Michael Wilding

Die Short Story in Australien

„Das Einzigartige an der Short Story ist, dass wir alle eine erzählen, leben, niederschreiben können“, schrieb Christina Stead, die australische Romanschriftstellerin. Die Story ist die zugänglichste der literarischen Formen. Jeder hat eine Story. Es war niemals eine exklusive oder elitäre Form. Große Short Story-Schreiber waren immer auch Romanciers, Dichter, Dramatiker, Essayisten; nur wenige haben ausschließlich Stories geschrieben. Eine der Stärken der Story ist ihre Art und Weise, so eine Vielzahl an Schreibern anzuziehen. Dies wiederum trägt zur Vielfalt ihrer formalen Ausdrucksmöglichkeiten bei – erzählend, lyrisch, dramatisch, märchenhaft, abenteuerlich erfunden oder berichtend. Die Story steht im Dialog mit Romanen, Gedichten, Theaterstücken, Essays: sie verschließt sich anderen Genres gegenüber nicht. Sie ist dazu imstande, die formale Strenge eines Gedichtes zu verkörpern, den Dokumentarwert einer Fallstudie, die Zartheit einer Träumerei, die schreckliche Wahrheit eines Geständnisses, die Klarheit eines Exempels und auch die Heiterkeit eines plötzlichen Einfalles.

Australien hat eine starke, fortlaufende Tradition der Short Story: von Marcus Clarke in den 1870ern über Henry Lawson und Barbara Baynton zur Jahrhundertwende wurde ein steter Fluß kraftvoller Stories hervorgebracht. In der vorliegenden Auswahl liegt der Schwerpunkt auf Stories der Gegenwart. In den letzten zwanzig Jahren hatte sich Modernismus als literarische Ausdrucksform ziemlich gefestigt. Aber die realistische Tradition, der er mutig begegnete, gab keinerlei Anzeichen, das Feld zu räumen. Realismus wurde durch Modernismus nicht ersetzt; in der literarischen Praxis dieses Jahrhunderts existierten sie eher nebeneinander. Darüberhinaus bestehen sie nicht als entgegengesetzte, einander ausschließende Positionen, weil Schriftsteller stets sowohl realistische als auch modernistische Aspekte in ihre Arbeit eingebracht, und zu unterschiedlichen Zeiten beide Tendenzen durchforscht haben. Ständigen Erneuerungen und Entwicklungen unterworfen, blieben beide Formen in Australien bestehen.

Es besteht keine Veranlassung, eine spezifisch australische Form für die Short Story zu beanspruchen. Die besondere Stärke der Tradition – und es ist eine besonders starke Tradition – mag nicht als eine in der Form einzigartige Kraft beschrieben werden, wohl aber als eine den Problemen der australischen Romanciers entgegenkommende. Australiens Verlagswesen, überwiegend in ausländischem Besitz, hat nur zeitweilig große Begeisterung für die australische Literatur gezeigt. Wo Romane keinen Zugang zur Publikation fanden, schafften es aber einzelne Short Stories. Diesen notwendigen Überlebensstrategien der Autoren schuldet die Vielfalt und Kunstfertigkeit der australischen Story viel, was wiederum kräftig beim Erarbeiten einer großen Leserschaft half. In den 1890ern hatte THE BULLETIN, ein Wochenmagazin, von sich aus die Story gefördert. Aber zu der Zeit, als jene Stories geschrieben wurden, die in die vorliegende Anthologie aufgenommen sind, war der Markt in den Periodika schon fast völlig geschlossen. Vierteljährliche Literaturmagazine, die in Zusammenarbeit mit Universitäten herausgegeben werden, stellten eine institutionalisierte Heimat für die Literatur während dieser Jahre dar. Als diese Literaturzeitschriften aber neuen literarischen Entwicklungen zu restriktiv gegenüberstanden, entfalteten sich andere Strategien. Kleine Magazine, die eine Veröffentlichungsmöglichkeit boten, wucherten. Einige Jahre lang erschien eine Short Story-Beilage, die sich TABLOID STORY betitelte und von Ausgabe zu Ausgabe jeweils einer anderen etablierten Publikation beigefügt wurde. Für eine Weile boten wöchentliche Magazine ein Zuhause, aber auch die folgten den aussterbenden Magazinen allgemeinem Inhalts nach.

Während dieser Zeit kam es zu einem Wiederaufleben öffentlicher Lesungen. Open-Air-Lesungen am Hafen von Sydney, in Parks, Caféhäusern, Kneipen, Rathäusern und im Universitätsbereich legten ein neues Gewicht auf das gesprochene Wort, was wiederum zu ganz spezifischen literarischen Entwicklungen führte. Die Stories wurden kurz und bei diesen Lesungen genauso bereitwillig vorgetragen, wie Gedichte. Der Schreibprozeß selbst profitierte von dieser Beziehung zur Lyrik, von der Begegnung mit poetischer Konzentrationsgabe und den Einflüssen eines lebendigen, zeitgenössischen Sprachgebrauchs. Es handelte sich nicht nur um das Wiederentdecken des Geschichtenerzählens oder des Knüpfens von Seemannsgarn; Formen, die nie verschwunden waren. Diese Bewegung bezog auch die sprechende Stimme mit ein unter Verwendung all ihres Potentials und ihrer Doppeldeutigkeiten.

Man könnte von einer Anthologie moderner australischer Stories erwarten, dass sie etwas aus dem modernen australischen Leben aufzeigt. Modernismus könnte Formalismus bedeuten wie auch Selbstbezug zu manchen seiner Regeln, aber wir lesen Stories auch, um über Dinge informiert zu werden: Geschichtenerzählen wie Märchenerzählen. Selbstverständlich läßt die ‚Wirklichkeit‘ dieser Geschichten immer Zweifel zu; der Anspruch auf größte Authentizität von realistischen Erzählungen legt genauso die Möglichkeit nahe, dass alles nur erfunden, nur eine ‚Geschichte‘ ist. Doch gerade eine Geschichte kann uns viel über den Erzähler berichten und über die Welt, die diese Geschichte entweder in sich aufnimmt, oder ablehnt. Wieviel des modernen australischen Lebens diese Stories darstellen, mag der Leser selbst beurteilen. Ohne Zweifel gibt es schreibend Ausgeschlossenens und Unterdrücktes; aber worüber Autoren einer Generation nicht schreiben, ist für spätere Generationen oft ebenso aufschlußreich, wie das, worüber sie schreiben.

Ein Vorwort mag in der Tat auch Literatur sein, aber eine weit weniger unterhaltsame als die einer Story. Da gibt es Erfreuliches an der Story, das kritische, politische, philosophische oder historische Texte niemals erzielen. Das ist auch der Grund, warum sie gelesen werden. Es ist an der Zeit, uns ihnen zuzuwenden.

Übersetzt von Gerald Ganglbauer

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