Helmut Schranz

tempi passati, nebel aktuell

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was möchten Sie wissen? nein, ich komme nicht aus graz, ich bin nach graz gekommen.

seither komme ich von graz immer mal wieder weg. und auch zurück komme ich dann, statt hin und weg also weg und hin, weg, hin.

interessiert Sie das?

ich sehe, wir verstehen uns.

was können Sie auch dafür, dass ich schreibe. seit meiner volksschulzeit kann ich das, schreiben, und das obwohl ich auch noch meine mittelschulzeit ausserhalb von graz verbracht habe. am lande.

am land ist es schön. ich fahr gern hin. und gern weg.

so schön ist es in der stadt. aber gar so schön nun auch wieder nicht.

im nebel sind beide gleich.

wie Sie bestimmt wissen, hat es in graz ja sehr oft nebel. wie auch am land, und das weiss ich, weil ich ja vom land hergekommen bin, (vielleicht auch Sie?), da ist der nebel häufig und dicht. der nebel kommt über nacht und tagelang geht er nicht weg. das haben die nebel über dem land und über graz gemeinsam. beide nebel sind zäh.

ich finde die nebel von graz umgebung und die nichtländlichen grazer nebel ungefähr gleichwertig grau, grauslig, benebelnd eben.

die nebel von st. josef kenne ich nicht.

Sie wissen ja, ein vorgänger oder fussgänger hat die nebel vor graz beschrieben. st. josef liegt offenbar in einem solchen nebelloch vor graz, das ebenso benebelt ist wie graz selber.

 

wie interessant! wie interessant!

graz und umgebung sind nebliges land!

 

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unlängst, auf einem vom kulturzentrum bei den minoriten veranstalteten lesefest (eine parallelaktion zur eröffnung von “Wetten dass … 3×0 … Graz fliegt!”) habe ich jenen st. josefer fuss- und parteigänger seine nebelphilosophie verbreiten gehört. “Jede andere Kulturhauptstadt hätte sich damit gerühmt, wodurch sie es geworden ist”, und er meinte damit die heute noch lebenden herren aus den grazer 60er-jahren, welche das glück hatten, aus dem – internationalen entwicklungen weit hinterher hinkenden graz den kulturellen fascho- und ständestaat-mief wegfegen zu können, bevor ’s ein paar andere um ein paar jährchen später getan hätten. die zeit war ohnedies für veränderung reif, auch in graz und am land um graz.

40 jahre später bedauert jener st. josefer fussgänger “Im Nebel vor Graz” nun angeblich vertane feierliche festschreibung einstmaliger lokaler modernität: “Graz hätte die Chance gehabt, der ganzen Welt zu zeigen, was Graz-Kultur ist” und er meint damit, die taten jener herren aus den 60ern, die sie noch bis in die 70er hinein einigermassen kraftvoll, die grazer szene integrierend, zugleich mit übers lokale hinausgehender wirkkraft gesetzt hatten, wären geeignet, im grazer kulturhauptstadtjahr den anschein einer lebendigen kunstszene zu simulieren.

meine einschätzung ist eine andere: seit den 80ern ist, unter der führung eben jener herren, die sogenannte “Graz-Kultur” sanft entschlafen, unterbrochen nur von einem heftigen scharmützel rund um die präsidentschaft im forum stadtpark gegen ende der 90er. an diesem final showdown zeigte sich: man hatte die eignen kulturellen machtpositionen befestigt und gegen nachkommende, jüngere künstler+innen erfolgreich verteidigt.

seither ist der stillstand der grazer kulturszene für jedermann+frau offen sichtbar. die von jenem st. josefer beschworene “Graz-Kultur” wird zu einem freilichtmuseum zwar anzuerkennender, aber längst vergangener leistungen ausgebaut und per kulturhauptstadtjahr befestigt.

 

fast mit zärtlichem sentiment möcht ich jenem nebelbewohner und fürsprecher der vergangenheit zurufen: hätt er bloss nur über kumpitz geschrieben, er wäre ein philosoph geblieben.

 

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aber zurück zum obengenannten lesefest. sind Sie noch interessiert? ich beeile mich!

etwa 200 publikums lauschten den im viertelstundentakt wechselnden 18 grazer autor+innen (und ich war einer von ihnen). dieses setting im barockprunksaal wollte, laut programm-vorspann, die frage ausloten “Kann Graz für sich den Titel Literaturhauptstadt beanspruchen?” und ich wollte mich eines kurzstatements (1minute30) nicht entschlagen –

und ich mein[t]e: nein.

graz hat alte leute, die alte texte schreiben, und graz hat junge leute, die auch – alte texte schreiben.

ein literarischer aufbruch – “transgarde”, wie sie ende der 60er hier passierte – ist nicht in sicht. dafür gibt es bald ein literaturhaus zur be-sichtigung des musealisierten aufbruchs und für den transport inter+nationaler quoten+neben\betriebs-literatur zum zwischenstop graz, literarische provinz, – entgrenzte aufgenadelte provinzialitätensammlung, wo dichterinnen+dichter aller länder – hiesige und dasige – einander gut’ nacht lesen.

die honorarhöhen sind verschieden. ich nehme 200,— euro, du nimmst den betrag plus X oder mal 0003, er sie es nimmt den steirischen staatspreis für literatur…

die jungen sind zaungäste und schreiben sich alt, bis der betriebszaun sie endlich umschliessen wird, gute grazer weltklasse, – willkommen am lesefest. (77sekunden) ich freu mich, dass sie mir zuhören werden, und ich lese ihnen, ganz ohne betriebsauslotungs-ambition, eine “männerverbrennung” und ein “sinnstiftengehen”, gesamtdauer: 15 minuten und ein paar zerquetschte.

 

nun, das war mein statement an jenem lesefest. die dort angekündigten texte können, im rahmen meines graz-tagebuchs, nicht abgedruckt werden, der raum ist begrenzt. jenes oder dieses honorar wird die roten nebel meines kontostandes lichten helfen und ist zugleich nur scheinbar privat. im literaturbetrieb ist alles so privat, dass nichts übrigbleibt. aber falls es Sie interessiert: ja, ich werde mein geld u. a. auch zum wegfahren aus graz verwenden, Sie erinnern sich: weg und hin.

[dieser text sollte im rahmen der reihe “tagebuch” bei der steirischen kronenzeitung erscheinen]

Gerald Ganglbauer

Ich bin ein Grazer

Der Autor Peter Glaser sagt von sich, er sei “geboren [worden] als Bleistift in Graz (Österreich), wo die hochwertigen Schriftsteller für den Export hergestellt werden” – und lebt “als Schreibmaschine” in Berlin. Bezeichnend. Andere Grazer (Steirer) leben auch in Deutschland oder sonstwo in der Welt, oder am Land, oder zumindest in Graz und Wien. Und wer einmal ganz in der Bundeshauptstadt lebt, will von Graz gar nichts mehr wissen.

Graz ist eine kleine Stadt in Europa. Das muss man vorweg sagen, denn das weiß fast niemand. Graz liegt nämlich nicht am Weg von Strauß zu Mozart. Aber Graz hat sich schon immer bemüht, das zu ändern. Graz ist auch die Landeshauptstadt der Steiermark. Styria heißt das auf Englisch, das ist ein Bundesland im Südosten, aber nicht das wo sie The Sound of Music gefilmt haben. Ah, … kommt nicht der Schwarzenegger von dort?

Ich bin ein gebürtiger Grazer, dennoch antworte ich normalerweise jedem der mich nach der Herkunft fragt, dass ich vor meinem Aufbruch aus Europa (einige Jahre lang) in Wien gelebt habe. Was zwar auch stimmt, aber es ist viel leichter zu erklären als “ich bin ein Grazer”. Jeder weiß dann sofort, dass ich aus Österreich komme – sofern man Wien = Vienna nicht gerade mit Venedig = Venice verwechselt, oder gar Austria mit Australia, im weiten Amerika.

Na ja, ein jeder hat andere Gründe, Graz zu verlassen. Auch wenn einer meiner Verlagssitze virtuell immer noch in Graz ist, bin ich in den letzten fünfzehn, fast schon zwanzig Jahren nicht gerade oft nach Hause zurückgekommen, außer um meine Mutter zu besuchen und eine Handvoll Freunde zu sehen. Vielleicht werde ich, wenn ich alt bin, wieder in Graz leben. Graz eignet sich ja gut als Lebensort für Pensionisten, heißt es. Obwohl ich mir eigentlich eine kleine Insel vorgestellt hätte. Aber das ist eine andere Geschichte.

Dabei war ich in dieser Stadt einmal recht präsent, habe 1982 bis 1986 die Grazer Straßenliteraturtage (ein Festival junger Literatur) initiiert und organisiert, zahlreiche Lesungen im Kulturhauskeller und in der Thalia veranstaltet, ein Buchdenkmal am Hauptplatz errichtet und in riesengroßen Lettern darin Gedichte in den öffentlichen Raum gestellt, und war damals, nicht zuletzt, auch mit der Autorin Petra Ganglbauer verheiratet.

Warum flohen aber immer wieder KünstlerInnen diese Stadt, die 2003 erst ihr eigenes Literaturhaus eröffnet hat? Gerhard Melzer sagt über sein literatur h aus graz: “Ein neuer Ort für die Literatur. In einer Stadt, wo sie ohnehin ihren Platz hat. (Auch wenn sie ihn immer wieder neu erkämpfen muss).” Aber Helmut Schranz (mein Nachfolger in der perspektive Redaktion und ein Autor, den ich schätze) kommt zur Ansicht, “graz hat alte leute, die alte texte schreiben, und graz hat junge leute, die auch – alte texte schreiben”, und ärgert sich über Reinhard P. Gruber.

Graz hat eine hübsche Altstadt. Aufzuwachsen und zu studieren hat in dieser kleinen Stadt auch großen Spaß gemacht. Mit dem Moped an die Murauen fahren und Kukuruz (Mais) stehlen und braten. Oder an die damals noch ungenützten Schotterteiche (Baggerseen) zum Nacktbaden. In den Kaffeehäusern nach den Vorlesungen an der TU oder Uni stundenlang abhängen. Nachts bis zum Morgengrauen auf die Platte (einen der Hausberge) wandern, und über Kernkraftwerke diskutieren. Und immer guten Sex haben.

Daran erinnere ich mich gerne (und damit meine ich selbstverständlich nicht nur die erotischen Abenteuer) – dennoch sind die Herausforderungen einer Kleinstadt, wenn auch mit steirischem herbst und Forum Stadtpark, oder Zeitschriften wie manuskripte, LICHTUNGEN, perspektive und Sterz um Kultur bemüht, naturgemäß begrenzt. Und naturgemäß spießig. Und man verlässt die Stadt. Nicht einmal die GAV Grazer Autorinnen Autoren Versammlung hat ihren Sitz noch in Graz.

Erinnern wir uns – gangan [althochdeutsch]: bewegen, entwickeln, verändern. Moving on.

Die Grazer Literatur war völlig aus meinem Sinn – dass die Stadt Kulturhauptstadt Europas 2003 ist, interessiert eigentlich nur die Fremdenverkehrsbüros, und aus Graz kamen in den letzten Jahren kaum nennenswerte unverlangte Beiträge an unsere Zeitschrift – plötzlich flattert im März dieses Jahres ein erfreulicher Text vom Helmut Schranz herein. Aufmüpfig. Frisch. Da identifiziert man sich damit, das denkt man sich auch. Und ich sage einer Veröffentlichung zu, woraus gar diese Sondernummer wächst. Ich fliege sowieso im Juni zum 93. Geburtstag meiner Mutter nach Graz.

Ich mache mich also auf die Suche nach Grazer AutorInnen, sende allen per E-mail Einladungen Beiträge betreffend. Unterhalte mich mit SpezialistInnen – guten BuchhändlerInnen, SprachwissenschafterInnen (bemerke gerade, wie nervig diese neue ‘politisch korrekte’ Version der -Innen im deutschen Sprachgebrauch ist, ganz im Gegensatz zu hier, wo alle weiblichen Endungen verschwinden, die Begriffe selbst geschlechtsneutral werden) – und finde – nicht viel. Österreichische AutorInnen in Übersetzung kenne man zwar schon einige; aber aus Graz? Sorry.

Auch die Reaktion einzelner eingeladener AutorInnen war eine ganz andere als zum Beispiel die Begeisterung im Hinblick auf unsere Newcastle-Sondernummer vor einem halben Jahr. Eine typische Frage: “Wird die Zeitung in echt erscheinen oder nur im Netz?” – “Gangway erscheint in echt am Netz.” – “in echt am Netz ist aber nicht logisch …” Hmmm. Also auch in der Akzeptanz des nicht mehr so ‘neuen’ Mediums ziehen noch die Nebelschwaden durch die steirische Landschaft. Gangway erscheint bereits im achten Jahrgang, quasi seit dem Jahre Null am WWW, und Urheberrechte der AutorInnen sind trotz hartnäckiger Gerüchte ebenso geschützt wie in anderen Medien.

Wenn unter Grazern vom Internet die Rede ist, wird oft geklagt, dies sei ja bloß eine “Teilöffentlichkeit”, die “richtige” Öffentlichkeit wäre erst auf Papier zu erreichen. Falsch, meine Damen und Herren. Es hat zwar nicht jeder einen Computer, aber andererseits kann auch nicht jeder lesen – oder kauft sich die Kronen Zeitung. Und obwohl Webmeister ihre Zugriffsstatistiken gerne ins günstigste Licht stellen, lesen in Wahrheit am Bildschirm auch nicht mehr Leute Literaturzeitschriften als auf Papier, bloß der Vertrieb ist ein ganz anderer. In print oder online – eine Zeitschrift bleibt eine Zeitschrift.

Und als solche kann die zweisprachige Gangway bereits auf stolze Erfolge verweisen. Ian Kennedy Williams ist von Penguin Books durch unsere Erstveröffentlichung eines Romankapitels entdeckt worden, Ingeborg Bachmann wird nach einer bei uns veröffentlichten Übersetzung Angelika Fremds von Mark-Anthony Turnage in London vertont, und Ruark Lewis wird im kommenden Sommer in der liteaturWERKstatt berlin aufgeführt, um nur drei Beispiele zu nennen. Es ist für unsere AutorInnen keinesfalls von Nachteil, “nur im Netz” veröffentlicht zu sein.

Soweit zur Relativierung des in meiner Jugend noch für die große weite Welt gehaltenen Grazer Literaturbetriebes. Aber wie auch immer, hier ist nun nachzulesen, was in kurzer Zeit an Literatur um, aus und über diese kleine Stadt namens Graz zu sammeln war, in deren “Kulturjahr”. Es wird noch viel Wasser unter der Murbrücke (und um die neue Murinsel) fließen, bis sich so eine Gelegenheit der internationalen Vernetzung mit der Neuen Welt für die wohl heimlichste aller Literaturhauptstädte wieder ergibt. Dass ich diese Sondernummer trotz des entgegen gebrachten Widerstandes mancher Kreise durchgezogen habe, beweist jedenfalls eines: ich bin doch ein Grazer.

Gernot Lauffer

Politik und (Subventions-)Kultur

In Stainz 6.1.03

Österreich ist ein besetztes Land.
oder
Geben wir uns Gedankenfreiheit, Sire!

In Stainz ruft der Hirschmann die Kreativen zusammen. Die SPÖ hat die “Kultur”, der Hirschmann nimmt die Funktion des “Schattenministers” wahr. Da sitzen sie nun alle, die Künstler in ihren bunten Trachten, voller Hoffnung, zu etwas Staatsknete zu kommen. Ein exzentrisches Völkchen, die übliche Mischung aus Besessenheit, Verschrobenheit, Weltfremdheit, hermetischer Isoliertheit und – Opportunismus.

Ich komme zu spät. Am Wort ist gerade Andreas Braun, Kulturmanager von Swarovski in Wattens, vorher der sehr erfolgreiche Chef der Tirol-Werbung. Ein Tiroler, wie er im Buche steht, kernig, selbstbewußt, lakonisch, direkt.

Er erzählt die üblichen Geschichterln für Unbedarfte: Wie erfolgreich er sei, wie er das alles gedeixelt habe mit den Kristallwelten, was jetzt geschieht und wie es weitergehen soll. Nichts Wesentliches, aber doch Nachrichten aus einer fernen, fremden Welt der Bodenhaftung und der Selbständigkeit.

Und dann das Lamento der heimischen Künstel, dass sie zu wenig Geld kriegten, dass sie ein Recht auf mehr hätten, dass der Staat seinen Pflichten nicht nachkäme, dass die allgemeine Atmosphäre kulturfeindlich wäre und dass Kunst und Künstler wichtig, ja lebensnotwendig für das Gemeinwesen wären. In diesem Stil geht es weiter: Ein einziger Berichte vor der Beschwerdekommission, das übliche Bla Bla aus Vorwurf, Forderung, Selbsterhöhung und Selbstmitleid. Die Einzelnen referieren über ihre Arbeit, ihre Kunst und die geringen Subventionen. Keine Reflexion allgemeiner Natur über das Wesen, den Stand, die Umstände oder die Zukunft der Kunst. Ein hoch subventionierter Konzertveranstalter wird vom Tiroler Braun gefragt, wieviel seines Budgets er herein spiele. Das interessiere ihn überhaupt nicht, das wäre völlig irrelevant, das habe überhaupt nichts mit dem zu tun, was er anstrebe, gibt sich dieser gekränkt.

Ein paar Jahre vorher, vor der letzten Wahl, fast die selbe Besetzung, am Podium allerdings der rote Kulturminister Scholten sekundiert vom späteren Kulturreferenten Schachner. Der Himmel hing voller Geigen und Versprechungen. Einige Ausfälle von links kaschierten, dass man ein Herz und eine Seele war. Die Eiseskälte der nachfolgenden Realität zerstörte allerdings diese Blütenträume, jetzt erwarteten wir uns wieder vom schwarzen Gegenüber das Heil. Opportunistisch tanzen wir auf jeder Hochzeit und reden dem augenblicklichen oder künftigen Mächtigen nach dem Mund.

Mir ging das unfrohe vorwurfsvolle Geseire schon lange auf den Keks, außerdem mußte auch ich mich wichtig machen, positionieren, wie das neuerdings heißt. Wozu saß ich schließlich da herum, doch nicht, um etwas zu erfahren. Ich käme wir vor wie in der untergehenden Sowjet Union, als alles nur mehr eine Frage der schwindenden Staatsmittel gewesen wäre. Allgemeine Empörung. Dann meldet sich noch der Kulturchef des lokalen Kleinformats zu Wort, warf sich ob seiner übergroßen Verdienste um die Kulturzene in die Brust und wies auf den Anzeigenwert (!) seiner Kulturberichterstattung hin. Ein kleines Schreiduell folgte ob dieser Ungeheuerlichkeit. Die allgemeine Desorintiertheit hatte ihren Höhepunkt erreicht. Die armen Journalisten! Nur weil ihnen jeder hinten hinein kriecht, damit überhaupt berichtet wird, halten sie sich für wichtig und bedeutend und wissen nicht mehr, wo Gott und das journalistische Ethos wohnt. Ich war naturgemäß unzufrieden mit ihren Leistungen und sagte es auch bei jeder Gelegenheit so nach dem Motto, entweder kriechen oder kontern. Wer berichtet schließlich schon gerne über ein Kreativmagazin wie den Sterz, die Texte sind lang – wann soll man die lesen? –, die wie die Grafiken oft von Unbekannten sind. Ob die wohl gut sind, ob die im Trend liegen? Und wenn das Ganze schon weit über zwanzig Jahre erscheint und täglich die Papierlawine über einen hereinbricht, geht leicht die Übersicht verloren. Da muß man sich entscheiden, wen man protegiert. Natürlich den, den man kennt, “gut” kennt, einfach so oder von den hinteren Kontakten. Ja, wie kommt man dann zu einer Besprechung? Persönliche Kontakte, sagt mein Gewährsmann vom Wiener Niveaublatt, sind das wichtigste. Ja, ja, der Balkan … über den letzten Sterz “Tausend Bilder” berichtete die FAZ. Der Autor gab bis vor Kurzem eine Zeitschrift für Fotogeschichte heraus, als Österreicher in Deutschland, wo es dafür keine staatlichen Zuschüsse gibt. In Österreich wäre die Finanzierung vor allem von den persönlichen Beziehungen abhängig und weniger von der Qualität, das hätte er sich doch nicht antun wollen. Für besagte “Tausend Bilder” erhielt der Sterz wegen des großen Aufwands auch vom Ministerium einen Zuschuß. Später redet mich ein Kulturmensch an, mit dem ich sonst nichts zu tun habe, ob ich zufrieden wäre. Wie, was, warum, wobei, womit? Ihm hätte ich die Zuwendung zu verdanken. Ich bedankte mich überschwänglich. Die Qualität des vorgelegten Heftes wäre anderswo Grund genug gewesen. Ja, ja, der Balkan …

Jetzt hat sie sie wieder, die VP die Kultur nämlich bzw. das, was davon über ist, seit der alte Koren in grauer Vorzeit das Zepter niedergelegt hat. Jetzt ist jedenfalls noch weniger Geld da als je, das wird es den kleinen abhängigen Kulturmachern Angst und Bang. Die Großen sind meist öffentliche Institutionen, die berührt das weniger, obwohl eine kleine Einsparung dort bei den kleinen viel ausmachen würde … Aber was sind das für lächerliche Brosamen gegen das, was die gefräßige Maschine in Wien verschlingt. Die haben wir seit des Kaisers Zeiten, als noch ein Imperium zu repräsentieren war, die brauchen wir einfach, um in der Welt wenigstens noch irgendwer zu sein, bilden wir uns zumindest ein. Großmannssucht auf Kosten der Kleinen, der eigenen Kleinen. Da sparen wir alle für ein Großmachtgehabe, das schon in Paris lächerlich genug ist.

Um den Rest wird gerauft, denn das schnellere Geld ist immer noch das vom Staat, zumindest bei uns. Und so buhlen wir um die Gunst der Beamten, der Sekretäre, der Kuratoren, der Politiker, gefangen in unserer gegängelten Welt.

Die Karawane der Moderne ist allerdings schon längst weitergezogen, bis in das ferne Amerika. Andere Um- und Zustände erfordern andere Vorgangsweisen, andere Methoden, ein anderes Bewußtsein. Die Menschen, die Künstler, die Interessierten sind aus der höfischen Bevormundung befreit in einen freien Markt der Meinungen und Methoden entlassen worden. Dort wölbt sich ein anderer Himmel über den Kreativen, “die Gesellschaft” ist dort keinem etwas schuldig, dort muß, da kann jeder selber schauen, wo er bleibt, er ist ohne Vorwurf — an wen auch? — und daher voller Unternehmungsgeist. Dort agiert keiner in höfischer Abgeschiedenheit, dort hat keiner (Berührungs-)Angst vor dem Volk, keiner verachtet es, keiner haßt es. Keine Subvention verstellt die Sicht auf die Realität. Dafür, so sagen unsere Kulturtheoretiker und -politiker läge dort auch alles darnieder, die allgemeine Kulturlosigkeit wäre mit Händen zu greifen.

In dem riesigen Land sind allerdings klassische Kultureinrichtungen wie “Burg und Oper” äußerst spärlich, die müssen selbst sehen, wie sie über die Runden kommen, dafür fressen sie den kleinen Kulturproduzenten nicht alles weg, und die amerikanische Variante der modernsten darstellenden Kunst, des Films, beherrscht die Welt. Die Bedingungen für bildende Kreative scheinen dort für unserer Begriffe ziemlich schlecht, und doch wird immer noch dort bestimmt, wohin die (Kunst-)Reise geht. ein funktionierendes Atelier in NY ist immer noch ein Erfolgsbeweis.

Wir Ösis werden immer noch in Abhängigkeit gehalten, wir selbst halten uns in Abhängigkeit, wir leiden unter den Folgen “klerikaler Despotie” im Sinne der “asiatischen Despotie”, mit der Marx das alte Rußland beschrieb. Um zu überleben, unterwarfen wir uns der Gegenreformation, die kein Mensch wollte, die kein Mensch brauchte. Wir paßten uns an, wir arrangierten uns, wir wurden Teil des Systems der Vernichtung, Entrechtung und Erniedrigung und wir halten die Deformationen aus unserer Knechtschaft für einen wesentlichen Teile unserer, wie wir meinen, liebenswürdigen Identität.

Immer noch werden wir bevormundet von nicht mehr kaiserlichen Beamten, die nach Gutdünken bestimmen. Wer will deren Redlichkeit bezweifeln, wenn sie entscheiden müssen, bedrängt von Antragstellern, Bittstellern, Interventionen, Direktiven und den Wünschen der Politiker. Der freie Markt, das freie Spiel der Kräfte, von dem jetzt immer die Rede ist, kann da allerdings nicht stattfinden. Wie wird eine Arbeit verglichen, beurteilt, evaluiert, nach Gutdünken, nach Bedürfnis, nach Direktiven? Siehe oben.

Dieses System hängt bleischwer in der Luft, und auch das Aufbegehren dagegen gehört dazu wie die Dissidenten zum Zwangsstaat. Sie sind die Feigenblätter einer angeblichen Liberalität. Ob sie Gerhard Roth, Thomas Bernhard oder Elfriede Jelinek heißen, sie sind systemimanente Dissidenten. Sie werden veröffentlicht und aufgeführt, herumgereicht, mit Preisen bedacht. Ohne sie beginnt keine Vorstellung. Sie werden im Tross mit geführt als institutionelle Gegner, so wie die (schwarzen) Haarlem Globetrotter ihre (weißen) Jausen-Gegner immer mitbrachten bei ihren Basketball-Tourneen. Im Kulturghetto geliebt, werden sie von räudigen Hunden bekläfft, von Gaffern beschimpft, von der plebs misera mit Dreck beworfen, der man die volle Verachtung des (Geistes-)Adels entgegenbringt.

Als Hofnarren gehören sie zu den Herrschenden, zur Karawane der Auserwählten, da braucht man sich nicht abgeben mit fiesen Kötern und dem Lumpengesindel. Sind diese “die Gesellschaft”, die uns immer was schuldig ist, oder sind doch wir sie, die edlen Ritter des Geistes hoch über den Niederungen kleinlicher Gefühle, Vorstellungen, Meinungen und Ansichten?

Die Gesellschaft ist uns was schuldig, so wie früher der Souverän dem Volk was schuldig war, oder war es nicht umgekehrt, waren nicht das Volk dem Souverän etwas schuldig, und der hat sich bedient, hat sich das Beste genommen und den Rest verkommen lassen.

Jetzt ist das Volk schon lange der Souverän, aber wir lassen es, frei nach Kreisky, weder über die Todesstrafe abstimmen noch kulturelle Belange entscheiden, das muß schon den jeweiligen Experten überlassen werden. Die “Kaiserin” Maria Theresia hätte sich allerdings schön bedankt, hätten ihr Experten vorgeschrieben, was sie für gut und schön zu halten gehabt hätte, ob sie z. B. den kleinen Mozart auf den Schoß hätte nehmen dürfen. Wer aber erkennt unsere Einmaligkeit und Genialität, wer nimmt uns auf den Schoß, jeden von uns in seiner Einmaligkeit à la kleiner Mozart? Hat nicht jeder das Recht darauf, ohne dem Gutdünken irgendeines Beamten ausgeliefert zu sein. Die Beamten sind nur Beamte, gut oder schlecht, klug oder dumm, korrupt oder korrekt — siehe oben —, wir setzten doch besser Kuratoren ein, Fachleute, die bestimmen dann aus reiner Wissenschaft und Erkenntnis, wer kriegt und wer nicht. Und wieder sind wir auf einer neuen Stufe des individuellen Beliebens angelangt: Subjektivität und Freunderlwirtschaft entscheiden über den Geldfluß, ohne Kontrolle, ohne Maßstab. Wie denn auch? Der Souverän ist, wie weiland Kaiser Ferdinand, unter Kuratel gestellt, entmündigt, und die Mäuse feiern Hochzeit.

Kunst ist wie so vieles zur Angelegenheit von Experten geworden, ein geheimes Fachwissen von Ausgebildeten ist notwendig, um sich auszukennen, wir lassen schließlich bei der Molekularbiologie auch nicht jeden mitreden.

Hermetisch abgeschlossen findet die Kettenreaktion des Kunstvollzugs vor den immer gleichen Leuten statt. Die haben sich angepaßt in ihren Erwartungen, in der Art und Weise des Konsums. Man läßt auf sich wirken, nachgefragt wird nicht, Position wird nicht bezogen. Kritik und Skepsis, Grundvoraussetzungen intellektueller Redlichkeit, werden als Störenfriede, als Konsensbrecher diskreditiert. Denn innerhalb der hermetischen Blase herrscht Harmonie, der gemeinsame Feind ist außerhalb. Mit dem gibt es keine Kommunikation. Man müßte erklären, und das ist unzumutbar, zu Markte tragen, und der ist unabwägbar.

Im geschützten Bereich der Kunstszene wird nicht diskutiert, es wird vollzogen nach den Regeln des Kuckucksnests. Der Vitalste, Stärkste setzt sich durch im Verdrängungswettbewerb, ähnlich wie in den Apparaten der Kammern und der Gewerkschaft. Ein besonderer Typ Mensch hat sich herausgebildet: Der homo sowjeticus, ein Wesen des Apparats, ein Meister der Intrige, der Intervention, der Anpassung, der Unterwerfung, der Gruppenzwänge. Wie in der DDR wird mit gespaltener Zunge gesprochen, für sich das eine gemeint und laut das andere gesagt. Man ist gleichzeitig Spitzel und Bespitzelter, Denunziant und Denunzierter. Und merkt es nicht einmal oder findet nichts dabei, denn das sind halt die Regeln des Lebens.

Österreich ist ein besetztes Land, in dem sich die Unterworfenen aus Überlebensgründen den Unterwerfern angepaßt haben. Wenn einer nicht entkommen kann, dann muß er die Zwangsherrschaft und ihre Folgen lieben lernen. Das Überlebensmuster wird zum Lebensmuster, zum Liebensmuster, zum Selbstliebensmuster.

Österreich ist ein besetztes Land, ein sich selbst besetzt haltendes Land, das stolz ist auf seine Deformationen, auf seine Indirektheit, auf seine Ironie, seine Unterwürfigkeit, seine Intrigenwirtschaft, auf seine höfisch geschlossene Gesellschaft.

Geben Sie Gedankenfreiheit, Sire. Mein Souverän, öffnen Sie den Kerker, entfliehen Sie dem Kerker, verlassen Sie die Gefangenschaft, die schon längst eine freiwillige ist, streifen Sie die Verstrickungen ab, entfesseln Sie sich, Sire, der alte Despot ist lange schon weg, wir sind unser eigener Despot, Sire, wir sind Sie.