Christiane N. Neppel

Sie

Sie lag in der Mitte der Straße, die Hände hoch erhoben, so als hätte sie die Pferde des Fuhrwerks, das Unvermeidliche in letzter Minute abwehren wollen, ihre starren Augen weit aufgerissen, im offenen Mund ein erstickter Schrei.

‚Vielleicht war es besser so‘, dachte ich mir beim Anblick der Frau im weißen Sari. ‚Als Witwe hatte sie ein hartes Leben, und nicht mehr ganz so jung, wenig Aussicht sich wieder zu verheiraten.‘

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Sie liebte den Kreißsaal. „Es ist der einzige Ort im Spital, wo die Menschen nicht krank sind“, sagte sie, und darüberhinaus war sie froh, nach der Facharztausbildung am Land zu arbeiten. „Die Stadtfrauen sind so verkopft, verbildet, sie haben ihre Instinkte verloren. Sie haben keine natürlichen Beziehung zu ihrem Körper. Schreien bei jedem Wehwehchen. Und wenn sie ein bißchen unglücklich sind, fallen sie gleich in schreckliche Untiefen, aus denen sie, wie sie glauben, nur der Psychoanalytiker herausziehen kann. Meine Landfrauen gebären am Morgen und richten abends das Essen. Dammschnitt nicht nötig. Nicht einmal bei Erstgebärenden.

Ich mag ihre direkte Art und bewundere sie, zumal sie trotz der häufig anfallenden Nachtdienste neben ihrem Beruf auch noch Mann und Kinder versorgt. Auch ihren herrlich duftenden Apfelstrudel mag ich.

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Sie spuckte hinter mir aus. Sie spuckte hinter den Schritten, die ihren Weg gekreuzt hatten, in den Sand. So als speie sie ihr Leben aus mit all der Verachtung den Frauen gegenüber, den Blonden, die aus dem Norden kamen und ihre Männer verführten. Männer, die Nacht für Nacht einer geringen Ausbeute wegen ihr Leben auf dem Meer riskierten. Sie spuckte all jenen Frauen die Wintermonate hinterher, in denen man die Männer dann wieder ins tägliche Grau zwingen mußte, in dem sie, die Frauen, das ganze Jahr über lebten. Aufrecht und stolz ging sie ins Dorf hinauf. Ihre abgearbeiteten Hände preßten das Bündel eng an das schwarze Kleid.

Ich wollte ihr sagen, dass es nicht ich war. Nicht mein immer heftiger werdender Rhythmus schlug letzte Nacht auf die Planken des Schiffes. Nicht ich hatte den ganzen Tag beim Anblick des kräftigen Körpers die Lust gesammelt, um ihn dann unter dem Vorwand, die Cassiopeia am nächtlichen Himmel zu suchen, aufs Deck zu locken. Nicht ich war die Hungrige, die sich so sattfraß, dass sie das Echo ihrer Körper an den Hafenwänden völlig vergaß. Ich war die andere, die Blonde.

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Sie meinte, dass gewisse Behauptungen Blockaden des logischen Vorgehens der weiblichen Psyche auslösten. Die Empfindung, so sagte sie, sei der Irrtum des pulsionellen Gedächtnisses und kehre das Nicht-Symbolisierbare hervor. Die Zugehörigkeit von Aktion und Sprache sei eine Parallelenergie, gewissermaßen eine Entartung einer Nicht-Institutionalsiertwerdung. Man müsse sich vielmehr in der Integrität und der Identifizierung bewerten lernen. Im besonderen jedoch frage sie sich, ob der vaginalisierte Körper, der offensichtlich das Reelle beherrscht, sich noch immer von einer ideologischen Erfassung anderer Phänomene in den Schatten stellen lassen müsse. Einzig und allein gelte es, ihrer Meinung nach, die Plazierung der femininen Problematik in eine Phänomenologie des Geschlechts als Ausdrucksmittel und die Bedingungen der Spezifizierung abzuklären.

Nachdem ich mir wieder einmal stundenlang ihre hochphilosophischen Abhandlungen angehört hatte, kam ich, wie schon unzählige Male vorher, zu dem Schluß, dass ich Hunger hatte, Hunger nach einer deftigen Mahlzeit: HausMannskost auf einem einfachen Teller.

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Sie war es gewohnt Befehle zu geben. Ihr Auftritt wurde nie übersehen. In ihren schwarzen Schleiern und dem schweren Goldschmuck war sie der Mittelpunkt jeglicher Szene. Mit Blicken voll des Genusses wie mit scharfen Schnäbeln auf die Umgebung einhackend, degradierte sie die Anwesenden dank ihres fühlbaren Reichtums zu Sklaven. Man hatte ihr zu gehorchen. Die Orte wechselten: Paris, London, New York. Die Schauplätze wechselten: Restaurants, Kaffeehäuser, Geschäfte. Die Gefährtinnen an ihrer Seite waren stets die gleichen: Verwandte, Freundinnen, Kindermädchen, Dienerinnen. Die Letzteren trugen auf der Schürze denselben Namen, der ihr, der Herrin, mit Gold in den Schleierrand eingewoben war: Ali Bakhir, den Namen ihres Mannes.

‚Schwarze Vögel‘, dachte ich. Verhärmte schwarze Krähen, die tagtäglich in den Nobelboutiquen nachschauen, ob sie gestern was übersehen haben oder ob man sie gestern übersehen hat. Ihren argwöhnischen Blicken und ihrem Getuschel lachte mein freches rotes Kleid entgegen.

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Sie war zwanzig und auf der Hochzeitsreise, als in einer unübersichtlichen Kurve ein Auto mit höchster Geschwindigkeit entgegenkam und das ihre niedermähte. Der eine Fahrer starb: es war ihr Mann. Es dauerte zehn Jahre, bis sie sich zum zweiten Mal verliebte und wieder heiratete. Nach zwei Jahren gebar sie einen Sohn. Nach vier Jahren erkrankte ihr Mann an Multipler Sklerose. Sie pflegt ihn noch immer aufopfernd und verliert auch dann nicht den Mut, wenn sie in der Nacht mehr als einmal aufstehen muß um ihn umzubetten.

Ich habe diese Frau nie klagen gehört, ich habe sie nie mißmutig gesehen. Die Arbeit im Büro, in das sie halbtags geht, sagt sie, sei eine Erholung für sie. Und wenn ihr Mann sie schroff zurechtweist, weil dieses und jenes nicht so ist wie er will, dann sagt sie nur: „Es ist die Krankheit, die ihn so schwierig macht, die seine Persönlichkeit verändert. Man muß ihm das alles verzeihen.“

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Sie stand gebückt in der gleißenden Sonne. Mit ihren Händen stieß sie den Hackstock immer und immer wieder in die harte, trockene Erde. Die zwei Bündel am Körper zogen sie noch tiefer. Das eine am Rücken schlief. Das andere, unlängst im Acker geboren, suchte in einer der beiden langen, ausgezehrten Ziegenzungen, die einst ihre Brüste gewesen waren, nach Nahrung. Von Zeit zu Zeit ging ihr Blick hinüber in den Schatten des Affenbrotbaumes zu den drei anderen. Ihr Schweiß stillte den Durst der Fliegen. Wenn die Sonne hinter den Sand fällt, führt ihr Weg nach Hause noch am Brunnen vorbei um Wasser zu holen. Sie mahlt Hirse und bäckt sie zu Fladen. Dann, nach des Tages Arbeit, legt sie die Kinder und sich selbst auf die Matte, die Beine zum V, um ihrem Mann, falls der vom Bier nicht zu müde ist, eine gute Frau zu sein.

Ich habe über dieses Bild das Bild meiner Großmutter gelegt. Sie gebar acht Kinder, die Zwillinge während der Feldarbeit. „Er war ein redlicher Mann und fleißig“, sagte sie. Er kam immer nach Hause, trank nicht und schlug mich nie. Großvater verließ sie vor ihrem achtunddreißigsten Geburtstag für immer. Sie ging jeden Tag zu seinem Grab.

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Sie saß jeden Tag an der selben Stelle unter den Arkaden am Kirchplatz, dort wo sich am Abend nach getaner Arbeit die Leute versammelten, die Pärchen schön angezogen promenierten. Die jungen Burschen den Mädchen nachschielten und von ihren großen Taten berichteten. Hoch oben in den Sykomorbäumen tratschten und zwitscherten die Sperlingsversammlungen. Sie saß dort jeden Abend in der Hoffnung, es würden sich ein paar Touristen aus den neonbeleuchteten Hotelhochburgen in diesen Teil der Stadt verirren und ihre geschnitzten, bunt bemalten Holzeselchen kaufen.

Ich sah sie jeden Tag, bewunderte ihre schönen langen schwarzen Haare, die nur an den Schläfen ein wenig grau waren. Sie hatte immer dieselben fünf Eselchen neben ihren bloßen Füßen auf einem kleinen Stoffstückchen aufgestellt. Ich habe nie gefragt, wieviele Pesos sie kosten und auch den einen Esel, dem das linke Ohr fehlte, nicht gekauft.

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Sie gebärdete sich wie eine tollwütige Wildkatze. Sie schrie, sie fauchte, sie nahm eine Vase und warf sie knapp neben ihm an die Wand. Sie hatte in den Wurf all ihre Verachtung ob seiner Erbärmlichkeit gelegt. Sie hatte vorgesorgt, sie nahm die Reitgerte von der Wand und peitschte ihm sichtbare Striemen über sein Hinterteil. Sie warf ihm ein Lasso über und fesselte ihn, legte dem Wehrlosen Daumenschrauben an, drehte sie fester und fester, dann riß sie ihn an den Haaren. Sie hielt ihm das Glas Whisky an die Lippen und sagte: „Mach schön … bitte, bitte und Wauwau.“ Der Knebel im Mund ließ ihm nur ein „Mhm“ zu. Später schüttete sie Whisky auf den Boden. „Leck ihn auf“, befahl sie. Und er leckte und hechelte wie ein satter Mops in seiner ganzen ausgelebten Geilheit, bat winselnd um noch mehr Strenge. Ohne Emotion zählte sie die Scheine und sagte: „Bubi, da fehlt einer, einer für die Spezialbehandlung, du weißt schon, die Mingkopie.“ Der Generaldirektor zückte entzückt noch einmal die Brieftasche, küßte ihr die Hand. Sie gab ihm eine Ohrfeige. „Für deine Impertinenz“, sagte sie mit Schmollmund und Wimperngeklimper. Und er: „Danke, Schatzi … bis Dienstag!“

Ich stell die Suppe hin wie jeden Tag, das Brot, und sonntags einen Kuchen. Ich kämm mein Haar, ich wasche mich, zieh das hübsch Blaue an, um ja adrett und nett den Leuten zu begegnen. Ich mache alles nur für sie und hab mein Ich total verdrängt, vergessen. Ich bin verständig und gedenk des Friedens der Familie, Tag für Tag.

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