Ulrike Walner

Der Pakt

1

So, da bin ich also. Um unseren Pakt einzulösen, den wir geschlossen haben. Eine Krankenschwester hat mich angerufen und mir gesagt, dass du mich von nun an zu sehen wünschst.

Fast hätte ich dich nicht erkannt. Dein Gesicht ist alt geworden, deine Augen tief und schon fast tot. Nein, schau mich nicht so an: ich bin nicht gekommen, um dir etwas vorzulügen. Das war niemals abgemacht. Einfach nur zu kommen, das haben wir vereinbart – nicht mehr, kein Wort mehr als die nötigsten, keine Gefühle: das vor allem. Denn es gibt nichts mehr zu sagen. Wovon sollten wir reden, wir haben uns so lange Jahre nicht gesehen. Ich habe mein eigenes Leben, das mußt du doch verstehen. Genauso, wie du damals dein eigenes Leben geführt hast und nicht wolltest, dass wir daran auch nur den geringsten Anteil nehmen. Keine Fragen, keine Erklärungen – damals wie heute. Aber was interessiert mich diese Vergangenheit? Sie ist tot. Für heute werde ich gehen, das reicht. Du weißt nun, dass ich kommen werde. Nein, tu deine Hand weg, ich werde kommen, weil es unser Pakt ist. Ich werde meinen Teil erfüllen, weil du den deinen auch erfüllt hast. Bis morgen.

2

Ich habe dir doch gesagt, dass ich kommen werde. Auch wenn ich den Geruch von Krankenhäusern hasse und den Anblick all dieser Apparate, an denen du hängst. Auch wenn du mir schon lange nichts mehr bedeutest. Aber du selbst hast dich in mir getötet, das lag nicht an mir. Man wird trübsinnig, wenn man dich sieht, dein jammervolles Gesicht, dein Selbstmitleid. Selbst wenn du den Blick abwendest, so wie jetzt, spürt man es, man kann sich ihm nicht entziehen. Jemanden zu besuchen, das bedeutet doch einfach: bei ihm zu sitzen. Wozu rede ich? Vielleicht, weil du schweigen mußt, einmal und zum einzigen Mal in deinem Leben schweigen. Vielleicht, weil ich mir so oft gewünscht habe, dass du mir zuhörst. Ist dir eigentlich bewußt gewesen, dass du mir nie zugehört hast? Ich meine: richtig zugehört? Selbst wenn ich dir etwas erzählt habe, hast du währenddessen immer nur auf deine eigene Stimme gehört. Mein ganzes Leben lang hast du mir nicht ein einziges Mal zugehört, nicht einmal, als ich es bitter nötig gehabt hätte, nicht einmal, als ich es mir so sehr gewünscht habe, dass es schon weh tat. Doch wozu spreche ich heute davon… du mußt schweigen, aber das bedeutet noch lange nicht, dass du mir auch zuhörst.

Der Weg hierher ist lang. Er führt durch eine seltsame Allee von Bäumen, die ich nicht kenne, deren Schattenspiel auf dem Kies mir aber gefällt. Ich weiß nicht, wie diese Allee heißt, aber ich gebe ihr den Namen deines Todes. Dein Erschrecken ist überflüssig: auch ich werde sterben, und auch mein Tod wird einen Namen tragen, den ich selbst nicht mehr kennen werde. Wie alles stirbt… Selbst der Vogel, der dort vor dem Fenster singt, weil Frühling ist – er kann nicht anders als singen und sterben, unter Blütenschnee oder mitten im Sommer. Aber er weiß nicht um seinen Tod. Vielleicht könnten wir leichter singen, wenn der Tod uns fremd wäre.

Du hast hier ein gutes Zimmer, in das die Nachmittagssonne fällt, die weicher ist als die harte Sonne des frühen Morgens. Meine Wohnung? Ja, sie ist schön – schön für mich, ich glaube nicht, dass sie dir gefallen könnte. Im Frühling ist sie erfüllt vom Duft naher Spiraeen und dem Rauschen eines blühenden Lindenbaumes. Aber sie ist für mich schön, weil es meine Wohnung ist, meine allein. Nichts davon kam je in Berührung mit dir, nichts wird je mit dir zu tun haben. Es gibt nichts, was an dich erinnern könnte, keine Fotos, keine Briefe, keines deiner Geschenke – nichts. Als ob es dich nie gegeben hätte.

Die Sonne wird rot, ich muß gehen. Ja, natürlich werde ich wiederkommen.

3

Als ich heute kurz vor meinem Besuch bei dir durch den Park mit seinen riesigen Kastanienbäumen ging, sah ich einen jungen Vater mit seinem Kind, das kaum noch laufen konnte. Er fing es immer auf, ermunterte es zum Weiterlaufen, half ihm. Ich weiß nicht, warum mich solche Bilder noch immer berühren, noch immer eine Sehnsucht in mir hervorrufen. Daß es auch bei mir so gewesen sein möge. Aber wir beide, du und ich, wissen genau, dass es völlig undenkbar gewesen wäre… Du und ich, vereint, vertraut, ein Fühlen, ein Freuen, ein gemeinsames Erkunden der Welt, als wäre es unsere, als wären wir die ersten, die es zusammen taten. Ein Vater und sein Kind. Eine bunt schillernde Seifenblase, auf der man sich durch die Welt treiben läßt. Nicht einer stärker als der andere, sondern ein behutsames Herantasten an die Seele des anderen. Auch ein Kind hat eine Seele, auch wenn du es nicht wahrhaben wolltest, ist in sich schon ein ganzer Mensch. Ein ganzer Mensch, hörst du. Nicht ein Klumpen feuchter Ton. Ich habe immer nur kämpfen müssen gegen dich, niemals konnte ich mich an dich anlehnen und mir sagen: er nimmt mich so, wie ich bin. Er mag mich so, wie ich bin. Nichts davon, nur Kampf, nur ein Nicht-zuviel-Preisgebn, weil du es hättest gegen mich verwenden können. Ich habe mich oft danach gesehnt, dass du einfach die Hand gewesen wärst, die ein Kind auf den schweren Wegen ergreifen kann, um die Wärme in ihr zu spüren. Die Liebe. Aber alles, was dich interessierte, war das Echo deiner eigenen Stimme, deiner Gedanken und Gefühle. Wenn du mir zuzuhören vorgabst, hörtest du in Wirklichkeit in dich hinein.

Du hast mir immer vorgeworfen, nichts von mir zu wissen, nichts von meinem Leben. Aber es hat dich einfach nie interessiert. Wenn ich dich heute fragen würde: was waren meine liebsten Fächer in der Schule, welche die, die ich nicht leiden konnte? was hat mir in meiner Kindheit und Jugend viel bedeutet, und welche Ereignisse sind spurlos an mir vorübergezogen? – so wüßtest du selbst auf diese einfachen Fragen keine Antwort, weil diese Dinge dich nicht interessiert haben. Nichts anderes war ich für dich in all den Jahren als ein ganz normaler Schüler, dessen Individualismus dich genausowenig interessierte wie der aller deiner Schüler. Vielleicht hattest du das Gefühl, nichts von mir zu wissen, weil mir die Dinge, die du hören wolltest, mindestens genauso gleichgültig waren wie dir jene, die mir etwas bedeuteten und noch heute bedeuten. Noten, Ehrungen, Titel, was auch immer an leerem Tand – das wolltest du: ein funktionierendes Kind im Sinne der von dir nie angezweifelten Werte einer für mich so zweifelhaften bürgerlichen Gesellschaft. Die Kämpfe, die ich ausgefochten habe, galten nichts, nichts mein Schmerz, meine Freude, mein Leben.

Stets warst du auf der Seite der anderen, es war für dich undenkbar, dass ich recht haben sollte. Darauf angesprochen, leugnetest du. Außerdem sei das eine Erziehungsmaßnahme. Eine wunderbare Maßnahme, das muß ich sagen: seinem eigenen Kind kein Vertrauen zu schenken, ihm nicht zuzuhören, es niemals ernst zu nehmen. Das war der Weg, wie du mein Vertrauen verloren hast. Welchen Grund hätte es für mich geben sollen, mit irgendeinem Problem der Welt zu dir zu kommen, wo ich doch bereits im voraus wußte, dass du nicht einmal mit halbem Ohr zuhören würdest, dass du dich dann gegen mich entscheiden würdest, ganz egal, ob ich im Recht war oder nicht.

Nein, es wäre eine Lüge, würde ich sagen, es hätte mir nicht weh getan. Es hat mich tief getroffen, immer wieder, auch dann noch, als ich längst wußte, dass ich von dir keine Hilfe zu erwarten hatte, keine Unterstützung. Aber das ist lange vorbei, und ich habe viele Menschen getroffen, die mir geholfen haben, die auf meiner Seite waren, die dachten, dass ich es wert sei. Vielleicht war es auch das oft: dass du mir das Gefühl vermittelt hast, dass ich deiner Hilfe nicht wert sei, dass ich ganz allgemein nichts wert sei. Das war sehr lange allzu tief in mir verwurzelt, und vermutlich werde ich auch dieses Geschenk von dir lange nicht loswerden.

Wessen Hilfe es war, die mich geleitete? Das tut hier nichts zur Sache.

Es ist Abend, ich muß gehen.

4

Ich kann sie nicht mehr hören: nicht die Blumen, die weinen, und nicht jene, die schreien. Nichts ist mir geblieben als der große Lärm der Welt, dieser unerträglich große Lärm, den die Menschen verursachen, weil sie nicht verstehen zu leben, nicht verstehen, das Leben um sich zu begreifen. Sie zerstören nur und machen dabei so unbändigen Lärm, dass ich es nie ertragen habe, jeden Tag weniger.

Noch heute zeigen sich nur Spott und Verachtung in deinen Augen, wenn ich von solchen Dingen spreche. Und ich frage mich, wie ein Mensch so alt werden kann wie du und dennoch nichts vom Leben begreift. Aber du hast nie etwas anderes gehört als deinen eigenen Lärm. Du warst stets eine große Kugel aus Lärm, die durch die Gegend rollte und nicht einmal begriff, dass sie nur gerollt wurde. Du hast es nie verstanden, die Kugel zu zerbrechen und zu sehen und zu begreifen und endlich ein Mensch zu sein. Ich weiß ja nicht einmal, ob ich selbst es konnte, aber ich habe es wenigstens mein Leben lang verzweifelt versucht…

Manchmal wünschte ich mir so sehnlich, dich in deiner großen Kugel aus Lärm und Selbstgefälligkeit zu erreichen, aber ich habe es nie geschafft. Als ich zwölf oder dreizehn war, habe ich es schließlch aufgegeben. Und du – du hast es nicht einmal bemerkt.

Was wußtest du schon von Wintersonnen und Schneekristallen auf bloßer Haut? Was von den Frühlingsstürmen und dem Geruch naßglänzender Baumrinden? Und wie es ist, wenn man plötzlich trotzdem lebt? Nichts. Ich möchte es dir ins Gesicht schreien, aber ich kann es nicht mehr. Es bestürzt mich, dass ich mit den Jahren die Kraft dazu verloren oder die Gleichgültigkeit gewonnen habe.

Ich habe mich oft gefragt: wie kann man davon reden? Wie kann man überhaupt jemals zu jemandem davon sprechen? Ich erinnere mich zu gut an die hilflosen und desinteressierten Gesichter meiner Bekannten. Zu gut an das salbungsvolle Mitleid einiger allzu Religiöser. Aber das ist es ja – immer erinnert man sich. Doch erinnern darf man sich nicht, um keinen Preis. Man muß lernen zu vergessen. Streit und Gebrüll aus anderen Räumen, denen man hinter leicht geöffneten Türen lauschte. Der Schlaf, der nicht kommt, und die Tränen unter der Decke und schließlich doch irgendwo der Schlaf. Acht Jahre war ich damals alt und weiß bis heute nicht, wie ich es überstanden habe. Dieses Kind, das ich damals war, ist mir heute so fremd, und oft berührt es mich beinahe unangenehm, dass ich es war. Ich lebte in so vielen Welten – und die, welche du die reale nanntest und der dein einziges flüchtiges Interesse galt, war mir die allerunwichtigste, allerfernste, allerfremdeste. Ich lebte in Welten, von denen du niemals auch nur etwas ahntest… und wenn, so wären sie dir gleichgültig gewesen. Was wußtest du schon davon, dass die Flügel der Seele den Horizont streifen können in den grün-schwarzen Momenten der Dämmerung?

Vorwürfe? Ach nein. Sie würden nichts ändern an all diesen alten Dingen. All die Wunden, die du mir geschlagen hast, haben mir doch auch in gewisser Weise geholfen, so ganz anders zu werden als du. Meinen eigenen Weg zu finden fernab der ausgetretenen Wege. Später? Was interessiert dich heute, was später war in meinem Leben, in all den Jahren, in denen wir nichts voneinander hörten? Ja, du hast immer gesagt, ich würde mich noch wundern und mich anpassen müssen.Ich habe es nicht getan. Irgendwann habe ich begriffen, dass ich mein Leben lang würde kämpfen müssen für die Art zu leben, die ich gewählt habe. Aber all das hatte schon längst nichts mehr mit dir zu tun.

Es ist Abend, ich muß gehen.

5

Man hat dir gesagt, dass du in wenigen Tagen oder gar Stunden sterben wirst, nicht wahr? Man hat es auch mir gesagt. Aber was geht mich das noch an? Dein Guthaben ist verbraucht, unser Pakt erfüllt. Als ich in meiner Jugend einmal dringend Geld brauchte und nicht wußte, wann und ob ich es dir zurückzahlen könnte, hast du mir etwas Geld gegeben und gesagt, ich sei dir dafür zu fünf Besuchen verpflichtet zu einem Zeitpunkt, den du bestimmst. Nun war ich fünf Mal hier. Es gibt nichts mehr, was uns verbindet. Nichts mehr. Mit keinem Geld der Welt könntest du mich halten: du hast noch immer nicht verstanden… Nun ist es zu spät. Viel zu spät. Ich gehe, und die Zeit, die dir bleibt, solltest du vielleicht zum Nachdenken nützen…

Aber was soll’s: das Ergebnis wäre kein anderes als immer zuvor. Ich kann und will weder richten noch verzeihen noch sonst irgendetwas. Ich bin gekommen, weil es unser Pakt war. Das ist alles. Und ich werde in mein Leben zurückkehren und es vielleicht schaffen, dich so im Gedächtnis zu behalten, wie du warst, als ich ein kleines Kind war. So, wie du vielleicht im tiefsten Inneren dein Leben lang warst, unter dem Stacheldraht und hinter der Mauer mit Glassplittern und unter all der Gehässigkeit und der Eitelkeit und der Lüge und dem Geiz. Ich habe dich besser gekannt als je ein anderer Mensch, weil ich dir so ähnlich war, weil ich einmal deine Tochter war, vor sehr langer Zeit. Ich habe dir längst nicht alles gesagt, was ich dir einst sagen, dir an den Kopf werfen wollte. Wozu auch? Schau es dir an, das weiche Licht des Abends, das Streifen auf den Boden malt. Vielleicht ist das Leben nicht mehr als das Muster des Lichts auf Wänden und Böden und unseren Seelen. Wer vermag das schon zu sagen? Nein, auch du nicht, lüg‘ dir doch wenigstens dieses eine Mal nichts mehr vor. Ich gehe jetzt. Leb wohl.

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