zum 93. Geburtstag meiner Mutter nach Graz.

Ich mache mich also auf die Suche nach Grazer AutorInnen, sende allen per E-mail Einladungen Beiträge betreffend. Unterhalte mich mit SpezialistInnen – guten BuchhändlerInnen, SprachwissenschafterInnen (bemerke gerade, wie nervig diese neue ‘politisch korrekte’ Version der -Innen im deutschen Sprachgebrauch ist, ganz im Gegensatz zu hier, wo alle weiblichen Endungen verschwinden, die Begriffe selbst geschlechtsneutral werden) – und finde – nicht viel. Österreichische AutorInnen in Übersetzung kenne man zwar schon einige; aber aus Graz? Sorry.

Auch die Reaktion einzelner eingeladener AutorInnen war eine ganz andere als zum Beispiel die Begeisterung im Hinblick auf unsere Newcastle-Sondernummer vor einem halben Jahr. Eine typische Frage: “Wird die Zeitung in echt erscheinen oder nur im Netz?” – “Gangway erscheint in echt am Netz.” – “in echt am Netz ist aber nicht logisch …” Hmmm. Also auch in der Akzeptanz des nicht mehr so ‘neuen’ Mediums ziehen noch die Nebelschwaden durch die steirische Landschaft. Gangway erscheint bereits im achten Jahrgang, quasi seit dem Jahre Null am WWW, und Urheberrechte der AutorInnen sind trotz hartnäckiger Gerüchte ebenso geschützt wie in anderen Medien.

Wenn unter Grazern vom Internet die Rede ist, wird oft geklagt, dies sei ja bloß eine “Teilöffentlichkeit”, die “richtige” Öffentlichkeit wäre erst auf Papier zu erreichen. Falsch, meine Damen und Herren. Es hat zwar nicht jeder einen Computer, aber andererseits kann auch nicht jeder lesen – oder kauft sich die Kronen Zeitung. Und obwohl Webmeister ihre Zugriffsstatistiken gerne ins günstigste Licht stellen, lesen in Wahrheit am Bildschirm auch nicht mehr Leute Literaturzeitschriften als auf Papier, bloß der Vertrieb ist ein ganz anderer. In print oder online – eine Zeitschrift bleibt eine Zeitschrift.

Und als solche kann die zweisprachige Gangway bereits auf stolze Erfolge verweisen. Ian Kennedy Williams ist von Penguin Books durch unsere Erstveröffentlichung eines Romankapitels entdeckt worden, Ingeborg Bachmann wird nach einer bei uns veröffentlichten Übersetzung Angelika Fremds von Mark-Anthony Turnage in London vertont, und Ruark Lewis wird im kommenden Sommer in der liteaturWERKstatt berlin aufgeführt, um nur drei Beispiele zu nennen. Es ist für unsere AutorInnen keinesfalls von Nachteil, “nur im Netz” veröffentlicht zu sein.

Soweit zur Relativierung des in meiner Jugend noch für die große weite Welt gehaltenen Grazer Literaturbetriebes. Aber wie auch immer, hier ist nun nachzulesen, was in kurzer Zeit an Literatur um, aus und über diese kleine Stadt namens Graz zu sammeln war, in deren “Kulturjahr”. Es wird noch viel Wasser unter der Murbrücke (und um die neue Murinsel) fließen, bis sich so eine Gelegenheit der internationalen Vernetzung mit der Neuen Welt für die wohl heimlichste aller Literaturhauptstädte wieder ergibt. Dass ich diese Sondernummer trotz des entgegen gebrachten Widerstandes mancher Kreise durchgezogen habe, beweist jedenfalls eines: ich bin doch ein Grazer.

Gernot Lauffer

Politik und (Subventions-)Kultur

In Stainz 6.1.03

Österreich ist ein besetztes Land.
oder
Geben wir uns Gedankenfreiheit, Sire!

In Stainz ruft der Hirschmann die Kreativen zusammen. Die SPÖ hat die “Kultur”, der Hirschmann nimmt die Funktion des “Schattenministers” wahr. Da sitzen sie nun alle, die Künstler in ihren bunten Trachten, voller Hoffnung, zu etwas Staatsknete zu kommen. Ein exzentrisches Völkchen, die übliche Mischung aus Besessenheit, Verschrobenheit, Weltfremdheit, hermetischer Isoliertheit und – Opportunismus.

Ich komme zu spät. Am Wort ist gerade Andreas Braun, Kulturmanager von Swarovski in Wattens, vorher der sehr erfolgreiche Chef der Tirol-Werbung. Ein Tiroler, wie er im Buche steht, kernig, selbstbewußt, lakonisch, direkt.

Er erzählt die üblichen Geschichterln für Unbedarfte: Wie erfolgreich er sei, wie er das alles gedeixelt habe mit den Kristallwelten, was jetzt geschieht und wie es weitergehen soll. Nichts Wesentliches, aber doch Nachrichten aus einer fernen, fremden Welt der Bodenhaftung und der Selbständigkeit.

Und dann das Lamento der heimischen Künstel, dass sie zu wenig Geld kriegten, dass sie ein Recht auf mehr hätten, dass der Staat seinen Pflichten nicht nachkäme, dass die allgemeine Atmosphäre kulturfeindlich wäre und dass Kunst und Künstler wichtig, ja lebensnotwendig für das Gemeinwesen wären. In diesem Stil geht es weiter: Ein einziger Berichte vor der Beschwerdekommission, das übliche Bla Bla aus Vorwurf, Forderung, Selbsterhöhung und Selbstmitleid. Die Einzelnen referieren über ihre Arbeit, ihre Kunst und die geringen Subventionen. Keine Reflexion allgemeiner Natur über das Wesen, den Stand, die Umstände oder die Zukunft der Kunst. Ein hoch subventionierter Konzertveranstalter wird vom Tiroler Braun gefragt, wieviel seines Budgets er herein spiele. Das interessiere ihn überhaupt nicht, das wäre völlig irrelevant, das habe überhaupt nichts mit dem zu tun, was er anstrebe, gibt sich dieser gekränkt.

Ein paar Jahre vorher, vor der letzten Wahl, fast die selbe Besetzung, am Podium allerdings der rote Kulturminister Scholten sekundiert vom späteren Kulturreferenten Schachner. Der Himmel hing voller Geigen und Versprechungen. Einige Ausfälle von links kaschierten, dass man ein Herz und eine Seele war. Die Eiseskälte der nachfolgenden Realität zerstörte allerdings diese Blütenträume, jetzt erwarteten wir uns wieder vom schwarzen Gegenüber das Heil. Opportunistisch tanzen wir auf jeder Hochzeit und reden dem augenblicklichen oder künftigen Mächtigen nach dem Mund.

Mir ging das unfrohe vorwurfsvolle Geseire schon lange auf den Keks, außerdem mußte auch ich mich wichtig machen, positionieren, wie das neuerdings heißt. Wozu saß ich schließlich da herum, doch nicht, um etwas zu erfahren. Ich käme wir vor wie in der untergehenden Sowjet Union, als alles nur mehr eine Frage der schwindenden Staatsmittel gewesen wäre. Allgemeine Empörung. Dann meldet sich noch der Kulturchef des lokalen Kleinformats zu Wort, warf sich ob seiner übergroßen Verdienste um die Kulturzene in die Brust und wies auf den Anzeigenwert (!) seiner Kulturberichterstattung hin. Ein kleines Schreiduell folgte ob dieser Ungeheuerlichkeit. Die allgemeine Desorintiertheit hatte ihren Höhepunkt erreicht. Die armen Journalisten! Nur weil ihnen jeder hinten hinein kriecht, damit überhaupt berichtet wird, halten sie sich für wichtig und bedeutend und wissen nicht mehr, wo Gott und das journalistische Ethos wohnt. Ich war naturgemäß unzufrieden mit ihren Leistungen und sagte es auch bei jeder Gelegenheit so nach dem Motto, entweder kriechen oder kontern. Wer berichtet schließlich schon gerne über ein Kreativmagazin wie den Sterz, die Texte sind lang – wann soll man die lesen? –, die wie die Grafiken oft von Unbekannten sind. Ob die wohl gut sind, ob die im Trend liegen? Und wenn das Ganze schon weit über zwanzig Jahre erscheint und täglich die Papierlawine über einen hereinbricht, geht leicht die Übersicht verloren. Da muß man sich entscheiden, wen man protegiert. Natürlich den, den man kennt, “gut” kennt, einfach so oder von den hinteren Kontakten. Ja, wie kommt man dann zu einer Besprechung? Persönliche Kontakte, sagt mein Gewährsmann vom Wiener Niveaublatt, sind das wichtigste. Ja, ja, der Balkan … über den letzten Sterz “Tausend Bilder” berichtete die FAZ. Der Autor gab bis vor Kurzem eine Zeitschrift für Fotogeschichte heraus, als Österreicher in Deutschland, wo es dafür keine staatlichen Zuschüsse gibt. In Österreich wäre die Finanzierung vor allem von den persönlichen Beziehungen abhängig und weniger von der Qualität, das hätte er sich doch nicht antun wollen. Für besagte “Tausend Bilder” erhielt der Sterz wegen des großen Aufwands auch vom Ministerium einen Zuschuß. Später redet mich ein Kulturmensch an, mit dem ich sonst nichts zu tun habe, ob ich zufrieden wäre. Wie, was, warum, wobei, womit? Ihm hätte ich die Zuwendung zu verdanken. Ich bedankte mich überschwänglich. Die Qualität des vorgelegten Heftes wäre anderswo Grund genug gewesen. Ja, ja, der Balkan …

Jetzt hat sie sie wieder, die VP die Kultur nämlich bzw. das, was davon über ist, seit der alte Koren in grauer Vorzeit das Zepter niedergelegt hat. Jetzt ist jedenfalls noch weniger Geld da als je, das wird es den kleinen abhängigen Kulturmachern Angst und Bang. Die Großen sind meist öffentliche Institutionen, die berührt das weniger, obwohl eine kleine Einsparung dort bei den kleinen viel ausmachen würde … Aber was sind das für lächerliche Brosamen gegen das, was die gefräßige Maschine in Wien verschlingt. Die haben wir seit des Kaisers Zeiten, als noch ein Imperium zu repräsentieren war, die brauchen wir einfach, um in der Welt wenigstens noch irgendwer zu sein, bilden wir uns zumindest ein. Großmannssucht auf Kosten der Kleinen, der eigenen Kleinen. Da sparen wir alle für ein Großmachtgehabe, das schon in Paris lächerlich genug ist.

Um den Rest wird gerauft, denn das schnellere Geld ist immer noch das vom Staat, zumindest bei uns. Und so buhlen wir um die Gunst der Beamten, der Sekretäre, der Kuratoren, der Politiker, gefangen in unserer gegängelten Welt.

Die Karawane der Moderne ist allerdings schon längst weitergezogen, bis in das ferne Amerika. Andere Um- und Zustände erfordern andere Vorgangsweisen, andere Methoden, ein anderes Bewußtsein. Die Menschen, die Künstler, die Interessierten sind aus der höfischen Bevormundung befreit in einen freien Markt der Meinungen und Methoden entlassen worden. Dort wölbt sich ein anderer Himmel über den Kreativen, “die Gesellschaft” ist dort keinem etwas schuldig, dort muß, da kann jeder selber schauen, wo er bleibt, er ist ohne Vorwurf — an wen auch? — und daher voller Unternehmungsgeist. Dort agiert keiner in höfischer Abgeschiedenheit, dort hat keiner (Berührungs-)Angst vor dem Volk, keiner verachtet es, keiner haßt es. Keine Subvention verstellt die Sicht auf die Realität. Dafür, so sagen unsere Kulturtheoretiker und -politiker läge dort auch alles darnieder, die allgemeine Kulturlosigkeit wäre mit Händen zu greifen.

In dem riesigen Land sind allerdings klassische Kultureinrichtungen wie “Burg und Oper” äußerst spärlich, die müssen selbst sehen, wie sie über die Runden kommen, dafür fressen sie den kleinen Kulturproduzenten nicht alles weg, und die amerikanische Variante der modernsten darstellenden Kunst, des Films, beherrscht die Welt. Die Bedingungen für bildende Kreative scheinen dort für unserer Begriffe ziemlich schlecht, und doch wird immer noch dort bestimmt, wohin die (Kunst-)Reise geht. ein funktionierendes Atelier in NY ist immer noch ein Erfolgsbeweis.

Wir Ösis werden immer noch in Abhängigkeit gehalten, wir selbst halten uns in Abhängigkeit, wir leiden unter den Folgen “klerikaler Despotie” im Sinne der “asiatischen Despotie”, mit der Marx das alte Rußland beschrieb. Um zu überleben, unterwarfen wir uns der Gegenreformation, die kein Mensch wollte, die kein Mensch brauchte. Wir paßten uns an, wir arrangierten uns, wir wurden Teil des Systems der Vernichtung, Entrechtung und Erniedrigung und wir halten die Deformationen aus unserer Knechtschaft für einen wesentlichen Teile unserer, wie wir meinen, liebenswürdigen Identität.

Immer noch werden wir bevormundet von nicht mehr kaiserlichen Beamten, die nach Gutdünken bestimmen. Wer will deren Redlichkeit bezweifeln, wenn sie entscheiden müssen, bedrängt von Antragstellern, Bittstellern, Interventionen, Direktiven und den Wünschen der Politiker. Der freie Markt, das freie Spiel der Kräfte, von dem jetzt immer die Rede ist, kann da allerdings nicht stattfinden. Wie wird eine Arbeit verglichen, beurteilt, evaluiert, nach Gutdünken, nach Bedürfnis, nach Direktiven? Siehe oben.

Dieses System hängt bleischwer in der Luft, und auch das Aufbegehren dagegen gehört dazu wie die Dissidenten zum Zwangsstaat. Sie sind die Feigenblätter einer angeblichen Liberalität. Ob sie Gerhard Roth, Thomas Bernhard oder Elfriede Jelinek heißen, sie sind systemimanente Dissidenten. Sie werden veröffentlicht und aufgeführt, herumgereicht, mit Preisen bedacht. Ohne sie beginnt keine Vorstellung. Sie werden im Tross mit geführt als institutionelle Gegner, so wie die (schwarzen) Haarlem Globetrotter ihre (weißen) Jausen-Gegner immer mitbrachten bei ihren Basketball-Tourneen. Im Kulturghetto geliebt, werden sie von räudigen Hunden bekläfft, von Gaffern beschimpft, von der plebs misera mit Dreck beworfen, der man die volle Verachtung des (Geistes-)Adels entgegenbringt.

Als Hofnarren gehören sie zu den Herrschenden, zur Karawane der Auserwählten, da braucht man sich nicht abgeben mit fiesen Kötern und dem Lumpengesindel. Sind diese “die Gesellschaft”, die uns immer was schuldig ist, oder sind doch wir sie, die edlen Ritter des Geistes hoch über den Niederungen kleinlicher Gefühle, Vorstellungen, Meinungen und Ansichten?

Die Gesellschaft ist uns was schuldig, so wie früher der Souverän dem Volk was schuldig war, oder war es nicht umgekehrt, waren nicht das Volk dem Souverän etwas schuldig, und der hat sich bedient, hat sich das Beste genommen und den Rest verkommen lassen.

Jetzt ist das Volk schon lange der Souverän, aber wir lassen es, frei nach Kreisky, weder über die Todesstrafe abstimmen noch kulturelle Belange entscheiden, das muß schon den jeweiligen Experten überlassen werden. Die “Kaiserin” Maria Theresia hätte sich allerdings schön bedankt, hätten ihr Experten vorgeschrieben, was sie für gut und schön zu halten gehabt hätte, ob sie z. B. den kleinen Mozart auf den Schoß hätte nehmen dürfen. Wer aber erkennt unsere Einmaligkeit und Genialität, wer nimmt uns auf den Schoß, jeden von uns in seiner Einmaligkeit à la kleiner Mozart? Hat nicht jeder das Recht darauf, ohne dem Gutdünken irgendeines Beamten ausgeliefert zu sein. Die Beamten sind nur Beamte, gut oder schlecht, klug oder dumm, korrupt oder korrekt — siehe oben —, wir setzten doch besser Kuratoren ein, Fachleute, die bestimmen dann aus reiner Wissenschaft und Erkenntnis, wer kriegt und wer nicht. Und wieder sind wir auf einer neuen Stufe des individuellen Beliebens angelangt: Subjektivität und Freunderlwirtschaft entscheiden über den Geldfluß, ohne Kontrolle, ohne Maßstab. Wie denn auch? Der Souverän ist, wie weiland Kaiser Ferdinand, unter Kuratel gestellt, entmündigt, und die Mäuse feiern Hochzeit.

Kunst ist wie so vieles zur Angelegenheit von Experten geworden, ein geheimes Fachwissen von Ausgebildeten ist notwendig, um sich auszukennen, wir lassen schließlich bei der Molekularbiologie auch nicht jeden mitreden.

Hermetisch abgeschlossen findet die Kettenreaktion des Kunstvollzugs vor den immer gleichen Leuten statt. Die haben sich angepaßt in ihren Erwartungen, in der Art und Weise des Konsums. Man läßt auf sich wirken, nachgefragt wird nicht, Position wird nicht bezogen. Kritik und Skepsis, Grundvoraussetzungen intellektueller Redlichkeit, werden als Störenfriede, als Konsensbrecher diskreditiert. Denn innerhalb der hermetischen Blase herrscht Harmonie, der gemeinsame Feind ist außerhalb. Mit dem gibt es keine Kommunikation. Man müßte erklären, und das ist unzumutbar, zu Markte tragen, und der ist unabwägbar.

Im geschützten Bereich der Kunstszene wird nicht diskutiert, es wird vollzogen nach den Regeln des Kuckucksnests. Der Vitalste, Stärkste setzt sich durch im Verdrängungswettbewerb, ähnlich wie in den Apparaten der Kammern und der Gewerkschaft. Ein besonderer Typ Mensch hat sich herausgebildet: Der homo sowjeticus, ein Wesen des Apparats, ein Meister der Intrige, der Intervention, der Anpassung, der Unterwerfung, der Gruppenzwänge. Wie in der DDR wird mit gespaltener Zunge gesprochen, für sich das eine gemeint und laut das andere gesagt. Man ist gleichzeitig Spitzel und Bespitzelter, Denunziant und Denunzierter. Und merkt es nicht einmal oder findet nichts dabei, denn das sind halt die Regeln des Lebens.

Österreich ist ein besetztes Land, in dem sich die Unterworfenen aus Überlebensgründen den Unterwerfern angepaßt haben. Wenn einer nicht entkommen kann, dann muß er die Zwangsherrschaft und ihre Folgen lieben lernen. Das Überlebensmuster wird zum Lebensmuster, zum Liebensmuster, zum Selbstliebensmuster.

Österreich ist ein besetztes Land, ein sich selbst besetzt haltendes Land, das stolz ist auf seine Deformationen, auf seine Indirektheit, auf seine Ironie, seine Unterwürfigkeit, seine Intrigenwirtschaft, auf seine höfisch geschlossene Gesellschaft.

Geben Sie Gedankenfreiheit, Sire. Mein Souverän, öffnen Sie den Kerker, entfliehen Sie dem Kerker, verlassen Sie die Gefangenschaft, die schon längst eine freiwillige ist, streifen Sie die Verstrickungen ab, entfesseln Sie sich, Sire, der alte Despot ist lange schon weg, wir sind unser eigener Despot, Sire, wir sind Sie.

Hans Fraeulin

Subject: Re: Einladung zur Graz Sondernummer
Date: 11/4/03 6:17 PM
Received: 13/4/03 11:36 AM
From: Hans Fraeulin, hans.fraeulin@styria.com
To: Gerald Ganglbauer, gerald@gangan.com

Lieber Gerald,

Grazer Befindlichkeiten auszuloten ist ein schwieriges Geschäft. Ich kehre bei Andreas in der Schnabelweide oder bei Peter, alles Bruchbuden am Kaiser-Josef-Platz ein und fühle mich wohl. Was soll ich da noch schreiben? Sie sind mein Ruhepol und Debattierclub zugleich. Wen geht das sonst was an? Die Leute dort reizen mich zum Ausplaudern meiner Geheimnisse. Dann schäme ich mich manchmal, beeile mich die Zeche zu bezahlen und trolle mich. Oft kommen auch Leute herein im Hubertusmantel und reden einen Scheißdreck daher, dass einem die Sau graust. So sagt man hier. Verstanden habe ich das noch nicht, die Sau graust.

Gestern war ich bei des Uhrturms Schatten. Habe ich mich wieder fast angemacht vor Lachen. Ein genialer Einfall. Das Schöne ist, dass es passiert – eine Revolution in der Ansichtskartenpoesie. Ich spotte nicht.

Gespottet habe ich über anderes. Grosso modo bringt der Grazer Mittelstand auch nur Mittelmäßiges zustande. Das will man nicht wahrhaben. Gewordene Tatsache ist nur, dass der Grazer Mittelstand aus der mittelmäßigen Kulturhauptstadt das europäische Mittelmaß feststellt. Wie ich dazu stehen soll, weiß ich noch nicht, aber wer will schon Mittelmaß sein? Ich jedenfalls nicht. Sollen wir uns bei allem Kriegsgeheul auf das Mittelmaß besinnen? Das ist zumindest langweilig. Dagegen wird angeschrieben. So schließt sich der Kreis.

Die Debatte soll schön kochen, muss dann aber Substanz bekommen…

Bedauerliche Tatsache ist, dass der einzige Verlag, der sich um die Schreibkräfte in dieser Stadt gekümmert hat, im Kulturjahr nicht vorkommt. Warum und wieso würde ich gerne wissen. Ist Droschl in seinem Büro zusammengebrochen und röchelt still vor sich hin? Oder habe ich was versäumt?

Am besten, wir machen uns auf die Suche, gehen voran, müssen uns selber schützen, sind vielleicht eher da, wo wir hinwollen. Haben wir dort hingewollt, wo wir sind?

Im Irakkrieg waren das einige der täglichen Fragen der Avantgarde – mit Schiss in der Hose und auf alles ballernd, was sich bewegt.

Von daher gesehen ist unsere Debatte ein Luxus-Manöver zum Ablenken. Günther Eichberger kann sein Lexikon wieder ins Regal stellen. Abstauben wäre nicht schädlich. Wird Florian Neuner große Augen machen. Das darf doch nicht wahr sein. Wir müssen doch…? Wir müssen gar nix.

Eine solche Haltung könnte Qualität bekommen. Wir müssen gar nichts außer scheißen. Der Satz, weswegen mein Sohn von der Schule geflogen ist. Das regt den braven Florian Neuner auf. Ach, wäre er mein Sohn. Scheißen kommt jetzt im amerikanischen Film auf Flughafentoiletten vor, um FBI-Agenten zu überlisten. Ist sicher fünf Jahre her.

Alles abgeschmacktes Zeug. Ich sage nur: Löschtaste drücken.

Liebe Grüße,
Hans Fraeulin.

----- Original Message -----

From: Gerald Ganglbauer <gerald@gangan.com>
To: Hans Fraeulin <hans.fraeulin@styria.com>
Sent: Friday, April 11, 2003 5:31 AM
Subject: Re: Einladung zur Graz Sondernummer

Lieber Hans Fraeulin,

dem 'Nachteil' habe ich gleich insofern abgeholfen, 
als deine freundlichen Zeilen nun auf unserer 
Leserbriefseite stehen. Schoenen Dank.

Freu mich auf deinen Graz-Beitrag.

Beste Gruesse
Gerald


Hans Fraeulin wrote:

Lieber Gerald Ganglbauer,
ich habe gerade bei Deiner Website hineingeschaut 
und bin überwältigt. Watzkas Problemlösungsstrategien – 
ein Hit! Ich hab mich fast angemacht. Und dann so viele 
tolle Leute in Australien. Dass Du das hier verbreitest,
hat aber auch einen Nachteil, wird mir jetzt bewusst. 
Für Lob musst du selber sorgen. Das kommt nicht immer 
gut 'rüber. Eh schon wissen. 
Auf die Lob-Site schaut keiner hin. Was hast Du vor?
Liebe Grüße,
Hans Fraeulin.

Three doors to art and literature.
Drei Tueren zu Kunst und Literatur.
www.gangan.com | www.gangart.com | www.gangway.net
PO Box 522, Strawberry Hills NSW 2012, Australia
Ph.: +61 2 9280 2120 - Mobile: 0411 156 309
Fax: +61 2 9280 2130 - E-Mail: gerald@gangan.com

Ralf B. Korte

Von grauen Eminenzen und anderen Egomanen

1.
Zu Foren und Häusern und Akademien und ihren Benutzern

Frage: was ist ein ‘Forum’? Antwort: ‘Markt- oder Versammlungsplatz; Gerichtshof; geeigneter Personenkreis, der eine sachverständige Erörterung von Problemen garantiert’. Wir finden das Stichwort im Fremdwörter-Duden zwischen ‘Fortune, die’ und ‘Forward, der’…

Nicht nur Häuser können abgewohnt werden, auch alte Angewohnheiten ihrer Nutzer nützen nichts mehr, wenn sie abgenutzt sind. Wir sprechen dann: von Verhältnissen zum abgewöhnen. Was meist heisst: wenn Benutzung von Häusern in Bewohnung der Reputation von Häusern umschlägt, wird gewöhnlich aus Nutzen Verbrauch. Übrig bleibt das Hausen in gewohnten Verhältnissen, was stets Angst vor Unbehaustheit in sich trägt, weshalb den Hausenden das Verharren näher liegt als das Bewegen. Wenn aber der Verbrauch den Bestand angreift, greifen die Reputierten verhalten zum Hut: wer früh genug vor das Haus geht, kommt danach leichter wieder hinein. Solche Beweglichkeit ist eine besondere Form des Verharrens in verbliebener Reputation.

Für diesen Fall – oder genauer: diese Falle – benötigen die Reputierten eine Spielfigur, die bleibt, wo wenig verblieben ist: den ehrgeizigen Enkel, der schwer schon hadert mit den alten und leicht sich verheddern wird in den neuen Verhältnissen, die nicht so neu sind, wie er zu spät bemerken wird. Wahrnehmungsverspätungen oder -störungen sind übliche Kinderkrankheiten der ehrgeizigen Enkel, wissen ihre Altvorderen. Das Verheddern hat den Fall zur Folge, wissen sie auch, und für diesen Fall sind sie präpariert.

Graz gewährt dieses Spiel, dessen Ausgang gewisser ist, als die Aufgeregtheit des Gespräches darüber suggeriert, dem entnervten Betrachter in einer Ausführlichkeit, die täuscht. Ausgeführt wird, was einem Gespräch über Häuser täuschend ähnlich sieht. Ab geht solcher Aufführung die Anregung, die Spielen bisweilen mit sich bringt. An geht solche Aufführung kaum einen mehr als die schon Beteiligten.

Nebenbei aber fallen Sätze zur Sache, im vorliegenden Fall zur Sache Literatur. Altvordere, nennen wir den einen Kolleritsch, geben noch immer die Nummer vom unpolitischen Dichter, dessen Ziel eine Art von Finden und Empfinden guten Textes sei, was als eigentliche antifaschistische (freilich unpolitisch antifaschistische…) Aktion gepriesen wird, mit dem Obermotto ‘Weiter Schreiben’ (und nicht irritieren lassen vom Lauf der Zeit). Der ehrgeizige Enkel aber, nennen wir ihn beiläufig Grond, gibt den tough guy und hakt die eigene Systemumgebung unter ‘Kunstghetto’ ab, nicht ohne den zeitgemässen Aufgriff der Rede vom Verwurf der Avantgarde, und deutet auf das Doppelgestirn aus grosser Erzählung und Cyberspace (und nicht irritieren lassen, wenn da was nicht zusammen passt).

So wenig das, was an Text in Kolleritschs ‘manuskripten’ verbleibt, mit Avantgarde zu brandmarken ist, so wenig unpolitisch ist ihr Herausgeber und Exwahlhelfer für Exlandeshauptmänner. Jene Grazer, die auszogen, die Literatur zu erobern, bedienten sich experimenteller Methoden zur Ornamentierung einer Sprache, die weit mehr sich aus dem Eigentlichen speiste: dem Ins-Wort-Kommen einer Melange aus Identitäts-Überhöhung und Re-Mystifikation des ländlichen Raumes, die als kritischer Heimatroman einigen Erfolg für manche österreichischen Autoren brachte, ehe der deutsche Markt in seinen Neuen Ländern dergleichen deutscher fand (von der neuen Mode, in Geschichte verlorener Ostgebiete zu schwelgen, noch zu schweigen).

Dass Grond, nicht eben zufällig Kind solcher Schreibtradition, nun zu Schlingensiefs Freibadphilosophie wechselt, wonach der Schrei der Verdammten verdammt viel eigentlicher sei als das vordem noch grondseits gelobte Stammeln der Dichter an und in den Verhältnissen, mag an der grondschen Vorliebe für radikale Wechsel liegen: vom einstmals forumbepissenden ‘Nebelhorn’-Herausgeber zum Rambo-Präsidenten des Forums; vom TotalGrond auf Homers Spuren zum Teilzeit-Neuromancer; vom vorrechnenden zum abgerechneten Abrechner und zurück. Schlimmer ist, dass die notwendige Kritik des Selbstlaufes einer bestimmten Literatur ins ebenso Geläufige mündet: wonach die FAZ seit Jahren schon schreit und seit Jahren schon nicht mehr allein. War es früher der Grosse Lateinamerikanische Magische Realismus, ist es heute der Grosse Nordamerikanische Roman (in seinen historisch-familienepischen oder cyberspacig-kriminalgeschichtlichen Varianten), den uns die Marktbeobachter, die by the way als neoliberal Unpolitische aufzutreten pflegen, ans Herz legen. Wie sensibel diese self fulfilling prophets den Trend erspüren, der kein Trend mehr ist: der Anteil übersetzter amerikanischer Bücher bei in Deutschland verkaufter Belletristik liegt seit Jahren deutlich über achtzig Prozent…

Keine ästhetische Alternative also, nach der gerufen wird. Die Verbunkerung des Einen spiegelt sich im Zugriff aufs Populäre beim Anderen, das Primat der Fortsetzung des Gehabten begegnet der Geste absoluter Erneuerung, hinter der alter Wein in neue Schläuche gefüllt wird.

Frage: Braucht Literatur mehr Häuser? Antwort: Von Literaturhäusern profitieren vor allem ihre Hausmeister. Die Politik der knappen Kassen bedeutet, dass Geldmittel gerade eben zum Hauserhalt gewährt werden. Im Haus Beschäftigte tragen sich selbst, für Literatur im Haus müssen Fremdmittel beigetrieben werden. Zur Aufrechterhaltung des Lesungsbetriebes in der Berliner Literaturwerkstatt zum Beispiel werden Verlage zur Vorstellung ihrer Produktlinien sowie Länder zur Vorstellung ihrer Besten geladen, weil kein Budget für eigene Entscheidungen bleibt. Andere Häuser, mit besseren Mitteln, reproduzieren seit Jahren die um sie herum etablierte Hackordnung, gewähren über die Belohnung der Hausangestellten hinaus ein loses Versorgungssystem ihnen verbundener Dichter. Errichtung neuer Häuser scheint zwar etablierte Nahrungsketten auszudünnen und neue zu ermöglichen, die Erfahrung jedoch lehrt, dass Igel schneller als Hasen sind. Bin-schon-da!, rufen die Erwählten der Trümmer des Deutschsprachigen Literaturbetriebes von den Zinnen aller Häuser zugleich.

Wozu also Häuser, zumal schon genug in der Landschaft stehen? Hoffen Schriftsteller und Literaturagenten, hinter befestigten Mauern besser gegen Subventionsverlust gesichert zu sein als ohne Haus und Hof? Literaturhäuser sind Ausdruck der Angst, weiter Boden zu verlieren, indem sie zumindest ein Grundstück für die gute Sache besetzen. Literaturhäuser okkupieren den Rest an Förderpotential ohne kreative Gegenleistung.

Schlimmer noch die Errichtung einer Literatur-Akademie: Talar und Säckel als ästhetische Vision für Schreibende, die sich ansonsten mit aller nichtpoetischen Rede plagen… Denn der Dichtertypus, dem wir begegnen, entspricht häufig den Erwartungen, die von Seiten der Kulturnation und ihrer Agenten an Dichter herangetragen werden: ein ängstliches Wesen, gefüllt mit Gefühl: der sympathisch unpolitische Empfindungsmensch eben. Die Literatur-Akademie gibt das geeignete Instrument ab, Anti-Intellektualität mit stetem Einkommen zu verbinden, denn: nichts ist unserem Dichtertypus, der so gern im romantisch Obskuren verweilt, mehr zuwider als der kritisch beleuchtende Diskurs zu seinem Text. Stattdessen jedoch selbst zu sprechen, bestenfalls auf Seminarschein Lesungen eigener und geschätzter Texte vorzutragen, wäre ihm eine freundliche Alternative. Nicht umsonst vermerkt Grond, dass “vor allem die Jungen sich schon alle als Professoren gesehen haben” beim Gedanken an die Akademie. Ob Häuser, die Akademien bergen, also der Literatur zuträglicher sind als Literaturhäuser, darf bezweifelt werden. Zumal der Trend zum ‘Bin-schon-da!’ sich auch hier mit Macht ausbreiten wird.

Was aber stattdessen? Was der Literatur derzeit fehlt, sind verantwortlich – also politisch – handelnde Autoren. Das Stipendien- und Preissystem hat Missverständnisse implantiert. Dass das Befolgen von Juryvorgaben literarische Qualität belegt, ist eines davon. “Soviel Sinnstiftung und Normerfüllung ist von der Kunst lange nicht mehr öffentlich erwartet worden,” kommentiert Michael Cerha den Ablauf des diesjährigen Bachmann-Spektakels (Der Standard 29.6.98). Dass das Befolgen solcher Vorgaben einen Anspruch auf Unterhalt impliziert, ist ein weiteres. Dass das Drängeln um die paar Plätze, die dem Zirkus und seinen Beteiligten weiter Unterhaltung und Unterhalt bei schwindender Besucherzahl gewähren, als ‘Literaturbetrieb’ bezeichnet wird, ist eine weitere Fehlinterpretation, an die sich pseudogewerkschaftliche Forderungen anlagern, die sich wiederum als politisches Handeln missverstehen. Literatur aber braucht, damit sie nicht zum Appendix von Amtsstuben und Vierersitzgruppen knapp nach der Kernsendezeit verkommt, das Erproben der Verhältnisse, das Infragestellen der Produktionsbedingungen und Verfahren, nicht ihre bewusstlose (oder bewusste) Verlängerung. Dass das Imitieren experimenteller Sprachformen von der Wiederbelebung verwaschen dahinphilosophierender Pseudoepik überschrieben wird, verbreitert den Sumpf, der uns von Texten trennt, die zu lesen wären.

Die Extermination des Avantgarde-Begriffes hatte ihre Berechtigung als Abrechnung mit der braven Verschulung des Experiments und seiner damit praktizierten Entwertung, sie schüttet aber das Kind aus der Wanne, wenn sich auf der vakanten Stelle die Wiedergeburt des Courths-Mahlerschen Relativsatzes feiert. Ohne Vorhut bleibt das Heer blind, lässt sich dem Avantgarde-Verächter und selbsternannten Kunstsoldaten Grond erwidern. Nur so zu tun, als liefe man voraus, macht auch keinen grösseren Überblick, muss seinem Kontrahenten Kolleritsch gesagt werden. Dabei hält letzterer ein vielfach geeigneteres Instrument für Literatur in der Hand, als es Häuser oder Akademien sind: eine verlagsunabhängige Zeitschrift, die bestenfalls Testgelände solcher Projektierungen ins Ungewisse sein kann. Diese Chance wird in den ‘manuskripten’ hartnäckig verspielt. Dass Kolleritsch seit Jahrzehnten dafür garantiert, dass es mit ihm keine Experimente gibt, macht – in seiner Auswirkung auf das von Graz aus Wahrnehmbare und in Graz Veranstaltbare – einen Gutteil der Gründe für den Fall der Dinge aus.

So schwer wiegt der Alpdruck der Fixierungen, dass auch Grond in seiner Abrechnung nicht anders kann als in peinigender Ausführlichkeit die Intima der immergleichen Clique auszubreiten. Irgendwo in seinem Buch vom Soldaten und vom Schönen (was angesichts der Horrorszenarien patriarchal-anarchischer Unflätigkeit, die aufgedeckt werden, nicht umsonst mit der spätromantischen Phrase von der Schönen und dem Biest spielt) wird einmal jemand in die “Hinterhöfe und Abbruchhäuser zu den Jungen” geschickt, die bei Grond so namenlos bleiben, wie sie bei Kolleritsch gesichtslos sind. Knapp bemessene Aufmerksamkeit für die Welt jenseits der Mauern des Hauses; Kehrseite einer Festlegung auf Grössen, die nur behauptet werden, ohne gefüllt werden zu können.

Was aber wird aus dem Forum? Die Grondschen Forderungen nach Bereitstellung von Infrastruktur ist für Literatur absolet: Eine Autorengruppe, die von dort erneut den Auszug plant, um was auch immer zu erobern, ist nicht in Sicht, die Kompetenz für ein konsequentes literarisches Veranstaltungsprogramm ebensowenig. Wir werden das Forum vermutlich dennoch vermissen.

[anm.: dieser text aus dem august 1998 war für die grazer tageszeitung ‘NZ’ verfasst und wurde – leider – nicht veröffentlicht]

2.
zur sache literatur: nachtrag

der nach stehende beitrag war teil eines newsletters der perspektive – online (http://www.perspektive.at) und ist mitte januar 99 als nachtrag zum NZ artikel entstanden.

jenseits der geschilderten konflikte ist literatur für die derzeit verantwortlichen des forum stadtpark nicht wichtig genug, um weiter ein selbständiges literarisches programm zu verantworten. stattdessen erhält alfred goubran, verlagschef der ‘edition selene’, die gelegenheit, unter dem titel “front ? literatur für eine besetzte stadt” sein verlagsprogramm mit steirischer landesförderung zu bewerben. dies demontiert den ort, dem sich die bedeutung von graz als künftiger ‘kulturhauptstadt’ verdankt. es scheint klar zu sein, dass die kampflose preisgabe des forum-renomées seitens verantwortlicher kulturpolitiker nichts anderes bedeuten kann als das vorliegen fertiger pläne für die zeit danach. die jungs im stadtpark wissen das auch. ihnen ist kollaboration (der geeignete begriff angesichts der goubranschen wortwahl) bequemer als widerstand gegen den eigenen zerfall. dabei wird eine melange aus pop-strategien der 70er mit aktuellen poesien im rückwärtsgang favorisiert von einem, der es den bislang etablierten schon immer irgendwie zeigen wollte: das ‘front’-vokabular entstammt der üblichen emporkömmlingsrhetorik, hinter der sich träume von totalen siegen verstecken. die ‘besetzte stadt’ wird es zum anlass nehmen, sich hinter weit tradierteren vorstellungen neu zu formieren. der zug fährt rückwärts, wenn der herausgeber der ‘lichtungen’ berufen wird, das literarische programm der ‘kulturhauptstadt’ zu gestalten…

und wo stehen die nachfahren der experimentellen tradition in österreich? sie schreiben weiter unter preisgabe der eigenen position. hinter den kulissen steht ein böses F: solange haider nicht den spielverlauf bestimmt, scheint auf der bühne zu bleiben schon genug. das sich-festklammern am status quo entspricht einem verzicht auf notwendige selbstbestimmung, denn das abwarten des eintretens einer existenziellen bedrohung (durch löschung bisheriger kulturbudgets in womöglich völkischem interesse) stellt keine handlungsalternativen bereit. das ‘noch’ weiter schreiben überhöht sich in der zwischenzeit zur widerstandsgeste, die mit der ständigen angst, aus den schon charakterisierten reproduktionsverhältnissen für nicht vermarktbare literatur zu fallen, verschmilzt zu einer hilflosigkeit, die an lähmung grenzt – einer lähmung allerdings, die sich nicht im zusammenbruch der eigenen literarischen produktion zeigt, sondern im fortschreitenden verlust der diskursfähigkeit. darauf justiert, im ‘noch’ gegebenen das mögliche für sich zu nutzen, werden von den nachfahren der experimentellen tradition in österreich auch experimentelle verfahren als bedrohlich isoliert, die nicht auf der spur der eigenen tradition verbleiben. “experimentelle tradition” wird so zu melancholischer verkapselung als ästhetischer methode ? unter preisgabe eben des begründungszusammenhanges, dem sich die eigene ‘noch’-position ursprünglich verdankt.

‘weiter schreiben’ wird so zum label einer literatur, deren hersteller die frage der fortsetzung der produktion über die frage der relevanz der produktion stellen – und sich gegen die frage der relevanz abschirmen mit demselben ideologieverdacht, dessen sich kulturkonservative kreise bis hin zu den sonst gefürchteten völkischen elementen bedienen. die österreichtypische verquickung von autoren- und verlegerposition befördert dieses ‘weiter schreiben’ zusätzlich, indem sie einer cliquenwirtschaft sich wechselseitig publizierender autoren vorschub leistet. so positiv eine stabile, staatsgeförderte kleinverlags-szene für eine vielzahl von ästhetischen ansätzen sein könnte, so negativ wirkt sie, wenn sie zum selbstbedienungsladen für einen begrenzten autorenpool verkommt, der im lauf der zeit bei allen zur verfügung stehenden verlagen seine publikationen plaziert, bis tendenziell jeder im pool vertretene autor bei jedem der verlage vertreten ist…

solche all-in-all-situationen sorgen dafür, ästhetische oder kulturpolitische differenzen erst gar nicht entstehen zu lassen, sondern stattdessen einer strategie der schliessung zu folgen, deren psychosoziale komponente um den angesprochenen ideologieverdacht ergänzt wird. dass dieser sich diffus gegen literarische konstruktionsmuster richtet, die in österreich nie irgendeine bedeutung erlangen konnten, aber schon in der mini-manuskripte-debatte am ende der sechziger jahre (m 25-27) gegenstand der abgrenzung waren, ist kein zufall: ideologiebereinigtes ‘weiter schreiben’ ermöglicht unauffällige erfüllung der förderbedingungen, täuscht die fraglosigkeit der eigenen produktion vor, erspart die analyse der produktionsbedingungen und -verfahren…

es ist ein diskursives vakuum entstanden, das den diskursverzicht als allgemeine handlungsmaxime implantiert. so gab es nach der ablösung gronds eine reihe hilfloser ‘solidaritätslesungen’ zur aufrechterhaltung eines literaturprogramms im forum stadtpark, anstatt die krise für eine kritische bestandsaufnahme der literarischen institutionen und des umgangs der autoren mit ihnen zu nutzen. an die stelle möglicher selbstverantwortung schiebt sich passive hoffnung, es werde schon irgendwie weitergehen und man selbst bleibe teil davon. so fehlt nach der usurpation goubrans erneut jeder impuls, sich der auflösung der wichtigsten autorenverwalteten institution österreichs entgegenzustellen.

die frage nach den ‘nachfahren der experimentellen tradition in österreich’ wirft noch eine weitere auf: wieviele der nachfahren fühlen sich noch einer experimentellen tradition verpflichtet? der begriff ‘experiment’ ist unter das verdikt der ideologie-bereiniger geraten, die ihren aufschwung parallel zum kollaps staatssozialistischer systeme erfahren haben und noch weiter erfahren. dass hierbei ‘experimentelle literatur’ gern mit ‘totalitärer struktur’ identifiziert wird, gehört zu den treppenwitzen des sogenannten ‘postideologischen zeitalters’ nach dem ende der sogenannten ‘postmoderne’, die häufig genug als philosophische hülse des sich vollziehenden ‘wertewandels’ zu dienen hatte (zu erinnern wäre an die weise der verbreitung ‘postmoderner philosophien’ als ergebnis direkter förderung durch konservative regierungen z.b. in frankreich und deutschland: eine beschreibung dieser steuermechanismen zur herstellung ‘postideologischer’ zustände steht noch aus…). dass literaturwissenschaftler sich mit arbeiten zum zusammenhang von experimenteller literatur und staatlicher unterdrückung hervortun, erinnert an zeiten, da böll, grass und walser in westdeutschland die verantwortung für die aktionen der RAF zugeschoben worden ist – von damals allerdings kaum ernstgenommenen rechten wissenschaftlern und politikern. im ‘postideologischen zeitalter’ verbietet sich eine kritik solcher unterstellungen schon deshalb, weil sie ‘ideologisch’ argumentieren müsste im sinn einer kritik des neokonservativen umbaus von linksintellektuellen szenen, deren verständnis für vermeintlich dekadente auswüchse des bürgerlichen systems nie das grösste war. auf diese argumentative umgebung bezogen muss die aufkündigung von konzepten wie ‘experiment’ und ‘avantgarde’ gelesen werden. dass viele der jüngeren autoren mit kaum mehr ‘ideologie’ konfrontiert worden sein dürften, als sie zeitweilige wohngemeinschaften in den achtzigern bereitzustellen wussten, gibt den aversionen dieser generation etwas fast belustigendes.

die aufkündigung von konzepten wie experiment und avantgarde bedeutet jedoch die aufgabe künstlerischer autonomie. das hohelied der ‘guten literatur’ wird gesungen mit dem refrain ‘nur wer nur schreibt gut’, doch interesseloses wohlgefallen ist allenfalls als rezeptionsmuster re-etablierbar, es war nie ein herstellungsverfahren. für ein gespräch, das nach strukturen, paradigmen und deren historischer entwicklung fragt, ist die verwendung von begriffspaaren wie ‘kanon versus experiment’ unerlässlich. wenn autoren aufhören, sich einem gespräch über die eigenen erkenntnisinteressen zu stellen, um stattdessen ein phänomenales palaver zu betreiben, dessen thematische vielfalt an die der nachmittags-tv-talks heranreicht, aber jeden vorstoss zum betriebskern unterbindet, dabei via symposium, kolloquium und wochenendbeilage verwertbaren nutzen erbringt im sinn ‘noch’ oder gar ‘nunmehr’ vitalen kulturschaffens, unterwerfen sie sich interessen, die ? abgesehen von materieller teilhabe ? nicht die ihren sind. sich auf gefällige belieferung eines agenturgestützten literaturbetriebes reduzieren zu lassen entspricht der aufgabe von autonomie, daran ändert ‘weiter schreiben’ sowenig wie hektische teilnahme an sovielen events wie möglich.

es gilt, den begriff avantgarde von der engführung auf die ‘historische avantgarde’ zu befreien. der terminus ‘historische avantgarde’ ist teil eines argumentativen bestrebens nach reorganisation kultureller entwicklung in epochen, die es erlaubt, bestimmte ästhetische fragestellungen bestimmten zeitabschnitten zuzuordnen. ‘historische avantgarde’ als zeitgenosse sich entfaltender antibürgerlicher und totalitärer ‘weltanschauungen’ kann so leicht an diese rückgekoppelt und mit ihnen für obsolet erklärt werden. die erwähnten literaturwissenschaftlichen untersuchungen verdächtigen jeden experimentellen ansatz, weil die veränderung vorliegender ausdruckssysteme den willen zur ‘weltanschaulichen’ veränderung der rezipienten in sich berge, was die forderung nach umerziehung dieser rezipienten nach sich ziehen müsse (ein vorwurf, der, auf die allfälligen veränderungen naturwissenschaftlicher verständnisse angewendet, für absurd gehalten würde). die in der mehrzahl der feuilletons lesbare abwertung noch auffindbarer ‘kopflastiger’ kunst/literatur/etc. wird mit dem nämlichen verdacht gegen ‘zuviel gewolltes, zuwenig erfühltes’ in stereotypen formulierungen intensiviert, als gälte es, sich von einer art übermächtiger kubistischer diktatur zu befreien. auf der gegenseite findet sich das lob der lebendigen empfindung und organischer authentizität, die als ‘anthropologischen grundkonstanten’ unterliegend definiert wird. während das gewünschte (die kanonisierten ausdrucksformen mit konstanter emotionaler motivation) ins überhistorische gehoben wird, lässt man das unerwünschte (die experimentellen konzepte und mit ihnen das experiment als intellektuelles konzept) ins überwundene fallen. solche operationen sind dem philosophischen gehalt nach ideologisch.

“die avantgarde sichert durch aufklärung: ihre systembeobachtung dient der selbsterhaltung des systems. wie aber sichert sich die avantgarde vor dem system? durch verschärfte beobachtung und grössere beweglichkeit,” schreibt dagegen hannes böhringer. die rückbesinnung auf den militärischen terminus ergibt einen sinnvolleren umgang mit den begriffen: ‘vorhut’ stellt ein handlungskonzept dar, das eine bedingung des funktionsfähigen gesamtsystemes ist. dabei unterliegt die vorhut notwendig anderen verhaltensgrundsätzen als die nachrückende hauptmacht, die sich hier mit ‘kanon’ übersetzen lässt (kanon definiert sich sowohl in der definition massgeblicher ästhetischer verfahren als auch in der konstitution einer begrenzten menge massgeblicher werke sowie vorbildhafter lebensentwürfe für die hersteller massgeblicher werke).

die von der vorhut geleistete erkundung setzt, indem sie jeweilige gegebenheiten der erkundeten umgebung als geforderte verhaltensanpassung an die hauptmacht zurückmeldet, eine permanente infragestellung des je konstitutiven settings der hauptmacht voraus. koppelt sich die hauptmacht von den erfahrungen der vorhut ab, bleiben ihr zwei alternativen: das errichten befestigter stellungen und der damit einhergehende verzicht auf weitere bewegung/entwicklung oder das vorrücken nach gutdünken bzw. auf der grundlage bisher gemachter erfahrungen. beide verhaltensweisen lassen sich für das system literatur identifizieren. einerseits der rückzug in die stellungen: literatur verändert damit, wenn auch für den rezipienten vorerst unmerklich, ihre systembedingung, indem sie vom konzept ‘bewegung’ zum konzept ‘festung’ wechselt. dies impliziert den wechsel von erfahrung zu behauptung bzw. ergibt den ‘grossautor’, der zur abendstunde zufrieden zwischen marmorrepräsentationen seiner literarischen figuren wandelt. andererseits das vorrücken auf neues gelände in althergebrachter art: die literarischen ‘bewältigungen’ fluktuierender persönlichkeitskonzepte und sich verändernder medialer bedingungen mit der folge gesamtsystemischen wandels stapfen dann als ‘terrordrom’ über die bühnen, dass es nur so schillert…

für verzichtbar wird das avantgarde-konzept jedoch nicht allein von den hohepriestern des kanons gehalten, sondern ? wie schon erwähnt ? auch von den verstreuten nachfahren jeweiliger experimenteller tradition. diese, überflüssig geworden für die festungskommandanten, versuchen sich einigermassen vergeblich als nebenkanon zu behaupten. dass ihre verhaltensgrundsätze und produktionskonzepte zu denen des kanons sich als inkompatibel erweisen, lässt sich für eine periode der am-leben-erhaltung ‘noch’ ignorieren, jenseits staatlicher förderung zerfallen die schmalen aussenforts schnell; was im übrigen die ambitioniertesten unter den nachfahren der experimentellen tradition dazu motiviert, rechtzeitig ins lager des hauptkanons zu wechseln. der einstieg wird dabei stets über die rückschau auf historische konzepte gewählt, sei es als nachgeburt nestroys oder als raketenstations-dante.

die funktion der beobachtung wird von böhringer als ‘systembeobachtung’ beschrieben, die neben der erkundung der systemumgebung auch die observation des systems selbst beinhaltet. dies weist der avantgarde eine weitere aufgabe zu, die das herkömmliche ‘vorhut’-konzept überschreitet. die kritik des kanons aus den erfahrungen, die sich an den systemischen rändern ergeben, wird durch die kritik der wechselseitigen beziehung von vorhut und hauptmacht als bedingung für den erhalt des gesamtsystems ergänzt. gerade in zeiten umwälzender veränderungen in der systemumgebung wird diese aufgabe der avantgarde wichtig, um lebenserhaltende impulse an das system weitergeben zu können.

als taktische massnahme empfiehlt böhringer neben schärferer beobachtung eine höhere beweglichkeit. fordert das eine die entwicklung des beobachtungsinstrumentariums, um bessere fokussierung, höhere bildschärfe sowie sich erweiternde mustererkennungsverfahren zur verfügung zu stellen, stellt das zweite eine empfehlung zu einer wahrnehmung durch positionswechsel dar: wer den standort variiert, verfügt über mehr perspektiven, und wer die bewegung zwischen den aufenthalten seiner praxis als instrument hinzuzufügen vermag, erhöht nicht nur die erkenntniswahrscheinlichkeit, sondern ermöglicht der wahrnehmung einen dimensionalen sprung. ein solches konzept von avantgarde installiert einen mehrdimensionalen wirkungsraum für literarische systeme, freilich um den preis erhöhter systemkomplexität.

standardisierbare abweichungen wie z.b. serielle anordnungen, die in das kanonisierte sprachsystem eine überschaubare menge von variablen einführen oder umgekehrt dem system eine überschaubare menge von elementen entziehen, mögen helfen, die mechanik schon etablierter sprechweisen zu exemplifizieren, also einen blick ins vorliegende system zu erlauben. wäre die aufgabe der avantgarde darauf beschränkt, die zur verfügung stehenden mittel ins bewusstsein zu rufen und neu zu justieren, könnte eine solche ‘experimentalsituation’ (die tatsächlich versuchsanordnungen rekonstruiert, die dem funktionieren des schon etablierten kanons zugrunde liegen, nicht jedoch auf der grundlage neuer paradigmen experimentiert, die in bislang unerschliessbare bereiche vorzustossen erlaubt) als ausreichend empfunden werden. die überhaupt noch anerkennung findenden ‘experimente’ sind von dieser art, die konfrontation mit systemumgebungen ergibt jedoch einen anderen handlungsbedarf.

dass experimente und avantgarde-verständnisse, die sich der ungleich diffizileren aufgabe des ‘doublebind’ von fremderkundung und selbstbeobachtung stellen, von den vertretern des ‘traditionellen experimentes’ mit grösster feindseligkeit beiseitegeschoben werden, erklärt sich aus dieser differenz von einblick und ausblick.

während der bedarf an exemplarischen experimenten begrenzt ist, bedeutet das überschreiten des schulmässigen experimentellen rahmens ein ausloten neuer verfahren, was auch das scheitern neuer versuchsanordnungen impliziert: ‘fehlversuche’ stellen in einem erkundungsprozess sogar notwendige impulse zur herausbildung neuer erkenntnismodelle dar. avantgarde erweitert den horizont, indem sie sich in der begegnung mit unbekanntem als verwundbar erweist. die tendenz vieler experimenteller verfahren, sich im zuge ihrer etablierung zu verhärten (meist mittels beibehaltung einmal gewählter verfahren, häufig sogar deren fortschreitender standardisierung), entspricht einem rapiden abnehmen der wahrnehmungsfähigkeit über den einmal gefundenen punkt hinaus (was von den davon betroffenen in der regel nicht wahrgenommen wird, da sich ihnen, in einer sehnsucht nach ordnung der welt unter nunmehr eigenen paradigmen, im ergebnis der abschottung räume zu öffnen scheinen, die allerdings hinter ihnen liegen, also bereits durchquert worden sind).

die an den rändern notwendige höhere geschwindigkeit bringt ausserdem mit sich, dass klare identifizierungen erschwert werden. das springen zwischen standorten und beschleunigungen hat eine form ‘avantgardistischer identität’ zur folge, die sich nicht unter etablierten wiedererkennungsmustern subsumieren lässt, sondern fluktuiert. verortbar zu sein stellt für avantgarden eine systemische bedrohung dar, was die unattraktivität von avantgarden für vermarktbares kulturschaffen wesentlich zur folge hat.

identifikation gehört zu den grundvoraussetzungen des überlebens im vorliegenden literarischen raum ? dank der subjektstiftenden aufgabe, die der schriftkultur in bürgerlichen systemen zugewiesen wird. das vom literarischen kanon legitimierte experiment ist daher stets das bereits identifizierbare, dessen zulassung erfolgt, wenn es keinen erkenntnisgewinn mehr zu erbringen imstande ist. verortbarkeit ist daher funktionsvoraussetzung für kanonisierte experimentpositionen, die nur so (unter förderbedingungen) adressierbar bzw. (als event) identifizierbar gemacht werden können.

ein grundmechanismus, mit dem sich der kanon gegen angriffe auf seine position/legitimation zu wappnen versucht, wenn er über kreativere operationskonzepte nicht mehr verfügt, besteht in der massierung seiner kräfte. die macht der zahl, der aufmarsch möglichst vieler etablierter namensträger, war stets übliches abschreckungsmanöver, wenn es galt, in stellung zu bleiben. welches mass an bedrohung zur stunde besteht, mag an der tatsache abgelesen werden, dass im jahr 99 das wochenmagazin ‘die zeit’ zweiundfünfzig namensträger des literarischen betriebes für die verfassung eines fortsetzungsromans verpflichten konnte: eine art letztes aufgebot gegen den wahrnehmungsverlust, dem das literarische system nach preisgabe seiner avantgarden ausgesetzt ist. dass solche textreihen, wo der zweite die figurenkonstellationen des ersten weiter zu erzählen hat, den klippschulmethoden der creative-writing-kurse entsprungen sind, zeigt den taktischen rückfall der literatur auf landsknechtniveau. wer nichts mehr erkennen kann, muss eben alte waffen putzen. man könnte aber auch sagen, dass es einen an ein paar spannendere kindergeburtstage erinnert.

[anm.: dieser text wurde im grazer feuilletonmagazin schreibkraft veröffentlicht, darunter eine notiz der herausgeber, in der sie sich vom inhalt distanzierten; letzten herbst bei einem auftritt perspektives im forum stadtpark distanzierte sich einer der herausgeber von seiner damaligen distanzierung und ergriff partei für p’s avantgarde-update-diskussion.]