Irene Kabanyi

All of me

Nimm das Haus, hatten Max und Sabine gesagt, wir sind doch ohnehin fuer drei Monate in Amerika, was soll es leerstehen. Einem Haus tut es nicht gut, leer zu stehen, es fuehlt sich vernachlaessigt, und das laesst es dich spueren. Ein Haus braucht Menschen, so wie ein Mensch ein Haus braucht.

Alice hatte ja gesagt. Hatte die Argumentation ruehrend gefunden. Sie war Max und Sabine dankbar, dass sie ihre Sorge um sie so ausgedrueckt hatten und nicht unangenehm persoenlich wurden. Alice mochte es nicht, wenn Menschen, die ihr nahestanden, die Sorgen, die sie sich um sie machten, als willkommenen Vorwand benutzten, um jetzt alles aus ihr rausholen zu duerfen, was sie partout drinnen behalten wollte. Was ging es die anderen schliesslich an, dass sie zusammengebrochen war? Eine reine Stresssituation, nichts Persoenliches. Das hatte ja auch der Arzt gesagt.

Da war sie nun also.

In dieser maerchenhaften Landschaft: blaue Berge, blaue Seen, blauer Himmel.
Ein Sommer, der flirrte und flimmerte und praechtige Pfauenraeder schlug, um Alice zu beeindrucken, wenn sie ueber die Wiesen ging und vor Vergnuegen seufzte. Riesige Wiesenblumenstraeusse pflueckte sie. Wie Pretiosen suchte sie Blumen, Halme und Unkraut aus und fuegte sie geschickt ineinander.
Im Haus hatte sie alle Fenster und Tueren geoeffnet und fuehlte sich schweben in all dem Licht und in der leichten Brise. Ungeheuer und luxurioes kam es ihr vor, alles so offen lassen zu koennen, und nicht gleich die Tueren hinter sich versperren zu muessen, wie sie es von der Stadt gewohnt war. Fenster offen stehen lassen zu koennen, ohne dass der Verkehrslaerm sie halb taub machte.
Hier hoerte sie nur die Voegel und den Wind, der manchmal das Plaetschern der Wellen mitbrachte. Abends trug sie ihr Essen auf einem Tablett hinaus auf den Bootssteg und machte ein Picknick. Auch die Lebensmittel waren am Land anders, als in der Stadt, fand Alice. Sie war verliebt in das wuerzige Brot und in den frischen Kaese, den sie vom Bauern kriegte. Und wenn Obst direkt vom Baum pfluecken, nicht das Paradies war, wusste sie auch nicht, was es sonst haette sein sollen; so sehr war sie daran gewoehnt, dass es in Supermarktregalen waechst. Wenn sie da so sass, auf den unbehandelten Holzplanken, die Beine im Tuerkensitz oder gar ins Wasser haengend, mit einem schoenen Glas leichten Weisswein in der Hand, und ueber den See schaute, wie er den riesigen, orangeroten Sonnenball in sich aufnahm, war das Leben perfekt. Da hob sie ihr Glas und prostete der Gegend zu.

Herr, der Sommer ist sehr gross!, war ihr andaechtiger Lieblingstrinkspruch geworden.

Seit drei Wochen war Alice nun da und konnte sich kaum mehr vorstellen, dass es in nur wenig mehr als zwei Stunden Entfernung diese Stadt gab, die so laut und unbarmherzig war.
Wo Menschen einander betruegen, bestehlen, ueberfallen und ermorden. Wo sie sich alles nur Denkbare, aber auch Undenkbare antun, um schliesslich selber gejagt und gefangen zu werden und vor Alices Richtertisch landen. Alices taegliches Brot ist es dann, die Geschichte dieser Furchtbarkeiten zu hoeren und zu erfassen, ueber Schuld und Unschuld zu befinden, zu urteilen und Recht zu sprechen. In Fleisch und Blut ist ihr das uebergegangen, selten, dass sie noch wirklich erschrickt. Je mehr die Jahre vergehen, umso selbstverstaendlicher kommt es ihr vor, dass die Menschen all das tun und sind.
Je mehr die Jahre vergehen, umso mehr verliert Alice ihren Glauben an die Sinnhaftigkeit ihres Tuns. So fern die Zeit, als sie Salomon nacheifern wollte, ohne sich laecherlich vorzukommen mit diesem Anspruch. Als sie noch daran glaubte, mit ihren Worten die Herzen der Menschen erreichen und sie zur Umkehr bewegen zu koennen. Als sie noch an Gerechtigkeit glaubte.
Jetzt schluepft sie in die Robe und nimmt ihre Rolle im ewigen Kreislauf ein.

Alice schuettelt den Kopf. Daran will sie jetzt nicht denken. Sie ist doch da, um Abstand zu gewinnen, sich zu erholen, auszuspannen, und alles, was der Arzt sonst noch zu dem zweimonatigen Landaufenthalt verordnet hat.

Es ist schoen hier, das ist alles, was zaehlt, zaehlen soll.

Die Tage werden immer heisser, erreichen Rekordtemperaturen. Wenn Alice ihr Fruehstueck holt, in dem kleinen Laden, der alles in einem ist: Lebensmittelhaendler, Fleischer, Baecker, Trafik, wirft sie manchmal einen schraegen Blick auf die Schlagzeilen der Zeitungen. Es ist in ihnen nur mehr von der ueberraschenden Hitze die Rede. Die Hitze hat es geschafft, die Kriege und Katastrophen zu verdraengen. Seit die Wetterwerte aufgezeichnet werden, haette es nicht so eine lange Serie von Hitzetagen gegeben, wird heute gemeldet. Alice ueberlegt, ob sie das Blatt kaufen soll, das interessiert sie. Dann legt sie es aber doch aus der Hand. Es tut ihr nicht gut, Zeitung zu lesen, hat sie in den letzten Wochen festgestellt. Die Lektuere hinterlaesst bei ihr jedesmal ein verwirrtes Gefuehl einer Endzeitstimmung, das so gar nicht zu dem Frieden und der Schoenheit der Landschaft passt, und sie deswegen umso haerter trifft. Dem will sie sich nicht mehr aussetzen, wozu auch. Das, was auf der Welt vorgeht, geht auch, ohne dass sie davon Kenntnis nimmt, vor, und ihre Kenntnisnahme wuerde, im Gegenzug, auch nichts daran aendern.

Die Hochglanzzeitschriften laesst sie sich gefallen. Die kauft sie sich. Maerchenbuecher der Moderne, nennt Alice sie. Sie laesst sich gern entfuehren in eine Welt, wo es das Wichtigste ist, was man jetzt anzieht, wie man sein Gesicht faltenlos haelt und seinen Koerper straff. Von den Buechern, die sie nie Zeit haben wird zu lesen, kriegt sie dort auch wenigstens eine Inhaltsangabe.

Jetzt haette sie ja Zeit, all die Buecher zu lesen, die sie seit Jahren interessiert kauft, und die dann ungeoeffnet in den Regalen stehen bleiben, nachdem sie monatelang auf ihrem Nachttisch Staub gefangen hatten. Alice hat einen ganzen Stapel davon eingepackt. Was soll man denn sonst tun am Land, hatte sie sich gedacht.

Was genau sie in den drei Wochen getan hat, koennte Alice jetzt gar nicht mehr sagen. Lesen war jedenfalls nicht ihre Hauptbeschaeftigung gewesen. Die Tage waren vergangen, einfach so, in ihr ungekannter Harmonie ineinander geflossen. Sie war aufgestanden, hatte sich ihr Fruehstueck geholt, war damit auf der Terrasse gesessen, hatte ueber den See geschaut, war spazierengegangen, hatte kleine Dinge im Haushalt erledigt, war in der Sonne gelegen, hatte gedoest, hatte geschwitzt, war unter die Dusche gegangen, hatte sich neu mit Sonnenoel eingecremt und ihrem Herrgott gedankt, dass es auch so sein kann.

Den Weidenkorb mit ihren Einkaeufen schwingend geht Alice ueber die Wiese, die zu dem Haus fuehrt. Sie mag diesen morgendlichen Weg. Ihre schlaftrunkenen Schritte, das nicht ganz bei sich sein, waehrend sie durch die duennen Riemen ihrer Schuhe den Tau spuert. Undenkbar, dass sie je in der Stadt um diese Zeit so wohlig unterwegs waere. Hier wacht sie manchmal gegen vier Uhr morgens auf, mit der Sonne.

Eine Weile braucht Alice um herauszufinden, was sie stoert: die Wiese ist nicht mehr feucht heute. Das wird ein noch heisserer Tag als gestern, wenn das schon so anfaengt, denkt sie sich. Sie braucht Erklaerungen, wenn etwas nicht mehr so ist, wie sie es gewohnt ist. Alice ist angewiesen darauf, sich an etwas gewoehnen zu koennen, und kann es nicht leiden, wenn sich daran etwas aendert.
Dass sie es heute doch hinnimmt, muss an der Hitze liegen, die ihr Gehirn aufweicht. Ihr mit dem Schweiss die Starrheit aus der Haut treibt. Sie weich und fuegsam werden laesst, wie sie sich noch nie erlebt hat.

Sie zieht die Gartentuer auf und hat es eilig, in die Kueche zu kommen. Der Kaffee muss laengst fertig sein. Sie hat es sich zur Gewohnheit gemacht, die Kaffeemaschine, die extrem langsam arbeitet, beim Verlassen des Hauses einzuschalten. Etwa so lang, wie Alice fuer den Weg braucht, braucht auch die Maschine, um die Kanne zu fuellen. Dieses Timing gefaellt ihr, das sind Reste der Praezision, die sie schaetzt. Es hat auch was von erwartet werden. Ein Gefuehl, das Alice fast aufgehoert hat, zu vermissen. Fast.

Sie gibt alles, was sie fuer ihr Fruehstueck braucht, auf das Tablett und schleppt es auf die Terrasse. Erst, als sie es draussen auf dem Tisch ausbreitet, faellt ihr auf, dass Wurst und Gebaeck im Papier da liegen, dass sie vergessen hat, sie auf einen Teller und ins Koerbchen zu geben. Alice beschliesst, es einmal so zu probieren, und kommt sich verwegen und verwahrlost dabei vor.

Immerhin ist das ein weiterer Schritt in einer Reihe von Schritten, die aeusserst ungewoehnlich fuer die ausnehmend korrekte, penible und disziplinierte Alice sind:
sie verwendet kein make up mehr, laeuft den ganzen Tag barfuss herum; wenn sie nicht im Badeanzug ist, greift sie nach dem naechstbesten Kleidungsstueck. Reglos sieht sie dem, in der Stadt aufgetragenen, Nagellack beim abblaettern zu. Ihre Haare laesst sie durchfetten, bis die nur mehr in traurigen Schnueren vom Kopf haengen. Sie hat aufgehoert, ihre Achseln und Beine zu rasieren.
Es ist ihr voellig egal geworden, wie sie aussieht, und sie fuehlt sich sauwohl dabei. Sauwohl ist auch kein Wort, das irgendwer mit Alice in Zusammenhang bringen wuerde, der sie kennt. Manchmal, wenn sie im voruebergehen einen Anblick von sich im Spiegel erhascht, muss sie grinsen, und stellt sich vor, was ihre Freunde wohl sagen wuerden, wenn sie sie so saehen. Oder gar ihre Kollegen und die anderen Leute im Gerichtssaal.

Hier sieht sie aber niemand.
Ausser den Leuten im Dorf, aber die zaehlen nicht, denn die kennt Alice nicht, und sie kennen Alice nicht. Vor ihnen braucht sie keine Rolle zu spielen, weg mit Euer Ehren.
Erst jetzt, als das wegfaellt, merkt Alice, was fuer eine Last das fuer sie ist. Wie krumm sie unter ihr geworden ist. Wie einem das aber auch in Fleisch und Blut uebergehen kann, was die Leute von einem denken. Frau Richterin, sagen sie, und Alices Geist wird willig, ihr Fleisch wird schwach unter der Buerde ihres Amtes. Ein fleischgewordener Moralkodex, ein wandelndes Buergerliches Gesetzbuch, auch wenn sie die Robe auszieht, und in ihre modisch-eleganten, dezenten Kostueme und in die hochhackigen Schuhe schluepft.

Alice beginnt Rumpelstilzchen zu verstehen, das sich auch in der Mitte auseinander reissen muss, wenn jemand seinen Namen weiss. Ach wie gut, dass niemand weiss, beginnt Alice aufgekratzt auf der Terrasse vor sich her zu sagen: Ach wie gut, dass niemand weiss, dass ich Richterin bin und Alice heiss.
Grinsend betrachtet sie ihre Zehennaegel, von denen ebenfalls der Lack absplittert, und die Hornhaut auf ihren Sohlen, die sich durchs Barfusslaufen gebildet hat, in der sich der Staub schwarz eingegraben hat und auch beim duschen nicht ganz weggeht.

Ich vergesse das Buergerliche Gesetzbuch, beschliesst Alice, und unterwerfe mich den Gesetzen der Natur!

Sinnend schaut sie den weissen Segeln des Bootes nach, das heute, wie schon seit ein paar Tagen, immer um dieselbe Stunde seine Runden im See zieht. Auch daran beginnt sie sich zu gewoehnen. Sie fragt sich, wer das Boot wohl lenkt. Es muss vermutlich ein Mensch sein, der feste Gewohnheiten ebenso schaetzt, wie sie.

Das Telefon klingelt sie aus ihren Ueberlegungen. Schon so spaet?, denkt sie unwillkuerlich; denn der einzige Mensch, der hier anruft, ist ihre Mutter, die die Pause zwischen zwei der Vormittagsfernsehserien, die sie taeglich sieht, dazu benutzt, um ihrer Tochter Vorhaltungen zu machen.
Warum sie nicht zu ihr ins Haus gekommen sei, fragt sie taeglich. Was taete sie denn so allein in dieser fremden Gegend? Oder sage sie ihr etwa nicht die Wahrheit? Sei sie etwa gar nicht allein dort? Habe sie etwa schon wieder einen Mann gefunden, mit dem sie sich dort verkrieche? Einen Mann, den sie ihrer Mutter nicht vorstellen koenne, und der daher gar nicht in Betracht kaeme?
Ich bin seit geraumer Zeit erwachsen, Mutter, sagt Alice taeglich. Ich weiss nicht, sagt ihre Mutter darauf veraergert. Alice weiss es zu schaetzen, dass die Pause zwischen zwei Fernsehserien nie laenger als zehn Minuten ist. Selbst zehn Jahre wuerden nicht ausreichen, um ihrer Mutter begreiflich zu machen, dass sie gern allein ist, und dass zwei gescheiterte Beziehungen in der heutigen Zeit und bei ihrem Alter geradezu laecherlich brav sind.

Diesmal ist es aber eine fremde Frauenstimme, die sich als Elisabeth Greifenstein vorstellt, eine alte Freundin von Max und Sabine. Sie habe schon soviel von Alice gehoert, und erst gerade aus einem Brief erfahren, dass sie jetzt das Haus bewohne. Diese Gelegenheit wolle sie nicht verstreichen lassen. Sie muessten sich einfach treffen. Das ist sehr freundlich von Ihnen, sagt Alice mit abwiegelnder Hoeflichkeit.

Sie kann sich zwar auch an hymnische Schilderungen erinnern, die Sabine ueber Elisabeth losgelassen hat, aber der Gedanke, sich anziehen und herrichten zu muessen, sich ins Auto setzen und bei wildfremden Leuten Honneurs machen zu muessen, entspricht ganz und gar nicht ihrer Stimmung.

Hoeren Sie, sagt Elisabeth mit einer Stimme, die keinen Widerspruch duldet: Sie kommen heute abend! Wir geben ein kleines Essen, ganz zwanglos. Sie werden sich wohlfuehlen. Es kommt eine handverlesene Schar der interessantesten Menschen, die sich gerade hier in der Gegend aufhalten.
Heute abend passt es mir schlecht, protestiert Alice klaeglich. Sie sind beleidigt, weil wir Sie so spaet einladen, vermutet Elisabeth: aber ich versichere Ihnen, ich habe wirklich erst gerade eben von Ihrer Anwesenheit erfahren und sofort zum Telefon gegriffen. Nein, nein, stammelt Alice und zermartert ihr Hirn nach einer guten Ausrede.
Dann kommen Sie also!, stellt Elisabeth fest und daran ist offenbar nicht zu ruetteln: Um Acht. Kennen Sie den Weg? Wie dumm von mir, natuerlich kennen Sie ihn nicht. Haben Sie Papier und Bleistift zur Hand? Im Grund ist es nicht schwer zu finden, aber beim ersten Mal werden Sie ein paar Anhaltspunkte brauchen…

Veraergert schiebt Alice den Zettel mit der Wegbeschreibung von sich. Sich so ueberrumpeln zu lassen! Der ganze Tag ist ihr verdorben. Missmutig traegt sie das Geschirr in die Kueche. Den kaltgewordenen Kaffee schuettet sie in den Ausguss, und laesst gleich darauf warmes Wasser nachfliessen, um das Geschirr zu spuelen, das sich schon seit ein paar Tagen im Ausguss sammelt. Geschirr spuelen tut ihren Nerven immer gut.
Als sie den letzten Teller in das Trockengestell schiebt, ist ihr Aerger auch fast verflogen. Bis sechs habe ich noch Zeit fuer mich, rechnet sie. Es genuegt, wenn ich um sechs anfange, mich herzurichten und zwischen viertel und halb acht das Haus verlasse. Bis sechs werde ich jedenfalls gar nicht mehr daran denken.
Dieser Entschluss tut ihr gut. Zumindest ist sie jetzt bereit, den Tag wie immer zu verbringen.

Sie geht ins Bad, oelt sich von oben bis unten ein, zieht den Badeanzug an, schnappt sich ein Handtuch, die neueste Vogue und ihre Zigaretten, und marschiert ab zu ihrem geliebten Bootssteg.

Die Hitze wird von Stunde zu Stunde gluehender und drueckender. Alice kann ihre Stellung nicht mehr veraendern, ohne ein schoenes Stueck zu rutschen, derartig rinnt ihr Schweiss und bildet mit dem Sonnenoel einen Gleitteppich.
Den Versuch zu lesen hat sie nach zehn Minuten aufgegeben. Die Blaetter der Zeitschrift glitzern mit den Wellen um die Wette und verursachen ihr bald Kopfschmerzen. So legt sie das Gesicht auf die Arme, liegt ganz still und laesst sich vom Plaetschern der Wellen wiegen. Irgendwann steht sie auf, ohne die Augen richtig zu oeffnen, und laesst sich ins Wasser gleiten. Bleibt unter Wasser, so lange es ihre Lungen erlauben. Mit muehelosen Stoessen schwimmt sie, wie ein Delphin fuehlt sie sich. Sie wuenscht sich die Faehigkeit, kraftvoll aus dem Wasser aufzusteigen und mit der Schwanzflosse aufrecht stehend pfluegen zu koennen. Weil sie kein Fisch ist, muss sie sich mit weit unaesthetischeren Versuchen begnuegen.
Sie schwimmt, bis sie muede ist. Zieht sich mit letzter Kraft und schon zitternden Muskeln zurueck auf den Bootssteg. Betrachtet dort ihre schrumpelig gewordenen Fingerspitzen. Sogar die Haut der Handteller ist so ausgelaugt, dass scharf seine Linien hervortreten. Eine Gaensehaut der Erschoepfung ueberlaeuft sie.

Schnell hat die sengende Sonne das Wasser von Alices Haut verdunstet, nur der Badeanzug klebt unangenehm nass an ihr. Sie ist viel zu muede, um jetzt aufzustehen und ins Haus zurueckzugehen, um ihn gegen einen trockenen auszutauschen. Im Liegen schiebt sie die Traeger runter, zieht das Ding ueber ihre Brueste, befreit sich mit einem Ruck davon.

Niemand, der sie mit freiem Auge sehen koennte, stellt Alice bei einem Rundblick fest. In ziemlicher Entfernung das Segelboot, aber die Mannschaft muesste schon ein Fernglas haben, um etwas zu sehen. Viel zu angenehm ist es, die Sonne auf der Haut zu spueren, als dass Alice sich von Unwahrscheinlichkeiten einschuechtern lassen moechte. Und doch muss sie einen leichten Trotz aufbringen, der es ihr erlaubt, nackt zu bleiben, sich auszustrecken, ihren Koerper der Sonne darzubieten.

Sie schliesst die Augen, ueberlaesst sich ganz den angenehmen Empfindungen, die Sonne und Wind auf ihrer Haut erzeugen. Kein Liebhaber hat so sanfte Haende, so eine Zaertlichkeit, solche Geduld! Und doch, wenn sie da so liegt, so hingegeben, kommt, frueher als gedacht, der Wunsch nach staerkerer Beruehrung in ihr auf. Wird so heftig, dass sie die Beine zusammenpressen muss. Das Verlangen durchflutet sie so stark, dass es ihr peinlich wird. Wehret den Anfaengen, denkt sich Alice, wer weiss, wohin mich das fuehrt, wenn ich das aufkommen lasse.
Schnell greift sie nach dem Handtuch und wickelt es um sich. Tastet nach dem Badeanzug, der nur noch geringe Feuchtigkeit aufweist, und zieht ihn unter dem Handtuch wieder an.

Aufgeschreckt von ihren Empfindungen sitzt Alice da, hat die Knie ans Kinn gezogen und zuendet sich eine Zigarette an. Mit gerunzelter Stirn schaut sie dem Rauch nach, wie er ueber das Wasser zieht und sich bald ins Unsichtbare aufloest.
Wohin verschwinden Dinge, wenn sie sich aufloesen?, fragt sich Alice.

Ihre Hydrophobie hat sich aufgeloest, wird ihr erst jetzt bewusst. Sie hat ihre uralte Angst vorm ertrinken verloren.

Ihre innere Uhr sagt ihr, dass es bald sechs sein muss. Zeit, zurueck ins Haus zu gehen, sich fertig zu machen. Sie sammelt ihre Sachen ein und macht sich auf den Weg.
Das Radio dreht sie auf, bevor sie ins Badezimmer geht, dreht es so laut, dass sie muehelos zuhoeren kann. Ein Lied trifft sie in den Ruecken, als sie dabei ist, das Zimmer zu verlassen. All of me, singt Ella Fitzgerald. All of me, why not take all of me, can’t you see, that I’m no good without you…

Das Lied frisst sich an Alice fest, weicht nicht von ihr, wieder und wieder muss sie die Zeilen singen. Waehrend sie die Packungen auf Gesicht und Haar auftraegt, waehrend sie unter der Dusche steht, waehrend sie Creme in ihren Koerper reibt. Sie summt es, waehrend sie den alten Lack von ihren Naegeln reibt, sie feilt und neu lackiert. Froehlich und erwartungsvoll macht es sie, aber auch ein bisschen wehmuetig. I’m no good without you, traegt sie Grundierung auf ihr Gesicht auf, bevor sie den Foehn einschaltet, sodass sie besser in die Haut einzieht und natuerlicher aussieht.
Lange steht sie vor dem Kleiderschrank und ueberlegt, womit sie sich gut und selbstverstaendlich fuehlen kann; ohne eingezwaengt, aber auch ohne underdressed zu
sein. Fuer ein leichtes, gruenschimmerndes Seidenkleid entscheidet sie sich. Ein raffiniert einfach geschnittenes Modell. Suendteuer einfach.

Herrlich schoen fuehlt sich Alice, als sie nach getaner Arbeit pruefend in den Spiegel schaut. Weich, glaenzend und schimmernd sieht sie aus. Why not take all of me.

Beschwingt startet sie ihren Wagen und findet muehelos das Haus der Greifensteins. Die Angaben von Elisabeth waren praezise und unmissverstaendlich, stellt Alice befriedigt fest und gibt ihr dafuer einen grossen Pluspunkt. Unglaublich, welche Angaben Leute manchmal machen; als ob sie einen bewusst in die Irre schicken wollten. Das Haus ist beeindruckend, aber nicht niederschmetternd. Die Frau, die ihr die Tuer oeffnet, gefaellt Alice auf Anhieb. Etwas Vertrautes geht von ihr aus, als ob sie sich schon jahrelang kennen wuerden. Das sind Alice die liebsten Menschen.
Elisabeth duerfte es aehnlich gehen. Sie fasst Alice unter den Arm, als ob sie alte Freundinnen waeren, und geleitet sie unter selbstverstaendlichem Geplauder zu den anderen.

Alice wird vorgestellt, bekommt erklaerende Beschreibungen zu jedem. Fuer sie hat Elisabeth das Kurzlogo“ eine gute Freundin von Max und Sabine, die jetzt ihr Haus bewohnt, und somit auch bald unsere gute alte Freundin sein wird“ gefunden. Alice ist ihr sehr dankbar, dass sie die Richterin weglaesst.
Elisabeth ist wirklich dabei, im Sturmschritt ihr Herz zu erobern, denn nichts hasst Alice mehr, als das mehr oder minder merkbare Zurueckzucken der Menschen bei Nennung ihres Berufes. Entweder werden sie devot oder aggressiv, hat Alice in langen, leidvollen Jahren gelernt. Es braucht lang, bis sie wieder einen normalen Ton mit ihr finden, und sie hasst es, sich immer wieder durch Vorurteile und Aengste durchkaempfen zu muessen.

Das bleibt ihr heute erspart. Heute reagieren die Menschen auf das Wort Freundin und auf das Weiche, Geloeste, das von Alice ausgeht. Elisabeth hat recht gehabt mit ihrer Prophezeiung, sie fuehlt sich wohl, und deswegen ist sie auch bereit, die anderen interessant zu finden. Es ist die uebliche Mischung, die man einlaedt, wenn man interessante Menschen zusammenstellen will: ein Wissenschaftler, ein Schriftsteller, eine Malerin, eine Astrologin, ein Boersenmakler, ein Architekt, eine Aerztin und sie.
Zehn Personen macht das, mit dem Ehepaar Greifenstein. Eine ueberschaubare Runde, die da am Esstisch versammelt ist.

Ob sie um die Bedeutung der Zahl Zehn wuessten, fragt die Astrologin in die Runde, und gibt an, sich auch schon lange mit Numerologie zu beschaeftigen.
Die anderen schweigen hoeflich oder geben aufmunternde, fragende Geraeusche von sich.

Zehn ist die Zahl des Schicksalsrades, beginnt die Astrologin zu dozieren: Sie ist eine Zahl des Aufstiegs und des Falls, je nach persoenlichem Verlangen. Sie kann Gutes und Boeses bringen, je nachdem, fuer welche Handlungsweise man sich entscheidet. Die Zahl Zehn kann extreme Reaktionen von Liebe und Hass, von Respekt oder Furcht ausloesen. Zwischen Ehre und Unehre gibt es nichts. Mit ihr haelt man den Schluessel in der Hand. Imaginiere zehn, dann ordne an; lautet eine alte, esoterische Regel. Imaginiere, und es wird geschehen. Befiehl, und es wird sich materialisieren. Eine ungeheure Macht ist mit ihr verbunden, die schoepfen, aber auch zerstoeren kann, daher erfordert ihre Anwendung hoechste Selbstdisziplin und Reinheit.
Und man muss sich bewusst sein, dass nichts mehr so ist, wie es war, wenn man sie angewendet hat, schliesst sie nach einer Kunstpause ihre Erlaeuterungen ab.

Die Runde verharrt fuer eine Weile in gedankenvollem Schweigen. Eine tiefe, melodioese Stimme hat die Astrologin, in der sie ferne Welten mitschwingen lassen kann und das Unglaubliche in die Luft malt. Alle ueberlegen, was sie wohl befehlen wuerden, wenn sie diese Macht haetten, aber als der Schriftsteller das zum Tischgespraech machen will, weist ihn die Astrologin scharf zurecht. Die Imagination gelingt nur im Schweigen, sagt sie ihm, Sie duerfen sie nicht profanisieren. Was Ihnen am wichtigsten ist, muessen Sie in sich behalten und naehren. So lange, bis es Ihnen von aussen entgegen zu kommen beginnt.

Der Schriftsteller will protestieren, haelt dann aber inne. Ja, gibt er zu, das ist auch beim schreiben so. Wenn Sie ueber ein Werk reden, bevor Sie es vollendet haben, ruinieren Sie es. Reden Sie ueber etwas, das Sie gerade schreiben, entziehen Sie ihm die Energie, die es braucht, um zu wachsen. Je mehr sie darueber reden, umso weniger werden Sie es zu Ende bringen.

Das scheint ein allgemeines Lebensgesetz zu sein, mischt sich der Wissenschaftler ein. Mit der Entwicklung der Chaostheorie gelingt es jetzt ja nachzuweisen, dass alles miteinander verbunden ist. Dass Gesetze, die sie in der Physik vorfinden, ebenso in der Meteorologie als auch in der Medizin gelten, in der Wirtschaft genauso, wie in der Psychologie.

Ich bitte um Verzeihung, erhebt der Boersenmakler spoettisch seine Stimme, ich wage zu behaupten, dass sich die Boerse diesem Gesetz widersetzt. Das Fallen und Steigen der Aktienkurse haengt in nicht unerheblichem Mass von Geruechten ab; davon dass die Leute ueber was reden, das laengst noch nicht vollendet ist. Und wenn Sie Gewinn an der Boerse machen wollen, muessen Sie eben genau mit diesen Entwicklungen spekulieren. Es hat keinen Sinn und wird Ihnen, als Profi, meine ich natuerlich, nicht viel bringen, wenn Sie erst dann auf den Zug aufspringen, wenn schon allen klar ist, wo er hinfaehrt. Als Profi muessen Sie aufspringen, wenn die anderen noch nicht einmal wissen, dass das der Zug ist, der demnaechst abfaehrt.

Natuerlich wollen jetzt alle wissen, ob er einen Tip hat, was der naechste Zug sein wird. Ein handfester Boersentip ist allemal interessanter, als Zahlengeheimnisse.
Zahlen sind auf der Habenseite des eigenen Kontos am besten aufgehoben, darueber ist man sich schnell lachend einig.

Ergrimmt beugt sich die Astrologin ueber ihren Teller. Alice sieht, dass sie mit ihren Bissen auch noch einiges anderes mit hinunterschluckt.

Sie selber weiss nichts zu sagen, hat sich noch nie mit diesen Themen beschaeftigt. Es macht ihr nichts aus, zu schweigen und zuzuhoeren. Sie macht sich auch gar keine Sorgen, ob jemand sie etwa fuer beschraenkt haelt; sie weiss genau, dass in einem Kreis brillanter Redner nichts so dringend benoetigt wird, wie einer, der zuhoert. Derjenige, der zuhoert, wird bald der Mittelpunkt, um den sich alles dreht, denn er ist es, durch den der Redner seinen Glanz bekommt. Alice ist sich dieser Macht wohl bewusst.

Leider kommt es anders, als sie denkt, denn das war auch schon das Ende des allgemeinen Gespraeches. Verschiedene Gespraechsfaeden beginnen durcheinander zu laufen; Menschen, die sich etwas zu sagen haben, oder es meinen, verknuepfen sich miteinander. Nur an Alice laufen sie vorbei, denn ihr Tischherr, der Architekt, schaufelt verbissen schweigend in sich rein.
So ist Alice froh, als endlich, nach dem Dessert, Elisabeth vorschlaegt, doch den Rest des Abends im Garten zu verbringen. Sie haetten eine kleine Bar draussen aufgebaut, man solle sich doch selbst bedienen.

Alice steht auf und prallt gegen den Kopf des Boersenmaklers, der sich gerade nach vor gebeugt hat, um ihr mit dem Stuhl behilflich zu sein. Sie hatte ihn nicht einmal bemerkt. Beide murmeln zugleich eine Entschuldigung und gehen nebeneinander in den Garten hinaus.

Ob Sie mir wohl erlauben werden, Ihnen ins Wunderland zu folgen, Alice?, fragt er und beugt sich nah zu ihr hin.
Alice verzieht den Mund. Warum auch jeder halbwegs gebildete Mann versucht, ihr mit diesem Spruch zu kommen! Aber da ist etwas in seinem Blick, das draengt und brennt, und sie instinktiv erschrecken laesst. Sie will zurueckweichen und etwas zieht sie zu ihm hin.
Wissen Sie nicht, dass man allein sein muss,um ins Wunderland zu kommen?, sagt sie, und ist fassungslos ueber die Bitterkeit in ihrer Stimme. Was treibst du?, schreit eine Stimme warnend in ihr: Halt dich bedeckt, was faellt dir ein, dich einem Fremden dermassen schamlos zu oeffnen!

Wenn das so ist, werde ich Ihnen ein Wunderland bauen, in dem das nicht noetig ist, schlaegt er vor: Eines, das natuerlich Platz fuer mich hat. Fuer einen harten Boersenmakler sind Sie ganz schoen romantisch!, versucht Alice mit Spott ihre Haltung wiederzugewinnen. Ich bin nicht hart, behauptet er, ich bin nur darauf trainiert, gute Chancen zu erkennen und sie zu nutzen.
Welche Chance sehen Sie jetzt?, fragt Alice . Sie!, sagt er bestimmt: Gleich als ich Sie sah, wusste ich, dass Sie die Frau sind, auf die ich immer gewartet habe. Aber Sie kennen mich doch gar nicht, antwortet Alice.

Sie kommt sich daemlich vor, der Situation ganz und gar nicht gewachsen. So etwas passiert einem doch nicht im wirklichen Leben! So etwas sieht man im Film und seufzt und wuenscht sich, dass einem das auch einmal passiert. Aber dass es dann passiert, damit kann man doch wirklich nicht rechnen.

Ich kenne Sie besser, als Sie glauben, behauptet der Mann. Wieso?, fragt Alice unsicher.
Seit Tagen fahre ich in meinem Boot an Ihrem Haus vorbei und beobachte Sie, wie Sie auf Ihrer Terrasse sitzen und fruehstuecken, sagt er: Glauben Sie mir, am Besten lernt man einen Menschen kennen, wenn er sich unbeobachtet glaubt und so ganz bei sich selbst ist. Voellig unbeeinflusst von dem, der ihn beobachtet. Das ist ja unerhoert!, empoert sich Alice: Hat Ihnen Ihre Mutter nicht beigebracht, dass man so etwas nicht tut? Wenn ich mich an das gehalten haette, was mir meine Mutter erlaubt hat, waere ich nicht der, der ich heute bin, stellt er lachend fest. Und wie sind Sie heute ?
Unverschaemt, erfolgreich und verliebt!, sagt er und versucht, Alice in seine Arme zu ziehen.

Alice wird steif und stoesst ihn gereizt von sich. Was sollen denn die anderen von ihr denken, wenn sie sich so einfach von einem wildfremden Mann betapschen laesst! Unverschaemt stimmt auf jeden Fall. Und die anderen sind so in ihre Gespraeche versunken, dass niemand sie beobachtet.
Aber das hatte sie ja auch geglaubt, als sie am Nachmittag nackt am Bootssteg gelegen war, faellt ihr jetzt ein, und treibt ihr den Schweiss auf die Stirn.

Es ist unfair, dass Sie mehr von mir wissen, als ich von Ihnen, stellt Alice fest.
Das laesst sich aendern, sagt der Mann, ich hoffe sogar sehr, dass sich das aendert.

Er greift in die Innentasche seines Jacketts und zieht eine Visitenkarte heraus, die er Alice mit einer formellen Verbeugung ueberreicht. Beginnen wir mit dem Anfang, sagt er dazu.

Alice greift nach der Karte. Handgerissenes Buetten, Stahlstich. Horst von Balow, steht da in sehr aufrechten Lettern, dazu der Name einer Firma und eine Adresse in Frankfurt. Alice ist beeindruckt.

Fragen Sie mich, was immer Sie wollen, bietet er an. Ich weiss nicht was, sagt Alice zoegernd. Gut, dann fragen Sie mich, ob Sie mich noch wohin bringen koennen, schlaegt er vor.
Wieso?, fragt Alice verbluefft.
Weil Sie erstens einen Wagen haben, zweitens ich noch irgendwo mit Ihnen etwas trinken moechte und drittens schon ein allgemeiner Aufbruch beginnt.

Alice blickt um sich. Er hat recht! Die Gaeste umringen die Greifensteins, schuetteln Haende und geben Danksagungen und Abschiedsfloskeln von sich. Und sie ist noch nicht einmal dazu gekommen, sich mit ihren Gastgebern zu unterhalten! Die werden einen schoenen Eindruck von ihr haben!

Sehen Sie, was Sie angerichtet haben!, sagt Alice anklagend zu Horst: Sie haben mich dermassen mit Beschlag belegt, dass ich den primitivsten Forderungen der Hoeflichkeit nicht nachkommen konnte. Ich hoffe, das wird so bleiben, antwortet Horst grinsend, ohne die geringste Spur von Schuldgefuehl zu zeigen.

Abrupt wendet ihm Alice den Ruecken zu, erstaunt, ueber die Heftigkeit ihrer Gefuehle, ueber die Naehe, die sie zu diesem Mann empfindet, ueber den Ton, den sie ihm gegenueber anschlaegt. Schau, dass du schleunigst wegkommst, draengt eine Stimme in ihr.

Sie naehert sich Elisabeth, die auch gleich die Hand nach ihr ausstreckt. Amuesieren Sie sich?, fragt die Gastgeberin. Es war ein wundervoller Abend, bestaetigt Alice verlegen, ich bedaure nur, dass wir keine Gelegenheit gefunden haben, uns ausfuehrlicher zu unterhalten.
Jetzt, wo wir uns kennen, ist das kein Problem mehr, versichert Elisabeth, Sie werden jetzt oefter kommen, das muessen Sie mir versprechen. Ich rufe Sie morgen an.

Alice wendet sich zum gehen. Sie kann Horst nirgends mehr sehen. Wo ist er wohl hin verschwunden? Betaeubt, in einer Mischung von Erleichterung und Enttaeuschung geht sie zum Parkplatz.

Er wollte wohl nur ausprobieren, wie weit er bei mir gehen kann, sagt sich Alice. Ein Voyeur, der sehen will, aber nicht involviert werden. Vielleicht macht es ihm Spass, zu provozieren, und die Menschen aus der Fassung zu bringen. Vielleicht hasst er auch Frauen. Ich kann froh sein, dass er weg ist, wer weiss, was mir damit erspart bleibt! Sie ist aber nicht froh.

Sie sperrt ihren Wagen auf und bleibt, mit der Hand an der Tuerschnalle, fuer einen letzten Rundblick stehen. Nichts. Nur startende Wagen, die ihre Scheinwerfer aufblenden und abfahren. Vielleicht sitzt er in einem von denen, denkt Alice, vielleicht zieht er diese Masche grad bei der Aerztin oder bei der Astrologin ab.
Schnaubend oeffnet sie die Tuere und laesst sich hinter das Lenkrad fallen. Startet und faehrt dem letzten Wagen nach, der eben den Parkplatz verlaesst. Ueberlaesst sich ihren bruetenden Gedanken. Nach einer Weile werden die ihr aber zu laut. Sie stellt das Radio an, um sie zu uebertoenen. All of me, singt Ella Fitzgerald. Das hat mir gerade noch gefehlt!, sagt Alice laut und wuetend. Sie beugt sich nach vor und dreht den Radio ab. Es macht ihr Spass, mitten in ein Wort zu wuergen.

Warum drehen Sie ab?, fragt eine Stimme vom Ruecksitz: Mir gefaellt das Lied!

Erschrocken tritt Alice auf die Bremse. Der Wagen haelt mit einem Ruck, der sie gegen das Lenkrad presst. Sie stemmt sich hoch und dreht sich um. Starrt direkt in das Gesicht von Horst, der sie schon wieder unverschaemt angrinst.

Wie kommen Sie in meinen Wagen?, fragt sie fassungslos: Der war doch abgesperrt.
Ich hab da so meine Tricks, tut er geheimnisvoll. Sind Sie etwa im Nebenberuf Autodieb?
Nur vergesslich, was die kleinen Dinge des Lebens betrifft, beruhigt er sie: Ich habe so oft meine Wagenschluessel stecken lassen, dass der Mann vom Aufsperrdienst Mitleid mit mir hatte, und mir zeigte, wie ich auch ohne Schluessel in mein Auto komme.

Mit selbstverstaendlicher Geste klappt er den Beifahrersitz um und klettert neben Alice. Macht es sich bequem und legt den Arm um die Lehne ihres Sitzes.
Wohin jetzt?, fragt er munter.
Nirgendwohin, bescheidet ihm Alice, so fest sie nur kann: Ich bin muede und will nach Hause!
Sie koennen mich doch nicht mitten auf der Landstrasse aussetzen!, appelliert er an ihr soziales Verantwortungsgefuehl: Hier kriege ich kein Taxi und sie werden doch nicht wollen, dass ich in einer fremden Gegend, mitten in der Nacht, kilometerweit laufen muss! Das geschaehe Ihnen nur recht, sagt Alice kuehl, fuehlt aber ihren Widerstand schwinden: Ich habe Sie nicht eingeladen. Jeder muss die Konsequenzen seines Verhaltens tragen!
Gemeinsam traegt es sich besser, findet Horst: Bringen Sie mich wenigstens in mein Hotel und trinken Sie noch ein Glas an der Bar mit mir.
Na gut, gibt Alice nach: Ich will Gnade vor Recht ergehen lassen. Ich bringe Sie in ihr Hotel. Aber nur, wenn Sie mir versprechen, dort brav auszusteigen. Trinken werde ich nichts mehr mit Ihnen! Und wenn ich es nicht verspreche?
Alice schuettelt missbilligend den Kopf, hat keine Lust auf weitere Debatten. Sie wird ihn absetzen und damit Basta. Wo wohnen Sie?
Im Hotel Seehof.

Natuerlich. Das beste Hotel in der Gegend. Alice kennt es. Sie startet den Wagen, der bei ihrem Bremsmanoever abgestorben ist, wendet und drueckt das Gaspedal bis zum Anschlag durch. Der Wagen schiesst mit einem Satz los.

Vorsicht!, warnt Horst: Bringen Sie uns nicht um. Ich stelle es mir zwar schoen vor, gemeinsam mit Ihnen zu sterben, wuerde es aber vorziehen, wenn wir damit warten, bis wir ueber Achtzig sind. Ja, ja, sagt Alice und reduziert die Geschwindigkeit.

Woher weiss er, dass das immer mein Traum war: einen Mann zu finden, der sich wuenscht mit mir alt zu werden? Alt werden und sterben und ineinanderwachsen als Hecke.
Wie unverbesserlich kitschig ich doch bin, schilt sich Alice, vollgestopft mit Klischees!

Horst greift sich eine ihrer Haarstraehnen, wickelt sie um seinen Finger und zieht dadurch leicht ihren Kopf in seine Richtung. Sie tun wie ein Kueken, stellt er fest, aber eigentlich haben Sie das Zeug zum Adler.
Ach ja, sagt sie: Woran sehen Sie das?
Ihr Blick geht in die Weite, diagnostiziert er sachkundig: Sie sind faehig, hoch nach oben zu steigen und von dort auf die Erde zu schauen. Ganz unberuehrt. Nichts, was Sie sehen, kann Ihren Flug hemmen. Ein Fluegelschlag und Sie drehen ab.

Schoen waers, denkt Alice, das koennte ich gut brauchen. Hoch oben sitze ich zwar am Richtertisch, aber nicht so hoch, dass mich der Schmutz nicht beruehren wuerde. Freilich, frueher ist er mir ueber den Kopf geschwappt, jetzt beruehrt er gerade noch meine Fuesse.

Und wozu haben Sie das Zeug?, fragt Alice.

Sie will ihm nichts von ihren Gedanken und Gefuehlen verraten. Dieser Mann erfasst sie ohnehin mit einer beunruhigenden Praezision. Muehelos scheint er in ihre Gehirnwindungen eindringen zu koennen und kennt sich da aus, als waere er zu Hause.

Wie mein Name sagt: ich bin der Horst fuer Adler. Ach, so ist das, sagt Alice enttaeuscht.

Wieder so ein Spruch, denkt sie. Wahrscheinlich erzaehlt er das auch jeder Frau. Und in ihr beginnt das Verlangen zu keimen, dass er es ernst meint. Dass er es ernst meint, selbst wenn er das jeder Frau erzaehlt. Dass sie die einzige Frau ist, bei der er meint, was er sagt.

Was ist los?, fragt er: Haben Sie nie das Beduerfnis, sich auszuruhen, ein Nest zu haben?
Freilich, sagt sie, das hat doch jeder.
Alice, wird er auf einmal streng: Sie machen es mir nicht leicht. Was mache ich falsch, dass Sie so sproede und abweisend sind? Sie machen nichts falsch, beruhigt sie ihn: Sie sind nur zu schnell fuer mich. Ich kenne Sie doch ueberhaupt nicht und Sie sagen all diese Dinge zu mir, ich weiss einfach nicht, wie ich darauf reagieren soll. Sie fragen sich, ob ich es ernst mit Ihnen meine? Ja, rutscht es ihr raus.
Wollen Sie, dass ich es ernst meine?

Das hat sie nun davon! Alice schweigt erbittert, sieht gar nicht ein, warum sie Farbe bekennen und ihre Karten aufdecken soll. Was redet er ueberhaupt staendig von ihr! Ueber sich verliert er kein Wort!

Ich meine es ernst, sagt er nach einer Weile, in einem Tonfall, als haette sie ja gesagt.

Erleichtert sieht Alice das Hotel vor sich auftauchen. Sie faehrt direkt an die Rampe und haelt mit laufendem Motor. Er macht nicht die geringsten Anstalten, auszusteigen.

Wir sind da, draengt sie.
Sie haben mir noch keine Antwort gegeben, bleibt er ganz ruhig sitzen. Worauf?
Auf alles.
Hoeren Sie, sagt Alice, ergreift seinen Oberarm und schiebt ihn Richtung Tuere: Ich kann Ihnen nicht mehr sagen, als ich gesagt habe. Steigen Sie jetzt aus und lassen Sie mich darueber schlafen. Wenn Sie wollen, koennen Sie mich ja morgen anrufen.

Er nimmt ihre Hand von seinem Oberarm, Alice denkt, er will sie ihr zum Abschied kuessen und laesst sie ihm, ohne Widerstand. Das nutzt er aus. Mit einer raschen Bewegung zieht er sie zu sich, so dass ihr der Schaltknueppel in den Bauch sticht, und kuesst sie heftig auf den Mund. Auch die Chance, dass Alice ihren Mund zum protestieren oeffnet, laesst er nicht ungenuetzt verstreichen: schon hat sie seine Zunge im Mund. Ein kleines, weiches Tier, beweglich und zart. So freundlich und zutraulich, dass sie mit ihm zu spielen beginnt, neckisch zuerst, dann immer wilder. Und als Alice sich ganz fangen hat lassen, gibt er wieder das Tempo vor, fuehrt sie und laesst sie los und faengt sie wieder und laesst in ihr eine Sehnsucht wachsen, dass sie schreien moechte und ihn anbetteln, bloss nicht aufzuhoeren.
Und er spuert es und laesst sie los. Alices Kopf bleibt an seiner Schulter kleben, moechte nie wieder irgendwo anders sein. Da gehoert sie her, alles andere ist doch Unsinn!

Komm!, sagt er in ihr Haar.
Ja, murmelt sie.

Sie weiss nicht, wie sie sich aufrichten soll. Ist nicht so schraeg an seinen Koerper gelehnt sein ihre ganz natuerliche, angeborene Koerperhaltung? Wie hat sie denn je auskommen koennen ohne diesen Horst? Alle Schutzlosigkeit, die Alice jemals empfunden hat, sammelt sich jetzt in ihr, bereit, in das Becken zu fliessen, das er ihr hinhaelt. Wie hat sie je auskommen koennen ohne das?

An das: Imaginiere und es wird geschehen!, der Astrologin muss Alice denken.
Das war es, was sie in all den Jahren in sich getragen hat und niemand sagen konnte. Das, was jetzt passiert, war in ihr, all die Zeit. Und jetzt kommt es ihr von aussen entgegen! Deswegen geht jetzt alles so rasch. So schnell geht das!
Und man muss sich bewusst sein, dass nichts mehr so ist, wie es war, wiederholt sie die Worte der Astrologin.

Horst ergreift ihren Kopf, dreht ihr Gesicht zu ihm hin. Sein Gesicht verschwimmt in ihren Augen. Seinen Blick spuert sie.

Ich will nicht mit dir ins Hotel, sagt er.

Alice erschrickt. Er wird sie jetzt doch nicht wegschicken! Nicht jetzt, wo sie so offen und bereit fuer ihn ist, wie sie es noch nie fuer einen Mann war. Unwillkuerlich haelt sie den Atem an. Wartet bang. Er streichelt ihr Gesicht und laechelt. Sie wartet auf einen Dolchstoss, haengt an seinen Lippen. Ihre Lippen muss sie zusammenpressen. Nur nicht betteln!, muss sie ihnen befehlen.

Nimm mich mit zu dir, sagt er, und sie atmet auf, wie sie noch nie aufgeatmet hat.
Sie kann gar nicht anders als singen: Why not take all of me.

Schnell wendet sie den Wagen, bevor er es sich anders ueberlegen kann. Heim will sie ihn bringen; in ihr Nest, das erst ein Nest wird durch ihn. Wo er ist, ist zu Hause. In seinen Worten, seinen Haenden, seiner Haut, findet sich Alice.
Ihre Finger hat sie in seine verschlungen, faehrt mit einer Hand, und wenn sie schalten muss, tun es ihre beiden Haende, als waeren sie schon immer miteinander verbunden. So gleichzeitig und ohne Widerstand, als wuerden sie von einem Hirn gelenkt.
Kaum auszuhalten, die Minute, in der sie ihn doch auslassen muss, um den Wagen abzustellen und auszusteigen.

Schon haben sie sich wieder, haelt er sie eng an seinen Koerper gepresst, in den sie muehelos hineinfliessen kann. Auf das Haus laufen sie zu, aber die Strecke ist zu lang.
So landen sie in der Wiese. Im Rollen, in der Begierde, Haut zu spueren, loesen sich die Kleider auf. Ein Buendel von Haut und Haaren, Schreien und Fluestern, Keuchen und Stoehnen sind sie. Und lang dauert es, lang, bis Alice, auf dem Ruecken liegend, den sternenuebersaeten Himmel wieder sieht.
Noch nie hat er so geglaenzt, das koennte sie schwoeren. Noch nie haben sich die Sterne so gedraengt, haben fast die dunklen Stellen, die ein Nachthimmel doch auch braucht, verdraengt. Warum es Milchstrasse heisst, sieht sie heute ganz deutlich. Aber was heisst Strasse! Heute ist das geradezu eine Autobahn.

Gluecklich laechelnd erwacht Alice in ihrem Bett, das sie erst im Morgengrauen aufgesucht haben, als das Froesteln sie ungeschickt zur Zaertlichkeit machte. Wie die Kinder hatten sie sich aufs Bett geworfen und waren bibbernd unter die Decken gekrochen, hatten spitze Schreie ausgestossen, wenn sie einander mit ihren eiskalten Fuessen beruehrten. Geschichten aus ihrem Leben hatten sie begonnen, einander zu zufluestern, eine nach der anderen, bis sie einschliefen mitten in einem Wort und es weitertraeumten.

Wie spaet mag es wohl sein?, fragt Alice wohlig mit halbgeschlossenen Augen.

Erst als sie keine Antwort bekommt, oeffnet sie sie ganz. Kein Horst in ihrem Bett! Das reisst sie hoch. Mit einem Blick sieht sie, dass er nicht im Zimmer ist. Laut seinen Namen rufend springt sie auf und durchsucht das ganze Haus nach ihm. Vergeblich.
So landet sie schliesslich auf der Terrasse, aber auch da ist er nicht.

Ich will mich nicht daran gewoehnen, dass du staendig verschwindest, wenn ich es am wenigsten erwarte, ruft sie boese in die Landschaft: Tu das nicht mit mir, das kann ich nicht leiden!

Der Blick ueber den Zaun hat etwas Unvertrautes. Alice braucht eine Weile, um drauf zu kommen, was es ist: ihr Auto steht nicht da. Sie laeuft ins Haus zurueck und schaut auf die Kommode, auf die sie normalerweise die Autoschluessel legt. Weg. Erschrocken denkt sie nach, findet schliesslich die Loesung: er wird einkaufen gefahren sein, um Fruehstueck fuer uns zu holen. Vielleicht wollte er auch ins Hotel um sich umzuziehen. Sie muss kichern, als sie an den Zustand seines vordem so gepflegten Abendanzugs denkt. Kein Wunder, wenn er den so schnell wie moeglich austauschen wollte, und dafuer eine Zeit gewaehlt hat, in der er noch ungesehen das Hotel betreten kann!
Aber jetzt soll er sich beeilen, er sollte schon wieder da sein, was soll Alice denn machen ohne seine Arme!

Unter die Dusche gehen, beschliesst sie nach einer Weile des sehnsuechtigen Herumstehens. Oder vielleicht doch nur das Gesicht waschen und seinen Geruch an ihrem Koerper behalten, bis er wiederkommt und ihn durch neuen ersetzen kann.
Schnell ist das Gesicht gewaschen, schnell ein Kleid uebergestreift, schnell die Haare gebuerstet. Wo bleibt er so lang? Sie nimmt ihre ziellosen Wanderungen wieder auf. Der Blick aufs Telefonbuch bringt die rettende Idee. Schnell hat sie die Nummer des Seehofs gefunden, waehlt sie mit ungeduldigen Fingern.

Ist Herr von Balow auf seinem Zimmer?, erkundigt sie sich. Wissen Sie die Zimmernummer?, fragt der Portier. Nein, leider nicht.
Einen Moment bitte, ich sehe im Gaestebuch nach. Alice hoert ihn blaettern. Mach schon, faucht sie innerlich, was dauert das denn so lang.
Wir haben keinen Gast dieses Namens, sagt der Portier schliesslich. Sie muessen sich irren!, besteht Alice.
Tut mir leid, gnaedige Frau, ich habe mehrmals ueberprueft.

Erschlagen legt Alice den Hoerer auf. Das darf doch nicht wahr sein! Im selben Moment klingelt es. Sie reisst den Hoerer hoch.

Wo bist du?, schreit sie hinein.
Hier ist Elisabeth Greifenstein, sagt die Stimme aus der Muschel: Ich fuerchte, Sie erwarten einen anderen Anruf. Ja, vergisst Alice jede Konvention.
Soll ich auflegen und die Leitung freimachen?, bietet Elisabeth an. Ja, nein, verzeihen Sie, stammelt Alice, aber jetzt ist ihr auch schon alles egal, warum soll sie nicht sagen, wie es ist: Wie Sie merken, bin ich in einem etwas ramponierten Zustand. Verzeihen Sie also bitte meine Direktheit – was wissen Sie ueber Horst von Balow? Nicht viel, meint Elisabeth gedehnt, ich habe ihn gestern zum zweiten Mal gesehen. Ich kann mich nicht einmal erinnern, wer ihn zum ersten Mal mitgebracht hat. Ich habe ihn amuesant gefunden, und ihn fuer den Abend eingeladen, als ich ihn gestern zufaellig auf der Strasse traf. Wissen Sie, wo er wohnt?
In Frankfurt, glaube ich.
Nein, ich meine hier.
Leider.
Darf ich Sie spaeter zurueckrufen?, fragt Alice. Freilich. Geben Sie gut auf sich acht!, sagt Elisabeth und legt auf.

Alice ist dankbar, dass Elisabeth keine Fragen gestellt hat. Was die sich wohl ueber sie denken mag, will sie sich auch nicht vorstellen. Was tun?
Es muss eine andere Loesung des Raetsels geben, als die, die sich ihr so unangenehm aufzudraengen beginnt. Das, was sie gerade erlebt, ist doch nicht zu vergleichen mit einigen Faellen, die sie verhandelt hat, und die sich jetzt in ihr Gedaechtnis draengen. Sie hatte sich immer gefragt, wieso diese Frauen so naiv sein konnten.

Sie wird in Frankfurt anrufen!
Genau. In seiner Firma wird man ja wohl wissen, wo er ist und alles wird sich klaeren. Wo hat sie nur seine Visitenkarte? Ins Portemonnaie hat sie sie gesteckt, und das ist in der Tasche, und wenn sie sich jeden Schritt einzeln vorsagen muss, so wird sie sich jeden Schritt einzeln vorsagen und ihn tun. Die Tasche muss irgendwo bei der Tuer liegen, wo sie sie beim reinkommen achtlos fallen gelassen hat.

Genau, da liegt sie. Alice packt sie, leert den ganzen Inhalt auf den Boden, setzt sich dazu und wuehlt. Kein Portemonnaie. Kein Etui mit ihren Kreditkarten. Kein Scheckheft. Keine Wagenpapiere.

Mit wellenartigen Bewegungen schiebt sie den Tascheninhalt ueber den Boden. Eine ganz andere Betonung als gestern findet sie fuer die Worte, die sich in ihre Kehle draengen: Why not take all of me…

Sie nimmt sich Zeit, ihr Lied zu Ende zu singen. Ganz gefasst ist sie, als sie aufsteht, um die Polizei anzurufen.

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