Renate Weis

Der Uhrturm und sein Schatten

War der von mir sehr geliebte und oft in der Mittagspause besuchte Uhrturm (die meisten Menschen sagen ohnehin “Schloßberg” zu ihm) einsam? Mag sein, dass man so dachte, ihm helfen wollte und ihm einen Schatten zur Seite stellte. Ich denke, er stand zwar immer allein auf dem Schloßberg, aber von Einsamkeit war keine Rede – sicher kann er gar nicht die Frage beantworten, wie viele Menschen ihn besucht haben, wieviele immer wieder erstaunt sind, dass gerade bei seinem Ziffernblatt der große Zeiger der Stundenzeiger ist … und wenn auch schon, falls wirklich an Tagen mit Glatteis und Kälte nur der eine oder andere Schloßbergbesucher bei ihm vorbeischaute, was solls, Alleinsein kann manchmal sehr guttun. Von der Ferne betrachtet, ob nun von der Burgruine Gösting, ob von St. Veit, von der Bahnhofgegend, von der Hauptbrücke, dieses Viereckerl gehört zu dem Herzstück der Steiermark – ist seine Seele.

Diese Gedanken waren ganz stark in mir als ich irgendwann gelesen habe, dass der Uhrturm einen Schatten bekommen soll. Häufige Besuche bei ihm haben mir dann ein schwarzes Trumm “Irgendwas” beschert und ich war sehr skeptisch, ob nicht der Schatten mächtiger werden würde, als der Uhrturm selbst.

Alles falsch gedacht. Uhrturm und Schatten sind eins geworden. Angeblich soll der Schatten nach dem Kulturhauptstadt-Jahr nach Seiersberg “überführt” werden. Könnte ich, wie ich wollte, ich würde um ihm kämpfen. Was soll der Uhrturm ohne seinen Schatten? Er wird wie nackt dastehen. Seine wahre Schönheit ist erst durch diesen Schatten zutagegekommen. Ich denke aber auch an den Schatten: es wird ein nichtssagender dunkler Fleck im Süden von Graz sein, der sicherlich an der großen Sehnsucht nach seinem Uhrturm seelisch zugrundegehen wird.

So ist das: da soll sich einer auskennen bei uns Frauen. Zuerst skeptisch. Schatten stellt eine Bedrohung für den Uhrturm dar und dann der Versuch, ihn unter allen Umständen für den Uhrturm zu behalten. Mag sein, dass die Wankelmütigkeit der weiblichen Gedanken eine Rolle spielt – es könnte allerdings auch gut sein, dass “frau”, wenn sie erst mal von einem “Schatten” überzeugt wird, ihn unter keinen Umständen mehr loslassen möchte.

 

Hans Fraeulin

Subject: Re: Einladung zur Graz Sondernummer
Date: 11/4/03 6:17 PM
Received: 13/4/03 11:36 AM
From: Hans Fraeulin, hans.fraeulin@styria.com
To: Gerald Ganglbauer, gerald@gangan.com

Lieber Gerald,

Grazer Befindlichkeiten auszuloten ist ein schwieriges Geschäft. Ich kehre bei Andreas in der Schnabelweide oder bei Peter, alles Bruchbuden am Kaiser-Josef-Platz ein und fühle mich wohl. Was soll ich da noch schreiben? Sie sind mein Ruhepol und Debattierclub zugleich. Wen geht das sonst was an? Die Leute dort reizen mich zum Ausplaudern meiner Geheimnisse. Dann schäme ich mich manchmal, beeile mich die Zeche zu bezahlen und trolle mich. Oft kommen auch Leute herein im Hubertusmantel und reden einen Scheißdreck daher, dass einem die Sau graust. So sagt man hier. Verstanden habe ich das noch nicht, die Sau graust.

Gestern war ich bei des Uhrturms Schatten. Habe ich mich wieder fast angemacht vor Lachen. Ein genialer Einfall. Das Schöne ist, dass es passiert – eine Revolution in der Ansichtskartenpoesie. Ich spotte nicht.

Gespottet habe ich über anderes. Grosso modo bringt der Grazer Mittelstand auch nur Mittelmäßiges zustande. Das will man nicht wahrhaben. Gewordene Tatsache ist nur, dass der Grazer Mittelstand aus der mittelmäßigen Kulturhauptstadt das europäische Mittelmaß feststellt. Wie ich dazu stehen soll, weiß ich noch nicht, aber wer will schon Mittelmaß sein? Ich jedenfalls nicht. Sollen wir uns bei allem Kriegsgeheul auf das Mittelmaß besinnen? Das ist zumindest langweilig. Dagegen wird angeschrieben. So schließt sich der Kreis.

Die Debatte soll schön kochen, muss dann aber Substanz bekommen…

Bedauerliche Tatsache ist, dass der einzige Verlag, der sich um die Schreibkräfte in dieser Stadt gekümmert hat, im Kulturjahr nicht vorkommt. Warum und wieso würde ich gerne wissen. Ist Droschl in seinem Büro zusammengebrochen und röchelt still vor sich hin? Oder habe ich was versäumt?

Am besten, wir machen uns auf die Suche, gehen voran, müssen uns selber schützen, sind vielleicht eher da, wo wir hinwollen. Haben wir dort hingewollt, wo wir sind?

Im Irakkrieg waren das einige der täglichen Fragen der Avantgarde – mit Schiss in der Hose und auf alles ballernd, was sich bewegt.

Von daher gesehen ist unsere Debatte ein Luxus-Manöver zum Ablenken. Günther Eichberger kann sein Lexikon wieder ins Regal stellen. Abstauben wäre nicht schädlich. Wird Florian Neuner große Augen machen. Das darf doch nicht wahr sein. Wir müssen doch…? Wir müssen gar nix.

Eine solche Haltung könnte Qualität bekommen. Wir müssen gar nichts außer scheißen. Der Satz, weswegen mein Sohn von der Schule geflogen ist. Das regt den braven Florian Neuner auf. Ach, wäre er mein Sohn. Scheißen kommt jetzt im amerikanischen Film auf Flughafentoiletten vor, um FBI-Agenten zu überlisten. Ist sicher fünf Jahre her.

Alles abgeschmacktes Zeug. Ich sage nur: Löschtaste drücken.

Liebe Grüße,
Hans Fraeulin.

----- Original Message -----

From: Gerald Ganglbauer <gerald@gangan.com>
To: Hans Fraeulin <hans.fraeulin@styria.com>
Sent: Friday, April 11, 2003 5:31 AM
Subject: Re: Einladung zur Graz Sondernummer

Lieber Hans Fraeulin,

dem 'Nachteil' habe ich gleich insofern abgeholfen, 
als deine freundlichen Zeilen nun auf unserer 
Leserbriefseite stehen. Schoenen Dank.

Freu mich auf deinen Graz-Beitrag.

Beste Gruesse
Gerald


Hans Fraeulin wrote:

Lieber Gerald Ganglbauer,
ich habe gerade bei Deiner Website hineingeschaut 
und bin überwältigt. Watzkas Problemlösungsstrategien – 
ein Hit! Ich hab mich fast angemacht. Und dann so viele 
tolle Leute in Australien. Dass Du das hier verbreitest,
hat aber auch einen Nachteil, wird mir jetzt bewusst. 
Für Lob musst du selber sorgen. Das kommt nicht immer 
gut 'rüber. Eh schon wissen. 
Auf die Lob-Site schaut keiner hin. Was hast Du vor?
Liebe Grüße,
Hans Fraeulin.

Three doors to art and literature.
Drei Tueren zu Kunst und Literatur.
www.gangan.com | www.gangart.com | www.gangway.net
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Fax: +61 2 9280 2130 - E-Mail: gerald@gangan.com

Ralf B. Korte

Von grauen Eminenzen und anderen Egomanen

1.
Zu Foren und Häusern und Akademien und ihren Benutzern

Frage: was ist ein ‘Forum’? Antwort: ‘Markt- oder Versammlungsplatz; Gerichtshof; geeigneter Personenkreis, der eine sachverständige Erörterung von Problemen garantiert’. Wir finden das Stichwort im Fremdwörter-Duden zwischen ‘Fortune, die’ und ‘Forward, der’…

Nicht nur Häuser können abgewohnt werden, auch alte Angewohnheiten ihrer Nutzer nützen nichts mehr, wenn sie abgenutzt sind. Wir sprechen dann: von Verhältnissen zum abgewöhnen. Was meist heisst: wenn Benutzung von Häusern in Bewohnung der Reputation von Häusern umschlägt, wird gewöhnlich aus Nutzen Verbrauch. Übrig bleibt das Hausen in gewohnten Verhältnissen, was stets Angst vor Unbehaustheit in sich trägt, weshalb den Hausenden das Verharren näher liegt als das Bewegen. Wenn aber der Verbrauch den Bestand angreift, greifen die Reputierten verhalten zum Hut: wer früh genug vor das Haus geht, kommt danach leichter wieder hinein. Solche Beweglichkeit ist eine besondere Form des Verharrens in verbliebener Reputation.

Für diesen Fall – oder genauer: diese Falle – benötigen die Reputierten eine Spielfigur, die bleibt, wo wenig verblieben ist: den ehrgeizigen Enkel, der schwer schon hadert mit den alten und leicht sich verheddern wird in den neuen Verhältnissen, die nicht so neu sind, wie er zu spät bemerken wird. Wahrnehmungsverspätungen oder -störungen sind übliche Kinderkrankheiten der ehrgeizigen Enkel, wissen ihre Altvorderen. Das Verheddern hat den Fall zur Folge, wissen sie auch, und für diesen Fall sind sie präpariert.

Graz gewährt dieses Spiel, dessen Ausgang gewisser ist, als die Aufgeregtheit des Gespräches darüber suggeriert, dem entnervten Betrachter in einer Ausführlichkeit, die täuscht. Ausgeführt wird, was einem Gespräch über Häuser täuschend ähnlich sieht. Ab geht solcher Aufführung die Anregung, die Spielen bisweilen mit sich bringt. An geht solche Aufführung kaum einen mehr als die schon Beteiligten.

Nebenbei aber fallen Sätze zur Sache, im vorliegenden Fall zur Sache Literatur. Altvordere, nennen wir den einen Kolleritsch, geben noch immer die Nummer vom unpolitischen Dichter, dessen Ziel eine Art von Finden und Empfinden guten Textes sei, was als eigentliche antifaschistische (freilich unpolitisch antifaschistische…) Aktion gepriesen wird, mit dem Obermotto ‘Weiter Schreiben’ (und nicht irritieren lassen vom Lauf der Zeit). Der ehrgeizige Enkel aber, nennen wir ihn beiläufig Grond, gibt den tough guy und hakt die eigene Systemumgebung unter ‘Kunstghetto’ ab, nicht ohne den zeitgemässen Aufgriff der Rede vom Verwurf der Avantgarde, und deutet auf das Doppelgestirn aus grosser Erzählung und Cyberspace (und nicht irritieren lassen, wenn da was nicht zusammen passt).

So wenig das, was an Text in Kolleritschs ‘manuskripten’ verbleibt, mit Avantgarde zu brandmarken ist, so wenig unpolitisch ist ihr Herausgeber und Exwahlhelfer für Exlandeshauptmänner. Jene Grazer, die auszogen, die Literatur zu erobern, bedienten sich experimenteller Methoden zur Ornamentierung einer Sprache, die weit mehr sich aus dem Eigentlichen speiste: dem Ins-Wort-Kommen einer Melange aus Identitäts-Überhöhung und Re-Mystifikation des ländlichen Raumes, die als kritischer Heimatroman einigen Erfolg für manche österreichischen Autoren brachte, ehe der deutsche Markt in seinen Neuen Ländern dergleichen deutscher fand (von der neuen Mode, in Geschichte verlorener Ostgebiete zu schwelgen, noch zu schweigen).

Dass Grond, nicht eben zufällig Kind solcher Schreibtradition, nun zu Schlingensiefs Freibadphilosophie wechselt, wonach der Schrei der Verdammten verdammt viel eigentlicher sei als das vordem noch grondseits gelobte Stammeln der Dichter an und in den Verhältnissen, mag an der grondschen Vorliebe für radikale Wechsel liegen: vom einstmals forumbepissenden ‘Nebelhorn’-Herausgeber zum Rambo-Präsidenten des Forums; vom TotalGrond auf Homers Spuren zum Teilzeit-Neuromancer; vom vorrechnenden zum abgerechneten Abrechner und zurück. Schlimmer ist, dass die notwendige Kritik des Selbstlaufes einer bestimmten Literatur ins ebenso Geläufige mündet: wonach die FAZ seit Jahren schon schreit und seit Jahren schon nicht mehr allein. War es früher der Grosse Lateinamerikanische Magische Realismus, ist es heute der Grosse Nordamerikanische Roman (in seinen historisch-familienepischen oder cyberspacig-kriminalgeschichtlichen Varianten), den uns die Marktbeobachter, die by the way als neoliberal Unpolitische aufzutreten pflegen, ans Herz legen. Wie sensibel diese self fulfilling prophets den Trend erspüren, der kein Trend mehr ist: der Anteil übersetzter amerikanischer Bücher bei in Deutschland verkaufter Belletristik liegt seit Jahren deutlich über achtzig Prozent…

Keine ästhetische Alternative also, nach der gerufen wird. Die Verbunkerung des Einen spiegelt sich im Zugriff aufs Populäre beim Anderen, das Primat der Fortsetzung des Gehabten begegnet der Geste absoluter Erneuerung, hinter der alter Wein in neue Schläuche gefüllt wird.

Frage: Braucht Literatur mehr Häuser? Antwort: Von Literaturhäusern profitieren vor allem ihre Hausmeister. Die Politik der knappen Kassen bedeutet, dass Geldmittel gerade eben zum Hauserhalt gewährt werden. Im Haus Beschäftigte tragen sich selbst, für Literatur im Haus müssen Fremdmittel beigetrieben werden. Zur Aufrechterhaltung des Lesungsbetriebes in der Berliner Literaturwerkstatt zum Beispiel werden Verlage zur Vorstellung ihrer Produktlinien sowie Länder zur Vorstellung ihrer Besten geladen, weil kein Budget für eigene Entscheidungen bleibt. Andere Häuser, mit besseren Mitteln, reproduzieren seit Jahren die um sie herum etablierte Hackordnung, gewähren über die Belohnung der Hausangestellten hinaus ein loses Versorgungssystem ihnen verbundener Dichter. Errichtung neuer Häuser scheint zwar etablierte Nahrungsketten auszudünnen und neue zu ermöglichen, die Erfahrung jedoch lehrt, dass Igel schneller als Hasen sind. Bin-schon-da!, rufen die Erwählten der Trümmer des Deutschsprachigen Literaturbetriebes von den Zinnen aller Häuser zugleich.

Wozu also Häuser, zumal schon genug in der Landschaft stehen? Hoffen Schriftsteller und Literaturagenten, hinter befestigten Mauern besser gegen Subventionsverlust gesichert zu sein als ohne Haus und Hof? Literaturhäuser sind Ausdruck der Angst, weiter Boden zu verlieren, indem sie zumindest ein Grundstück für die gute Sache besetzen. Literaturhäuser okkupieren den Rest an Förderpotential ohne kreative Gegenleistung.

Schlimmer noch die Errichtung einer Literatur-Akademie: Talar und Säckel als ästhetische Vision für Schreibende, die sich ansonsten mit aller nichtpoetischen Rede plagen… Denn der Dichtertypus, dem wir begegnen, entspricht häufig den Erwartungen, die von Seiten der Kulturnation und ihrer Agenten an Dichter herangetragen werden: ein ängstliches Wesen, gefüllt mit Gefühl: der sympathisch unpolitische Empfindungsmensch eben. Die Literatur-Akademie gibt das geeignete Instrument ab, Anti-Intellektualität mit stetem Einkommen zu verbinden, denn: nichts ist unserem Dichtertypus, der so gern im romantisch Obskuren verweilt, mehr zuwider als der kritisch beleuchtende Diskurs zu seinem Text. Stattdessen jedoch selbst zu sprechen, bestenfalls auf Seminarschein Lesungen eigener und geschätzter Texte vorzutragen, wäre ihm eine freundliche Alternative. Nicht umsonst vermerkt Grond, dass “vor allem die Jungen sich schon alle als Professoren gesehen haben” beim Gedanken an die Akademie. Ob Häuser, die Akademien bergen, also der Literatur zuträglicher sind als Literaturhäuser, darf bezweifelt werden. Zumal der Trend zum ‘Bin-schon-da!’ sich auch hier mit Macht ausbreiten wird.

Was aber stattdessen? Was der Literatur derzeit fehlt, sind verantwortlich – also politisch – handelnde Autoren. Das Stipendien- und Preissystem hat Missverständnisse implantiert. Dass das Befolgen von Juryvorgaben literarische Qualität belegt, ist eines davon. “Soviel Sinnstiftung und Normerfüllung ist von der Kunst lange nicht mehr öffentlich erwartet worden,” kommentiert Michael Cerha den Ablauf des diesjährigen Bachmann-Spektakels (Der Standard 29.6.98). Dass das Befolgen solcher Vorgaben einen Anspruch auf Unterhalt impliziert, ist ein weiteres. Dass das Drängeln um die paar Plätze, die dem Zirkus und seinen Beteiligten weiter Unterhaltung und Unterhalt bei schwindender Besucherzahl gewähren, als ‘Literaturbetrieb’ bezeichnet wird, ist eine weitere Fehlinterpretation, an die sich pseudogewerkschaftliche Forderungen anlagern, die sich wiederum als politisches Handeln missverstehen. Literatur aber braucht, damit sie nicht zum Appendix von Amtsstuben und Vierersitzgruppen knapp nach der Kernsendezeit verkommt, das Erproben der Verhältnisse, das Infragestellen der Produktionsbedingungen und Verfahren, nicht ihre bewusstlose (oder bewusste) Verlängerung. Dass das Imitieren experimenteller Sprachformen von der Wiederbelebung verwaschen dahinphilosophierender Pseudoepik überschrieben wird, verbreitert den Sumpf, der uns von Texten trennt, die zu lesen wären.

Die Extermination des Avantgarde-Begriffes hatte ihre Berechtigung als Abrechnung mit der braven Verschulung des Experiments und seiner damit praktizierten Entwertung, sie schüttet aber das Kind aus der Wanne, wenn sich auf der vakanten Stelle die Wiedergeburt des Courths-Mahlerschen Relativsatzes feiert. Ohne Vorhut bleibt das Heer blind, lässt sich dem Avantgarde-Verächter und selbsternannten Kunstsoldaten Grond erwidern. Nur so zu tun, als liefe man voraus, macht auch keinen grösseren Überblick, muss seinem Kontrahenten Kolleritsch gesagt werden. Dabei hält letzterer ein vielfach geeigneteres Instrument für Literatur in der Hand, als es Häuser oder Akademien sind: eine verlagsunabhängige Zeitschrift, die bestenfalls Testgelände solcher Projektierungen ins Ungewisse sein kann. Diese Chance wird in den ‘manuskripten’ hartnäckig verspielt. Dass Kolleritsch seit Jahrzehnten dafür garantiert, dass es mit ihm keine Experimente gibt, macht – in seiner Auswirkung auf das von Graz aus Wahrnehmbare und in Graz Veranstaltbare – einen Gutteil der Gründe für den Fall der Dinge aus.

So schwer wiegt der Alpdruck der Fixierungen, dass auch Grond in seiner Abrechnung nicht anders kann als in peinigender Ausführlichkeit die Intima der immergleichen Clique auszubreiten. Irgendwo in seinem Buch vom Soldaten und vom Schönen (was angesichts der Horrorszenarien patriarchal-anarchischer Unflätigkeit, die aufgedeckt werden, nicht umsonst mit der spätromantischen Phrase von der Schönen und dem Biest spielt) wird einmal jemand in die “Hinterhöfe und Abbruchhäuser zu den Jungen” geschickt, die bei Grond so namenlos bleiben, wie sie bei Kolleritsch gesichtslos sind. Knapp bemessene Aufmerksamkeit für die Welt jenseits der Mauern des Hauses; Kehrseite einer Festlegung auf Grössen, die nur behauptet werden, ohne gefüllt werden zu können.

Was aber wird aus dem Forum? Die Grondschen Forderungen nach Bereitstellung von Infrastruktur ist für Literatur absolet: Eine Autorengruppe, die von dort erneut den Auszug plant, um was auch immer zu erobern, ist nicht in Sicht, die Kompetenz für ein konsequentes literarisches Veranstaltungsprogramm ebensowenig. Wir werden das Forum vermutlich dennoch vermissen.

[anm.: dieser text aus dem august 1998 war für die grazer tageszeitung ‘NZ’ verfasst und wurde – leider – nicht veröffentlicht]

2.
zur sache literatur: nachtrag

der nach stehende beitrag war teil eines newsletters der perspektive – online (http://www.perspektive.at) und ist mitte januar 99 als nachtrag zum NZ artikel entstanden.

jenseits der geschilderten konflikte ist literatur für die derzeit verantwortlichen des forum stadtpark nicht wichtig genug, um weiter ein selbständiges literarisches programm zu verantworten. stattdessen erhält alfred goubran, verlagschef der ‘edition selene’, die gelegenheit, unter dem titel “front ? literatur für eine besetzte stadt” sein verlagsprogramm mit steirischer landesförderung zu bewerben. dies demontiert den ort, dem sich die bedeutung von graz als künftiger ‘kulturhauptstadt’ verdankt. es scheint klar zu sein, dass die kampflose preisgabe des forum-renomées seitens verantwortlicher kulturpolitiker nichts anderes bedeuten kann als das vorliegen fertiger pläne für die zeit danach. die jungs im stadtpark wissen das auch. ihnen ist kollaboration (der geeignete begriff angesichts der goubranschen wortwahl) bequemer als widerstand gegen den eigenen zerfall. dabei wird eine melange aus pop-strategien der 70er mit aktuellen poesien im rückwärtsgang favorisiert von einem, der es den bislang etablierten schon immer irgendwie zeigen wollte: das ‘front’-vokabular entstammt der üblichen emporkömmlingsrhetorik, hinter der sich träume von totalen siegen verstecken. die ‘besetzte stadt’ wird es zum anlass nehmen, sich hinter weit tradierteren vorstellungen neu zu formieren. der zug fährt rückwärts, wenn der herausgeber der ‘lichtungen’ berufen wird, das literarische programm der ‘kulturhauptstadt’ zu gestalten…

und wo stehen die nachfahren der experimentellen tradition in österreich? sie schreiben weiter unter preisgabe der eigenen position. hinter den kulissen steht ein böses F: solange haider nicht den spielverlauf bestimmt, scheint auf der bühne zu bleiben schon genug. das sich-festklammern am status quo entspricht einem verzicht auf notwendige selbstbestimmung, denn das abwarten des eintretens einer existenziellen bedrohung (durch löschung bisheriger kulturbudgets in womöglich völkischem interesse) stellt keine handlungsalternativen bereit. das ‘noch’ weiter schreiben überhöht sich in der zwischenzeit zur widerstandsgeste, die mit der ständigen angst, aus den schon charakterisierten reproduktionsverhältnissen für nicht vermarktbare literatur zu fallen, verschmilzt zu einer hilflosigkeit, die an lähmung grenzt – einer lähmung allerdings, die sich nicht im zusammenbruch der eigenen literarischen produktion zeigt, sondern im fortschreitenden verlust der diskursfähigkeit. darauf justiert, im ‘noch’ gegebenen das mögliche für sich zu nutzen, werden von den nachfahren der experimentellen tradition in österreich auch experimentelle verfahren als bedrohlich isoliert, die nicht auf der spur der eigenen tradition verbleiben. “experimentelle tradition” wird so zu melancholischer verkapselung als ästhetischer methode ? unter preisgabe eben des begründungszusammenhanges, dem sich die eigene ‘noch’-position ursprünglich verdankt.

‘weiter schreiben’ wird so zum label einer literatur, deren hersteller die frage der fortsetzung der produktion über die frage der relevanz der produktion stellen – und sich gegen die frage der relevanz abschirmen mit demselben ideologieverdacht, dessen sich kulturkonservative kreise bis hin zu den sonst gefürchteten völkischen elementen bedienen. die österreichtypische verquickung von autoren- und verlegerposition befördert dieses ‘weiter schreiben’ zusätzlich, indem sie einer cliquenwirtschaft sich wechselseitig publizierender autoren vorschub leistet. so positiv eine stabile, staatsgeförderte kleinverlags-szene für eine vielzahl von ästhetischen ansätzen sein könnte, so negativ wirkt sie, wenn sie zum selbstbedienungsladen für einen begrenzten autorenpool verkommt, der im lauf der zeit bei allen zur verfügung stehenden verlagen seine publikationen plaziert, bis tendenziell jeder im pool vertretene autor bei jedem der verlage vertreten ist…

solche all-in-all-situationen sorgen dafür, ästhetische oder kulturpolitische differenzen erst gar nicht entstehen zu lassen, sondern stattdessen einer strategie der schliessung zu folgen, deren psychosoziale komponente um den angesprochenen ideologieverdacht ergänzt wird. dass dieser sich diffus gegen literarische konstruktionsmuster richtet, die in österreich nie irgendeine bedeutung erlangen konnten, aber schon in der mini-manuskripte-debatte am ende der sechziger jahre (m 25-27) gegenstand der abgrenzung waren, ist kein zufall: ideologiebereinigtes ‘weiter schreiben’ ermöglicht unauffällige erfüllung der förderbedingungen, täuscht die fraglosigkeit der eigenen produktion vor, erspart die analyse der produktionsbedingungen und -verfahren…

es ist ein diskursives vakuum entstanden, das den diskursverzicht als allgemeine handlungsmaxime implantiert. so gab es nach der ablösung gronds eine reihe hilfloser ‘solidaritätslesungen’ zur aufrechterhaltung eines literaturprogramms im forum stadtpark, anstatt die krise für eine kritische bestandsaufnahme der literarischen institutionen und des umgangs der autoren mit ihnen zu nutzen. an die stelle möglicher selbstverantwortung schiebt sich passive hoffnung, es werde schon irgendwie weitergehen und man selbst bleibe teil davon. so fehlt nach der usurpation goubrans erneut jeder impuls, sich der auflösung der wichtigsten autorenverwalteten institution österreichs entgegenzustellen.

die frage nach den ‘nachfahren der experimentellen tradition in österreich’ wirft noch eine weitere auf: wieviele der nachfahren fühlen sich noch einer experimentellen tradition verpflichtet? der begriff ‘experiment’ ist unter das verdikt der ideologie-bereiniger geraten, die ihren aufschwung parallel zum kollaps staatssozialistischer systeme erfahren haben und noch weiter erfahren. dass hierbei ‘experimentelle literatur’ gern mit ‘totalitärer struktur’ identifiziert wird, gehört zu den treppenwitzen des sogenannten ‘postideologischen zeitalters’ nach dem ende der sogenannten ‘postmoderne’, die häufig genug als philosophische hülse des sich vollziehenden ‘wertewandels’ zu dienen hatte (zu erinnern wäre an die weise der verbreitung ‘postmoderner philosophien’ als ergebnis direkter förderung durch konservative regierungen z.b. in frankreich und deutschland: eine beschreibung dieser steuermechanismen zur herstellung ‘postideologischer’ zustände steht noch aus…). dass literaturwissenschaftler sich mit arbeiten zum zusammenhang von experimenteller literatur und staatlicher unterdrückung hervortun, erinnert an zeiten, da böll, grass und walser in westdeutschland die verantwortung für die aktionen der RAF zugeschoben worden ist – von damals allerdings kaum ernstgenommenen rechten wissenschaftlern und politikern. im ‘postideologischen zeitalter’ verbietet sich eine kritik solcher unterstellungen schon deshalb, weil sie ‘ideologisch’ argumentieren müsste im sinn einer kritik des neokonservativen umbaus von linksintellektuellen szenen, deren verständnis für vermeintlich dekadente auswüchse des bürgerlichen systems nie das grösste war. auf diese argumentative umgebung bezogen muss die aufkündigung von konzepten wie ‘experiment’ und ‘avantgarde’ gelesen werden. dass viele der jüngeren autoren mit kaum mehr ‘ideologie’ konfrontiert worden sein dürften, als sie zeitweilige wohngemeinschaften in den achtzigern bereitzustellen wussten, gibt den aversionen dieser generation etwas fast belustigendes.

die aufkündigung von konzepten wie experiment und avantgarde bedeutet jedoch die aufgabe künstlerischer autonomie. das hohelied der ‘guten literatur’ wird gesungen mit dem refrain ‘nur wer nur schreibt gut’, doch interesseloses wohlgefallen ist allenfalls als rezeptionsmuster re-etablierbar, es war nie ein herstellungsverfahren. für ein gespräch, das nach strukturen, paradigmen und deren historischer entwicklung fragt, ist die verwendung von begriffspaaren wie ‘kanon versus experiment’ unerlässlich. wenn autoren aufhören, sich einem gespräch über die eigenen erkenntnisinteressen zu stellen, um stattdessen ein phänomenales palaver zu betreiben, dessen thematische vielfalt an die der nachmittags-tv-talks heranreicht, aber jeden vorstoss zum betriebskern unterbindet, dabei via symposium, kolloquium und wochenendbeilage verwertbaren nutzen erbringt im sinn ‘noch’ oder gar ‘nunmehr’ vitalen kulturschaffens, unterwerfen sie sich interessen, die ? abgesehen von materieller teilhabe ? nicht die ihren sind. sich auf gefällige belieferung eines agenturgestützten literaturbetriebes reduzieren zu lassen entspricht der aufgabe von autonomie, daran ändert ‘weiter schreiben’ sowenig wie hektische teilnahme an sovielen events wie möglich.

es gilt, den begriff avantgarde von der engführung auf die ‘historische avantgarde’ zu befreien. der terminus ‘historische avantgarde’ ist teil eines argumentativen bestrebens nach reorganisation kultureller entwicklung in epochen, die es erlaubt, bestimmte ästhetische fragestellungen bestimmten zeitabschnitten zuzuordnen. ‘historische avantgarde’ als zeitgenosse sich entfaltender antibürgerlicher und totalitärer ‘weltanschauungen’ kann so leicht an diese rückgekoppelt und mit ihnen für obsolet erklärt werden. die erwähnten literaturwissenschaftlichen untersuchungen verdächtigen jeden experimentellen ansatz, weil die veränderung vorliegender ausdruckssysteme den willen zur ‘weltanschaulichen’ veränderung der rezipienten in sich berge, was die forderung nach umerziehung dieser rezipienten nach sich ziehen müsse (ein vorwurf, der, auf die allfälligen veränderungen naturwissenschaftlicher verständnisse angewendet, für absurd gehalten würde). die in der mehrzahl der feuilletons lesbare abwertung noch auffindbarer ‘kopflastiger’ kunst/literatur/etc. wird mit dem nämlichen verdacht gegen ‘zuviel gewolltes, zuwenig erfühltes’ in stereotypen formulierungen intensiviert, als gälte es, sich von einer art übermächtiger kubistischer diktatur zu befreien. auf der gegenseite findet sich das lob der lebendigen empfindung und organischer authentizität, die als ‘anthropologischen grundkonstanten’ unterliegend definiert wird. während das gewünschte (die kanonisierten ausdrucksformen mit konstanter emotionaler motivation) ins überhistorische gehoben wird, lässt man das unerwünschte (die experimentellen konzepte und mit ihnen das experiment als intellektuelles konzept) ins überwundene fallen. solche operationen sind dem philosophischen gehalt nach ideologisch.

“die avantgarde sichert durch aufklärung: ihre systembeobachtung dient der selbsterhaltung des systems. wie aber sichert sich die avantgarde vor dem system? durch verschärfte beobachtung und grössere beweglichkeit,” schreibt dagegen hannes böhringer. die rückbesinnung auf den militärischen terminus ergibt einen sinnvolleren umgang mit den begriffen: ‘vorhut’ stellt ein handlungskonzept dar, das eine bedingung des funktionsfähigen gesamtsystemes ist. dabei unterliegt die vorhut notwendig anderen verhaltensgrundsätzen als die nachrückende hauptmacht, die sich hier mit ‘kanon’ übersetzen lässt (kanon definiert sich sowohl in der definition massgeblicher ästhetischer verfahren als auch in der konstitution einer begrenzten menge massgeblicher werke sowie vorbildhafter lebensentwürfe für die hersteller massgeblicher werke).

die von der vorhut geleistete erkundung setzt, indem sie jeweilige gegebenheiten der erkundeten umgebung als geforderte verhaltensanpassung an die hauptmacht zurückmeldet, eine permanente infragestellung des je konstitutiven settings der hauptmacht voraus. koppelt sich die hauptmacht von den erfahrungen der vorhut ab, bleiben ihr zwei alternativen: das errichten befestigter stellungen und der damit einhergehende verzicht auf weitere bewegung/entwicklung oder das vorrücken nach gutdünken bzw. auf der grundlage bisher gemachter erfahrungen. beide verhaltensweisen lassen sich für das system literatur identifizieren. einerseits der rückzug in die stellungen: literatur verändert damit, wenn auch für den rezipienten vorerst unmerklich, ihre systembedingung, indem sie vom konzept ‘bewegung’ zum konzept ‘festung’ wechselt. dies impliziert den wechsel von erfahrung zu behauptung bzw. ergibt den ‘grossautor’, der zur abendstunde zufrieden zwischen marmorrepräsentationen seiner literarischen figuren wandelt. andererseits das vorrücken auf neues gelände in althergebrachter art: die literarischen ‘bewältigungen’ fluktuierender persönlichkeitskonzepte und sich verändernder medialer bedingungen mit der folge gesamtsystemischen wandels stapfen dann als ‘terrordrom’ über die bühnen, dass es nur so schillert…

für verzichtbar wird das avantgarde-konzept jedoch nicht allein von den hohepriestern des kanons gehalten, sondern ? wie schon erwähnt ? auch von den verstreuten nachfahren jeweiliger experimenteller tradition. diese, überflüssig geworden für die festungskommandanten, versuchen sich einigermassen vergeblich als nebenkanon zu behaupten. dass ihre verhaltensgrundsätze und produktionskonzepte zu denen des kanons sich als inkompatibel erweisen, lässt sich für eine periode der am-leben-erhaltung ‘noch’ ignorieren, jenseits staatlicher förderung zerfallen die schmalen aussenforts schnell; was im übrigen die ambitioniertesten unter den nachfahren der experimentellen tradition dazu motiviert, rechtzeitig ins lager des hauptkanons zu wechseln. der einstieg wird dabei stets über die rückschau auf historische konzepte gewählt, sei es als nachgeburt nestroys oder als raketenstations-dante.

die funktion der beobachtung wird von böhringer als ‘systembeobachtung’ beschrieben, die neben der erkundung der systemumgebung auch die observation des systems selbst beinhaltet. dies weist der avantgarde eine weitere aufgabe zu, die das herkömmliche ‘vorhut’-konzept überschreitet. die kritik des kanons aus den erfahrungen, die sich an den systemischen rändern ergeben, wird durch die kritik der wechselseitigen beziehung von vorhut und hauptmacht als bedingung für den erhalt des gesamtsystems ergänzt. gerade in zeiten umwälzender veränderungen in der systemumgebung wird diese aufgabe der avantgarde wichtig, um lebenserhaltende impulse an das system weitergeben zu können.

als taktische massnahme empfiehlt böhringer neben schärferer beobachtung eine höhere beweglichkeit. fordert das eine die entwicklung des beobachtungsinstrumentariums, um bessere fokussierung, höhere bildschärfe sowie sich erweiternde mustererkennungsverfahren zur verfügung zu stellen, stellt das zweite eine empfehlung zu einer wahrnehmung durch positionswechsel dar: wer den standort variiert, verfügt über mehr perspektiven, und wer die bewegung zwischen den aufenthalten seiner praxis als instrument hinzuzufügen vermag, erhöht nicht nur die erkenntniswahrscheinlichkeit, sondern ermöglicht der wahrnehmung einen dimensionalen sprung. ein solches konzept von avantgarde installiert einen mehrdimensionalen wirkungsraum für literarische systeme, freilich um den preis erhöhter systemkomplexität.

standardisierbare abweichungen wie z.b. serielle anordnungen, die in das kanonisierte sprachsystem eine überschaubare menge von variablen einführen oder umgekehrt dem system eine überschaubare menge von elementen entziehen, mögen helfen, die mechanik schon etablierter sprechweisen zu exemplifizieren, also einen blick ins vorliegende system zu erlauben. wäre die aufgabe der avantgarde darauf beschränkt, die zur verfügung stehenden mittel ins bewusstsein zu rufen und neu zu justieren, könnte eine solche ‘experimentalsituation’ (die tatsächlich versuchsanordnungen rekonstruiert, die dem funktionieren des schon etablierten kanons zugrunde liegen, nicht jedoch auf der grundlage neuer paradigmen experimentiert, die in bislang unerschliessbare bereiche vorzustossen erlaubt) als ausreichend empfunden werden. die überhaupt noch anerkennung findenden ‘experimente’ sind von dieser art, die konfrontation mit systemumgebungen ergibt jedoch einen anderen handlungsbedarf.

dass experimente und avantgarde-verständnisse, die sich der ungleich diffizileren aufgabe des ‘doublebind’ von fremderkundung und selbstbeobachtung stellen, von den vertretern des ‘traditionellen experimentes’ mit grösster feindseligkeit beiseitegeschoben werden, erklärt sich aus dieser differenz von einblick und ausblick.

während der bedarf an exemplarischen experimenten begrenzt ist, bedeutet das überschreiten des schulmässigen experimentellen rahmens ein ausloten neuer verfahren, was auch das scheitern neuer versuchsanordnungen impliziert: ‘fehlversuche’ stellen in einem erkundungsprozess sogar notwendige impulse zur herausbildung neuer erkenntnismodelle dar. avantgarde erweitert den horizont, indem sie sich in der begegnung mit unbekanntem als verwundbar erweist. die tendenz vieler experimenteller verfahren, sich im zuge ihrer etablierung zu verhärten (meist mittels beibehaltung einmal gewählter verfahren, häufig sogar deren fortschreitender standardisierung), entspricht einem rapiden abnehmen der wahrnehmungsfähigkeit über den einmal gefundenen punkt hinaus (was von den davon betroffenen in der regel nicht wahrgenommen wird, da sich ihnen, in einer sehnsucht nach ordnung der welt unter nunmehr eigenen paradigmen, im ergebnis der abschottung räume zu öffnen scheinen, die allerdings hinter ihnen liegen, also bereits durchquert worden sind).

die an den rändern notwendige höhere geschwindigkeit bringt ausserdem mit sich, dass klare identifizierungen erschwert werden. das springen zwischen standorten und beschleunigungen hat eine form ‘avantgardistischer identität’ zur folge, die sich nicht unter etablierten wiedererkennungsmustern subsumieren lässt, sondern fluktuiert. verortbar zu sein stellt für avantgarden eine systemische bedrohung dar, was die unattraktivität von avantgarden für vermarktbares kulturschaffen wesentlich zur folge hat.

identifikation gehört zu den grundvoraussetzungen des überlebens im vorliegenden literarischen raum ? dank der subjektstiftenden aufgabe, die der schriftkultur in bürgerlichen systemen zugewiesen wird. das vom literarischen kanon legitimierte experiment ist daher stets das bereits identifizierbare, dessen zulassung erfolgt, wenn es keinen erkenntnisgewinn mehr zu erbringen imstande ist. verortbarkeit ist daher funktionsvoraussetzung für kanonisierte experimentpositionen, die nur so (unter förderbedingungen) adressierbar bzw. (als event) identifizierbar gemacht werden können.

ein grundmechanismus, mit dem sich der kanon gegen angriffe auf seine position/legitimation zu wappnen versucht, wenn er über kreativere operationskonzepte nicht mehr verfügt, besteht in der massierung seiner kräfte. die macht der zahl, der aufmarsch möglichst vieler etablierter namensträger, war stets übliches abschreckungsmanöver, wenn es galt, in stellung zu bleiben. welches mass an bedrohung zur stunde besteht, mag an der tatsache abgelesen werden, dass im jahr 99 das wochenmagazin ‘die zeit’ zweiundfünfzig namensträger des literarischen betriebes für die verfassung eines fortsetzungsromans verpflichten konnte: eine art letztes aufgebot gegen den wahrnehmungsverlust, dem das literarische system nach preisgabe seiner avantgarden ausgesetzt ist. dass solche textreihen, wo der zweite die figurenkonstellationen des ersten weiter zu erzählen hat, den klippschulmethoden der creative-writing-kurse entsprungen sind, zeigt den taktischen rückfall der literatur auf landsknechtniveau. wer nichts mehr erkennen kann, muss eben alte waffen putzen. man könnte aber auch sagen, dass es einen an ein paar spannendere kindergeburtstage erinnert.

[anm.: dieser text wurde im grazer feuilletonmagazin schreibkraft veröffentlicht, darunter eine notiz der herausgeber, in der sie sich vom inhalt distanzierten; letzten herbst bei einem auftritt perspektives im forum stadtpark distanzierte sich einer der herausgeber von seiner damaligen distanzierung und ergriff partei für p’s avantgarde-update-diskussion.]

Christiane N. Neppel

Sie

Sie lag in der Mitte der Straße, die Hände hoch erhoben, so als hätte sie die Pferde des Fuhrwerks, das Unvermeidliche in letzter Minute abwehren wollen, ihre starren Augen weit aufgerissen, im offenen Mund ein erstickter Schrei.

‚Vielleicht war es besser so‘, dachte ich mir beim Anblick der Frau im weißen Sari. ‚Als Witwe hatte sie ein hartes Leben, und nicht mehr ganz so jung, wenig Aussicht sich wieder zu verheiraten.‘

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Sie liebte den Kreißsaal. „Es ist der einzige Ort im Spital, wo die Menschen nicht krank sind“, sagte sie, und darüberhinaus war sie froh, nach der Facharztausbildung am Land zu arbeiten. „Die Stadtfrauen sind so verkopft, verbildet, sie haben ihre Instinkte verloren. Sie haben keine natürlichen Beziehung zu ihrem Körper. Schreien bei jedem Wehwehchen. Und wenn sie ein bißchen unglücklich sind, fallen sie gleich in schreckliche Untiefen, aus denen sie, wie sie glauben, nur der Psychoanalytiker herausziehen kann. Meine Landfrauen gebären am Morgen und richten abends das Essen. Dammschnitt nicht nötig. Nicht einmal bei Erstgebärenden.

Ich mag ihre direkte Art und bewundere sie, zumal sie trotz der häufig anfallenden Nachtdienste neben ihrem Beruf auch noch Mann und Kinder versorgt. Auch ihren herrlich duftenden Apfelstrudel mag ich.

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Sie spuckte hinter mir aus. Sie spuckte hinter den Schritten, die ihren Weg gekreuzt hatten, in den Sand. So als speie sie ihr Leben aus mit all der Verachtung den Frauen gegenüber, den Blonden, die aus dem Norden kamen und ihre Männer verführten. Männer, die Nacht für Nacht einer geringen Ausbeute wegen ihr Leben auf dem Meer riskierten. Sie spuckte all jenen Frauen die Wintermonate hinterher, in denen man die Männer dann wieder ins tägliche Grau zwingen mußte, in dem sie, die Frauen, das ganze Jahr über lebten. Aufrecht und stolz ging sie ins Dorf hinauf. Ihre abgearbeiteten Hände preßten das Bündel eng an das schwarze Kleid.

Ich wollte ihr sagen, dass es nicht ich war. Nicht mein immer heftiger werdender Rhythmus schlug letzte Nacht auf die Planken des Schiffes. Nicht ich hatte den ganzen Tag beim Anblick des kräftigen Körpers die Lust gesammelt, um ihn dann unter dem Vorwand, die Cassiopeia am nächtlichen Himmel zu suchen, aufs Deck zu locken. Nicht ich war die Hungrige, die sich so sattfraß, dass sie das Echo ihrer Körper an den Hafenwänden völlig vergaß. Ich war die andere, die Blonde.

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Sie meinte, dass gewisse Behauptungen Blockaden des logischen Vorgehens der weiblichen Psyche auslösten. Die Empfindung, so sagte sie, sei der Irrtum des pulsionellen Gedächtnisses und kehre das Nicht-Symbolisierbare hervor. Die Zugehörigkeit von Aktion und Sprache sei eine Parallelenergie, gewissermaßen eine Entartung einer Nicht-Institutionalsiertwerdung. Man müsse sich vielmehr in der Integrität und der Identifizierung bewerten lernen. Im besonderen jedoch frage sie sich, ob der vaginalisierte Körper, der offensichtlich das Reelle beherrscht, sich noch immer von einer ideologischen Erfassung anderer Phänomene in den Schatten stellen lassen müsse. Einzig und allein gelte es, ihrer Meinung nach, die Plazierung der femininen Problematik in eine Phänomenologie des Geschlechts als Ausdrucksmittel und die Bedingungen der Spezifizierung abzuklären.

Nachdem ich mir wieder einmal stundenlang ihre hochphilosophischen Abhandlungen angehört hatte, kam ich, wie schon unzählige Male vorher, zu dem Schluß, dass ich Hunger hatte, Hunger nach einer deftigen Mahlzeit: HausMannskost auf einem einfachen Teller.

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Sie war es gewohnt Befehle zu geben. Ihr Auftritt wurde nie übersehen. In ihren schwarzen Schleiern und dem schweren Goldschmuck war sie der Mittelpunkt jeglicher Szene. Mit Blicken voll des Genusses wie mit scharfen Schnäbeln auf die Umgebung einhackend, degradierte sie die Anwesenden dank ihres fühlbaren Reichtums zu Sklaven. Man hatte ihr zu gehorchen. Die Orte wechselten: Paris, London, New York. Die Schauplätze wechselten: Restaurants, Kaffeehäuser, Geschäfte. Die Gefährtinnen an ihrer Seite waren stets die gleichen: Verwandte, Freundinnen, Kindermädchen, Dienerinnen. Die Letzteren trugen auf der Schürze denselben Namen, der ihr, der Herrin, mit Gold in den Schleierrand eingewoben war: Ali Bakhir, den Namen ihres Mannes.

‚Schwarze Vögel‘, dachte ich. Verhärmte schwarze Krähen, die tagtäglich in den Nobelboutiquen nachschauen, ob sie gestern was übersehen haben oder ob man sie gestern übersehen hat. Ihren argwöhnischen Blicken und ihrem Getuschel lachte mein freches rotes Kleid entgegen.

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Sie war zwanzig und auf der Hochzeitsreise, als in einer unübersichtlichen Kurve ein Auto mit höchster Geschwindigkeit entgegenkam und das ihre niedermähte. Der eine Fahrer starb: es war ihr Mann. Es dauerte zehn Jahre, bis sie sich zum zweiten Mal verliebte und wieder heiratete. Nach zwei Jahren gebar sie einen Sohn. Nach vier Jahren erkrankte ihr Mann an Multipler Sklerose. Sie pflegt ihn noch immer aufopfernd und verliert auch dann nicht den Mut, wenn sie in der Nacht mehr als einmal aufstehen muß um ihn umzubetten.

Ich habe diese Frau nie klagen gehört, ich habe sie nie mißmutig gesehen. Die Arbeit im Büro, in das sie halbtags geht, sagt sie, sei eine Erholung für sie. Und wenn ihr Mann sie schroff zurechtweist, weil dieses und jenes nicht so ist wie er will, dann sagt sie nur: „Es ist die Krankheit, die ihn so schwierig macht, die seine Persönlichkeit verändert. Man muß ihm das alles verzeihen.“

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Sie stand gebückt in der gleißenden Sonne. Mit ihren Händen stieß sie den Hackstock immer und immer wieder in die harte, trockene Erde. Die zwei Bündel am Körper zogen sie noch tiefer. Das eine am Rücken schlief. Das andere, unlängst im Acker geboren, suchte in einer der beiden langen, ausgezehrten Ziegenzungen, die einst ihre Brüste gewesen waren, nach Nahrung. Von Zeit zu Zeit ging ihr Blick hinüber in den Schatten des Affenbrotbaumes zu den drei anderen. Ihr Schweiß stillte den Durst der Fliegen. Wenn die Sonne hinter den Sand fällt, führt ihr Weg nach Hause noch am Brunnen vorbei um Wasser zu holen. Sie mahlt Hirse und bäckt sie zu Fladen. Dann, nach des Tages Arbeit, legt sie die Kinder und sich selbst auf die Matte, die Beine zum V, um ihrem Mann, falls der vom Bier nicht zu müde ist, eine gute Frau zu sein.

Ich habe über dieses Bild das Bild meiner Großmutter gelegt. Sie gebar acht Kinder, die Zwillinge während der Feldarbeit. „Er war ein redlicher Mann und fleißig“, sagte sie. Er kam immer nach Hause, trank nicht und schlug mich nie. Großvater verließ sie vor ihrem achtunddreißigsten Geburtstag für immer. Sie ging jeden Tag zu seinem Grab.

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Sie saß jeden Tag an der selben Stelle unter den Arkaden am Kirchplatz, dort wo sich am Abend nach getaner Arbeit die Leute versammelten, die Pärchen schön angezogen promenierten. Die jungen Burschen den Mädchen nachschielten und von ihren großen Taten berichteten. Hoch oben in den Sykomorbäumen tratschten und zwitscherten die Sperlingsversammlungen. Sie saß dort jeden Abend in der Hoffnung, es würden sich ein paar Touristen aus den neonbeleuchteten Hotelhochburgen in diesen Teil der Stadt verirren und ihre geschnitzten, bunt bemalten Holzeselchen kaufen.

Ich sah sie jeden Tag, bewunderte ihre schönen langen schwarzen Haare, die nur an den Schläfen ein wenig grau waren. Sie hatte immer dieselben fünf Eselchen neben ihren bloßen Füßen auf einem kleinen Stoffstückchen aufgestellt. Ich habe nie gefragt, wieviele Pesos sie kosten und auch den einen Esel, dem das linke Ohr fehlte, nicht gekauft.

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Sie gebärdete sich wie eine tollwütige Wildkatze. Sie schrie, sie fauchte, sie nahm eine Vase und warf sie knapp neben ihm an die Wand. Sie hatte in den Wurf all ihre Verachtung ob seiner Erbärmlichkeit gelegt. Sie hatte vorgesorgt, sie nahm die Reitgerte von der Wand und peitschte ihm sichtbare Striemen über sein Hinterteil. Sie warf ihm ein Lasso über und fesselte ihn, legte dem Wehrlosen Daumenschrauben an, drehte sie fester und fester, dann riß sie ihn an den Haaren. Sie hielt ihm das Glas Whisky an die Lippen und sagte: „Mach schön … bitte, bitte und Wauwau.“ Der Knebel im Mund ließ ihm nur ein „Mhm“ zu. Später schüttete sie Whisky auf den Boden. „Leck ihn auf“, befahl sie. Und er leckte und hechelte wie ein satter Mops in seiner ganzen ausgelebten Geilheit, bat winselnd um noch mehr Strenge. Ohne Emotion zählte sie die Scheine und sagte: „Bubi, da fehlt einer, einer für die Spezialbehandlung, du weißt schon, die Mingkopie.“ Der Generaldirektor zückte entzückt noch einmal die Brieftasche, küßte ihr die Hand. Sie gab ihm eine Ohrfeige. „Für deine Impertinenz“, sagte sie mit Schmollmund und Wimperngeklimper. Und er: „Danke, Schatzi … bis Dienstag!“

Ich stell die Suppe hin wie jeden Tag, das Brot, und sonntags einen Kuchen. Ich kämm mein Haar, ich wasche mich, zieh das hübsch Blaue an, um ja adrett und nett den Leuten zu begegnen. Ich mache alles nur für sie und hab mein Ich total verdrängt, vergessen. Ich bin verständig und gedenk des Friedens der Familie, Tag für Tag.

Ulrich Pichler

Die Gedichte auf der Festplatte

Schwer atmet
Stad Schnee
Zeit
die
Trostlosigkeit
mit bunten schals zu verdecken

Zeit
wie immer
tiefer zu graben
bis in erleuchteten kellern
Gewißheit
sich drohend über Gläser legt

und

Angstschweiss
von leergedachten stirnen
tonnenschwer
in die Latrinen
r
e
g
n
e
t

Kaffeehäuser
im Sonntagvormittagregen
Männer um die sechzig siebzig
(Flit Zeit Veteranen)
die haare streng zurückgelegt
(mit kleinen schwarzen Plastikkämmen)
(meist arschtaschig verstaut)
braun gefärbte finger
zittern um
Cognac Kaffee und Zigaretten

die bedienung
schlaftrunken
(fieberte samstagnacht leicht)
es riecht nach angesengten Filtern
ich bin zu früh
wie immer Sonntagmorgens

Auch die Augen
der räudigsten Kater
scheinen gelblich durch die Nacht

In der wir uns verstecken
um uns gänzlich herzuzeigen
Vorbei
an den Zeitungsburgen
und den Kartonzelten
durch die hintersten Gassen

zum Trotz
mit allen kirchen ums kreuz
nur um das eintauchen
noch ein wenig zu verschieben

nur um dem blühen
im kunstlichtkegel
eine zukunft  zu geben

nur um noch
20m Schweigen
aufzusaugen
wie ein Schwamm
die letzten resten Rotwein

vom unterrand des blumentopfs
voll mit Salzwasserziergewächsen
importiert
zum fritieren nicht geeignet
weil
– zu klein
– und bunt
– und gelb gescheckt
wie Dunkelheit
mit Katzenaugen

Erheb dich
Bruder der Nacht.

Es ist Zeit.
In Schattenrissen
treibt der Morgen auf uns zu.

Er nimmt uns huckepack.
Versorgt die vollgesognen Hirne
und schleift uns
um die nächste Ecke.

Im Stiegenhaus
erwartet uns
Geruch von stillen Leben;
während wir,
Kaffee am Herd
und Eier in der Pfanne
gähnend rekapitulieren
bis wir,
schlußendlich,
geistreich schweigen

Nicht das meer
die see
wünsch ich mir
in unsren innenhof

Die ziegelmauern
wären plötzlich weisse bretter
die luft
leicht salzig
und die weissen apfelblüten
wellenkrönende schaumschlieren
der kühle maiwind
eine steife brise
und mit zerzausten haaren
flöge mein blick

möwenartig naturgemäss

unendbar schnell dahin

Halb zehn Uhr
morgens.

der erste Tschick
im Stehen am Balkon

ohne vergleich
denke ich
Italien
so muss es sein

Radio Steiermark
legt in der Nachbarwohnung los
und bringt Gewissheit

nicht Padua
Graz