Raoul Eisele

out, out brief candle!

das leben kriecht
schwerfällig
schritt für schritt für schritt
von tag zu tag
zur letzten stunde
schleicht schattengleich
im kerzenschein
in rauchschwaden
ausgelöschter flammen
eines jungen herzens
im narrengewand des gestern
zur unbarmherzigen ewigkeit
des angebrochenen morgen
zum morgen
zum morgen
und wieder morgen
einer endlosen wiederholung
kriechend zum unbedeutenden
idioten
dessen stimme unvernommen
im widerhall
verstummt

 

Name: Raoul Eisele; BA BA
Geburtsort/-Jahr:  1991 in Eisenstadt – lebend in Wien Hernals
Studium: Germanistik BA und Komparatistik BA (abgeschlossen) aktuell Germanistik MA
Veröffentlichungen: why nICHt? Magazin 1-4 (Literaturmagazin der Komparatistik Universität Wien), SYN Nr. 12, Bücherstadt Kurier Nr. 21, mosaik freiVers 14.8.16, silbende Kunst Nr. 14., Fixpoetry, mosaik freiText 11.11.16, Bücherstadt Kurier, Inskriptionen (neue Literatur abseits vom Mainstream);
Textgattungen: Gedichte/Kurzgeschichten

blume (michael johann bauer)

im netz

vergangenheit wie kau-gum-
-mi-t-epi-lepsie
alles zieht sich zuckend
zum anfang zurueck:

schlafzimmer meiner eltern
hier grub acht=bein tabu
fieb’r’xtrem’taet
unb’rech’nbar
drang’n nacht=schreie laermend
bis ran an mein bett
mir war so schweisz=angst
bang zerkaut‘ ich ’s gehirn
& die anderen tuer’n
fuehrt’n kalt=bloesz mich nackt
tief’rer & tief’rer
tief’rer et cetera
in den harm=schwamm=
& schlamm=
=par’lyse=’rinth=wahn

bitte!
bitte hilfe!
das licht geht nicht an!

meine finger so klamm!
ganz gelaehmt lieg‘ ich da
& warte noch d’rauf
dass die spinne
mich frasz

2016_11_chimäre_von blume (michael johann bauer)

fährten folgen, auf begegnungen

manche starben und gaben/all das, was sie besaszen/und ihr handeln hinterliesz spuren/in des handelns spuren/doch dann kamen andere/und die anderen vergaszen/schon woher sie kamen/und ihre spuren mischten/sich unter die spuren anderer/denn als manche worte nahmen/wo ihre wurzeln lagen/hinterliesz ihr handeln/deutlich ihre spuren/und ihre spuren waren wurzeln/anderer gedanken/von anderen anders/wie anderswo/gedacht//

 

blume (michael johann bauer), *29.06.1979 in schrobenhausen; ich lebe in durlach/karlsruhe. habe forstwirtschaft in weihenstephan, freising, studiert und arbeite zurzeit sehr gluecklich in einem kindergarten mit waldpaedagogischem schwerpunkt. poesie, indes, ist mein leben, meine grosze liebe: dies zieht sich stringent durch meinen all=tag.
veroeffentlichungen 
in: novelle, syrinx, dichtungsring, phantastisch!, johnny, keine! delikatessen etc.
 dazu eine autorenausgabe des dosierten lebens mit meinen texten.

Marc Adrian

Hermann Hendrich
Zu den literarischen arbeiten von Marc Adrian

Wenn wir uns den literarischen arbeiten von Adrian zuwenden, vielleicht ein schmales, aber komplett veröffentlichtes werk mit zwei büchern, einer reihe von kurzen texten, einem theaterstück in kooperation mit anderen [1] und einer bestechenden übersetzung aus dem amerikanischen, sollten wir auch daran denken, wie die offizielle geschichte der literatur, freilich auch der modernen, immer von ihren eingeprägten oder eingebildeten gipfelhöhen ausgeht, und in den häufigsten fällen den ursprünglichen breiten und personenreichen kreativen sumpf partout nicht erkennen will. Freilich sollen die werke für sich sprechen, aber wenn es keine laudatores gibt, diese arbeiten einem breiteren lesepublikum vorzustellen, bleiben sie in den bibliotheken und auf den ikea brettern einiger interessierten intellektuellen stehen.

Eine neue generation von angehenden künstlern, schriftstellern, dichtern, musikern , komponisten, architekten der geburtsjahrgänge um 1930, auch verbunden mit jungen vertretern der sich aus dem rassismus befreienden wissenschaft der völkerkunde, versammelten sich mit beginn der fünfziger jahre in kleinen und größeren gruppierungen; eines der wichtigsten sammelbecken für diese frauen und männer  war der art club in der Wiener innenstadt, der so genannte strohkoffer. Geteilt wurde die ablehnung gegen die an den faschismus angepasste kunsthaltung, es gab informationen über die kunstentwicklung der 30er jahre, die vorher völlig unterdrückt worden waren, und manche künstler und schriftsteller, die quasi untergetaucht überlebten, Gütersloh sei als beispiel genannt, konnten ihre erfahrungen an die junge generation weitergeben. Marc mit seinen 20 jahren sog alles neue in sich auf, und konnte es auch so ordnen, dass es ihm in seinem letztendlich ungebrochenen gestaltungswillen zu diensten kam. Wie er insbesondere den losen kreis der – wie er schreibt – interessierten (Achleitner, Artmann, Bayer, Contreras, Ferra, Kölz, Jelinek, Potzelberger, Wobik, Rühm, Wiener) an den problemen der dichtung, musik und der bildenden künste darstellt, ist aus heutiger sicht von enormen interesse, haben sich doch die künste alle seitdem in ihre eigenen vier wände zurückgezogen. Für diese damalige zeit gibt es zeugnisse von Okopenko, Rühm, und zuletzt von Oswald Wiener, (Zur ausstellung „10 optische Gestaltungen“ im Jänner 1960 in der Galerie junger Generation am Börseplatz lasen Wiener, Rühm und Bayer, und Wiener legte ein blatt mit äusserst interessanten bemerkungen über dieses thema vor, das leider bei uns allen, die an den veranstaltungen teilnahmen, nicht mehr auffindbar ist.

Was hat man sich damals vorgenommen: das schreiben aus dem empfundenen, dem illusionismus, der einladung zum nachverfolgen des schicksals irgendeiner im text beschriebenen person herauszuführen, wie immer geartete andere prinzipien der anordnung von sätzen und wörtern anzunehmen. 1957 beendet Marc die ‚theorie des methodischen inventionismus’, der unter der beteiligung der in seinem atelier in der Oberen Donaustraße häufig anwesenden künstlerkollegen leider erst 1980 in der edition neue texte veröffentlicht werden konnte. Die mit hilfe dieser schreibtechnik geschaffenen texte der jahre von 53 bis 60 sind eben unter dem titel ‚inventionen’ ebendort erschienen. Dazu gehört allerdings auch die haltung sprachliches als material anzusehen, das nicht von augenblicklichen eingebungen gestaltet wird, sondern von einem kalkül.

Freilich hat die mathematische grundlage des „inventionismus“ sowie sein studium der wahrnehmungspsychologie an der UNI Wien neue möglichkeiten für seine bildnerische arbeit und den präzisen schnittprogrammen für seine filme mit sich gebracht.

Mit diesem rüstzeug ausgestattet, zu dem noch die kenntnis der cut-up und montage technik dazu gekommen war, erarbeitete Adrian zwischen 1966 und 69 eine anzahl von kürzeren texten, die in lesungen in verschiedenen galerien von ihm vorgetragen wurden. Leider fanden sie erst wesentlich später zu einer Veröffentlichung, sodass ihre wirkung auf die leseabende beschränkt blieb.

Auf grund aller dieser überlegungen und weiterführenden gedanken war Marc von den in der mitte der 60er jahre beginnenden möglichkeiten des computers fasziniert, auch in seinem filmischen werk hatte er sich damit auseinandergesetzt, nun gab die bekanntschaft mit einem programmierer am IBM und dem ähnlich gesinnten Gottfried Schlemmer die möglichkeit, völlig neue gestaltungen für ein theaterstück, das SYSPOT genannt wurde, auszuprobieren. Für die bühne wurde das stück nur in einer aufführung vom ersten Wiener Lesetheaters erarbeitet, aber in den protokollen 1970 abgedruckt.

Die intensive beschäftigung mit dem werk von Kenneth Patchen, insbesondere dessen meisterwerk Sleepers Awake, das Marc für den März Verlag übersetzte, verschafften ihm noch weiterreichende gestaltungsmöglichkeit. Patchen hatte ja nicht nur die visuelle und konkrete poesie vorausgenommen, sondern auch spezielle techniken der montage entwickelt, viele jahre vor Konrad Bayer. Als ergebnis dieser vielschichtigen anregung dürfen wir die wunschpumpe als die große montagearbeit betrachten, die 1991 erschien.

Wie ich in der vergangenheit einigemale ausführen durfte, hat Adrian in den von ihm meisterlich beherrschten künstlerischen disziplinen sein großes kreatives potenzial einbringen können, und seine neuen gestaltungsmethoden auch weitergeben können, in Cambridge, USA; Hamburg, Stuttgart. Zu erwähnen ist auch, dass er mit seiner aktivität in literarischen, insbesondere in der GAAV,  kreisen eine kleine gruppe von dichterInnen  der nächsten generation, unter ihnen Loidl oder Katt befreunden konnte, die sich mit seinen schreibmethoden intensiv auseinandergesetzt hatten.

Als abschluss oder auftrag an uns, die wir kreativ tätig sind:

„wir wirklichkeitsmacher“

wirklichkeit kommt vom wirken, das heißt vom machen.
schon diese herkunft deutet die machbarkeit des wirklichen an.

KONVENTIONEN

wo man hinschaut!
was man
sieht, hört, fühlt,
schmeckt man.
wie lernt man?

man sieht etwas bekanntes und
riecht dazu etwas unbekanntes.

p.e. faules fleisch (bekannt?)
in spiritus (innovation!). (*)

später lernt man dann schnaps trinken
und die grundregeln der bodenpflege
und kennt dann also den spiritus
in- und auswendig.

man hat ihn

GELERNT.

(kombinatorik macht klüger –
oder, jedenfalls, erfahrener.)

all das gelernte zusammen heißt

WIRKLICHKEIT.

natürlich gibt es dabei wichtiges und unwichtiges.
was wichtig ist weiß

DER STAAT

und seine beauftragten. denn sonst gäbe es ja
keine möglichkeit zur

KOMMUNIKATION

und das friedliche zusammenleben der menschen
wäre sehr schwierig.

was wichtig ist, lernt man in der schule

(wo es einem hübsch eingebläut wird, damit
man auch ja die

RICHTIGE WIRKLICHKEIT

innekriegt.)

aber natürlich sind da die lehrer
oft in peinlicher verlegenheit.

(wo sollen sie so viel wirklichkeit
herkriegen, wie sie zum lehren
brauchen?)

daher hat der staat uns,

DIE KÜNSTLER.

wir sind spezialisten für kombinatorik und machen
soviel wirklichkeit, wie gebraucht wird.

aber natürlich wissen wir künstler das nicht
so genau wie der staat und seine beauftragten.
und daher machen wir manchmal auch wirklichkeiten
die man nicht so gut brauchen kann.

(dann schlägt uns der staat züchtig aufs maul.)

DIE WIRKLICHKEITEN

legt der staat in die lade und kramt sie raus,
wenn er dafür eine verwendung hat.

dann bezahlt er die künstler,
wenn sie nicht schon tot sind.

wien, aug. 12/69
(marc adrian)


(*) anmerkung: in diesem konkreten fall handelt es sich um ein konserviertes blutiges menschenhirn im einmachglas in der vitrine der prosektur.

Bezogene Veröffentlichungen:

Adrian. M 1980, vorbemerkung (© 1957) in „marc adrian inventionen“, edition neue texte, Linz 1980

Hendrich H., 1993, ‚Der mehrdimensionale Künstler Marc Adrian’ in BLIMP Filmmagazin, No. 24, Graz 1993, S. 20-21.

Okopenko A. 2000 ‚Die schwierigen Anfänge österreichischer Progressivliteratur nach 1945’ in Andreas Okopenko, Gesammelte Aufsätze, Band 1, Ritter Literatur, Klagenfurt & Wien, 2000, S. 13-38

Rühm G., 1980. nachwort in „marc adrian inventionen“, edition neue texte, Linz 1980

Wiener O., 2015. ‚Anfänge’ in: „Konrad Bayer,: Texte, Bilder, Sounds. Paul Zsolnay Verlag Wien 2015, S. 278-286

Umfassende Information:

marc adrian: Katalog der Neuen Galerie Graz, Hrsg.: Anna Artaker, Peter Weibel. Ritter Verlag Klagenfurt 2007

Marc Adrian: Das filmische Werk, Hrsg.:  Otto Mörth.
Sonderzahl Verlag Wien 1998

aus: IDIOME, Hefte für Neue Prosa Nr. 10.
© 2016 Hermann J. Hendrich

[1] Liste der Publikationen von Marc Adrian

das mammut. ein lehrstück. edition werkstatt breitenbrunn, Breitenbrunn 1969 und in Neues Forum Heft 247/248, Juli/August 1974, s. 30-33 und in: die maschinentexte, Gangan Verlag 1996

SYSPOT (mai – juli 1968)  Zus. mit G. Schlemmer & H. Wegscheider, in protokolle, ’70; Jugend & Volk, Wien 1970 S. 86-96 und in: die maschinentexte, Gangan Verlag 1996

poémes inventionistes, zusammen mit moucle blackout. Siebdrucke Format 295 x 315 mm, Spiralbindung, Hamburg 1972

marc adrian inventionen. nachwort gerhard rühm. edition neue texte © Marc Adrian 1980, ISBN 3-9000292-13-2

Kenneth Patchen: Schläfer erwacht. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Marc Adrian, Originalausgabe: Sleepers Awake 1946, © März Verlag GmbH 1983, ISBN 3-88880-038-2

4 Stücke für John Cage, in Ganganbuch 5, Jahrbuch für zeitgenössische Literatur, Graz/Wien 1988, S. 12-15, ISBN 3-900530-09-2

DIE WUNSCHPUMPE. Eine Wiener Montage. © Gangan Verlag Graz-Wien-Sydney 1991, ISBN 3-900530-18-1 www.gangan.com/buecher/Adrian_Marc.shtml

scenario für herrn h. in Neues Forum Nr. 452/454, Wien, Juli 1991, S. 57-63 und in: die maschinentexte, Gangan Verlag 1996

bein ade! bade nie. in Linzer Notate Positionen, Blattwerk Linz/wien 1994, S.116-120 und in: die maschinentexte, Gangan Verlag 1996

die maschinentexte (E-Book, online). montagen, textsynthesen, computer generierte texte, permutationen (1966-69), © Marc Adrian & gangan books australia (Raw Cut 1996) www.gangan.com/ebooks/adrian/index.shtml

die maschinentexte (iBooks, download). montagen, textsynthesen, computer generierte texte, permutationen (1966-69), © Marc Adrian & gangan books australia (iBooks 2013) ISBN 978-3-900530-25-9 https://itunes.apple.com/at/book/die-maschinentexte/id777136916?l=en&mt=11

KENNETH PATCHEN und die amerikanische nachkriegsgesellschaft
© 1994 in STRUKTUREN ERZÄHLEN – DIE MODERNE DER TEXTE, Hrsg. Herbert J. Wimmer, edition praesens, Wien 1996, ISBN 3-901126-35-X. S. 33-53 ***

gegen das vergessen, © 2000 Marc Adrian in: fern schwarz
versammlung struktureller texte 1960 bis 2000. Academic Publishers/Graz, 2000, ISBN 3-901519-08-4, S. I bis VII

kurzer versuch einer stelllungnahme zu drei texten von hermann hendrich
© 2005 Marc Adrian in Gesammelte Texte; zehn, bergsommer und andere in Werkauswahl. Edition die Donau hinunter, Wien 2005, ISBN 3-901233-31-8, S. 9 – 20

Veröffentlichungen in der Zeitschrift Freibord:
schotter der erinnerung
in Nr. 20, 1980, S. 64-68
kindsbraut in Nr. 21, 1980, S. 16-18
filmrealität und textrealität
in Nr. 52/52, 1986, S. 7-26
beschreibung einer anwesenheit (Auszug 1966) in Nr. 57, 1987, S. 39-40
die wunschpumpe (Auszug) in Nr. 76, 1991, S. 7-41
frie der… in Nr. 91, 1995, S. 18

Manuskript-Faksimile in „marc adrian, Katalog zur Ausstellung in der Neuen Galerie Graz 2007“ Ritter Verlag Klagenfurt 2007, ISBN 978-3-85415-412-9

Diverse Manuskripte im Literaturarchiv der Österr. Nationalbibliothek

Andreas Bäcker

Drei Stories

NACHTGEDANKEN

Ich sitze im Schatten, meine Füße baumeln am Rand des Wahnsinns, während mein Körper stumm gelähmt die Agonie meiner Seele ignoriert. Das ganze Leben jeden Tag neue Schuhe, doch immer dieselben Füße, täglich mehr Last zu tragen, weil immer schwerer wird der Kopf. Neue Schrauben für die Denkmaschine, eine jeden Tag, an manchen zwei, drücken sich fest in das Canadian-Club-getränkte Hirn, das die selbstproduzierten Gedanken aufsaugt, bis es platzt.
Es ist Nacht geworden, vor tausenden von Schrauben bereits. Viel zu dunkel ist es, die gebrochenen Füße zu sehen, die noch immer baumeln, als wären sie bereit, ein letztes Mal noch zu laufen, ein letztes Mal noch den Kopf zu tragen, wohin es ihn treibt.
Der Brille zum Trotz sehe ich nicht mehr, als wären die Augen auf ihre Lider gerichtet, Leinwände einer Vergangenheit, die die längst nicht mehr betenden Hände unfähig waren, festzuhalten. Augenkino. Sie spielen „Leben“, in der Hauptrolle eine eher traurige Figur, die frappant an mein Spiegelbild erinnert, das ich seit Jahren nicht begrüßt habe. Hinter der Brille sammelt sich eine Träne zum Sturm auf meine Wange, die bedeutungslos im nächsten Glas ertrinkt.
Nächstes Kapitel, die Spannung steigt. Die Zukunft des Hauptdarstellers steht auf dem Spiel. Ich hatte keine Ahnung, dass der Film interaktiv ist. Berieselung ist nicht trendy, bequemer doch in jedem Falle.
„DASEIN oder VERGANG? – Treffen Sie eine Entscheidung!“
Gläser später, eine Schraube war auch dabei, wagt die Träne einen neuen Anlauf, doch die Flasche ist noch nicht leer. Die Denkmaschine hat eine neue Frage auf den Markt gebracht, die Antwort kostet einen Herzschlag. Ich weiß genau, ich kann nicht zahlen, die Schulden sind zu hoch. Ich kaufe trotzdem, Knochenbruch. Wer sein Herz verloren hat, bezahlt mit Schmerzen.
„Wir warten noch auf Ihre Antwort!“, blitzt es von der Leinwand, „DASEIN oder VERGANG? – Entscheiden Sie sich!“
Wenig Alternativen, was kostet dieses Programm? Noch ein Glas, während ich auf die Antwort warte. „Ein Quentchen Seele“, teure Antwort, wenn man meine Schulden bedenkt. Wer führt hier eigentlich Regie?
„Diese Antwort kostet einen Traum!“ dröhnt eine virtuelle Stimme. Wieder Knochenbruch, die Träume sind längst in der Vergangenheit verstaubt.
Schweren Herzens entscheide ich mich für „DASEIN“ und suche meine Fernbedienung, die neben mir auf dem Boden liegt, wie ein letzter Gruß aus einer Welt, die ich schon vor dem Bau der Maschine hinter mir ließ. Noch während ich mich nach ihr bücke, bricht mein Rücken, und ich falle bewegungslos durch die Leinwand hinter die Bühne. Klick.

 

IM WIND

Ich stehe im Wind und denke an das Leben, das mir genommen wurde, oder das ich nie besaß. Ich denke an den See der Tränen, den ich durchschwamm, die Reise, die ich vor Jahren antrat, in Kindertagen bereits. Ich denke an den steinigen Weg, den ich beschritt, so lange ich mich erinnern kann, ein Bewußtsein zu haben. Ich denke an den Schmerz, den ich mit mir herumtrage, seitdem zu laufen ich vermag.
Der Wind bläst mir kalt und scharf in das versteinerte Gesicht.
Ich friere, wie ich es immer getan habe, versuche, dem Wind die Stirn zu bieten, stehe trotzig da, einem Kinde gleich, das um jeden Preis seinen Willen durchsetzen möchte, die Arme in die Hüften gestemmt, sauge ich die Kälte in mich auf.
Und wieder versuche ich, den Weg zurückzuverfolgen, akribisch chronologisch in umgekehrter Reihenfolge mich von einem Knotenpunkt zum anderen zu hangeln, bis zum Anfang allen Seins, zu dem im Dunkel meiner Seele verborgenen Geheimnis, das einer Festung gleich die Antwort hütet.
Je tiefer meine Reise mich in die Vergangenheit führt, je näher ich dem Horizont rücke, an dem im Zenit einer schwarzen Sonne drohend sich die Festung erhebt, desto stärker bläst der Wind, peitscht durch meine Stirn hindurch direkt in meinen Kopf. Die Knotenpunkte fallen, ähnlich überreifem Obst, dessen Gewicht der nährende Baum nicht mehr trägt, durch meine vergeblich zu greifen bemühten Hände hindurch in einen Fluß, wo sie zu einem zähen Strom zerfließen, der in einer Art Burggraben zu münden scheint, wie ein Ring aus Lava um den steinernen Koloß am noch immer weit von mir entfernten Horizont gelegt.
„Nur nicht fallen,“ denke ich, „nicht schon wieder!“
Kaum, dass der Gedanke kreisend meinen Kopf verlassen hat, beginne ich zu taumeln, glaube, den Verlust des Gleichgewichtes wahrzunehmen. Noch immer treibt es mich nach vorne, meinem felsigen Ziel entgegen. Der Wind, der mit jedem Schritt mehr Sturm, schleudert mir mit der Wucht eines ganzen Lebens meine Träume entgegen, einen nach dem anderen, Träume, die ich eigentlich mit dem Zurücklassen der Kindheit tot geglaubt hatte. Ich spüre, wie sie der Reihe nach laut zischend auf meiner Stirn zerplatzen und wie wehrlose Tränen meine Wangen hinabgleiten, um beim Eintauchen in den Fluß mit meinen Erinnerungen zu verschmelzen.
Einen Moment nur, nicht länger, als ein vernarbtes Herz für einen Schlag benötigt, halte ich fest entschlossen beide Hände vor das Gesicht, um wenigstens eine Träne zu fangen, wenigstens den Kadaver eines Traumes zu retten.
Einen kurzen Augenblick nur lasse ich mein Ziel aus den Augen, ohne den Untergang der Sonne zu bemerken, das Erlöschen des letzten Restes an Licht wahrzunehmen. Und wieder falle ich, wieder tiefer als das Mal zuvor, wieder länger als erwartet, wieder ist der Aufschlag härter, schmerzhafter als alles bisher Gekannte, wieder verliere ich das Bewußtsein und beginne, auf die Ungewißheit des Erwachens zu warten.

Ängstlich öffne ich die Augen und schaue mich vorsichtig, beinahe in Zeitlupe um. Kein Loch. Ich liege im Gras, eine traumhaft schöne Träne in der Hand. Der Wind bläst über mich hinweg. Mir ist nicht mehr kalt.

 

FREIHEIT

Pausenlos redet irgendjemand von der Freiheit, erzählt Geschichten, die ich nicht verstehe, obskure Sagen, schwanger fast mit einem Hauch von Ironie. Wissen die, wovon sie reden, wenn sie mit erhobenem Zeigefinger dastehen und die Freiheit als höchstes aller Güter preisen?
Wissen sie es, oder sind sie einfach nur Mitgefangene, die gelernt haben, ihre Ketten zu tragen, als wären sie Schmuck?
Wissen sie es, oder haben sie sich nur daran gewöhnt, den Kerker als ihr Zuhause zu betrachten?
Wissen sie es, oder wollen sie sich nur nicht bewegen, um nicht am Strom des Grenzzauns zu verglühen?
Sie reden von der Freiheit der Meinung, ohne jemals eine andere als die konforme gehabt zu haben.
Sie reden von der Freiheit des Glaubens, der ihnen in die Wiege gelegt wurde, noch bevor sie sprechen konnten.
Sie reden von der Freiheit der Entscheidung, vor die sie nie gestellt wurden.
Sie reden von der Freiheit, gehen zu können, wohin sie wollen, ohne sich je bewegt zu haben.
Sie reden von der Freiheit, den Beruf selbst zu wählen, den ihre Eltern für sie ausgesucht haben.
Sie stehen vor mir und reden auf mich ein, reden noch immer von der Freiheit, die sie so lieben. Endloses Gemurmel frißt sich in meinen Kopf. Ich soll die Freiheit verteidigen, soll kämpfen, soll in den Krieg ziehen, soll Menschen töten, die ich nicht kenne, damit die Freiheit weiterlebt.
Ich frage mich, was sie wohl meinen könnten mit der Freiheit, für die sie sterben wollen.
Wie frei werde ich sein, wenn ich das Blut nicht von meinen Händen waschen kann, die sich nicht mehr bewegen, wenn es mir nicht gelingt, die Schreie aus meinen Ohren zu spülen, die nicht mehr hören, wenn ich es nicht schaffe, die Bilder der Gewalt aus meinen Augen zu wischen, die nicht mehr sehen?
Was ist frei daran, in agonieumsäumter, morphiner Stille auf den Hubschrauber zu warten, der mich zurück hinter den Grenzzaun bringt?
Sie tragen mich hinaus, eine Spritze noch, damit ich die Reise schmerzfrei überstehe. Der dumpfe Nadelstich breitet sich in Sekunden in meinem Körper aus, und doch dringt durch meine betäubten Sinne ein Anflug von Nervosität. Ich spüre zwei kalte Metallplatten auf meiner Brust, dann den Schlag, das Kribbeln, blinde Augen, bis zum Anschlag aufgerissen, blicken in das Licht. Noch ein Schlag, das Licht kommt näher, noch einer, mit jedem Schlag mehr Licht, weniger Kribbeln.
Wieder einer, das Kribbeln ist weg. Flatline. Ich bin frei.

Rudi Krausmann

Thomas Bernhard

In Memoriam

When I heard of the death of Thomas Bernhard by chance in the German daily paper Die Süddeutsche Zeitung the reaction was more then a shock. My life seemed suddenly meaningless to me. Immediately I stopped working (ironically I was just translating the news for a German language program at Radio 2EA) and stared out of the window. What am I doing here, I thought. Opposite I saw some construction workers putting up another skyscraper at Bondi Junction. It was obvious what they were doing, but where would it lead to? Another shopping centre, another price list. It happens every day and I, like so many others, got used to it.

When I turned away from the window and looked into the room I saw, amongst many other silly wall decorations, one from Austria. It showed the ‚Stephanskirche‘, Vienna’s most popular cathedral in the background, and in the foreground a ‚Fiaker‘, a horse-drawn coach and its driver sitting on top with a few American tourists in the back seats. They were all smiling, of course, like an operetta by Lehàr (Immer nur lächeln …). This poster was distributed by the Austrian government.

At this moment I was not even thinking of Thomas Bernhard’s works, his novels, plays or even early poems, some of which I had read in the course of the last twenty years. As it happened I had had my own private encounters with Bernhard over a longer period. For one year I was sitting with him in the same classroom, it was at the ‚Humanistische Gymnasium‘ in Salzburg, later I met him in the streets of Vienna when he was totally unknown and writing his first novel Frost. If he did not use the tram (or the Straßenbahn) at the time, it was not only that he had hardly any money, but because he did not want to sit in the same compartment with the Viennese. He preferred to walk back to the apartment of his aunt, from the centre of Vienna to its outskirts.

With the literary success of his novel Frost, and the reception of the ‚Bremer Literaturpreis‘, amounting also to some prize money, he bought himself a small farm near Gmunden in Upper Austria, where he also died.

When I met him occasionally in the cafés of Salzburg, like the ‚Tomaselli‘ or ‚Bazar‘, bourgeois establishments which nobody from a middle class background could escape, he was always full of hate and full of irony. His hate was directed against the Austrians or the state of affairs in Austria, and his irony against the human condition in general, not sparing himself. And, if you like, he put his hate into his novels and his irony into his plays.

After I had emigrated to Australia I had of course lost personal contact with Thomas Bernhard. Once I sent him a copy of Aspect (No. 21, June 1981) because I had published a translated interview with him which had first appeared in Die Zeit, a German cultural weekly. I had not asked his permission. Bernhard was already ‚famous‘ at this time for his rudeness, he hardly replied to anybody and was not even willing (a friend of his told me in Salzburg during a later visit) to receive his translators. As he had not installed a telephone in his farm, even his friends and relatives found it hard to communicate. There was a rumour that he threw the daily mail in the rubbish bin before he had looked at it. Whatever the case, Thomas Bernhard’s style of writing and style of living were the same.

When Thomas Bernhard had died, suddenly, many Austrians must have been relieved. Nobody in Austrian literature, past or present, had made such direct attacks on his fellow-citizens. Neither the classic Grillparzer nor the modern Robert Musil. And never, to my knowledge, had the Head of State, ‚der Bundespräsident‘ made a comment.

‚Thomas Bernhard’s writings are an insult to the Austrians‘, Dr Waldheim had publicly declared. No wonder that Thomas Bernhard, who was buried secretly and had managed it that only three people could come to his funeral, thus depriving the Austrians of a lovely corpse (eine schöne Leich) made more headlines post-mortem than when he was still alive. And Gunter Nenning, provocative journalist from Vienna entitled his article in Die Zeit ‚Der wahre Präsident‘ (the true President). I quote (my translation): ‚Waldheim lives, Bernhard is dead. Death for an Austrian who, in his preference for the wrong ones, is as unjust like its Philistine people. At first they did not want to know about him. The West-German culturati, nourished by its publishers, had known Thomas Bernhard much better than his own countrymen … The true President of Austria, who was, like its people, justified in hatred about everything and everyone in this country, was not loved by his own people … But the dead Bernhard is a good Bernhard, the next postmodern public building will be named after him …‘

I could go on quoting ad infinitum, or if you like, ad absurdum. Unfortunately in this postmodern polemic the essential Bernhard could have been lost, or even forgotten. Perhaps foreign writers like John Updike, expressed a more balanced view. In his comment, also published in Die Zeit, he wrote: ‚Although in Bernhard’s writing the theme disease is prominent, I was deeply moved when I heard of his early death. My knowledge of his work is limited, but the few books of his which I have read impressed me immensely. In my opinion he was one of the authentic voices in post-war Europe … His unique form of irony and his particular honesty had the sign of greatness‘ (my translation).

I like to remember Thomas Bernhard as I saw him the last time in Salzburg. He was leaning against the wall of the ‚Trakl Haus‘, now a museum of this ill-fated Austrian poet who had died of an overdose of drugs during the First World War, at the age of 26. Although at this time he was at the height of his fame and productivity, his smile was very sad, with only a flicker of irony. I had intended to ask him to go to the ‚Tomaselli‘, but realised he was not in the mood to go anywhere. Thomas could have said what he wrote ten years later in a letter to the director of his plays, Claus Peymann:
‚All by-passes lead to death‘.

Mona May

Die Lemmingbucht

 

Eisig kalt pfeift der Wind durch die nördlich gelegene Bucht, die sich bei Leeka, einer kleinen Insel, die beinahe an Norwegen stößt, weit in das Nordmeer hineinzieht.
Die zwielichtigen Nebelgestalten, die übergroß aus der Bucht emporwachsen, schweben und umschlingen sich, werden vom fauchenden Nordwind hin und hergeschoben. Sie formen die seltsamsten Gebilde, um sich dann dampfend und rollend in die offene See zu ergießen.
Die frostigen Elemente schmiegen sich hier aneinander. Die gefrorene Luft, nicht einzuatmen, tänzelt auf der dünnen Eisschicht spitz zischend auf und ab.

Weit ab sind Schritte zu hören, und das Knirschen und Stöhnen, hervorgerufen durch das abwechselnde Aufsetzen des Körpergewichts, breitet sich eilend über die splitternde Schneedecke aus.
Die Frau, deren Füße in schweren, felligen Lederstiefeln stecken, scheint im dunklen Grauen des Morgens wie verloren. Ihre Hände bohren sich tief in die Taschen der filzigen braunen Jacke, die um die Taille von einem fettigen Lederband zusammengehalten wird. Um den Kopf windet sich dicker Wollstoff, der die Stirn mit einhüllt, sich dann an die Wangen preßt und in Form einer Kreuzschlinge die Kehle und den Hals umschließt.
Ein weicher schwerer Rock fällt bis auf die Stiefelränder, an denen sich der Saum durch die ständige Auf- und Abbewegung ihres Ganges bereits abgewetzt hat. Darunter, unter dem Rock, kratzen feste Strümpfe aus Schafwolle an den Beinen.
Wie tiefe, hohle Gruben nehmen sich ihre Wangen aus. Über ihren blanken Backenknochen lugen unter den Augenlidern zugezogene Pupillen hervor. Die Augen, deren Licht und Farbe erloschen sind – zwei stechende Punkte – blitzen katzenhaft auf.

Über ihr Gesicht, das von feinen faltigen Linien durchdrungen ist, huschen wehmütige Schatten, die ihrem bläßlichen Gesicht eine fast hochnäsige Noblesse verleihen. Ihr verbissener, fest verschlossener Mund zeugt von der nun unbeugsamen, erbosten und kämpferischen Natur ihres Wesens.

Hart kracht jetzt das Eis unter ihren Füßen, was als gläsernes Echo zuruckgeworfen wird.
Nein, nur nicht stehenbleiben, weiter, immer weiter, drüben leuchten die Nebelgestalten, winken ihr zu, weiter, nur nicht zögern, rufen sie und bewegen sich auf sie zu. Sie nähern sich ihr, schmeicheln sich ihr entgegen. Ein fahriger Windstoß wirft sie dann zurück, bringt sie zum taumeln, und wie von einem Fausthieb getroffen sinken sie in ihrer Leibesmitte ein, zerzausen und stoben davon.

Sie beschleunigt ihren Schritt. Der Wind hebt von neuem an, fegt wie ein wild dröhnender Orkan über ihren Kopf hinweg, droht sie mitzureißen, es wird ihr unmöglich, sich noch auf den Beinen zu halten.
„Aber nein!“, sie darf nicht stürzen, sie darf in sich nicht für einen Moment lang nachgiebig werden oder sich einer Schwäche hingeben. „Aber nein!“, kurz zappeln ihre Arme hilflos herum, und während ihr Kopf vornüber gegen das Brustbein schlägt, stemmt sie sich bereits wieder gegen den scharf tosenden Sturm.
Plötzlich, für den Bruchteil einer Sekunde, hält sie inne und starrt wie gelähmt auf das Bild, das hoch oben über ihren Augen auftaucht.
Sie sieht den riesigen weißen Adler, der inmitten seines Flügelschlages wie eingefroren verharrt. Dann, nach einem kurzen Augenblick, holen seine Schwingen weit aus, und die Flügel, deren Spannweite sich unermeßlich auszudehnen scheint, heben sich, wölben sich nach oben, um am Umkehrpunkt zu erlahmen. – Er bringt seinen Flügelschlag nicht mehr zu Ende und stürzt in endlose Tiefen. Aber – dank der erstarrten Haltung seiner ausgebreiteten Schwingen gleitet er dann das letzte Stück des Falls, um besänftigt auf einer wässerigen Oberfläche zu fanden.

Beißende Kälte dringt an ihre Haut und jetzt erst nimmt sie die Kälte wahr, von der sie umgeben ist, gleichzeitig ist es, als würde sie diese Kälte verbreiten. Die Vision des Adlers hat sie verwirrt, und sie ängstigt sich nun. Aber nein! Sie darf nicht stehenbleiben, nein, sie muß weiter, sie darf in sich nicht für einen Moment lang nachgiebig werden!

Ihr Keuchen wird nicht versiegen, laut und heiß pocht es gegen ihre Brust, während kühle Tränen an ihren Wangen hängenbleiben, um dort zu schimmernden kristallenen Perlen zu gefrieren.

Noch ehe der Tag anbricht, will sie auf der anderen Seite der Insel angelangt sein, sie will hinüber, an das andere Ende der Bucht, zu den Fjorden.

Die Lemminge halten dort drüben ihren Winterschlaf. Sie haben ihre pelzigen, mausartigen Körper aneinandergebettet und sobald das Eis zu schmelzen beginnt, werden ihre kleinen Körper zu zucken beginnen. Sie werden sich räkeln und langsam erwachen. Nach dem Erwachen werden sie mit ihren winzigen kralligen Pfoten durch das Fell streichen, sie werden ihre Ohren säubern und ihre Barthaare langziehen. Mit ihren kleinen stupsenden Nasen werden sie sich einen Weg aus ihren Winterbehausungen hinaus ins Freie suchen.

Sie ist seit gestern morgen unterwegs. Sie weiß nicht mehr, warum sie so plötzlich fort wollte, warum sie sich so hastig davonmachte. Gegen diese schmerzende, rufende Sehnsucht, von der sie einige Tage zuvor befallen wurde, die sie dazu zwang aufzubrechen, konnte sie sich nicht wehren.
Die Menschen im Dorf werden keine Ahnung haben, was sie davongetrieben hat, was sie aus der Enge ihres Lebens, ringend um Standhaftigkeit, aufgerüttelt hat, und was sie schließlich dazu brachte, in der kalten Nacht ihren Mann und ihr zwar bescheidenes, aber freundliches Haus zu verlassen.
Sie, die Zeit ihres Lebens eine von keiner großen Leidenschaft besessene Frau war, sie, die immer ihren Pflichten, gemäß ihrem Rang, den sie im Dorf einnahm, nachkam, wurde mit einer von ihr noch nie erlebten Wucht, von einer beklemmenden Agonie getroffen, die kein Zurück und keinen Ausweg kannte.

„Es gibt keinen Weg zurück, der Weg zurück ist weit!“

Das Bild des eisigen Schneeadlers ist längst verblaßt. Was hatte es auch für einen Sinn, sich noch länger darüber zu erschrecken oder sich mit Fragen über das Geschehene zu quälen?

Es würde sie nur behindern, es würde ihren Schritt verlangsamen und ihr Ziel in eine weite Entfernung rücken. Zum Schluß würde sie noch den Wunsch verspüren umzukehren, und dann wäre alles vergebens gewesen, der beschwerliche Weg umsonst zurückgelegt worden.

In dem kleinen Dorf, das sie gestern verlassen hat, würden sie alle mit neugierigen Blicken verfolgen, und kaum dass sie den neugierigen Blicken den Rücken zugekehrt hätte, würde ein wisperndes, bösartiges Getuschel hinter ihr einsetzen. Später dann würde sich das ganze Dorf ihr gegenüber in ein ausgrenzendes Schweigen hüllen, das sie mit jedem Tag mehr aus der Dorfgemeinschaft ausstoßen würde.

„Es gibt keinen Weg zurück, der Weg zurück ist versperrt!“

Bald wird das erste zarte Licht der Sonne den Tag bringen, sie wird den Morgen in einen kalten, milchigen Glanz kleiden. Sie muß sich beeilen, denn der hereinbrechende Tag ist hinter ihr her. – Sie will den Tag empfangen! – Stolz und ruhig wird sie sich ihm entgegenwerfen, und wenn ihr Atem am Verebben ist, wird dieser Tag ihr gehören, ihr ganz allein. Er wird sie zärtlich umfassen, und während die pralle Wintersonne aufsteigt, wird alles in ihrem goldenen, gleißenden Fluten erstrahlen.
Es wird sie niemand mehr stören können, sie wird am anderen Ende der Bucht angelangt sein, sie wird drüben bei den Fjorden sein. Selbst die Lemminge werden noch nicht aus ihrem Winterschlaf erwacht sein!

Siegfried Holzbauer

diarium 180696

 

schneechaos verhindert heimfahrt längert käsnudeln

auto bahnt salz weg die gute kammer offene tauern

urlaub

urlaub zuende

arbeit zuende vollmond

hl.3 könige faul

taufe valentin fetter als albert das essen halbwild

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lang bei oma bleiben zahnärztliche geheimnisse

bosnien aus qual wie nervt franziska michael

frei räume weiß am 30ten nichts mehr davon

hasha dim sum cafe musen um sonst nix

idee beginn link mutter anrufen wie spitalt vater ifor bosnien explore convoi wien gmunden

kleider lachen leute in die hose nebelsee sonnenberg gmunten beobachtet vater’s herzrythmusstörungen

kirch & kakao mit schlag löcher in der piste schlitten fährt tochter schnee schmilzt herz

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die auswahl geht weiter stresst zur erschöpfung der mittelweg platzt wie adern im aug rötet die scham braun schwärzt die demokratie an khol’s der teufel

zu fuß sondert untersuchung kacheln kalech minus 47

hektik verlust aufpassen dass die birne nicht implodiert paging a home ping ein letztes christ aufbäumen & sterne verspritzen

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knockin‘ on heavens‘ door japsend the virtual boy: komm gib mir deine hand

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kralik fürchtet sich vor katzen auf der autobahn inbrünstig hofft er auf regen prägt sich die abfahrts und ankunftszeiten ein smetana war balsam für seine seele zeit wieder wallfahrten zu gehen die wahrheit koste lies ulat & co hochradproduktion & von den lippen die gulaschflecken

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vergessenes sakko irrfahrten nach borneo fritz im hotel

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bürger von GeoCity Athens 2538

auf in den süden zwischen scheiben spaghetti bei ulli volles haus & würste in cahorce sausen & schmerzen julijanas ohren zum herzzerreißen

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in vertretung und bangen und hoffen dann springt sie mir entgegen alles gut aber ärztlicher rat verteuert den aufenthalt

ungeweckt vereist zum augustin im zwickel ein strahlend schöner tag ärztliche kontrolle leicht geröteter ohren belästigen nanne fade out day unbekannte gebeine lahmen den bach

morgendliche abschiedstränen verfroren zum augustin bismarck’s zweifel im zwickel aufgelöst zu weichware doppelt bekocht tochter’s tante tanzt & klara

glätte droht furt zu vereisen klagen undinen die dauern mich

samstag glättet & die straßen

schnee im nebel wasser im wald kinder im messer & der bruder im T-shirt

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arbeit macht krank finanzamt arm sparpaket sauer & die kleine nach der mutter weinen ausgeheilt

nach langer zeit mit der straßenbahn zur arbeit auf der suche nach dem hochzeitsfüller riesenbudgetloch gefunden & eine homepage

zu dritt verweigert ein drei-sterne-general bruderschaft verpflichtet die idole der jugendzeit scheibchenweise silbern demontiert dinkelmehl semmelweiss ein rauchfangkehrer bläst zum angriff

jacket ausgezogen & die krone auf dem zahn gefühlt & zwei stunden auf dem stuhl

kinder wagen wohnungssuche infrarote energiestrukturen als fluchtwege ins land ob der enns

verhaut versaut der tag verlegen eskaliert der streit rund um die liebe zur farce & verkocht leise unter der bettdecke

zur lasagne eingeladen weitergekocht kehrt stille ein im weinen löst sich ein schrei auf wiedersehen

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grau wenig blau der bart gehört gestutzt zu recht verlor sie milch ans schattenhaus

fünf bis drei viertel zwei falten wieder ausgebügelt bäcker’s verlust schmerzt

am nächsten tag zerspringt der kopf dumpf & widerwillig

eunuchen im ruhestand fluchen sich jung & unversehrt der valentinstag brachte blumen für paul & im extrablatt einen stein ins rollen

erschlagen vom transit verdoppelter utopien & ankerworte in paralellwelten des erinnerns im meer derzeit beben geflutet zu stumpf gewetzten herzen amo klopft es bis zum hals der rote teppich blumendurchwirkt seine mutter kindst

frisch bezahnt zum faschingsamstag snack seltener pelzbesatz & ungeschützte daten sollwerte zeitversetzter lustfeindlichkeit im keller nähren sie ratten züchtigen ihre kinder & erzählen witze & von heldentaten & dem ständigen
kommen & gehen der leute & hemmanschwellen der wc-benützungen in heidi’s männerpension an der ostseeküste

kein kind & messer aber paura’s mündung blitzt auf in schneewasserlachen entenbraten sinkt wie ein stein zu boden geräucherten saibling verschlingend

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erfolglos verzettelt vertröstet auf morgen das heute

wie gestern die gleichen zerfledderungen der sekt bleibt ungetrunken die nacht & ruhe gestört vielerlei

erste anmeldung & antworten zum jahresende wohnen im grünen

erste schritte im schneegestöber wohnen im silo

kinderärztlicher rat wohnen im einklang

erster augenschein trost im klassenlos & befühlen von federn lohnt sich nicht

aller heiligen wasser gefror im wald zu schlaf: kind ermesse die verwunderung

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wiedersehen mit gustav arp nach 5 wochen ist der montaghimmel noch blau wie 10 tropen koh-i-noore zypressen und fichtenhölzer biegen sich zu kontragitarren am altstädter ringt kafka um luft publikumswirksam bleibt der pfeil in ihren blonden haaren stecken

friedenserhaltung am golan zum schulden abtragen busse fliegen in die luft die grippe hat wieder zugeschlagen trotz vitaminbecher einfrieren des prozesses molotow zündet seinen cocktail an & schmeißt ihn in die jubelnde menge

mangels arbeit vorzeitig abgegreist

schüttel froh stab & gebrannte mandeln neugeboren weit geöffnet dringt in vollen zügen neues ein

warten dass der tag vergeht & das kind schläft schon ungeduldig

ich hing an ihr inge aichinger rarität im schneegestöber milchreizende barockstadt zum mond erbleichte sonne

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wieder noch ungesund im geschäft

auf der spielwiese das projektil abgefeuert & darum ins schwitzen gekommen

stunkstress über den tisch gezogen gescholten plötzliche siedepunktverlagerungen

enthaltsamkeit & geburtsvorbereitung entspannt gesittetes baby

frau ohne stimme im afghanischen zählt regina maxuta

luitz am pötzibeg kungen kauging statt bendi gatzhaus fapad

zusehends in die länge verwortet wo schnitt in der kemsse von nöten & theater den lufthauch austrocknet

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zuwiderläufer montag ins blanke mozart gerückte gärten & der semiramis tränenreiche

im schnee nach sonne brüllend gestöbert bleibt schreiben der einzige sozialkontakt

nach genns ziehen gescheitert am steten zuzug kommender lasten wo flußschlingen die fülle zu haltlosen steinen versanden & glashütten

wortfluß grindiger katzen pisse verflüssigt & überversichert geburtsvorbereitende finanztransaktionen

die sonnenbrille & qual der verwandtschaft an namenstagen verleitet zu einem ersten zaghaften frühlingsspaziergang

einwand: schafft vereinigung des erinnerns (leg dich in die sonne hans und brenne anna kalbt)

statt lieb baumeln sonntagsherzen im familienidyll schleckt der bruder das messer ab & klappt zusammen

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in die montagslähmung platzen wechsel öl ins feuer erstarrt die hand kellerkalt zur publikumsbeschimpfung täger und kriegslinge zu stehlen und schlachten

kinderpflege haut & haar überschäumender stress lachen

hinter der ortsmusik im gleichschritt zur totenmesse die tante wächsern im sarg krokusse & schneeglöckchen beider zehrung ihr sekundentod hält bei stimmung

über arbeit fordert zeit vernichtung auf der stelle treten ein abend im haus der frau

wochenende beginn gänzlich freitag

roithen eggt bier zu welse & verdingt sich als knecht ab hof

kindermesser schneiden entenfutter fleckerl schinken küchenberge herb erträumte sonnentage was unter den tisch fiel: ärger übers essen völle & schweiß das kind bei oma & opa müdigkeit & uta’s buch der becher die angst die sorgen & sie

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gustav rapt den kindern dunkle flecken in die hose & seele ignoriert die kippenden hochzeiten & wallfahrten ins ungewisse glück & glas wie leicht

dann flieder & sein herz in wohligen zuckungen flutet die vorhöfe schächtet männer & dörfer ketzer pomlaska’s ruten für st.nikolaus die schindermähren der regenten kometengleich entwurzelt verglühen lautlos über kuwait

auf spurensuche herkünftiger zustände trauer um marie unvergeßliche wirtin als ulrich’s söhne sein pferd in andere hände gaben stahl er sich davon ein goldenes kreuz & ging

noch weiter zurück in klausuren geschlossen harren alte reisetintenfässer der befüllung

wie in alten tagen wege wagen & laut fragen einklagen für kurt ein helles

zu anna’s feiertag sieben ziegen verspeist

sommerzeitumstellung wie sehr doch enthausung schmerzt

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wie der da im hemd wie wichtig

wie der im orbit trüb nach einer woche kar o stern verdunkle

mit

grün

den freitag fast leer gemessen am kastendenken

die auferstehung nicht abgewartet die welt ist voller junger mütter

gutschein esther kitzelt lachen auf den bauch

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otto pötzi’s erste puppenwagenfahrt

beim schließen der erinnerungslücken wundgeflogen

gast im garten erste sonnenstrahlen die vergangenheit wach ins weiße so verlaufen reisevorbereitungen im sande die pläne & das geld zerronnen in den fingern klamm das fromme lied teil um teil verloren hannes versteht sie nicht weint

wieder im prater blühen die bäume für bosnien noch nicht ausgequält die kälte zwingt schweizer ins haus inkpot rauchen

groggy unterwegs die leberwurst im kasten mühsam

das aufbauen gelingt zum fest verschraubt mit band und mütze trennungsschmerz die zeit verfliegt ihrem charme

marathon der wind erkältet den frühling im fischerhäusl mit katharina versäumte messe beim platz schaffen gewann die oberhand

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caritas freifinanzierte rosen in alturfahr west renoviert

das auto überholt das trinken das geld abgewartet das kind auf das ende des winters

die tage neu gerahmt das leid der säle vereinsamt unter freiem himmel lidschluß sucht leim rieb klösterliche seideln breit & lacht

lauer himmel brennt rillen in herz tische & stühle lockt ins freie krümmt vögel & räme zu seligen schwegeln & andenken dungen knechte für erlahmte allen alles recht machende schweyer & rannten davon brannten kinder löcher in zähne hände & lungen verschoben milch dann fische in historischen trachten vergraben

in den keller auslagerungen & umschichtungen an der donau spielstrand

wieder blank gehen wippend die balkone neu bepflanzt & redesigned mit stiefmütterchen & vergiß mein spielzeug nicht

hasel acht mühlen muß sehen wie halb geöffnet die felder bald lohnen die tränen der schweiß um die liebe

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die hitze hält an & jetzt raus die blätter gras & blüten in der abendsonne verglimmt der tag

in der sandkiste hand in hand die rutsche hinunter über die wiese gelaufen ihr überschwang steckt an

das umbauen der demos entsorgt 13000 um 20 gelassen stehen diese ketten sprengenden bibliothekare international im regen austausch zur miete kindst tagesmutter victoria

heute zur lösung entinnertes als datengerümpel gelöscht & aufgeräumt

gerhard schied mit stab essend aus über stunden frei

im einkaufsrausch roten sarbes heimtraut zu finden versucht glück zu scheiden & befeuchten

kind zur oma kommt neues eben zur weißglut gebanntes panorama einer überlandfahrt

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so scheint ohne einladung geburtstage zu vergessen ärger als die angst vor verwerfungen zufälliger lüste flüchtigkeiten

& verschiedenes warten von frühen ängsten schwanger & kugelrund am busen der glanz schafft unbehagen & verfliegt im schaum

er trägt sie & es noch immer rafft auf einer langen weile fahrt hausen gusen taumeln talwärts reichlich lieb aut zartes maiengün

weiterwarten in der stille pöten pyro leben retten zitternd täuschung

in bewegte bilder zerscherbtes säuglingsgrab zerplatzt die hoffnung von der mobilisierung des blickes

so viele dinge nicht so passieren wie sie sie wüschen

fischer’s garten reim & utens haar hält katharina rund

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der bauch schmerzt durch männlichen eingriff verwundert verweint die anzeige zeit der niederkunft überschritten

der kadett ist verkauft tausend apfelblüten entlang des kreuzwegs locken vergeblich

im kreis warten sprengt die blase abendlicht dunkelt den tag frei zur geburt presst das kind aus der höhle & mir in die arme esther thérèse will trinken zur mitternacht glühen der kastanien kerzen kafka bemehlen freundliche aludosen

erleichterung stresst doppelt einfach die große wieder holen & das kind bestaunen

oma’s 360.kniebeschwerden zwingen freitag

die zunge zu holen beißt warzen blutig pumpt & schläft wieder auf meinem arm

milch & tränen im überfluß zur muttertagsgeschenkswelle

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mir ist alles recht stressig für’s baby nest herrichten oma quasselt die mitternacht herbei

gesteuerte erklärung beim bezahlen der klinikabgaben nach pizza & henkell trocken reist sie wieder ab vapor holt sator willkommen daheim

so beginnt das alltagsleben mit zwei kindern & inbetriebnahme der melkmaschine neues familienglück

& im stillen

& heute statt milch fließen tränen & lösen den stau zur ersten ausfahrt

linz festet auf im getümmel wortlos versandet

zur spielwiese geplatzte krägen & radlager

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kindergartenonkeln & wäsche glätten

ins büro abgetaucht an der donau ausgeflügelt

auf amtswegen drei rosen unbezahlbar das entfernte haar im nestroy & müttergeschnatter verweht die spuren im sand verlaufen die verwerfungen fragrecht zur fallinie kommt der exlover kindergartenschnuppern bleibt ein flaues gefühl im magen

& leer verkannt unbeachtet eröffnen ausgestellte panoramen esther’s erste autofahrt

ostmann in der libyschen wüste grüßt carlo allergische reaktionen im trappistenkloster franz schreit laut auf knusprige garnelen machen lust auf sechs tage sekt

leckt haar schnitt bart spielt volk am platz färbt & melkt idylle ab

der töchter aufwachen schlaft mich drittelt die nacht pfingstwund der kinder messer aalglätte räuchert markschwarz

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nelken statt pfingstrosen große augen & immer durstig

kälteeinbruch lindert launen weht antonias ungeduld zur steig um zwei felle schwimmen schon

glutenweiße milch läßt tiegel springen wanzen lauschen saugen über allen wipfeln ist ruh

vier gewachsen & erschwert ums viertel ausgeschieden der vierte zeitversetzt gestrandet bald heitert sich der himmel aus

buckelkinder am hamburger fischmarkt

den nachmittag verschlafen putzwut reinigt kaum des tages schwüle roseo schreibt das tempo vor

sie lispelt leise platz stadtkind vermesset berg und tal die heiterkeit im ausfluß permanenter unzufriedenheit

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nach 14 tagen vaterschaft ins büro zurückgestreßt apfelsaft geilt auf krümmelt geblähte säuglingsbäuche winden donauwellen wütend sang & rüttelt wiese beruhigung je wieder sex, drugs & rock’n’roll

was zählt tickt langsam bewimmert plötzlich purifikation

arbeit freit & webt bezüge zurrt 50 täler & führt schafe schreiben

der vers offen die flasche entzwei liegen wir im bett & verschlafen die sommerhitze

am busen denaturiert die milch fischelt alibigärten im roten wüstensand unfinanzierbare büsten

brennheiß gekühlt im gmundner strandbad flutet chlor das becken blau die luft zum spaß der schatten grau

sonne ohne messer tage ohne fön schickt mädchen nach innsbruck als dankeschön

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froschung & ungeküßte leere verglühen in der sommerschwüle saugen simon’s staub zu blitzen aus nächtlichen witterungen

verstört läuft kreis dash an ecken schwindet vertrautes dash fett schwitzt sich zur ader dash die lasten dash frei gefügte ziegel atmen kurz

zwölfer schnitt lust zwischen durchlässen ladungen oft verstümmelter waren im regal neger sich im gras im tor tot der otto dreht sich um nebel um esel verkauft seine seele an hippokraten die zufällig die längste laufzeit boten

helle schockt mich angenehm rührt zum trennen vergangener ankerleinen

bauch an bauch den zahn aufborendes interesse der kommandanten im schatten des schanigartens ola broken

stein rutt zeug schreib bezug & fertig prinz

den kleister wegkratzen fünf verklebt auf einen streich im strandbad rösten peanuts kinder glücklich

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haschek siedelt im wasserfeld der samen leicht der fisch zappt auf umwegen zum see euphorisiert zählt er bis fünf vor zwölf ronnies zimmer küche kabinettstücke

 

Michael Dransfield

Gedichte

Epidermis

Überdeckung aus Nervenenden
wunderbares Zelt
Zeppelin himmelwärts in Menschenmengen und Decken
Kissenbezug aus Fleisch in Fortsetzungen
wickelte sie uns recht ordentlich in unsere Sinne
isoliert uns aber nicht gegen Äußerlichkeiten
tut nichts zum Schutz
benachrichtigt nur das Gehirn
von Gesprächen mit einem Reiz
ich berühre gern deine Haut
und spüre gerne deinen Körper gegen meinen
zwei kleine Inseln in einem Atoll von einander
verbringen wir die ganze Nacht mit neuen Entdeckungen
von dem was die Winde der Leidenschaft angespült haben
und was eine matte Flut für uns zum Spielen finden wird
wenn dieses Spiel seinen Reiz verloren hat.

Deutsch von Rudi Krausmann und Olaf Reinhardt

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Bildnis des Künstlers als alter Mann

In meines Vaters Haus sind viele Spinngewebe.
Ich ziehe vor, nicht dort zu wohnen die Gespenster
stören mich. Ich schlafe in einer Bodenkammer
über der Remise, und jeden Morgen
durchquere ich eine Nachhut aus Hecken um im Haus herumzugehen.
Es sieht aus, als wäre es aus der Erde gewachsen
zwischen seinen Eichen und Fichten, unter der großen
Arche der Moreton-Bay-Feigen.
Mein Studierzimmer ist das größte im oberen Stock;
dort schreibe ich an regnerischen Tagen
archaische Gedichte an einem Tisch aus Zedernholz.
Nur Porträts und Spinnen bewohnen den Saal
von Courland Penders doch
suche ich jeden Morgen das Gebäude nach Neuankömmlingen ab.
Einmal fand ich im Sommerhaus ein
Spatzenpaar, das auf einem Sofa nistete
zwischen verbogenen Tennisschlägern und vergessenen Dingen.
Kein Mensch besucht Courland Penders; die Stadt
liegt meilenweit flußabwärts und wenige kennen mich dort.
Einmal gab es Häuser in der Nähe. Sie sind verschwunden
wohin immer Häuser verschwinden wenn sie
zerfallen oder abbrennen oder mit Lastwagen weggetragen werden.
Friedlich genug ist es. Vogelgesang flötet aus den Bäumen
sucht mich zwischen Erinnerungen und Uhren.
Wenn Nacht oder Winter kommt, zünde ich ein Feuer an
und sehe den Flammen zu,
wie sie sich heben und senken wie Wellen. Ich bereue nichts.

Deutsch von Rudi Krausmann und Olaf Reinhardt

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Ein Seltsamer Vogel

diese welt ist
ein seltsamer vogel

dessen gewohnheit es ist
gegen sich selbst zu kämpfen

dessen linker flügel
und rechter flügel

sich verbittert
aueinanderreißen

beide im namen
der gerechtigkeit und der gewalt

und dessen großer schnabel
die armen verschlingt

Deutsch von Rudi Krausmann und Gerald Ganglbauer

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Fliegen

ich flog über sydney
in einem riesigen hund

es sah schlecht aus

Deutsch von Rudi Krausmann und Gerald Ganglbauer

Gerald Ganglbauer

Ich bin eine Reise

Die alte ‚Remington‘ ist ihrer Bestimmung, Reiseschreibmaschine zu sein, wahrlich nachgekommen. Ursprünglich hatte ich sie mir nur wegen der in Australien auf den Typenrädern fehlenden Umlaute und scharfen „ß“ von einem Freund geliehen, mit dem ich die Wohnung in Wien teile. Nun hat sie aber doch in über zwei Jahren die Welt bereist und klappert zum zweiten Mal auf einer kleinen Insel im Golf von Siam. Richtig eingesetzt habe ich sie eigentlich gar nicht, denn der Komfort einer elektronischen ‚brother‘ hat die Umstellung auf „ae, oe, ue“ und „ss“ leicht gemacht. Selbst, dass das „Z“ mit dem „Y“ vertauscht auf der englischen Tastatur liegt, erforderte nur kurze Eingewöhnung.

Sydney liegt neun Flugstunden hinter mir. Das Jet-Lag ist erträglich und weil ich schon diese Extra-Kilos mitschleppe, sollen sie nun zu etwas gut sein. Wenn auch nur, um diese 100 Tage Einsamkeit auf einem 14-tägigen Stop-Over zu überwinden. Und wenn auch nur, um meine Leidenschaft nicht kalt werden zu lassen: das Schreiben.

Nicht, dass ich mit diesem Text die Absicht verbinden würde, Literatur zu produzieren. Nein. Das Schreiben ist für mich vielmehr eine, nein, die beste Kommunikationsform. Wenngleich sich diese schriftliche Verständigung mit Menschen im normalen Leben auch nur auf eine tägliche Zahl von Briefen erstreckt, die Air Mail from Down Under in die Welt gehen, so ist sie mir doch unverzichtbar. Wichtiger als Gespräche, Telephonate oder irgendwelche elektronischen Medien. Worte in Zeilen, Absätzen, Abschnitten aneinanderzufügen, aufzuschreiben, festzuhalten, zu überdenken, zu korrigieren und wieder zu lesen kann für mich einfach durch nichts ersetzt werden.

Genauigkeit im Schreiben, mit der Sprache (mit den Sprachen) erfordert aber ebensolche Aufmerksamkeit des Lesenden (wer auch immer das gerade sein mag). Und da fangen die Probleme auch an. Viele haben schon das Zuhören verlernt; das genaue Lesen ist offenbar noch seltener geworden. Ich weiß, damit stelle ich meinen Job in Frage: das Büchermachen. Aber diese Frage stelle ich mir ohnedies immer wieder, in nahezu existentialistischer Manier: Wozu Bücher machen? Wozu diese undankbare selbstauferlegte Aufgabe? Leben könnte man einfacher. („Life was never meant to be a struggle“) Aber wäre es das auch wirklich?

Heute bin ich das fünfte oder sechste Mal in Thailand einem Jet entstiegen, auf eine Insel hinausgefahren. Doch kaum habe ich mich in einer kleinen Hütte unter Palmen eingerichtet, weiß ich auch schon, dass es mich wieder nach Sydney, Wien oder eine andere Großstadt zieht, an den Macintosh (an dem ich diesen Text jetzt, drei Monate später, gerade erfasse), an die Produktion (die jetzt zum Teil schon wieder hinter mir liegt), an die Arbeit im Verlag.

Kann man Arbeit denn noch Arbeit nennen, wenn sie so großen Spaß macht? Wenn sie trotz aller Widrigkeiten zwar Lust bereitet, aber nie Geld einbringt? Vielleicht ist das auch nicht ganz richtig. Vielleicht ist es nur egoistische Selbstverwirklichung, deren Preis mein Lebensstandard ist. Damit bin ich ‚gestraft‘, weil mir diese Arbeit nicht das Brot verdient. Meriten, ja. Aber Brot? Ich rede nicht einmal von der Butter.

Einen kleinen Verlag im Ein-Mann-Betrieb über zwei, drei Kontinente hinweg zu führen, ist unmöglich. Entweder, der Verlag wächst; oder ich muß mein Bein (meine Wurzel) in Europa aufgeben. Obwohl ich gestehe, dass mir gerade diese Art des Lebens über große Entfernungen hinweg sehr entgegenkommt, ja entspricht. Ich bin eine Reise, hat mir eine Freundin vom Rundfunk gesagt. Du bist eine Reise.

Ich halte inne, blicke hinaus aufs Meer. Nur nicht romantisch werden, sage ich mir schnell. Das interessiert heute keinen mehr. Dabei weiß ich noch gar nicht, ob ich diese Zeilen überhaupt für einen Lesenden denke und aufs Papier hämmere, wovon ich vorsichtshalber auch noch ausreichend viele Blätter eingepackt habe. Kann ich aber die Romantik abstreifen, auf der Veranda einer Bambushütte und dem Ozean in den Ohren und den exotischen Düften in der Nase und all der Sinnlichkeit? Kann diese Einsamkeit, die ich immer wieder nach hektischen Monaten in Metropolen auf mich wirken lasse kann sie überhaupt coole Bilder in mir evozieren? Ich bin mir gar nicht sicher und halte wieder inne.

Danach habe ich nichts mehr aufgeschrieben. Ich bin an den Strand vorgegangen, habe im Sand gesessen und aufs Meer hinausgestarrt, und über den Horizont hinausgedacht. Immer wieder: Ich bin eine Reise. Und vielleicht gäbe das Stoff her für das erste Buch, das ich selbst schreibe. Aber dafür habe ich diesen Text schon falsch begonnen. Wozu auch. (Es gibt zu viele Bücher.) Gedanken eines Menschen interessieren andere Menschen nur, wenn er bereits tot, oder zumindest zu Lebzeiten schon berühmt ist. Ich hingegen bin sehr lebendig. Und berühmt? Nein. Aber ich bin eine Reise. Und das schon seit zwei Jahrzehnten. Mit dreizehn wars nur Paris, dafür mit dreiunddreißig längst die Welt. Meine Welt.

Also doch ein Buch? Ein Buch in vierzehn Tagen. Ein Stop-Over. So tun, als ob ich tot umfallen könnte danach und es war alles da: Ein Leben, eine Reise. Hab ich was ausgelassen? Alles ausprobiert? (Bis aufs Reich-sein, sicherlich.) Alle Affären gehabt, auf allen Kontinenten geliebt, alle Farben dieser Erde gespürt. Alle Bücher gelesen, alle Filme gesehen; auch ein bißchen Wirklichkeit, aber ich falle ja nicht tot um, doch nicht mit Dreiunddreißig. Nicht mit meiner Bärengesundheit, auch wenn ich mein Kreuz ab und zu spüre. Im Moment jedoch nicht, hier auf der Insel. Und Malaria? Ach was.

Wenn es also ein Buch werden soll, wo beginnen, was erzählen? Was habe ich schon, was den Lesenden interessiert? Einen Sommer oben in Queensland, Wintertage in Moskau? Was zeichnet meinen Sommer, meinen Winter aus, dass er für den Lesenden, für Sie also, zum Erlebnis wird? Nichts. Nichts, aber auch schon gar nichts, weil es eben nur mein Sommer in Queensland, mein Winter in Moskau war. War es heiß? Hat es geschneit? Mon dieu, geschneit hat es in Kanada, letzten Winter (und ich hatte keine Winterbekleidung mit, aber das ist Ihnen sicherlich egal). Auch ein Stop-Over. Mein Leben ist eine Kette aus Stop-Over’s. Destination: der Tod. Pathetisch. So ein Blödsinn. Das wird in zwei Wochen kein Buch und nicht in zwei Jahren.

Was ist aber ein Buch? Was für ein Buch hätte es werden können? Eine Erzählung? Ich habe keinen Erzählrahmen, ja nicht einmal einen Erzähler. Ich schreibe nur: ‚Ich‘. Also bin ich kein Schriftsteller (mein Gott, wieviele Menschen verdienen sich aber ihr Geld mit dem Schreiben von Büchern, ohne Schriftsteller zu sein?). Eine Autobiographie? Ein Tagebuch? Nein. Ich habe zwar Reisetagebücher geführt, doch die sind viel zu privat und für Nicht-Reisende sicher langweilig. Oder will ich gar langweilen? Langweilen Sie sich bisher? Ich nehme eher an, Sie haben bis zu diesen Zeilen noch gar keine Ahnung, was das eigentlich soll. Trösten Sie sich. Ich auch nicht. Mit dem Kauf dieses Magazins/Buches etc. haben Sie zumindest die Druck- und Papierindustrie gefördert. Mein Verleger (wenn ich einen finden werde) und ich haben da nur Arbeit und Geld reingesteckt. Das zumindest können Sie mir glauben, das mache ich selbst schon seit Jahren.

Wollen Sie etwas über die Buchindustrie erfahren? Nein, ich weiß schon. Sie müssen ja auch nichts von Mikroprozessoren verstehen, wenn Sie ihren Computer bedienen. Sie haben doch sicher einen? Sehen Sie, jetzt beginne ich bereits, mit Ihnen zu plaudern. Dabei kenne ich Sie doch gar nicht.

Zurück zur Romantik. Zum Kitsch. Zum Meer. Schwimmen ist herrlich. Das Meer ist eigentlich daran schuld, dass ich reise. Wenn ich am Meer geboren wäre, würde ich wahrscheinlich immer noch am Strand sitzen und auf den Horizont hinausstarren, wie er sich krümmt und die Blautöne ineinanderfließen. Reisen war also im Anfang nur die Suche nach dem Meer. Endlich eine einfache Formel. Manche machen das im Urlaub, andere machen es sich zum Beruf (Meersucher, so wie Uhrmacher?) bei mir hat sich’s zur Sucht entwickelt. Ruhelosigkeit. In Orten, aber auch in Menschen. Liebhaber ohne festen Wohnsitz. (ein Zitat) Bin ich deshalb Zeit meines Lebens nie in einer wirklich langen Beziehung vor Anker gegangen? Was geht mich seine Beziehungskiste an, werden Sie jetzt aufschreien (oder auch nur leise seufzen) aber Halt. Das wäre ein Buch. Allerdings auch nur eines mehr unter Millionen von Büchern über Beziehungen. Sex and Crime, das verkauft sich. Zweiteres habe ich nicht im eigenen Repertoire, da müßte ich erfinden. Und darin bin ich nicht gut, glauben Sie mir das.

Und Sex? Mein Liebesleben war nie langweilig, aber das behalte ich lieber für mich. Für meine erotischen Träume, meine Phantasien. Bestenfalls füge ich da oder dort ein Anekdötchen ein. Punkt. Kein Liebesroman. Schon gar kein Porno. Bleibt wirklich nur die Reise. Als Bewegung in unserem globalen Dorf, in der Topographie, aber auch als Flüchten und Verstecken, Ankommen und kurzes Verweilen, Suchen und wieder Verlieren. Rastloses Durchkreuzen der Atlanten, Fädenspannen über die Weltkarte.

Eine Reise ist keine Geschichte. Geschichten erzählen keine Sache. Eine Geschichte hat einen Anfang, erzählt sich in sich schlüssig durch ihren Ablauf und ist irgendwann auch zu Ende. Aber ein Leben als Reise? Wo anfangen? Wo aufhören? Hier auf dieser Insel? Das ist nicht das Ende. Ich falle nicht tot um. Hab gar keine Lust dazu, nicht hier, wo ich mich im Wasser so wohl fühle, wenn ich darin gleite, wie ein Fisch. Mein Sternzeichen, übrigens. Jetzt habe ich doch etwas erzählt. Dass meine Geburtssonne in den Fischen steht; da ich Ende Februar geboren bin. Mein Aszendent ist der Skorpion, was meine astrologisch interessierten Freunde stets in Entzücken versetzt, weil es (fast) alles erklärt. Ich weiß bis heute nichts damit anzufangen.

Ich schwimme im Meer, das sehr ruhig ist, kurz nach Sonnenaufgang. Ich lasse mich treiben, liege mit geschlossenen Augen bewegungslos am Rücken und denke: ich kann doch nie ein Buch schreiben. Bücher sind mir einfach zu lang. Fünfhundert-Seiten-Romane konnte ich noch nie ausstehen. Selbst habe ich auch nie einen Text geschrieben, der über ein Dutzend Seiten lang war. Gedichte, ja. Die sind so schön verdichtet, wie Bilder. Gemalt habe ich seit dem Gymnasium nicht mehr, obwohl ich damals Freude daran hatte. Meine Bilder aus der Schulzeit liegen alle seit Jahren unberührt in irgendeiner Schachtel. Auch meine Gedichte. Keine besonderen, ehrlich gesagt. Jugendliche Romantik. Jeder schreibt solche Gedichte, solange er jung ist – jung und verliebt, vielleicht.

Was ich hier mache, ist so fragmentarisch, dass ich damit wohl auch schon nach zehn Seiten aufhören werde. Es hat keinen Faden, zumindest nicht wirklich. Topographisch vielleicht. Von Ort zu Ort; und auch in der Zeit. Hat sich Süd-Ost-Asien in zehn Jahren verändert? Habe ich mich verändert? Oder sitzt immer noch derselbe lonely traveller auf den Veranden jener Hütten, die vor zehn Jahren auch schon da standen? Sind die Sehnsüchte noch dieselben? Warum bin ich eine Reise? Was macht mich so unbeständig, dass ich es nicht länger als ein halbes Jahr in derselben Stadt aushalte?

Ich sehe schon, das wird kein Buch. Viel zu viele Fragen, statt Antworten zu liefern. Würden Sie sich Antworten aus einem Buch erwarten? Dafür bin ich zu jung, wird sogleich manch Altvorderer einwenden, der sein Lebtag nicht aus Europa rausgekommen ist (vielleicht einmal einen Urlaub auf Gran Canaria verbracht hat). Die Antworten habe ich schon hinter mir, denke ich manchmal, die Fragen haben sie wieder überholt, denke ich, wenn ich mich alt fühle, alt und müde. So wie ich jetzt aufs Meer hinausschaue, fällt mir ein Freund aus Sydney ein. Der sagte, wenn er einmal so müde ist, fährt er mit seiner Yacht einfach aufs Meer hinaus. Er will sie so lange hinaussteuern, bis das Boot entweder zu viel Wasser genommen hat (der Segler ist bereits in seinem Alter: Sechzig), oder nein; Selbstmord ist kein Thema für mich. Nicht einmal theoretisch.

Ab und zu kommen Menschen unten am Weg vorbei, hören die alte ‚Remington‘ klappern, und denken sich wohl: Das muß ein Schriftsteller sein! Scheiß Schreibmaschine, denke ich, warum habe ich keinen Laptop auf den Knien. Fast geräuschlos, edierbar – und mir wird übel bei der Vorstellung, das Ganze nochmals abzutippen (jetzt, wo ich’s allerdings tue, find ich’s gar nicht mehr so schlecht). Schreibmaschinen waren früher sicher eine tolle Erfindung, gehören aber schon wieder der Vergangenheit an. So wie ich und meine Reise; auch wenn sie noch lange nicht zu Ende geht. Wenn ich Schriftsteller werden will, werde ich mir doch irgendwann einen Laptop kaufen. (Obwohl mir das z.B. hier nicht lange von Nutzen sein würde, weil’s keinen Strom gibt, um die Akkus aufzuladen. Auch und gerade technischer Fortschritt hat eben seine Grenzen).

Somit habe ich mir eine gute Ausrede zurechtgelegt, doch kein Buch schreiben zu müssen. Ohne Laptop ist’s viel zu mühsam, Hunderte Seiten abzuschreiben, X-mal zu bearbeiten. Vielleicht kann ich ja ein kürzeres Manuskript auch gerade noch einem Zeitschriftenverleger unterjubeln. Denn im Grunde will jedes Stück Text gelesen sein; wozu würde es sonst geschrieben werden? Ich brauch’s nicht als Therapie; also verkaufen, das Stück! Dabei ist das nicht einfach. Deutschsprachige Zeitschriften haben üblicherweise kaum Geld und zahlen miserable oder auch gar keine Honorare. In Australien bekäme ich $100.00 für tausend Worte (ein Grund, wortreich zu schreiben: bis jetzt sind’s immerhin 2100 Wörter = $210.00, das ist schon mehr als nur eine warme Mahlzeit). Dann müßte ich das Ganze aber erst übersetzen, da ich wieder in meiner Muttersprache schreibe: Deutsch. Zwar hat mein Vater auch deutsch gesprochen; trotzdem würden Sie es komisch finden, wenn ich Deutsch meine Mutter- und Vatersprache nennen würde. Egal.

Am besten vergesse ich gleich, ob ich nun ein Buch oder einen Magazintext machen will und klappere einfach weiter, solange ich Lust dazu habe (und Papier da ist). Noch sind ein Dutzend Tage vor mir; Tage, die ich wohl nicht gänzlich mit Lesen, auf-den-Horizont-starren und Schwimmen zubringen werde. Tage, die mir gut tun, auch wenn der Schweiß in Perlenströmen aufs Papier unter mir tropft. Ich liebe Hitze. Ob tropisch – oder in der Sauna. Jetzt wissen Sie schon mehr von mir: Büchermacher, Fisch im Sternzeichen und Saunagänger. Bin gespannt, was noch alles aus mir rauszulocken ist, aus meiner Person, meinem Bild. Machen Sie sich ein Bild?

In zwei aus zwanzig Reise-Jahren hat mich diese ‚Remington‘ begleitet – und erst dieser Stop-Over hat mich dazu verführt, einmal mehr als Briefe damit zu schreiben. Vor zehn Jahren habe ich handschriftlich Reisetagebücher angelegt; aber das wissen Sie bereits. Die werde ich in zehn Jahren wieder lesen. Im Moment weiß ich noch, was drin steht. Nicht gerade jener Stoff, aus dem Thriller geschnitzt werden. Wollten Sie lieber sowas lesen? Einen Thriller wie die ‚Bourne-Identity‘? Hab ich unlängst im Fernsehen angeschaut, sehr spannend, sowas. Aber eine ganz normale Reise ist es auch, auf ihre Art.

Untertreibe ich da nicht, mein Unterwegs-sein eine ganz normale Reise zu nennen? Meine Kameraden aus der Schule und die Studienkollegen von der Uni würden das nicht begreifen: Jeder einen gutbezahlten Job, Familie und Bierbauch. In spätestens zehn Jahren werden sie in ihre Midlife-Crisis kommen und ich werde immer noch unterwegs sein. Dafür habe ich meine Krisen schön gleichmäßig über mein Leben verteilt. Die Sinnfrage und derlei Zeug. Sie wissen ja.

Unruhe. Graz als Geburtsstadt ist eine guter Ausgangsort. Keiner hält es dort lange aus, also beginnt man zu reisen. Andere übersiedeln nur; ich bin über viele Jahre zunächst immer wieder zurückgekehrt, um wieder fortzugehen. Ein Spiel, mehr nicht. Zwischendurch waren in Graz auch noch einige Jahre einer gar nicht so üblen Ehe. Und die Studien. Nachdem beides vorüber war, gab’s auch keinen Grund mehr, zurückzukehren. Nächstbeste Station innerhalb Österreichs war Wien: eine gute Stadt zum Leben, man kann dort sogar ohne Auto sein, obwohl ich mir den Luxus bis zuletzt geleistet habe (obwohl ich ihn mir nicht mehr leisten kann – und jetzt ist es ja auch verkauft). Gut, aber auch das ist ‚Inland‘. Das hat enge Grenzen.

Diese Grenzen habe ich oft überwunden, meine Reisepässe bezeugen das, aber lange nicht verleugnet. Bis vor gut zwei Jahren war ich zwar ständig monatelang immer irgendwo im Ausland, aber nie richtiger ‚Auslandsösterreicher‘. Jetzt bin ich Australier. Das war mir am nächsten, weil man nur ein „a“ und ein „l“ einzufügen braucht. Glauben Sie mir nicht? Stimmt aber. Außerdem ist dort Sommer, wenn man in der nördlichen Hemisphäre im Winter wegfliegt. Und Känguruhs und Koalas gibt’s dort auch. Die sehen genauso niedlich aus, wie auf den Bildern, die Sie kennen.

Heute ist kein guter Tag, um einen Text wie diesen fortzusetzen. Ich beginne zu schwätzen. Also trinke ich lieber noch einen Mehkong auf der Veranda und höre den Geckos zu. Oder gehe ins Gasthaus und schwätze mit den Reisenden (nicht viele hier, in der Nebensaison). Es bleibt die Hoffnung, dass morgen ein literarischer Anschlag in meine Finger fährt. Nur die Hoffnung nie aufgeben! Endlich ein guter Rat

Letzte Nacht hat mich eine Maus besucht. Nicht, was Sie vielleicht denken. Eine mit vier Beinen und einem grauen Schwänzchen. Irgendwie hat das Kratzen an meiner Haut (unter dem dünnen Leinenschlafsack) nicht in meinen Traum gepaßt, und ich bin erschrocken aufgesprungen und habe diese kleine Maus herausgeschüttelt. Erst hatte ich in der Dunkelheit gar keine Ahnung, was das war Licht gibt es keines in der Nacht (man läßt Stromgeneratoren nur für einige Abendstunden laufen) die Maus und ich, wir waren sicherlich beide gleichermaßen entsetzt. Dabei ist mir François Villon in den Sinn gekommen, mit seiner Mäusefrau. Zwar war die Maus immer noch innerhalb des Mosquitonetzes, aber was hätte ich tun sollen, außer wieder einzuschlafen und von Mäusefrauen weiterzuträumen.

Vor zehn Jahren hat mir eine Redakteurin, die meine Gedichte gelesen hatte, vorgeschlagen, ich solle doch lieber über meine Reisen schreiben. Das gäbe besseren Stoff her, da ich bereits damals schon an Orten war, die die meisten Menschen in ihrem Leben nie zu sehen bekommen. Sie hätte ja durchaus recht haben können, doch ich war sicher, dass das andere Reiseschriftsteller schon ausreichend getan haben. Als Bub habe ich „In 80 Tagen um die Welt“ gelesen – und später dieselbe Reise nachvollzogen. Wozu also Literatur wieder-schreiben? Eine Foto-Reportage für eine Tageszeitung habe ich daraus ohnehin gemacht.

Wozu überhaupt schreiben? Eine jener Fragen, die niemals zu oft gestellt werden können. Jedesmal nach der Frankfurter Buchmesse habe ich mich das wieder gefragt, bei all diesen Millionen Büchern. Wer soll denn das lesen? Wie soll man daraus das Lesbare herausdestillieren? Alles und jedes ist doch irgendwann schon von irgendwem gedacht und aufgeschrieben worden. Was wäre das Neue daran, meine Reise zu erzählen? Entdecken Sie etwas Neues? Habe ich in den bisherigen Abschnitten schon von meiner Reise erzählt? Wolfgang Hermann schickt mir Briefe nach Sydney und erzählt darin von seinen Geschichten. Auch ich habe solche Geschichten im Kopf, im Leben; wozu aber aufschreiben, wenn er und andere das ohnedies tun und publizieren? Könnte ich es eben nur auch, oder besser? Sehr fraglich. Was meinen Sie?

Heute morgen hat mich eine Schottin nach meinem Lieblingsland gefragt. Nach langem Nachdenken habe ich geantwortet: Die Welt. Das ist es. Nicht politisch Umgrenztes oder einzelne Kulturkreise. Ich sehe die Welt als ein Ganzes und atme erst durch ihre Vielheit. Hautfarbe, Bruttonationalprodukt oder Geschichte sind nicht so ausschlaggebend wie das Lächeln eines einzigen Menschen, der damit vom Fremden zum Freund wird; selbst in einer flüchtigen Bekanntschaft. Soll mir einer erzählen, er könne in den Krieg ziehen gegen Menschen, die er alle kennt und zu Freunden gemacht hat, bloß weil einigen machthungrigen Politikern und geldgierigen Wirtschaftsbossen und prestigesüchtigen Generälen danach ist, ihren Einfluß und ihr Bankkonto und ihre Macht weiter zu vergrößern. Aber: gerade war Krieg im Golf und eine Menge Menschen konnten aufeinander losballern und davor war irgendwo Krieg und es wird immer wieder irgendwo Krieg geben. Die Welt hat ihre dunkle Seite.

Ich habe den Kriegsdienst schon bald nach der Matura verweigert. Habe stattdessen für das Rote Kreuz Rettungsautos gefahren; überzeugt davon, damit etwas Sinnvolles für die Menschen zu tun. Nun wissen Sie schon wieder ein kleines Stück mehr von mir. Dies ist ein Text über das Innehalten auf einer Reise. Aber da ich diese Reise bin, ist es ein Text über mich. Interessiert Sie das immer noch? Ja? Erstaunlich.

Ein Österreicher, der in Australien lebt. Davon gibt’s einige. Einer, der erst dreiunddreißig ist, und schon mit seinem ersten Buch im australischen Fernsehen war, das ist seltener. Ist erst zwei Wochen her, dass ich mit dem Fernsehteam im State Theatre war, wo die den Beitrag für The Book Show abgedreht haben. Ging diese Woche auf Sendung. Werde mir später das Videotape anschauen. (Werden Sie mir Eitelkeit unterstellen?) Technik ist auch zu etwas nütze. So wie ein Laptop, der mir immer mehr abgeht. Mit dieser ‚Remington‘ auf den Knien komme ich mir bereits vor, wie ein Relikt aus der Vergangenheit.

Fällt Ihnen auf, dass ich ganz kurze Sätze schreibe? Früher gingen die noch über ganze Seiten. Das ist nicht ein zu-Herzen-nehmen der Empfehlung für Kronen-Zeitung Journalisten, sondern kommt daher, dass ich bereits in einem deutsch-englischen Gemisch denke. Manche Redewendungen übersetze ich mir bereits zurück. Mit den Jahren werde ich wahrscheinlich Deutsch zunehmend verlernen und Englisch auch nie richtig können. Dafür gibt’s lebende Beispiele. Ein Drama? Ich weiß nicht.

So wichtig ist ja nichts Geschriebenes. Ein Zitat von Peter Pessl, das gut zu diesem Absatz paßt. Ich könnte es ja so machen, wie Lucas Cejpek in Diebsgut, und einfach Zitate zusammenstehlen. Würden Sie es merken? Da ich aber eingangs schon die Behauptung aufgestellt habe, dass alles schon einmal geschrieben worden ist, wird auch dieser Text sicherlich eine Ansammlung von Diebsgut. Unwissentlich, allerdings. Und wenn schon, zitiere ich nicht Goethe, Shakespeare oder Miller, sondern meine Ex-Frau, Pessl oder Cejpek. Sollten Sie kennen.

Wenn ich jetzt am Macintosh sitzen würde, wüßte ich, ob ich schon über die 2000-Worte-Barriere bin (da ich jetzt beim Abtippen daran sitze, weiß ich es: 3479 gezählte Worte) und damit, ob es bald an der Zeit ist, entweder zu einem Ende zu kommen, oder erst richtig loszulegen, mit der Reise. Einer Reise in zwanzig Jahren, mit ungezählten Stationen. Wollen Sie wissen, wie viele Länder ich gesehen habe? Ich weiß es selbst nicht, mit dem fünfzigsten Häkchen habe ich zu zählen aufgehört (wie auch bei den Geliebten). Rein rechnerisch noch nicht einmal die Hälfte der Staaten dieser Erde (und ein ridiküler Prozentsatz der weiblichen Weltbevölkerung). Wozu auch zählen. Mit den Flügen habe ich auch bei fünfzig aufgehört. Fünfzig Gepäckanhänger mit allen möglichen Destinationen hängen in dem Platz in Graz, der zwar mein Eigen ist, den ich aber kaum mehr zu sehen bekomme. Graz existiert nur noch als eine Postleitzahl: A-8045.

Dennoch war ich verdammt lange in dieser Stadt, die mir nur durch die vielen Aus-Reisen erträglich blieb. Dennoch nicht zu lange. Gerade eben bis zum Grenzwert. Peter Glaser nennt sie die Stadt, in der die Schriftsteller für den Export hergestellt werden. Er selbst lebt in Hamburg. Alle, denen lokale Berühmtheit auf die Dauer nicht genügt, verlassen die Stadt. In Berlin oder Wien unbekannt zu sein, ist immer noch besser. Ich konnte da gar nicht weit genug weg kommen, auf die andere Seite der Welt, Down Under, wo Freiheit noch wörtlich aufgefasst wird, wo man unkomplizierter miteinander umgeht. Ohne ein ‚Sehr geehrter Herr Ministerialrat‘ und so Zeugs. Sie kennen das ja.

Nein, ich werde nichts schreiben über New York oder Brasilia, die Karibik oder Hawaii. Schauen Sie sich das selbst einmal an. Machen Sie sich Ihr eigenes Bild. Ich habe schon öfters Bekannte enttäuscht, mit meinen ‚Calcutta ist großartig‘-Reden und mußte mir danach anhören ‚Das ist aber eine schmutzige Stadt‘

Apropos Bilder: Vor einem Jahrzehnt habe ich mich noch mit zwei Kamera-Gehäusen, einem halben Dutzend Objektiven und allerlei Foto-Zubehör abgeschleppt; vor einigen Jahren nur mehr mit einer Kompaktkamera, nun bin ich frei von all diesem Abbildungs-Ballast. Dafür sehe ich immer mehr Nikon’s und Olympus‘ von den Schultern der Thais baumeln. Mindestens ein 300er Zoom-Tele-Rohr daran. Times are changing. And say ‚cheese‘!

Worüber sich vielleicht zu schreiben lohnen würde, sind die Veränderungen. Jene, die man selbst vollzieht; und jene, die zu beobachten sind. Bangkok anfang der 80er Jahre und Bangkok in den 90ern. Oder Bombay. Oder Singapore. Dort ist kein alter Stein auf dem anderen geblieben. Sogar das berühmte Raffles ist unter die Bauhämmer geraten, mitsamt der Somerset Maugham-Romantik. Die kleine chinesische Pension, in der ich früher abgestiegen bin, gibt’s auch nicht mehr. In dieser Straße kratzt nun Glas und Metall an den Wolken. Waren Sie vor 10 Jahren in Singapore oder Hong Kong? Nein? Sie würden es kaum wiedererkennen.

Ich lese Steinbeck’s The Grapes of Wrath (wie haben die das übersetzt, ‚Die Früchte des Zorns‘?) und denke dabei an jene Menschen, die Tausende Meilen nach Kalifornien reisen mußten, weil man sie mit der industriellen Revolution um ihre bäuerliche Heimat gebracht hat. Heimat waren ihnen staubige Baumwollfelder und karges Brot unter einfachsten Lebensbedingungen, bis den Banken all das Land gehörte und sie fort mußten, in den Westen. Australische Aborigines konnten das nicht verstehen, wie die Weißen nur Land besitzen wollten, wo es doch allen Menschen ohnedies gehörte. Heimat war gerade dort, wo Wasser im Billabong war und etwas Getier zur Jagd. Nomaden der Steinzeit. Auch heute, in diesem Jahrhundert, gibt es wieder Nomaden: ich bin einer davon. Heimatlose, Entwurzelte. Ich brauche kein Land zu besitzen, weil mir ohnedies die Welt gehört und niemand kann es in den Tod mitnehmen. Sehr vereinfacht, das Ganze, aber es kommt schon hin. Ein Nomade des ausgehenden zwanzigsten Jahrhunderts, der nur die Rücken der Pferde mit den großen silbernen Vögeln vertauscht hat, die mit Lärm und Gestank die Lüfte zerschneiden.

Im Grunde liebe ich das einfache Leben. Letztes Jahr habe ich Monate im australischen Outback verbracht. Den Himmel als Zelt in den Nächten am Dach des Land-Cruisers. Dennoch: einige Dinge des technischen Zeitalters brauche ich einfach. Macintosh Computer, Anrufbeantworter, Kopiergeräte, Faxmaschinen. Was noch? Einen Kühlschrank (es geht nichts über ein kühles Bier im Schatten eines Gumtrees). Das habe ich davon. Jetzt denke ich an ein eiskaltes Bier und schwitze über der Schreibmaschine und es ist weit und breit keines zu haben. Da hab ich mir schön was eingebrockt.

Ich geh schwimmen. Das kühlt auch. Mein Körper bekommt langsam wieder eine goldbraune Tönung. Zwar komme ich geradewegs aus dem Sommer der südlichen Hemisphäre, bin aber dabei ziemlich blaß geblieben. Ein einziges Mal am Strand in Sydney, zu Ostern Bushwalking in den Blue Mountains und zwei, drei Mal segeln. Und etwas Gartenarbeit. Die meiste Zeit dennoch in den kühlen vier Wänden des Hauses an der Northshore. Arbeiten. Zwei weitere australische Bücher sind in Vorbereitung: experimentelle Texte (die ich auch mitübersetze) und ein Band Gedichte. Wird kaum einer kaufen, das kenne ich schon; und Geld ist auch kaum da. Dennoch. Auch in Wien wartet Buchproduktion auf mich. All die Literatur auf schöne Seiten zu drucken und zu binden, ist verdammt teuer. Und ich habe kein Geld mehr.

Lange Zeit habe ich mich vom Wasser treiben lassen, bin ohne mich zu bewegen am Türkisblau gelegen, Augen geschlossen. Dabei habe ich vergessen können, dass Geld diese Welt bewegt. Alles nicht so wichtig, solange die Natur in Ordnung ist. Im Busch habe ich einen Aborigine gefragt, warum das Wetter so komische Sachen macht. Darauf hat er nur gemeint: Ihr Whitefellers müßt das eigentlich wissen. Ihr macht ja das Klima kaputt. Darauf blieb nur betroffenes Schweigen. Wir machen ja wirklich die Natur kaputt. Jeder auf der Welt trägt sein Schärflein dazu bei. Jeder. Auch in diesem Paradies. Sie müßten nur einmal hinter die Hütten sehen. Der Dschungel deckt nicht alles gleich zu.

Hier hat ein langsamer, sanfter Regen eingesetzt. Ich bin zurück an Land geschwommen und habe mich nackt auf eine Matte gelegt. Die Tropfen haben mir das Salz vom Körper geleckt; jeden einzelnen habe ich auf der Haut gespürt. Die heiße Erde hat zu dampfen begonnen. Das Blau des Himmels ist einem dunklen Grau gewichen, der Horizont setzt sich schärfer ab. Das Meer ist dunkler und unscharfer geworden. Die Tropfen tanzen und springen von der unruhigen Oberfläche zurück. Ich beobachte, dass die meisten Badenden in ihre Hütten flüchten; auch ich gehe nun unter mein Dach auf der Veranda – und während ich auf der Schreibmaschine klappere, nimmt der Regen ebenso langsam wieder ab, wie er gekommen ist.

Meine Ex-Frau ist Schriftstellerin. Eine richtige. Das wissen Sie wahrscheinlich ohnedies. Ihr drittes Buch wird dieses Jahr erscheinen. Einmal waren auch wir gemeinsam hier auf dieser Insel, vor vielen Jahren. Die Hütte, die wir damals gemietet hatten, steht immer noch. Später habe ich sie einmal mit einer Australierin geteilt. Mit ihr hatte ich keine Affäre. Auch nicht, als ich sie später einmal in Melbourne wieder getroffen habe. Nettes Mädchen, aber warum erwähne ich das? Meine Ex-Frau hat über diese Insel nichts geschrieben, soweit ich weiß. So ist das.

Den Abend habe ich in französisch-amerikanischer Gesellschaft verbracht. Tintenfisch gegessen und Cola getrunken. Währenddessen wurden Reiseerfahrungen ausgetauscht. Die Unterschiede beim Überqueren einer Straße in Tokio, New York und Wien, zum Beispiel. Sehr aufschlußreich, das Ganze. Und unterhaltsam. Zwar sind dabei keine weltbewegenden Erkenntnisse herausgekommen, aber ein netter Abend. Später wollten wir noch Karten spielen, waren aber zu faul, um sie aus der Hütte zu holen. Morgen esse ich im Restaurant in der benachbarten Bucht. Dort ist das Menu umfangreicher. Und außerdem gibt’s neue Gesichter. Noch was: Heute ist Vollmond. (Vor Jahren habe ich an dieser Stelle eine völlige Mondfinsternis miterleben dürfen, wahrlich ein Ereignis). Aber auch das beflügelt mich diesmal nicht sonderlich. Eine Lethargie hat sich breitgemacht. Ich genieße es, völlig auszuschalten und ruhig zu werden, zufrieden mit mir selbst.

Wir schreiben das Jahr 2534. Nein, keine Angst, ich versuche mich nicht plötzlich in Science Fiction. Ich füge diese Tatsache nur ein, weil ich mich über die katholisch-weiße Großkotzigkeit ärgere, die Jahresrechnung mit der fiktiven Geburt Christi zu beginnen. Ich will auch nicht sagen, dass der buddhistische Kalender mehr Berechtigung hat, es ist nur, dass er von großen Teilen der Welt gar nicht wahrgenommen wird. Wenn mich ein Beamter in Mitteleuropa nach meinem Geburtsjahr fragt, und meine Antwort lautet: 2501, läßt er mich glatt in die Klapsmühle einweisen. Wenn es nicht so verdammt viel Arbeit wäre, Millionen Geschichtsbücher, Lexika und Milliarden Dokumente umzuschreiben, würde ich darauf bestehen, wir alle sollten wieder mit Null beginnen. Nach der kommenden Apokalypse wäre Gelegenheit dazu. Mit einem Jahr, in dem endlich alle Menschen erkannt haben, dass wir nur auf einem Planeten, dem Raumschiff Erde, gemeinsam leben dessen Raum und Ressourcen wir gemeinsam verwalten, erhalten und redlich teilen müssen.

Es gibt viele Arten des Reisens. Hat man einmal damit begonnen, begegnet man jeder einzelnen und legt sich aus dieser Summe an Eindrücken seine eigene Methode zurecht. Der Beginnen hat immer zwei, drei kluge Handbücher in der Tasche. South-East-Asia on a Shoe-String, oder ähnliches. Komischerweise von einem Verlag, der sich Lonely Planet nennt. So einsam ist unser Planet aber nirgends mehr. Speziell entlang dieser tief eingegrabenen Traveller Routen ist man unter sich. In allen Rucksäcken dieselben Handbücher, dieselben Empfehlungen. Eine kleine Welt umgibt einen: ein Kanadier, eine Deutsche, das Paar aus England; sie alle haben das Buch gelesen: How to get there and where to stay. Nach einigen Jahren wirft man diese Bücher über Bord und verliert sich wieder im Unerforschten. Auf eigene Faust.

Dann entdeckt man die Welt, wie sie ist – und präsentiert auch einmal seine Master Card, um einen Tag Luxus zu genießen: ein heißes Bad, den Kühlschrank im klimatisierten Zimmer, einen Pool vorm Haus oder am Dach. Nach Monaten billiger Absteigen mit Cockroaches und stinkenden Toiletten eine feine Sache. Dort trifft man dann eine andere Spezies Reisender. Jene, die den abenteuerlichen Teil der Welt gar nicht kennen (die Angst vor Unvorhersehbarem haben), die vom Airport abgeholt und in die Sicherheit solcher Hotels verfrachtet werden. Anfangs bedauert man die Neckermann-Reisephilosophie: die sehen doch nichts als die Scheinwelt der Touristen-Ressorts. Die wissen gar nicht, dass ein paar Kilometer hinter den weiß gestrichenen Mauern Elend ist und Hunger und Krankheit. Die sind alle gegen alles geimpft – und was übrig bleibt, daheim, sind die Gespräche über das Essen und das Bier und die Bilder vom Papa mit rosa Bäuchlein. Man kann es sich eben leisten, statt an die Adria nun in die Karibik zu jetten. An der Mentalität ändert sich dadurch nichts. Man besucht einschlägige Massagesalons und erzählt am Stammtisch, natürlich wenn die Gattin nicht dabei ist, wie man es diesen exotischen Mädchen besorgt hat.

Ein andere extreme Spezies sind die Mini-Budget-Traveller. Die Überleber. Die schaffen es, sich mit 50 Dollar im Monat durch Indien zu schnorren – und sind auch noch stolz darauf, dass sie es so weit geschafft haben. Dass sie dabei meist ärmere Mitmenschen ausbeuten, die nicht die Sicherheit von Konten in DM oder Schweizer Franken in der Heimat haben, stört sie kaum. Es ist ein Sport, billiges noch billiger zu bekommen, Einladungen schamlos zu verlängern und notfalls sogar Mitreisende anzubetteln. Und im Kaffeehaus beschämen sie die sechs-Wochen-Reisenden mit einem nonchalanten: ‚Ich bin ja schon sechs Monate unterwegs‘.

Die schönste Art zu reisen ist aber ein steter Wechsel. Arbeit und Faulenzen. Pleite sein und Luxus. Kurze, rasch wechselnde Aufenthalte gegen lange Perioden auszutauschen. Menschen kennenzulernen. Immer irgendwo auch eine Zeitlang zu leben: Miete zahlen, in den Supermarkt einkaufen gehen, einen kleinen Haushalt führen. Nicht nur in Restaurants essen zu gehen, sondern selbst zu kochen, wie jene Leute, die dort leben. So lernt man sie kennen so lernt man sich kennen. Ich habe es nicht immer so gehalten, oft war ich ruhelos unterwegs. Ich habe es aber gelernt, erfahren, selbst erfahren. Und es war OK. Mit dreiundzwanzig war ich am richtigen Weg. Und ich habe weiter an mir gearbeitet, mich geöffnet. Das Fremde nicht zu einer bloßen Attraktion werden lassen, sondern die Mosaiksteine zu einem Ganzen zusammengebaut: zu unserem blauen Planeten.

Sehen Sie, jetzt werde ich schon wieder schwärmerisch (oder kitschig?). Dabei ist das ja alles ein Schmarrn, blauer Planet und so. Nach dem Exxon-Oilspill. Und den jüngsten Katastrophen im Mittelmeer. Wir versauen diesen blauen Planeten zusehends. Und wenn es auch nur das Silberpapier einer Zigarettenpackung ist, das man achtlos fallen läßt. Gehen Sie ins Hinterland dieser Insel, wenn Sie gelegentlich hierherkommen. Eine einzige Müllkippe. Man wartet, dass der Dschungel darüberwächst und die Schweinerei abdeckt. Bloß: Abdecken ist nicht aus der Welt schaffen. Aber im Abdecken sind sie gut, die Menschen. Make-Up auflegen. Was man nicht sieht, ist nicht da. Zu begreifen, dass es über die Luft und das Wasser und die Nahrung wieder in unsere Körper zurückkommt, erfordert abstraktes Vorstellungsvermögen. Und damit ist’s offenbar schlecht bestellt.

Eine Woche bin ich nun hier auf der Insel und gerade solange habe ich gebraucht, um richtig auszuspannen, mich zu ent-spannen. Jetzt werde ich nicht mehr viel aufschreiben. Werde die kommende Woche einfach nur am Strand und im Meer und in der Hütte sein, Bücher zu Ende lesen und dabei vielleicht an die Bücher denken, die ich noch vor mir habe. Heute habe ich Hunderte Seiten Steinbeck gelesen, so etwas kann ich im normalen Leben gar nicht. Hat auch eine Woche gedauert, bis ich mich so richtig eingelesen hatte. Und wie entspannt ich bin! Die Sonne geht gerade unter, als ich diesen Absatz tippe und ich fühle guten Appetit in mir wachsen auf ein Dinner am Strand. Jetzt wird’s Zeit, den Urlaub zu beginnen.

Urlaub: ein komisches Wort. Ich erinnere eine Geschichte der Pichelsteiner, Comics einer Sippe aus der Steinzeit, die ich als Kind gerne gelesen habe. Die sind einmal ausgezogen, das Ur-Laub zu suchen, das ihnen vom weisen Guru gegen den Alltags-Streß verschrieben wurde. Dabei haben sie so viel Spaß gehabt, waren so relaxed, dass sie diese Art des Verreisens Urlaub nannten. Ur-Laub zu finden, ist heutzutage nicht mehr so einfach. Zu viele Menschen strömen überallhin aus, um es zu suchen. Gelingen tut’s den wenigsten. Aber man ist halt bestrebt, die Suche nicht so schnell aufzugeben. Irgendwo muß es doch noch Ur-Laub geben!

Ur-Laub. Das wär’s. Seit Tausenden Jahren suchen wir danach, wie nach dem Stein der Weisen, oder nach der Rezeptur der Alchimisten, wie Gold herzustellen sei. Oder nach dem unendlichen Leben oder was halt sonst gerade erstrebenswert scheint, in Mode ist. Sonnenbräune oder noble Blässe, Shirts aus Seide oder Hawaii-Hemden, Elfenbein aus Afrika oder Hängematten aus Mexiko. Immer aber versuchen wir, etwas Ur-Laub aus dem Urlaub mitzubringen. Um ihn daheim zu verlängern, festzuhalten, daran erinnert zu werden. Die gebräunte Haut wird schnell blasser, auch Hawaii-Hemden halten nicht ewig und sogar die Hängematte aus Mexiko reißt nach Jahren irgendwo ein und kann nicht mehr geflickt werden. Dann ist es wieder an der Zeit, neues Ur-Laub heimzuschleppen und immer wieder, und immer wieder.

So schließt sich der Kreis. Ur-Laub wird heimgebracht und verwelkt und neues wird geholt. Manchmal nur alle zwei Jahre ein paar Wochen Suche. Für manch andere wie für mich eine Lebensaufgabe. Beruf: Selbständiger Ur-Laub-Sucher. Niemand muß mir den Auftrag erteilen, in die Welt zu gehen, um Ur-Laub zu suchen. Es zieht mich ganz von selbst. Itchy feet. Und dann hat man diese Krankheit Reisefieber. Und man wird sie nie mehr los. Und man paßt sich ihr an; man stellt sein Leben und seinen Beruf und seine Beziehungen auf diese Krankheit ein. Eine Reise zu sein, wird ein Leben.

Nun geht mein Papiervorrat zu Ende. Ich habe auch keine Lust mehr, den Urlaub zu vertippen. Buch ist es keines geworden, aber geschwätzt habe ich genug. Jetzt werde ich mich einfach den Vorzügen dieses Stückchens Erde hingeben. Auf diesem Stop-Over. Ich verlasse Sie jetzt. Was werden Sie tun? Einmal will ich Sie noch beschwören: Reisen Sie! Reisen Sie jetzt! Suchen auch Sie Ur-Laub!

Und ich reinige die ‚Remington‘ sorgfältig, blase den Sand heraus, straffe das grau werdende Farbband und lasse ein letztes Mal den Deckel einschnappen. Ich packe sie in meinen Rucksack, und sie wird ihre Reise in Wien zu Ende geführt haben und bei ihrem Besitzer bleiben. Ich habe keinen Besitzer und meine Reise ist auch bestimmt noch lange nicht zu Ende.